Liest sich super, tolle Schreibe!
[EU] Von Berlin nach Berlin mit einem kleinen Schwenk über West- und Südeuropa
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Etappe 5: Nantes – Bordeaux
Auf asphaltierten Radwegen und mit der salzigen Luft im Rücken sauste die Atlantikküste mit ihren ewigen Dünen nur so an mir vorbei. In der Vorsaison waren die meisten Strände und Ortschaften noch wie ausgestorben. Man sah nur ein paar weniger Surfer draußen allein auf ihren Brettern liegen, eingepackt in dicke Neoprens und wartend auf die nächste Welle und das Setting hatte dann immer etwas melancholisches mit diesem endlosen Ozean im Hintergrund. Ein besonderer Reiz war das abendliche Mahl am Strand im späten langen Sonnenuntergang und die Nächte auf dem weichen, sandigen Dünenboden. Morgens lag dann ein dicker, mystischer Nebel über allem, der sich erst mit der aufgehenden Sonne verzog. Ich probierte mich auch mit dem Radeln auf dem Strand, merkte aber schnell das die Kombination aus zu dünnen Reifen und schwerem Gepäck dafür eher ungeeignet ist. Und ein schöne Portion Sand hatte ich dann auch im Antrieb. Für ein paar Kilometer hat es sich trotzdem gelohnt.
Tag 33 (So): „Sozusagen vom Waldkauz geweckt stehe ich trotz Müdigkeit auf, um die frühen Morgenstunden zu genießen. Mit dem Fahrrad zuerst über die Dünen, dann auf dem Strand der Küste entlang. Wirklich zu schön, um wahr zu sein! In Les Sables-d’Olonne zum Bäcker und Carrefour. Hier findet in 6 Tagen am 10. Mai die Siegerehrung zur Vendée Globe 24/25 statt, solange kann ich aber leider nicht warten. Langsam zieht es zu, Wind kommt auf und die Feuchte Luft wird nach und nach zu Regen. Ich fahr gemächlich vor mich hin. Es zieht sich. Irgendwann fang ich wieder an in die Pedale zu treten, denn mein Tagesziel Ilê de Ré liegt noch ein ganzes Stück entfernt. Starker Gegenwind… dann muss ich Bundesstraße fahren, wobei ich ständig angehupt werde. Ging, aber war nicht toll. Dann komm ich wieder besser voran, bis ich plötzlich vorne einen Platten habe. Ich wechsle schnell den Schlauch, denn das Loch kann ich auf Anhieb nicht finden. Als ich über die gigantische Brücke auf die Insel fahr, geht bereits die Sonne unter. Großartige Stimmung. Am Strand finde ich leider keinen Platz und so muss ich mich mit einer Wiese hinterm Parkplatz begnügen. Zumindest windgeschützt. Gute Nacht.“
ein Meer aus Wolken oder Wolken aus Meer?
Statue d'Ulysse in Les Sable-D'Olonne
Weiter im Süden im Département Gironde kamen dann die großen Pinienwälder, die so trocken waren, dass das Feuer schon vor meinen inneren Augen gelodert hat. Hier radelte ich ein paar Stunden mit Greg aus Brüssel. Er erzählte mir von der Mönchsbierkultur in Belgien, die dort leider komplett an mir vorbei gegangen ist. Definitiv ein Grund dorthin noch einmal zurückzukehren. Meine letzte Nacht vor Bordeaux verbrachte ich nicht mehr am Meer, sondern am See Étang de Lacanau. Ein schöner Platz in der Stille und direkt am Ufer unter den Bäumen. Diesen Tipp bekam ich von Caroline, einer Mitarbeiterin aus dem örtlichen Bioladen, die mir auch noch fünf Bananen und ein paar Riegel als Wegzehrung mitgab. Am nächsten Morgen schaute ich nochmal dort vorbei, um mich zu bedanken und wurde dann gleich wieder mit Essen überhäuft, diesmal kiloweise Nüsse und stark überteuerter Bio-Buchweizen den ich eigentlich so kaufen wollte. Das war damals unglaublich für mich, und ich fuhr mit einem dicken Grinsen auf den Backen weiter Richtung Bordeaux. Hier war ich bei flüchtigen Bekannten aus einer anderen Reise eingeladen, die ich kurz vorher kontaktieren konnte, als ich in einem Notizheft die Nummer wiederfand. Die Adresse, die ich hatte, war in dem Vorort Bègles, offiziell eine eigenständige Stadt, wirkte aber physisch eher wie ein Teil von Bordeaux.
Rein die braune Brühe!
Fährtüberfahrt Royan - Point de Grave
allein zwischen den Pinien, allein auf den Dünen
keine Menschenseele weit und breit
Sumpfgebeit Étang de Cousseau
Dem Ostwind entgegen ging es von Lacanau über einen Radweg in den Norden der Metropole. Weiter in Richtung Süden fuhr ich dann entlang der Garonne, die ähnlich wie die Seine, die Stadt zentral durchschneidet. Auch sonst bekam ich hier Flashbacks von Paris, besonders durch die breiten Boulevards und die majestätischen Gebäude an der Uferpromenade. Später erfuhr ich das Bordeaux im Französisch auch als Le Petit Paris (das kleine Paris) bezeichnet wird.
die großen Waldbrände der letzten Jahre hinterlassen hier sichtbare Spuren
Nach 6 Tagen und 562 km ohne Dusche kam ich so bei meiner nächsten Haltestelle an. Es war der 8. Mai und ich wurde mit einer dicken Portion Festtagsessen begrüßt. Den ersten Teil des Nachmittags verbrachten wir beim Karten spielen auf der Terrasse. Richtung Abend überredete mich Zuko mit ihm zum Sport zu gehen und wir liefen ein paar Runden um den Fußballplatz. Ein paar Runden zu viel, denn meine Waden, die nun an das Radfahren gewöhnt waren, hießen die plötzlich veränderte Belastung nicht so willkommen und antworteten am nächsten Morgen mit Schmerzen und Krämpfen. Die folgenden Tage musste ich also gedämpft auf der Couch verbringen. Rumliegende Comics und französische Filme hielten mich dennoch bei Laune und ich wurde umwerfend verköstigt.
Am Abend gab es Hugo-spezial- Chickencurry - fantastisch
mit der Tram komm ich doch nochmal zu einer kleinen Runde durch die Stadt
Ente im Steintopf mit getrockneten Mirabellen und Pflaumen
Währenddessen plante ich auch meine Weiterfahrt Richtung Mittelmeer und Provence. Ich wollte den Canal du Midi runterfahren, das wäre einfach und schnell. Andere Radreisende hatten mir von schönen Schluchten in der Gegend von Toulouse erzählt und ich hätte dort auch einen Kontakt über Freunde von meinen Eltern gehabt. Aber als mir Hugo und Cynthia (meine Gastgeber) von den grünen Wäldern und Hügellandschaften im Baskenland und den Pyrenäen erzählten, schwenkten meine Pläne weiter Richtung Süden. Sie gaben mir eine Adresse in der Pilgerstadt Saint-Jean-Pied-de-Port, nahe der spanischen Grenze, und so war ein neues Ziel gesetzt. Auf dem Weg dorthin sollte ich auch noch eine Nacht bei einem guten Freund von Hugo übernachten können. So schwang ich mich, nach ausgiebigem Frühstück, an einem sonnigen Montagmorgen wieder aufs Rad und setzte meine Reise fort.
Zuletzt geändert von DugiOtokInhabitant; Heute, 11:01.Laurie Lee :
An einem hellen Morgen ging ich fort
Aufzeichnungen eines Vaganten
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