[EST] Die zwei Gesichter eines estnischen Weitwanderweges

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  • doast
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    • 17.02.2014
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    • Meine Reisen

    [EST] Die zwei Gesichter eines estnischen Weitwanderweges

    Tourentyp
    Lat
    Lon
    Mitreisende
    Hallo an alle die sich für einen Reisebericht aus Estland interessieren. Viele Berichte zu Wanderungen in diesem Land habe ich nicht gefunden. berniehh hat hier https://www.outdoorseiten.net/forum/showthread.php/56175-EE-Estland-K%C3%BCsten-und-Waldtrek?highlight=estland vor ein paar Jahren was geschrieben, in diesem Post habe ich auch einen Reisebericht angekündigt, der nun folgen soll.

    Auf die Idee nach Estland zu reisen bin ich durch einen Hinweis im UL Forum gekommen. Im wesentlichen entsprich der Bericht den ich hier poste dem Bericht der auch auf meinem Blog zu finden ist. Da es recht viel Aufwand ist Fotos einzufügen gibt es an dieser Stelle "nur" Text, wer Bilder sehen möchte bitte unter https://wegalsziel.wordpress.com/2015/10/01/die-zwei-gesichter-estlands-part-1-the-good-estland/ (Teil 1, Teil 2 folgt!) nachlesen bzw. grundlegendes hier https://wegalsziel.wordpress.com/2015/08/12/balkan-aehhhh-baltikum-ich-komme/

    Viel Spaß beim Lesen und bei Fragen jederzeit melden. Gebe gerne meine Erfahrungen aus Estland weiter.

    Auf die offizielle Homepage http://www.loodusegakoos.ee/hiking-route möchte ich an dieser Stelle auch verweisen. Tolle Seite mit allen Informationen, welche aufgrund der Karten auch einen besseren Überblick über meinen Bericht geben sollte.

    23.08.2015 – Ankunft in Tallinn
    Mein recht günstig ergatterter Flug bringt mich mit Abflug in den frühen Morgenstunden per Austrian Airlines von Wien nach Warschau und nach kurzem Aufenthalt weiter per LOT nach Tallinn. Mein Gepäck bringt es laut Check-In auf etwa 11 kg inkl. Proviant für meine Tage auf dem Trail.

    Bei strahlend blauem Himmel verlasse ich das Flughafengebäude und begebe mich zu Fuß Richtung Innenstadt von Tallinn. Den Flughafen trennt ein ca. 30 minütiger Spaziergang von der Altstadt Tallinns, die randnähere Innenstadt erreicht man nach ca. 20 Minuten. Auf dem Weg dorthin gibt es 2-3 Möglichkeiten um Brennstoff zu kaufen. Ich kaufe mein Gas in einem riesigen Shoppingcenter neben dem Flughafen, dem Ülemiste Center http://www.ulemiste.ee/ welches auch sehr lange Öffnungszeiten hat und auch Sonntag geöffnet ist.



    Der einzige Bus von Tallinn Richtung Altja, einer mickrig kleinen Ortschaft nahe des Trailheads, geht immer vormittags um 10:30. Ich muss also auf den nächsten Tag warten. Ich habe aber vorgesorgt und mir ein günstiges Gemeinschaftszimmer im Teko Hostel gesichert. Für 15 Euro soll ich hier in einem 3-Bettzimmer unterkommen. Während dem Studienjahr dient das Hostel auch als Studentenheim. Ich habe Glück und bekomme ein Doppelzimmer für mich alleine und bezahle trotzdem nur die 15 Euro. Fängt ja prima an!



    Ich verbringe den Rest des Tages indem ich mir zu Fuß die Altstadt von Tallinn ansehe.
    Eines wird mir schnell klar. Tallinn ist anders als ich es mir vorgestellt habe. Es ist zwar wie gedacht recht überschaubar, aber es ist teilweise sehr modern, vor allem die jungen Leute sprechen alle gutes Englisch. Die Altstadt, im Stile einer alten Hansestadt, ist sehr gepflegt und doch größer als ich mir sie erwartet habe. Das Preisniveau entspricht etwa dem unseren.
    Ich stelle fest: das Ganze ist dann doch nicht so russisch wie ich mir das vorgestellt habe.




    24.08.2015 – Altja bis Nommeveski Campsite
    Distanz ~30km; Summe = 30km


    Um 10:30 geht mein Bus von Tallinn nach Altja. Die Busstation ist nur wenige Meter von meinem Hostel entfernt. Ich kaufe mir noch ein kleines Frühstück und ein wenig Verpflegung für die Fahrt im Supermarkt auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein. In der Sonne sitzend warte ich auf den Bus 811 http://www.taisto.ee/.



    Dieser bringt mich in 1:45 pünktlich nach Altja. Um 12:15 verlasse ich also gemeinsam mit 3 weiteren Personen den Bus an der Endstation. Die anderen übriggebliebenen Passagiere sind ebenfalls mit Rucksack ausgestattet und recht jung. Ich vermute schon auf andere Mitwanderer gestoßen zu sein, auf Nachfrage deklarieren sie sich aber als Touristen die hier ein paar Tage verbringen wollen und Tageswanderungen unternehmen werden. Wozu sie hohe, schwere Stiefel und geschätzte 25kg am Buckel haben bleibt mir ein Rätsel. Man muss wissen das Estland so flach wie eine Bratpfanne ist. Maximale Erhebung irgendwas knapp über 300m Seehöhe. Man bemühe an dieser Stelle bitte eine Suchmaschine des Vertrauens um Gewissheit über die exakte Höhe zu erlangen.

    Das Oandu Nature Center und somit der Beginn des offiziellen Weges liegt wenige Kilometer weiter südlich. Ich mache mich also vom Küstenörtchen Altja auf den Weg dorthin und folge dem Straßenverlauf durch den ausgedehnten Kiefernwald. Das Wetter ist mir auch heute hold.

    Das Nature Center in Oandu ist nett an einem kleinen See angelegt und ist nach Vorbild vieler solcher Center ausgestattet. Ich kaufe mir für wirklich wenig Geld die Übersichtskarten für meinen Wegteil (1 € pro Blatt). Ich habe zwar beinahe das exakt selbe Material als Ausdruck von der Homepage dabei, aber ich sammle gerne offizielle Karten meiner Touren, ein kleines Andenken also. Die Karten sind nicht besonders detailliert, geben aber Auskunft über Wegstrecken und offizielle Campingspots, Feuerstellen, etc.




    Von hier bis nach Aegviidu folgt der Weg dem bereits seit längerem existierenden Korve Trail. Der Weg ist sehr gut beschildert und nach jedem Kilometer zählt eine Tafel die verbleibenden Kilometer bis zum Ende des Trails in Ikla herunter (in Summe sind es 375 km von Oandu bis Ikla). Der Weg verläuft fast ausnahmslos in weitem Kiefernwald mit krautigem Bewuchs am Boden. Oftmals ist der Weg sandig und fast immer breit angelegt, theoretisch also auch von Fahrzeugen befahrbar. Ohnehin ist dieser Weitwanderweg auch als Biketrail ausgewiesen und meine Recherchen im Internet haben hauptsächlich Gruppen ausgespuckt welche den Trail per Rad bewältigt haben.




    Bald erreiche ich die Ortschaft Vosu und somit den ersten offiziellen Campingspot. Die ausgewiesenen Campingspots verfügen alle über Feuerstellen, Picknicktische und Trockentoiletten/Plumpsklos. Vosu verfügt auch über einen Wasserhahn, ansonsten besteht die Wasserquelle auf dem Trail im Idealfall aus nahegelegenen Fließgewässern (selten), moorigen Seen und Tümpel (häufig) teilweise sind sie auch zumindest optisch von minderer Qualität. Das Wasser ist so gut wie immer gelblich bis bräunlich und mein Sawyer Mini Wasserfilter hat bereits nach kurzer Zeit kaum mehr Leistung gebracht.



    Ich gehe heute noch ein bisschen weiter und erreiche am Abend und nach etwa 30 km Nõmmeveski. Dieser Zeltplatz liegt an einem kleinen, langsam dahin fließenden Gewässer. Ich bin der einzige hier. Neben den üblichen Aktivitäten wie Zelt aufstellen, organisieren, kochen, etc. beschließe ich mich in dem Bächlein zu waschen. Man weiß nie wann man das nächste Mal Gelegenheit dazu hat.





    Außerdem stelle ich am Ende des ersten Tages fest, das sich meine neuen Brooks Ghost Laufschuhe als angenehme Wahl herausgestellt haben. Weil ich in der Erwartung von leicht matschig-sumpfigen Passagen angereist bin habe ich mich für die Variante mit Gore-Tex entschieden, damit meine Füße zumindest kurze Berührungen mit H2O trocken überstehen. Auch wenn wir alle wissen, dass GTX in Wirklichkeit ja nicht trocken hält ;)


    25.08.2015 – Nommeveski Campsite bis Jussi Campsite
    Distanz ~31km; Summe = 61km


    Nach dem kleinen obligaten Frühstück mache ich mich auf den Weg. Auch heute wieder ist es sonnig und die Temperaturen sind angenehm. Nach etwa 15 km erreiche ich das Viru Moor. Ein beplankter Holzpfad führt hinüber. Aufgrund der nahen Lage zur Autobahn und weil es eine „Sehenswürdigkeit“ darstellt, begegne ich hier einigen Personen. Am Vortag war ich mit Ausnahme von 2-3 „Menschensichtungen“ alleine. Im Moor wurde auch ein Aussichtsturm platziert. Dieses Moor inkl. Aussichtsturm sollte nicht das letzte seiner Art auf meiner Reise sein. Generell ist ein großer Teil Estlands moorig und sumpfig. Wir fassen zusammen: ein bratpfannenebenes, moorig, sumpfiges Land.





    Kurz nach dem Moor gilt es die Autobahn zu überqueren. Hört sich schlimmer an als es ist. Kein Vergleich zu mitteleuropäischen Autobahnen. Der heutige Weg schlängelt sich weiter durch ausgedehnte Kiefernwälder. Der Weg bleibt gut zu begehen: breit, gut ausgetreten aber für meinen Geschmack gerade noch nicht zu „Autobahnähnlich“, auch wenn schon einmal die ein oder andere Forststraße oder phasenweise geteerte kleinere Straßen verwendet werden müssen.
    Der Nachmittag führt mich vorbei an einigen offiziellen Campingspots die an schönen kleinen Seen liegen. Hier kann man gut und gerne auch mal auf Mitmenschen stoßen. Ich habe Glück das ich unter der Woche unterwegs bin und die Ferien keine Hochsaison mehr haben (wie ich zumindest vermute). Ansonsten kann es hier sicher mal passieren, dass man in ein abendliches Saufgelage geraten kann. Denn leider haben alle Campingspots eines gemeinsam: alle sind mehr oder minder einfach per Fahrzeug zu erreichen… so muss der Alk nicht mühsam durch die Pampas getragen werden und man kann auch mal das ein oder andere Würstchen zu viel auf den Grill schmeißen.





    Am Jussi Campingspot beschließe ich zu bleiben. Die Lage ist recht schön, noch bin ich alleine und ich habe guten Zugang zum See für Trinkwasser und Waschen. Ich stelle mein Zelt allerdings etwas abseits auf, da ich vermute heute Nacht nicht alleine hier übernachten zu dürfen.



    Nachdem ich rechtzeitig meinen Körper von Salz und Schweiß befreit habe bestätigt sich meine Vermutung. Ich bin hier nicht alleine. Ein verliebtes, estnisches Paar mittleren Alters kommt einen Pfad entlang und begibt sich Richtung Seeufer. Ich sehe die beiden von meinem Zeltplatz aus, beschließe dann doch mich Richtung Picknicktisch zu begeben und dort etwas zu kochen. Ich setze mich ca. 20 Meter von Ihnen hin und drehe mich zu Ihnen um. Das Paar scheint mich nicht bemerkt zu haben. Sie jedenfalls fummelt mit heruntergelassenem Schlüpfer an ihrem Genitalbereich herum, reibt sich die Finger und riecht daran, ihr nackter Hintern ist in meine Richtung gedreht, ihr Kerl steht daneben. „What the fuck?! Was geht hier ab?!“ denke ich mir… und mache mich durch lautes Geklapper mit meiner Gaskartusche eindeutig bemerkbar. Es funktioniert. Etwas überrascht zieht sich das Weibchen (der Begriff Lady kommt mir an dieser Stelle für sie nicht passend vor) ihre Hose hoch. Die beiden bleiben noch rund eine halbe Minute am Ufer und tun als wäre nichts gewesen, dann machen sie sich aus dem Staub. Ich bin also mal wieder der große Spielverderber.

    Trotzdem sollte ich diese Nacht nicht alleine hier campieren. In der Dämmerung baut ein junges Paar sein Zelt auf. Glücklicherweise weit genug von mir entfernt. Während ich schon in meinem Zelt liege und am Einschlafen höre ich zwei weitere Personen die ihr Zelt in meiner Nähe aufbauen. Sie scheinen mich ebenfalls nicht bemerkt zu haben, sonst hätten sie vermutlich weiter weg campiert. Platz genug wäre vorhanden.

    26.08.2015 – Jussi Campsite bis Noku Campsite
    Distanz ~37km; Summe = 97km


    Nach rund 60 km Kiefernwald beginnt sich die Szenerie in den frühen Morgenstunden langsam zu ändern. Bald schreite ich einige Kilometer durch eine Gegend die an kleine Sanddünen mit krautigem Bewuchs erinnern. Es hängen Wolken am Himmel und Regen liegt in der Luft, was allerdings gut zur Szenerie passt und stimmig wirkt.



    Ich streife durch kurze Abschnitte mit hohem Gras und kontrolliere regelmäßig meine Beine nach Zecken, da ich in den vorhergehenden Tagen doch die eine oder andere blutsaugende Kreatur an meinen Beinen krabbeln gesehen habe. Bald komme ich wieder in waldige und sumpfige Umgebung. Der bevorstehende Regen trägt zusätzlich dazu bei, dass mich nun auch einige Mücken angreifen. Ich zippe meine langen Beine an und schmeiße mich in langärmeliges Gewand. Bald setzt leichter Regen ein. Also ziehe ich auch meine Regenjacke drüber. Monoton marschiere ich durch die Gegend. Nach etwa 15 zurückgelegten km und somit kurz vor der Ortschaft Aegviidu setzt der Regen stärker ein. Regenhose an, leider etwas zu lange gewartet, und weiter. Mein Rucksack ist nass und langsam gibt auch das Gore Tex meiner Schuhe auf (Schritte durchs Gras tragen dazu bei). Ich erreiche Aegviidu. Dies ist eine größere Ortschaft auf dem Weg und verfügt über einen Bahnhof und somit direkten Anschluss an Tallinn. Außerdem besitzt das Örtchen eine Apotheke, einen dürftig ausgestatteten kleinen „Super“markt und über ein Nature Center, welches ebenfalls modern und gut ausgestattet ist.





    Ich beschließe den Regen im Nature Center auszusitzen. Das Nature Center bietet einen PC inkl. Internetzugang sowie auch WLAN. Der äußerst verlässliche norwegische Wetterbericht http://www.yr.no/ bzw. die Radarbilder zeigen Besserung in absehbarer Zeit. Ich kaufe mir eine kleine Nascherei im Supermarkt und surfe ein wenig im Internet. Die Angestellt im Nature Center spricht schlechtes Englisch, ist aber sehr nett.

    Ca. eine Stunde verbringe ich im Internet, dann mache ich mich wieder auf den Weg. Der Regen hat aufgehört. Kurz hinter Aegviidu befindet sich einer der zahlreichen Campingspots, ich lasse ihn links liegen und mache mich weiter auf Richtung Süden.




    Heute geht es für mich bis zum Noku Campingspot. Dieser bietet auch einen Holzverschlag welcher als Biwak z.B. im Winter benutzt werden kann. Ansonsten ist dieser Platz weniger idyllisch als die meisten Plätze davor. In der nahen Umgebung sind einige Männer am fischen, außerdem liegt der Parkplatz sehr nahe. Ich schlage mich also etwas abseits ins Gebüsch. Wasser steht hier keines unmittelbar zur Verfügung. Man muss einige Hundert Meter weiter in ein nahe gelegenes Moor marschieren um Wasser zu besorgen. Mir reichen meine restlichen Reserven des Tages (im Nature Center habe ich gutes Wasser aufgefüllt).




    Aus einem Auto mit lauter Musik steigt eine Gruppe Jugendlicher aus, welche recht laut sind. Sie stellen sich als harmlos heraus und verschwinden bald. Zur Dämmerung erscheint ein junges französisches Paar. Sie laufen ebenfalls einen Teil des Weges. Scheint als hätte ich sie im Laufe des Tages irgendwo überholt als sie pausiert haben. Sie sind recht langsam unterwegs weil es für sie eine der ersten Touren ist. Sie sind scheinbar einen Tag vor mir gestartet. Wir tauschen uns ein bisschen aus, dann gehe ich schlafen und warte auf das was folgt….
    Zuletzt geändert von doast; 01.10.2015, 18:06.

  • November
    Freak

    Liebt das Forum
    • 17.11.2006
    • 10788

    • Meine Reisen

    #2
    AW: [EST] Die zwei Gesichter eines estnischen Weitwanderweges

    Ja, solch ein System mit den offiziellen Camplätzen / Hütten ist schon was Feines. Mutet schon skandinavisch an, auch die enorm langen Planken übers Moor.

    Vielleicht ist dieser Weg ja mal was für später, obwohl ich in Estland doch lieber radelnd unterwegs bin.



    P.S. Hast ja nun doch die Bilder eingefügt.
    Wer sich nicht in Gefahr begibt, kommt darin um.

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    • doast
      Erfahren
      • 17.02.2014
      • 132

      • Meine Reisen

      #3
      AW: [EST] Die zwei Gesichter eines estnischen Weitwanderweges

      Zitat von november Beitrag anzeigen
      Ja, solch ein System mit den offiziellen Camplätzen / Hütten ist schon was Feines.
      ....

      P.S. Hast ja nun doch die Bilder eingefügt.
      Da geb ich dir absolut recht, so ein System wäre an mehreren Orten wünschenswert. Natürlich immer schön im Rahmen.
      Und ja ich hab dann doch das ein oder andere Bild eingefügt ;)
      Sieht sonst so kahl aus

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      • German Tourist
        Dauerbesucher
        • 09.05.2006
        • 847

        • Meine Reisen

        #4
        AW: [EST] Die zwei Gesichter eines estnischen Weitwanderweges

        Super! Ich bin letztes Jahr ausgiebig durch Estland geradelt und dabei immer wieder auf diesen Weg gestoßen, der ebenfalls bei mir auf der Liste steht. Und es gibt tatsächlich keinen anderen Reisebericht über diesen Weg.....
        Freue mich schon sehr auf die Fortsetzung - und überlege mir gerade, ob das nicht ein ideales Herbstwanderziel wäre.....
        http://christinethuermer.de/ 53.000 zu Fuß, 30.000 km per Fahrrad, 6.500 km im Boot

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        • berniehh
          Fuchs
          • 31.01.2011
          • 1936

          • Meine Reisen

          #5
          AW: [EST] Die zwei Gesichter eines estnischen Weitwanderweges

          interessanter Bericht! Einige Fotos kommen mir ja sehr bekannt vor

          mir ist aber nicht klar geworden was der Titel bedeutet und was für "zwei Gesichter" du genau meinst
          kommt das später noch?
          www.trekking.magix.net

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          • Rattus
            Lebt im Forum
            • 15.09.2011
            • 5177

            • Meine Reisen

            #6
            AW: [EST] Die zwei Gesichter eines estnischen Weitwanderweges

            Interessant, so oft liest man ja hier nicht von dieser Region.

            Deine Beurteilung des Paares, das sich vergnügen wollte, fand ich etwas befremdlich
            Das Leben ist schön. Von einfach war nie die Rede.

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            • doast
              Erfahren
              • 17.02.2014
              • 132

              • Meine Reisen

              #7
              AW: [EST] Die zwei Gesichter eines estnischen Weitwanderweges

              Zitat von berniehh Beitrag anzeigen
              interessanter Bericht! Einige Fotos kommen mir ja sehr bekannt vor

              mir ist aber nicht klar geworden was der Titel bedeutet und was für "zwei Gesichter" du genau meinst
              kommt das später noch?
              Der zweite Teil bringt Aufklärung. Folgt dann heute oder morgen. Geschrieben ist er schon, aber Fotos müssen noch ausgesucht und hochgeladen werden.

              Brauchte aber vorallem einen reisserischen Titel

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              • doast
                Erfahren
                • 17.02.2014
                • 132

                • Meine Reisen

                #8
                AW: [EST] Die zwei Gesichter eines estnischen Weitwanderweges

                Zitat von Rattus Beitrag anzeigen
                Deine Beurteilung des Paares, das sich vergnügen wollte, fand ich etwas befremdlich
                Ich versuche immer auch meine Gedankengänge welche ich in Situationen hatte einfließen zu lassen und möchte Berichte nicht schönen indem ich befremdliches weglasse ;-p
                Außerdem: Sex sells... deshalb hab ich die Szene eingebaut

                Kommentar


                • Rattus
                  Lebt im Forum
                  • 15.09.2011
                  • 5177

                  • Meine Reisen

                  #9
                  AW: [EST] Die zwei Gesichter eines estnischen Weitwanderweges

                  Zitat von doast Beitrag anzeigen
                  Außerdem: Sex sells... deshalb hab ich die Szene eingebaut
                  Ah, hier werden Veröffentlichungsstrategien erprobt
                  Das Leben ist schön. Von einfach war nie die Rede.

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                  • Rainer Duesmann
                    Fuchs
                    • 31.12.2005
                    • 1640

                    • Meine Reisen

                    #10
                    AW: [EST] Die zwei Gesichter eines estnischen Weitwanderweges

                    Sieht nach einem bequemen Weg für "Berg-Geschädigte" aus!
                    Jeeeeeens, guck mal!

                    Bin mal gespannt wo der Haken an der Sache ist. Danke bis dahin.

                    Rainer
                    radioRAW - Der gesellige Fotopodcast

                    Kommentar


                    • doast
                      Erfahren
                      • 17.02.2014
                      • 132

                      • Meine Reisen

                      #11
                      AW: [EST] Die zwei Gesichter eines estnischen Weitwanderweges

                      Wie versprochen geht es weiter mit Teil 2. Wer noch mehr Fotos sehen will findet diese unter https://wegalsziel.wordpress.com/201...e-bad-estland/
                      Ansonsten viel Spaß beim Lesen.

                      27.08.2015 – Noku Campsite bis Hirvelaane Campsite

                      Distanz ~50km (ca. 3km als Anhalter); Summe = 147km


                      Der Morgen dieses Tages beginnt nebelig, kein Wunder bei der umliegenden Moorlandschaft und den kühleren Spätsommertagen hier in Estland. In aller Früh breche ich auf und nach wenigen Metern befinde ich mich auf dem nächsten beplankten Weg über ein weites Moor. Die Tautropfen hängen in den unzähligen Spinnennetzen in der kargen Vegetation. Ich bin absolut alleine, die Stimmung ist soweit klasse.





                      Langsam dringen die ersten Sonnenstrahlen durch die Nebeldecke und ich komme gut voran. Mein heutiger Plan sieht vor in etwa eine ähnlich gemütliche Distanz wie die letzten Tage zurückzulegen und weil im folgenden Abschnitt die Dichte an offiziellen Campingplätzen niedriger ist irgendwo mein Zelt aufzustellen. Die ungenaue Karte zeigt nach wie vor hauptsächlich „grüne“ Flecken auf meinem Weg.

                      Langsam beginnt sich die Beschaffenheit des Weges zu verändern. War es vorher eine Mischung aus kleineren Wegen, Pfaden und Forststraßen, sind es mittlerweile fast ausschließlich Schotterpisten oder asphaltierte kleinere Sträßchen welche den spärlich verteilten Bewohnern bzw. deren PKWs dienen. Es gibt nun also weniger zu sehen und ich komme schnell voran. Die 20 km bis zum Campingplatz Hiieveski sind schnell zurückgelegt. Ich merke wie ich nun in dichter besiedeltes Terrain komme und Asphalt ist nun der Belag meiner einzig möglichen Wahl. Dieser Campingplatz liegt direkt an einem größeren See nahe dem Städtchen Ardu. Das französische Paar vom Vortag hat mir gesagt das ihre Reise hier endet, von hier gibt es laut ihrer Auskunft auch eine Busverbindung von und nach Tallinn für alle die hier aufhören möchten/müssen.





                      Weil der Tag noch recht jung ist und die Sonne scheint beschließe ich hier eine ausgedehnte Pause zu machen. Ich wasche mich im See, esse und liege in der Sonne. Ganze 3 Stunden lang. Dann werde ich zu ungeduldig und mache mich auf den Weg. Davor fülle ich noch meine Flachen im See. Der See liegt neben einer Stadt in besiedeltem Gebiet und neben einigen Straßen bzw. neben einer Autobahn, zusätzlich sehe ich viele Fischer am Ufer und kleine Boote auf dem See, eigentlich wünsche ich mir weniger anthropogene Einflüsse für mein Trinkwasser aber ich habe keine Wahl.




                      Asphalt führt mich ans Ende des Sees und über eine kleine Autobahn. In einer kleinen Siedlung frage ich einen jungen Burschen welcher im Garten spielt, ob er mir meine Wasserflaschen im Haus füllen kann. Erstaunt stelle ich fest, dass er sehr gut Englisch spricht. Ich leere mein beiden Liter Seewasser aus und vertraue ihm die Behälter an. Drei Minuten später halte ich neues Wasser in der Hand. Deutlich brauner, gelblicher und schwefeliger (?) im Geschmack als meine selbst abgefüllten Reserven aus dem See. Ich bedanke mich und denke mir „schlechter Tausch“ und wünschte ich hätte zumindest einen Liter Seewasser behalten, denn das Wasser aus der Leitung bekomme ich geschmacklich kaum meine Kehle runter. Immerhin hebt er einen kleinen schrumpeligen Apfel vom Gartenboden auf und reicht mir diesen zum Abschied. Ich freue mich über ein paar Vitamine und gehe weiter Richtung Süden.




                      Ich muss leider wieder feststellen, dass sich der Trail ab der 100 km Marke leider nicht nach meinem Wunsch entwickelt hat. Klar hätte ich mich genauer informieren können, was über die Homepage leicht möglich gewesen wäre. Wenn ich mir aber einen Weg und ein Ziel aussuche, dann setzt sich das in meinem Kopf fest und ich schaue nicht auf die Details, weil ich ohnehin einen ausgewählten Weg gehen möchte. Wieso denn nun so negativ? Der Weg gestaltet sich im Wesentlichen so: Forst- und Schotterstraße kerzengerade am Papier angelegt durch Forst für 2-3 km, dann ein paar Grad Richtungswechsel und die nächsten 2-3 km absolute Gerade. Links und rechts des Weges Forst, mal abgeholzt und neu aufgeforstet sowie alte Äste die Kraut und Rübe herum liegen, mal dichter undurchsichtiger Wald mit tiefen Furchen von Fahrzeugen am Boden durchsetzt. Ich schreite voran: 1. Schritt, 2. Schritt,…… 5.000 Schritt  Richtungswechsel  1. Schritt, 2. Schritt,…… 5.000 Schritt  Richtungswechsel usw.




                      Nach einiger Zeit komme ich in landwirtschaftlich genutztes Gebiet. Die Wegführung ist ähnlich: gerade, lediglich ändert sich der Belag auf Asphalt. Alle paar hundert Meter steht ein Bauernhäuschen. So nett anzusehen aber ewig hindurch marschieren ist nicht meines. Immer setzen Autos an mir vorbei. Auf den riesigen Feldern herrscht reger Betrieb, die Mähdrescher nutzen das gute Wetter und holen die spätsommerliche Ernte ein. Ich bin also nicht alleine und stets in direkter Blickdistanz eines Hauses, Estland ist nun mal eben wie eine Bratpfanne. Ich verwerfe meinen Plan in dieser Ecke zu campieren und immer mehr manifestiert sich der Gedanke zum nächsten Campingspot weiterzugehen, welcher scheinbar unmittelbar nach dieser landwirtschaftlichen Fläche kommen soll. Die Distanz zwischen letztem Campingspot am See und dem Platz Hirvelaane beträgt 29,3 km. Eigentlich wollte ich einen gemütlichen Tag machen und die Tagesetappen bis nach Eidapere, wo ich den Zug nehmen möchte, in etwa gleich lang halten. Außerdem habe ich heute eine lange 3h Pause eingelegt in dem Gedanken daran. Der Entschluss ist gefasst und ich beschließe heute einen 50er Tag zu machen. Ich drücke also aufs Tempo, ich möchte vor Sonnenuntergang mein Ziel erreichen. Die Batterien meiner kleinen Petzl e-Lite Headlight möchte ich schonen.





                      45 km Schotter und Asphalt geradeaus beginnen mich richtig zu nerven. Ich denke an die Worte meines Vaters der mir vor kurzem empfohlen hat einfach mal der Erfahrung wegen per Anhalter zu fahren. Habe ich noch nie in meinem Leben gemacht. Mir gefällt der Gedanke und ich beschließe spontan den Daumen rauszuhalten. Das zweite Auto bleibt stehen. Ein großer, schwarzer, neuer SUV. Ich erkläre einem Mann in guter Kleidung im mittleren Alter ich wolle nur ein paar km die Straße mit runter fahren um mir diese ewige Gerade zu ersparen. Er nimmt mich mit. Wir plaudern kurz. Er möchte ins Cider-Geschäft einsteigen und ist von Tallinn hierher zurückgezogen, an die Stätte seiner Vorfahren. Auf der kurzen Fahrt sehen wir 2 Wanderer mit großem Rucksack auf dem Weg. Der Fahrer hält an und fragt ob sie auch mitwollen. Es sind zwei junge Esten die ebenfalls einen Teil des Weges gehen. Da treffe ich die zweite Gruppe Hiker und genau in diesem Moment sitze ich wie eine Pfeife als Hitchhiker in einem Auto. Ich muss innerlich laut darüber lachen. Beinahe rast er an meiner Wegkreuzung vorbei, denn weit war es ja nicht bis hier her und er wundert sich wieso jemand wegen dieser Distanz stoppt. Er warnt mich beim Aussteigen noch vor den vielen Bären die es hier in der Gegend geben sollte und erklärt mir wie ich mich verhalten sollte. Ich bin ein bisschen verwundert. Ich weiß, dass es in Estland Bären gibt, aber bisher haben meine Recherchen wenig Gefahrenpotential ergeben… Ich nehme den Hinweis dankend an und mache mich auf den Weg.

                      Zum Schutz vor den angeblichen Bären schaue ich nun ein paar Mal öfters in die Wälder links und rechts. Ab und an rufe ich zum Spaß: „Hey Bear!“ und erinnere mich schmunzelnd zurück an meine „Bearanoia“ während meiner Zeit in Alaska.
                      Nach ca. 2 km erreiche ich bei Einbruch der Dämmerung das Camp Hirvelaane. Während ich die allabendlichen Dinge erledige erwarte ich jederzeit die beiden estnischen Wanderer, wenn sie wirklich denselben Weg gehen müssten sie in wenigen Minuten hier sein. Es tut sich jedoch nichts und nach ca. 1 Stunde lege ich mich in mein Zelt. Kurz vor dem einschlagen höre ich Schritte den Weg entlang kommen. Neugierig zippe ich den RV meines Zeltes auf und erkenne die beiden Esten. Ich begrüße sie kurz und wir quatschen ein paar Minuten. Sie haben die letzte Wegkreuzung verpasst (die an der ich die Bärenwarnung erhalten habe) und mussten einigen Umweg gehen.



                      Ich bin froh nach meiner heutigen Tagesdistanz keine Weggabelung verpasst zu haben und penne dahin.

                      28.08.2015 - Hirvelaane Campsite bis Lelle, dann Zug Lelle nach Eidapere dann weiter bis Mukri Campsite

                      Distanz ~35km; Summe = 182km


                      Beinahe exakt um 00:00 in der Nacht setzt Regen ein. Meine Mitfahrgelegenheit am gestrigen Abend hat mich schon drauf eingestimmt.

                      Der Morgen beginnt in Regenkleidung und heute etwas geruhsamer als sonst. Erstens habe ich gestern mehr als genug Distanz zurückgelegt um mein Ziel in Eidapere Tage vor meinem Abflug erreichen zu können und zweitens tausche ich mich mit den beiden Esten aus.

                      Die beiden sind Freunde und es ist ihre erste gemeinsame Tour, sonst waren sie immer mit anderen unterwegs. Sie wollen bis Lelle weiter, es ist also ihr letzter Tag auf dem Trail. Sie sind anscheinend 2 Tage vor mir gestartet und wundern sich über meine Tagesleistungen von 30+ km und das obwohl ich meine Tage immer sehr früh beende und locker unterwegs bin.
                      Ich erkläre ihnen den Vorteil von leichterem Gepäck (auch wenn ich mit in Summe knapp 7kg Basisgewicht am Rücken weit weg von Ultraleicht bin) und leichten Schuhen. Sie klagen über Blasen und schmerzende Fersen. Sie tragen beide feste, hohe Stiefel in welche ich mich in meinem Leben nicht mehr hinein mühen möchte. Sie versichern mir aber wirklich lediglich das notwendigste dabei zu haben!

                      Sie starten ihren Morgen mit einem herzhaften Frühstück. Die Familienpackung Haferflocken samt Kilo Zucker kommt zum Vorschein. Alles wird in einem großen Topf und per „gscheidem“ Kocher auf Hitze gebracht. Jeder packt sein faltbares Essensset aus… Müslischüssel zum falten, Teller, tiefer Teller, Messer, Gabel… selbstverständlich aus Kunststoff. Muss ja schön leicht sein. Die Wurst wird fein säuberlich geschnitten und mampf,mampf… Ich reiße meinen Beutel Instanthaferflocken auf, presse etwas Wasser durch meinen verstopften Sawyer Mini Filter und schiebe meinen Alu Spork hinein. Dazu einen Riegel und fertig ist mein Frühstück.

                      Ich verabschiede mich und renne los. Es regnet ergiebig. Eigentlich besteht der Weg nach wie vor lediglich aus asphaltierten Straßen und Schotterpisten, kurze Abkürzungen durch kleine Waldstücke bzw. über grasige Wege zwingen meine Membran in den Schuhen schnell in die Knie.



                      Es gibt angenehmere Trekkingerinnerungen aber Regen bin ich mittlerweile halbwegs gewöhnt (so gut das eben geht), vielmehr nervt die Wegführung.

                      Bald steht zur Abwechslung vom Asphalt wieder eine Überquerung eines Moores an, darauf freue ich mich. Ich erinnere mich daran in den Unterlagen auf der Homepage gelesen zu haben, dass der Plankenweg über das Moor noch nicht fertig gestellt sei und eine Überschreitung nur den abenteuersuchenden Wanderern empfohlen wird, alternativ führt die Wegeführung des Radweges im Osten vorbei. Das würde einen Umweg durch Dörfer bedeuten und ich habe die Schnauze von Straßen voll.
                      Im Regen packe ich meine Karte aus um mir das ganze nochmals anzusehen. In dem Augenblick bleibt eine vorbeifahrende Fahrerin stehen und fragt ob ich Hilfe brauche. Ich frage sie ob sie weiß ob der Plankenweg mittlerweile fertig gestellt ist. Sie weiß es nicht, telefoniert aber eine Freundin an. Diese meint der Weg ist frei, die Hölzer liegen niegelnagelneu im Moor und warten nur auf mich.

                      Ich bedanke mich und freue mich über diese Nachricht. Abenteuer gut und recht, aber bei diesem Sauwetter kann ich mir angenehmeres vorstellen, als in einem Moor nasse Füße zu holen.




                      Die Frau am Telefon hatte recht! Leider endet auch der Weg durchs Moor bald und ich marschiere weiter auf Straßen Richtung Lelle welches ich auch bald erreiche.



                      Lelle ist eine kleine Stadt an einer Autobahn und verfügt über eine direkte Zugverbindung von und nach Tallinn. Ich versuche den „Supermarkt“ im Ort zu finden um mir ein oder zwei Leckereien zu gönnen. Die Bewohner von Lelle sind rar, besonders bei diesem Wetter, darüber hinaus sind die jenen ich begegne auch nicht allzu freundlich. Das Angebot im Markt ist mehr als mager. Ich frage spontan ob sie hier in der Gegend ein Guesthouse haben. Nein…. Helfen wollen sie auch nicht wirklich. Ich lasse es und entscheide spontan heute den Zug 1-2 Stationen Richtung Süden zu nehmen und dann dort an einem nahen Campingspot zu campieren damit ich weg von der Stadt komme. Ich drehe also die letzten paar Kilometer meines Weges einfach um. Theoretisch hätte ich noch genügend Zeitreserve um weiter Richtung Süden zu spazieren, dort gibt es aber so bald keine Möglichkeit mehr einfach auszusteigen.




                      Während ich am Bahnhof warte und ein bisschen nasche, lässt der Regen nach. Ich nehme den Zug und entscheide mich im nächsten Bahnhof in Koogiste auszusteigen. Gesagt, leider nicht getan. Ich bin im falschen Wagen (2 teiliger Zug), der Bahnsteig ist zu kurz und ich kann in meinem Wagen die Türen nicht öffnen. Genial! Naja, so wird mir die Entscheidung abgenommen. Ich fahre noch eine Station bis Eidapere und werde dort am Mukri Campspot nahe eines Moores campieren.
                      Das Wetter ist mittlerweile wieder gut. Ich lege die letzten paar km vom Bahnhof bis zur Campsite zurück. Natürlich in einer Geraden, denn der Plankenweg der in der Hälfte meines Weges beginnen sollte ist gesperrt weil er renoviert wird.

                      Ich erreiche Mukri. Der Platz ist nicht wirklich schön zum Zelten, verfügt allerdings über einen großen bedachten Unterstand. Da mein Zelt und meine Sachen ohnehin noch nass sind beschließe ich mir für heute Nacht ein gemütliches Bett aus Bänken und Brettern zu bauen und meine nassen Sachen richtig trocknen zu lassen.




                      Ich schlage die Zeit bis zur Nachtruhe tot und schlafe irgendwann ein. Heute scheint Vollmond zu sein, zumindest strahlt er mir verdammt hell ins Gesicht, was seine Reize hat.

                      29.08.2015 - Mukri Campsite bis Lelle Bahnhof (nordwärts)

                      Distanz ~24km; Summe = 206km


                      Heute ist mein letzter Tag auf dem Weg. Ich werde die Strecke die ich gestern per Zug gefahren bin retour bis Lelle marschieren und dort per Zug retour nach Tallinn fahren. Bei angenehmem Wetter stellt sich der Weg wiederum als nicht sehr reizvoll dar. Im Laufe des Tages habe ich die Distanz zurückgelegt, kaufe mir nochmals eine Jause bei der unfreundlichen Dame im kleinen Markt und warte auf den Zug der mich pünktlich nach Tallinn bringt.







                      Der Wandertag geht ohne große Highlights zu Ende.

                      In Tallinn Hauptbahnhof steige ich um in einen Zug nach Ülemiste um von dort in mein Hostel zu marschieren.
                      Die letzten beiden Tage bis zu meinem Abflug verbringe ich in Tallinn. Ein Tag hätte genügt. Eigentlich wäre es auch nur einer geworden, da ich aber schneller war als ich wollte hatte ich eben einen weiteren Tag in Tallinn zur Verfügung.

                      Fazit

                      Meine knapp über 200 km durch Estland können eigentlich sehr exakt in einen Guten und einen Schlechteren Teil geteilt werden. Die Grenze war in etwa bei km 100.

                      Die erste Strecke bis Aegviidu entspricht dem alten Korve Trail, welcher durchaus seine Reize hat und vielfach durch ausgedehnte Kiefernwälder führt. Ein großer Teil des Weges liegt im Lahemaa Nationalpark bzw. liegt auch der zweite Teil der ersten 80km in geschütztem Bereich. Es gibt zwar sicher spannendere Wege, trotzdem waren meine Tage darauf abwechslungsreich und gut. Da ich zu Beginn einer Wanderung immer 1-2 Tage brauche bis ich in „Fahrt“ bin und das ganze genieße, hätte ich mir gewünscht, dass ich die erste Hälfte des Weges nicht zu Beginn gelaufen wäre ;).
                      Die zweite Hälfte, also ca. ab km 100 hat mich einige Nerven gekostet. Der Weg ist einfach zu begehen, bietet aber so gut wie keine Highlights (Ausnahme sind vielleicht das ein oder andere Moor). Am mühsamsten ist aber der Wegverlauf und der Belag. Ewige Geraden und vorwiegend Schotter bzw. Asphalt.

                      Laut Auskunft der beiden Esten sollen laut Hörensagen der nördlichste Teil des Trails (alter Korve Trail) sowie dann im Süden in der Gegend von Ilka die schönsten Abschnitte des 370 km langen Weges von Oandu nach Ilka liegen. Bestätigen kann ich allerdings nur den nördlichsten Teil.

                      Die Campingspots sind meist ausreichend vorhanden. In der weniger populären Mitte des gesamten Weges von Oandu – Ilka ist die Dichte noch etwas geringer und es liegen auch mal Distanzen von 30 km zwischen den Spots. Teilweise sind die Plätze sehr schön, manchmal nur zweckmäßig. Trotzdem ist es schön dass diese Möglichkeit vorhanden ist. Ist ja nicht selbstverständlich, dass man so locker, leicht und offiziell durch ein Land spazieren kann in seinem Zelt.

                      Die Wasserversorgung ist meiner Meinung nach nicht immer ideal. Filter spülen kann je nach Modell notwendig werden. Im Idealfall gibt es ein rinnendes Gewässer oder einen größeren See oder Teich. Manchmal aber auch nur Tümpel, Begleitgräben oder Feuerlöschteiche. Ich habe meinen Wasserverbrauch in der zweiten Hälfte runter geschraubt und versucht an geeigneten Stellen aufzutanken. Z.B. Nature Center, 1 mal habe ich auch gutes (!) Wasser von einer Person die im Garten war erhalten.

                      [nachträgliche Anmerkung fürs Forum: in guten Fällen sieht das Wasser dann so aus]


                      Die Verpflegungsmöglichkeiten auf dem Weg sind spärlich [nachträgliche Anmerkung fürs Forum: bzw. spärlicher als man sie vermuten würde, da man ja doch durchwegs nie weit weg von der Zivilisation ist]. Zwar sind auf der Karte das ein oder andere „Restaurant“ in der Nähe des Weges eingezeichnet. Diese würden einen Umweg bedeuten bzw. jene die am Weg liegen sollen habe ich nicht als solche identifiziert bzw. haben sie nicht so gewirkt als würden sie in Betrieb sein. „Supermärkte“ gab es in Aegviidu und Lelle, man sollte sich aber nicht zu viel erwarten.

                      Ausstiegsmöglichkeiten gibt es am Weg in Aegviidu (Zug), Ardu (Bus) und Lelle bzw. seiner Peripherie (Zug). Ansonsten trifft man doch immer wieder mal ein Auto oder Menschen welche auch eine Möglichkeit darstellen.

                      Der Weg ist eigentlich perfekt gekennzeichnet, an 1-2 Stellen ist den Herrschaften bei der Beschilderung ein Fehler unterlaufen (welche mir aufgefallen sind, vielleicht sind es auch mehr). Das Kartenmaterial von der Homepage reicht eigentlich zur Orientierung, die GPS Dateien von der Homepage sind sehr genau. Die Karten die man im Nature Center kaufen kann braucht man nicht zwingend. Sie sind aber ganz ok und auch günstig. Sie enthalten aber doch die ein oder andere nette Information wie z.B. Distanzen zwischen den einzelnen Punkten etc. Diese findet man mit etwas Aufwand auch auf der Homepage. Sehr genau sind die Karten wie erwähnt nicht, es sind keine Topos. Sie enthalten trotzdem die meisten Wege und Straßen sowie Art der Landnutzung [nachträgliche Anmerkung fürs Forum: Landnutzung ist grob einschätzbar, in der Gegend mit viel Landwirtschaft hätte ich mir das ganze aber anders vorgestellt aufgrund der Infos aus den Karten].

                      Das Wetter war mit wenigen Ausnahmen gut. Temperaturbereich in dieser Jahreszeit würde ich auf 5-25 °C schätzen. Das es generell auch mehr regnen kann in dieser Gegend hat man an der Vegetation und dem ein oder anderen ausgetrockneten Schlammloch gesehen.

                      In Summe war die Reise trotzdem lohnenswert denn auch in den weniger schönen Momenten lernt man immer wieder was dazu bzw. über sich selbst. Wege die nicht ausschließlich schön zu begehen sind haben auch den Vorteil dass man meistens alleine auf ihnen unterwegs ist.
                      Ich freue mich auf meine nächste Reise. Leider habe ich momentan mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen und hoffe dass ich bald wieder fit bin und mein Hobby nicht an den Nagel hängen muss. Wenn möglich soll es im Winter nach Spanien gehen, die Sierra de Cazorla https://wegalsziel.wordpress.com/2015/04/15/gr247/ hat mich heuer im Frühjahr derart fasziniert, dass ich gerne wieder nach Andalusien fahren würde.

                      [nachträgliche Anmerkung fürs Forum: wenn man nicht den ganzen Weg gehen möchte empfiehlt sich vielleicht auch z.B. nur den nördlichsten Teil bis Aegviidu zu gehen (= alter Korve Trail) und dann mit dem Zug irgendwie Richtung Süden zu fahren um den angeblich schöneren Südteil mitzunehmen, man könnte den Trail ab Aegviidu aber zb. auch mit einem anderen Weg (siehe Link unten) weiterführen]

                      [nachträgliche Anmerkung fürs Forum: ich möchte auch darauf hinweisen, dass es neben diesem Nord-Süd Trail auch einen längeren Trail durch Estland gibt und zwar von Aegviidu bis Ahijarve: http://loodusegakoos.ee/matkatee/aeg...ijarve-628-km]
                      Zuletzt geändert von doast; 02.10.2015, 15:40.

                      Kommentar


                      • berniehh
                        Fuchs
                        • 31.01.2011
                        • 1936

                        • Meine Reisen

                        #12
                        AW: [EST] Die zwei Gesichter eines estnischen Weitwanderweges

                        Schon auf dem ersten Teil des Korve Trails von Alja nach Aegviidu fand ich die Straßenanteile viel zu hoch, westhalb ich nur Teilabschnitte des Trails folgte und den Rest weglos oder andere schmale Pfade nahm. Aber der zweite Teil ab Aegviidu schlägt ja dem Fass den Boden aus

                        Trotzdem: ein sehr interessanter und aufschlussreicher Bericht .....nur schade daß der zweite Teil des Trails so schlecht ist
                        www.trekking.magix.net

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                        • doast
                          Erfahren
                          • 17.02.2014
                          • 132

                          • Meine Reisen

                          #13
                          AW: [EST] Die zwei Gesichter eines estnischen Weitwanderweges

                          @ bernieh: Im ersten Teil fand ich es echt noch voll ok. Klar bewegt man sich nicht in absoluter Wildnis aber um ein paar Tage abzuschalten fand ich es ganz gut so, habe auch bewusst einen einfach zu gehenden Weg in einer mir unbekannten Ecke gesucht.

                          Dass du ganz andere Ansprüche an deine Wege hast habe ich in deinen Reiseberichten erkennen können Sehr fantastisch was du da so abläufst! Soweit bin ich aber noch lange nicht

                          Das nächste Mal suche ich mir aber doch wieder einen Weg mit ein bisschen mehr Höhen und abwechslungsreicherem Terrain heraus

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                          • Rainer Duesmann
                            Fuchs
                            • 31.12.2005
                            • 1640

                            • Meine Reisen

                            #14
                            AW: [EST] Die zwei Gesichter eines estnischen Weitwanderweges

                            Danke und gute Besserung.

                            Rainer
                            radioRAW - Der gesellige Fotopodcast

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