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  1. Erfahren
    Avatar von QOM
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    [FR] Jakobsweg: Cluny - Charlieu - Briennon - Montbrison

    #1
    Mitreisende: QOM
    Land: Frankreich
    Reisezeit: Herbst (2016)
    Wie? Mehrtages-Wandertour
    Route: Cluny - Charlieu - Briennon - Montbrison

    Vorbereitung:
    Dieses Mal habe ich es mir mit der Vorbereitung noch ein wenig einfacher gemacht als beim letzten Mal.
    Körperlich habe ich mich nicht vorbereitet. Mal abgesehen davon, daß ich mir leichte Reserven auf die Hüften gelagert habe. Denn was ich auf den Hüften trage, muß schon nicht auf den Rücken.
    Nachdem der Weg recht zuverlässig ausgeschildert beschrieben wird, habe ich auch in die Vorbereitung der digitalen Karten und GPS-TRacks deutlich weniger Zeit investiert.
    Nach den Erfahrungen mit der Jagdsaison bestellte ich mir kurz vor der Abreise noch eine Bärenglocke, aber die kam zu spät.
    Also im Prinzip zwei Tage vor Abreise die Checkliste genommen, alles in den Rucksack geschmissen und los.

    Das Packen lief dieses Mal ein wenig anders, denn die Anreise zum Startpunkt begann mit einem Flug.
    Also war der Rucksack nicht nach Schwerpunkt und Gewichts-/Druckverteilung zu packen, sondern ganz einfach nach radialer Empfindlichkeit gegen mechanische Einwirkungen. Die Kamera bleibt natürlich trotzdem draußen.

    Anreise (12. Oktober 2016):
    Der erste Teil der Anreise erfolgte relativ bequem nachmittags nach der Arbeit mit dem Flieger ab Frankfurt. Im Büro fix umgezogen und ab zum Flughafen. Dem ging eine logistisch etwas schwierigere Aktion voraus, denn auf den Rucksack konnte bis zum Abflug nicht mehr zugegriffen werden. Warum das?
    Nun ja...

    Wer ist dieser "Christo"?

    Damit dem Rucksack so rein mechanisch weniger passieren kann - wenn bei der Gepäckabfertigung irgendwo eine Schnalle abreisst kann der Urlaub vorbei sein bevor er angefangen hat - habe ich den Rucksack in Frischhaltefolie eingepackt.
    Das ist zwar nicht so schick und professionell wie die professionelle Verpackung am Flughafen. Aber mit 69Cent an Stelle von 8-10 Euro deutlich billiger und wesentlich unterhaltsamer. Und es scheint zu funktionieren.
    Abfertigung und Flug klappen problemlos, die französische trotz-Schengen-Grenzkontrolle erkennt mich nicht als Temposünder oder Top-Terroristen (wenn diiie wüßten!), und so sitze ich um kurz nach sechs am Gepäckband im Terminal und warte auf meine Begleitung, die mit einem anderen Flieger kommt.
    Auch kleine Flughäfen können etwas unübersichtlich sein, aber wir finden uns problemlos und hetzen schon bald Richtung Flughafen-Bahnhof, denn wir müssen in Lyon (Parte Dieu) einen Regionalzug erreichen, der uns zum Bus (Singular wegen ziemlich singulärem Ereignis) bringen soll.
    Zuvor ist aber etwa eine Halbe Stunde Rhône-Express geplant. Der erste fährt uns vor der Nase weg, aber schon zwanzig Minuten später geht der nächste.
    Wir erreichen problemlos alle Anschlüsse und finden uns letztlich um kurz nach Zehn Abends genau dort wieder, wo die letzte Reise endete.
    Das Hotel - wenn man es denn so nennen möchte - ist nicht ganz so malerisch wie im Angebot, und der Herbst hat die Wirtsleute wohl dermaßen überrascht, daß sie so kurzfristig die Heizung nicht anschmeißen wollten.

    Nun gut, das Ziel für heute war kein Luxus, sondern die Anreise an den Ausgangspunkt.
    Und das hat ganz gut und zügig geklappt. Um drei noch am Schreibtisch, um zehn in Cluny, das ist echt in Ordnung.
    Wenngleich es schon ein wenig seltsam ist, knapp 80 Euro für einen Flug zu berappen und dann nochmal knapp die Hälfte für einen Bruchteil der Strecke. Insbesondere der Rhône-Express (im Grunde eine Straßenbahn mit weniger Haltestellen) ist mit 15,90 Euro für die einfache, etwa halbstündige Fahrt ins Stadtzentrum nicht gerade der Spartipp.

    Ab ins Bett, morgen wartet endlich wieder der Weg auf mich!
    Geändert von QOM (26.10.2016 um 14:57 Uhr)
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  2. Fuchs
    Avatar von Wafer
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    AW: [FR] Jakobsweg: Cluny - Charlieu - Briennon - Montbrison

    #2
    Na prima! Es geht weiter! Das Abo steht und ich harre der Dinge die da gekommen sind - und hier hoffentlich auch auftauchen werden! Ich bin gespannt!
    Geändert von ronaldo (26.10.2016 um 15:13 Uhr)

  3. Erfahren

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    AW: [FR] Jakobsweg: Cluny - Charlieu - Briennon - Montbrison

    #3
    Ich schließe mich Wafer an
    Geändert von ronaldo (26.10.2016 um 15:13 Uhr)

  4. Dauerbesucher
    Avatar von Sternenstaub
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    AW: [FR] Jakobsweg: Cluny - Charlieu - Briennon - Montbrison

    #4
    oh, wie schön. Ein neuer Qom-Bericht! Wird aber Zeit, dass es weiter geht.
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  5. Erfahren
    Avatar von QOM
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    [FR] Jakobsweg: Cluny - Germolles-sur-Grosne

    #5
    1. / 28.Tag: Cluny - Germolles-sur-Grosne
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    Donnerstag, 13. Oktober 2016
    Strecke: 28,1km - Etappe: 28,1km - Gesamt: 884,3km
    Gehzeit: 7:00 brutto / 5:15 netto

    Die Annreise war nicht direkt kurz, und so schlafen wir erst Mal moderat aus. Zumal es in der Bude auch morgens noch kalt ist und der Blick aus dem Fenster nicht gerade Lust zum Aufstehen macht: Nebel, Regen.
    Auch die Gastleute haben offensichtlich mit weniger Gästen gerechnet, denn es ist nur ein großer Tisch gedeckt.
    Dort finden sich nach und nach die Mitgleider einer Schweizer Jugendgruppe ein, die ein paar Tage in Taizé verbracht haben und sich hier vor der Abreise in die Heimat noch zurück in die Zivilisation tasten. Der universelle Geist von Taizé verhindert zwar ein offenes Massaker am Tisch, kann jedoch nicht ganz darüber hinwegtäuschen, daß schlicht zu wenig Plätze eingedeckt sind beziehungsweise der Tisch eben gerade für die Gruppe reichen würde - wenn wir denn das Geschirr nicht schon benutzt hätten.
    Das Frühstück ist inhaltlich wenig ergiebig, denn auch das paßt mengenmäßig kaum zur Zahl der Anwesenden . Dafür war es aber teuer. Von den Wirtsleuten lange keine Spur...
    Wir versuchen, mit der Dame des Hauses, die den Empfang betreut, telefonisch eine Unterkunft für die Nacht klar zu machen. Das gestaltet sich nicht ganz so einfach, denn sie spricht noch schlechter Französisch als ich und ihr Mann hat gerade keine Zeit, denn er bereitet schon das Mittagessen vor.
    Aber schließlich erreichen wir jemanden und man verspricht uns ein Zimmer für die Nacht und auch etwas zu Essen davor.Eine Adresse gibt es nicht, der Ort wäre nicht so groß...

    Und so stehen wir um kurz nach 10 bei Kälte und Regen vor der Tür.
    Nicht gerade einladend. Na gut, erst Mal geht es sowieso zurück nach Cluny, denn wir brauchen noch Proviant und ich möchte die Tour dort fortsetzen, wo ich sie im letzten Jahr beendet habe. Nicht exakt, aber bitteschön doch mit Wiedererkennungseffekt.
    Den gibt es in der Einkaufsstrasse von Cluny sattsam. Der Proviant ist schnell gefüllt, der Abzweig des Weges von der Hauptstraße in der Stadtmitte schnell gefunden.
    Letzten Herbst hatte ich mir eigentlich vorgemerkt, mir die Abtei von Cluny näher anzusehen. Aber das geht heute nicht. Mir jucken die Füße, ich muß jetzt laufen!
    Im Gedanken nehme ich Cluny auf die Liste der Orte, die ich mal mit dem Wohnmobil besuchen möchte, wenn ich nicht mehr laufen kann.
    Und so steigt der Weg schnell aus Cluny heraus in feuchte Felder.
    Da bin ich also wieder!
    Es fühlt sich so an, als wäre ich wieder auf einer unsichtbaren Spur, die mich direkt aus Frankfurt hierher geführt hat. Und gerade gestern erst hier gewesen.
    Selbstredend ist die Welt bei dem Wetter ausserhalb der Siedlung nicht nur relativ, sondern eher absolut entvölkert.
    Zu sehen gibt's nichts außer grau und penetrantem Niesel.
    Welcher Esel sollte bei so einem Wetter vor die Tür gehen?

    Warum erkennen Esel in mir immer so zügig einen probaten Ansprechpartner?
    Wir unterhalten uns kurz von Angesicht zu Angesicht, denn wir haben ja Zeit...


    Es geht insgesamt etwa 10km etwas schlängelig durch Weiden nach Sainte-Cécile. Dort ist auch nicht viel los, aber eine Bushaltestelle gibt uns einen trockenen Platz für das Mittagessen. Der Dorfplatz irritiert uns etwas, denn hier gibt es zwar Kirche und Kriegerdenkmal, aber die Mairie fehlt!
    Noch im Ort steigt der Weg etwas an um eine recht laute und gut ausgebaute Bundesstraße zu überbrücken.
    Danach verschwindet der Weg im Wald und erklimmt zügig den Hügel, auf dem es eine gnze Weile entlang geht. Waldein, waldaus.
    Die Planung war im Vorfeld hier nicht ganz einfach, denn weder die verbale Beschreibung im Pilgerführer noch die Satellitenansicht waren wirklich eindeutig. Die Navigation erweist sich aber in Verbindung mit der insgesamt klaren Streckenführung und der ausreichenden Beschilderung als problemlos machbar.
    Der Weg fällt durch viele, viele Weiden äußerst malerisch nach Tramayes. Die Aussicht wäre so rein theoretisch sicher wieder mal äußerst schön.


    Mal wieder ein Panorama ohne Aussicht auf Aussicht!

    Durch Weiden, Weiden und Weiden geht es stetig weiter bergab.


    Das Vieh ist schon mal heim gegangen.

    Leider auch mit der Stimmung, denn der Regen nimmt zu.
    Kurz vor Kilometer 25 brechen alle Dämme: Aus dem Wald um eine Ecke kommend, treffen wir auf eine Straße.
    Die Navigation ist für einen Moment nicht ganz klar.
    Klar ist jedoch, daß die Regenklamotten nun im Starkregen ihr Werbeversprechen doch nicht ganz einlösen. Eher überhaupt nicht. Die Nässe dringt an Armen und Beinen merklich durch; wenigstens bleibt der Torso warm.
    Etwas grimmig und unterzuckert finden wir Germolles-sur-Grosne, es dämmert schon ein wenig.
    In dem, was als Ortszentrum gelten mag, gabelt sich die Straße und ein Zweig ist mit "Le Thozet" ausgeschildert.
    Die letzten zwei Kilometer bis zu diesem Hof ziehen sich wie Kaugummi, zumal wir eben nicht so genau wissen, wo wir eigentlich suchen.
    Der dritte Hof ist es, und nachdem wir die Dame des Hauses gefunden haben, kommen wir ziemlich schnell in ein muckeliges Appartment unter dem Dach.
    Glücklicherweise, denn da haben wir genug Platz, unsere durchnässten Klamotten zu verteilen und vor den Heizkörpern regelmäßig zu wenden.
    Die warme Dusche und der freundliche Empfang zum Abendessen - Suppe aus dem eigenen Garten, viel davon! - wärmen von innen und außen.

    Und so wird es schon am ersten Tag dieser Etappe mal wieder schnell Nacht!

    Fazit des Tages:
    Zusammen ist man weniger allein. Aber Regen und fies ist eben Regen und fies!
    Es ist trotzdem schön, wieder auf dem Weg zu sein; es fühlt sich an als hätte es kein Jahr Pause gegeben!
    Und es wird dieses Mal wohl sinnvoll sein, nicht nur die Unterkunft für den Abend klar zu machen, sondern auch zu wissen, wo sie ist!
    Geändert von QOM (15.12.2016 um 14:29 Uhr)
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  6. Erfahren
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    [FR] Jakobsweg: Germolles-sur-Grosne - Propières

    #6
    2. / 29.Tag: Germolles-sur-Grosne - Propières
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    Freitag, 14. Oktober 2016
    Strecke: 28,8km – Etappe: 56,9km – Gesamt: 913,1km
    Gehzeit: 8:00 brutto / 5:30 netto

    Der Wecker schickt uns nicht allzu spät zum Frühstück, und das ist zwar relativ einfach aber doch ganz nett.
    Zumal der Blick aus dem Fenster nicht gerade Lust auf Weitwandern macht. Wo doch die Klamotten gerade wieder trocken sind.
    Als wir gegen 10 auf der Straße stehen, ist es nicht so ganz klar, ob das nun schwerer Nebel oder leichter Sprühregen ist. Also lieber gleich in die Regenklamotten.
    Den ersten halben Kilometer geht es einfach auf der Straße weiter. Dann merke ich, daß die Navigations-Elektrik nicht richtig läuft. Ich erwecke sie zum Leben und gleich darauf geht es links ab.
    Zwar würde auch die Straße geradeaus in Richtung des Etappenziels führen, aber wir wollten noch die im Reiseführer besprochene Kirche von Saint-Jacques-des-Arrêts sehen.
    Die empfängt uns bei Kilometer 2 relativ dunkel und auf den ersten Blick verschlossen – wie der ganze Ort auch.
    Aber auf der rechten Seite ist (wie so häufig bei französichen Kirchen) eine Seitentür, und die läßt sich (wie so häufig) mit etwas Willem und einem beherzten Handgriff öffnen.
    Die Kirche bleibt relativ dunkel, so daß die umfangreichen Gemälde an den Wänden nicht zu erkennen sind.
    Im Chorraum bemerkte ich recht viele Strahler, sehe aber keinen Schalter dazu. Ich zappele und hüpfe etwas, in der Hoffnung auf einen Bewegungsmelder. Aber auch das hilft nicht.
    Schade.
    Im Rausgehen schaue ich mich nochmal kurz um und sehe direkt neben dem Eingang ein paar Schalter mit kleinen Landesfähnchen. Ich drücke auf den Union Jack. Aaah!
    In der Kirche geht das Licht an, und eine Stimme führt uns von Bild zu Bild; den jeweiligen Spot anschaltend.
    Nach etwa zwanzig Minuten sind wir wieder draußen im leichten Regen und folgen der Straße durch Wiesen und Felder nach Chagny. Auf der anderen Seite des leichten Tals schaut mich eine romanische Kirche an. Schweren Herzens lassen wir sie rechts liegen – ein weiterer Platz, der irgendwann mal mit dem Wohnmobil aufzusuchen ist.

    Bei etwa 6km erreichen wir Ouroux, und dort gibt es ein kleines, extrem universelles Geschäft für alle Fragen des täglichen Lebens. Wir kaufen ein wenig ein und gönnen uns einen Espresso in der mit Bildern amerikanischer Sehenswürdigkeiten geschmückten, leicht angejahrten Bar.


    Grau in grau. Downtwon Ouroux

    Ab jetzt ändert die Tagesetappe ihren Charakter.
    Direkt hinter Ouroux geht es in den Wald. Und bergauf, knapp 300 Höhenmeter. Das Wetter wird immer grauer, durch die Anstrengung des Steigens und den damit verbundenen Schweiß auf der einen Seite und der von außen kommenden Kälte und Nässe auf der anderen Seite geht es Reissverschluß auf, Reissverschluss zu. Das ist wohl der feine Unterschied zwischen Theorie und Praxis atmungsaktiver Kleidung. Wenn man bei Sauwetter drinnen eine für den Austausch ausreichende Feuchtigkeit und Temperatur erreichen möchte, geht man ein!
    Etwa bei Kilometer 14 erreichen wir den ersten Straßenpass des Tages, den Col de Crie, von oben durch die Weiden kommend. Mag sein, daß es hier normalerweise Panorama geben mag. Für mich fällt das aber wieder mal aus.

    Es geht ein Stück an der Straße entlang bis der Weg nach rechts abzweigt und über die nächsten Kilometer stetig weiter ansteigt. Bei Kilometer 22 sind wir auf etwa 970m Höhe angekommen. Aussichten gibt es kaum, denn wenn der Kulturwald aus schnell wachsendem Nadelholz mit teilweise beeindrruckenden Baumhöhen sich mal ein Stück weit öffnet, ist es dahinter nur grau.


    Französischer Hoch-Nebelwald in voller Aktion.

    Die nächsten Kilometer geht es stetig bergab, es folgen ein paar kleine Ortschaften – nein, das ist zu viel gesagt.
    Und es rächt sich zum ersten Mal, daß ich bei der Planung die Höhenlinien ziemlich konsequent außer Acht gelassen habe. Bei Kilometer 25 sind wir wieder auf etwa 620m Meereshöhe. Kälte, Regen und Steigung haben auf die Reisegeschwindigkeit gedrückt und an den Kräften gezehrt.
    Es reicht. Das Etappenziel Propières muß ziemlich in der Nähe sein aber die letzten Meter ziehen sich ziemlich zäh. Die Richtung ist zwar im Grunde klar, der Weg aber nicht immer ganz eindeutig ausgeschildert. Das nagt etwas an der Stimmung.
    Das Hotel ist recht leicht zu finden.
    Aber auch wenn man das einzige Haus am Platze ist, scheint man doch nicht so recht mit weiteren Gästen gerechnet zu haben. Das erste Zimmer begrüßt uns mit benutzten Handtüchern und einem zerwühlten Bett.
    Danach wird es dann aber ganz gemütlich. Die Heizung scheint zwar nicht ganz so leistungsstark wie die des Vorabends, aber die Kleider sind heute auch nicht ganz so gnadenlos durchweicht.
    Im Haus gibt es ein Restaurant, und hier gibt es ordentlich was auf den Teller.
    Eine große Portion Nudeln mit Geschnetzeltem und Rotwein später wird es mal wieder schnell dunkel…

    Fazit des Tages:
    Höhenmeter sind auch Meter! Auch bei gutem Wetter wäre diese Etappe schon etwas anstrengend gewesen. Und gutes Wetter, ja, das hätte was gehabt!
    Gefühlt den ganzen Tag durch den Regenwald getappt und niemanden und nichts gesehen. Sogar die Tiere sind allem Anschein nach daheim geblieben!
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  7. Erfahren
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    [FR] Jakobsweg: Propiéres - Charlieu

    #7
    3. / 30.Tag: Propières - Charlieu
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    Samstag, 15. Oktober 2016
    Strecke: 39,5km - Etappe: 96,4km - Gesamt: 952,6km
    Gehzeit: 10:45 brutto / 8:00 netto

    Propières begrüßt uns trotz eigentlich sehr netter Wettervorhersage nicht gerade mit Kaiserwetter. Trotzdem kommen wir zügig in die Schuhe und auf die Straße; nur eine gefühlte Viertelstunde nach zwei nicht allzu Gesprächigen, offensichtlich ebenfalls wandernden älteren Damen.Im Ort verzetteln wir uns fast. Denn den Stempel gibt es in der Epicerie, und da gibt es außerdem noch eher mäßig freundlichen Service aber ziemlich leckere Sachen, mit denen wir unseren Proviant auffüllen. Mein Dank für den Service ist, das soeben erstandene Baguette vor den Augen des Verkäufers in der Mitte zu falten damit es bei Regen nicht aus dem Rucksack schaut. Die Hülle eines Weißbrots vor dem Servieren zu versehren scheint dem Blick nach zu urteilen ein Sakrileg zu sein - entweicht da gar das Aroma?

    Die Streckenplanung für heute ist ziemlich gewagt. Denn es gibt in dieser Region direkt am Weg jetzt lange, lange nichts. Ein paar Gîtes, ein paar Gasthäuser, aber nichts mit verlässlicher, erreichbarer Telefonnummer. Sicherheitshalber reservieren wir mit genuscheltem Namen und ohne Kreditkarte ein Zimmer im einzigen gelisteten Hotel in Pont-du-Pierre, einem Vorort von Charlieu. Schweineteuer, unerreichbar weit weg, aber das einzige telefonisch zu reservierende Bett für heute Abend.

    Na, dann mal los!
    Der Weg begrüßt uns so, wie wir ihn gestern verlassen haben. Im Immerhin hellen Nebel geht es fast Richtung Süden bergab durch die Felder, um nach etwa 2km für die nächsten 8km stetig von etwa 570 bis auf knapp 870m anzusteigen. Etwa bei Kilometer 6,5 sehen wir vor uns zwei Gestalten links bergauf der offiziellen Wegweisung weiter bergauf folgen. Wir umgehen die Kuppe jedoch auf der Straße, denn der Weg sieht nicht so lecker aus und wir versprechen uns keine Aussicht. Und so überholen wir die beiden Damen aus dem Hotel ohne mehr über sie zu erfahren.

    Als wir bei etwa 10km den Col des Ecorbans erreichen ist ganz allmählich die Sonne herausgekommen und heizt uns auf den letzten Höhenmetern nochmal kräftig ein bevor der Weg im Wald verschwindet.

    Mit Sonne und Schatten ist es einfach schöner!

    Wir kommen noch einen guten Kilometer weiter bevor wir erstmalig auf ein rares, in Deutschland praktisch unbekanntes Wildtier treffen: Enduro-Biker. Zweitakt, Viertakt, groß und klein, alles, was fährt und Krach macht. Die Spuren haben wir schon die ganze Zeit gelegentlich gesehen, aber nie ein lebendes Exemplar. Heute treffen wir sie massenhaft. Meist in Gruppen zu etwa vier oder auch mal nur Vater und Sohn.
    Ein fürchterliches Getöse und mir absolut nicht geheuer!
    Eines muß ich aber ganz klar lobend sagen: Die Jungs brettern durchs Gehölz als hätten sie sieben Leben. Am liebsten natürlich schotterige Single-Trails. Aber sie können's wirklich! Und wannimmer uns der erste erahnt, geht die ganze Gruppe sofort und sehr kontrolliert in den Schleichgang und vermeidet jegliche Gefahr. Ganz Klasse! Natürlich bleibt die Sorge, übersehen oder Opfer eines Kollateralschadens zu werden. Aber sie geben sich offensichtlich alle Mühe. Auch wenn mich der Lärm natürlich stört: So geht rücksichtsvoller Sport!

    Bei etwa 12,5km kommen einige extrem unwahrscheinliche Ereignisse zusammen. Erstens, die Sonne scheint, zweitens, die Mittagszeit naht, drittens, es gibt eine Bank , leider nicht ganz in der Sonne, viertens, es gibt so etwas wie Aussicht.

    Darf ich eigentlich auch Panorama-Fotos posten?


    Wegscheide Le Croix bleu

    Gut gestärkt geht es weiter durch den Wald, begleitet vom Geräusch und Geruch eilig oxidierten Oktans. Es geht die nächsten Kilometer tendenziell sanft bergab.

    Hier gibt es vor Allem blaue Ferne!

    Immer mal wieder ist eine Parzelle des Nutzwaldes abgeholzt, vielleicht um dem gelangweilten Wanderer doch gelegentlich etwas Panorama zu eröffnen. Am Faszinierendsten an vielen Ausblicken ist die konkrete Aussicht, entweder ganz da hinten hinter dem Horizont irgendwo her zu kommen - oder eben irgendwo da vorne hin zu wollen. Absolut erstaunlich, welche gefühlten Entfernungen sich zu Fuß bewältigen lassen, sogar in relativ kurzer Zeit!

    Eher ein ausgewaschener als ein ausgetretener Pfad!

    Und von nun an geht es stetig bergab. Wir erreichen bei Kilometer 20 Le Cergne, das uns mit ziemlich absoluter Ruhe empfängt. Weder ist uns danach noch haben wir Zutrauen, hier spontan eine Unterkunft zu finden.
    Der Weg wird nun etwas verspielter, und das äußert sich auch an der Wegweisung. Der Jakobsweg selbst ist allerdings weiterhin zweifelsfrei und tadellos ausgeschildert, und die GPS-Spur läßt praktisch keinen Irrtum zu. Und so vergehen ein paar Kilometer im Spiel zwischen Weiden und Wald.

    Egal wohin. Es ist immer richtig!

    Etwa bei Kilometer 22 bietet die Kapelle eines unversehrt aus dem Deutsch-Frankzösischen Krieg Heimgekehrten die Gelegenheit zu einer kurzen Rast.

    Kalvarienberg-Kapelle. Im Sommer bestimmt ein schöner Platz zum Rasten!

    Es ist aber gerade etwas kalt und schattig, und so schauen wir uns nur kurz um das verschlossene Gebäude herum um.
    Arcinges bei Kilometer 24 macht infrastrukturell auch keinen Mut, wenngleich ein Lama-Hof mit zahlreichen anderen Nutztieren Kurzweil spendet und wir direkt vor der Kirche einen sehr schönen sonnigen Platz für eine Rast finden.

    Klassische Ortsmitte in Arcinges

    Es folgt Weideland, sehr viel davon. Das sieht kaum danach aus als ließe sich da irgendwo spontan eine Unterkunft finden.

    Blick ins fruchtbare Loire-Tal. Hui, ist das breit!

    Die letzte Chance darauf verspielen wir halb bewußt als wir bei Kilometer 26,5 der Wegweisung auf die gegenüberliegende Seite des Tälchens folgen statt uns rechts Richtung Mars zu halten.

    Kurz drauf zeigt sich Mars sehr schön auf einem kleinen Hügel in der immer tiefer stehenden Sonne. In dem kleinen Wäldchen erfahren wir durch ein an einen Baum genageltes Motorrad-Nummernschild, daß der Enduro-Sport wohl bisweilen auch Opfer fordert.

    Die folgende Gegend ist absolut herrlich, aber die immer länger werdenden Schatten machen uns in Zusammenhang mit dem Fehlen jeglicher Infrastruktur und mit jetzt knapp 30 Kilometern in den Beinen doch etwas unruhig.

    Ein schöner Blick zurück...


    Was macht denn Ihr um die Tageszeit noch hier?


    Gegen 18:30 sind die Schatten schon bedrohlich lang!


    Einzelnes Gehöft in der Nähe von Valorge. Sehr schön, aber etwas spät!

    Hier ist nun wirklich weit und breit nichts, es muß jetzt weiter gehen, und zwar im Wettlauf gegen die immer stärker werdende Dämmerung!
    Es geht weiter tendenziell bergab, durch endlose Weiden.

    Das letzte Bild des Tages. Jetzt wird's langsam echt zäh!

    Kein Ende in Sicht, es scheint endlos weiter zu gehen. Der klare Himmel läßt die Temperatur ziemlich schnell spürbar fallen.
    Und dann geht hinter uns der Mond auf. Vollmond, riesengroß! (Wie ich später erfahre, der erste "Super-Vollmond".)
    Das ändert aber auch nichts daran, daß es hier in der Pampa schlichtweg dunkel ist! Wir erahnen unseren Weg mehr als wir ihn wirklich sehen und beißen uns einfach nur noch durch.
    Bei Kilometer 34 treffen wir auf eine Straße und ignorieren die weitere Wegweisung. Denn diese Straße wird uns sicher (?) nach Pont-du-Pierre bringen.
    Das erreichen wir ab Kilometer 35 dann so nach und nach, glücklicherweise ist auf der Straße nicht viel Verkehr. Wir folgen ihr einfach weiter, alle abweichenden Wegweisungen oder mögliche Abkürzungen durch geschotterte Wege ignorierend. Wir sind völlig durch, jetzt ist einfach trittsicherer, glatter Asphalt ohne jegleiche navigatorische Herausforderung gefragt!

    In Pont-du-Pierre angekommen ist die Navigation zum Hotel ein Klacks. Einfach entlang der Straße. Dort angekommen werden wir empfangen wie Gäste aus einer anderen Welt.
    Das sind wir zweifelsfrei auch, denn das ist ein Hotel, das sich eher an Geschäftsreisende richtet. Und die sitzen jetzt schon beim Diner. Von Essen kann hier keine Rede sein, denn hier zählt vorwiegend die Form!

    Eine Dusche später sitzen auch wir am Tisch und überlegen, das gestärkte Tischtuch zu benagen. Das Menu des Tages ist zwar ganz gut, aber heute wäre eigentlich einfach ein großes Bier und eine große Pfanne Bratkartoffeln gefragt gewesen.

    Nun gut, wir sind hier, wir haben keine Wahl, also lassen wir's uns schmecken.

    Und kurz drauf wird's mit kurzem Blick in den Garten aber sowas von rabenschwarze Nacht, da kann der Super-Vollmond einpacken!

    Fazit des Tages:

    Grenzen sind nur dann Grenzen, wenn man sie gelegentlich zu verschieben versucht. Das war heute so ein Tag. Mein Wanderpartner gesteht mir beim zweiten Bier, daß er bei etwa 32 Kilometern ganz knapp davor war, wahllos Teile der Ausrüstung auf Nimmerwiedersehen in die Landschaft zu pfeffern. Vielleicht waren wir hinsichtlich der Unterkunft zu wählerisch und hätten unterwegs irgendwo günstig und einfach unterkommen können. Aber der Wille hat uns durch den Tag gezogen, bis zum Ende.
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  8. Fuchs
    Avatar von blauloke
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    AW: [FR] Jakobsweg: Propiéres - Charlieu

    #8
    Schön, dass du mit deiner Pilgerwanderung weiter machst und uns davon erzählst. Deine Berichte lese ich sehr gerne.

    Zitat Zitat von QOM Beitrag anzeigen
    Am Faszinierendsten an vielen Ausblicken ist die konkrete Aussicht, entweder ganz da hinten hinter dem Horizont irgendwo her zu kommen - oder eben irgendwo da vorne hin zu wollen. Absolut erstaunlich, welche gefühlten Entfernungen sich zu Fuß bewältigen lassen, sogar in relativ kurzer Zeit!
    Solche Ausblicke zählen für mich auch immer zu den Höhepunkten einer Wanderung. Das gehen durch die Landschaft ist für mich einer der Gründe zu Wandern.
    Du kannst reisen so weit du willst, dich selber nimmst du immer mit.

  9. Dauerbesucher
    Avatar von Sternenstaub
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    AW: [FR] Jakobsweg: Cluny - Charlieu - Briennon - Montbrison

    #9
    kaum schaut man ein paar Tage hier nicht hinein, geht es weiter (wie schön!)
    Bei jedem deiner Berichte denke ich mir. wie schön es doch in Frankreich ist und dass ich unbedingt mal wieder dorthin muss/will. Aber mit dir in Gedanken zu reisen bzw deine Wanderungen erzählt bekommen, ist ja auch sehr schön.
    Also mach bitte bald weiter!
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  10. Erfahren
    Avatar von QOM
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    [FR]: Jakobsweg: Charlieu - Saint-Haon-le-Châtel

    #10
    4. / 31.Tag: Charlieu - Saint-Haon-le-Châtel
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    Sonntag, 16. Oktober 2016
    Strecke: 33,9km - Etappe: 130,3km - Gesamt: 986,5km
    Gehzeit: 9:30 brutto / 6:45 netto

    Der erste Blick aus dem Fenster zeigt hellen Nebel, der gegen die Sonne kämpft, im Moment aber noch deutlich unterliegt. Und so kämpfen wir uns ähnlich zäh aus den Federn - war weit gestern!
    Schließlich kommen wir vor die Tür, die Luft ist noch feucht und Charlieu empfängt uns im besten Sonntagsglanz. Wir betreten die Stadt über die historische Steinbrücke, die dem Vorort den Namen gab und treffen im Stadtkern auf ein zwiespältiges Bild. Einerseits sehr liebevoll restaurierte Häuser, andererseits schon der leichte Hauch morbiden Verfalls.
    Das Geläut der zur Messe rufenden Glocken ist in den Gassen ohrenbetäubend.


    Liebevoll restauriert - die perfekte Kulisse für den darin angelegten Mittelalter-Laden!


    Blick zurück auf die Kirche, mit Klingeln in den Ohren!


    Monsieur le Boulanger, ihr Haus hat mit Witterung und Schwerkraft zu kämpfen!

    Wir sind spät dran, und auch wenn die Kirche schön hätte sein können, wir stellen uns dem zur Messe strebenden Volk nicht entgegen.
    Auf dem Weg aus der Stadt hinaus kommen wir an der teilweise geschleiften (Revolution?) und teilweise noch prächtig erhaltenen Abtei vorbei. Der Nase folgend gibt es dort am Empfang einen sehr schönen Pilgerstempel.


    Stadtbefestigung und Abtei gehen hier ineinander über.


    ...was von der Kirche blieb. Die Wiese erinnert an Größeres.


    Detail im Eingangsbereich des alten Kirchenportals.


    Letzter Blick zurück auf Charlieu.

    Wir merken uns Charlieu auf der Liste der Orte vor, die irgendwann mal mit dem Wohnmobil zu bereisen und intensiver zu besichtigen sind...


    Blick zurück über Charlieu. Der Rest ist noch etwas dunstig...

    Kaum aus Charlieu raus, vorbei am Convent des Cordeliers (einer weiteren Klosteranlage) geht es in der Sonne knackig etwa 100 Höhenmeter bergauf, aber kurz drauf auch genauso schnell wieder herunter.

    Bei etwa 7,5 Kilometern erreichen wir Pouilly, eine auch sonntags sehr lautstark geschäftige Stadt. Der Eindruck entseht vielleicht dadurch, daß wir uns auf einer der Einfallstraßen nähren und den Ort auch ebenso wieder verlassen - auf einer langen, geraden Baustelle Richtung Briennon. Dort erreichen wir bei etwa 9,5 Kilometern einen netten kleinen Kanal-Hafen mit einem Café; Tische in der Sonne. Na, wenn das keine Einladung ist...
    Uns steckt der gestrige Tag noch etwas in den Knochen, und wir haben auch nicht wirklich Lust heute Abend wieder ohne Hotel durch die Nacht zu irrlichtern. Also versuchen wir, einen halbwegs verlässlichen Plan für die zweite Tageshälfte zu machen.
    Das klappt nur zum Teil, denn die Suche nach einer Unterkunft macht keine ganz große Freude.
    Wir haben Kontakt mit einer Pension in Saint Haon le Châtel. Aber bis dahin sind's noch gut 20 Kilometer.

    Na gut, also los!
    Es geht ein kleines Stück am Kanal lang, dann aber wieder auf den nächsten Hügel, durch die Felder und am Waldrand entlang. Sehr kurzweilig erreichen wir bei Kilometer 13,5 La Bénisson-Dieu, einen Ort mit langer Pilgertradition.


    Erster Blick auf La Bénisson-Dieu


    Kurze Erklärung zur langen Pilgertradition...


    Irgendwie scheint von vielen Kirchen hier nur noch ein Teil zu stehen...


    Sieht bedeutungsschwanger aus, ist aber nur der Start des lokalen Trimmpfads.

    Wir erfahren, daß es gute Tradition der Clunienser war, die etwas unruhigeren Geister auf die Pilgerreise nach Santiago zu schicken. So hält man Ruhe im eigenen Sprengel!
    Der Ort empfängt uns in der Mittagszeit träge und verlassen, große Pilgerscharen sind definitiv nicht in Sicht.

    Von hinten nähern wir uns der Kirche, die auf dieser Seite nicht die typische, stets zugängliche Seitentür hat. Auch der separat stehende Glockenturm ist ungewöhnlich. Durch einen Spalt zwischen ihm und einem Nebengebäude schlüpfen wir auf den kleinen Platz vor dem Haupteingang. Der ist offen, und wir treten ein.

    Drinnen schaut es auf den ersten Blick sehr ruhig, aufgeräumt und hell aus; der letzte Frühjarsputz ist an diesem Gotteshaus jedoch zumindest teilweise vorbei gegangen.


    Hell und aufgeräumt: Kirche von La Bénisson-Dieu


    Da war im Frühling die Stange am Besen zu kurz!


    Insgesamt ein sehr lichter, freundlicher Eindruck.

    Hinter und öffnet sich die Tür und zwei weitere Besucher treten ein. Eine sonore Stimme sagt deutlich vernehmlich "Bonjour, les pèlerins du Compostelle!". Es ist ein mittelalter Geistlicher. Keiner der lokalen Pfarrer, dafür bewegt er sich in der Kirche nicht zielstrebig genug. Aber der Art nach zu urteilen, wie er seine Stimme in der Kirche einsetzt, doch jemand, der das häufig tut. Wir kommen ins Gespräch, und der Mann erweist sich als außerordentlich polyglott. Er spricht die gängigen europäischen Sprachen recht flüssig, hat eine Zeit in Frankfurt gelebt. Er ist mit einem jüngeren Geistlichen im Schlepptau ebenfalls zu Besuch hier; mehr erfahren wir nicht. Zum Abschied bekommen wir unsere ganz persönliche "Bénisson-Dieu", dreisprachig.

    Wir laufen noch etwa zwei Kilometer weiter und finden auf einer verlassenen Weide (etwa bei Kilometer 16) zwei angenehm sitzhohe und trockene Baumstümpfe. Wenn das mal keine Einladung zur ausgiebigen Rast ist! Es könnte wärmer sein, es könnte sonniger sein, aber das schiere Vorhandensein einer Sitzgelegenheit ist auf dem Jakobsweg ja an sich schon ein recht seltenes Ereignis. Carpe sellam!

    Frisch gestärkt treideln wir weiter durch die Weiden und erreichen, gerade den Rucksack aufgesetzt, eine sehr kurzweilige Furt mit umgehender Wackelbrücke.


    Auf älteren Bildern ein herrlicher Parcours zum Balancieren im Sommer...


    Hier und heute bin ich über diese merklich schwingende Brücke doch sehr froh!


    Noailly, fast oben auf dem Hügel. Hier läuft sich's kurzweilig!

    Auf den nächsten Kilometern überqueren wir einen Hügel (etwa 100 Höhenmeter), der uns einen schöne Ausblick üder die Weite Ebene gibt. Das hinterlässt allerdings auch wieder ein etwas ungutes Gefühl.

    Denn es ist recht schwierig, hier Entfernungen abzuschätzen. Allerdings ist das für heute zu erreichende "irgendwo da hinten" etwas klarer zu sehen. Denn das Tagesziel müßte am Hang auf der anderen Seite der Ebene liegen. Irgendwo da ziemlich weit hinten halt!

    In der Tendenz steigt der Weg nun durch endlose Weiden beständig an. Etwa bei Kilometer 25 spendet ein Wegweiser merklich Trost.


    Hier sind wir richtig!

    Wir wissen nun zwar nicht, wie weit es noch zum Tagesziel ist. Aber wir wissen, wie weit es noch bis Santiago ist. Es weht ein etwas kühler Wind; die Wolken werden etwas fester.

    Nach Saint-Romain-la-Motte knickt der Weg rechts ab, und das "irgendwo da hinten" wir etwas konkreter. Es ist jedoch nicht so klar einzuschätzen, ob der Ort hinter dem nächsten, dem übernächsten oder dem überübernächsten sichtbaren Abschnitt der Landschaft beginnt.

    Also weiter. Zwar gibt es heute keinen immer länger werdenden Schattenwurf, aber sowohl die Uhr (kann man ja auch mal beutzen) als auch die langsam abnehmende Helligkeit und der nachlassende Flugverkehr des in der Ebene beständig brummenden Sportflugplatzes deuten darauf hin, daß sich der Tag herzlich wenig darum schert, wie weit wir noch vom Tagesziel entfernt sind.


    Egal, wie weit es noch sein mag. Zeit für ein Dämmerungsfoto muß sein!

    Dennoch muß auf jeden Fall Zeit sein für die Dämmerungskuh des Abends, denn kurz vor ihrem Untergang färbt die Sonne den kurz etwas aufgerissenen Himmel doch noch mal.
    Es geht weiter, ab Kilometer 28 steigt der Weg merklich an. Klar, denn der Zielort liegt ja zumindest auf halber Höhe der Hügelkette, die das Loire-Tal westlich begrenzt.
    Es sind zwar nur etwa 100 Höhenmeter, aber sie ziehen in Verbindung mit der generellen Bereitschaft, ein gepflegtes Bier zu trinken und warm zu duschen, doch noch ein wenig Kraft aus den Knochen.

    Wir erreichen Saint-Haon, und mein Telefon tut etwas Neues, Wildes: Es schaltet bei verbelibenden 30% Restladung einfach so ab als ich die feinere Navigation zur Herberge dieser Nacht beginnen will. Das letzte Bild der Anzeige brennt sich im Dunkel noch in meine Netzhaut ein, und so beschließe ich, aus diesem Eindruck heraus nach der Adresse zu suchen statt den Zusatz-Akku aus dem Rucksack zu kramen und die Technik wieder in Gang zu bringen. (Nein, einfach nach dem Weg zu fragen ist hier keine Möglichkeit. Nicht wegen meines männlichen Stolzes oder der Sprachbarriere, sondern wegen dem absoluten Fehlen möglicher Ansprechpartner.)

    Mein Eindruck trügt mich nicht, und wir finden das "Relais Saint Jacques", auch im Dunkeln.
    Dabei handelt es sich aber schon irgendwie um die Edelvariante einer Herberge. Zielgruppe sind - auch, wenn es der Name anders vermuten ließe - eher weniger Pilger als gestresste Städter (wo kommen die hier auf dem platten Land her?), die sich bei Jacuzzi im Mondenschein von den Strapazen der Stadt erholen möchten.
    Wir sind die einzigen Gäste, und der Hausherr kämpft in der Übergangszeit noch ein wenig mit der Heizung des Halb-Passiv-Hauses. Der erste Eindruck trügt ein wenig als wir am Rande des Wohnzimmers hinter der Couch vorbei die etwas knorrige Tür zu einem weiteren Raum gewiesen bekommen. Das Zimmer ist nicht groß, frisch renoviert, mit eigenem Bad und bester Aussicht auf die Loire-Ebene.
    Während wir uns etwas frisch machen und die Beine ausstrecken, hören wir Pascale durch das relativ hellhörige Haus schlurfen - er bereitet in der modernen Küche im Eingangsbereich das Essen vor.

    Es gibt kurz darauf Omelett, viel davon und eine Flasche Rotwein. Aus der anfangs etwas höflich-bemühten Konversation entspinnt sich ein interessantes Gespräch über die Konstruktionsfehler der euopäischen Union, des Bankensystems, der globalisierten Wirtschaft, der Digitalisierung, ach, der Welt als solcher. Pascale zeigt sich als auf allen Gebieten recht versierter Gesprächspartner mit einer kritischen aber nicht übermäßig paranoiden Sicht auf die Dinge. Im Grunde erwartet er hier in aller Ruhe den Zusammenbruch, aber das wird hier sicher nicht so schlimm wie im Rest der Welt, denn die Region hat alles, was man zum Leben braucht und er fühlt sich gut vernetzt.

    Wir erfahren noch, warum wir zwar den ganzen Tag Weiden sehen, es in den Restaurants aber praktisch kein lokales Rindfleisch gibt: Die Gegend hier produziert Kälber, die dann zur Mast weiterverkauft werden. Wenn hier mal tatsächlich ein Tier das Schlachtalter erreicht, ist es entweder so ausgelaugt, daß es nicht mehr genießbar ist oder so gut, daß es gar nicht erst zum Verkauf kommt...

    Nach einem anstrengenden Tag und dem Blick auf den Boden der Weinflasche wird es jedoch auch hier wieder mal dunkle Nacht...

    Fazit des Tages:

    Sehr schöne, aber wieder mal lange Etappe durch das Weideland zu diesem Zeitpunkt noch glücklicher Rindviecher. Herrlich zu gehen, mit einigen kurzweiligen Ein- und Aussichten. Bei diesem Abschnitt des Jakobsweges geht es allem Anschein nach eher um Leute und ruhige Kilometer zwischen den einzelnen Treffen!
    Geändert von QOM (16.02.2017 um 20:00 Uhr)
    Ein Post von QOM = Quengelige Outdoor-Memme.
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  11. Erfahren
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    [FR]: Jakobsweg: Saint-Haon-le-Châtel - Saint-Maurice-sur-Loire

    #11
    5. / 32.Tag: Saint-Haon-le-Châtel - Saint-Maurice-sur-Loire
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    Montag, 17. Oktober 2016
    Strecke: 22,4km - Etappe: 152,7km - Gesamt: 1.008,9km
    Gehzeit: 7:15 brutto / 4:45 netto

    Der morgendliche Blick aus dem Fenster mit der direkten, unverbauten Aussicht auf das Loire-Tal erinnert spontan an das Aufwachen im Schloß. Wir beginnen ihn mit Pascale ähnlich gemütlich wie wir den vorigen beendet haben - na gut, ohne die Flasche Wein. Heute aber wirklich gemütlich!

    Wir lassen Pascale ein wenig herumtelefonieren und machen eine Unterkunft in Saint-Maurice-sur-Loire fest. Denn das wird dem Reisführer nach der letzte Außenposten der Zivilisation für eine ganze Weile sein. Keine 25 Kilometer, also lassen wir uns weiter Zeit. Immerhin kommen wir vor 11 auf die Straße.

    Der Tag zeigt sich bewölkt aber zunächst trocken. Dunstig, so daß das Ende der Ebene kaum zu erahnen ist. Total unaufgeregt. Schon nach etwa 2km fällt der Weg rasch nach Renaison ab, wo wir problemlos unsere Vorräte auffüllen können. Es wird nieselig-feucht. Kein echter Regen, nicht wirklich unangenehm, aber dennoch schwer zu ignorieren.


    Loire-Tal


    Blick nach Renaison

    Nach Renaison erklimmt der Weg den Kamm wieder rapide (etwa 70 Höhenmeter), geht dann ein Weile unentschlossen durch die Felder und erreicht Saint-André-d'Apchon. Der Ort wird schon bald in südlicher Richtung verlassen, es geht weiter durch leicht windige, etwas trübe Weiden um außenliegende Höfe. Zwischen Kilometer 7 und 8,5 folgen die anstrengendsten Höhenmeter des Tages - es sind nur etwa 150, aber sie bringen uns durchaus zum Schwitzen!

    Genauso schnell fällt der Weg nach Saint-Alban-les-Eaux, das am Rande durchquert wird. Wir finden einen Platz zum Rasten bevor wir den Ort, eine alte Textilfabrik (?) umrundend wieder verlassen. Weiter geht's durch Felder mit verstreuten Höfen stetig leicht bergab in das Flächendorf Lentigny, das wir bei Kilometer 15 erreichen.


    Gehen Sie weiter! Hier gibt's nix zu sehen!

    Tag und Weg plätschern so dahin, Gegend, Wetter und freilaufende Hunde zeigen sich allgemein träge und uninteressiert. Keine Menschen, keine spektakulären Aussichten, nicht warm, nicht kalt, feucht ohne echten Regen.

    Jetzt, beim Schreiben des Reiseberichts habe ich die Strecke des Tages - ich muß es zugeben - praktisch vergessen. Ich glaube aber, ich hätte mich schon Abends kaum noch an etwas erinnern können. Das Wetter tut ein Übriges, keine besonderen Eindrücke zu bieten. Es regnet nicht, aber trotzdem schlägt das allgemeine Gefühl langsam Richtung "kalt und etwas klamm" um.

    Wir haben heute getrödelt, also sind wir relativ spät dran als Saint-Jean-Saint-Maurice in Sicht kommt.


    Erster Blick auf Saint Jean.

    Ein Ort, der auf der Karte praktisch komplett unter seinem ausgeschriebenen Namen verschwindet.
    Über dem Dorfplatz erhebt sich stolz und gut restauriert die alte Kirche von Saint Jean. Sie steht komplett frei und verspricht gut restauriertes Altertum.

    Pustekuchen! Das Gebäude ist noch keine 200 Jahre alt! Es wurde lediglich - für französische Architektur völlig untypisch - extrem gut in die Umgegend eingepasst. Wie wir später am Tag sehen werden, ist die Kirche nach dem Vorbild des mittelalterlichen Nachbarortes gestaltet. Der etwas modernere Innenraum bietet einen interessanten Kontrast zur äußeren Erscheinung.


    Neu oder alt? Kirche von Saint Jean.


    Von innen relativ neu!


    Jeanne d'Arc habe ich auch schon einige Tagenicht mehr gesehen!

    Aus der Kirche heraus fällt unser Blick auf die Pizzeria direkt gegenüber. Es ist noch nicht mal ganz sechs Uhr und trotzdem ist schon reger Betrieb. Sonst sieht der Ort eher trist und leer aus.

    Wir richten an den Kellner zwei Fragen. Erstens, in welche Richtung liegt unsere Unterkunft? Zweitens, wie lange ist der Laden hier heute Abend auf?

    Gut, daß wir vor allem diese Frage gestellt haben! Ungläubig fragen wir nach, an einen Hörfehler glaubend. Aber nein, es ist sein Ernst. Die Pizzeria SCHLIESST um 7 Uhr abends! Und nein, sonst gibt es hier in der Nähe eigentlich kein weiteres Restaurant, das zuverlässig jeden Tag geöffnet hat.

    Wir erfahren aber weiterhin, daß das Gästezimmer in allerhöchstens zehn Minuten zu Fuß zu erreichen sein sollte. Und so sitzen wir um kurz nach sechs in der Nähe des wärmenden Holzofen-Pizza-Feuers bei einem freundlichen Roten und unentschlossen fadem Wasser.
    Die Pizza kommt prompt und ist sehr gut, der Salat-Teil der Bestellung geht in der Eile des durch uns bedrohten pünktlichen Feierabends unter. Es reicht noch für einen Espresso, und um kurz vor 7 raffen wir unsere Siebensachen zusammen und machen uns auf den Weg in die Richtung, in der wir unsere Bleibe für die Nacht vermuten.

    Das etwas hangabwärts liegende Saint-Maurice empfängt uns verwinkelt und verwirrend. Der Weg zu den wenigen Unterkünften scheint liebevoll ausgeschildert, wir umrunden die geschlossene Herberge, passieren ein, zwei geschlossene Restaurants, umrunden die etwas geduckte Kirche, erreichen einen Aussichtsplatz (natürlich ohne Aussicht), und die Wegweiser enden.
    Nicht schlimm, denn vom Platz aus führt nur ein weiterer Weg in das Häusergewirr. Wir folgen ihm - und schon stehen wir wieder vor der Kirche, ohne ein Schild gesehen zu haben.

    Wir wiederholen das Manöver noch vier (!) mal, mit abbiegen in alle erdenklichen Winkel und Gässchen, bevor ich ganz in der Nähe des Aussichtsplatzes ein kunstgeschmiedetes Gartentürchen wahrnehme, das auf die Gästezimmer hindeutet. Im angrenzenden Haus brennt Licht und wir betätigen den schweren Türklopfer. Hier sind wir richtig!

    Wir sind die einzigen Gäste und bekommen direkt zur Begrüßung eröffnet, morgen früh müßten wir schon beizeiten aus dem Haus sein, man habe etwas in der nächsten Stadt zu erledigen. Die Gastgeberin führt uns auf die andere Seite des Weges in ein Haus, an dem wir zwei oder drei Mal vorbeigestreunert sind. Wir haben eine komplette Ferienwohnung, durch das alte Gemäuer etwas eigenwillig im Layout, aber durchaus nett.

    Gegessen haben wir schon, also wird es nach einer warmen Dusche mal wieder schnell Nacht...

    Fazit des Tages:

    Eine Etappe, die eher die Länge als die Breite des endlos scheinenden Loire-Tals herausarbeitet, gelaufen an einem Tag, der durch fehlendes Klima und schlechte Sicht auch keine Abwechslung zu bieten hatte. Weitgehend entvölkerte Landschaft, die aber offensichtlich landwirtschaftlich genutzt wird. Nach den anstrengenden Etappen der letzten Tage war das eine gute Erholung. Und mit Blick auf die verkehrstechnischen Möglichkeiten an verschiedenen Ausstiegspunkten für diesen Abschnitt des Weges können wir es uns erlauben, mal einen Tag etwas langsamer zu machen. Denn den weiter entfernteren Punkt (Usson en Forez) werden wir ohnehin nicht mehr rechtzeitig erreichen können.
    Ein Post von QOM = Quengelige Outdoor-Memme.
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    [FR]: Jakobsweg: Saint-Maurice-sur-Loire - Arthun

    #12
    6. / 33.Tag: Saint-Maurice-sur-Loire - Arthun
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    Dienstag, 18. Oktober 2016
    Strecke: 31,3km - Etappe: 184,0km - Gesamt: 1.040,2km
    Gehzeit: 9:00 brutto / 6:15 netto

    Der Tag beginnt mit dem Läuten der trotz Nebel gut zu sehenden Kirchenglocken. Ansonsten zeigt sich die Aussicht am Aussichtspunkt eher monochromatisch.


    Blick vom Bett auf den Wecker


    Spektakuläre Aussicht auf den Loire-Stausee

    Man hatte uns am Abend zuvor ja schon gesagt, daß das Frühstück bei Zeiten zu nehmen sei weil man in der Stadt etwas zu erledigen habe. Das Frühstück gibt es gegenüber bei den Gastleuten in der großen Küche mit großflächigem Panorama-Fenster (ohne Panorama halt). Offensichtlich gehören ihnen hier in der Ecke mehrere Häuser, denn die riesige Küche ist in einem anderen Gebäude als Eingang und Wohnbereich. Das Frühstück ist nett aber wortkarg und einfach, schließlich sollen wir uns hier nicht einnisten!
    Und so starten wir um halb Zehn die Elektronik, um uns durch den Nebel zu tasten. Der Ort ist echt schön, auch im Nebel. Wir machen einen Schlenker auf den höchten Teil des Ortes mit mutmaßlich erhabenem Aussichtspunkt. Es besteht schon jetzt kein Zweifel, daß die Sonne alles gibt, um den Dunst zu vertreiben. Aber wie lange das noch dauern mag, ist schwer abzusehen. Und so verlassen wir den Ort in Richtung Loire-Stausee.


    Die Unterkunft ist von außen bei Tage auch schick!


    Eine der engen Gassen im Ortskern von Saint Maurice


    Alles etwas unübersichtlich. War dieser Hof ein Teil der Stadtbefestigung?


    Hauptstraße von Saint Maurice im Stoßverkehr


    Auf der Spitze des Hügels läßt sich der Kampf der Sonne gegen den Nebel mit Händen greifen.


    Hier hat die französische Revolution offenstichtlich ganze Arbeit geleistet!

    Auf den Weg werfen wir noch einen Blick in die geduckte Kirche, die sich aus einer sehr alten Kapelle entwickelt hat. Der Stilmix präsentiert sich gedrängt und irgendwie gleichzeitig angestaubt und aufgeräumt, verlassen und benutzt.


    Das Innere ist überraschend hell!


    Unglaubliche Fresken im Altarraum


    Wie mag das wohl leuchten wenn die Sonne scheint?

    Auffallend sind hier einige in der Darstellung etwas ungewöhnliche Statuen.


    Hier schaut der Heiland mal nicht so ernst wie sonst üblich!


    Und auch der heilige Antonius lächelt in anderen Darstellungen meist nicht!


    Nur Maurice, das muß man leider so sagen, schaut als hätte er schon vor der Schlacht die Hosen voll!

    Die Kirche ist ungeheizt und etwas muffig, also halten wir uns nicht lange dort auf. Der Weg aus dem Ort hinaus ist etwas verwinkelt aber leicht zu finden. Und schon blicken wir von unten auf den wirklich sehr schönen Ort zurück. Es sollte jetzt ein Stück am Loire-Stausee entlang gehen, aber der ist gemeinsam mit dem Panorama in Urlaub gefahren.


    Den strahlend blauen Himmel denken wir uns jetzt einfach mal dazu!


    Klimawandel oder nicht: Ein Stausee ohne Wasser schaut immer ein wenig trostlos aus!


    Hier läßt sich die ehemals erhabene Hügellage von Saint Maurice erahnen.


    Ein letzter Blick auf den Ort...


    Na, da fällt die Entscheidung für die Richtung doch leicht!

    Entlang eines schmalen Bächleins geht es vom Ort und vom Stausee weg, und nach etwa zwei Kilometern überqueren wir einen Hügel und lassen die Loire zunächst hinter uns.

    Zwischen Kilometer vier und Kilometer acht steigt der Weg beständig an. Etwa bei Kilometer sechs erreichen wir Bully. Das zeigt uns zunächst die kalte Schulter und wir suchen recht lange nach dem im Ort eigentlich eindeutig ausgeschilderten Universalgeschäft. Gerade als wir aufgeben wollen, finden wir's doch. Es gibt zu - na, sagen wir mal ... - qualitätsbewußten Preisen Proviant und einen ganz leckeren Kaffee in einem netten Sammelsurium um zwei gelangweilt tratschende jüngere Frauen. Draußen wird es zunehmend heller.


    Lurchi hat wohl kein Glück gehabt. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob er gegen einen Geländewagen verloren hat oder heute einfach noch nicht warm ist.


    Kurzweilige Weidelandschaft irgendwo zwischen Bully und Dancé


    Nette Abwechlsung unterwegs...

    Der Weg steigt weiter an (in Summe sind das nur etwa 200 Höhenmeter, also nicht so tragisch.) und etwa bei Kilometer zehn erreichen sehr abwechslungsreich durch etwas Wald und viele Weiden Dancé - ein schöner Ort für eine kurze Pause an der (geschlossenen) Kirche.
    Auch aufgrund der Höhe setzt sich die Sonne endgültig gegen den letzten Dunst durch und macht einem kontrastreich heiter-wolkigen Tag Platz.


    Der Traum eines Badeteichs!

    Es wird in der Sonne schön warm und der Weg fällt ganz allmählich durch endlose Weiden nach Amions.
    Da gibt es nicht viel zu sehen und auch das infrastrukturelle Angebot ist überschaubar, also verlassen wir es ohne Bedauern. Wir haben ja auch erst am Morgen unsere Vorräte aufgefüllt.
    Die nächsten Kilometer geht es durch sehr schöne, schier endlose Alleen und Laubwald weiter Richtung Süden. Etwa bei Kilometer 17 schnörkelt der Weg ein wenig um die Autobahn 89 zu überqueren.
    Kurz darauf sind wir wieder in den Weiden, gelegentlich auch Feldern und nähern uns Pommiers auf denkbar unspektakuläre Weise. Das ist definitiv die nicht-Schokoladenseite des Ortes!

    Recht plötzlich ändert sich das Bild und wir erreichen die Abtei von Pommiers. Wie immer sind wir deutlich außerhalb der von Touristen zu erwartenden Besuchszeiten, so daß der Ort menschenleer ist und die einschlägigen Türen verschlossen sind. Mit Ausnahme der Kirche. Hier nun also der Rundgang.


    Wenn ich mich recht erinnere, war das auch noch eine mögliche Unterkunft...


    Pommiers, Eingang zur Abtei, sieht eher nach Hintertür aus.


    Innenhof der Abtei


    Blick in die Kirche


    Nochmal näher...


    Nahezu naturbelassene Fresken im Altarraum


    Eine wirklich herrliche Darstellung des jungen Jesus!


    Hauptstraße des alten Pommiers


    Blick zurück auf den Stadtkern


    Im Inneren der Mauern wurde durchaus dicht gebaut!


    Blick zurück durch das Haupttor

    Zu touristisch üblicher Zeit kann man sich hier sicher stundenlang verlieren! Das Gemäuer dünstet die Intrigen und Wirrungen von Jahrhunderten klösterlichen Lebens förmlich aus. In der Gegenwart wird jedoch vor allem darauf hingewiesen, verdächtige Personen im Auge zu behalten und besondere Beobachtungen augenblicklich an die Hotline zur Terrorismus-Abwehr zu melden. Beruhigend.
    Wir sind ziemlich schnell wieder draußen und sehen Pommiers von seiner spektakulären Panorama-Seite. Direkt an der historischen Brücke gibt es Platz für eine kurze Rast.


    Taugt uneingeschränkt als Kulisse eines historischen Romans: Blick auf die Abtei von Pommiers


    Hier allerdings muß man sich mit etwas Phantasie den Fluß unter der Brücke denken!

    Hinter Pommiers beginnt sich die Tagesetappe etwas zu ziehen. Es geht durch landwirtschaftliche Nutzfläche immer weiter, die Aussicht hält sich in der vorwiegend ebenen Gegend in Grenzen; menschliche Begegnungen ebenfalls. Es kühlt etwas ab, und schon bald wünschen wir uns die Bleibe für die Nacht herbei.

    Ab etwa Kilometer 27 weichen wir von der in der Gegend ausgeschilderten Wegführung ab denn es ist auf der Karte klar abzusehen, daß das heutige Etappenziel mit einem Schlenker angepeilt wird. Von der Unterkunft der Nacht wissen wir dann allerdings nur, daß sie "am Weg" liegt. Und das gibt uns in Arthun eine faire halbe-halbe-Chance als wir etwas oberhalb der Ortsmitte wieder auf den ausgeschilderten Weg treffen. Wir tippen auf die richtige Hälte und erreichen am unteren Ende des Ortes unsere Gîte bei einer netten älteren Dame. Obwohl wir uns telefonisch angemeldet hatten, erschrickt sie sichtlich als dann doch tatsächlich jemand an ihrer Tür klingelt.

    Wir haben ein ganzes Haus für uns, das allerdings zunächst eher mäßig geheizt. Das Haus ist eher als Ferienhaus für eine ganze Familie mit Kindern angelegt und insgesamt in der Einrichtung etwas eigenwillig. Aber als wie die Wirtin beim Abendessen näher kennenlernen und uns recht nett miteinander unterhalten - Marie Claude war früher Englisch-Lehrerin und taut ihr Englisch stückchenweise auf - ergibt alles ein stimmiges Gesamtbild. Sie kocht für uns in der Küche unseres Hauses und bleibt zum Essen.
    Auch, daß sie die eigene Küche und das eigene Hause nicht für Gäste geeignet findet, paßt ins Bild. Marie Claude ist etwas chaotisch, aber durchweg sympathisch. Fast ungefragt erzählt sie uns ihre eng mit dem Dorf und dem benachbarten Herrschaftshaus verwobene Geschichte, von der französischen Revolution gleichermaßen fasziniert und angewidert. Sie ist nicht so alt, aber die Revolution gehört dazu, denn zu dieser Zeit wurde das Haus, in dem wir wohnen errichtet, zumindest der heutige Wohnbereich.

    Heute Abend dauert es ein wenig, bis wir Schlaf finden. Denn der Tag war nicht so anstrengend, daß wir auf dem mit knisternder Baby-Pischer-Plastikfolie unterlegten, bei jeder Bewegung knarzenden und knisternden Bett sofort wegdämmern könnten.


    Fazit des Tages:

    Sehr schöne und abwechslungsreiche Tagesetappe, die im Sommer sicher auch ihre Tücken hat. Die Gegend hat ihre Längen und Weiten, ist aber im Grunde leicht und angenehm zu laufen. Ich könnte mir vorstellen, mich auf dieser Strecke etwas zu verzetteln, wenn Natur und Tourismus mehr Ablenkung bieten würden. Heute waren wir zwar auch etwas trödelig unterwegs, sind aber immerhin mal nicht in die Dunkelheit gekommen!
    Ein Post von QOM = Quengelige Outdoor-Memme.
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    AW: [FR] Jakobsweg: Cluny - Charlieu - Briennon - Montbrison

    #13
    Danke für deinen Bericht, er begeistert mich immer wieder!
    Auf jeden Fall sorgt er dafür, dass ich mir ernsthaft überlege, dass ich nach dem E 8 einen Weg suche und finde ;) . der auch über lange Strecken durch Frankreich führt. Europa ist so schön!!
    Two roads diverged in a wood, and I—
    I took the one less traveled by,
    And that has made all the difference (Robert Frost)

  14. AW: [FR] Jakobsweg: Cluny - Charlieu - Briennon - Montbrison

    #14
    Nur so, bevor du demnächst wieder auf dem nächsten Abschnitt unterwegs bist: Fehlt hier nicht noch eine Etappe?
    .

  15. Erfahren
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    [FR]: Jakobsweg: Arthun - Montbrison

    #15
    7. / 34.Tag: Arthun - Montbrison
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    Mittwoch, 19. Oktober 2016
    Strecke: 26,4km - Etappe: 210,4km - Gesamt: 1.066,6km
    Gehzeit: 8:00 brutto / 5:15 netto

    Heute lassen wir es ziemlich gemütlich angehen, denn wir lassen uns von Marie-Claude noch Teile ihrer Lebensgeschichte erzählen, hoffend, dass sich der leichte Niesel da draussen bald verzieht.Tut er nicht, und so stehen wir direkt in Regenkleidung vor der Tür.
    Marie-Caludes Haus lag in der direkten Nachbarschaft des Schlosses, so dass wir den Tag mit einer ländlichen Allee und ein paar netten, morgentrüben Aussichten starten. Die ersten vier Kilometer geht es einfach geradeaus, leicht wellig.
    Dann biegt der Weg jäh links ab und erreicht durch Felder das sich so lang wie seinen Namen streckende Örtchen Sainte-Agathe-la-Bouteresse.


    Auf dem übernächsten Hügel: Montverdun.

    Hier gibt's nix zu sehen, bis auf einen kurzen, dunstigen Ausblick auf das nächste Zwischenziel der heutigen Etappe, Montverdun.
    Kurz nach dem Ortsausgang von Sainte-Agathe macht der Weg einen auf der Karte völlig zwecklos erscheinenden Bogen um ein Waldstück. Ob der Eigentümer nicht gestört werden möchte, es sumpfig ist oder es einfach keine Brücke über den irgendwo darin fließenden Bach gibt, erfahren wir nicht. Die Wegweisung ist eindeutig.
    Kurze Zeit später passieren wir das "Château de la Bastie d'Urfé". Das sieht weniger nach einem echten Schloß aus, sondern nach dem für das lokale Seelenheil und das Eintreiben des Zehnten Zweig der reichen Abtei Pommiers. Fotos gibt es keine, denn das Licht gibt nicht viel her und das Etablissement sich äußerst geschlossen.

    Ein sumpfiges Waldstück und ein paar Bögen später erreichen wir bei etwa 10 km Montverdun und erklimmen den Hügel, ihn dabei gefühlte zwei Mal umrundend. Obwohl wir heute Morgen spät losgekommen sind, sind wir hier zu früh als daß das Tor schon für die täglich anstehenden Besuchermassen geöffnet wäre. Wir warten ein paar Minuten, aus Neugier.


    Montverdun. Na, das Grün ist schon etwas mitgenommen.


    Gegen die Zeit: Kirche in Montverdun.


    Für das Weltliche: Wohn- und Küchentrakt.

    Und das lohnt sich. Es zeigt sich von der Revolution oder anderen Wirrungen der Zeit etwas angeschlagene, in Summe aber noch ganz authentische Bausubstanz eines eher landadeligen Wohnsitzes mit robusten Verteidigunsanlagen für kleinere Auseinandersetzungen in der Nachbarschaft und ansonsten aber eher lichter Anlage. Die Kirche ist schlicht und auf ihre Weise einnehmend. In ihrem leicht morbiden Charme trutzt sie robust der Witterung und erzählt drinnen die Geschichte ihres Patrons. Der ist als Reliquie gleich neben dem Altar zu besichtigen. Mich fasziniert sowas immer. Keine Ahnung, was wirklich dran ist an der Geschichte. Aber da hat ein Mensch durch sein Tun einen wirklich nachhaltigen Fußabdruck hinterlassen. Und trotzt so in gewisser Weise der Vergänglichkeit.

    Nach einer weiteren Runde um die Mauer und einen Blick auf die aktuell wegen Überfüllung geschlossene Herberge (könnte mir vorstellen, dass es da jetzt schon ziemlich empfindlich kalt ist!) verlassen wir den Hügel und wenden uns dem nächsten zu. 200 Höhenmeter, recht steil. Die Aussicht gibt n diesem wolkig-trüben Tag nicht allzu viel her. Immerhin lassen Luftfeuchtigkeit und Niesel soweit nach, dass ich die Regenhose ausziehen kann. Ich mag das Geraschel an den Beinen einfach nicht besonders!


    Immer eine nette Abwechslung. Für beide!

    Landein, landaus schlängelt sich der Weg weiter durch entvölkerte Weiden bis nach Champdieu, das wir etwa bei Kilometer 20 erreichen. Eigentlich wäre es hier jetzt gut, irgendwie ist heute die Luft raus aber die Infrastruktur von Champdieu sieht das anders.


    Netter Ausblick in der Nähe von Champdieu.

    Die gelisteten Unterkünfte sind nicht zu erreichen, und in der Mairie weiß man auch nicht wirklich weiter. Man könne uns die Herberge aufschließen, aber die wäre nicht geheitzt und hätte auch kein Bettzeug. Nein, ansonsten sähe es hier heute schlecht aus.
    In Montbrison hätten wir wahrscheinlich mehr Glück.
    Na toll. Sind ja nur fünf Kilometer! Einfach an der Straße entlang, mehr oder weniger geradeaus.

    Punktgenau erreichen wir den recht verwinkelten Stadtkern von Montbrison und finden die Creperie, in der uns die Mairie von Champdieu eingebucht hat.
    Das ist eine überraschende Erfahrung: Der Herr des Hauses bringt uns zwei Gassen weiter in das Privathaus der Familie und weist uns das Gästezimmer zu. Routiniert (Lasst bitte die Schuhe hier draussen auf dem Regal!), etwas knurrig, aber im Grunde doch freundlich. Dann lässt er uns mit dem Schlüssel alleine, er müsse sich ja noch um die Creperie kümmern, er dürfe doch zum Abendessen dort mit uns rechnen. Darf er natürlich.

    Crepes gibt es auch würzig, und so finden wir schon bald gut gesättigt den Weg zurück zum Haus - nicht ohne die Ermahnung, man hätte morgen früh einiges zu erledigen, wir sollten doch bitte gegen halb Acht zum Frühstück erscheinen.
    Überflüssig zu sagen, daß es wieder gewohnt schnell Nacht wird.


    Fazit des Tages:

    Das war's dann wohl wieder mal! Der nächste Punkt mit flüssigem Anschluß an das öffentliche Verkehrsnetz ist zu weit weg als daß wir ihn morgen erreichen könnten. Die Etappe ging für eine letzte Etappe dann doch recht unverkrampft von Statten. Allerdings gibt es hier - auch, wenn wir uns langsam dem wesentlich populäreren Teil des Weges nähern - eine echte Nebensaison, in der die Herbergen geschlossen sind. Das ist für die Planung des nächsten Abschnitts vielleicht nochmal wichtig.
    Nun gut, Morgen geht es ab nach Hause - mit Sightseeing in Lyon, das werde ich Euch natürlich nicht ersparen!
    Ein Post von QOM = Quengelige Outdoor-Memme.
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  16. Fuchs
    Avatar von Wafer
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    AW: [FR]: Jakobsweg: Arthun - Montbrison

    #16
    Hallo QOM! Auch wenn ich mich an diesen Namen erst noch gewöhnen muss! Wie kürzt man das als guter Schwabe denn eigentlich ab? Memmi?

    Schön, dass du uns nicht vergessen hast! Aber so richtig prickelnd hat euch der Wettergott nicht bedient. Aber trotzdem hat der Charme Frankreichs immer was! Von deiner Route ist bisher im Netz wenig zu finden. Geschweige denn hier. Damit freue ich mich natürlich auf eine Fortsetzung in Richtung Le Puy. Planst du da was? Sind ja durchaus noch ein paar Meter. Ich wünsche dir/euch mal ein paar richtig sonnige Etappen!

    Zitat Zitat von QOM Beitrag anzeigen
    ... Nun gut, Morgen geht es ab nach Hause - mit Sightseeing in Lyon, das werde ich Euch natürlich nicht ersparen!
    Wir freuen uns drauf!!!!

    Viele Grüße

    Wafer

  17. Dauerbesucher
    Avatar von Sternenstaub
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    AW: [FR] Jakobsweg: Cluny - Charlieu - Briennon - Montbrison

    #17
    ich stimme Wafer auf jeden Fall zu, denn ich freue mich auch sehr, dass es hier weiter geht.
    Verdammt, ich würde wünschen, dass ich außer englisch noch eine oder gar zwei Fremdsprachen wirklich beherrschen würde, das macht das Reisen wirklich sehr effektiver.

    aber es ist auch wirklich schon sehr gut, zu lesen, was du schreibst.
    aber bitte nicht wieder so eine lange Durststrecke, gell?
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  18. Erfahren
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    AW: [FR] Jakobsweg: Cluny - Charlieu - Briennon - Montbrison

    #18
    Hallo Ihr Lieben!

    Vielen Dank für die Blumen!

    Ja, so, wie das mit dem realen Leben so ist, da bleibt für den Spaß und die Inspiration im Virtuellen manchmal nix übrig...

    Zitat Zitat von Wafer Beitrag anzeigen
    Aber so richtig prickelnd hat euch der Wettergott nicht bedient...
    Von deiner Route ist bisher im Netz wenig zu finden. Geschweige denn hier. Damit freue ich mich natürlich auf eine Fortsetzung in Richtung Le Puy. Planst du da was?
    Ja, in der Tat. Frankreich assoziiere ich spontan schon irgendwie mit eher, na, sagen wir mal...Reizklima.
    Daß von der Route her nix zu finden ist, ist einerseits fast klar, denn ich hab' ja unterwegs auch praktisch noch niemanden getroffen. Andererseits wird der Weg schon langsam ausgetretener, die Landschaft deutlich von Pilgern gezeichnet.
    Ja, es soll natürlich weitergehen. Es hätte eigentlich schon sollen, Anfang April. Aber wie das so ist im echten Leben...es wird wohl wieder Herbst...wenn es denn dieses Jahr überhaupt klappen wird...

    Zitat Zitat von Sternenstaub Beitrag anzeigen
    Verdammt, ich würde wünschen, dass ich außer englisch noch eine oder gar zwei Fremdsprachen wirklich beherrschen würde, das macht das Reisen wirklich sehr effektiver.
    aber bitte nicht wieder so eine lange Durststrecke, gell?
    Mach' Dir mit den Sprachen keine Sorgen. Denk' an Karl, der kommt auch durch!
    Die kriegen schon mit, dass Du Hunger hast und ein Bett suchst!
    Frappierenderweise sprechen die meisten Deutschen kein Französisch und auf diesem praktisch nur für Deutsche attraktiven Weg gibt es unterwegs so gut wie keine Informationen auf Deutsch.
    Und, ja, ohne Durststrecken wär's schon irgendwie schöner, gelle? Aber eben kein Leben.

    Hoch die Tassen! Ich will Sommer!
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  19. Dauerbesucher
    Avatar von Sternenstaub
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    AW: [FR] Jakobsweg: Cluny - Charlieu - Briennon - Montbrison

    #19
    Ausreden gelten nicht, dass das mal klar ist!
    Ich will den Rest lesen, bevor ich selber auf Tour gehe *sehr grimmig gugg - ich kann das*
    Wegen Französisch - in der Realschule habe ich das nicht gelernt und in der Volkshochschule war immer nach dem ersten Semester Schluss und dreimal im ersten anfangen macht 0 Spaß.
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  20. Erfahren
    Avatar von QOM
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    [FR] Jakobsweg: Cluny - Charlieu - Briennon - Montbrison (Heimreise)

    #20
    8. Tag: Jetzt will ich aber auch heim!
    Donnerstag, 20. Oktober 2016

    Der Wecker klingelt gemäßigt früh, denn die Wirtsleute haben eine Lokal zu betreiben und von daher tagsüber schon auch Einiges zu erledigen. Also sollen wir gefälligst auch früh aufstehen.Beim Frühstück verquatschen wir uns dann allerdings völlig unerwartet ein wenig: Die Gastgeber sind doch nicht so knurrig, wie sie sich bislang gaben. Stolz erzählen sie uns von Ihren Fernreisen, 78 Länder hätten sie schon bereist, aber die nächste Zeit würde etwas turbulent, die Kinder hätten sich angesagt. Denn die würden die Zimmer, in denen sie während der Sommermonate die Pilger unterbringen würden, ansonsten gerne nutzen.
    Es siegt dennoch das Pflichtgefühl, und so wird der Tisch doch recht bald abgedeckt...

    Irgendwie fehlt dieser Reise der Endpunkt, und so streichen wir noch ein wenig durch die morgendiche Stadt.

    Bergauf finden wir einen zwischen Luftschutz-Sirenen arrangierten Kreuzigungshügel mit ganz nettem Panorama auf den möglichen weiteren Weg. Wir orientieren uns, wo der Bahnhof - oder besser Busbahnhof - sein mag und wie wir durch das Gewirr der Gassen dorthin kommen werden, da bleibt unser Blick an einer Kirche hängen.
    Das sieht richtungsmäßig nicht nach einem großen Umweg aus, also nichts wie hin!
    Und Notre-Dame-d'esperance stellt sich als genau der Endpunkt heraus, den wir gesucht hatten. Es empfängt uns eine recht große, helle Kirche, die recht frei zugänglich ist.


    Blick über Montbrison Richtung Saint Romain


    Blick aus der Apsis entlang der Hauptachse

    Und so finde ich den Punkt und die Aussicht, mit der die Reise das nächste Mal weiter gehen soll.

    Der Blick auf die Uhr sagt, daß wir jetzt weiter gehen müssen weil sonst heute nur noch wenig weiter geht! Die Verbindung nach Lyon ist zwar dem Fahrplan nach recht flüssig aber tendenziell nur mäßig häufig.
    Wir erreichen den Bus, der uns über Saint Romain (ja, da hätte man hinlaufen können) nach Saint-Etienne bringt. Von dort bringt uns der Zug gut getaktet nach Lyon Part-Dieu.
    Dort ausgestiegen, wundere ich mich etwas. Ich lebte in der Wahrnehmung, für die letzte Nacht in Hotel in der Nähe des Bahnhofs gewählt zu haben.
    Habe ich auch. Allerdings in der Nähe eines anderen Bahnhofs (Perrache). Nun gut, ist nicht weit zu laufen.

    Die Stadt zeigt sich an diesem Tag allerdings von einer Seite, die mir nicht direkt Lust auf Sightseeing macht:
    Frankreich ist im Ausnahmezustand. Das Militär bewacht die Stadt. In seiner extrem martialischen Präsenz kümmert es sich jedoch nur um die Staatsfeinde. Der Drogenhandel hat um den Bahnhof herum freie Bahn und zieht entsprechende Marktteilnehmer an.
    Wesentlich mehr schockiert micht jedoch das unverhoffte Zusammentreffen mit Kinderprostitution. Es dauert einen Moment, bevor ich verstehe, was ich gerade inmitten einer belebten Stadt mit Militär an jeder Ecke sehe. Als der Groschen bei mir fällt, fällt er wohl auch beim zugehörigen Zuhälter, und wir machen, daß wir wegkommen.
    Wir erreichen das Hotel recht problemlos, erleichtern uns um unser Gepäck und machen uns in die Richtung auf, in der wir die Altstadt von Lyon vermuten. Auf dem Berg darüber thront eine Kirche, deren Vorplatz beste Aussicht verspricht.
    Die Altstadt ist wirklich nett aber recht voll.


    Ein Frauenbarbier!


    Auf einem anderen Strang des Jakobswegs führt er an dieser Kirche vorbei.


    Ich liebe die lichte Höhe französischer Kirchen!


    Im Inneren der Kirche...


    Einfach immer wieder schön!


    Ein Innehof mit langer Geschichte von Reichtum, Reisen und Handel.


    Fast oben angekommen: Kontrastreicher Blick über die verwinkelte Altstadt.


    Hm... Wie sieht das denn bei den ganzen Kaminen aus von wegen Feinstaub und so?

    Wir schlängeln uns durch die engen Gassen dem Gefühl nach in Richtung der Aussichtsplattform den Berg hoch, zuletzt durch einen Park. An dessen oberem Ende erreichen wir sozusagen den Keller der Kirche und treten nichtsahnend - später mehr dazu - von dort in das Gotteshaus ein, nachdem die eher unspektakuläre Tür überraschend nicht verschlossen ist. Denn der weitere Weg nach oben auf die Panorama-Terrasse ist durch einen Bauzaun versperrt.
    Was nun folgt, ist eine Überraschung:
    Das Untergeschoss ist so groß wie die Kirche selber, fast vollständig begehbar und in zahllos scheinenden Apsiden findet sich eine Sammlung von Marienbildern aus aller Welt.


    Völlig schmuckloser Altar im hintersten Keller der Kirche.


    Jakobus ist in der Kirche ein riesiges Mosaik gewidmet.

    Staunend drehen wir eine Runde. Spritualität oder Religiosität lassen sich hier kaum erfühlen, aber die kunsthandwerkliche Diversität ist faszinierend. Die Kirche selbst ist in ihrem Keller poliert, ein wenig protzig aber doch eher kühl gestaltet. Hier hat man das Tragwerk des Kellers statisch optimal gestaltet und nachher eben mit Marmor vertäfelt, hie und da noch ein Mosaik eingefügt.
    An einer Seite führt eine Treppe nach oben, und dort trauen wir unseren Augen kaum: Goldglanz, wohin der Blick auch zu flüchten versucht. Großflächige Mosaiken, aber im Grunde Gold, Gold, Gold, völlig überladen!


    Ist ja goldig!


    Hat was von russischen Ikonen, lässt man die Großflächgkeit ausser Acht.


    Und sogar die Kerzen leuchten hier eine Spur güldener.

    In der Kirche lernen wir noch, warum sie seinerzeit gestiftet wurde: Aus Angst vor den im deutsch-französischen Krieg herannahenden deutschen Truppen.
    Wir verlassen die Kirche durch den Haupteingang, wobei wir noch ein amüsantes Detail erfahren: In der Kirche gibt es eine heilige Tür, die aus Anlass des vom Papst proklamierten Jahres der Barmherzigkeit geöffnet wurde. Es handelt sich dabei um eben jede Tür im Tiefparterre, durch die wir das Gotteshaus betreten haben. Wirken heilige Türen auch, wenn man in die falsche Richtung durch läuft? Ist die Richtung überhaupt wichtig? Droht uns jetzt größere seelische Pein?

    Wir schauen uns auf dem Plateau noch ein wenig um und genießen die Sonne, bevor wir wieder in die Stadt absteigen und uns im Hotel mental und organisatorisch auf das Abendessen vorbereiten.


    Hauptportal der Kirche


    Ein Detail der Fassade.


    Auch außen ziemlich Bling-Bling!


    Der Weg zur heiligen Tür ist kein ganz leichter!


    Blick über die imposante Kathedrale der Altstadt.


    Gute Fernsicht: Das ist die Spitze des Eifelturmes! (In der Tat steht hier eine Kopie.)


    Nettes Graffitto als Gegenpol zum allgegenwärtigen "Vigipirate".


    Wieder zurück am Flußufer.

    Das gibt es in der Nähe des Bahnhofs Perrache in der Brasserie Georges. Der Fußweg dorthin ist nicht weit und bei intensiver militärischer Bewachung auch nicht übermäßig gruselig.
    Die Brasserie Georges ist nicht zu vergleichen mit den kleinen Bewirtungsbetrieben, die man üblicherweise mit dieser Kategorie verbindet. Es handelt sich eher um eine Bahnhofshalle mit sicher um die 150 Tischen, an denen straff organisiert im Expresstempo bis zu 3.245(!) Gedecke pro Abend serviert werden. Mit eigenem Bier.
    Die Preisstellung ist selbstbewußt aber nicht übertrieben, das Tartar wird frisch am Tisch angemacht und läßt in Menge und Qualität keine Wünsche offen.
    Am nächsten Tag gibt es nicht mehr viel zu tun. Kurz eine Rolle Folie zum Verpacken des Rucksacks kaufen und dann einfach ab zum Flughafen (Hurra, Hauptbahnhof!) und heim.
    Das geht mit etwas Glück und knapp gut:
    In Frankreich ist Ausnahmezustand und entsprechend routiniert reagiert die Flughafen-Organisation auf ein herrenloses Gepäckstück im öffentlichen Bereich. Ich bin zum Zeitpunkt des Alarms bereits in der Nähe des Gate und werde nicht aus dem Gebäude gewiesen, sondern der Flug wird mit den eingetroffenen Passagieren in aller Ruhe abgefertigt. Die Sperrung des Terminals dauert nicht lange, aber lange genug um den letzten Kaffee in Frankreich nicht bekommen zu können.

    In Frankfurt habe ich kurz Zweifel, ob ich auch bei der Gepäckabfertigung Glück hatte.


    Der Begriff "sein Gepäck aufgeben" kam mir schon immer etwas seltsam vor...

    Hatte ich aber, der Rucksack kommt unbeschädigt und pünktlich vom Band.
    Eine gute Stunde später bin ich wieder daheim und beginne, die Leckereien des Abschnitts in der Waschmaschine für die nächste Etappe zu reinigen.
    Wann es weitergehen wird?
    Ich weiß es noch nicht genau, hoffentlich bald!
    Daß es weitergeht, steht außer Frage...

    Ultreia!
    Geändert von QOM (29.08.2017 um 10:00 Uhr)
    Ein Post von QOM = Quengelige Outdoor-Memme.
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