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    [DE] »Hamse Dich hier ausgesetzt?« – Wandern von Mecklenburg nach Vorpommern

    #1
    Mitreisende: Igelstroem
    Tourverlauf:

    Tag 1 (Mittwoch, 14.05.2014): Reuterstadt Stavenhagen – Kastorf (Hegeholz); 15,3 km

    Tag 2 (Donnerstag, 15.05.): Kastorf (Hegeholz) – Unterstriet; 26,2 km

    Tag 3 (Freitag, 16.05.): Unterstriet – Sandhagen; 29,0 km

    Tag 4 (Sonnabend, 17.05.): Sandhagen – Neuensund; 28,4 km

    Tag 5 (Sonntag, 18.05.): Neuensund – Jatznick; 10,9 km

    Gesamtstrecke: 109,8 km


    Die Route führt von Stavenhagen über Altentreptow und Friedland nach Jatznick und folgt im Wesentlichen dem Verlauf des sogenannten Naturparkwegs E9a, der Binnenlandvariante des Fernwanderwegs E9, und zwar in der Version, die bei outdooractive.com kartographisch dargestellt ist. Der aktuelle Verlauf des gekennzeichneten Wanderwegs weicht hin und wieder davon ab.

    Da ich es vermeiden wollte, einen Stapel topographischer oder pseudotopographischer Karten bei mir zu tragen, habe ich mich diesmal mit Screenshots aus dem Internet beholfen, die ich auf Kartenhüllengröße zugeschnitten hatte, so dass das gesamte Kartenwerk für die Strecke nur mit 40 g ins Gewicht fiel. Das war allerdings eine grenzwertige Lösung, denn ein blasser Schwarzweißprint reicht mitunter nicht einmal dazu aus, einen kleinen See von einem kleinen Waldstück zu unterscheiden – und bei der Schlafplatzsuche macht das jedenfalls einen Unterschied.

    Dass man auf diesem Weg feste Unterkünfte im Etappenabstand finden kann, halte ich für durchaus möglich. Man muss das aber sorgfältig vorher recherchieren. Mein einziger Versuch, mich spontan in einem Gebäude einzuquartieren (nämlich im Gutshof Neuensund), ist an pragmatischen Hindernissen gescheitert. Davon wird noch die Rede sein. Reguläre Campingplätze habe ich unterwegs nicht gesehen, will aber nicht völlig ausschließen, dass es welche gibt. Das Zelten oder Nächtigen abseits von dafür vorgesehenen Plätzen soll im Übrigen nicht propagiert werden. Die einfachste Möglichkeit, es zu vermeiden, ist die Wahl einer anderen Wanderregion.

    Die Kennzeichnung des E9a ist in der freien Landschaft insgesamt recht zuverlässig, auf den Waldstrecken hingegen des Öfteren unzureichend, so dass man bei längeren Touren jedenfalls auf Karte und Kompass bzw. GPS angewiesen ist. Wer sich an den gekennzeichneten Weg halten will, sollte bedenken, dass dieser verschiedentlich verlegt worden ist und die Version bei outdooractive.com jedenfalls nicht mehr aktuell ist. Und die Verfolgung einer veralteten Version führt eben unter Umständen dazu, dass man vor einem Weidezaun steht und wieder umkehren muss.

    Gelegentlichen Asphalt sollte man tolerieren, wenn man hier unterwegs ist. Allerdings gehört es zu den Eigenheiten der Region, dass Radweg- und Straßenränder geradezu obsessiv gemäht werden, so dass man häufig (aber nicht immer) neben dem Asphaltband laufen kann. Die Verkehrsdichte auf befahrbaren Straßen zwischen den Dörfern ist zumeist sehr gering, so dass der Autoverkehr beim Wandern oder Radfahren so gut wie nirgends als Problem in Erscheinung tritt. Trotzdem kann die von mir begangene Teilstrecke nur demjenigen Fußwanderer empfohlen werden, der eine besondere Zuneigung zu dieser Art von Landschaft in sich spürt. Das Charakteristische ist die Offenheit des Himmels und die Weite des Blicks, ohne dass das Land eigentlich karg oder konturlos wirken würde. Mitunter wandert man aber einige Kilometer ohne jeden Schutz vor Sonne und Wind, und es gibt längere Passagen, die bei drohendem Gewitter kaum begangen werden können.





    Einkaufsmöglichkeiten gibt es unterwegs nur in den Städten (Stavenhagen, Altentreptow und Friedland). Gaststätten sind ebenfalls selten; die früher vorhandenen sind inzwischen häufig aufgegeben oder nur zu sehr bestimmten Zeiten geöffnet. Östlich von Friedland, d.h. auf den letzten 45 km meiner Route, habe ich keine geöffnete Einkehrmöglichkeit mehr angetroffen. Man muss sich also gegebenenfalls in den Städten entsprechend versorgen.

    Es versteht sich im Übrigen von selbst, dass mir auf den 110 Kilometern nicht ein einziger anderer Wanderer begegnet ist. Im Umfeld der Ortschaften habe ich gelegentlich Spaziergänger sowie einen Jogger getroffen; ferner habe ich im Laufe von fünf Tagen ein gutes Dutzend Radfahrer gesehen (also mehrere täglich), vereinzelt auch mit kleinen Satteltaschen. Mecklenburg-Vorpommern ist ja ein Land des Rad- und Wasserwanderns.


    Ursprünglich wollte ich zehn Tage früher starten. Aber zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Wettervorhersage für die entsprechende Woche derart verschlechtert, dass ich davon Abstand genommen habe. Nach der Herbsttour im Schwarzwald hatte ich zunächst keine Lust mehr auf Regen. Und im Nachhinein wird man wohl auch annehmen müssen, dass meine Übernachtungsausrüstung für eine Regentour ohne Schutzhütten nicht ausreichend gewesen wäre. Der Trend geht zum Zelt; ich verspreche aber, dass ich dazu keinen Thread eröffnen werde.
    Am Montag vor Tourbeginn habe ich den Zeitungen die Hiobsbotschaft entnommen, dass die NATO just an diesem Tag mit einer größeren Übung (JAWTEX) beginnen würde; betroffen sei insbesondere der Luftraum über Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg. Kurzzeitig habe ich deshalb in Erwägung gezogen, spontan in eine andere Region zu fahren. Dann habe ich die in einer der Zeitungen angegebene Info-Nummer gewählt und den Oberleutnant XY gefragt, inwieweit in meiner Wanderregion konkret mit erhöhter Fluglärmbelastung zu rechnen sei. »Ziehen Sie von Berlin eine Linie nach Norden. Östlich dieser Linie wird sich nicht viel abspielen.« Ich habe also diese Linie gezogen und mich entschlossen, nicht von Teterow, sondern erst von Stavenhagen zu starten. Und in der Tat hatte ich an den ersten beiden Tagen noch etwas Kriegsverkehrslärm in größerer Höhe über meinem Kopf, jedoch nicht in dem Ausmaß, dass es mich wirklich belästigt hätte.


    Jetzt erst mal einen Kaffee:

    Geändert von Igelstroem (21.05.2014 um 00:41 Uhr)
    Lebe Deine Albträume und irre umher

  2. AW: [DE] »Hamse Dich hier ausgesetzt?« – Wandern von Mecklenburg nach Vorpommern

    #2
    Ohgottohgott, was hast Du denn da für eine Konstruktion zum Kaffee-Kochen?

    Danke für den schon spannenden Anfang vom Bericht.

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    AW: [DE] »Hamse Dich hier ausgesetzt?« – Wandern von Mecklenburg nach Vorpommern

    #3
    Zitat Zitat von AlfBerlin Beitrag anzeigen
    Ohgottohgott, was hast Du denn da für eine Konstruktion zum Kaffee-Kochen?
    Es handelt sich um diesen Mikrokocher:
    http://www.asmc.de/de/Camping/Outdoo...entials-p.html

    Allerdings habe ich das aufliegende ›Topfkreuz‹ durch den Blechring des Notkochers 71 ersetzt, damit die Tasse stabiler steht. Beides zusammen passt ohne Zerlegung in den Becher hinein, so dass man es leicht transportieren kann.

    Ursprünglich hatte ich vor, den Kocher mit Birkenrinde zu beheizen. Das habe ich am Morgen nach der ersten Übernachtung ausprobiert. In der Tat brennt die aus dem Wald aufgesammelte Birkenrinde anstandslos ab. Nur bildet sich dabei ziemlich viel Teer an der Unterseite des Bechers. Außerdem ist der Kocher zu klein, als dass man während des Betriebs von der Seite her etwas nachlegen könnte. Ich habe deshalb an den Folgetagen nur noch Esbit verwendet, das ich ebenfalls dabeihatte. Bei schwachem Wind oder gutem Windschutz genügen 7 g Brennstoff, um 150–200 ml Wasser auf eine passende Temperatur für ein Kaffeefertigprodukt zu erhitzen. Ich hatte Cappuccino-Portionspackungen mitgenommen, und dieses System hat sich insgesamt sehr bewährt.
    Lebe Deine Albträume und irre umher

  4. AW: [DE] »Hamse Dich hier ausgesetzt?« – Wandern von Mecklenburg nach Vorpommern

    #4
    Hallo,

    also den Bericht zu lesen macht mir persönlich wirklich viel Spaß! Ich habe bisher nur außerhalb von Deutschland weitere Wanderungen unternommen. Da aber jetzt der Sommer kommt, sollte ich mich ebenfalls mal In Deutschland auf die Socken machen. Ich hätte mir Deutschland nicht so einsam vorgestellt zum Wandern. Das gefällt mir sehr gut und regt mich nun zur Planung einer Wanderung in den kommenden Wochen an. Vielen Dank für diesen Bericht und freue mich auf weitere Infos von dir!

    Beste Grüße

  5. AW: [DE] »Hamse Dich hier ausgesetzt?« – Wandern von Mecklenburg nach Vorpommern

    #5
    Danke, Igelstroem, für Deine ausführliche Kocher-Setup-Beschreibung.

    Als Esbit-Kocher würde wohl auch der Notkocher-Blechring alleine reichen, plus eventuell noch ein kleines Blech-Podest für die Esbit-Tablette. Der Notkocher-Blechring zieht allerdings durch die Topfauflagebleche ziemlich viel Wärme ab. Ein Drahtgitter-Topfständer plus Esbit-Podest wäre deshalb effizienter und beim Basteln könnest Du die Höhe optimieren.

    Nun bin ich aber gespannt auf den weiteren Reisebericht durch fast menschenleere Landschaften.

  6. Gesperrt Gerne im Forum

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    AW: [DE] »Hamse Dich hier ausgesetzt?« – Wandern von Mecklenburg nach Vorpommern

    #6
    Hallo Igelstroem, schöner Bericht weiter so. Mich würde mal interessieren mit welcher Ausrüstung und welchem Gewicht du unterwegs warst.

    hang on

    cliffhanger

  7. AW: [DE] »Hamse Dich hier ausgesetzt?« – Wandern von Mecklenburg nach Vorpommern

    #7
    Fängt schon mal gut an...

    Ich melde mich als Fortsetzungsleser an...hab die Nummer 4 glaub ich!
    VG
    ...

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    AW: [DE] »Hamse Dich hier ausgesetzt?« – Wandern von Mecklenburg nach Vorpommern

    #8
    @AlfBerlin:
    In der Tat kann man auch mit 5 g Brennstoff 200 ml Wasser fast zum Kochen bringen, wenn man z.B. einen Brennstoffhalter aus Teelichtbechern bastelt und den in den Blechring des Notkochers nur hineinstellt. Ich habe das vorhin ausprobiert, allerdings unter Terrassenbedingungen. Wenn der Abstand der Brennstofftablette zum Wasserbecher sehr gering ist, brennt das Esbit ziemlich langsam ab. Mal sehen, wie ich das in Zukunft handhabe. Wenn man aber eine minimalistische Konstruktion in Bodennähe betreibt, muss man immer auch darauf achten, dass man die Vegetation nicht in Brand setzt. Idealerweise sollte man den Kocher z.B. auch auf einem Holztisch betreiben können, ohne Brandflecken zu hinterlassen. Ich werde das weiter testen, möchte das aber hier nicht weiter diskutieren.

    Dass die Landschaft ›fast menschenleer‹ ist, stimmt natürlich nur bedingt. Man trifft keine Wanderer, aber in den Ortschaften leben Menschen. Die Häuser und Gärten in den Dörfern sind oft sehr gepflegt, man sieht wenig Verfallenes (weniger als in Brandenburg) und auch nur selten geschmacklose Dekorationen. In den Gesprächen spürt man oft das Bewusstsein der Leute, in einer Abwanderungsregion zu leben, die von der offiziellen Politik stillschweigend ›aufgegeben‹ worden ist. Und doch scheint es optisch so, als hätte man Voltaire gelesen und sich gesagt: »Mais il faut cultiver notre jardin.«

    Mit den Leuten ins Gespräch zu kommen, ist gewiss schwieriger als im Schwarzwald, aber doch auch leichter als in Brandenburg. Es gibt hier mitunter eine gewisse, landestypische Verständigkeit, die es z.B. einem Traktoristen auf dem Feld ermöglicht, in einem Gespräch von wenigen Minuten das Charakteristische meines Schreibtischberufs intuitiv vollständig zu erfassen und das Wanderprojekt deshalb von sich aus einleuchtend zu finden. Das ist eine angenehme Erfahrung: Es gibt – sofern man bereit ist, sich zu erklären – eine Art intuitiver Toleranz für Lebensweisen, die nicht die eigenen sind. (Dass es daneben oder unabhängig davon in einigen Regionen Mecklenburg-Vorpommerns auch ein ausgeprägtes NPD-Milieu gibt, steht auf einem anderen Blatt.)


    @cliffhanger:
    Ausrüstungsfragen werde ich wohl am Schluss noch diskutieren. Vorläufig nur etwas zum Gewicht: Der Rucksack wog ohne Proviant und Wasser wohl zwischen 8 und 8,5 kg; tatsächliches Tragegewicht beim Start 10,7 kg, wenn ich mich richtig erinnere.
    Geändert von Igelstroem (21.05.2014 um 00:10 Uhr)
    Lebe Deine Albträume und irre umher

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    AW: [DE] »Hamse Dich hier ausgesetzt?« – Wandern von Mecklenburg nach Vorpommern

    #9
    Tag 1 (Mittwoch, 14. Mai)

    Reuterstadt Stavenhagen – Kastorf (Hegeholz)
    15,3 km


    Die Anreise nach Stavenhagen erfolgt von Berlin mit dem Zug (mit Umsteigen in Neubrandenburg). Nachdem ich nachts noch gearbeitet und dann vielleicht fünf Stunden geschlafen habe, treffe ich erst um halb zwei in Stavenhagen ein. Das Wetter ist ein bisschen grau, während der Zugfahrt hat es noch ein paar Schauer gegeben. Ich laufe zuerst Richtung Stadt, trinke bei einem Supermarkt einen Kaffee, dann geht es in nordöstlicher Richtung stadtauswärts.





    Man unterquert noch einmal die Bahnlinie, auf der man gekommen ist; wenig später führt der Weg durch den Ivenacker Tiergarten mit seinen tausendjährigen Eichen:






    Hier sind heute einige Spaziergänger unterwegs. Eine Gruppe von Rentnern; wenn sie ihr Alter aufsummieren, können sie es leicht mit den Bäumen aufnehmen. Die Durchquerung des Tiergartens kostet Eintritt, der eventuell am Ausgang zu entrichten ist. So mache ich das jetzt. Dem Forstmitarbeiter erzähle ich, was ich vorhabe. Als ich das Schlafen im Wald erwähne, veranlasst ihn das zu Betrachtungen über das Wetter.


    Wenig später durchquere ich die zugehörige Ortschaft Ivenack. Genau genommen streife ich sie nur und zeige euch das Schloss und die Kirche:






    Anschließend geht es auf einem Spazierweg am Ivenacker See entlang. Ein junges Paar mit einer Kraxe kommt mir entgegen, und ich denke schon: ›Oh, Fernwanderer! Das riecht nach einem Gespräch.‹ Aber in der Kraxe sitzt ein schlafendes Kind. ›Tach.‹


    Man überquert die L 273, dann folgt eine Wildnisstrecke von etwas mehr als einem Kilometer, auf der der Weg fast völlig zugewachsen ist. Hier würde man mit dem Fahrrad nicht vorankommen.




    Aber das geschieht nur der Form halber. Die Wildnis endet an einer kaum befahrenen Straße, an der sich nun die ersten weiten Landschaftsausblicke mit dem dominierenden Gelb der Rapsfelder auftun. Das wird sich wiederholen.


    Das nächste Dorf ist Weitendorf, und da ich meine Wasserflaschen auffüllen will, gehe ich auf den Friedhof und mache mir die Mühe, das Leitungswasser einmal durch meinen neuen Sawyer-Wasserfilter laufen zu lassen. Nötig ist das wohl kaum, und ich wiederhole es auch später nicht. Vielleicht reden die Anwohner noch heute darüber. Gesehen habe ich sie aber nicht.
    Ich habe auf dieser Tour für den Wassertransport nur noch zwei Halbliterflaschen mitgenommen, eben in der Annahme, dass ich eventuelle abendliche Engpässe mithilfe des Wasserfilters beheben könnte. Die Friedhöfe, Kirchen und Feuerwehrgerätehäuser haben sich aber unterwegs gleichsam als zuvorkommende Wasserquellen erwiesen, so dass es gar keine Engpässe gab.


    Auf Weitendorf (Kilometer 10,0) folgt Grischow (das erste von zwei Grischows), dann folgt wieder Landschaft.




    Schließlich durchquere ich das Hegeholz, das ich als mögliche Übernachtungsregion in Erwägung gezogen habe. Am Wegesrand stecken zwei Hufeisen in einem Baum.



    Ohne Zweifel ist das ein Zeichen, das mir gilt. Aber was will es mir sagen? Ich gehe weiter, bis zum östlichen Waldrand (Kilometer 15,3).


    Es ist inzwischen 19 Uhr. Wegen der kurzen Nacht vor dem Start bin ich ziemlich müde; auch geben die Füße zu bedenken, dass das Wandern in diesen Schuhen doch irgendwie ungewohnt sei. Das stimmt zwar nicht, aber ich gebe nach und schlage mich nach rechts in den Wald, wo Forstfahrzeuge vor geraumer Zeit ihr Spiel getrieben haben und noch nicht alles wieder mit Brombeerranken zugewachsen ist. Die Suche dauert eine Weile, und das wird mir an den folgenden Abenden ähnlich gehen. Von den Jagdhochsitzen abgesehen ist mein Problem vor allem ein atmosphärisches. Letztlich lasse ich mich ganz in der Nähe des Waldrandes nieder, so dass ich mich auch nachts gleichsam nach draußen orientieren kann.



    Ausblick vom Waldrand


    Der Tarp-Aufbau dauert eine Weile und kommt mir trotz Vorbereitung umständlich vor. Zusätzlich zum Tarp habe ich eine Bodenplane dabei, so dass sozusagen zum Tarptent nur noch das Moskitonetz fehlt. Tatsächlich sind einige Mücken unterwegs, die ich mit DEET und sodann mit einem Kopfnetz erfolgreich auf Abstand halte.

    Kurz bevor ich mich schlafen lege, höre ich ganz in der Nähe ein schreckendes (d.h. bellendes) Reh. Das kann unter Umständen ziemlich spektakulär sein. Vor allem klingt es wie ein heiserer, hysterischer Hund. Wenn ich das Geräusch nicht schon gekannt hätte, wäre ich jetzt wahrscheinlich auf einen Baum geklettert. Ich rate also jedem, der an solchen Orten schlafen will, sich vorher (z.B. im Internet) die üblichen Geräuschmuster anzuhören. Neben dem Schrecken der Rehe gehört dazu auch das Schreien des Fuchses.

    Ich schlafe in dieser Nacht mit vielen Unterbrechungen bis gegen acht Uhr. Das klingt nach viel Zeit zum Schlafen, aber das Wachliegen dominiert zunächst das Zeitgefühl. In den darauffolgenden Nächten entwickelt sich die Tendenz, dass ich etwa zwischen halb zwölf und vier Uhr morgens durchschlafe, bis ich von Tageslicht und ›anschwellendem Vogelgesang‹ geweckt werde. Danach schlafe ich gewöhnlich noch einmal (oder noch mehrmals) ein und stehe zwischen sechs und sieben Uhr auf. Gelegentlich kommt es auch vor, dass nachts in der Nähe eine Nachtigall singt. Gestört hat mich das nicht. Es hält eher davon ab, permanent auf andere Tiergeräusche zu lauschen.


    Dezimalgrad-Koordinaten: 53.6769, 13.0538
    Geändert von Igelstroem (23.05.2014 um 13:11 Uhr)
    Lebe Deine Albträume und irre umher

  10. Fuchs
    Avatar von uli.g.
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    AW: [DE] »Hamse Dich hier ausgesetzt?« – Wandern von Mecklenburg nach Vorpommern

    #10
    Hier! Mitleser #5! Bin sehr gespannt auf Deine weiteren Erzählungen über eine Landschaft, die so GANZ WEIT weg ist von meinen Wanderungen!

  11. Vorstand
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    AW: [DE] »Hamse Dich hier ausgesetzt?« – Wandern von Mecklenburg nach Vorpommern

    #11
    Next one, sich sehr auf die Fortsetzung freuend

  12. AW: [DE] »Hamse Dich hier ausgesetzt?« – Wandern von Mecklenburg nach Vorpommern

    #12
    Zitat Zitat von Igelstroem Beitrag anzeigen
    Platzhalter zum Editieren -- hier werden die vorhergehenden Zwischenfragen beantwortet
    OT: Platzhater ist nicht so günstig, weil viele, wie ich, nur nach neuen Beiträgen Ausschau halten. Also besser am Ende in einem neuen Beitrag beantworten.

  13. Erfahren

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    AW: [DE] »Hamse Dich hier ausgesetzt?« – Wandern von Mecklenburg nach Vorpommern

    #13
    Zitat Zitat von Igelstroem Beitrag anzeigen
    Die einfachste Möglichkeit, es zu vermeiden, ist die Wahl einer anderen Wanderregion.


    Welch weise Entscheidung, 10 Tage zu warten. So bist Du direkt in den Sommer geraten. Bin sehr gespannt, wie es weitergeht...

    Grüsse,
    Eisen

  14. AW: [DE] »Hamse Dich hier ausgesetzt?« – Wandern von Mecklenburg nach Vorpommern

    #14
    cooler Schreibstil. Gefällt mir sehr gut. Die Gegend finde ich ohnehin interessant, da ich ein paar entfernte Verwandte dort habe. Vielleicht sollte ich die mal wieder besuchen.

  15. AW: [DE] »Hamse Dich hier ausgesetzt?« – Wandern von Mecklenburg nach Vorpommern

    #15
    Sehr cool. Freue mich schon auf Deine Fortsetzung.
    havet - Ölmalerei
    Blomstene på fjellet er formet som klokker og stjerner. Sagnet sier at det er fordi vidda ligger så nær himmelen. Pedder W. Cappelen

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    AW: [DE] »Hamse Dich hier ausgesetzt?« – Wandern von Mecklenburg nach Vorpommern

    #16
    Tag 2 (Donnerstag, 15. Mai)

    Kastorf (Hegeholz) – Unterstriet
    26,2 km

    Ungefähr um acht Uhr stehe ich auf, baue das Tarp ab und verlasse den Wald.


    Das Lager am Morgen


    Blick zurück zum Waldrand


    Am Weg nach Kastorf gibt es eine Bank (nicht um Geld abzuheben, sondern um darauf zu sitzen), und dort mache ich nun mein Birkenrindenexperiment. Am Ende gibt es jedenfalls einen Kaffee. Das Wetter ist angenehm, aber noch nicht vollsonnig, und kurz vor neun scheinen auch die Kollegen von der Luftwaffe ihren Nachtschlaf beendet zu haben. Aber ein denkbares Tieffluginferno bleibt aus, eher ist es ein akustisches Kolorit zum mecklenburgischen Wolkenbild, und ich bekomme die Verursacher auch gar nicht zu sehen.




    Ich mache mich auf den Weg nach Kastorf, der Allee folgend. Kein Mensch, kein Auto weit und breit. Da vorne steht ein Moped auf dem Weg, ein Helm hängt am Lenker.



    Aber der Fahrer ist flüchtig. Vielleicht liegt er betrunken im Rapsfeld, oder er sitzt auf einem Baum und macht mir eine lange Nase. Ich sehe ihn nirgends.


    In Kastorf gibt es ein Gutshaus mit Storchennest, sozusagen das Übliche, aber die Bilder werden zu unscharf, um sie hier hineinzustellen. Gleich am Anfang des Dorfes steht jemand vor seinem Haus, und ich frage ihn, ob er meine Wasserflaschen auffüllen mag. ›Normales Leitungswasser?‹ Ich erkläre, dass ich zum Wandern unterwegs bin, fünf Tage, aber gerade gestern erst losgelaufen. Das wird noch zum Ritual werden: ›Nein, nicht Bundeswehr. Ich bin zum Wandern hier.‹

    In Kastorf an der Kirche biege ich ab, dann wird der Weg sehr schön und führt Richtung Kastorfer See. Am Waldrand finde ich den unten abgebildeten Rastplatz, eine offene Schutzhütte bzw. Rotunde. Diese Bauform ist standardisiert und wird am Weg immer mal wieder angetroffen. Genau genommen aber nur alle 15 km, und die Hälfte der Bauwerke ist entweder zerstört oder durchkrautet. Im Übrigen bin ich ja ein Freund der Wanderwegmöblierung. Natürlich sollte sie nicht so geschmäcklerisch designt sein wie am Rothaarsteig; aber eine Bank zum Anlehnen und ein Tisch zum Essen wären manchmal schon ganz nützlich. In den nächsten Tagen brauche ich des Öfteren meinen Rucksack als Sitzgelegenheit.




    Hier am Waldrand hätte man auch schlafen können, wenn man gestern Abend noch weitergegangen wäre. Oder noch weiter an der Badestelle auf der Liegewiese, aber das ist dann schon kurz vor Wildberg. Dann droht Besuch vom zentralen Raubtier der Kulturlandschaft: der ›Dorfjugend‹; oder ist auch das nur eine abstrakte Gefahr aus dem Forum? Gibt es hier überhaupt noch Jugendliche auf den Dörfern?


    Kastorfer See


    Kurz vor Wildberg (Blick zurück)



    Wildberg

    In Wildberg gibt es eine Bäckerei mit Cafébetrieb. Wenn ich richtig sehe, ist das überhaupt die einzige Einkehrmöglichkeit gewesen, die ich außerhalb der Städte angetroffen habe. Kaffee muss natürlich sein, ist klar. Und ich kaufe dann auch noch ein Stück Mettwurst, die bald aufgegessen sein wird.

    Hinter Wildberg beginnt dann eine Asphalt-Etappe. Erst geht es eine Weile auf dem Radweg parallel zur Straße, dann weicht der Radweg von der Straße ab, führt an Wolkow vorbei und sieht schließlich so aus, als verliefe er auf einem ehemaligen Bahndamm. Der Weg ist schnurgerade, aber die Landschaft ist nett anzusehen.





    Man überquert auf diesem Damm ein tief eingeschnittenes Bachtal. Kurz danach mache ich eine Pause und klettere zu diesem Behufe auf einen niedrigen Hochsitz mit Blick aufs Rapsfeld.





    Hinter den Stroh- oder Heuballen schaut ein Fuchs hervor und faucht mich an, dass ich fast ein schlechtes Gewissen bekomme. Nachdem er das eine Weile gemacht hat, verschwindet er. Eine Wespe untersucht ausführlich meinen Sitz, aber noch ist es Mai und ich kann derweil in aller Ruhe Knäckebrot mit Wurst essen. Es ist inzwischen zwei Uhr mittags, ich habe seit dem Aufstehen 13 km zurückgelegt.


    Kurz vor dem Dorf Trostfelde knickt der Weg nach rechts ab, und dann kommt die erste richtige Sonnenstrecke, wie man hier sieht:




    Sonnenmilch und grüne Zaubermütze kommen zum Einsatz. Beides sehr effektiv, wie sich in den nächsten Tagen herausstellt. Die Zaubermütze nehme ich manchmal ab, bevor ich Ortschaften betrete; manchmal aber auch nicht.

    Am Radweg der L 27 kurz vor Thalberg ist dann wieder Schatten. Ich mache eine Pause und fotografiere ausnahmsweise ein wirbelloses Tier:



    Man denkt ja immer, die bunten Gummitiere in den Spielzeugläden seien Produkte bescheuerter Marketingphantasien. Aber wie man hier sieht, stimmt das gar nicht. Es gibt dergleichen auch in der Natur. Der kleine Lindwurm ist übrigens schwer zu fotografieren, denn egal wie ich mich hinhocke, er schiebt sich mit Feuereifer in meine Richtung. Ich warte nicht ab, was das sozial zu bedeuten hat, sondern laufe ihm schließlich Richtung Thalberg davon.

    In Thalberg gibt es ein neogotisches Gutshaus (nicht das letzte auf dieser Strecke), aber der Zugang zum Grundstück wirkt trotz der Informationstafel privat, so dass ich von näherer Betrachtung absehe und meinen Weg fortsetze.

    Und auf Thalberg folgt dann eben Altentreptow. Man kann den Ortsnamen probehalber auf der ersten Silbe betonen. Betritt man nämlich die Stadt heute von Südwesten her, kann akzidentiell der Eindruck entstehen, dass es sich um eine Altenpflegemetropole handelt. Das mag aber Zufall sein. Drei alte Damen rufen mir von der anderen Straßenseite etwas zu. Aber ich verstehe es nicht; also nicke ich nur zurück.







    Altentreptow ist unter architektonischen Gesichtspunkten eher schön als hässlich; auch hier wirkt die Bausubstanz keineswegs verfallen. Es ist genau 16 Uhr. Während ich am Rathaus vorbeilaufe, höre ich, wie die Tür abgeschlossen wird, denn die Tourismus-Information schließt exakt um diese Stunde. An einer Zoohandlung unterhalte ich mich kurz mit dem Betreiber. Er wird wohl einen Spruch gemacht haben, an den ich mich momentan nicht erinnere. Dann die Frage, wie denn der Marschbefehl laute. »Es gibt keinen Marschbefehl. Ich bin zum Wandern hier, von Stavenhagen nach Jatznick. Mit Schlafen im Wald. – Also doch ein Marschbefehl, aber es ist ja schon besser, wenn man sich den selber geben kann.« Seine Antwort »Na, das ist aber noch nicht das passende Wetter zum Campen« hat unmittelbar etwas Skurriles, denn wir stehen in der Sonne, und die Temperatur könnte kaum angenehmer sein.

    Am Markt kann man sich zwischen Hotelrestaurant und Imbiss entscheiden, und ich wähle Letzteres. Esse dort irgendwie ein Hähnchenschnitzel mit Kartoffelsalat. Und frage nach einer Buchhandlung, weil ich mir eingebildet habe, dass man in der Stadt vielleicht jene topographische Karte kaufen könnte, die die Kartenbuchhandlung in Berlin schon nicht vorrätig hatte. Aber es gibt keine Buchhandlung mehr. »In Altentreptow wird nicht gelesen«, so die süffisant-ironische Auskunft der Fleischfachverkäuferin. Diese Szene wird sich in Friedland ähnlich wiederholen. Wie überhaupt am Rande dieser Tour vieles zweimal geschieht.

    Nach dem Essen laufe ich noch ein wenig in der Stadt umher und lasse mir den Weg zu einem Netto-Markt weisen, wo ich ein bisschen einkaufe. Unter anderem Tomaten zum baldigen Verzehr. Ferner umkreise ich einmal die Stadtkirche. Nebenan ist ein Gemeindegebäude mit Toiletten, die jetzt gerade offen sind. Ein paar jüngere Frauen treffen sich zur Chorprobe. Ich frage, ob ich die Toilette benutzen darf, und dann putze ich mir dort auch die Zähne und fülle die Wasserflaschen auf.
    Schon im Aufbruch, komme ich mit der Katechetin ins Gespräch. Natürlich sage ich ihr, was ich mache und was ich vorhabe. »Das finde ich gut«, sagt sie. Morgen werde ich diesen Satz unter ähnlichen Voraussetzungen noch einmal hören. Sie empfiehlt mir, nicht im Wald, sondern in den Dorfkirchen zu schlafen. Ich solle einfach im Dorf fragen und mir aufschließen lassen. Meine Zweifel, ob es nicht ein Sakrileg sei, in einer Kirche zu nächtigen, werden mich wohl als Westdeutschen ausgewiesen haben. In der DDR-Zeit muss das ganz üblich gewesen sein, zumindest wenn man in jungen Jahren nichtmotorisiert auf dem Lande unterwegs war.


    Wenn man Altentreptow nach Osten verlässt, überquert man die Tollense in der Nähe eines Wehrs. Und hier, an dieser Umtragestelle, kreuzt sich wohl meine Route mit derjenigen der ODS-Ostertour. Ich finde aber keine Spuren: keine Steinmännchen, unter denen sich eine Blechkapsel mit einer Nachricht verbergen könnte; keine zurückgelassenen Ausrüstungsgegenstände oder aufgegebenen Boote. Ich treffe auch keine Inuit, die von zu Tode erschöpften Weißen berichten würden, die hier ihre Boote über Land getragen hätten.




    Link zum Reisebericht der Ostertour:
    https://www.outdoorseiten.net/forum/...ense-und-Peene

    Link zur Auflösung der Anspielungen:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Franklin-Expedition


    So sitze ich hier nur auf einer Bank in der Sonne und bemühe mich, meine Tomaten aufzuessen. Kaufe unterwegs nie mehr als zwei Tomaten – das als Regel für die Zukunft.


    Und dann verlasse ich die Stadt und beginne auf der Karte nach möglichen Übernachtungsplätzen zu suchen. Die Gegend ist ein bisschen öde, außerdem sind hier große Windparks angelegt worden. Am Reutershof biegt mein Weg rechts ab und führt zwischen einem 1300 Meter langen Rapsfeld und einem ebenso langen Getreidefeld in das ›Tal‹ des Kleinen Landgrabens hinab, dem ich dann zunächst folge.






    Aber als ich das Rapsfeld hinter mir habe, muss ich erst mal eine Pause machen. Es ist eine Erschöpfungspause. Ich habe bis dahin 24 km Strecke zurückgelegt, dazu kommt noch das Hin- und Herlaufen in der Stadt. Die Füße sind spürbar untrainiert. Ich lege mich jetzt hier ins Gras und bette den Kopf auf den Rucksack, für eine Weile. Es ist inzwischen 19 Uhr.




    Irgendwann geht es weiter. Man könnte hier im Landgrabental auf einer Wiese nächtigen; aber es stehen auch überall Hochsitze herum. Im weiteren Verlauf, bei Unterstriet, taucht dann wieder Wald auf. Es ist sozusagen der Auwald des Kleinen Landgrabens. Sieht irgendwie feucht aus. Ich entschließe mich, doch noch bis jenseits der bereits sichtbaren Autobahn A 20 weiterzulaufen, weil es dann kurz vor Grischow (das ist das zweite Grischow auf meiner Route) wieder ein Waldstück abseits der Talniederung geben sollte. Aber noch lange vor der Autobahn endet der auf meiner Karte eingezeichnete Weg an einem Weidezaun. Drüben lungern die Kühe herum. Ich versuche die Weide erst links, dann rechts zu umgehen, dann kehre ich um und laufe einen halben Kilometer zurück. Anschließend versuche ich es noch in Richtung Landgraben, aber dort ist es tatsächlich zu nass. Die ganze Niederung ist hier zwar bewaldet, aber der Wald ist von Wassergräben durchzogen.

    Zu guter Letzt laufe ich westlich von Unterstriet wieder aus dem Landgrabental hinaus und steuere ein kleines Waldstück an. Und hier handelt es sich in der Tat um einen trockenen Laubwald. Ich bleibe also, suche mir eine Stelle aus, wo ich meinen Rucksack abwerfe. Von der kleinen Asphaltstraße geht der Blick nach Süden über das Landgrabental:




    Während ich hier noch herumstehe, kommt leider ein Auto angefahren. Das einzige, das ich an diesem Abend hier sehe. Auto mit Anhänger; der Fahrer sieht schon so aus, als wäre er der Waldbesitzer oder der Jagdpächter. Er fährt sehr langsam an mir vorbei und guckt unbestimmt. Dann fährt er fast im Schritttempo weiter und guckt vielleicht im Rückspiegel immer noch. Das dauert ewig. Weil ich das so auffällig finde und jeden Moment damit rechne, dass er gleich anhalten wird, gehe ich ein Stück in seine Richtung und denke, sage sogar: »Meine Güte, frag doch, wenn Du was wissen willst.« Dann hole ich meine Kamera hervor und fotografiere den Sonnenuntergang. Vielleicht beruhigt ihn das ja. Er fährt derweil immer im gleichen Schleichtempo weiter, bleibt an der Abzweigung nach Unterstriet noch eine Weile stehen und fährt schließlich nach Unterstriet hinunter.





    Diese Szene ist der Grund dafür, dass ich mich an meinem Schlafplatz zunächst ziemlich unwohl fühle. Aber ich kann nicht mehr woanders hin. Und letztlich geschieht dann auch nichts mehr. Niemand kommt mit Hund und Taschenlampe, um mich zu vertreiben.

    Da das Wetter einen sehr stabilen Eindruck macht, baue ich das Tarp gar nicht erst auf, sondern breite nur die Bodenplane aus. Ich bin vielleicht 30 oder 40 Meter von der Straße entfernt, nach Norden ist der andere Waldrand auch nicht viel weiter entfernt. Vom Waldrand hätte man einen Blick auf einen Windpark. Die roten Positionslichter sind des Nachts auch sporadisch zu sehen, stören aber wider Erwarten nicht, denn sie blinken wenigstens nicht. Man hört die Autobahn; sie ist wenig mehr als einen Kilometer entfernt. Aber auch das stört nicht beim Schlafen.


    Dezimalgrad-Koordinaten: 53.6863, 13.3095
    Geändert von Igelstroem (23.05.2014 um 04:40 Uhr)
    Lebe Deine Albträume und irre umher

  17. AW: [DE] »Hamse Dich hier ausgesetzt?« – Wandern von Mecklenburg nach Vorpommern

    #17
    Interessanter Bericht von einer Gegend die ich leider überhaupt nicht kenne.
    Fein zu lesen, danke.

    Zitat Zitat von Igelstroem Beitrag anzeigen
    [B]Tag 2 (Donnerstag, 15. Mai)
    ... der Fahrer sieht schon so aus, als wäre er der Waldbesitzer oder der Jagdpächter. Er fährt sehr langsam an mir vorbei und guckt unbestimmt. ...

    Diese Szene ist der Grund dafür, dass ich mich an meinem Schlafplatz zunächst ziemlich unwohl fühle. Aber ich kann nicht mehr woanders hin. Und letztlich geschieht dann auch nichts mehr. Niemand kommt mit Hund und Taschenlampe, um mich zu vertreiben.
    ...
    Hähä ;)
    Liegt vielleicht an der Camouflage-Hose und der Tatsache, dass in der Gegend wohl eher wenig Fremde unterwegs sind. Da wird ein Jäger schon etwas misstrauisch. Würd mich in meinem Revier zumindest auch zuerst mal irritieren, aber wie du richtig schreibst, er hätte einfach "Hallo, wie gehts?" sagen können...

    In meinem Revier hätte ich dir sogar einen angenehmen Schlafplatz mit früh morgendlichem Ausblick auf Hirsch oder Reh vermittelt

    Bin auf die Fortsetzung gespannt

    gruß
    albert

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    Avatar von Igelstroem
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    AW: [DE] »Hamse Dich hier ausgesetzt?« – Wandern von Mecklenburg nach Vorpommern

    #18
    Zitat Zitat von Honkahonka Beitrag anzeigen
    In meinem Revier hätte ich dir sogar einen angenehmen Schlafplatz mit früh morgendlichem Ausblick auf Hirsch oder Reh vermittelt
    Das ist natürlich der Idealfall. Da ich ja einen Hang zum Kommunizieren habe, habe ich in der Tat nachts mitunter so was gedacht wie: ›Nur weil ich abends nicht mit Dir gesprochen habe, muss ich mich nachts vor Dir verstecken.‹

    OT: Allerdings gibt es ja auch Jägerkollegen im Forum, die der Meinung sind, dass Nichtjäger nach dem Abendessen sowieso im Wald nichts zu suchen haben. Und von daher wird dann der gegenteilige, ›neulich in Berlin gehörte‹ Rat verständlich, den Schlafplatz von vornherein so zu wählen, dass man weder stört noch überhaupt gefunden werden kann.

    Ich markiere das als OT, weil die üblicherweise ausufernde Diskussion zu diesem Thema schon in anderen Threads geführt worden ist und hier nicht wiederholt werden soll.
    Lebe Deine Albträume und irre umher

  19. AW: [DE] »Hamse Dich hier ausgesetzt?« – Wandern von Mecklenburg nach Vorpommern

    #19
    Zitat Zitat von Igelstroem Beitrag anzeigen
    Sie empfiehlt mir, nicht im Wald, sondern in den Dorfkirchen zu schlafen. Ich solle einfach im Dorf fragen und mir aufschließen lassen. Meine Zweifel, ob es nicht ein Sakrileg sei, in einer Kirche zu nächtigen, werden mich wohl als Westdeutschen ausgewiesen haben. In der DDR-Zeit muss das ganz üblich gewesen sein, zumindest wenn man in jungen Jahren nichtmotorisiert auf dem Lande unterwegs war.
    Das ist ja interessant!
    Wusste ich nicht.
    Danke für den Hinweis.
    Irgendwas ist immer ...

  20. Gerne im Forum
    Avatar von Saniboy
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    AW: [DE] »Hamse Dich hier ausgesetzt?« – Wandern von Mecklenburg nach Vorpommern

    #20
    Wer mit Hose in 5f-Flecktarn (in den Stiefeln), Kampfstiefeln und Centurio raumläuft, braucht sich nicht zu wundern, wenn er als Soldat wahrgenommen wird.

    Bringt mich auch gleich zum nächsten Punkt: Bist Du Kombattant? Nein? Warum trägst Du dann eine (unsere) Militäruniform (oder eine Abwandlung) auf Marsch?

    Den Bericht finde ich trotzdem gut geschrieben

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