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  1. [ES] GR 92/Camins de ronda - Die ganze Costa Brava zu Fuß

    #1
    Mitreisende: Werner Hohn
    Land: Spanien
    Reisezeit: Mitte bis Ende Oktober 2011

    Auf dem GR 92 und den Camins de ronda zu Fuß von
    Blanes bis Llançà

    Es gibt zwei Dinge, die ich sehe, die zusammen mein Herz aufgehen lassen: das Grün der Pinien, das Blau des Meeres.

    (Francisco Pi i Margall)


    Costa Brava. Ausgerechnet. Stundenlanges Warten auf den Bus der von Flughafen hinunter an die Küste fährt. Zwei Engländer fahren noch mit. Where is the bar? Noch nicht ganz da, schon werden Klischees wahr.

    Unterwegs nicht enden wollende Siedlungen. Weiße Häuser wälzen sich die Hügel hinauf, die Hügel hinunter, verdichten sich in den Tälern zu Dörfern ohne erkennbare Grenzen. Kein Hügel, kein Tal, ist den weißen Häusern entkommen. Grüne Pinien fehlen nur unten in den Dörfern – oben an den Hängen hat jedes Haus mindestens eine. Ferienhäuser ohne Pinie sind keine. Dicht an dicht stehen nun die Häuser. Die Straßen werden breiter, je näher die Küste kommt. Ein Kreisverkehr nach dem anderen, mit mehr Spuren, je näher an Lloret de Mar. Busfahrer, Taxifahrer, Einheimische donnern gekonnt hindurch. Ängstliche Urlauber im ungewohnten Kleinwagen sind Verkehrshindernisse. Aus niedrigen Ferienhäusern sind vielstöckige Appartementhäuser geworden. Hotels überall. Freies, unbebautes Land fehlt. Riesige Werbetafeln an den Ausfallstraßen für Lidl, Kartbahnen, Wasserwelten, Burger King und McDonald's. Lloret de Mar am Stadtrand und doch so laut und betriebsam.

    Noch ein Stück die Küste runter: Blanes, noch größer als der Nachbarort und doch ruhiger, normaler. Kilometerlang die Strandpromenade. Das südliche Ende der Costa Brava endet standesgemäß: Unter vier Etagen macht es auch hier kein Haus.

    Bis hoch nach Frankreich ist das so. Die Küste ist bebaut, mal mehr, mal weniger. Ferienort an Ferienort. Die einen zusammengepresst und in die Höhe geschossen, die anderen in die Länge gezogen und in die Höhe geschossen. Geheimtipps? Keine mehr. Nicht an der Küste.

    Irgendwo in all dem Durcheinander ist ein Wanderweg. Zwei Wochen immer die Küste entlang, die einst die schönste Küste Spaniens war. Immer noch?
    Geändert von Werner Hohn (07.02.2018 um 12:27 Uhr) Grund: Satzbau und so.

  2. AW: [ES] GR 92/Camins de ronda - Die ganze Costa Brava zu Fuß

    #2
    Die Etappenübersicht

    Blanes - Lloret de Mar
    GR 92 (Costa Brava)

    Lloret de Mar - Tossa de Mar
    GR 92/Cami de ronda

    Tossa de Mar - Sant Feliu de Guixols
    GI-682 (Landstraße), PR-C 101 (regionaler Wanderweg)

    Sant Feliu de Guixols - Palamós
    GR 92/Cami de ronda

    Palamós - Begur
    GR 92/Cami de ronda, lokaler Wanderweg, GR 92/Cami de ronda, GR 92

    Begur - els Griells (bei l'Estartit)
    Lokaler Wanderweg, Cami de ronda, Strand, Wirtschaftswege, PR-C 108 (Sender de Pals), C-31 (Kreisstraße), PR-C 109 (regionaler Wanderweg)

    els Griells - Bon Relax (Sant Pere Pescador)
    Alte Straße l'Estartit-l'Escala (Schotterpiste), GR 92, Strand

    Bon Relax - Roses
    GIV-6216 (Landstraße), lokaler Wanderweg, GR 92, Radweg

    Roses - Cadaqués
    GR 92/Cami de ronda

    Cadaqués - Llançà
    Lokaler Wanderweg/Cami de Ronda, GR 11, GR 92

    Insgesamt so um die 210 km in 10 Wandertagen.


    Quelle: © OpenStreetMap und Mitwirkende, CC-BY-SA
    Geändert von Werner Hohn (24.12.2011 um 14:24 Uhr) Grund: Neue Karte

  3. AW: [ES] GR 92/Camins de ronda - Die ganze Costa Brava zu Fuß

    #3
    1. Etappe: Von Blanes nach Lloret de Mar


    Blanes - Das südliche Ende der Costa Brava

    Eine Treppe. Noch eine. Wieder eine. Eine versteckte. Eine übers Eck. Oben! Triumph 170 Meter über dem Meer. Immerhin gibt es einen strammen Hintern. Worte aus Frauenmund, Selbstbetrug, Motivation. Nicht wegen des Hinterns. Um der Frage nach dem Tun aus dem Weg zu gehen, denn unten liegen die Unentwegten schon am Strand. Das Leben da unten könnte bestimmt erträglich sein. Hotel, Mietwagen, Strandtücher, Sonnenmilch sind auf den Treppen ganz nah und erst oben am Castell de Sant Joan endlich wieder weg.


    Im Innern der Kapelle im Castell de Sant Joan (Blanes)


    Santa Bàrbara

    Der steinige Pfad hinab von der Burgruine mit der Kapelle hält keinen Kilometer durch. Danach Landstraße. Vorbei an der verlassen wirkenden Urbanización Sant Francesc. Landstraße durch die Urbanización Santa Christina. Linker Straßenrand, Häuser, rechter Straßenrand, Hundescheiße. Ebenfalls verlassen. Nicht nur die Hundescheiße. Eine große geführte Wandergruppe in Gegenrichtung. Niemand grüßt zurück. Deutsche. Ernüchterung. Der Mietwagen, das Hotel, der Strand sind wieder da.


    Cala Banys

    Für Minuten auf Wegen durch dichten Kiefernwald. Hoffnung, dass es bleibt. Umsonst. Umgeleitet nach Can Caravana. Wieder Ernüchterung. Nein, der GR 92 führt nicht durch die Jardins de Santa Clotilde. Den anderen Urlauber scheint's egal zu sein, die gehen zum Strand. Die letzte halbe Stunde vom Castell de Sant Joan bis rüber nach Lloret de Mar ist Costa Brava aus dem Bilderbuch. So weit schaffen das auch die Urlauber aus dem nahen Lloret. Badeschlappen sind kein Hindernisgrund auf dem wirklich steilen Pfad hinab zur Cala Banys.


    Lauretum, Lauredo, Loreto, Lloret ... Lloret de Mar

    Davon gibt es jede Menge ...

    Lloret hat keine Geheimnisse mehr. Steht alles in den Reiseführern. Was dort nicht steht, hat in den bunten Blättern mit den dicken Schlagzeilen gestanden. Saufurlaub bis zur Besinnungslosigkeit. Das ist immer noch so. Bumsurlaub bis zum totalen Versagen. Das sind Wunschträume, heute wie gestern. Und im Winter kommen die Busse mit den Rentnern. Das ist immer noch so. Das soll so bleiben. Das wird so bleiben. Rentner, die noch nie in Lloret de Mar waren gibt es massig und täglich wachsen neue nach. Die Russen kommen auch. Weniger die Rentner, die Jungs und Mädels, denen Malaga zu teuer ist, ist Lloret immer noch gut, wenn auch nicht teuer. Mittags sitzen Männer in goldenen Turnschuhen zu dem ausschließlich der schwarze Jogginganzug mit goldenen Streifen passt in der Sonne. Geschmacklose Goldketten, fette Uhren aus Gold funkeln in der Sonne. Beim Mittagessen steht der Wodka neben dem Suppenteller. Selbstverständlich „All Inclusive“. Klischees? Wahr gewordene.

    ... davon auch

    Die Frauen? Um Klassen besser, schöner allemal. Und jung, besonders die aus dem Osten. Überhaupt: Ganz Lloret wimmelt von Kindern. Mittags bei Burger King, abends bei McDonald's, nachts vor den Eingängen der Discotheken. Gegenüber stellt eine dänische Jugendfußballmannschaft das Hotel auf den Kopf. Französische Schüler legen die Döner-Bude lahm. Nach dem Abendessen tauchen dann die Grüppchen aus älteren Frauen auf. Meist aus Deutschland. Drei, vier, fünf, sechs Frauen ohne ihre Männer. Auch das war schon immer so. Vermutlich soll auch das so bleiben.


    Lloret de Mar - Capella del Santíssim

    Lloret de Mar - Castell d'en Playa
    Geändert von Werner Hohn (07.02.2018 um 12:28 Uhr) Grund: Satzbau und so.

  4. Fuchs

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    AW: [ES] GR 92/Camins de ronda - Die ganze Costa Brava zu Fuß

    #4
    Da freue ich mich drauf.
    Lang ist es her- in den 70er des letzten Jahrhunderts waren wir als Kinder/ Jugendliche mehrfach dort auf auf Campingurlaub mit Muttern (Nähe Calonge)
    Eine herrliche Bucht nach der nächsten...selbst in der Session gab es recht einsame Flecken.
    Ich habe es als sehr schön in Erinnerung. Die Küsten waren noch nicht so zubaut.
    Aus dem Boden gestampfte Touri Orte wie Playa de Aro gab es aber auch schon...

    Gruß

    Folko
    www.mitrucksack.de
    Ganz viel Pyrenäen ( HRP- Haute Randonnée Pyrénéenne - komplett) und ein bisschen La Gomera

  5. Fuchs
    Avatar von Atze1407
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    AW: [ES] GR 92/Camins de ronda - Die ganze Costa Brava zu Fuß

    #5
    Ach Werner, schön wie immer sind deine Reiseberichte zu lesen und dazu die wunderbaren Fotos die einen gerade jetzt die Sehnsucht nach dem Süden aufflackern läßt.

    LG
    Atze1407
    Wenn du den Charakter eines Menschen kennenlernen willst, gib ihm Macht.
    Abraham Lincoln

  6. AW: [ES] GR 92/Camins de ronda - Die ganze Costa Brava zu Fuß

    #6
    Der Anfang liest sich super. Ich liebe diese sarkastisch, spitzfedrige Art und Weise deines Berichts.

  7. AW: [ES] GR 92/Camins de ronda - Die ganze Costa Brava zu Fuß

    #7
    Zitat Zitat von Nicki Beitrag anzeigen
    Da freue ich mich drauf.
    Lang ist es her- in den 70er des letzten Jahrhunderts waren wir als Kinder/ Jugendliche mehrfach dort auf auf Campingurlaub mit Muttern (Nähe Calonge)
    Eine herrliche Bucht nach der nächsten...selbst in der Session gab es recht einsame Flecken.
    Ich habe es als sehr schön in Erinnerung. Die Küsten waren noch nicht so zubaut.
    Aus dem Boden gestampfte Touri Orte wie Playa de Aro gab es aber auch schon...

    Gruß

    Folko
    Aha, du bist älter als gedacht. Ja, die 70er, damals haben uns die Eltern auch da runter geschleppt. Im Oktober gibt es auch heute noch jede Menge einsame Flecken.

    Zitat Zitat von Atze1407 Beitrag anzeigen
    Ach Werner, schön wie immer sind deine Reiseberichte zu lesen und dazu die wunderbaren Fotos die einen gerade jetzt die Sehnsucht nach dem Süden aufflackern läßt.

    LG
    Atze1407
    Atze, genau das brauchen deine alten Knochen. Mach mal runter in den Süden.

    Zitat Zitat von Mika Hautamaeki Beitrag anzeigen
    Der Anfang liest sich super. Ich liebe diese sarkastisch, spitzfedrige Art und Weise deines Berichts.
    So lässt sich Lloret de Mar und anderes viel besser ertragen. Als Wanderer steht man eh überm gemeinen Fußvolk.

    Lloret kann man im Frühjahr und Herbst durchaus empfehlen. Nicht so langweilig wie zum Beispiel Roses. Genau aus diesem Grund haben wir die letzten 3 Tage in Lloret abgebummelt. Bei 100 Diskos, 1000 Kneipen, 5000 Klamottenläden und gefühlten 10.000 Tattoo-Läden ist Langeweile ein Fremdwort.

    So, mal sehen, ob ich es heute noch bis Calonge schaffe.
    Geändert von Werner Hohn (21.12.2011 um 17:25 Uhr) Grund: Meine Güte! Warum fallen mir solche Fehler nicht sofort auf?

  8. Alter Hase
    Avatar von peter-hoehle
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    AW: [ES] GR 92/Camins de ronda - Die ganze Costa Brava zu Fuß

    #8
    Oh,fein,
    Ein Reisebericht vom Werner mit seinem unverwechselbaren Stil.
    Da kann man sich ja schon auf die Fortsetzung freuen.

    Gruß Peter
    Wir reisen um die Welt, und verleben unser Geld.
    Wer sich auf Patagonien einlässt, muss mit Allem rechnen, auch mit dem Schönsten.

  9. Fuchs
    Avatar von Wafer
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    AW: [ES] GR 92/Camins de ronda - Die ganze Costa Brava zu Fuß

    #9
    Hallo Werner.

    Der Anfang liest sich ja sehr vielversprechend! Da bin ich mal auf die Fortsetzungen gespannt! Ich freue mich schon drauf.

    Gruß Wafer

  10. AW: [ES] GR 92/Camins de ronda - Die ganze Costa Brava zu Fuß

    #10
    Hi, Peter. Du bist noch im Lande? Dich wähnte ich schon ganz woanders.

    Wafer, und ich freue mich auf einen Bericht von der Vía de la Plata.
    Geändert von Werner Hohn (25.11.2011 um 21:30 Uhr)

  11. AW: [ES] GR 92/Camins de ronda - Die ganze Costa Brava zu Fuß

    #11
    2. Etappe: Von Lloret de Mar nach Tossa de Mar


    Treppen. Ohne geht es an dieser Küste nicht.

    Der Traumpfad hoch über dem Meer ist nur kurz. Wegsperrung. Vom Meer die Treppen hoch und nun das. Kaum der Disney-Burg entkommen, versperrt ein Tor den Pfad. Weitergehen an der Küste ist nicht möglich. Dann eben eine Urbanización mehr. Es kommt nicht drauf an. In dieser Gegend ist die Welt verbaut. Überall wo es schön ist, ist der Süden verbaut. Keine Hochhäuser hier? Doch, ganz oben steht eins im Siebziger-Jahre-Look. Da hat wohl wer nicht widerstehen können. Der Rest hat anderes gebaut und doch gleich. Gemütliche, schnuckelige, mittelmeerige Ferienhäuser. Nicht wenige überzieht nun eine dicke Patina. Der Anfang vor 50 Jahren, findet immer noch kein Ende. Neu gebaut wird nicht mehr viel. Mutige reißen die Kitschvilla ab und bauen modern. Das Angebot an fähigen Architekten scheint für diese Art Häuser begrenzt zu sein. Das Geld muss halt da sein, nicht nur fürs Haus. Die anderen renovieren, ohne das Veränderungen gewollt sind oder hoffen, dass sich ein Käufer findet. Wer es sich leisten kann, vererbt. Nordeuropa will immer noch Sonne, nur nicht mehr zu jedem Preis. Freie Bauplätze gibt es auch noch. Offensichtlich nur dort wo in Jahrzehnten niemand ein Haus hat hinstellen wollen. Ohne Blick aufs Meer, ohne Sonne? Nein, das kann man auch zu Hause haben.


    Blanes, noch immer am Horizont

    Spanier nicht willkommen?

    Die aneinandergereihten Platzverschwender: Urbanización La Montgoda, Urbanización Soleia, Urbanización Canyelles. Ausgesprochen hässlich ist keine. Das Hässliche ist die Abwesenheit von Leben. Das irritiert, das fällt auf. Ganze Hänge mit leeren Häusern. Gespenstisch. Urbanizaciónes sind im Oktober tote Welten. Nicht nur hier, an der Küste alle. Alles hier ist ordentlich, alles ist sauber, perfekt. Langweilig. Autos mit französischen Kennzeichen, mit holländischen, mit deutschen. Nur Mietwagen haben ein spanisches Nummerschild. Ein steinaltes britisches Ehepaar arbeitet sich an Einkaufstaschen müde. Vorm Hotel müht sich ein Gärtner mit einem unendlich langen Schlauch ab. Von einer Terrasse schwäbelt es runter bis auf die Straße. Reklame für deutsches Bier. Ein deutscher Handwerker macht Werbung. Ein Presslufthammer überflutet das Tal.

    Keine Treppen mehr. Nur noch leichtes Gehen durch die Straßen mit wirren Kurven und Kehren: Ronda de Europa, Carrer de Suïssa, Carrer d'Anglaterra, Carrer d'Alemanya, .... d'Austria, ... d'Holanda, ... de França. Eine Carrer d'Espanya gibt es nicht. Lissabon, Dublin, Neapel, Genua. Auch keine Straße mit den Namen einer spanischen Stadt. In der privaten Urbanización Llorell will man sogar keine Fremden. Nirgends steht das, muss auch nicht. Drei Meter hohe Zäune sind vielsprachiger als jedes Schild. Angsthasenurlaub. An den Zäunen verkommt der GR 92 zum Wanderweg – na endlich.

    El Xalet Vermell

    Wie hat Tossa de Mar das bloß geschafft? Eine Gehstunde vorher findet die letzte Feriensiedlung ihr Ende. Grüne Kiefern, noch grünere Pinien, Steineichen, Korkeichen deren welke Blätter unter den Schuhen knistern. Breite und staubige Waldwege. Unter den Schuhen quellen dünne Staubwolken hervor. Vogelstimmen sind in der Luft. Sogar im Herbst riecht Katalonien nach Sommer. Trockene Erde, Kiefernadeln, vertrocknetes Gras. Lichtungen flimmern im mittäglichen Sonnenlicht. Plötzlich Stimmen. Wieder eine Wandergruppe. Wieder aus der Gegenrichtung. Schon wieder Deutsche. Man grüßt sogar auf Spanisch. Noch vor dem Abstieg nach Tossa, jucken die Oberarme. Die ersten Anzeichen von Sonnenbrand. Aus dem Weg ist ein Pfad geworden. Dann ist die Stadt da. Hierhin also, hier fahren die hin, die sich für Lloret zu schade sind.

    Ach, Tossa de Mar! Die Tante war hier auf Hochzeitreise. Mitte der Fünfziger war das. Die Vila Vella! Die Tante hat die Augen verdreht! Damals also auch schon. Die Preise! Davon hat die Tante nie was gesagt. Na, Hochzeitreise halt. Die Nachbarn sind vor Neid geplatzt. Ach, könnten wir doch nach Tossa de Mar. Sogar 'ne Künstlerkolonie hatten'se da. Nicht fragen, wer alles. Tossa der Mar hat sich bestimmt schon damals nicht unter Wert verkauft. Heute auch nicht. Die Hotelpreise! Der Kaffee oben am Leuchtturm! Perdone, am El Far! Die Vila Vella! Die Festungsmauern! Das will bezahlt werden.


    Tossa de Mar

    Tossa de Mar - In der Vila Vella

    Heerscharen werden mit Bussen und Ausflugsbooten angekarrt. Die Wagemutigen klemmen sich die Kamera vors Auge und schwupps, schon sind sie in den fünf Straßen der Vila Vella verschwunden. Das Gros sucht unterm Fähnlein der Reiseleiterin Schutz auf dem Weg hinter die Mauern. Den Gehfaulen reicht der Blick von außen auf die Festungsmauern, am liebsten von den Terrassen der Bars am Passeig del Mar. Die Gehfaulen sind schlau, denn wenn alle wieder zu Hause sind, werden alle nur dieses eine Bild von Tossa de Mar zeigen: die Vila Vella - sag bloß nicht Altstadt! - mit der sie umgebenden Festungsmauer - und das von außen.

    Ach Tossa, du bist tatsächlich schön, nur umdrehen darf man sich nicht. Wie das Schmuckkästchen der Tante, das war auch schön, der Rest war Gelsenkirchener Barock.


    Tossa de Mar

    3. Etappe: Von Tossa da Mar nach Sant Feliu de Guíxols


    Tossa de Mar

    Bis auf einige kleine Siedlungen ist die Küste zwischen Tossa und Sant Feliu unbebaut. Platz für den GR 92 gibt es trotzdem keinen. Der verlässt in Tossa de Mar die Küste und macht einen Bogen über Sant Grau d'Ardenya durchs hügelige Hinterland der Costa Brava. Zwanzig sehr einsame Kilometer durch grüne Macchia und Kiefern. Kein Verkehr, kein Auto, kein Meer. Wo der Wanderweg hinpassen würde, ist eine Straße. Es soll die schönste an Spaniens Mittelmeerküste sein.

    GIV-682

    Die Hände reiben. Vorfreude macht sich breit. Am Stadtrand einem nervenden Hund zwei Steine vor die Pfoten werfen. Endlich unterwegs. Dann ist sie da, die GIV-682, die Landstraße nach Sant Feliu. Gesicherte 22 Kilometer. Angeblich 365 Kurven. Für jeden Tag des Jahres eine. Angeblich des Rennradfahrers Lieblingsstraße an dieser Küste. Wer kann da widerstehen? Ach, Straßenwandern. Es läuft. Meist hoch über dem Meer. Runter bis ans Wasser führt die GIV-682 nie. Geraden? Fehlanzeige. In die Spitzkehre rein, wieder raus. Im engen, steil ansteigend Bogen hoch zu einem Kap. Mit einer langgezogenen Bogen runter in die Bucht. Links, rechts, links, ganz scharf nach rechts mit einer Spitzkehre ins nächste Tal hinein. Eine halbe Stunde bis zum anderen Ende, dann hoch beinahe hinaus aufs blaue, glitzernde Meer. Eine Reiseradler quält sich schweißgebadet über die Kuppe. Den nächsten Anstieg vor Augen, kann er sein Rad nur für Minuten laufen lassen. Wie leicht haben es doch die Rennradfahrer. Mittags saufen die blauen Buchten in der Hitze ab. Seit dem Aufbruch gibt die Straße keinen Schatten her, der diesen Namen verdient hätte.


    Platja de Canyerets - Platja de Canyet - Esculls de Canyet

    Vier schattenlose Stunden sowie siebenundzwanzig Autos und sechs oder acht Radfahrer später ist es vorbei. Ein Schild am Straßenrand: PR-C 101, St. Elm (26 min), St. Feliu de Guíxols (1 h 1 min). Ein Wanderwegwegweiser. Die Katalanen haben es gerne genau. Sie sind stolz darauf. Folglich wird die eine Minute nicht unterschlagen. Das Programm hat das so errechnet und dann kommt das gefälligst aufs grüne Blech.


    Ermita Sant Elm

    An der Ermita Sant Elm hat im Jahr 1908 der Schriftsteller Ferran Agulló die Costa Brava erfunden. Das war ziemlich genau im Jahre 50 vor des Massentourismus Geburt. Das steht so im Reiseführer. Ebenso auf der Infotafel an der Kapelle. Zweifel sind also nicht angebracht. Agulló konnte von der Kapelle die halbe Küste entlang blicken. Vor der Zeitenwende hatte er noch freie Sicht über die Küste. Kahlschlag so weit er blicken konnte und die Bebauung hielt sich ziemlich in Grenzen. Ziemlich wild, wird der sich gedacht haben.


    Erdbeerbaum

    Sant Feliu de Guíxols ist wie Lloret de Mar und Tossa de Mar um keinen Preis sein wollen: normal. Urlauber spielen nicht die Hauptrolle. In den Bars am Passeig wird kastilisch gesprochen. Zwei Mädchen machen ihre Hausaufgaben im hellen Schatten der Platanen. Die Familie des Kioskbetreibers lebt ihr Familienleben an diesem Tag auf der Außenbestuhlung des Kiosk aus. Fremde sind keine da. Spanien rückt näher.

    Der Mietwagen? Das Badetuch? Ach, alles wieder vergessen. Die Sonne scheint schon den vierten Tag. Die Costa Brava ist schön.
    Geändert von Werner Hohn (07.01.2012 um 12:54 Uhr) Grund: Kursiv für Ortsnamen

  12. Fuchs
    Avatar von Rainer Duesmann
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    AW: [ES] GR 92/Camins de ronda - Die ganze Costa Brava zu Fuß

    #12
    Es gibt sie halt noch die Dinge auf die man sich verlassen kann.
    Dazu gehören Deine persönlichen Reiseberichte, Werner.

    Danke sagt,
    Rainer

  13. Erfahren
    Avatar von Flachzange
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    AW: [ES] GR 92/Camins de ronda - Die ganze Costa Brava zu Fuß

    #13
    Dieser Weg steht auch auf meiner "To-Do"-Liste. Nach Deinem Bericht auch noch? Mal sehen.
    Bin sehr gespannt auf Deine Fortsetzung. Bis jetzt (wie immer) ein klasse Bericht.
    "Act like a horse. Be dumb. Just run."

  14. AW: [ES] GR 92/Camins de ronda - Die ganze Costa Brava zu Fuß

    #14
    Flachi, dat is watt für alte Leute. Du musst noch ein paar Jahre warten. Der Rainer, der darf, aber den zieht's ja immer in den nassen Norden.

  15. AW: [ES] GR 92/Camins de ronda - Die ganze Costa Brava zu Fuß

    #15
    4. Etappe: Von Sant Feliu de Guíxols nach Palamós

    Platja de Sant Pol

    Eine verwüstete Nacht im Zelt. Das Nachdenken über Hähnchenrezepte hilft über die Nacht. Ein regionales Rezept würde passen. Pollo con Gambas etwa. Dafür braucht's totes Federvieh. Der unter seniler Bettflucht leidende Hahn von gegenüber bietet sich alle Viertelstunde an. Er weiß, dass er unerreichbar ist. Von Stunde zu Stunde steigert sich sein Krähen zum Triumphgeschrei. Zum Schluss wird man bescheiden. Hähnchen auf Bierdose würde reichen. Zaghaft einsetzender Berufsverkehr bringt die Erlösung. Mehr Autos, bitte. Ihr fleißigen Katalanen, müsst ihr nicht zur Arbeit?


    s'Agaro - Arkaden von Rafael Masó

    Am Morgen ist das Zelt knochentrocken. Die feuchte Luft der vergangenen Tage ist verschwunden. Etwas kälter geworden ist es auch. Die Luft ist klar. Die Costa Brava zeigt sich in kräftigen Farben. Zwei Farben reichen an diesem frühen Morgen: Blau und Grün. Jedes Haus, jede Bucht, sogar jede Pinie drängt aufs Foto. Blau soll eine kalte Farbe sein. Mag sein. Hier nicht, hier wärmt die Sonne die Farben.


    s'Agaro - Unbezalbar I

    Viele Nullen hinter einer Eins oder „Auf Nachfrage“. Für die Immobilienmakler sind die wenigen Kilometer Küste zwischen Sant Feliu und Platja d'Aro Provisionsschlaraffenland. Große Zahlen dominieren die Schaufenster und Preislisten der exklusivsten Vertreter dieser Zunft. Feilgeboten werden nun keine schnöden Häuser mehr, Geschichten gehören dazu. In Sant Pol und s'Agaró hat das wohlhabende spanischer Bürgertum vor hundert Jahren gezeigt, wie viel Geld man hat. Alte Familien und viele, die in Übersee zu Geld und Ansehen gekommen sind. Neureiche.


    s'Agaro - Unbezalbar II

    Platja sa Conca

    Im Geld geschwommen hat Josep Ensesa Gubert. Sein Vater war ein Industrieller aus dem nahen Girona. Josep Ensesa hat das Geld seines Vaters nicht verschwendet. Er hat, heute würde man sagen, eine Ferienanlage bauen lassen, die Maßstäbe setzen sollte. Nach bald 100 Jahren gehört das Hostal de la Gavina noch immer zu den besten Hotels Spaniens und von außen betrachtet, sicherlich zu den schönsten. Die Gästeliste ist prominent: Chaplin, Sinatra, Gardner, Bacall, Porter, Connery und andere. Danach klafft eine Lücke. Lady Gaga und Tokio Hotel hat es noch nicht dorthin verschlagen. Die Costa Brava ist nicht mehr in Mode. Gut so.

    Die hoffnungsvollen Schritte in Richtung Schranke stoppt der Pförtner schon im Ansatz. Macht nichts. Der GR 92 umkurvt la Gavina und die großbürgerlichen Villen auf der Meerseite. Das Ufer gehört allen. Auch das ist gut so.

    Platja d'Aro

    Ein paar Stufen in den Wald am Strand, ein, zwei Blicke um die Ecke. Was kommt nun? Wie sieht die Küste nun aus? Sie sieht nicht gut aus. In Platja d'Aro wird man wissen, dass mithalten mit den nahen Nachbarn im Süden zwecklos ist. An allen Ecken wird geputzt. Das langt nicht. Der Strand, die breite Promenade sind verlassen. Die Straßen der zweiten Reihe strahlen in der Trostlosigkeit nächtlicher Parkhäuser. Tossa und Lloret droht keine Konkurrenz.


    Platja de Ses Torretes (Calonge)


    Cala de Roques Planes (Calonge)

    Am Cap de les Penyes Blanques

    Wieder ein Kap. Was wird dort sein? Nichtwissen führt zu sprachlosem Staunen.Eine Welt tut sich auf, die anderes ist als die deutsche im Herbst. Leicht und licht. Hinter jedem Felsen, hinter jedem Kap versteckt sich eine winzige Bucht. Jede hat ihr eigenes Blau, jede ihr eigenes Grün. Niedrige Tunnel, gemauerte Wege, schmale Felstreppen führen über verschlungene Pfade hinunter ans Wasser, hinab zu glatt geschliffenen Felsen, zu kleinen verlassenen Stränden, hoch hinauf bis zu den Mauern, hinter denen die Häuser unsichtbar sind. Nur einen Steinwurf weit weg und doch nicht zu sehen, die Campingplätze dieser Küste. Über Stunden scheint sich der Weg hinzuziehen und doch sind es nur vier Kilometer. All die Feriensiedlungen und Campingplätze im Rücken? Sant Antoni de Calonge, dessen Hochhäuser aus der Ferne durch die Bäume scheinen? In diesem Herbst belanglos. Nur noch Schauen und Staunen. Die Steine sind warm vom Sonenlicht. Sitzenbleiben und genießen bis es dunkel wird?


    Am Torre Valentina


    Torre Valentina, Sant Antonie de Calonge und Palamós

    Das obligatorische Ausrüstungsfoto

    Dann das nahe Sant Antoni de Calonge. Eine monotone Hochhauskulisse. Darüber kann sogar Platja d'Aro die Nase rümpfen. In Sant Antoni ist offensichtlich kein Hotelier so wahnsinnig, sein Hotel bis in den Herbst hinein offen zu lassen. Nachmittags in Palamós großes Wettertheater. Es ist windstill. Seit der Ankunft zieht sich der Himmel unheilvoll zu, bis mitten am Nachmittag die Nacht hereinbricht. Klappt der Sommer zusammen? Nein, die Welt geht unter. Eine halbe Stunde lang. Abends stehen die Tische und Stühle wieder draußen vor den Bars und Restaurants der kleinen Hafenstadt. Die Mauern der Häuser sind immer noch warm. Es hat sich nichts geändert.

    Der Tag? Warm und tausend Augenblicke in Blau.
    Geändert von Werner Hohn (06.04.2012 um 00:17 Uhr) Grund: Foto neu

  16. Fuchs
    Avatar von Wafer
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    AW: [ES] GR 92/Camins de ronda - Die ganze Costa Brava zu Fuß

    #16
    Zitat Zitat von Werner Hohn Beitrag anzeigen
    ...Wafer, und ich freue mich auf einen Bericht von der Vía de la Plata.
    Hallo Werner.

    Genau deswegen bin ich ja gerade im ODS. Der Bericht ist in Erstellung und wird kommen. Vorab: Es war supertoll! von 37° bis - 7° war alles dabei, geniale Route mit klimatisch und kulturell sehr unterschiedlichen Regionen. Wesentlich einsamer als der Camino Frances - ich habe im Schnitt jeden Tag einen Pilger getroffen. Das waren wirklich interessante 1.300 Km.

    Gruß Wafer

    OT: Ihr habt am ODS gebastelt. Der neue Texteditor fällt sofort auf. Was gibt es sonst neues?

  17. AW: [ES] GR 92/Camins de ronda - Die ganze Costa Brava zu Fuß

    #17
    Moin Wafer,

    dann lass die Finger fliegen. Ich bin gespannt, was sich in fast 5 Jahren verändert hat.

    OT: Als nun sterbliches Vereinsmitglied und Nutzer des Forums bastel ich seit September nicht mehr mit. Was sich an der Software alles geändert hat, kannst du unter Update-Fehler-und Merkwürdigkeiten nachlesen. So viel ist es wohl nicht.

    Werner

  18. Erfahren

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    Berlin
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    383

    AW: [ES] GR 92/Camins de ronda - Die ganze Costa Brava zu Fuß

    #18
    Liest sich sehr schön, Werner!
    Ich hoffe, dass ich bald meinen Bericht über den GR92 am Cabo de Gata zustande bringe. Total andere Eindrücke....

  19. AW: [ES] GR 92/Camins de ronda - Die ganze Costa Brava zu Fuß

    #19
    Das ist eine sehr gute Idee, Juno. Dann hätten wir aktuell 4 Berichte aus Spanien. Das hat es hier noch nie gegeben. Die nordische Fraktion würde vor Neid erblassen.

    Es muss ja kein ausführlicher Bericht werden. Einige informative Zeilen, nach Möglichkeit 2 bis 3 Fotos dazu (unbedingt mit blauem Himmel), und fertig ist der Bericht.
    Geändert von Werner Hohn (29.11.2011 um 17:50 Uhr)

  20. AW: [ES] GR 92/Camins de ronda - Die ganze Costa Brava zu Fuß

    #20
    5. Etappe: Von Palamós nach Begur


    s'Alguer

    Ein Weiler auf einem fernen Planeten. Es gibt nur diesen schmalen Trampelpfad. Zu den Häusern führt keine Straße. Warum auch? Schließlich gibt es keine Straßen zwischen den Häusern, auch keine befestigten Plätze. Eingeklemmt zwischen niedrigen grauen Felsen, gibt es nur diese eine Reihe Häuser, die dem kurzen gebogenen Kiesstrand folgen. Eine Zeile, bestehend aus einem Dutzend schlichten kubischen Hütten. Es sind weiße Hütten. Bunt sind die Fensterläden und Türen. Die Morgenbrise ist nur schwach. Es reicht grade eben, dass die Streifen einer bleichen und zerzausten Flagge Kataloniens hoch in die Waagerechte flattern. Nebenan hängt ein schmutziges, fadenscheiniges Handtuch auf der Wäscheleine. Das hängt schon lange dort. Vergessen.


    s'Alguer


    Bucht von s'Alguer

    Auf dem steinigen Strand liegen Boote. Die meisten sehen nach Fischerboot aus, oder sollen so aussehen. Das ein oder andere schon kieloben, den nahen Winter überdauernd. In einem Hauswinkel liegt ein uraltes zerbrochenes Surfbrett. Fast schon prähistorisch. Zähes, immergrünes niedriges Gestrüpp macht sich hie und da breit. Dazwischen nur wenig Unrat. Das, was an Stränden angeschwemmt wird, die niemand sauber macht: Zerrupfte Netzreste. Eine Kunststoffflasche, die ehedem britischen Weichspüler enthielt. Die offensichtlich angeschwemmte Hälfte von einem Klapptisch, der auf seiner Drift durchs Mittelmeer Seepocken eine Heimstadt bot. Ein Fetzen rote Plastikplane, glitschig, schmierig.


    Bucht an der Platja de Castell

    Von einer Terrasse klingt der helle Ton eines asiatisches Windspiels über die Bucht. Leise gluckert das Wasser gegen den Strand, auf dessen flachen Steinen das blaue Wasser farblos ausläuft. Eine Eidechse lauert fluchtbereit auf dem von der frühen Sonne warmen Beton einer winzigen Terrasse. Eine weiße Katze sucht Deckung hinter der kurzen Mauer aus braunen Feldsteinen. Jede Tür, jedes Fenster ist verschlossen. Es gibt keine Bar, keine Pension, kein Laden. Es gibt nur diese wenigen Häuser, die Pinien und das Meer. Menschen sind keine da. Ein Restposten, vergessen von der Welt: s'Alguer, eine ehemalige Fischersiedlung der Küstenbauern. Im Reiseführer steht, man soll auf dem abseits gelegenen Parkplatz keine Wertsachen im Auto lassen. Sieh an, s'Alguer ist doch nicht von der Welt vergessen worden.

    La Foradada im Espai d'Interès Natural Castell-Cap Roig

    Die Küste ist nun unverbaut. Das wird so bleiben. Am Strand verlässt der GR 92 kurz die Küstenlinie. Unübersehbare Wegweiser, ein kleiner Schilderwald, lassen eine bessere Route vermuten. Der Küstenpfad steigt hoch hinauf in die Kiefernwälder am Cap Roig. Weit verstreute Villen verstecken sich im Wald am Küstensaum. Hoch oben an den Stämmen der Kiefern sind Jagdverbotsschilder zu sehen. Eine Seltenheit im Rest dieses jagdverrückten Landes.

    Ein kurzer Schlenker ins Land, wieder auf den GR 92. Ein Bauernhof, Felder. Von weitem grüßen zwei alte Männer. Hinter einer Windschutzhecke versteckt sich ein Garten. Lauch, Buschbohnen, Mangold, Staudensellerie und junge Salatpflanzen wachsen unter freiem Himmel. Zu Hause verrottet nasses, muffiges Laub in farblosen Gärten.


    Platja de Golfet


    Bucht an der Platja del Golfet

    An den 'ses Negres

    Zu Abwechslung wieder eine Siedlung, überflüssig zu erwähnen, dass kein Mensch zu sehen ist. Ein versteckter Pfad zwischen den Häusern, runter an die Küste, zur Platja de Golfet. Staunen und schauen, mit dem Wissen, dass das Fotoapparätchen scheitern wird. Blaues und grünes Wasser, und alle Farbtöne dazwischen. Wie viele Farben kann das Auge unterscheiden? Riffelblechwasser. Ganz leise, kaum vernehmbar umspült das Mittelmeer die Felsen. Immer mehr winzige Buchten, von deren Felsen die Kiefern in die Tiefe zu stürzen scheinen. Aus den Felsen führen die Schienen der unterirdischen Bootshäuser zum Wasser. Oben, hinter dem Pfad, meist nicht zu sehen, stehen die Häuser, die dazu gehören. Eine lautlose Stunde über der Küste.


    Die Bucht von Calella de Palafrugell


    Calella de Palafrugell


    Llafranc

    Am Puig dels Frares

    Stunden später dann ins Land hinein, hoch nach Begur. Im Gegenlicht silbrige glänzende Olivenbäume, dann hohe Kiefern, deren Schatten hochwillkommen ist. Ein Mann sammelt Müll, eine Frau ist auf dem Weg hinunter ans Meer. Seit langem wieder eine geschlossene Ferienanlage. Komfort, Sonne und Sicherheit verspricht die riesige Werbetafel. Jemand hat vergessen, das hohe Tor ganz zu schließen. Einigen hastigen Schritten durch den schmalen Spalt ins Getto folgt die Enttäuschung. Erschlossene Einöde. Fast die ganze Anlage ist noch frei. Einstiegspreis: 1,7 Millionen. Die Anlage baut eine Investmentfirma aus Russland. Die Zeiten haben sich geändert.

    Tamariu

    Begur ist der nachmittäglichen Siesta verfallen. Bis auf ein paar Touristen, lässt sich in den Gassen keine Seele sehen. Die Stühle auf den Terrassen vor den Bars sind angekettet. Drinnen an den Theken hocken nur wenige Männer. Der Fernseher zeigt tonloses Barça TV. Ferner, kindlicher Lärm schallt durch die engen Straßen. Jungs haben die Plaça Eglésia zum Bolzplatz umgewidmet. Die helle Bruchsteinmauer der Kirche ist das Tor. Gegen Abend steht der Platz voll mit Tischen und Stühlen. Angekettete Stühle sind keine mehr zu sehen Für die Jungs ist kein Platz mehr. Kalter Nordwind zieht durch die Straßen. Fröstelnd schlagen die Einheimischen den Kragen hoch. Nur die Touristen aus dem kalten Mitteleuropa sitzen noch an den Tischen. Nachts tauchen Scheinwerfer die Häuser der Indianos in warmes Licht.


    Begur


    Begur - Casa Bonaventura Caner Bataller, heute Hotel Aiguaclara*

    Americano oder Indiano galt lange Zeit als Synonym für jemanden, der in den spanischen Kolonien ein Vermögen gemacht hatte und wiedergekommen ist. Die meisten Auswanderer dieser Region gingen um 1830/50 nach Kuba. Versehen mit einem Empfehlungsschreiben machte man sich als Jugendlicher (13 oder 14 Jahre) auf den Weg in die Fremde. Wer kein Empfehlungsschreiben vorweisen konnte, brauchte jemanden, der ihn aus dem Militärdienst freikaufte. Wer es geschafft hatte, kam oft zurück in die bitterarme Heimat, und sei es nur um zu zeigen, dass man es zu etwas gebracht hatte und nun von seinem Kapital leben konnte. Wer arm zurück kam, war kein Americano, der war nichts, der baute auch keine Häuser.

    Begur - Carrer de Vera

    In der alten Carrer de Vera war schon damals kein Platz für die Paläste der Neureichen., im Gegenteil. Dort wohnten die Armen der Stadt. Jahrhundertelang reisten die Bewohner dieser Straße bis in die Provinz Almeria in Südspanien. Dort, in dem Ort Vera, kauften sie Korallen, die in der Heimat einen kleinen Erlös erbringen mussten. Weiter weg konnte man von den Palästen der Americanos damals nicht sein. Damals wie heute, steht die Carrer de Vera im Schatten der großbürgerlichen Häuser. Nicht genug Glanz auf den alten Hütten.

    Nein, nicht unser Hotel.
    Geändert von Werner Hohn (06.04.2012 um 00:18 Uhr) Grund: Neues Foto hochgeladen

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