[PT] Ganz im Westen

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  • Werner Hohn
    Freak

    Liebt das Forum
    • 05.08.2005
    • 10865

    • Meine Reisen

    #21
    AW: [PT] Ganz im Westen
    "Die könnten hier jeden Plunder abstellen",

    hat meine Frau etwas despektierlich das Innere des Weltkulturerbes kommentiert. Das war in Sintra, genauer im Palacio Nacional da Pena. Der Palast, einige andere auch noch, und das ganze Drumherum um Sintra ist UNESCO-Welterbe. Die Burg ist wahr gewordene Phantasie eines Dom Sowieso, einer von der Sorte, die eine römische Ziffer hinten im Namen haben, damit sie in der Geschichte nicht verloren gehen.

    Nach Sintra waren wir mit dem Zug gefahren - ungeplant. Losgegangen sind wir mitten in Lissabon, sogar mit dem Vorsatz bis Sintra zu Fuß zu gehen. Drei Stunden sind wir gegangen. Immer nach Nordwesten, vorbei am Zoo ins Arbeiterviertel Benfica. Dahinter hört die Stadt dem Namen nach auf. Wir haben sogar die Stadtgrenze mit den ehemaligen Kontrollhäuschen gesehen. Die Stadt stört sich nicht weiter daran, denn die wuchert weiter, allerdings unter Tarnnamen. In Amadora hat sie endlich aufgehört, aber nur auf dem Stadtplan. Da war auch für uns Schluss. Nicht, dass wir uns die Geherei auf Bürgersteigen zum Hals raushing, aber mir fehlte eine Karte. Leider hatte ich bei der Planung geschlampt. Der Übergang vom Stadtplan auf die Militärkarte bestand aus einen stundenlangen Nichts. Auf der Straße haben wir unsere Planung geändert. Gehen wir eben nicht von Lissabon nach Norden, fangen wir halt in Sintra neu an.

    Und so sind wir schon am Mittag in Sintra angekommen. Da hätten wir genug Zeit gehabt, für all die Sehenswürdigkeiten, die man sich ansehen muss. Von außen haben wir uns so gut wie alles angesehen. Reingegangen sind wir nur in den Palacio Nacional da Pena oben auf dem Berg, das auch nur, weil ich aus Versehen für die Innenbesichtigung bezahlt hatte. Wenn es um das Innere alter Gemäuer geht, sind wir Banausen. Zu dunkel, zu eng, zu zugig, zu verwinkelt, erdrückend; und alte Möbel beurteile ich, wenn überhaupt, nur unter dem Gesichtspunkt der darin steckenden Wärmeenergie.

    Wir haben uns dann in die Schlange eingereiht. Immer schön brav im Gänsemarsch über dunkle Teppiche und dunkle Holzböden durch zugige Räume mit winzigen Fensterchen. Bis zur Schmerzgrenze vollgestopft mit dunklen Betten, dunklen Tischen, dunklen Stühlen, dunklen Schränken und Vitrinen. An den Wänden zwischen ausgestopften toten Tieren überall irgendwelche vor zig Jahren verstorbene Männer und Frauen in Öl. In unseren Augen nichts als Plunder und Nippes aus dem 19. Jahrhundert.

    Natürlich waren wir da oben nicht alleine. Sintra steht in allen Reiseführern, hat jeder Veranstalter als Sintra-mit-dem-Bus-für-10-Euro-inklusive-landestypischem-Menue im Programm. Leider Gottes führt eine Straße hoch zur Burg und zur Maurenruine auf dem Hügel nebenan. Parkplätze gibt es auch, wenn bis jetzt auch wenige. Für absolute Verweigerer der Fortbewegung zu Fuß, gibt es Minibusse für die Überwindung der letzten 300 Meter. Kostet 2 Euro pro Nase.

    Óbidos ist auch so ein Treffpunkt der Tagsausflugsjunkies und Studienreisenden. Die einen fahren hin, weil der Reiseveranstalter der Meinung ist, dass der Ort zur Bildungsreise gehört, die anderen, weil der Tagesausflug mit dem Bus spottbillig ist. An solchen Orten lassen sich beide Gruppen ganz gut auseinanderhalten. Die einen stehen meist mit einem dicken Reiseführer vor einem geschichtsträchtigen Gebäude und schauen sich minutenlang einen Stein an. Die anderen sind in fünf Minuten durch und bevölkern dann die Nippesläden mit anschließendem ausgiebigem Besuch einer Kneipe mit Lokalkolorit - oder andersrum. Meine Frau und ich liegen irgendwo dazwischen. Dass Óbidos auf keinen Fall ausgelassen werden darf - und auch nicht wird - wenn man schon mal in der Gegend ist, macht der große Parkparkplatz direkt an der mittelalterlichen Stadtmauer klar. Die Stadtverwaltung hat sich nicht lumpen lassen und geklotzt. Bis auf die Autos der wenigen Bewohner, die es noch innerhalb des zinnenumschlungenen Gassenwirrwars aushalten, darf kein Auto rein. Ganz im Gegensatz zu Sintra. Dort werden die Straßen zugeparkt.

    Dass wir überhaupt nach Óbidos gegangen sind war eine Mischung als Zwang, Neugier und Ad-hoc-Planung beim Frühstück in der Jugendherberge von Praia da Areia Blanca. Egal wie wir es anstellen würden, ein kleiner Bogen ins Landesinnere würde uns letztendlich nicht erspart bleiben. Die Verbindung der Lagoa de Óbidos mit dem Atlantik lässt sich beim besten Willen nicht überqueren, wenn dann nur schwimmend. Da sind wir halt übers Land gegangen. Es war ein nicht immer schöner Umweg, auf dem mir völlig überflüssig ein kläffendes Hundchen an die Hose gegangen ist, der sich zum Schluss doch gelohnt hat. Óbidos auszulassen wäre ein kleiner Frevel gewesen. Ein Japaner auf Deutschlandreise lässt ja auch nicht Rothenburg ob der Tauber aus.

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    Etappe Óbidos - Foz do Arelho: In Foz do Arelho

    Etappe Foz do Arelho - Nazaré: Alte Frauen in Nazaré

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    Etappe: Nazaré - São Pedro de Muel: Küste beim Vale de Paredes

    Etappe Nazaré - São Pedro de Muel: Leuchtturm in São Pedro de Muel

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    Der Sieger der portugiesischen Polizeimeisterschaft im Wellenreiten

    sieht haargenau so aus, wie ich mir einen Sieger dieser Sportart vorstellen würde: Ende 20, schlabberige Bermudashorts, knatschbuntes Hawaiihemd und braungebrannt bis unter die Fußsohlen. Letzteres ist nur eine Vermutung, denn seine Füße steckten in bunten Flipflops. Und wie es sich für so’ne Sportart gehört, verdient er sein Geld bei der Polícia Marítima, die portugiesische Version der Küstenwache.

    Im überschaubaren Fischerhafen von São Pedro waren wir auf der Suche nach einer kleinen Personenfähre, die angeblich von da rüber nach Figueira da Foz fahren soll. Das steht im Reiseführer, wenn auch nicht mit allerletzter Bestimmtheit, aber die Worte Fähre und rüber zum andern Ufer kommen darin vor. Von einer Fähre war weit und breit nichts zu sehen. Kein Boot, kein Anleger, kein Schild, nichts. Wir hätten alles wieder zurück gemusst. Zurück zur Brücke, an deren geschwungenen Auffahrt wir vor einer halben Stunde vorbeigelaufen waren. Und dann in einem weiten Bogen in die Stadt. Eine Stunde Umweg, um ans Ziel zu gelangen, das eben ein paar Steinwürfe weit weg war.

    Unser Scheitern war ganz offensichtlich, entsprechend unsere Laune. Da tauchte zwischen den runtergewirtschafteten Hallen ein blauer Pickup der Polícia Marítima auf. Den habe ich dann gestoppt. Nein, eine Fähre gibt es hier nicht, hat es nie gegeben, meinte der Kerl hinter dem Lenkrad, aber das sollte kein Problem sein, er wird uns auf die andere Flussseite fahren.
    Ja, er hat uns dann noch bis ins Zentrum gefahren und uns dabei die Geschichte mit der Meisterschaft im Wellenreiten erzählt. Wir waren ein bißchen über seine „Dienstkleidung“ erstaunt. Das hat er mit Innendienst abgetan. Wenn die alle in so einem Aufzug auf der Dienststelle erscheinen, hat sich die Polizei in Portugal seit den Zeiten der Diktatur doch sehr gewandelt, habe ich gedacht, als er hupend auf der Gegenfahrbahn verschwand.

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    Etappe São Pedro de Muel - Pedrógão: ...

    Etappe São Pedro de Muel - Pedrógão: Vorsaison in Pedrógão
    Zuletzt geändert von Werner Hohn; 04.11.2011, 00:19.
    .

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    • Mo667
      Erfahren
      • 25.04.2009
      • 151

      • Meine Reisen

      #22
      AW: [PT] Ganz im Westen

      Sehr schön!

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      • Pfad-Finder
        Freak

        Liebt das Forum
        • 18.04.2008
        • 11357

        • Meine Reisen

        #23
        AW: [PT] Ganz im Westen

        Werner, meine Hochachtung! Du setzt hier ganz neue Maßstäbe in Sachen Text- und Bildgestaltung. Um es mal auf eine Kurzformel zu bringen: Die meisten - und ich schließe mich da gar nicht aus! - machen hier so eine Art Fotoalbum mit Text oder ein Notizbuch mit eingeklebten Bildern. Aber Du zauberst einen Bildband.

        Viele Grüße

        Pfad-Finder
        Schutzgemeinschaft Grüne Schrankwand - "Wir nehmen nur das Nötigste mit"

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        • Werner Hohn
          Freak

          Liebt das Forum
          • 05.08.2005
          • 10865

          • Meine Reisen

          #24
          AW: [PT] Ganz im Westen

          Dankeschön, auch weiter nach oben.

          Der Hintergedanke bei der Fotogeschichte war, dass ich mir für diesen Bericht nicht so eine Menge Arbeit mit der Schreiberei aufhalse wollte. Zudem hat mich gereizt, was mit bb-Code möglich ist. Und durch die Begrenzung auf maximal 500 Pixel in der Breite ist dem Panoramaformat das Wasser abgegraben worden. Da musste etwas anderes her. Sicher bin ich mir noch nicht, doch vermutlich wäre ich mit der Textversion schon durch.

          Grüße, Werner
          .

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          • Werner Hohn
            Freak

            Liebt das Forum
            • 05.08.2005
            • 10865

            • Meine Reisen

            #25
            AW: [PT] Ganz im Westen
            Klimaanlagen sind eine tolle Sache,

            haben wir uns mehr als einmal bestätigt. Ohne würden die Hoteliers, Zimmervermieter und Pensionswirtinen in den Sommern Südeuropas von halbleeren Häusern leben müssen. Die erste Fernbedienung für den Kasten hoch oben im Winkel zwischen Wand und Decke hat uns auf dieser Reise die freundliche Frau vom Hotel in Santa Cruz in die Hand gedrückt. Im ersten Augenblick wussten wir nichts damit anzufangen. Ende März, Anfang April war es so kalt in Portugal, dass wir nicht aus den warmen Fleecejacken rausgekommen sind. Wofür braucht man dann eine Klimaanlage? Mit einer Heizung wären wir besser bedient. Es hat ein paar Minuten gebraucht, um auf die Idee zu kommen, dass die Südeuropäer mit dem Gerät auch heizen.

            Die 3 Wochen um Ostern waren anders als die im Herbst. Ganz anders. Nicht wegen der Landschaft und der Dichte der Besiedlung, hauptsächlich das Wetter hat gezeigt, dass Portugal auch andere Seiten hat, nämlich eiskalte. Frieren war an der Tagesordnung. Selten haben die Temperaturen die 15-Grad-Marke überschritten. Morgens war es mancherorts so kalt, dass ich beim Zurückschlagen des Außenzelts mit Reif gerechnet habe. An einem Morgen waren wir nicht weit davon entfernt. Runter bis an den 5-Grad-Strich war die blaue Säule im Glasröhrchen des Thermometers gefallen.

            Trotz überwiegend strahlend blauem Himmel waren Kälte, Sturm und Regen unsere Begleiter. Nicht mal eben so ein bisschen Wind. Starker Nordwestwind, der arktische Kälte mitbrachte, machte es unmöglich längere Strecken über den Strand zu gehen, trieb uns oft weit vor der frühen Dämmerung in die Schlafsäcke oder unter die dünne Bettdecke
            Campingplätze haben wir nach der Wassertemperatur der heißen Duschen beurteilt. Das war der Ersatz für die fehlende Heizung. Mit das schönste an den Abenden in den Jugendherbergen, Hotels, dem einem Estalagem in den wir gelandet waren, war das Blubbern und Zischen der schweren Heizkörper oder eben das Schnurren der Klimaanlage.

            In dem Frühjahr hat es über Ostern in den Bergen der Serra da Estrala bis weiter unterhalb 2.000 Meter geschneit. Darüber haben sich die Skiliftbetreiber und Hoteliers im einzigen Skigebiet Portugals sehr gefreut. In den Nachrichten waren vor Begeisterung strahlende Gesichter unter draufgängerisch die südländische Stirn zierende Skibrillen zu sehen. Portugiesen und Spanier im Wintersportfieber. Unten an der Küste, noch keine 100 Kilometer weiter westlich, haben wir gefroren, wie noch in keinem Urlaub in Südeuropa.

            Den obligatorischen Nachmittagkaffee am Strand hat uns oft der Sturmwind mit Sand verfeinert. Da half kein Verkriechen hinter den aus einer schweren, alten Lkw-Plane zurechtgeschnitten und doch knatternden Windschutz, hinter die schon seit Jahren blinde und rissige Plexiglasscheibe oder in den Windschatten der Strandbude. Der Wind hat den feinen Sand durch Ritzen, Risse, Ösen und Löcher, über die Dächer und unter den Böden der Buden getrieben. Fliegender Sand hatte die Strände und Promenaden leergefegt, wenn überhaupt jemand da war.

            Wind hat uns vom ersten Wandertag an begleitet. Schon in Sintra hat der so sehr durch die Ritzen der alten zimmerhohen Fenster gedrückt, dass ich eine halbe Rolle von dem dünnen iberischen Klopapier verarbeiten musste, damit es erträglich wurde. Auf dem Campingplatz in Ericeira kamen erstmals wieder die Sturmleinen zum Einsatz, dann aber immer.
            Praia de Mira habe ich mir erst mit beginnender Dämmerung ansehen können, so sehr hat der Wind geblasen. Im abendlichen Pedrógão war ich auf dem kurzen Weg vom Restaurant zur Pension nicht sicher, was fazinierender war: die sandverwehten Straßen oder der bitterkalte Nordwind, der beißend um die Häuser fegte. Die Orte auf dem schmalen Landstreifen zwischen der Ria de Aveiro und dem Atlantik werden für uns zweigeteilt bleiben. Stürmisch und kalt am Ozean, sonnig und angenehm nur wenige Meter landeinwärts am Ufer der Ria. Draußen unaufhörlich an den Strand donnernde Wellen, von dessen Schaumkornen der Wind nicht enden wollende Gichtfahnen riss. Drinnen nur das Gluckern am Rumpf der an wackeligen Holzstegen verdäuten Kähne.

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            Etappe Pedrógão – Figueira da Foz: Strandbuden in Figueira da Foz

            Etappe Pedrógão – Figueira da Foz: Warten auf Sommergäste in Figueira da Foz

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            Unbeschreiblich öde

            waren nur wenige Strecken. Meist nur für wenige Kilometer, sogar nur für kurze Minuten. Die waren dann aber so öde, dass sie den halben, wenn nicht sogar den ganzen Tag bestimmt haben.

            Die halbe Stunde runter von Salir do Porto nach São Martinho do Porto gehört dazu. Beide Orte sind gesichtslos und geschmacklos bis zur Tristesse. Salir macht oben auf einem Hügel den Anfang, São Martinho führt das unten in der weiten geschlossenen Bucht weiter und setzt noch die Öde vielstöckiger leerstehender Apartmenthäuser drauf. Zwischen beiden Orten eine viel zu breite Straße, die, wenn die Träumereien Wirklichkeit geworden wären, schon lange von Ferienhäusern, Amüsiermeilen und Hotels flankiert würde. Heute wächst auf den überflüssigen Parkstreifen Unkraut, das langsam auch Besitz von den Verkehrsinseln nimmt. Wir haben dort den hässlichsten Campingplatz gesehen, den stimmungsmordensten Himmel ertragen müssen, und in mir tobte die Lust am Abbruch.

            Die paar Kilometer von Olho Marinho bis Amoreira und hinten wieder raus waren quälend, ohne das es einen besonderen Grund gab. Einfach so.

            Der Frust über die dämliche Sucherei nach einer Abkürzung von Pederneira nach Sitio da Nazaré am frühen Morgen, die zu einem Umweg werden sollte, hat lange vorgehalten. Aus jenem großen „S“, das wir an einem Sonntagmorgen in die Landschaft gelaufen haben, wäre eventuell eine passable Strecke geworden, hätten wir mehr Mut zum Ungewissen gehabt. Die ewige Frage, warum man sich das mal wieder antut, hat noch weit bis über den Kaffee hinaus in uns genagt.

            Das morgendlich Unverständnis über den Weg raus aus Praia de Mira hat so lange gehalten, bis wir den Abzweig am Kanal gefunden hatten. Es war ein nasser, ein kalter und ein dunkler Morgen. Das Zelt hatten wir schon früh abgebaut. Wir hatten sogar eine offene Bäckerei gefunden. Für Minuten hatten wir im Warmen gesessen und um die zu verlängern, noch einen Kaffee mehr bestellt. Schließlich mussten wir raus, auf die vor Nässe glänzende Straße, von deren Anhöhe kalte Atlantikwinde einfallen würden.

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            Etappe Figueira da Foz - Praia de Mira: In den Dunas de Quiados

            Etappe Figueira da Foz - Praia de Mira: Fischerboot in Praia de Mira
            Zuletzt geändert von Werner Hohn; 04.11.2011, 00:20.
            .

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            • Nicki
              Fuchs
              • 04.04.2004
              • 1250

              • Meine Reisen

              #26
              AW: [PT] Ganz im Westen

              Sehr schön

              Und ein richtig gutes "Foto" Auge

              Gruß FS
              www.mitrucksack.de
              Ganz viel Pyrenäen ( HRP- Haute Randonnée Pyrénéenne - komplett) und ein bisschen La Gomera

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              • paddel
                Fuchs
                • 25.04.2007
                • 1850

                • Meine Reisen

                #27
                AW: [PT] Ganz im Westen

                Mal wieder ein absoluter Topreisebericht!

                Immer wieder faszinierd bin ich von deinen Bildern. Klasse!

                Grüße!
                Froh schlägt das Herz im Reisekittel,
                vorausgesetzt man hat die Mittel.

                W.Busch

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                • eifelwalker
                  Erfahren
                  • 22.04.2008
                  • 220

                  • Meine Reisen

                  #28
                  AW: [PT] Ganz im Westen

                  Zitat von Werner Hohn Beitrag anzeigen
                  Wird fortgesetzt.
                  Hallo Werner!
                  Du spannst uns (besonders mich) ganz schön auf die Folter.

                  Gruß, Rainer
                  Cheyenne-Häuptling White Antelope: "Nichts lebt lange, nur die Erde und die Berge."

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                  • flashons
                    Neu im Forum
                    • 03.03.2008
                    • 4

                    • Meine Reisen

                    #29
                    AW: [PT] Ganz im Westen

                    Hallo Werner,

                    ich kenn dich zwar nicht, aber super Bericht und tolle Fotos! Bin total gespannt auf den Rest...

                    LG
                    flashons

                    PS bin jedes jahr in der region unterwegs...

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                    • Werner Hohn
                      Freak

                      Liebt das Forum
                      • 05.08.2005
                      • 10865

                      • Meine Reisen

                      #30
                      AW: [PT] Ganz im Westen

                      Tach Leute,

                      ja, geplant war, dass ich Anfang August mit dem Bericht durch bin. Dann kam eine fette Erkältung dazwischen. Im Anschluss dann eine 2,5 Wochen Wanderung, von der wir gestern Abend zurückgekommen sind. In den nächsten Tagen geht es hier weiter und dann direkt bis zum Ende.

                      Gruß, Werner
                      .

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                      • Werner Hohn
                        Freak

                        Liebt das Forum
                        • 05.08.2005
                        • 10865

                        • Meine Reisen

                        #31
                        AW: [PT] Ganz im Westen
                        Beim ersten Haus hast du alles gesehen,

                        haben wir uns oft gesagt. Grottenschlechte mehrstöckige preisorientierte Urlaubernutzarchitektur. Dazwischen die Ferienhäuser des portugiesischen Mittelstands oder der Auswanderer, die einmal im Jahr ihrem Heimweh freien Lauf lassen und über den Sommer ihre Familien in die alte Heimat verschleppen. Wert auf Schönheit hat keiner gelegt. Nordeuropäische Vorstellungen, wie ein Stranddorf im Süden auszusehen hat, haben zum Glück noch keinen Weg bis an die Westküste gefunden. Und wohltuend war das Fehlen mediterraner Kitschbauten.

                        Überall verrammelte Rollläden und vergitterte Zufahrten. Gut sichtbar an den Zäunen oder Eingängen das Schild einer Wachgesellschaft. Ein halbes Dutzend sandverwehte Straßen in praktischer Rechteckordnung, durch die in den nächsten Stunden bestimmt kein Auto fahren wird. Zugige, leblose Plätze mit Betontrögen, Plastikmülleimern und Bänken aus sonnengebleichtem Eukalyptusholz.
                        Vorfinden würden wie eine verlassene Touristeninfo, deren von Staub und Salz blinde Fensterscheiben nur notdürftig den Blick auf leere Prospekthalter verweigern wird. Irgendwo dazwischen eine Bar, vielleicht auch zwei und ein unscheinbarer Supermarkt mit stark eingeschränktem Winterangebot. Mit etwas Glück eine Pension, mit noch mehr Glück ein Hotel oder ein Residencial. Zum Atlantik raus eine schmale Promenade, über die der Nordwestwind Sand treiben würde.

                        Hinter Nazaré hat das mit den austauschbaren Orten angefangen. Dort beginnt die langgestreckte Küstenebene, die bis hoch nach Porto keine wirklich nennenswerten Anhöhe mehr hat. Bis zur Ria da Aveiro nur Sand, Kiefern und der Atlantik. Hauptsächlich Kiefernwälder mit schnurgeraden schmalen Straßen und diese Dörfer, die kein Reiseveranstalter je anbieten wird.

                        Auf unserem mehrtägigem Weg durch die Kiefernwüste hat nur Figueira da Foz aus dem Einerlei herausgeragt. Halbwegs groß, gepflegt, gebügelt, belebt und im Frühjahr noch angenehm träge. Zum Strand raus die obligatorische Hochhausreihe. Hinten raus gemütlich, bürgerlich und bewohnt. Die Stadtverwaltung, weiß, was sie den Gästen schuldig ist.

                        Aber sonst? Orte, die meiste keine Orte sind, nur Ansiedlungen. Urbanes Leben gibt es nur im Sommer, der erst spät im Juni anfängt. Wenn die Wirte ihre Bars und Restaurants mit weißen und roten Plastikstühlen bis zur Promenade verlängern, bunte Eisplakate und Fähnchen die ausgebleichten Farben der Buden überdecken, Klamottenständer die Bürgersteige säumen, Surfshops Badelatschen und -hosen zu überteuerten Preisen anbieten, über den von Sonne und Hitze knochentrockenen Holzzäunen, die den Sand am Strand halten sollen, nasse Handtücher zum Trocknen hängen, dann ist Saison.

                        Vermutlich wird dann das Bürgermeisteramt dafür sorgen, dass die Mülleimer geleert werden und der Dreck von den Plätzen verschwindet. Dem Sand werden sich Kehrmaschinen oder Saisonarbeiter mit Reisigbesen, neuen, ladenfrisch glänzenden Schaufeln und alten, großen Schubkarren annehmen.

                        Mitte, spätestens Ende September läuft das alles wieder rückwärts. Die erste dünne, nervig raschelnde Plastiktüte, das heimliche Markenzeichen iberischer Lebensmittelläden, wird sich im Zaun verfangen. Der zunehmende Herbstwind wird leere Plastikflaschen über leere Parkplätze wehen. Nach und nach wird sich der Sand in der Ansiedlung verteilen. Anfangen wird es mit einer kleinen Sandanwehung hinter der Mauer, die den Strand von den ersten Häusern trennt. Hinter Blumenkübeln und Begrenzungssteinen wird sich der Stand aufstauen, schließlch einen Weg durch Lücken und Ritzen finden und kleine Sandverwehungen auf die Straßen schieben, die über den Winter ungestört wachsen werden. Die Kehrmaschinen und Besen und Schaufeln sind in den Depots verschwunden, die Saisonarbeiter sitzen zu Hause vorm Fernseher oder in der Bar.

                        Mit den letzten Urlaubern verschwinden Tische, Stühle und Sonnenschirme. Ein Barbesitzer wird durchhalten und seine Bar über den touristischen Winter, der hier ein länger als halbes Jahr dauert, für die paar Einheimischen und die seltenen Gäste offen halten. Die Straßen in Strandnähe werden von leergeräumten Läden flankiert. Blinde, dunkle Schaufenster werden bis zum kommenden Sommer mit grellbunten Aufschriften an den Saisonausverkauf vom letzten Jahr erinnern.

                        Am Strand und auf den Klippen werden Angler unter sich sein, wenn sie stundenlang ihre Angelruten ins Meer auswerfen. Auf den Promenaden werden bei Sonnenschein alte Männer in dicken Jacken ihren Rücken dem Wind zudrehen, um beim Schwätzchen dem Jahr einen Tag abzuluchsen. Mittags werden zwei, drei Handwerker in der Bar erscheinen, ein einfaches Essen bestellen und nach dem nie fehlenden Kaffee wieder verschwunden sein.

                        Wie gesagt: Beim ersten Haus war das schon abzusehen, und trotzdem, vermutlich deshalb, haben wir uns in solchen Orten wohl gefühlt. Fünf Minuten die Straße rauf, fünf Minuten wieder runter. Durch die eine Querstraße in Richtung Land, über die andere wieder in Richtung Meer. Nochmal mit dem Wind die Promenade hoch und mit hochgeschlossener Jacke gegen den Wind zurück. Es würde noch keine halbe Stunde dauern, bis wir den ganzen Ort kennen würden, und die Einheimischen uns.

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                        Etappe Praia de Mira - Porto Novo: Am Wegrand bei Barra da Mira

                        Etappe Praia de Mira - Porto Novo: Typische Strandhäuser in Porto Novo (Aveiro)

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                        1948, 1960 und 1968

                        steht in den Legenden der Militärkarten. Letzte Vermessung im Feld: 1948, bei einer Karte sogar 1947. Letzte Korrekturen mittels fotoplanimetrischem Verfahren: um die 1960er Jahre. Letzte Überarbeitung der Straßenklassifikation: 1968. Auf Blatt 16 IV steht als Quellenangabe sogar: „Hidrográfica de Alemaha número 1053, edição de 1952 (precisão boa)“. Jenes betrifft aber nur den Atlantik. Ist das nun beruhigend oder sollten wir uns ernsthafte Gedanken ums weitere Vorankommen machen?

                        Im Kartenstoß waren drei 50.000er Blätter, die immer noch auf so alten Daten basieren. Der große Rest war aktueller – um viele Jahrzehnte. Die meisten stammen aus den Jahren zwischen 1990 und 2002. Die Karten des portugiesischen Militärs sind genau, wenn auch nicht so genau und mit Liebe zum Detail wie die Karten Schweizer Behörden oder bundesrepublikanischer Landesvermessungsämter. Aber da, wo es drauf ankommt passt es schon, hatten wir in den vergangenen Wochen erfahren.

                        Hierher, das war nördlich Figueira da Foz bis fast ans Ende der Ria de Aveiro. Drei Tage sind wir mit den uralten Karten unterwegs gewesen. Bis auf eine Brücke im Hafen von Aveiro, die neu gebaut wurde, und eine Brücke, auch dort im Hafen, die abgerissen wurde, sowie eine damals noch nicht fahrende Fähre, hat sich nicht viel geändert. Die Orte, speziell die an der Küste, sind etwas größer geworden, die Zufahrten dorthin auch. Die Forsthäuser und Zollstationen sind in den vielen Jahren zu Ruinen geworden und ein kleiner See ist eingetrocknet. Alles andere hat sich an die Vorgaben der Militärkarten gehalten. Was damals als einspurige Schlaglochpiste Eingang in die Karte gefunden hat, ist das heute immer noch. Und an den Kiefern und dem Sand ändert sich eh nichts.

                        Nur einmal haben wir uns verlaufen. Das war noch in Quiaios, einem Nest mit fünf Straßen. Das Dorf hat sich in den vergangenen 6 Jahrzehnten einen kleinen Umbau gegönnt, nicht viel, Fremden fällt das nicht auf. Uns auch erst, als uns ein Verkehrschild spanisch vorkam. Dank der alten Karten wurde aus dem Verlaufen nur ein Umweg von wenigen Minuten.

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                        Etappe Porto Novo - Torreira: Die Ria de Aveiro

                        Etappe Porto Novo - Torreira: Moliceiro-Boote (Tangfischer) bei Torreira

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                        Nicht vergessen ...

                        ... habe ich die Traumstrände an der Atlantikküste. Unten im Süden und rund um Lissabon meist klein und zwischen hohen Klippen versteckt. Im Norden, eigentlich in der Mitte Portugals, ab Nazaré bis hoch zur Mündung des Douro, unendlich. Menschenleer waren alle. Im Herbst 2008 von der Sonne beschienen und warm, im Frühjahr 2009 manchmal sonnenbeschienen aber immer stürmisch und kalt.

                        ... die archaischen Fischerboote an der stürmischen Atlantikküste, die dort wie Relikte aus lange vergangenen Zeiten auf dem Sand liegen – immer noch. Mangels Häfen ziehen alte, vor Meersalz starrende Traktoren mit mehrfach übersetzten Winden die tonnenschweren Holzkähne hoch auf den Strand. So hoch, dass auch bei auflandigem Sturm und auflaufendem Wasser die Boote sicher sind.

                        ... ist die Brackwasserlagune der Ria de Aveiro. Eine Lagune im Gezeitenrhythmus, mal ausufernd zum See, dann wieder ein schmales Rinnsal. Eine lange Uferstraße, mit wackeligen Holzstegen für die Freizeitfischer direkt neben dem Asphalt. Mit bunten, manchmal halbabgesoffenen Kähnen und Ruderbooten. Mit den Booten der Tangfischer, die vorsorglich auf dem Land liegen und nur noch zur alljährlichen Regatta auslaufen.

                        ... die Fähre von Forte da Barra nach São Jacinto, denn die hat uns lange warten lassen. Ganz früh hatten wir uns auf den Weg gemacht, um möglichst noch am Morgen überzusetzen. Diesen Tag hätten wir gemütlicher angehen können. An Sonntagen im Frühjahr fährt die alte Autofähre schon in aller Herrgottsfrühe, dann erst wieder mit dem Mittagshochwasser, wenn die Flut den Atlantik in die Ria drückt.

                        … ist, dass wir das bekannteste Feriendorf an der südlichen Westküste nur wegen zwei Tassen Kaffee umgangen haben. Vila Nova de Milfontes oder Kaffee in einer runtergekommen Bar an einem Kreisverkehr in der Peripherie, haben wir uns gefragt. Im Herbst war uns der Kaffee wichtiger, auch wenn wir danach aus Faulheit einige Kilometer Straße mehr gehen mussten.

                        ... das funkelnagelneue Residencial in Porto Novo, in dessen Bad ein Zettel in drei Sprachen die Gäste daran erinnert, dass benutztes Toilettenpapier in eben diese geworfen werden soll. Meist geht das andersrum: benutztes Klopapier gehört in den neben der Toilette stehenden Eimer – egal wie sehr das stinkt.

                        ... haben wir das Cabo da Roca. Das Kap ist der westlichste Punkt des europäischen Festlands. Wir waren nicht dort, obwohl wir ganz ganz nah waren. Erst unterwegs, als wir vorbei waren, ist uns das aufgefallen. Vorher habe ich so oft daran gedacht. Aber dann ...? Vermutlich ein Grund wieder hinzufahren. Wo befindet sich eigentlich der östlichste Punkt des Kontinents?

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                        Etappe Torreira - Ovar: Morgens an der Ria de Aveiro

                        Etappe Torreira - Ovar: Kirche in Ovar

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                        Etappe Ovar - Espinho: 1 x für die Post, 2 x für die Hl. Maria, alles für den Fußball. Portugal!
                        Zuletzt geändert von Werner Hohn; 04.11.2011, 00:23.
                        .

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                        • Atze1407
                          Fuchs
                          • 02.07.2009
                          • 2425

                          • Meine Reisen

                          #32
                          AW: [PT] Ganz im Westen

                          Einfach toll!

                          sterne

                          Atze1407
                          Wenn du den Charakter eines Menschen kennenlernen willst, gib ihm Macht.
                          Abraham Lincoln

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                          • eifelwalker
                            Erfahren
                            • 22.04.2008
                            • 220

                            • Meine Reisen

                            #33
                            AW: [PT] Ganz im Westen

                            Ein Super-Bericht lieber Werner, ich verneige mich.

                            Herzliche Grüße
                            Rainer
                            Cheyenne-Häuptling White Antelope: "Nichts lebt lange, nur die Erde und die Berge."

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