[PL] Die Reise nach Ukrillisch-Polen

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    [PL] Die Reise nach Ukrillisch-Polen

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    21. September 2019

    Etwas unvermittelt purzelten wir am Samstagmorgen in Rzeszow auf den Bahnsteig. Völlig unerwartet hatte unser Nachtzug aus Berlin seit dem letzten Halt die Hälfte seiner 20 Minuten Verspätung abgebaut, was wir aber erst merkten, als die Leuchtreklame einer ortsansässigen Firma vorbeisauste. Der Schlafwagenschaffner hatte es aber noch weniger bemerkt.



    Jetzt standen uns nur noch drei Stunden Busfahrt nach Ustrzyki Dolne bevor. Wir mussten nur den richtigen Bussteig finden. Die Einheimischen wissen, wo ihre Busse abfahren, die Auswärtigen ... sollen eben die Einheimischen fragen. Die Abfahrttafel war aber am Ende auch so verständlich, nachdem wir diverse +*®©Ѫ der Legende zugeordnet hatten. "Ѫ" heißt übrigens, dass der Bus nur an orthodoxen Feiertagen verkehrt. Oder vielleicht trügt da auch meine Erinnerung. ​​
    Drei Stunden später kamen wir durchgeschaukelt am Bahnhof in Ustrzyki Dolne an. Eine Bahnverbindung hätte es auch gegeben, aber dafür waren wir sechs Jahre zu spät losgefahren.


    Bahnhof ohne Bahn in Ustrzyki Dolne.


    Wie es sich gehört, suchten wir den erstbesten Laden auf, um uns nach aktuellen Landkarten umzusehen. In Polen gilt bekanntlich das Motto „Landkarten kauft man, wenn es sie gibt - nicht, wenn man sie braucht“. Wir wurden sofort fündig und erwarben eine 2019 aktualisierte Karte im Maßstab 1:50.000, die den ganzen Urlaub abdecken würde - natürlich in der feschen wasserabweisenden Variante mit Camouflage-Muster auf der Titelseite.

    Ustrzyki Dolne wird gemeinhin als nördliches Tor zu den Bieszczady angesehen, entpuppte sich bei genauerem Hinsehen aber bestenfalls als Türchen. Dennoch wurden wir gleich mit der geballten jüngeren Geschichte der Bieszczady konfrontiert. Schon im Ortszentrum erinnerte ein Denkmal an die Kämpfe des polnischen Militärs mit den ukrainischen Nationalisten in den Jahren 1945-1947, unterschlug aber, dass der Ort damals zur Sowjetunion gehörte und erst 1951 bei einem Gebietsaustausch nach Polen zurückkehrte. Völlig entvölkert übrigens, denn wenn unter Lenin das Motto „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“ galt, war es unter Stalin „Kontrolle ist gut, Umsiedlung ist besser“.




    Etwas oberhalb liegt der ehemalige jüdische Friedhof. Bis 1939 stellten Juden rund die Hälfte der Einwohner. Von denjenigen, die die erste kurze deutsche Besetzung im September 1939 überlebten, wurden nach der Übernahme der Stadt durch die Rote Armee viele ins Innere der Sowjetunion deportiert; die meisten verbliebenen Juden wurde nach dem deutschen Einmarsch 1941 ermordet und ein Teil der Grabsteine für die Straßenpflasterung geplündert.



    Am Bergzug südlich von Ustrzyki Dolne befindet sich ein Skihang, der klar in die Kategorie „Idiotenhügel“ fällt. Nichtsdestrotz entsteht dort gerade ein neuer Sessellift. Was den Klimawandel betrifft, scheinen Skiunternehmer vom Harzer Wurmberg bis in die Karpaten gleichermaßen ignorant sein. Als Pausenbank genügen solche Sessellifte aber allemal.




    Alte Strommasten sind immer noch gut genug für den Brückenbau.

    In Rownia hinter dem Bergzug liefen wir der ersten Holzkirche über den Weg. Die meisten Holzkirchen hat entweder der Zahn des Holzwurms oder der Kirchensturm in den ersten Nachkriegsjahren dahingerafft. Die früher in den Biesczady ansässigen griechisch-katholischen Bojken, ein im weitesten Sinne ukrainischer Volksstamm, war 1945 unter Generalverdacht geraten, die ukrainischen nationalistischen Partisanen zu unterstützen. 1947 wurden die bis dahin nicht ausgesiedelten Rest-Bojken von der polnischen Staatsmacht in der "Aktion Weichsel" in die ehemaligen deutschen Ostgebiete oder nach Kernpolen umgesiedelt und ihre Dörfer niedergebrannt. Erst in den 50er Jahren begann zaghaft die Wiederbesiedlung. Die Kirche in Rownia verdankt ihre Existenz auch der Tatsache, dass sie 1976 an die römisch-katholische Kirche übergegangen ist.





    Es folgte ein weiterer Bergzug, den wir queren mussten. An der Zufahrt zu einem Angelteich warnte ein Schild vor Bären. Aber wir wollten ja nicht zum Angelteich.




    Durch dichtes Buschland ging es auf der anderen Seite des Kamms wieder bergab. "Warst Du das?", fragte Frau November plötzlich. "Nö", sagte ich, "ich dachte, bei Dir hätte der Magen geknurrt?" "Nein, bei mir hat nichts geknurrt." "Ein Bär?" Wir umklammerten unsere Pfeffersprays, denn falls uns der Bär fressen sollte, würde man wenigstens die zerkauten Dosen finden.


    Irgendwo hier lauert der Walderdbär...


    Endlich kam Telesnica-Oswarowa in Sicht. Bevor jemand Witze über weibliche Doppelnamen macht: Die Frauen in den Bieszczady würden dem Feminismus niemals ihr funktionierendes Matriarchat opfern.

    Im Ort mussten wir nur noch Wasser für die Nacht auftreiben. Der Laden, den uns die Karte versprochen hatte, war geschlossen oder hatte aufgegeben - so richtig klar war das nicht zu erkennen - aber auf jeden Fall war er "zu". Bis zum zweiten Laden am anderen Ende des Dorfes wollten wir aber auch nicht mehr laufen. Die Lösung unseres Wasserproblems fanden wir dann an der Kirche. Liebe Forumsjuristen, Ihr müsst jetzt ganz stark sein - es gibt es nämlich keinen Grund zur Aufregung: Die Kirche hatte keinen Friedhof, und somit fehlte auch der Wasserhahn auf dem Friedhof. Aber es gab eine alte Schwengelpumpe vor der Kirche, die nach einigen kräftigen Zügen hervorragendes Trinkwasser ausspieh.




    Reichlich betankt starteten wir den letzten Anstieg des Tages. Leider trog die Hoffnung, dass der größer werdende Abstand zwischen den Höhenlinien auch das Vorhandensein geeigneter Stellplätze für unser Zelt bedeuten würde. In einem ordentlichen Mischwald ist nämlich der Boden dicht mit Pflanzen fortgeschrittener Widerspenstigkeit bedeckt. Schließlich fanden wir eine geeignete Stelle auf einem seit längerem unbenutzten Forstweg.

    Womit wir nicht gerechnet hatten, war allerdings das Gegröle liebestoller Hirsche. Es versetzte die Hunde unten im Dorf in Aufregung, was wiederum die Rehe aufschrecken ließ, und zwar so, dass die Eichelhäher... lassen wir das. Jedenfalls war ein ziemlicher Krawall im Wald, der erst lange nach Sonnenuntergang aufhörte und morgens vor Sonnenaufgang wieder losging.

    15,7 km


    22. September

    Eigentlich hatten wir beim Zeltaufbau in der Dämmerung gedacht, unser Lagerplatz sei richtig gut verborgen. Am Morgen stellten wir fest, dass dem nicht so war. Ein Solowanderin mit Tagesgepäck linste durch das Unterholz, als wir gerade wieder unsere Rucksäcke sattelten, und grinste uns vielsagend an, als wir sie etwas später überholten. Sie blieb übrigens die einzige Fußtouristin, die uns in den ersten vier Tagen außerhalb des üblichen Autoparkplatz-Spaziergängerradius begegnete.

    Unser Programm war etwas ambitionierter als am ersten Tag: Wir wollten zwei weitere Bergkämme queren. Außerdem, so versprach es die vor Reiseantritt auf das Handy heruntergeladene Militärkarte von 1938, würden wir unsere erste nach dem 2. Weltkrieg aufgelassene Siedlung durchqueren.

    "Bitte gehen sie weiter, es gibt nichts zu sehen", hörten wir zu dieser Siedlung von unserem imaginären Reiseleiter: Es war wirklich nichts zu sehen. In den bettelarmen Bieszczady war Holz der Baustoff Nr. 1, Keller gab es nicht, und wenn die Milizen die Häuser niederbrannten, um den ukrainischen Partisanen jeden Unterschlupf zu nehmen, war nach 70 Jahren eben nichts mehr übrig, was an eine Siedlung erinnerte.




    Ganz zivilisationslos war die Gegend aber heute nicht - wir kamen an einem liebevoll eingezäunten Feld mit Blumen vorbei, die zwar so hoch wie Sonnenblumen wuchsen, aber viel kleinere Blüten und Blätter hatten. Es war, wie wir später ermitteln konnten, Topinambur - in der Tat eine Sonnenblumen-Verwandte, bei der aber nicht die Samen, sondern die Wurzelknollen essbar sind. Nachtrag: Auch wenn sie nicht gerade essbar aussehen, wie ich nach dem Urlaub beim Einkauf in der Kaufhof-Gourmetabteilung am Alex feststellte.



    Topinambur-Plantage.



    Weideland ohne Weidetiere. Und damit erfreulicherweise ohne Weidetierschutzhunde.


    Bei Chrewt - schrullige Ortsnamen zeichnen die Bieszczady aus - erreichten wir eine Straße. Sie führte uns nach Polana, wo wir uns in der "Bar pod Otrytem" erstmal stärkten.


    Zapiekanka ist die Pizza des kleinen Mannes.


    Vor uns lagen reichlich 16km Forstautobahn, und das in der besten Mittagshitze. Bevor wir den Weg in Angriff nahmen, prokrastinierten wir noch etwas bei der Holzkirche von Polana, befreiten einen Vogel, der sich in der Kirche hatte einsperren lassen, und bewunderten den Brandbären der Freiwilligen Feuerwehr.




    Unterwegs überholte uns nur ein Radfahrerpärchen, ansonsten waren wir ganz alleine. An der Passhöhe begegneten wir ihnen wieder. Monsieur hatte sich einen Platten geholt, der mit dem nicht mitgeführten Werkzeug nicht zu reparieren war, und Madame startete gerade zurück ins Tal, vermutlich um den werten Gatten und sein Fahrrad mit dem Auto abzuholen.



    Begegnung auf dem Weg.



    Endlich mal Aussicht...



    ... gelegentlich sogar mit Sitzgelegenheit.



    Hier, am Ufer des San, wurde Harry Belafonte zu seinem Welthit "Island in the San" inspiriert.


    Wir steuerten den Campingplatz in Sekowiec an, nur um dort festzustellen, dass für ihn die Saison bereits zu Ende war. Damit war es auch unwahrscheinlich, dass die anderen Biwakplätze, die die Karte auswies, noch in Betrieb waren. Für Wildcampen hatten wir entschieden zu wenig Wasser, die Bäche waren weitgehend ausgetrocknet, der Fluss nicht vertrauenswürdig. Also blieb uns nur noch der Campingplatz am Hotel in Zatwarnica, rund zwei Kilometer weiter. Das lupfte uns dann sicher über die 30-Kilometer-Marke und über den Sonnenuntergang. Da die Sanitäranlagen draußen schon geschlossen waren, durften wir das Sanitariat des piekfeinen Hotels benutzen.

    32 km


    23. September

    Am Morgen begrüßte uns der erste Raureif des Jahres und ein triefendes Innenzelt. So schön es im Sommer sein mag, morgens noch eine Weile im Schatten des Hangs liegen zu können, so nachteilhaft ist es im Herbst. Die schlechten Lüftungsmöglichkeiten unseres Wechsel Tempest 2 – wegen seines Leichtbaus von uns „Sensibelchen“ getauft – führten uns eindrucksvoll vor, wieviel Feuchtigkeit zwei erwachsene Menschen in der Nacht von sich geben. Bei schottischem Dauerregen war es dank Wind innen trockener geblieben. Das Problem haben wir inzwischen durch Einbau eines komplett neuen Eingangs für 120 Euro vom Outdoor Service Team lösen lassen; da wir das Zelt sehr günstig als Vorführmodell erworben und den Umbau schon eingepreist hatten, tat es nicht wirklich weh.




    Auf dem Programm standen heute Hulskie, Krywe und Tworylne - ehemalige Dörfer, von denen im wesentlichen nur noch Buchstabenanhäufungen auf der Landkarte übriggeblieben waren. In den 70er und 80er Jahren war hier ein bevorzugtes Gelände für die Jagd mit Staatsgästen. Welche Anstrengungen die Förster unternehmen mussten, damit deren exotische Wünsche - zum Beispiel nach einem Bären oder Wolf - ohne langes Herumsitzen auf den Kanzeln erfüllt werden konnten, beschreibt in sehr unterhaltsamer Form Ex-Oberförster Franciszek Kazmierzyk in seinem Buch "Wilki" (Wölfe).



    "Und wenn ich groß bin, werde ich dann ein Königstinger?" (den Witz versteht wahrscheinlich nicht jeder, das ist aber auch besser so)

    Die goldenen Zeiten der Staatsjagden sind inzwischen vorbei, dafür gibt es vergleichsweise "viele" Besucher, die von den Ruinen oder "Ferien auf dem Bauernhof" (Agroturystyka) angelockt werden. Wir sahen ungefähr zehn.


    Die Reste der Kirchenruine von Hulskie.


    Auf dem Friedhof von Hulskie.



    Der Kirchberg von Krywe.



    Die Kirchenruine von Krywe und der Glockenturm sind in den letzten Jahren notdürftig gesichert worden...



    ... denn auf dem Friedhof dahinter werden einige Gräber wieder regelmäßig besucht.



    Schutzpatron - oder eher Schutzpatrönchen? - in Krywe.



    Ein Platz zum Nachdenken.


    Auf dem Weg von Krywe nach Tworylne folgte uns eine Weile ein österreichisches Pärchen, das sich mal umschauen wollte, was die Fauna der Karpaten so hergibt. Weder Papierkarte noch Openstreetmap waren wirklich hilfreich, um den angeblichen Wegverlauf im Dickicht am Ufer des San zu finden.



    Wir trafen das Pärchen einige Tage später noch einmal; sie hatten am Abend einen eindrucksvollen Wisentbullen gesehen.

    Uns blieben nur Wisenttapsen im Matsch auf dem Weg und ein Gehege, das offensichtlich für die Auswilderung von Wisenten errichtet worden war.








    Nicht gefördert von der EU, aber trotzdem mitten ins Nichts zwischen Krywe und Tworylne gebaut.


    Schräg gegenüber ein Steinhügel mit Kreuz.



    Hinterlassenschaften des Teilzeitvegetariers Ursus.



    Auf dem ehemaligen orthodoxen Friedhof von Tworylne - der katholische liegt schräg gegenüber.



    Glockenturm in Tworylne. Ansonsten war vom Ort nichts mehr zu erkennen.

    Nach dem Kilometerfressen am Vortag wollten wir heute kürzer treten. Es fehlte uns aber noch Wasser. Unklugerweise hatten wir unten am Hang beim Queren eines Bachs unterstellt, dass die zahlreichen Bäche weiter oben – wo wir übernachten wollten – auch noch Wasser führen würde. Dem war aber nicht so. Nur mit Mühe fanden wir schließlich ein tröpfelndes Gewässer zweifelhafter Qualität. Ein Stofftaschentuch musste die groben Schwebstoffe auffangen, während ich mit einem Müslinapf Wasser in die Nalgene-Flaschen abfüllte. Abschließend haben wir das Wasser noch mit dem Steripen geblitzdingst.

    Erfreulicherweise fanden wir recht schnell einen Platz für unser Sensibelchen, einen fast zugewachsenen Holzverladeplatz. Leider zu nah an der Forststraße; am Morgen gegen acht Uhr bat uns ein Förster, die Fläche zu räumen. Ich werde im übrigen den Verdacht nicht los, dass er es war, der spätabends schon einmal vorbeigefahren war und kurz gehalten hatte, uns da aber nicht stören wollte. Die Rücklichter der Autos sahen jedenfalls gleich aus.


    Unser "Sensibelchen" im Panorama-Modus

    17,5 km


    24. September




    In der Nacht hatte es sich etwas abgekühlt, Nebel hing in den Hängen. Da kam die Forstautobahn gerade gelegen, um sich warmzulaufen. Am Ende waren wir so warmgelaufen, dass wir am Abzweig zum Kammweg auf der Passhöhe vorbeipreschten. Erst als es zunehmend bergab ging, wurde ich misstrauisch. Das gab Punktabzug für unnütze Vernichtung von Höhenmetern.

    Der Nebel sorgte zusammen mit verkrüppelten Buchen für eine unheimliche Stimmung. Ob es der Kugelhagel aus dem ersten oder aus dem zweiten Weltkrieg war, der die Bäume so zugerichtet hatte, war nicht festzustellen – wohl aber war der ganze Kamm von Spuren „militärischer Grabungen“ durchzogen, also Schützenlöchern, eingestürzten Unterständen und Schützengräben.





    Fast gleichzeitig mit der Nebelauflösung kamen wir auf die Polonina. Die Gras- und Buschflächen auf den Kämmen sind typisch für die Bieszczady und auch die angrenzenden Karpatenkämme in der Ukraine. Allerdings streiten die Gelehrten bis heute, ob sie einer natürlichen Baumgrenze zu verdanken sind oder menschlicher Rodung. Die meisten Touristen belasten sich nicht mit solchen Fragen, sondern genießen die offenen Landschaften.








    Unser Ziel war die Berghütte Chatka Puchatka, und damit waren wir nicht alleine. Die Hütte genießt einen legendären Ruf; ob das an den Dixi-Klos liegt? Jedenfalls ist sie mit den heutigen Touristenmassen völlig überfordert. Trinkwasser wird per Unimog hochgefahren, Bier gibt es gar nicht (!). Ein kompletter Ersatzneubau ist bereits beschlossen. Wie üblich gibt es natürlich Nostalgiker, die darin den Untergang des Abendlandes erkennen.




    Welch legendären Ruf die Chatka Puchatka genießt, ist daran erkennbar, dass sie gerne als Hintergrund für Hochzeitsfotos genutzt wird. Es ist schon putzig, wenn hochfrisierte Damen mit langen weißen Hochzeitskleidern durch den Staub stöckeln. Hinzu kommt, dass es da oben nicht wirklich warm ist. Ob sich Gänsehaut genauso wie Aprikosenhaut wegretuschieren lässt?




    Die Nacht im Achtbettzimmer folgte dem traditionellen Ablauf: Natürlich musste sich die größte Frostbeule im Bett direkt unter dem angekippten Fenster platzieren, mit dem sehr vorhersehbaren Ergebnis, dass das Fenster am Morgen nicht mehr gekippt war und sich die Luft aus dem Zimmer in einer zähen Masse in den Flur ergoss, als die Tür geöffnet wurde.

    19,8 km


    25. September





    Bei grauem Himmel machten wir uns auf den Abstieg in Richtung Wetlina, wo wir den Folgetag abwettern wollten. Als wir die Straße erreichten, fing es an zu nieseln. Wie üblich redeten wir uns ein, dass wir es noch bis unter ein Dach schaffen, bevor daraus Regen wird. Und wie üblich verpassten wir den Zeitpunkt, um uns doch noch einzupellen. „The only thing we learn from history is that we don‘t learn from history“, habe ich mal als T-Shirt-Weisheit gelesen. Passt.


    Der schwarze Wolf von Gorna Wetlinka.


    Im "Zajazd pod Polonina" fanden wir ein Zweibettzimmer zu akzeptablem Preis, das wir in wenigen Minuten mit unserem Gepäck in ein Messi-Paradies verwandelten.


    Das obligatorische Zeltfoto darf natürlich nicht fehlen... öhem.


    Im Dorfkonsum deckten wir uns mit frischen Kalorien und der örtlichen Wochenzeitung ein. Dieser war zu entnehmen, dass in der Saison 2019 nur neun Prozent aller Touristen in den Bieszczady aus dem Ausland gekommen waren. Deutsche standen an erster Stelle, aber selbst das waren offenbar so wenige, dass sie nicht prozentual aufgeschlüsselt wurden. Erstaunlich, denn in Polen kann man sich inzwischen mit Englisch ganz gut durchschlagen.

    8,3 km


    26. September

    Das „Abwettern“ endete am Morgen, die Wettervorhersage hatte uns wieder einmal gelinkt. Wir fuhren mit einem Bus, der seinem Sound nach im früheren Leben Krabbenkutter gewesen war, in die Nachbar-Kleinstadt Cisna. Der Ort erhebt ebenso wie einige andere den Anspruch, das Herz der Bieszczady zu sein. Unbestreitbar ist, dass die Künstlerkneipe „Siekierezada“ - ein Wortspiel mit „Siekiera“ (Axt) und „Schehezerade“ - überregional bekannt ist. Sie hat ihre Wurzeln in der Zeit der Wiederbesiedlung der Bieszczady in den 50er und 60er Jahren, als allerhand Abenteurer in die Region zogen.


    "Alkohol ist des Teufels"?



    Von Cisna nach Przyslup fährt in der Sommersaison eine Schmalspurbahn.

    Vor dem Besuch in der Kneipe erledigten wir noch den Lehrpfad auf den Hausberg von Cisna, die Mochnaczka. Von der Erwartung, auf einem Lehrpfad auch belehrt zu werden, sollte man sich aber in Polen in den meisten Fällen verabschieden. Häufig gibt es nur kleine Pfähle mit Nummern, zu denen man anscheinend noch eine Broschüre mit Erläuterungen benötigt.


    Aussicht von der Mochnaczka.



    Gedenkstätte für die Kämpfe mit den ukrainischen Aufständischen.

    8,7 km

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    #2
    27. September

    Nach dem Quasi-Ruhetag stand der nächste Reiseabschnitt an: Die östlichste Ecke der Bieszczady. Sie ist so weit östlich gelegen, dass sie auf allen Wanderkarten abgeschnitten und weiter nördlich wieder ins Blatt eingefügt wird.



    Die Parkraumbewirtschaftung im Nationalpark hat sogar die Radfahrer als Geldquelle entdeckt. Ein Tag kostet umgerechnet etwa 75 Cent.


    Wir starteten den Aufstieg auf die Polonina Carynska in Brzegi Gorne. Die Vorkriegskarte verriet, dass es dort früher nicht nur eine Durchgangsstraße gab, sondern auch ein Straßendorf. Einziger erkennbarer Beleg war der Friedhof.




    Freunde des Rorschach-Tests: Was seht Ihr hier?


    Das gute Wetter hatte zur Folge, dass wir nicht die einzigen waren. Besonders nervig war eine Gruppe von Schülern, die immer wieder an uns vorbeisprinteten, um dann 100 Meter weiter hechelnd stehen zu bleiben und ihre Instatok-Accounts zu checken.








    Das ist ja wohl ... der Gipfel!



    Hier machen sich die Bäume für den Fotografen krumm.



    Das von Wald dominierte Landschaftsbild der Bieszczady ist überwiegend erst nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden. Grün sind die jeweils hinzugekommenen Waldflächen gekennzeichnet, rot die weggefallenen.

    Wir verließen den Kamm schon nach kurzer Zeit Richtung Norden und stiegen ins Tal des Carynski-Bachs ab, wo wir auf eine Schotterstraße stießen. An der "Passhöhe" einige Dutzend Meter östlich wartete die komplett erneuerte Berghütte "Koliba" der Warschauer politechnischen Hochschule mit ihrem Imbiss auf uns. Allerdings mussten wir uns hartnäckiger Nahrungskonkurrenten erwehren: Zwei Katzen umschlichen uns auf der Terrasse und ließ sich auch von bretonischer Bohnensuppe - das ist das polnische Gegenstück zur Soljanka - nicht abschrecken. Diese KleinRAUBtiere versuchten, jede Unachtsamkeit auszunutzen.





    Unkonventionelle Landkartenwerbung: "Das Bewegen in den Bergen ohne Landkarte gefährdet Dein Leben und Deine Gesundheit."



    Die Straße nach Carynskie.

    Nach einer Inventur des Zeit-Ists und des Zeit-Solls beschlossen wir, noch die Wüstung Carynskie aufzusuchen - drei Kilometer die Straße flussabwärts und damit entgegen unserer Richtung. Vom Ort war nur die Kirchenruine geblieben, mehr oder weniger ein Steinhaufen, umringt von einzelnen Gräbern. Das war aber immer noch mehr als von den Holzkirchen geblieben war. Die sind nämlich im Laufe der vergangenen 75 Jahre fast alle restlos verstoffwechselt worden.


    Dieser Steinhaufen war einmal Kirche.





    Auf dem Rückweg gerieten wir erneut in das Gravitationsfeld der "Koliba", entkamen ihm aber und erreichten nach etwas mehr als einer halben Stunde den "Campingplatz" Berezki. Der war in Wirklichkeit eher ein Biwakplatz, aber dafür mit picobello sauberen Sanitäreinrichtungen und sogar warmem Wasser. Für umgerechnet sechs Euro sehr ordentlich. Einzige Gäste außer uns waren eine Wohnmobilbesatzung mit Posener Kennzeichen. Am späten Abend fuhr auch noch ein Auto in einen entlegenen Bereich des Platzes. Kurz darauf war das typische Klackern von Zeltgestänge zu hören.

    16,9 km


    28. September

    Dem Nationalpark-Status der Bieszczady ist es zu verdanken, dass es nur einen echten Wanderweg vom Westteil in den Ostzipfel gibt - von Berezki quer über den Kamm nach Muczne, und dann noch einmal jede Menge Straße bis Tarnawa Nizna. Theoretisch weisen alle Karten zwar noch mehr unmarkierte Wege aus, aber legal sind sie alle nicht und über ihren Zustand kann man nur mutmaßen. Einzige legale Variante zum Wanderweg ist die als Radroute ausgewiesene Forststraße von Berezki nach Muczne. Dafür entschieden wir uns, denn einen Teil des Wanderweges wollten wir uns für den Rückweg aufsparen.


    Herbststimmung am Wolosaty-Fluss.



    Die Forstwirtschaft verlässt sich immer noch gerne auf ehemalige sowjetische Militärtechnik.


    Vom landschaftlichen Erlebniswert her waren wir auf Harz-Niveau unterwegs. Aber immerhin kamen wir schnell voran. In Muczne schwenkten wir auf die Straße ein, entdeckten aber bald einen parallen Grasweg, der im Winter offenbar für Skilanglauf genutzt wird. So waren wir zumindest aus der Schusslinie der Autofahrer, was in Polen durchaus wörtlich zu nehmen ist. Wer sich als Autofahrer bei erlaubten 90 km/h auf der Landstraße mit 100 km/h begnügt, muss schon einen sehr gefestigten Charakter haben. Nur die letzten zwei Kilometer nach Tarnawa Nizna mussten wir tatsächlich auf der Straße laufen.


    Ob die neue Kirche in Muczne dem Heiligen Hubertus gewidmet ist?


    In Tarnawa quartierten wir uns in der "Baza nad Roztokami" ein, allem Anschein nach ein ehemaliges Arbeiterwohnheim. Nur ein Bild von Wojciech Jaruzelski hätte gefehlt, um das sozialistische Ambiente des Speisesaals zu komplettieren. Der "Herbergsvater" mit seinem Wolfgang-Thierse-Gedächtnisbart sah allerdings so aus, als ob er das Jaruzelski-Bild vor 30 Jahren persönlich abgehängt hatte.


    Baza nad Roztokami.

    Übrigens war auch die Mobilfunkversorgung auf dem Niveau von vor 30 Jahren. Nur die Raubfischer aus der Ukraine warfen ihre Netze aus und hofften auf das eine oder andere Roamingopfer. Bei einem abendlichen Spaziergang in Richtung Grenze machte mein Handy übrigens eine Zeitreise und sprang auf osteuropäische Zeit. Anscheinend sind die im Gerät hinterlegten Zeitzonengrenzen nicht besonders exakt.

    Seine goldenen Zeiten hatte Tarnawa in den 80er Jahren, als hier ein Standort des Agrarkombinats Igloopol entstand, einer Insel von grauzonigem Unternehmergeist inmitten sozialistischer Planwirtschaft.



    16,7 km


    29. September

    Um den östlichsten Ostzipfel zu erkunden, wechselten wir das Verkehrsmittel. Es gab Mountainbikes zum Ausleihen, und das war auch dringend nötig - 41 km zu Fuß sind zwar nicht ganz absurd, aber mit 35 km Asphalt- oder Schotteranteil auch nicht schön.


    Ein Teil des ehemaligen Igloopol-Geländes gehört einem Gestüt, das auch Wanderreittouren anbietet.



    Der San bildet die Grenze zwischen Polen und der Ukraine.



    Eine Siedlung auf der ukrainischen Seite.



    Eine ukrainische "Elektritschka" auf dem Weg nach Uzhhorod.


    Unser erstes Ziel war die Wüstung Beniowa, vor 100 Jahren ein Dorf mit fast 500 Einwohnern und beachtlicher Kleinindustrie. 1946, als das Gebiet der Sowjetunion gehörte, wurde auch hier der Grundsatz "Kontrolle ist gut, Umsiedlung ist besser" verwirklicht, so dass heute außer einzelnen Gräbern auf dem Friedhof nichts mehr an den Ort erinnert.


    Vermutlich ein historischer Taufstein der Kirche von Beniowa.



    Prost! Ein rätselhafter Grabstein (?) auf dem Friedhof von Beniowa.



    Die Kirche von Beniowa auf einer Postkarte aus den 30er Jahren.


    Unsere nächste Station war Bukowiec, ebenfalls eine ehemalige Siedlung, von der nur noch Reste des Friedhofs und Fundamente der Kirche existierten. Nebenbei erlegten wir einen Geocache, ohne ihn gesucht zu haben.






    Anders als die heutige Ausschilderung suggerierte, kehrten wir vom Friedhof nicht auf dem demselben Feldweg zurück, auf dem wir gekommen waren, sondern nahmen die Karte beim Wort und furteten durch den Halicz zur Forststraße. Hier hätte laut älteren Karten und Openstreetmap nach einigen hundert Metern ein Bergpfad nach Westen begonnen. Aber schon die Forststraße war mit beeindruckenden und leider auch unmissverständlichen Schildern für die Öffentlichkeit gesperrt. Nie darf man was!




    Auf besonderen Wunsch eines einzelnen Pfad-Finders erkundeten wir noch den Stichweg in Richtung Sokolyky Hirski, was - wie die ungewohnt angebrachten "i" und "y" dem slawisch Vorgebildeten unschwer verraten - schon in der Ukraine liegt, mit seinem glitzernden Kirchturm aber bis nach Polen ausstrahlt.




    "Bommbomm-bommbomm" machte es auf dem Plattenweg nach Sokolyky Hirski.

    Am Moor Torfowisko Tarnawa erfreuten wir uns nur an den fast skandinavischen Herbstfarben, verzichteten aber darauf, uns auf dem Lehrpfad über Calla palustris - nicht zu verwechseln mit Caltha palustris oder Scrotum juvenialis! - zu informieren.




    Schließlich wollten wir noch zur Wüstung Dzwiniac Gorny, nördlich von Tarnawa Nizna und mir nur dadurch bekannt, dass es einem Kartenblatt der polnischen Militärkarten von 1937/38 seinen Namen geliehen hat. Vom San war auch hier nicht viel zu sehen, zu tief hat er sich ins Gelände eingegraben.




    Vom Ort war außer dem Friedhof auch nichts zu erkennen. Ein Grab einer 1933 gestorbenen Frau war allerdings neu gebaut worden.




    Damit hatten wir so ziemlich alles abgeklappert, was es in diesem östlichsten Winkel zu sehen gab.

    41,5 km


    30. September

    Nachdem uns zwei Polinnen aus Krakau mit ihrem Auto nach Muczne (siehe Hinweg) gebracht hatten, hörte es auch zügig auf zu regnen. Wir wollten den einzigen legalen Weg über den Bergkamm Bukowe Berdo Richtung Wolosate nehmen.




    Am Anfang hatten wir den Eindruck, die einzige Herausforderung würde das stetige Tröpfeln von den Bäumen sein. Als wir jedoch den Wald hinter und unter uns ließen, wurde noch einmal neu gewürfelt - und zwar wir selbst. Objektiv wird der Wind gar nicht so stark gewesen sein, aber die Kombination aus "große Schrankwände", "von der Seite" und "starke Böen" warf uns nicht nur einmal aus der Spur. Zum Glück verhinderte der Nebel größtenteils, dass wir sehen konnten, wie steil es seitlich bergab ging; das sahen wir erst am nächsten Tag, als wir einen kleinen Teil der Strecke bei schönstem Wetter noch einmal liefen.








    "Aquarell-Wetter" wäre wohl der passende Begriff.


    Die polnischen Tagesausflügler ließen sich von diesem Wetter nicht irritieren, und so liefen wir vom Hochplateau unterhalb der Tarnica - dem höchsten Gipfel der Bieszczady - in dichter Kolonne bergab. Irgendwann ließen wir auch Wind und Nebel hinter uns und erreichten den alten Friedhof von Wolosate. Vom ehemaligen langgestreckten Straßendorf ist ansonsten nichts mehr übrig. Die wenigen Gebäude in Wolosate - Nationalparkstation, Försterei, Souvenirläden und Reste einer Igloopol-Niederlassung - stammen alle aus jüngerer Zeit.


    Nachbau eines Brunnens in Alt-Wolosate.

    12,5 km

    Für Freunde des Fernwanderns hat Wolosate große Bedeutung, denn hier endet offiziell der E8. Eigentlich könnte er aber in die Ukraine weiterführen. Die Slowaken versuchen deshalb schon seit mindestens 2014 Fakten zu schaffen, und haben den Wanderweg von Nova Sedlica unterhalb des Dreiländerecks PL-SK-UA bis zum Grenzübergang in die Ukraine bei Maly Berezny als E8 ausgewiesen. Eine gewisse Logik hat es, denn die polnische Bieszczady-Nationalparkverwaltung sträubt sich aus Angst vor Begehrlichkeiten des motorisierten Verkehrs dagegen, den physisch vorhandenen historischen Straßengrenzübergang bei Wolosate für Wanderer zu öffnen. Dagegen ist der Übergang von der Slowakei nach Maly Berezny schon heute zu Fuß problemlos möglich, und der Fernwanderweg zur rumänischen Grenze schließt nahtlos an.




    Leider haben wir vor lauter Träumerei den letzten Linienbus nach Ustrzyki Gorne verpasst und auch Minibusse waren nicht zu sehen. Sollten wir also die rund 8 Kilometer Straße laufen müssen? Als wir am großen Wanderparkplatz vorbeikamen, wurde uns unsere Sorge schnell genommen. Ein polnisches Pärchen, das uns unterhalb der Tarnica im Nebel gesehen hatte, lud uns unaufgefordert zur Mitfahrt ein.

    Ustrzyki Gorne war trotz fortgeschrittener Jahreszeit weitgehend ausgebucht. Wir fanden aber noch eine Bleibe in einem Gästezimmer der Bergwacht, das sonst offenbar für Fortbildungs-Kursteilnehmer genutzt wird.


    1. Oktober


    Weil gerade der goldene Oktober begann, holten wir gleich den Ausflug zur Tarnica nach. Die Minibus-Schlepperbanden standen bereit, und nach etwas Hin und Her stellte der Oberschlepper eine Fahrgemeinschaft Richtung Wolosate zusammen. Über den Halicz - namensgebender Berg für Galizien - gelangten war zu dem am Vortag im Nebel absolvierten Kammweg. Gut, dass wir im Nebel nicht gesehen hatten, wie exponiert der Kamm war. Ich bin mir nicht sicher, ob wir uns ansonsten getraut hätten.



    Die gesperrte Straße zum Grenzübergang.



    Panorama vom Bergkamm an der Polonina Bukowska, die hier die Grenze bildet. (Bild anklicken für volle Breite!)



    Diese Kröte ist offensichtlich satt und lässt sich auch von einem hektisch flügelschlagenden Falter nicht irritieren.



    Auf dem Weg zum Halicz.




    An der Tarnica war natürlich noch mehr los als am Vortag, aber wenigstens waren die Holzstufen nicht mehr so glitschig. Grundsätzlich gilt, dass die Polen im Urlaub eher nicht so die Frühaufsteher zu sein scheinen. Das Minibus-Geschäft läuft frühestens gegen 9 Uhr so richtig an, vor 8 Uhr braucht man wahrscheinlich gar nicht da zu kommen. Dafür schrecken sie auch vor dem Rückweg in der Dunkelheit nicht zurück (klar, weil dann die Minibusse schon nicht mehr fahren ​)




    Anders als nach dem ersten Besuch an der Tarnica stiegen wir nicht nach Wolosate ab, sondern nach Ustrzyki Gorne, was auch landschaftlich der schönere Weg ist.

    23,5 km


    2. Oktober

    Auch am nächsten Tag ließen wir es gemütlich angehen. Wir ließen uns per Bus nach Lutowiska schaukeln, das vor dem Krieg jüdisch dominiert war und dann nach dem Krieg praktisch menschenleer erst einmal für 15 Jahre an die Sowjetunion fiel.


    Der sensationelle Busbahnhof von Ustrzyki Gorne. Aber immerhin mit mehr Läden und Imbissmöglichkeiten als der Busbahnhof von Templin.



    Reste der Synagoge.



    Eingang zum jüdischen Friedhof.





    Unser eigentliches Ziel war aber die Holzkirche von Smolnik, kaum fünf Kilometer südlich. Dass wir dafür fast drei Stunden benötigten, lag zum einen daran, dass sich der laut Papierkarte eigentlich vorhandene markierte Reitweg schon nach den ersten paar hundert Metern im Wald in einem undokumentierten Wirrwar von Pfaden unterschiedlichen Vermatschungsgrades verlor und mit ihm auch die Markierung.


    Specht beim Spocht

    Irgendwann gelang es uns, auf einem annähernd passenden Trampelpfad wieder aus dem Wald herauszurätseln und sogar den Feldweg zu treffen, den wir suchten. Unsere Freude währte jedoch nur kurz, denn es näherten sich von hinten zwei Enduro-Motorräder, deren Reiter unübersehbar der Straz Graniczna angehörten. Sie wollten sich davon überzeugen, dass wir nicht illegal über die ukrainische Grenze gekommen waren, die kaum 500 Meter östlich von uns verlief.

    Zum Glück konnte ich die untadelige Trackaufzeichnung meines Garmins vorzeigen, was dann im folgenden Telefongespräch des Wortführers mit der Leitstelle auch zu unserer Entlastung mitgeteilt wurde. So blieb es bei einer ausgiebigen Kontrolle unserer Dokumente, und genauso wie ich selbst rätselten die beiden, ob die Kringel in meiner Personalausweisnummer nun ein "Oh" oder eine "Null" darstellen sollen. Nach gut einer halben Stunde kam man dann wahrscheinlich zu dem Schluss, dass wir zwar bescheuert sind, weil wir nicht auf einem markierten Wanderweg laufen, sondern nur auf einem x-beliebigen Feldweg, aber ansonsten keine Gefahr darstellen.




    Unsere Freude, jetzt endlich den Weg gefunden zu haben, währte aber nur kurz. Die Fortsetzung jenseits der Straße fehlte, und es machte auch nicht den Eindruck, als wäre dort jemals ein Weg gewesen. Eine Rentnerin, die ihre Blumen im Garten goss, ließ uns jedoch neue Hoffnung schöpfen. "Ach, den Weg sucht ihr? Den zum Andrzej Pawlak?", sagte sie, mit einem Blick, als wäre er ihre Jugendliebe. Na klar ... zum Andrzej Pawlak, hätte ich ja gleich dran denken können... ​ "Ja, den Weg gibt es, da müsst ihr dort hoch" und wies mit zittriger Hand in Richtung Waldrand gegenüber.

    Wir also über die Wiese hoch zum Waldrand. Bäume. Noch mehr Bäume. Und Gebüsch. Dann: Eine alte Spurrinne. Darüber Brennnesseln, die aber langsam von Brombeerranken verdrängt wurden. Naturbegegnung pur, bis auf Schulterhöhe.




    Wir wissen nicht, wann Frau Rentnerin das letzte Mal zu Andrzej Pawlak gegangen ist, aber ungefähr zehn Jahre muss es mindestens hergewesen sein. Natürlich endete der Weg nach kaum 200 Metern an einem Querweg. Geradeaus wäre richtig gewesen, war aber mit Jungbäumen besetzt. Als Warnung an Neugierige hatte jemand einen Tierschädel auf einem Stein platziert.




    Irgendwie wurschtelten wir uns auch diesem Dickicht heraus und kamen auf eine Wiese, wo wir uns erstmal auf einem Stuhl und einem Sessel niederließen, den jemand freundlicherweise für erschöpfte Pfad-Nichtfinder hingestellt hatte.




    Kaum hatten wir Platz genommen, näherte sich Julius K9. Eine Mutter mit ihrem Kind folgte.




    Die beiden gehörten zu einer pseudomongolischen Jurte, die wir auf der nächsten Wiese fanden. Der chromglänzende Schornstein verriet aber, dass hier schon mit Profangas geheizt wurde.

    Aus dem Nichts tauchte dann auch noch eine Wegmarkierung auf, die uns tatsächlich bis zur Holzkirche führte. Auf einem der Nachbargrundstücke hatte sich der Eigentümer schon eine Arche Noah bereitgelegt.


    Hoffen wir, dass diese Arche Noah nie zum Einsatz kommen muss, denn außer zwei Schafen und zwei Herdenschutzhunden passen da nicht viele Tiere drauf.


    Gegenüber zeigten uns zwei Möchtegern-Herdenschutzhunde, wie gut sie den Zaun bewachen können.




    Kurz darauf erreichten wir endlich die Holzkirche von Smolnik.



    14,8 km


    3. Oktober

    Den verregneten Folgetag nutzten wir für einen Ausflug per Linienbus nach Sanok, wo wir erst das Freilichtmuseum und dann das historische Museum einschließlich Zdzislaw-Beksinski-Ausstellung besuchten. Die umgekehrte Reihenfolge wäre klüger gewesen, denn der Dauerregen hörte gegen Mittag auf - ungefähr zu der Zeit, als wir das Freilichtmuseum verließen. "Steckste eben nich drin", heißt es so schön.


    Der Nachbau einer Synagoge, noch nicht ganz fertig.


    "Bei so'nem Wetter schickste keinen Herdenschutzhund vor die Tür!"



    Ein bisschen sieht es ja schon aus nach Werkzeugsammlung eines Vampirtöters.



    Wer hat wen inspiriert? Zbigniew Beksinski die Macher von "Time Bandits" oder umgekehrt?


    4. Oktober

    Es hieß Abschied zu nehmen von den Bieszczady: Zum letzten Mal bezahlten wir den Eintritt in den Nationalpark, und stiegen dann auf in Richtung Wielka Rawka.



    Ein Pilz mit goldenem Haar.


    Baum auf Stelzen.



    Wir erreichen die Zone des ewigen Eises. Hier haben slowakische Kakaoschmuggler ihre Säcke abgeworfen, um der Polizei zu entkommen.



    Aber erst einmal folgen wir dem polnisch-ukrainischen Grenzweg.

    Am Kremenec, dem Dreiländereck PL-SK-UA, das wir schon von 2016 kannten, bogen wir in die Slowakei ab.





    Anders als damals war es uns jedoch gelungen, noch ein Zimmer in Nova Sedlica zu ergattern. Wir mussten also nicht wieder eine Übernachtung am Biwakplatz Sedlo pod Ciertazom einlegen, um nicht zu früh, aber auch nicht zu spät zur Abfahrt des Busses am Vormittag Richtung Humenne anzukommen. Deshalb nahmen wir diesmal den direkten Weg (rot markiert) nach Nova Sedlica.



    Im ostslowakischen Regenwald geht es den Salamandern offenbar gut.


    Im Tal der Stuzicka rieka stieß ich auf das Gleisbett einer Waldeisenbahn, das die Openstreetmap-Eisenbahnnarren zu meiner großen Verwunderung noch nicht in die Karte eingetragen hatten. Es ist erstaunlich, wie gut sich manche Bauwerke halten. Schließlich ist der letzte Zug hier allerspätestens 1945 gefahren, bevor die brüderliche Sowjetunion sich die Karpatoukraine von der Tschechoslowakei krallte und damit die Bahntrasse im Stuzica-Tal zur sinnlosen Insel machte.




    Hier lag einmal eine Eisenbahnbrücke.



    Die alten Wegweiser von 1986 sind zwar schon ersetzt, aber nicht entfernt worden.

    Nach nicht einmal 20 Kilometern erreichten wir Nova Sedlica. Der Wetterumschlag zu Dauerregen am nächsten Tag machte uns den Abschied leichter.

    18,4 km


    Ein Modell der alten Holzkirche von Nova Sedlica. Das Original steht jetzt im Freilichtmuseum in Humenne.


    Wir lassen uns vom Bus nach Humenne schaukeln und beschließen den Urlaub traditionsgemäß in der Konditorei Daisy am Marktplatz. Im Schlafwagen geht es am Abend erst nach Prag und dann nach Deutschland.

    ​​
    Zuletzt geändert von Pfad-Finder; 02.01.2021, 23:05.
    Schutzgemeinschaft Grüne Schrankwand - "Wir nehmen nur das Nötigste mit"

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    • Spartaner
      Alter Hase
      • 24.01.2011
      • 2604

      • Meine Reisen

      #3
      Schön zu lesen, dein Bericht von den Bieschtschaden. Ich war nur sehr erschrocken, als ich die Bilder vom San sah. Irgendwie nichts für meine zarte Bootshaut, jedenfalls nicht bei Niedrigwasser.
      Da werden wir wohl im Corona-Sommer 2021 den San erst ab unterhalb des Stausees befahren. Wir können ja zum Ausgleich noch ein ganzes Stück auf der Weichsel anhängen.

      Edit: wo ist das zweite San-Bild hin? Gehen schon wieder Bilder verloren?
      Zuletzt geändert von Spartaner; 02.01.2021, 15:32.

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      • blauloke

        Lebt im Forum
        • 22.08.2008
        • 5907

        • Meine Reisen

        #4
        Immer interessant deine Berichte aus den wenig bekannten, östlichen Gebieten.
        Wie stets hervorragend in deinem Stil geschrieben.
        Du kannst reisen so weit du willst, dich selber nimmst du immer mit.

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        • simurgh
          Fuchs
          • 02.11.2011
          • 1753

          • Meine Reisen

          #5

          Begegnung auf dem Weg.


          Hier, am Ufer des San, wurde Harry Belafonte zu seinem Welthit "Island in the San" inspiriert.

          Sehr schön! Ich hoffe, daß ich "Dolina Sanu" mal zu Frühjahrstagen besuchen kann. Im "Krywe Rezerwat Przyrody" gibt es noch eine Reliktpopulation von Äskulapnattern aus lange vergangenen, wärmeren Zeiten.

          https://www.iop.krakow.pl/Eskulap/gatunek
          http://www.twojebieszczady.net/fauna/eskulapa.php

          Also, Augen auf, wenn dort mal wieder jemand vorbeischaut!
          >> Ich suchte Berge und fand Menschen <<

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          • Wafer

            Lebt im Forum
            • 06.03.2011
            • 5265

            • Meine Reisen

            #6
            Hallo Pfad-Finder.

            Vielen Dank für den schönen Bericht! Da mein Polnisch irgendwo zwischen Null und unterirdisch ist, kann ich mit den Links und den Schildern leider nur recht wenig anfangen. Aber das ist eine tolle Gegend! Gedanklich scheint es den eisernen Vorhang bei vielen wohl noch zu geben. Anders kann ich mir die von dir genannten Besucherzahlen nicht erklären.

            Btw: Du hast eine GPX-Datei als Anhang mit hochgeladen. Wenn du die noch in deinem Bericht platzierst (Cursor an gewünschte Position stellen und bei der Datei auf "einfügen" klicken) dann erscheint nach dem Sichern an der Stelle eine Karte, die den GPX-Track darstellt. Im grafischen Editor erscheint vor dem Sichern der Name der GPX-Datei und ohne den WYSIWYG-Modus ein Tag in der Art [ATTACH=JSON]...[/ATTACH] oder ähnlich. Nach dem Sichern ist ein [GPX]<Nummer>[/GPX] in beiden Editor-Modis zu sehen.

            Gruß Wafer

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            • Robtrek
              Erfahren
              • 13.05.2014
              • 319

              • Meine Reisen

              #7
              Ein schöner Bericht, und sehr schön geschrieben, vielen Dank auch von mir!

              Wer die Bilder nicht sieht, kann auf dem PC folgendes versuchen: Statt Chrome mal mit Firefox oder Edge probieren, die sind im Moment noch toleranter ggü. "Unsicheren Inhalten". Oder bei Chrome unsichere Inhalte kurzfristig erlauben: klicke über diesem Thread links neben der Web-Adresse auf das Schloss - Website Einstellungen - runterscrollen bis "Unsichere Inhalte" - Zulassen. Nachdem man sich die Bilder angeschaut hat, falls gewünscht wieder auf "Blockieren (Standard)" zurücksetzen.

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