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  1. Erfahren

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    [DE] Vom Wassernick zur Mittagsfrau: Mit dem Radel zwischen Neiße und Spree

    #1
    Mitreisende: Sylvie
    Vom Wassernick zur Mittagsfrau:
    Mit dem Radel zwischen Neiße und Spree
    Die letzten fünf Jahre haben wir die Wildnis im hohen Norden erkundet, dieses Jahr ist alles anders. Das liegt nicht ganz an Corona, aber auch. Der Urho-Kekkonen-Nationalpark in Finnisch-Lappland wurde nach unserem Empfinden zunehmend mehr von wilden Wanderern bevölkert, sodass wir am Ende der letzten Tour beschlossen, eine Zeitlang aktiv zur Entlastung des Parks beizutragen, indem wir nicht hinfahren. Aber insgeheim war ich mir nicht sicher… zu tief sitzt unsere Sehnsucht nach dem nördlichen Polarkreis. Die Wahrscheinlichkeit erschien mir hoch, dass wir diese Enthaltsamkeitspläne dann doch spontan wieder kippen würden. Dann kam Corona und alles wurde unwirklich und flau. Finnland schloss die Grenzen. Das zementierte unseren Nicht-Wander-Beschluss ins Unumkehrbare.

    Also gut, dachten wir, machen wir halt was anderes. Stefan (mein Mann) und ich wiegten und wogten lange die Köpfe, betrachteten dieses und jenes – schließlich kamen wir auf’s Rad. Unsere letzte größere Radtour auf den schottischen Orkneys ist sieben Jahre her, es wird also Zeit, mal wieder die Waden zu straffen. Orkney damals war windig und bergig gewesen (wenngleich auch wunderschön), jetzt wollten wir was Seichteres. Also ich wollte das, denn es entspricht sowohl meinem Trainingszustand als auch meinem Rad, das nur über acht Gänge verfügt. Und gute Tourenräder sind ja plötzlich Mangelware in deutschen Landen.


    Das Kohlekraftwerk Jänschwalde am Rande des Spreewalds. Lange Zeit dominiert es den Blick nach Osten auf dieser Tour.

    Wir kungelten hin und her, schielten nach Oder und Elbe (Rhein, Saale, Ilm und Unstrut kennen wir schon) und entschieden uns dann für die Donau. Einmal von Wien nach Budapest, das war der Plan. Leicht wollten wir reisen, mit wenig Gepäck, ganz ohne Zelt ins Blaue hinein, nichts vorher buchen, sondern immer auf gut Glück Hotels und Pensionen am Wegesrand finden. Dann schloss Onkel Viktor die Grenze zu Ungarn, das war Mitte August. Also gut, sagten wir, fahren wir halt bisschen nördlicher los, von Passau nach Wien. Dann kippte in Wien die Corona-Ampel auf Gelb. Und da beschlossen wir dann, im Osten zu bleiben. Einmal von Cottbus nach Berlin wollten wir radeln, immer am Ufer der Spree entlang, mitten durch den lieblichen Spreewald hindurch. Hier, in den leeren Weiten der Lausitz würde es niemals zum Risikonotstand kommen. Hier würden wir wenige Menschen treffen – hofften wir. Und Probleme mit Unterkünften würde es auch nicht geben – glaubten wir. Am 11. September fuhren wir los. Hier kommt mein Bericht!
    Geändert von Sylvie (19.09.2020 um 11:50 Uhr)

  2. AW: Vom Wassernick zur Mittagsfrau: Mit dem Radel zwischen Neiße und Spree

    #2
    Hallo Sylvie,
    gut dass ihr nicht nach Wien seid, die Stadt ist mittlerweile dunkelorange und derzeit absolut kein empfehlenswerts Ziel .
    Ich freu mich auf deinen Bericht!
    LG von der oesine

  3. Erfahren

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    AW: Vom Wassernick zur Mittagsfrau: Mit dem Radel zwischen Neiße und Spree

    #3
    Zitat Zitat von oesine63 Beitrag anzeigen
    Hallo Sylvie,
    gut dass ihr nicht nach Wien seid, die Stadt ist mittlerweile dunkelorange und derzeit absolut kein empfehlenswerts Ziel .
    Ich freu mich auf deinen Bericht!
    LG von der oesine
    Hallo Oesine,
    wie schön, Dich hier wieder zu treffen! Auch wenn ich mich grade mal nicht im Bereich "Nordeuropa" rumtreibe. :-)
    Ja, in Corona-Zeiten wird man flexibel oder bleibt es, je nachdem. Wir hatten ja Gottseidank nichts gebucht, sodass wir hier ganz entspannt umswitchen konnten. Aber die Donau-Tour bleibt auf unserer Liste. Ebenso wie der Kungsleden und Finnland im Winter... Es gibt noch so viel für uns zu sehen. Corona wird uns die Lust nicht vertreiben.
    Warst Du unterwegs dieses Jahr?
    LG Sylvie

  4. Erfahren

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    AW: Vom Wassernick zur Mittagsfrau: Mit dem Radel zwischen Neiße und Spree

    #4
    Freitag, 11. September 2020:
    Von Cottbus nach Peitz – eine Tour zum Warmwerden
    In Corona-Zeiten läuft ja vieles bisschen gemächlicher ab. Urlaub gibt’s reichlich dieses Jahr und also lassen wir uns gar nicht hetzen. Wir fahren erst am frühen Nachmittag in Halle los. Die Räder passen halbdemontiert gut in unseren Kofferraum, viel Gepäck haben wir nicht, nach kurzer und schmerzloser Pack-Aktion zuckeln wir gemütlich Richtung Osten. Ein Gezuckel ist es in der Tat. Es gibt noch immer keine gute Ost-Westverbindung in mitteldeutschen Landen. Wer schnell von Halle nach Cottbus will, muss Umwege fahren, über Dresden oder Berlin. Wir entscheiden uns für die direktere Variante: die Landstraße über Torgau. Weniger Weg, mehr Reisezeit, macht aber nix, denn es gibt viel zu sehen und ich wollte schon immer mal durch Orte wie Doberschütz oder Mockrehna fahren. In Cottbus angekommen, parken wir das Auto am Rande des Naherholungsgebiets Spreeaue, fast direkt neben der Spreewehrmühle, wo man heute kein Korn mehr mahlt, sondern Bier ausschenkt. Wir hoffen, hier steht es gut und wird weder geklaut noch beschädigt. Wohin es uns treibt, wissen wir nicht. Wann wir wiederkommen, wissen wir auch nicht genau. Aber los wollen wir, das immerhin wissen wir. Wir fackeln also nicht lange, die Räder sind flugs zusammengebaut und auf geht’s durch liebliche Spreewaldauen.

    Es ist 17:00 Uhr mittlerweile, die Sonne steht schon tief, scheint aber immer noch kräftig und warm. Heute geht es nur kurz Richtung Norden, nach Peitz, ein kleines 4000-Einwohner-starkes Örtchen, das sich selbst Festungs- und Fischerstadt nennt. Wer schnell in den Spreewald möchte, macht mit Peitz einen Umweg, aber die Route führt hier direkt durch die berühmten Peitzer Teichlandschaften, wie ich bei meinen Recherchen im Vorfeld erfuhr und diese wollte ich mir unbedingt aus der Nähe angucken. Wir queren aber erst mal den Ortsteil Saspow – und gleich habe ich Strittmatters Laden im Kopf. Kito von Saspow wurde Erwin Strittmatter alias Esau Matt von seinen Klassenbrüdern auf der hochen Schule in Grodk (Spremberg) immer genannt, weil er kein kirniger Deitscher war, sondern sorbischer Abstammung. Es dauerte lange, bis seine Großtante Maika ihn wispernd und pischpernd davon überzeugen kann: Sei bissel stolz uff das Wendsche ooch. Das kann oder konnte er in der Tat, denn seine Beschreibungen der Lausitzer Heidelandschaft sind episch und voller Poesie. Und gerade die Lausitzer Mundart, dies Gemisch aus sorbisch und deutsch, macht diese Bücher so lebendig und einprägsam. So plastisch und feinsinnig beschreibt er seine Kindheit in dieser Gegend, die geprägt ist vom Spannungsfeld zwischen deutschen und sorbischen Kulturen, zwischen Bergbau und Landwirtschaft, dass mir noch immer so viele Szenen und ganze Passagen derart präsent sind, als hätt ich die Bücher gerade gelesen – dabei ist das bestimmt 20 Jahre her. Ich beschließe sofort, die Romane noch einmal zu lesen, zum vierten oder fünften Male – Bücher wie diese kann man immer wieder lesen. Man wird immer wieder Neues darin entdecken und immer auf’s Neue davon entzückt sein.


    Auf dem Weg nach Peitz begleitet uns nicht die Spree, sondern der Hammerstrom, ein künstlich angelegter Kanal, der die Teiche speist.


    Aber zurück auf’s Radel. Nach Saspow und Lakoma passieren wir die Mauster Mühle und endlich sind wir mittendrinne in den Peitzer Teichen. Von der Drohne aus betrachtet sieht diese Landschaft in der Tat spektakulär aus. Riesige künstlich angelegte quadratische Teiche, die nur durch schmale baumbewachsene Dämme unterbrochen sind. Und auf einem dieser Dämme, mitten durchs Wasserreich führt der Spreeradweg. Vom Rad aus gesehen ist das alles freilich weniger sensationell, der Weg auf dem Damm ist von Bäumen und Buschwerk umkränzt. Nur ab und zu öffnet sich rechterhand der Blick auf weites Gewässer, während man linkerhand die Teiche nur noch erahnen kann. Man fährt also eher wie durch Wald. Aber schön ist es trotzdem hier. Die Sonne scheint gülden durchs Geäst, die Vögel singen, der Weg ist schnurgerade und geteert, wir kommen schnell voran. Nebenan im Teich plätschert es immer wieder verdächtig nach Fischesprung. Wir kennen das Geräusch, denn grad vor zwei Wochen erst waren wir Angeln in Schweden. In unseren Ohren klingt das Plätschern verheißungsvoll, aber vielleicht ist’s auch der Wassernick, der hier sein närrisches Unwesen treibt? Na, wir sind weit genug weg vom Wasser; uns kann er nicht hämisch hineinziehen und tückisch ertränken. Die Teiche sind außerdem flach. Sie wurden im 16. Jahrhundert künstlich angelegt und schon damals zur Fischzucht genutzt. Die Peitzer Karpfen sollen berühmt sein. Nu ja, ich habe noch nüscht von denen gehört, aber ich bin auch kein Fan des sumpfigen Fisches. Kurz vor Peitz sehen wir rechts auf einem Querstrebendamm riesige Silotürme stehen, drei an der Zahl. Hier lagert vermutlich das Fischfutter, ich nehme an, es ist Getreide. Ich stelle mir vor, wie diese Fische dicht gedrängt im trüben Teiche gründeln und habe gleich noch viel weniger Lust, ein solches Vieh zu verspeisen.


    Noch einmal freie Sicht auf Jänschwalde gibt es am letzten Teich vor der Stadt.

    Peitz, niedersorbisch Picnjo, begrüßt uns mit einem alten Hüttenmuseum, die Eisenhütte ist lange stillgelegt, soll aber schon seit dem 16. Jahrhundert allerlei Schmiede- und Gusseisen in die sandige Heide gespuckt haben. Ein Fischereimuseum gibt es auch, aber wir lassen das alles links liegen, denn wir sind hungrig langsam. Heute Nacht schlafen wir im Hotel zum Goldenen Löwen – das ist die einzige Unterkunft, die wir im Vorhinein gebucht haben. Ganz leicht war es nicht, ein Zimmer zu finden. Auf Booking.com war alles schon ausgebucht, nicht nur dieses Hotel, sondern auch alle anderen Gasthöfe und Pensionen in Peitz. Nur eine Mail direkt an den Löwen brachte dann doch den ersehnten Erfolg und zwei freie Betten für uns und die Nacht. Wir beziehen das Zimmer und stürmen sofort in den Biergarten. Stef isst tatsächlich Karpfen, der Peitzer Teich hat ihn nicht abgeschreckt. Ich aber will ein Schnitzel der Größe XXL; ich bin so ausgehungert, ich könnte einen halben Ochsen verschlingen. Die Kellnerin warnt mich. Das schaffen Sie niemals, sagt sie lachend und taxiert mich, als könnte sie mein Fassungsvermögen irgendwie einschätzen. Kann sie? Die Frau kennt meinen Hunger nicht. Aber ich vertraue ihrem Urteil, und begnüge mich mit einem normalen Schnitzel, dazu frische Pfifferlinge und Salat, lecker. Das normale Schnitzel kommt, es ist so groß wie ne A4-Seite. Ich bin irritiert und frage noch mal nach, ob das die richtige Größe ist. Jawohl, die Kellnerin bestätigt es, das XXL-Schnitzel ist dreimal so groß, meint sie feixend. Herre … die Peitzer Karpfenzüchter scheinen gewaltige Mägen zu haben, wenn man hier Schnitzel in Tischdecken-Größe anbietet. Selbst die kleine Portion schaffe ich nur mit Stefs Hilfe. Das Essen, das Bier, der Kaffee - es schmeckt alles hervorragend hier. Wir sitzen gutgelaunt direkt an der Straße und beobachten das Treiben auf dem Peitzer Markt. Es ist einiges Volk unterwegs. Heute ist hier irgendein Jazz-Festival, die Leute strömen in Scharen in die Peitzer Kirche oder zur Peitzer Festung, denn hier spielt alsbald die Musik.


    Jazzfestival im Gotteshaus

    Sehr satt und ziemlich zufrieden bummeln auch wir nach dem Essen noch ein bisschen durch die Stadt. Es ist dunkel inzwischen und wir sind müde. Nach einem letzten Absacker in einem zauberhaften Restaurant, dessen Name ich leider vergessen habe, schlendern wir zielstrebig ins Hotel zurück und fallen beseelt in die Federn. Morgen geht's dann endlich in den Spreewald. Ich war da noch nie, ich bin schon ganz aufgeregt.
    Geändert von Sylvie (20.09.2020 um 02:00 Uhr)

  5. Fuchs
    Avatar von Meer Berge
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    AW: Vom Wassernick zur Mittagsfrau: Mit dem Radel zwischen Neiße und Spree

    #5
    Zitat Zitat von Sylvie Beitrag anzeigen
    Ich war da noch nie, ich bin schon ganz aufgeregt.
    Ich auch!

    Es hat ja immer alles auch seine guten Seiten - und dieses Jahr lernen wir eben unsere Heimat, bzw. die ferneren Gegenden derselben, mal ein bisschen besser kennen. Wollte ich auch schon lange mal.
    Der Spreewald und die Lausitz gehören für mich noch zu den sehr unbekannten Ecken.
    Ich bin gespannt, was ihr erlebt habt! Und wie es dort aussieht. Spreewald verbinde ich mit paddeln. Taugt´s auch zum Radeln?

    Sehr schön geschrieben!
    Bin dabei.
    Kalender *Papageitaucher 2021* Familienplaner
    Das Wetter, das man jeden Morgen in sich selber macht, ist viel wichtiger als das Wetter draußen. Fynn

  6. AW: [DE] Vom Wassernick zur Mittagsfrau: Mit dem Radel zwischen Neiße und Spree

    #6
    Ich wohne da, wo andere den Urlaub machen... der Abschnitt zwischen den Teichen ist mein (fast täglicher) Weg zur Arbeit.
    Zum Hammergraben in diesem Abschnitt und zum Tagebau Cottbus-Nord eine kurze Ergänzung...

    "Für diesen Tagebau wurden vier Orte und ein geschütztes Teichgebiet abgebaggert, der 500 Jahre alte Hammergraben verlegt..."

    Quelle: klick!!!

    Zitat Zitat von Meer Berge Beitrag anzeigen
    ... Spreewald verbinde ich mit paddeln. Taugt´s auch zum Radeln?
    Zum Spreewald zählen ua. der Vorspreewald (der hier beschriebene Bereich der Spree ab Cottbus) sowie der Unterspreewald. Die Radwege sind sehr gut ausgebaut und werden derzeit wieder auf Vordermann gebracht.

    Radwegenetz Landkreis Spree-Neiße

    Thomas
    Geändert von atlinblau (20.09.2020 um 11:07 Uhr)

  7. Erfahren

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    AW: [DE] Vom Wassernick zur Mittagsfrau: Mit dem Radel zwischen Neiße und Spree

    #7
    Zitat Zitat von Meer Berge Beitrag anzeigen
    Ich auch!

    Es hat ja immer alles auch seine guten Seiten - und dieses Jahr lernen wir eben unsere Heimat, bzw. die ferneren Gegenden derselben, mal ein bisschen besser kennen. Wollte ich auch schon lange mal.
    Der Spreewald und die Lausitz gehören für mich noch zu den sehr unbekannten Ecken.
    Ich bin gespannt, was ihr erlebt habt! Und wie es dort aussieht. Spreewald verbinde ich mit paddeln. Taugt´s auch zum Radeln?

    Sehr schön geschrieben!
    Bin dabei.
    Danke Dir. Ja, Du hast absolut Recht, es gibt auch hierzulande sehr bezaubernde Ecken. Sie einmal mehr zu erkunden, bietet die coronäre Lage jetzt die Chance. Das Problem ist nur, dass viele jetzt auf diese Idee kommen, bzw. eben einfach aus der Not heraus so handeln, ist ja auch verständlich. Freilich ist das immer noch Jammern auf hohem Niveau, man könnte auch komplett zu Hause bleiben, aber ich hatte den Eindruck, gerade in dieser doch sehr angespannten Zeit im letzten halben Jahr, war es für viele ein Segen, die eigenen vier Wände mal zu verlassen. Die auch zu erhaltende seelische-mentale Gesundheit sollte ebenso wichtig sein, wie die körperliche. Wir haben im Spreewald an einem Tag mehr Menschen getroffen, als in Schweden zuvor in zwei Wochen... Die allgegenwärtigen Anratungen, man solle doch lieber in Deutschland bleiben, kann ich deshalb nicht nachvollziehen. Mein Motto ist, nach Augenmaß und gesundem Menschenverstand zu handeln und stets dem Einzelfall entsprechend zu entscheiden. Oder sich zumindest darum zu bemühen.

    Die Radwege im Spreewald sind gut. Es gibt viele, sie sind gut in Schuss und oft auch gut ausgeschildert. Die Landschaft ist oft sehr abwechslungsreich, aber es gibt auch dröge Abschnitte. Das Kerngebiet des Spreewalds, zumindest, was wir beradelt haben, ist flach wie ein Teller. Es gibt kaum Steigungen. Das macht das Gebiet sehr beliebt bei älteren Radfahrern.

    Bis bald
    Sylvie

    Zitat Zitat von atlinblau Beitrag anzeigen
    Ich wohne da, wo andere den Urlaub machen... der Abschnitt zwischen den Teichen ist mein (fast täglicher) Weg zur Arbeit.
    Zum Hammergraben in diesem Abschnitt und zum Tagebau Cottbus-Nord eine kurze Ergänzung...

    "Für diesen Tagebau wurden vier Orte und ein geschütztes Teichgebiet abgebaggert, der 500 Jahre alte Hammergraben verlegt..."

    Quelle: klick!!!


    Thomas
    Danke Thomas!
    Ein sehr interessanter Artikel. Wie auch die gesamte Braunkohlen-Tagebau-Problematik in diesem Gebiet. Google und Wikipedia waren unterwegs unsere wichtigsten Begleiter. Wir haben uns viel zur Braunkohle belesen. Ich wusste zum Beispiel nicht, dass Deutschland in der Braunkohlen-Fördermenge an erster Stelle in der Welt steht. Danach kommt China. Stand 2017, Quelle Wiki... Was es bedeutet, wenn ganze Dörfer, die seit vielen Jahrhunderten dort in der sandigen Heide wachsen,plötzlich verschwinden, konnten wir erst ermessen, als wir vor den riesigen Löchern standen. In jedem Dorf gab es Gedenktafeln zur Historie, meist zum alten (nicht mehr vorhandenen) und zum neuen Dorf. Aber darüber schreibe ich später noch.

    Jetzt geht's erst mal in den Spreewald.

    LG Sylvie

  8. Erfahren

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    AW: [DE] Vom Wassernick zur Mittagsfrau: Mit dem Radel zwischen Neiße und Spree

    #8
    Samstag, 12. September 2020: Spreewaldgetümmel erster Güte
    Das Hotel zum Goldenen Löwen liegt direkt an der Bundesstraße 168, die gleich vor der Haustür einen schwungvollen Schlenker nach links vollführt. Wer das Hotel googelt bekommt aber als erstes Bild irgendein Haus in naturnaher Spreewaldromantik gezeigt, sodass man sich freudig in stiller Idylle am Flussufer wähnt. Erst viele vom Interieur zeugende Bilder später sieht man die Straßenansicht des Hotels, auch die freilich ohne die Straße. Möglicherweise hat diese Art der irreführenden Werbung ja mit dazu beigetragen, dass die Herberge ausgebucht war, aber andererseits: es ist warm, es ist Wochenende, es ist Jazzfestival. Wir hatten vermutlich Glück, überhaupt was bekommen zu haben. Na jedenfalls war es laut: erst launisch-verjazzt und später dann, am frühen Morgen rumplig-verscheppert vom polternden Straßenverkehr. Dennoch schlafe ich ziemlich gut und verbau die Geräusche in meine Träume. Stef geht am Morgen erst mal joggen. Die Touren mit mir sind für ihn so leicht wie ein Zwinkern im Sommerwind. Da braucht er noch bisschen Auslastung.

    Nach dem Frühstück düsen wir los. Heute geht’s in den Spreewald, juchu, bis Lübbenau wollen wir mindestens kommen und uns dort eine feine Herberge suchen. Wir fahren zunächst wenig spektakulär an der Maixe entlang und später ab Maiberg auf dem Damm an der Spree.



    Der Weg ist geschottert oder geteert, schnurgerade, ein bisschen langweilig fast. Nur wenige Menschen treffen wir, die Sonne scheint, alles ist fein. Kurz hinter Maiberg beschließen wir spontan, einen Abstecher in die Storchendörfer Dissen und Striesow zu machen. Wir verlassen die Spree und radeln auf dem Gurkenradweg ins Dorf. Gleich am ersten Hof gibt es ein Café – hier rasten wir, trinken Kaffee und Sauerkirschsaft, besuchen die kleine Ausstellung zur Renaturierung der Spreeaue und genießen das Leben. Diese kleinen Hofcafés werden wir ab jetzt immer wieder zu sehen bekommen. Ein jedes ist liebevoll ausgestattet, es gibt selbstgebackenen Kuchen, alles Bio, mit Früchten von Streuobstwiesen und Gartensträuchern. Ich mag diese kleinen Stopps in diesen verträumten Refugien. Die Region lebt vom Tourismus – der Spreewald ist vorbereitet.


    Eine Karte zeigt die Höfe und Nester im Dorf.

    Wir bestaunen das ein oder andere Storchennest – Störche selbst sehen wir nicht, die sind vermutlich schon weg, dafür aber Fischreiher und Kormorane später dann in der Aue. Nach Dissen und Striesow geht’s wieder neben der Spree entlang und später am Ufer des Nordumfluters. Der Weg, hoch exponiert auf dem Deich, zieht sich mährig dahin, es gibt wenig Abwechslung und keinen Schatten. Die Sonne steht im Zenit und ballert uns auf die Köpfe. Wir verkriechen uns für ein Stündchen im Schatten einer jungen Eiche direkt am Kanalufer.



    Wenn es jetzt Wolken gäbe, könnten wir ihnen beim Ziehen zuschauen, sag ich zu Stef. Aber der Himmel ist makellos blau, wir haben Glück mit dem Wetter. Neben uns plitschert‘s und plätschert‘s im Wasser. Plumps, macht es leise. Dann ist wieder Ruhe. Kurze Zeit später erneut, plumps. Dann wieder Plitsch. Wo kommt das Geräusch her, fragen wir uns? Ist’s etwa jetzt doch der Wassernick? Oder gibt es hier wieder springende Fische? Wir richten uns auf und suchen nach ihnen, aber erfolglos. Dann kommt ein Windchen auf, plumps, plumps. Dann wieder ein Windchen – und plumps. Da wissen wir es: Der Eichenbaum ist’s, der seine Früchte abschüttelt. Wir testen es aus und werfen die Eicheln selbst ins Wasser. Jawohl der Zephir, der Neckende macht mit der Eiche gemeinsame Sache und beide verklapsen sie uns. Nachdem wir die Eicheln ins Wasser warfen, scheinen sie aber verärgert zu sein. Plötzlich hagelt es Eicheln auf uns. Zeit wird’s also, wieder auf’s Rad zu steigen und weiterzuziehen.

    Der Radweg wird voller. Viele Leute tummeln sich jetzt auf dem Damm. Ich beobachte staunend ein sehr altes Pärchen. Gebückt laufen beide, schlohweißes Haar, ich schätze sie auf Ende siebzig. Ihre coolen Outdoorklamotten schlottern an ihren dünnen Beinchen. Aber mehr als beherzt schwingen sie sich auf ihre E-Bikes und radeln blitzschnell davon. Unsere Muskeln schaffen es nicht, sie einzuholen. Unmerklich wird hier die Landschaft zum Ort – erst kommt ein Gehöft, dann ein weiteres, schließlich ein drittes. Burg ist keine geschlossene Ortschaft, sondern eine Streusiedlung. Die Häuser und Höfe fläzen sich locker in die liebliche Landschaft – als hätte sie jemand mit großem Schwung breit in die Wiesen gewürfelt. Viel Platz, viel Natur gibt es um jedes Haus, riesige Gärten, kleine Felder, Obstbaumwiesen, Wald und zunehmend Wasser, mal hier ein Fließ und dort eins. Ich finde diese Art der Besiedlung regelrecht genial, die Nachbarn sind nicht sofort nebenan, aber auch nicht sehr fern. Wir erreichen den Bismarck-Turm (erbaut 1917-1919) und klettern erst mal hinauf.



    Der Turm ist zwar ein Aussichtsturm, doch gibt die Aussicht wenig preis. Nur Wald ringsrum und in der Ferne ein paar Wiesen, bis zum Horizont.


    Unsere Räder von oben

    Am Fuße des Turms hingegen tummelt sich das Leben. Fahrrad- und Wandergruppen treffen sich lärmend im Schatten der Bäume und rasten hier. Wir folgen dem Ratschlag von Bikeline und lassen das Ortszentrum aus, fahren vielmehr weiter durch die herrliche Streusiedlung in Richtung Burg-Kauper. Und dann ist er plötzlich da: der Spreewald, wie man ihn kennt.



    Quirlig, kleinteilig, unübersichtlich: viele verzweigte Wasserläufe gibt es hier, schmale Fließe, jede Menge Paddelbote, immer wieder Brücken und schmale Stege, die Straße gesäumt von kleinen Cafés, Pensionen, Restaurants, Bootsanlegern und -ausleihstationen, Kahnhäfen, dazwischen immer wieder Gärten und Streuobstwiesen. Es duftet wunderbar nach frischem Heu und nach sumpfigem Wasser. Irgendwann kommt auch der Geruch von sauren Gurken hinzu. Und Volk ist unterwegs. Volk, Volk, Volk. Auf Kähnen, in Booten, auf Rädern, zu Fuß. Lärmend, schreiend, lachend, johlend. Ganz Deutschland scheint heute im Spreewald Urlaub zu machen. Wir fahren und staunen, fahren und staunen. Dann brauchen wir erst mal ne Pause. Zu viele Eindrücke in zu kurzer Zeit.



    Es gibt Kaffee und Plinsen in einem piekfeinen Restaurant direkt am Fließ. Hier sitzen wir und sehen die Paddler und Spreewaldgondoliere vorüberziehen.



    Ein größerer Kahn legt grade ab, voll mit schwatzenden Rentnern. Auf den Tischen im Boot stehen Blumenvasen auf Spitzendeckchen, Kaffee und Kuchen wird rumgereicht.



    Eine Hochzeitsgesellschaft gondelt vorüber, das Brautpaar sitzt vorne im Boot und schenkt Schnaps aus. Ich weiß auch nicht… eigentlich wollte ich hier gerne paddeln für ein bis zwei Stündchen, aber die Masse der Boote schreckt mich ab. Wir sind schon auf Saale, Unstrut und Elbe gepaddelt, in Mecklenburg mehrfach und sogar schon in Schweden im Dalslandkanal. Boote sieht man auch dort immer mal, aber das hier? Das ist Stau auf der Autobahn. Nur langsamer. Ich schwanke gehörig hierhin und dorthin. Ich finde das alles hier ganz entzückend, ich würde dieses Kanalgewirr wirklich gerne selbst erkunden, aber der Gedanke, stundenlang hinter einem Kahn hinterhermähren zu müssen, ohne ihn überholen zu können, verleidet mir diese Idee. Wer hier paddeln will, muss Zeit mitbringen. Wir aber müssen noch einen Schlafplatz finden. Spätestens jetzt dämmert uns langsam: das könnte vielleicht etwas schwieriger werden.


    Zauberhafte Unterkünfte gibt es hier. Aber sie sind alle voll bis unters Dach.



    Fortsetzung folgt! Sorry Leute, ich teile den Text hier, sonst ist er zu schwierig zu händeln.
    Geändert von Sylvie (20.09.2020 um 20:02 Uhr)

  9. AW: Vom Wassernick zur Mittagsfrau: Mit dem Radel zwischen Neiße und Spree

    #9
    Zitat Zitat von Sylvie Beitrag anzeigen
    Hallo Oesine,
    wie schön, Dich hier wieder zu treffen! Auch wenn ich mich grade mal nicht im Bereich "Nordeuropa" rumtreibe. :-)
    Ja, in Corona-Zeiten wird man flexibel oder bleibt es, je nachdem. Wir hatten ja Gottseidank nichts gebucht, sodass wir hier ganz entspannt umswitchen konnten. Aber die Donau-Tour bleibt auf unserer Liste. Ebenso wie der Kungsleden und Finnland im Winter... Es gibt noch so viel für uns zu sehen. Corona wird uns die Lust nicht vertreiben.
    Warst Du unterwegs dieses Jahr?
    LG Sylvie
    Servus Sylvie,
    mich interessieren natürlich auch Berichte abseits des Nordens, vor allem wenn sie so informativ sind wie deine
    Nein, ich war dieses Jahr nicht unterwegs. Zwar habe ich schon Anfang des Jahres Schweden gebucht, konnte aber alles stornieren bzw. der Flug wurde gecancelt, ich hatte zumindest keinen finanziellen Verlust. Die Sehnsucht ist allerdings riesig und sobald es die Umstände zulassen, bin ich wieder oben
    Jetzt lehne ich mich mal zurück und bin gespannt wie es bei euch weitergeht.
    LG oesine

  10. Erfahren

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    AW: Vom Wassernick zur Mittagsfrau: Mit dem Radel zwischen Neiße und Spree

    #10
    Zitat Zitat von oesine63 Beitrag anzeigen
    Servus Sylvie,
    mich interessieren natürlich auch Berichte abseits des Nordens, vor allem wenn sie so informativ sind wie deine
    Nein, ich war dieses Jahr nicht unterwegs. Zwar habe ich schon Anfang des Jahres Schweden gebucht, konnte aber alles stornieren bzw. der Flug wurde gecancelt, ich hatte zumindest keinen finanziellen Verlust. Die Sehnsucht ist allerdings riesig und sobald es die Umstände zulassen, bin ich wieder oben
    Jetzt lehne ich mich mal zurück und bin gespannt wie es bei euch weitergeht.
    LG oesine
    Liebe Oesine,
    kann ich total nachvollziehen, das mit der Sehnsucht. Und ich hoffe sehr, dass dieser Zustand nicht noch fünf Jahre andauern wird... Ich will ooch wieder los. Ich weiß nicht... es gibt vermutlich so ein Nord-Gen in bestimmten Menschen. Es ist ja überall ganz nett, aber dort oben ist für mich immer wieder überwältigend. Irgendwas steckt also in uns, dass wir uns ausgerechnet im Norden so besonders wohl fühlen.
    So, jetzt weiter im Spreewaldgedrängel. :-)
    LG Sylvie

  11. Erfahren

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    AW: [DE] Vom Wassernick zur Mittagsfrau: Mit dem Radel zwischen Neiße und Spree

    #11
    Immer noch 12. September 2020: Spreewaldgetümmel zweiter Güte
    Plötzlich haben wir’s bisschen eilig. Wir zahlen schnell und schwingen uns auf die Räder. Nach dem Touristen-Hotspot Burg-Kauper wird’s wieder bisschen ruhiger. Der Weg geht durch schattigen Mischwald, immer noch über einige Brücken, die die Sicht auf verträumte Kanäle mit verirrten Paddlern freigeben. Hier, etwas abseits des Kahn-Mekkas wäre ich schon gern gepaddelt. Das aber hätte unser Übernachtungsproblem nur noch weiter nach hinten verschoben und vermutlich noch unlösbarer gemacht. Meine Idee, im Lübbenauer Schloss zu schlafen, das jetzt ein Hotel ist, wird gleich erst mal abgeschmettert, kein Platz mehr frei, erfahren wir am Telefon. Gut, also weiter.


    Anrufen und nach Zimmern fragen. Auch das ist ne typische Handlung dieser Tour.

    Lübbenau: In meiner Vorstellung war das immer nur der Ort, wo früher mal ein riesiges Kraftwerk stand, irgendwo ganz im Osten, im Niemandsland zwischen Cottbus und Berlin. Mit dem Spreewald und mit Urlaubsidylle hatte ich Lübbenau nie in Verbindung gebracht. Was für ein Irrtum! Gleich am Ortsrand, ähnlich wie in Burg, mehrere Kahnhäfen und viele Touristen.


    ... und zauberhafte Gehöfte.


    ... und viele Kanäle, klein und groß.

    Wir trudeln uns vor ins Stadtzentrum und staunen erst mal, wie schön es hier ist. Schmucker Marktplatz mit vielen alten Häusern, alles gut in Schuss, viele Bars, Cafés, Restaurants, Hotels und Pensionen.





    Und viele Menschen. Und wir mittendrin. Wir fragen uns durch, immer direkt im Hotel. Ist hier noch was frei? Nein? Wissen Sie zufällig, ob in anderen Hotels oder Pensionen...? Sie kennen sich doch alle untereinander. Sie wissen doch bestimmt…. Nach dem 7. Versuch geben wir auf. Hier finden wir nichts, konstatieren wir schulterzuckend.

    Was machen wir jetzt?, fragt Stefan. Na weiterfahren, bis Lübben. Das liegt schon ein bisschen abseits des Spreewalds, dort ist es bestimmt entspannter. Und was, wenn nicht? Dann fahren wir halt die ganze Nacht, meine ich. Und morgen, sobald die Sonne rauskommt und es wärmer wird, schlafen wir dann irgendwo auf ner Wiese. Oder im Wald. Oder im Park. Je nachdem, wo wir grad sind. Was sollen wir auch tun? Zelt und Schlafsäcke haben wir nicht dabei. Um in bloßen Klamotten irgendwo unter freiem Himmel zu schlafen, ist es zu kalt. Ergo: müssen wir fahren. Also gut, wir geben den Rädern die Sporen und demmeln los. Nach Lübbenau wird die Landschaft offen und frei. Wir umfahren im Halbkreis weite Felder und staunen, wie viele Radfahrer noch unterwegs sind. Danach geht es lange Zeit an einem Kanal entlang. Hier pausieren wir kurz, um noch einmal einen Versuch zu wagen, ein Zimmer zu kriegen.



    Und es klappt!!!! Im Hotel und Restaurant Spreeblick hat ein Gast kurzfristig abgesagt, es gibt noch ein einziges Zimmer. Und da schlafen wir jetzt, juchu!

    Lübben begrüßt uns mit einem Reha-Zentrum. Der Ort ist staatlich anerkannter Erholungsort. Auch das wussten wir nicht. Die Stadt ist schön. Große Parks und Spielplätze auf der Schlossinsel, die Spree teilt sich auf in mehrere Arme, wieder ein nettes Geflecht aus Brücken und Kanälen, bevölkert von Kähnen und Paddelbooten.





    Hier fängt der untere Spreewald an. Wir ziehen staunend in unser Zimmer ein und gleich erst mal los, um die Stadt zu erkunden.


    Blick aus unserem Hotelzimmer.

    Und um was zu essen zu finden. Das Hotelrestaurant sieht zwar auch ziemlich einladend aus, aber wir sind neugierig. Wir wollen mal schauen, was es sonst noch hier gibt.


    ... z.B. seltsame riesige Blumentöpfe vor dem Schloss.

    Das war ein Fehler. Wir bestaunen zwar Schloss und Innenstadt, finden auch einige Restaurants, aber alle sind voll, es gibt keine Plätze mehr. Der Hunger klopft an und macht uns grummelig. Ich bin müde zudem, ich würde jetzt auch ohne Essen ganz gut schlafen. Stef meint hingegen, das kommt nicht in Frage. Da weckt Dich der Hunger und Du schläfst nicht mehr ein, doziert er mir säuselnd ins Ohr. Wir laufen zurück zum Hotel. Es ist dunkel inzwischen, es bläut die Stunde. Doch auch hier vertröstet man uns. Der Freisitz ist voll besetzt, erst gegen neun wird was frei. Wir dürfen derweil mit nem großen schwarzen Bier auf der Hinterterasse hungern. Wir googeln inzwischen das Wissenswerte zu Stadt und Region. Das wird künftig unser Ankommens-Ritual. Stadt angucken, essen, Wikipedia bemühen. Wer lebt hier? Was gibt es für Firmen und Wirtschaftszweige? Wovon leben die Leute? Woher kamen die Sorben, wo lebten sie, wohin gingen sie? Wie züchtet man Karpfen? Wie entstand der Spreewald? Wie macht man saure Gurken? Es gibt viele Fragen, die unterwegs aufkommen. Hier finden wir Zeit, sie zu klären.


    Was es mit diesen Töpfen auf sich hat, haben wir allerdings nicht herausgefunden. Manches muss rätselhaft bleiben, auch.

    Endlich holt uns die Wirtin. Ihre Großmutter stammt aus Halle, erzählt sie uns freudig, und gleich kommen wir ins Gespräch. Das Essen ist exzellent. Es gibt hier sogar Irish Coffee. Den gönn‘ ich mir jetzt. Wir verputzen die halbe Speisekarte und fallen glücklich ins Bett. Was für ein langer und schöner Tag!

  12. AW: [DE] Vom Wassernick zur Mittagsfrau: Mit dem Radel zwischen Neiße und Spree

    #12
    Ein schöner Bericht aus meiner Heimat und dann noch ganz frisch!

    Ich war gerade zwei Wochenenden nacheinander in Schlepzig, schön radfahren, gut essen und faul paddeln. Ja, der Spreewald ist voll, eigentlich immer, nicht nur dieses Jahr. Aber die Saison ist kurz, ich freu mich für die Touri-Branche dort. Ich glaube, das Wetter und die Umstände haben sich für die richtig gelohnt.

    Freu mich auf die nächsten Tage!
    LG,
    Babs

  13. Erfahren

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    AW: [DE] Vom Wassernick zur Mittagsfrau: Mit dem Radel zwischen Neiße und Spree

    #13
    Zitat Zitat von Babsbara Beitrag anzeigen
    Ein schöner Bericht aus meiner Heimat und dann noch ganz frisch!

    Ich war gerade zwei Wochenenden nacheinander in Schlepzig, schön radfahren, gut essen und faul paddeln. Ja, der Spreewald ist voll, eigentlich immer, nicht nur dieses Jahr. Aber die Saison ist kurz, ich freu mich für die Touri-Branche dort. Ich glaube, das Wetter und die Umstände haben sich für die richtig gelohnt.

    Freu mich auf die nächsten Tage!
    LG,
    Babs
    Hah cool. Schlepzig ist unsere nächste Station! In so ner schönen verwunschenen Gegend wohnst Du? Da bin ich ein bisschen neidisch drum. :-)

    Jahaha, der Spreewald ist voll. Das Gebiet ist ja auch nicht riesig. Wir hatten aber geglaubt, dass die Saison schon vorbei ist, deshalb fuhrn wir so blauäugig los. Ich denke aber, dieses Jahr war es noch verschärfter, als sonst. Erstens sind die Leute wegen Corona den ganzen Sommer über nicht weggefahren, das haben sie jetzt nachgeholt, und weil sie ja in Deutschland bleiben wollten, ging's halt hierhin. Es kommt aber noch hinzu, dass viele Pensionen coronabedingt geschlossen hatten, entweder weil ihnen die Maßnahmen zu stressig waren oder weil sie leider pleite gingen. Auch an einigen Restaurants haben wir Schilder gesehen, dass bis zum Ende der Seuche geschlossen bleibt. Dann weiß ich nicht, ob die Hotels voll ausbuchen durften - darüber hörten wir Widersrpüchliches.

    Aber ich gebe Dir Recht: eigentlich kann's einen freuen, wenn die Region sich durch die Touristen wieder erholt. Wir haben auch alles dafür getan. :-)

    Liebe Grüße
    Sylvie

  14. Erfahren

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    AW: [DE] Vom Wassernick zur Mittagsfrau: Mit dem Radel zwischen Neiße und Spree

    #14
    Sonntag, 13. September 2020: Märkische Heide, märkischer Sand
    Wir springen gutgelaunt aus den Federn, frühstücken fröhlich, schwatzen noch drei Worte mit der Wirtin und auf geht’s ins Blaue. Nu ja, so blau, also unklar, ist unser Ziel heute nicht. Die angespannte Hotel-Lage bremst uns leider im spontanen Handeln, aber immerhin: unterwegs sind wir noch frei genug, links oder rechts rum zu fahren. Heute wollen wir bis Werder/Spree. Stef hat im einzigen Gasthof im Ort schon ein Zimmer gebucht. Auch hier war nicht mehr viel frei, wir freuen uns. Unser Weg aus Lübben hinaus führt zunächst durch ein schattiges Wäldchen und dann lange lange an Seen und Teichen entlang. Auch diese Teiche gehören zum Peitzer Hoheitsgebiet, wir sehen die Fische springen. Im ersten Hofladen in Schlepzig gibt’s den ersten Stopp. Cappuccino für mich und Eis für Stefan. Obgleich noch früh am Tage, ist das Café gut gefüllt. Radler und Paddler machen hier gleichermaßen halt. Die Wirtin ist leicht überfordert. Man hört sie von draußen mit ihrer Aushilfskraft streiten. Aber die Stimmung ist dennoch malerisch. Bisschen versunken sitzen wir einfach da, gucken ins Schattenspiel säuselnder Blätter und schauen dem Treiben im Hofe zu. Leute kommen und gehen, Boote ziehen vorüber, schwer fällt es uns, einfach aufzustehen und weiterzufahren.

    Aber es muss ja sein. Wir satteln wieder auf und weiter geht’s. Auch hier ziehen sich Lädchen und Büdchen, Brücken und Kahnhäfen eins zum andern wie Perlen an einer Kette durch’s Örtchen. Wir statten der Fachwerkkirche einen kurzen Besuch ab, dann ziehen wir weiter.



    Im nächsten Dorf, in Krausnik, oder besser dahinter, öffnet sich plötzlich die Landschaft. Vorbei ist das Kleinteilig-Quirlige des Spreewaldes. Wir fahren durch riesige Industrie-Kiefern-Wälder (Stef nennt die so, weil sie angepflanzt sind. Alle Bäume sind gleich alt und wachsen im gleichen Abstand gradlinig in den Himmel.) Dazwischen endlose Felder und Weiden, mehr Wind, die Sonne ballert.



    Der Boden wird trocken und sandig. Märkische Heide, märkischer Sand allerorten. Aus dem Urstromtal sind wir auf in den Sander gefahren.



    Wir passieren verschlafene Dörfchen, Groß Wasserburg und Leibsch. Nach einer Schleusenanlage geht es ein Stückchen auf der kaum befahrenen Landstraße entlang. Rechts am Wegrand Apfelbäumchen, verwachsen und knotig, die Äpfelchen klein und zermadet, aber wunderbar aromatisch.



    Wir setzen uns für eine Weile an den Straßengraben, schau‘n auf die endlosen Felder und verputzen winzige zurechtgeschnittene süß-saure Apfelstückchen. Der Wind bläst uns warm wie ein Fön ins Gesicht, die Luft flimmert, die Stille umwabert uns. Das ist für mich ein Moment, der für’s Leben bleibt.

    Dann kommen wir zum Neuendorfer See, an dessen Ufer wir auf einem ziemlich dekadenten spiegelglatt geteerten Radweg dahinfliegen.



    Wir verlassen den Weg immer mal seewärts, denn wir wollen baden hier. Aber wir finden nur Schilf und versumpftes Ufer.



    Erst auf dem Campingplatz in Alt-Schadow ist das Ufer gezähmt und Stef springt ins Wasser. Ich nicht. Ich sitze lieber im Gras und schnitze noch ein paar Äpfelchen kunstvoll zurecht. Nach Alt-Schadow verfransen wir uns.



    Macht aber nichts. Es gibt viele Radwege hier und so nehmen wir einfach einen anderen und fahren in leichtem Bogen, wieder mitten durch den Wald, in Werder ein.



    Überhaupt radeln wir zunehmend freestyle und kleben weniger an den Bikeline-Vorschriften. 50 Kilometer waren es heute, zehne weniger als gestern. Das scheint mir von der Entfernung gerade richtig.

    Werder ist ein kleines Dörfchen, nur 100 Seelen groß, malerisch ans Ufer der Spree gehaucht. Hier gibt es nichts, was irgendwie von Belang wäre, nur Wiesen, Höfe, Apfelbäume und Hühner. Und genau das ist es, was diesen Ort perfekt macht. Hier fallen wir vollends aus der Zeit.


    Na gut, eine Holzbrücke gibt es, die ist ziemlich imposant. Sie ist aus harten afrikanischen Hölzern gemacht und soll laut Bauherren 50 bis 70 Jahre halten, genauso lange wie eine Steinbrücke.

    Das Spreewaldhotel Matschke ist durchweg zauberhaft. Eine große Terasse mit Blick auf den Sommerofen, Liegewiesen und Grillplätze, gemütliche Zimmer, und ne alte Scheune für die Räder. Es ist erst fünf, zum Abendbrot ist es zu früh, aber Hunger haben wir dennoch schon. Also gibt’s erst mal Café und Eis, dann machen wir einen langen Spaziergang durchs Dorf und dann setzen wir uns einfach wieder hin und essen weiter. Fischplatte mit echten Bratkartoffeln. Auch hier schmeckt das Essen hervorragend.


    Zwischendurch schenk ich Euch Bilder von der Gegend...

    Der Gasthof ist inzwischen voll geworden, an jedem Tisch sitzt ein Radlerpärchen. Im Laufe des Abends wird es recht familiär. Über die Tische hinweg kommt man zart ins Gespräch. Ein Pärchen kommt aus dem Münsterland, die beiden sind mit E-Bikes unterwegs, kommen von der Quelle und wollen bis zur Mündung. Dann aber weiter bis Usedom und einmal quer an der Küste lang bis nach Lübeck. Der Mann sprüht vor Ideen, will hierhin und dorthin noch und tausend Umwege machen. Seine Frau, scheinbar weniger fit, bremst ihn scharf. Stopp sagt sie, und, auf keinen Fall. Stef und ich müssen grinsen. Diese Diskussionen kennen wir. Genauso lief das früher bei uns auch ab. Bis wir uns irgendwann einigten, dass unsere gemeinsamen Touren nur ne Spazierfahrt für ihn sein dürfen, damit ich nicht überlastet bin. Männer und Frauen passen eben vielerorts nicht zusammen.



    Ein älteres Pärchen am Nachbartisch sorgt dann im Laufe des Abends dafür, dass sowohl die innertischlichen als auch die intertischlichen Gespräche vollends ersterben. Die beiden unterhalten sich so laut und immer halb an alle anderen gewandt, dass wir ständig zweifeln, ob wir jetzt gemeint sind. Zumal es zum Teil um ziemlich private Dinge geht. Schkönnt den ganz Toach nur bleeken, sagt die Alte, die beiden sind Sachsen. Musste Pillen nehmen, rät ihr ihr Mann, dabei blickt er anerkennungsheischend in die Runde. Irgendne Freundin oder Schwester der Dame scheint jüngst verstorben. Alle blicken verlegen auf ihre Teller, niemand sagt mehr etwas. Alle sind gezwungen zuzuhören und tun das auch… man kann gar nicht anders, so wie man Schrift immer lesen muss, wenn man sie sieht. Zwischendurch versucht jeder mal, dieses halböffentliche Gespräch durch einen Einwurf ganz auf die Ebene der gegenseitigen/öffentlichen Unterhaltung zu ziehen. Aber immer wenn das geschieht, starren die beiden brüskiert auf ihre Teller und antworten nicht. Ich nenne sie irgendwann die sabbelnden Sachsen. Sie ermüden uns. Wir nehmen das letzte Glas Bier mit hoch auf’s Zimmer und trinken es dort. Es läuft der Tatort mit der Bibi. Der hören wir lieber zu, als den sabbelnden Sachsen.


  15. Erfahren

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    AW: [DE] Vom Wassernick zur Mittagsfrau: Mit dem Radel zwischen Neiße und Spree

    #15
    Montag, 14. September 2020: Kursänderung
    Heute Morgen sind wir uns sicher: Wir fahren nicht nach Berlin. Gestern sprachen wir zart schon davon und quasi über Nacht hat sich unser Entschluss zementiert. Nach zwei Tagen Spreewaldgetümmel haben wir Blut geleckt an der einsamen Heide von Brandenburg. Berlin wäre uns einfach zu voll und zu laut jetzt. Außerdem haben wir keine Lust, maskenbewehrt mit dem Zug zurück nach Cottbus zu fahren. Und einen Vorteil muss es ja haben, dass wir nichts vorher gebucht hatten.

    Wir springen gut gelaunt aus den Federn, essen das einfache Frühstück, reden noch ein bisschen mit dem Pärchen, das die Mördertour fahren will und kurz bevor wir starten auch noch mal lange Zeit mit dem Wirt. Wir fragen ihn, ob wir in Brandenburgs Einsamkeit auch lieber vorbuchen sollten. Ja, meint er, auf jeden Fall. Dann zählt er uns bis zur Neiße alle Gasthöfe auf – wir sind beeindruckt – und erklärt uns auch: die Hälfte davon hat geschlossen. An die 700 Pensionen hätten im Landkreis Oder/Spree coronabedingt zugemacht. Entweder weil sie nicht mehr können oder auch, weil sie die verschärften Hygienemaßnahmen nicht wollen bzw. die ihnen ihre drei Betten, die sie zu vermieten hätten unrentabel machen würden. Gerade jene Leute, für die die Wirtschaft nur ein Zubrot ist, hätten den Stress nicht haben wollen. Zudem, meint der Wirt, dürften die Hotels ihre Zimmer nicht voll belegen. Überlebt haben nur die großen Hotels oder Familienbetriebe. Hm… wir hören im Laufe der Tour auch andere Meinungen zu diesem Thema, aber erst mal erscheint uns das plausibel. Es erklärt zumindest, warum es so schwer ist, außerhalb der Saison noch ein Zimmer zu kriegen.

    Also gut. Heute wollen wir nach Neuzelle, ein Örtchen direkt an der Grenze zu Polen, an der Neiße gelegen. Stef ruft im Hotel zum Prinzen Albrecht an und hat Glück. Ein Zimmer ist noch frei, nebenan in der Radlerunterkunft. Das kriegen wir jetzt, wunderbar. Nun müssen wir losdemmeln, damit wir bis heut Abend ankommen. Zunächst geht’s in Richtung Schwielochsee; in Ranzig soll es ne kleine Fahrradfähre geben. Dort setzen wir über und von dort – sagt die Karte uns brav – gibt es einen Radweg, der ziemlich schnurgerade einmal quer durch’s Land bis an den äußersten Osten von Brandenburg führt. Den wollen wir finden und abradeln.

    Unser Weg führt zunächst, wenig überraschend durch Kiefern-, Kiefern- und Kiefernwälder.


    ... obgleich es auf diesem Bild eher nach Mischwald aussieht...

    Was wolln die man bloß mit dem ganzen Holze hier nur? Renaturieren sollte man die Wälder, damit sie ohne Menschenhilfe klarkommen und der Borkenkäfer sie nicht fressen kann.



    Zwischendurch gibt es kleine verträumte Dörfchen. In Kossenblatt, gleich nebenan, will ich mal gerne ins Schloss dort gucken. Bikeline verrät uns, dass der Soldatenkönig hier gern residiert hat. Aber der Park ist mit nem großen Tor verschlossen und bis auf die andere Seite zu fahren, haben wir keine Lust. Wir fahren durch Briescht und Trebatsch. Die Dörfchen wirken verlassen. Hier gibt es keine kleinen Hof-Wirtschaften mehr, meist nur eine Dorfkneipe, und die hat geschlossen. Wenn unser Trinken alle wird, meint Stef, müssen wir bald irgendwo klingeln und nach Wasser fragen. Aber dann sehen wir einen Friedhof. Wo Gräber sind, da gibt’s auch Wasser. Wir schlüpfen hinein und füllen unsere Flaschen.

    Ab Trebatsch knickt die Straße ab nach Norden und wir fahren lange lange neben der Bundesstraße 87 entlang. Der Radweg liegt aber weit genug weg im Wald, sodass wir vom Verkehr nicht allzu viel mitbekommen. So brausen wir dahin, links von uns die Straße, rechts von uns, hinter gehörig Stück Wald, der Schwielochsee, über uns Bäume und blauer Himmel. Auch heute ist es warm und sonnig und das ist wunderbar. In Ranzig biegen wir rechts in den Wald zur Fähre – aber die kommt dann nicht. Montags hat die Ruhetag, meint eine rastende Radwanderin. Und heute ist Montag. Toll. Also müssen wir weiter bis Beeskow fahren und dort einmal rum um den See. Das sind noch mal 15 Kilometer mehr, als geplant, also hopp hopp auf die Räder und weitergereist, wir wollen ja heute noch Abendbrot kriegen.

    Auch Beeskow ist hübsch. 8000 Menschen leben hier Fachwerk an Fachwerk.



    Das Stadtbild wird dominiert von einer gewaltigen Backsteinkirche. Die Marienkirche, erfahren wir, wurde im 2. Weltkrieg stark zerstört und erst ab den 90-er Jahren wieder aufgebaut.



    Leider ist sie geschlossen. Wir umkreisen sie einmal recht ehrfürchtig, denn auch der Platz auf dem sie steht, hat Charme.



    Dann demmeln wir weiter. Wir verlassen jetzt die geschützte Zone von Bikeline und müssen uns selbst unseren Weg zusammenpuzzlen. Während wir suchend in unsere Karte gucken, spricht uns ein kleines Mädchen an, sie ist vielleicht sechs, gerade eben in die Schule gekommen, ihr Schulranzen ragt blank und sehr neu ziemlich hoch über ihren Kopf hinweg. Sie lächelt uns blondbezopft, blauäugig an und fragt, ob wir Hilfe brauchen. Ich bin beeindruckt. Mit sechs Jahren fremde Menschen ansprechen und Hilfe anbieten, spricht von Reife und guter Erziehung. Wir wollen aus der Stadt raus, sag ich lachend, ich fürchte, Du kannst uns nicht helfen. Das stimmt, gibt sie zu, ich kenne mich in der Stadt sehr gut aus, aber nicht vor den Toren. Auch das erstaunt mich. Vielleicht ist sie die Tochter des Fremdenführers? In Heimatkunde kann sie das zumindest noch nicht gelernt haben. Wir bedanken uns herzlich und fahren weiter.

    Der Grund unserer Irritation war gewesen: Die Straße nach Osten raus, wurde als gesperrt ausgeschildert, wegen Bauarbeiten. Das ist sie in der Tat, aber als Radler kann man bequem drauf langfahren. Schon nach wenigen Metern beginnt zudem der straßenbegleitende Radweg, der so typisch für diese Gegend ist. Wir fahren in Richtung Krügersdorf und versuchen dort die Straße nach Reudnitz zu treffen. Auch hier wieder nette Leute. Eine Frau hält extra an, steigt aus dem Auto und spricht die Optionen mit uns durch. Es gibt hier nämlich nicht nur einen guten Radweg, wie wir erfahren, sondern gleich mehrere einsame Waldstraßen, die wir nehmen können. Nebenbei erzählt sie uns gleich, wo man hier baden kann, denn es ist heiß und wir müssen uns abkühlen. Wir bedanken uns froh und rauschen davon. Was für nette Leute hier! Ich meine, ich mache das in Halle genauso. Wenn suchende Leute mal wieder den Saaleradweg nicht finden, helfe ich gerne aus. Und spreche sie von mir aus an. Jetzt erfahre ich am eigenen Leib, wie gut das tut. Das Problem mit den Rad- oder Wanderwegbeschilderungen ist vermutlich, dass meist Ortskundige die anbringen. Denen ist der Blick aus der Fremde verloren gegangen. Aber immerhin, wenigstens kommt man so miteinander ins Gespräch.

    Wir düsen weiter, ein Dorf gibt es noch, dann lange Zeit nur noch Kiefernwälder.


    Felder hinter dem letzten Dorf

    Ab hier treffen wir unterwegs keine Menschenseele mehr. Die Gegend ist auch nicht mehr tellerflach, sondern bisschen hügelig schon. Demnach sind wir in der Endmoräne, wir radeln die glazialen Zonen ab. Es ist heiß. Die Hitze flimmert und wabert selbst durch die schattigen Baumkronen. Sie erzeugt aromatischen Kiefernduft, der uns wie ein süßes Parfum umwölkt.



    Wir sind schläfrig und gieren nach Abkühlung. In Chossewitz ist der nächst größere See, aber vorher schon, sehen wir in Googlemaps gibt es Teiche und Tümpel in großer Zahl. Also runter vom Weg und rein in sandige Waldwege. Aber alle Tümpel, die wir besichtigen sind eben genau das: Tümpel. Versumpfte Ufer, breite Schilfgürtel oder schlieriges Wasser laden uns wenig ein, die dampfenden Muskeln zu kühlen. Also doch weiter bis Chossewitz trampeln. Viele Orte enden hier auf –itz oder -itsch, -atz oder –atsch und weiter nördlich dann auf –ow. Sie sind alle slawischen Ursprungs. Deren Siedlungsgebiet reichte einst bis an die Elbe und weit nach Schleswig-Holstein hinein. Das Terrain war dünn besiedelt, die wenigen Germanen, die hier lebten, wahrscheinlich waren es Sachsen oder Thüringer, wurden assimiliert. Dann im 13. Jahrhundert kamen die Deutschen zurück und assimilierten wiederum die Sorben. So sind wir alle ne Mischung aus vielen Kulturen. Die vielen –itzigen Ortsnamen sollten uns dran erinnern.

    Der See, unterhalb eines Zeltplatzes gelegen, ist verträumt und verlassen.



    Wir springen sofort hinein und danach ruhen wir kurz im Grase aus. Wieder gibt es keinerlei Wolke, der wir beim Ziehen zuschauen können.


    Die Bade-Insel im See erinnert mich süß an unseren See in Schweden, an dem wir vor zwei Wochen die Zeit totschlugen.



    Nur war der eher in blau gehalten. :-)


    Nach diesem erfrischenden Intermezzo, raffen wir uns wieder auf die Drahtesel. Wir müssen weiter und weiter, die Halbumrundung des Schwielochsees hat uns nen weiten Weg heut beschert. Und also geht's wieder los durch endlose Kiefernwälder, die immer mehr mit Buchen durchsetzt sind. Wir sehen Pilze am Wegesrand und ich bedaure es sehr, dass ich sie allesamt stehen lassen muss. Im Waldseehotel am Wirchensee trinken wir schnell einen Kaffee und setzen uns mit zwei Kugeln Eis den finalen Zuckerschuß, dann geht es erneut auf’s Rad und straßenbegleitend neben der L43 durch Dörfer wie Treppeln und Kobbeln. Bald winkt in der Ferne Neuzelle. Die letzten Meter vor der Stadt geht es durch hellblaue Flachsfelder, wir erkennen es auch am charakteristischen Leinöl-Geruch.

    Dann endlich sind wir da, es ist halb sieben und es ist noch hell. Heute haben wir keine Lust auf Stadtrundgänge. Nach 70 km Fahrerei wollen wir nur noch was essen. Wir bestellen schnell einen Tisch im Hotelrestaurant, beziehen flugs unsere Unterkunft, duschen hastig – und hopp, sitzen wir schon im Garten vom Landhaushotel Prinz Albrecht. Der liegt idyllisch am Klosterteich mit Blick auf das Kloster Neuzelle.



    Das Restaurant ist voll besetzt, die Stimmung regelrecht ausgelassen, die Kellner flitzen und servieren uns die leckersten Speisen unter der Sonne, die freilich jetzt schon untergegangen ist. Wir tafeln fürstlich und verschwelgen die Zeit in der lauen Sommernacht. Wieder hervorragendes Essen. Kochen können die Leute hier, stellen wir glückselig fest. Egal ob einfaches Schnitzel oder ausgefallene Menüs mit Fisch und Pfifferlingen – bisher war alles auf seine Art außergewöhnlich gut schmeckend und hervorragend angerichtet.


    Ein Lüster aus Spinnenfäden und toten Mücken macht uns die Nacht zum Tage.
    Geändert von Sylvie (03.10.2020 um 21:49 Uhr)

  16. Erfahren

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    AW: [DE] Vom Wassernick zur Mittagsfrau: Mit dem Radel zwischen Neiße und Spree

    #16
    Dienstag, 15. September 2020: Der Sonne entgegen
    Das Radlerquartier des Prinzen Albrecht erweist sich als kaum durchdacht und wenig alltagstauglich. Unser Zimmer ist zwar sehr geschmackvoll und regelrecht fancy eingerichtet, aber Schlafen macht hier weder Sinn noch Spaß. Alle Zimmer sind durch klirrende Außenbalustraden (aus Metall) miteinander verbunden. Auf denen schlurft ständig jemand lärmend draufrum. Dummerweise gehen die Fenster auch auf die Balustraden hinaus, sodass Dir ein Jeder direkt ins Bette gucken und auch steigen kann. Fenster auf und frische Luft rein ist daher nur mit Vorhängen möglich. Und irgendwann nervt uns das verstörende Scheppern da draußen so gewaltig, dass wir verärgert alles zurammeln. Dennoch bleibt es hellhörig. Am Morgen werde ich vom schrillen Geklirre der Putzkolonne geweckt. Eine der Frauen lässt sich lautstark darüber aus, dass die Gäste heute hoffentlich nicht so lange schlafen, damit sie früher nach Hause kann. Nun gut. Den ersten Schritt zum Erfolg ihres Vorhabens hat sie soeben selbst schon gemacht. Wer die hört braucht keinen Wecker mehr.

    Ich schäle mich aus meinem verknorkelten Bett. Stef ist nicht da. Bestimmt joggt der wieder. Ich springe unter die Dusche und selbstredend dann klopft es am Kammertürchen: Der Herr ist zurück und fordert Einlass … Nach allem Getue und Gemähre frühstücken wir endlich. Und das versöhnt mich wieder mit der schlecht durchschlafenen Nacht. Das Essen im Prinzen Albrecht bei strahlendem Sonnenschein und wieder mit Blick auf das Kloster Neuzelle ist hervorragend und ganz nach unserem Geschmack. Bevor wir abdüsen sprechen wir auch hier mit dem Wirt, befragen ihn zur allgemeinen Lage. Er meint, er kann nicht klagen, die Zimmer sind immer gut besetzt, vor allem jetzt, nachdem die Leute wieder vor die Tür dürfen. Na immerhin, es gibt nicht nur schlechte Dinge auf der Welt.

    Heute geht’s wieder zurück in Richtung Süden. An der Oder-Neiße-Friedensgrenze wollen wir radeln bis wir genug von dieser Landschaft haben. Zuvor werfen wir einen kurzen Blick in die Klosterkirche, die sich im feinsten Barock präsentiert.





    Auch nebenan der Klostergarten ist eine Augenweide, auf der wir unsere Blicke bisschen grasen lassen. Weit hinten am Horizont blitzt schon der Fluss in nebelfernen Auen. Dort wollen wir hin heute und also müssen wir langsam los.



    Wir springen auf die Räder und trampeln frohgemut ins Blaue. Blau ist der Himmel in der Tat und bereits jetzt ist es ziemlich warm. Wieder ein schöner Tag mit Kaiserwetter. Wir wissen gar nicht mehr, wie Regen riecht. Der Radweg verläuft sehr exponiert auf dem Deich an der Neiße.



    Mal ist der Fluss ganz nah, mal weiter weg hinter Erlen und Auen.



    Es sind nur wenige Leute unterwegs. Ab und zu ziehen kleine Dörfchen vorüber, die sich verträumt ans Ufer brezeln. Manchmal gibt es hier sogar kleine Absteigen, aber ich habe den Eindruck, die sind alle geschlossen. Nuja, is ja auch noch früh am Tage. Und nach Kaffee ist uns noch nicht.

    Dennoch rasten wir kurz direkt am Weg im Schatten einer dunklen Linde und beobachten ein junges Paar, das mit Baby unterwegs ist. Die Mutter stillt ihr Kind, dann wickelt sie es, dann stecken sie es in einen Fahrradkäfig und fahren weiter. Ich weiß nicht richtig, was ich davon halten soll. Mir wäre es vermutlich zu stressig, mit einem so kleinen Kind eine solche Tour zu machen, aber vielleicht muss man das erst probieren, ehe man es wirklich einschätzen kann. Der Weg verlässt an dieser Stelle die Flussregion und zerteilt mehr innerlandwärts die Gegend in links und rechts.



    Weite Felder gibt es hier, Wiesen, kleine Gehölze, Buschwerk, alles lieblich und verträumt. Noch immer fahren wir auf dem Damm. Die Sonne brennt uns geradewegs auf‘s Gehirn. Es gibt hier nirgendwo Schatten. Heute Morgen fuhren wir nach Südosten, jetzt ist es Mittag und wir fahren nach Süden. Sprich: die Sonne scheint uns immer mitten ins Gesicht. Wir brauchen dringend Schatten jetzt, sonst küsst uns noch die Mittagsfrau.

    Die Mittagsfrau gefällt mir von allen Märchengestalten am Besten. Den Wassernick gibt’s als Sagengestalt überall in Europa. Mal ist er jung und keck, mal alt und vergnatzt, in manchen Regionen wird er mit grüner Haut und Schwimmflossen dargestellt. Immer jedoch lebt er im Wasser, als ein Geist mit niederen magischen Kräften. Manchmal neckt er nur, manchmal tötet er, manchmal hilft er auch. Mir gefällt die Version, wo er die Seelen von zarten Jungfern in tönernen Töpfen gefangen hält. Ich frage mich, wozu? Und wie lange? Wer wird sie retten? Und wie? Die Mittagsfrau hingegen scheint nur hier in der Lausitz zu wohnen. Wer die weiten Felder hier sieht, die tanzenden Staubteufel in der flirrenden Hitze verfolgt, der kann sich gut vorstellen, dass in einem dieser kreisenden Winde die Mittagsfrau herangewirbelt kommt. Da steht sie plötzlich vor Dir, die Sense an Deinen Hals gesetzt und stellt Dir Fragen über Fragen. Und Du musst erzählen und erzählen. Ohne Unterlass von zwölf bis eins. Erst dann ist die mächtige magische Stunde der Mittagsfrau vorbei und sie lässt von Dir ab. Wenn Du aber auch nur eine einzige Pause machst in Deinem Redeschwall bist Du des Todes und einen Kopf kürzer. In meiner Phantasie ist die Mittagsfrau aber gar kein böses Weib, eher alt und weise und irgendwie ne Therapeutin. Denn sie hält Dich davon ab, im Mittagsfieber über die Felder zu robben und vor lauter Hitze ganz dummkollerig zu werden. So wie wir jetzt.

    In Bresinchen schiebt sich uns ein glitzernder See direkt vor die Füße. Den hat uns bestimmt die Mittagsfrau geschickt. Hier bleiben wir und verplanschen die gröbste Hitze. Meine Phantasie ist es ja, so lange zu warten bis die Sonne mehr nach Westen wandert, dann hätten wir sie auf unserem Weg nach Süden zumindest nicht mehr im Gesichte. Also gibt’s hier ne längere Pause, wir verräkeln sie faul auf der Decke. Am See sind auch Einheimische, die uns Pausierer leise beäugen. Wo wollt Ihr denn hin, fragt der Mann nebenan. Wir erklären es ihm. Stimmt, ich habe noch gar nicht erzählt, wo wir heute hinwollen. Bis Bohrau soll’s gehen, ein winziges Dörfchen am Rande des Jänschwalder Tagebaus. Im dortigen Landgasthotel Zur Oase haben wir heute ein Zimmer bestellt. Und wo kommt Ihr her, will der Mann wissen. Wir erzählen es ihm. So lange off’m Rad, sinniert der Typ, ist das nicht mächtig anstrengend? Ja, sagt Stefan, das ist der Plan. Na wenn Ihr meint, sagt der Mann und zuckt mit den Schultern. Er kann unsere Sehnsucht nach aktiver Landschaftserkundung nicht verstehen. Die Sonne gleißt noch immer vom Himmel, aber wir müssen weiter. Der Kaffeedurst treibt uns zur nächsten Etappe nach Guben. Noch immer geht’s straff auf dem Damm oder auf Straßen voran und es gibt keinen Schatten nirgendwo.

    Guben – die einstige Wilhelm-Pieck-Stadt - gefällt mir nicht. Ich kann der Stadt wenig Liebreiz abgewinnen, was vielleicht aber auch an meiner schlechten Laune liegt, die hitzig in mir aufsteigt und durch keinerlei Windchen zerstäubt wird. Wir suchen zunächst das Zentrum, aber umsonst, irgendwie scheint es kein richtiges zu geben. Die ganze Stadt dünkt mir zersiedelt und wenig geordnet. Aber vielleicht drängelt die schlechte Laune uns auch einfach am Zentrum vorbei? Und verschleiert unseren Blick für das Schöne im Leben? Drüben, auf der anderen Seite der Neiße, im polnischen Gubin indes, lockt ein riesiger Kirchturm unsere Neugier heraus.



    Wir orgeln kurz rüber, es gibt einige Brücken hier, und schauen uns den mal aus Schattenwurfnähe an. Die Kirche, ein riesiger Backsteinbau, erweist sich als triste Ruine. Anders als in Beeskow haben hier die Gelder zur Sanierung offenbar gefehlt.


    Direkt neben der Ruine hat man aber ne neue Kirche errichtet.

    Zurück auf der deutschen Seite schieben wir die Räder durch eine triste Einkaufsstraße. Wir würden gerne irgendwo Kaffee trinken, nur gibt es hier keine Straßencafés. Schließlich parken wir kurz vor einem Bäcker und ordern uns hier den stärkenden Türkentrunk. Aber nix mit Stärkung; die Plärre ist kraftlos und tumb.

    Wir sollten die Stadt verlassen, schlage ich vor. Das wird doch hier heute nüscht mehr mit belebenden Begebenheiten. Ehe wir fahren gibt’s aber dann doch noch ne letzte Chance für Guben – ein Eiscafé liegt am Wegesrand, vielleicht ist der Kaffee hier besser. Dann erleben wir Skurriles. Die Kellnerin ist sehr freundlich, aber leicht überfordert mit der plötzlich einrauschenden Gästezahl. Mein Eiskaffee besteht aus lauwarmem Instantkaffee mit etwas Sahne drin, das Eis fehlt. Das Zeug schmeckt gruselig. Die Dame nebenan hat einen Erdbeerbecher bestellt. Die Wirtin bringt den Becher mit Bananen, Erdbeeren sind leider alle, erklärt sie ihr wortreich und in singendem polnischen Akzent. Eine Mutter am übernächsten Tisch fängt indes mit ihrem erwachsenen Sohn einen handfesten Streit an. Wörter gebären Gegenwörter, das Ganze wird immer lauter und aggressiver. Irgendwann verlass‘ ich die Szene und gehe nach drinnen auf’s Örtchen. Hier gibt es indes den nächsten Streit zwischen der Wirtin und einem Gast. Die Hitze wummert heute offenbar allen Menschen doll ins Gehirn. Wir zahlen schnell und flüchten von hier.

    Wir verlassen die Stadt, wie wir gekommen sind: schlecht gelaunt. Der Weg führt weiterhin lieblich durch saftige Auen, aber noch immer auf diesem verdammten Deich ohne Schatten und jetzt nach Südwesten.



    Es ist 35 Grad, kein Lüftchen wispert und die Sonne knallt uns mal wieder ins Gesicht. Herre! Ich hatte ja schon auf gutes Wetter gehofft, aber das hier? Mit seinen Wünschen sollte man vorsichtig sein. Sie könnten sehr wohl in Erfüllung gehen. Unter dieser Sonne wird jede entzückende Aue zur Wüste. Ich denke daran, dass ich Freunden immer mal zum Geburtstag wünsche, sie mögen der Sonne entgegeneilen. Diesen Wunsch werde ich fortan noch mal überdenken.



    Dieser Weg ist wahrlich nur unter Wolken ein feiner Genuss. Wir passieren Dörfchen wie Klein Gastrose und Groß Gastrose – ich habe keinerlei Bild mehr von ihnen. Aber an einzelne Bäume und kleine Gehölze erinner‘ ich mich. Denn die umarmen wir wie einen guten Freund und trinken gierig von ihren Schatten.

    Gegen Abend dreht sich die Erde gnädig von der Sonne weg und wir atmen auf. Das Licht wird pfirsichfarben und unsere Stimmung auch. Der Flecken Bohrau liegt verträumt zwischen Wiesen. Der Wirt hatte am Telefon darauf bestanden, dass wir nicht nur die Nacht in seinem Haus verbringen, sondern auch zu Abend essen hier (für zehn Euro mehr pro Person). Natürlich werden wir das. Es gibt hier weit und breit kein weiteres Wirtshaus. Also doch, eines gibt es noch, aber das ist geschlossen. Auf einem losen Zettel weist man uns ärgerlich darauf hin, dass die Kneipe nicht öffnet, so lange die Coronapolitik die Bedingungen diktiert. Das Gasthaus Zur Oase erweist sich als liebevoll verrumpeltes Refugium. Es liegt zwar direkt an der B112, aber wir haben ein Zimmer nach hinten raus, mit Blick auf den Märchengarten und weite Felder.



    Die Oase ist nicht voll belegt, viele Zimmer stehen leer. Wir setzen uns ziemlich beglückt auf die weinlaubberankte Terrasse und lauschen den rauen Bauarbeitergesprächen am Nachbartisch. Das Haus ist offenbar ein Zufluchtsort für Tagebau-Arbeiter und Lastwagenfahrer. Zumindest diese wackeren Helden hier scheinen öfter hier zu übernachten. Wieder ist das Essen hervorragend. Ein bisschen DDR-like angerichtet mit vielen kleinen Salatinseln auf dem Teller. Krautsalat, Möhrensalat, Bohnensalat gibt es zu Fleisch mit Letscho. Nach dem Essen drehen wir noch ne Runde durchs Dorf, dann fallen wir seeligst in die Federn. Was für ein hitziger Tag war das heute.

    Geändert von Sylvie (15.10.2020 um 23:02 Uhr)

  17. AW: [DE] Vom Wassernick zur Mittagsfrau: Mit dem Radel zwischen Neiße und Spree

    #17
    Wunderbar! Geschichten aus der Märchenwelt und der Realität zum Frühstück, so mag ich das. Irgendwie entspricht das meinem Zustand am frühen Morgen, ein bissl noch traumwandlerisch aber auch schon bewußt, dass es bald ins Bergwerk geht

  18. Fuchs
    Avatar von Meer Berge
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    AW: [DE] Vom Wassernick zur Mittagsfrau: Mit dem Radel zwischen Neiße und Spree

    #18
    Ach, ist das herrlich!
    Bei dem trüben Herbstwetter kann ich mir gerade heiße Tage nicht mehr vorstellen und sehne sie noch einmal herbei. Gerne gemäßigt
    Kalender *Papageitaucher 2021* Familienplaner
    Das Wetter, das man jeden Morgen in sich selber macht, ist viel wichtiger als das Wetter draußen. Fynn

  19. AW: [DE] Vom Wassernick zur Mittagsfrau: Mit dem Radel zwischen Neiße und Spree

    #19
    Kleiner Hinweis als Heimatkundler, ich habe fast 20 Jahre in Forst an der Neiße gelebt
    - die Orte heißen Groß- bzw. Klein-Gastrose -
    Zum Radweg auf dem Neiße- Oderdamm - ich finde ihn aus verschiedenen Gründen optimal.
    - man kann ohne Anstiege von Zittau bis an die Ostsee fahren
    - ich selbst bin auf ihm viel gescatet, auch mit Kinderwagen
    - mit Zelt/Isomatte unterwegs findet sich immer ein Platz zum übernachten
    - im Winter ist schon bei relativ wenig Schnee Langlauf möglich

    Thomas

  20. Fuchs
    Avatar von blauloke
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    AW: [DE] Vom Wassernick zur Mittagsfrau: Mit dem Radel zwischen Neiße und Spree

    #20
    Sehr schöne Fahrt, lese gerne mit.
    Du kannst reisen so weit du willst, dich selber nimmst du immer mit.

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