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  1. [GB] 1 Lady's Walk - geplant ungeplant durch Moray

    #1
    Mitreisende: steliflo
    PROLOG



    Eine Solo-Tour schwirrt mir schon lange durch den Kopf. Am Anfang noch aus Trotz heraus entstanden (Wenn du nicht mitkommen willst, dann mach ich das halt alleine!) wurde die Idee auch ganz ohne Grant immer reizvoller. Immer öfter ertappte ich mich dabei ganze Touren samt An- und Abreise durchzuplanen und wieder in der Lade verschwinden zu lassen. Proportional mit dem Wunsch nach einer Tour allein, wurde auch die Angst vor dem Scheitern größer.

    Anfang des Sommers zeichnete sich immer stärker ab, dass es unvermeidbar ist, dass ich mich endlich über einen Jobwechsel drüber traue. Und so wurde klar, dass sich die Möglichkeit zu einer längeren Reise alleine ergeben könnte. Meine Frau bekommt in ihrem Job nicht so einfach Urlaub und so würde ich auch nicht mögliche gemeinsame Zeit vergeuden. Außerdem sind wir beide in einem Alter in dem wir mittelfristig durchaus über eine Familie nachdenken und mit kleinen Kindern werden wir dann wohl auch andere Sorgen haben als einen Ego-Selbstverwirklichungstrip meinerseits.

    Und so machte ich mich an die Planung. Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit plante ich also eine Tour, bei der es absolut realistisch war, dass ich auch die Zeit habe sie zu machen. Ich stellte also eine Liste zusammen, welche Kriterien mir wichtig sind für meine Solo-Reise. Bei Planungsbeginn dachte ich noch, dass meine Reise Anfang September stattfinden sollte.
    Folgende Punkte standen ganz am Anfang auf meiner Liste:

    • Ich wollte durchgehend im Zelt schlafen
    • Die Tour sollte für mich als Frau solo unbedenklich sein
    • Nicht heiß
    • Zumindest teilweise vertrautes Gebiet
    • Möglichst kein blutsaugendes Getier (Mücken, Gelsen, Knots,…)

    Recht schnell war der Kungsleden im Gespräch. Dort war ich mit meiner Frau gemeinsam vor 4 Jahren und die Wanderung hat mich damals irgendwie mit einem unbefriedigten Gefühl zurück gelassen. Wir waren doch recht überfordert und ich hatte mit diesem Weg noch eine Rechnung offen. Für meine Frau war klar, dass sie sich das nicht nochmal antun will. Optimal eigentlich. Ich wollte das gewonnene Wissen der letzten Jahre anwenden und das überfordernde Erlebnis mit einem neuen überschreiben. Dann kamen die Brände und mit ihnen die Zweifel. Ich wurde unsicher, denn selbst wenn kein Feuer da war zu dem Zeitpunkt war es wohl entweder trocken oder verregnet. Ich begann meine Zweifel auch laut zu äußern und in den Gesprächen mit meiner Frau stellte sich heraus, dass ihr die Wahl des Kungsledens von Anfang an nicht so ganz geheuer war. Sie hätte mich lieber in einer gewohnteren Gegend gewusst, aber sie wollte mich nicht einschränken. Gleichzeitig zeigte sich immer stärker, dass eine Reise Mitte August viel besser zu unseren restlichen Sommerplänen passt. Das würde aber heißen, dass die Knots im Fjäll noch voll aktiv sind. Damit war für mich endgültig eine Entscheidung gefallen, denn ich hasse blutsaugende Insekten wirklich sehr. Die Anforderungsliste wurde also überarbeitet. Folgende Punkte kamen dazu:

    • Viele Möglichkeiten zum Nahrung Einkaufen
    • Problemlos jederzeit Ausstieg und Streckenkürzung möglich
    • Breites Angebot an Alternativen, falls ich doch nicht wandern kann oder will
    • Schlafen entweder ganz wild oder auf Campingplätzen

    Da ich ja in ein Gebiet wollte, das ich schon kenne kam schnell Schottland auf den Tisch. Dort waren wir letztes Jahr mit Auto und Zelt auf Hochzeitsreise. In Inverness waren wir fast 2 Wochen auf dem gleichen Campingplatz (Ardtower), der uns sehr gut gefallen hat. Diesen wollte ich jetzt als Anlaufstelle nutzen. Ich suchte also Touren die gut von Inverness aus machbar sind. Da ich keine Blutsauger treffen wollte war das Hochland schnell nicht mehr auf der Liste. Dann fand ich die Region rund um Moray. Der Moray Coast Trail gefiel mir gleich. Also nach Wanderführern geschaut. Es gab nur einen beim bösen großen A und der beschrieb eigentlich den Speyside Way, der Moray Coast Trail wurde aber als Nebentour erklärt. Bei meiner Recherche stieß ich außerdem auf den Moray Way, der eine Rundtour auf Teilen des Moray Coast Trails, dem Speysideway und dem Dava Way beschreibt. Mit meinem Reiseführer war das ganze Gebiet abgedeckt. Also ideal. In der Arbeit wurde es immer dichter durch meinen baldigen Abgang, dazwischen wurden auch noch Bewerbungsgespräche mit neuen Arbeitgebern geführt und daheim hatten wir eine Baustelle. Außerdem gab es in der engen Familie eine Hochzeit zu feiern. Normalerweise plane ich alles bis ins kleinste Detail, aber auf dieser Reise sollte das anders sein. Es fehlte schlicht und einfach die Vorbereitungszeit und so beschloss ich das gleich als Übung zu benutzen die Dinge mehr auf mich zukommen zu lassen. Ich hatte einen Wanderführer in dem alle möglichen Touren genau beschrieben standen. Ich checkte nochmal schnell, ob die Campingplätze die auf meiner Route eingezeichnet waren eh nicht inzwischen geschlossen wurden (das wird noch relevant…) und dann ging es eigentlich schon los. Der Grundplan war es erstmal nach Inverness zu fliegen und von dort mit dem Bus nach Forres zu fahren. Von dort startet der Moray Coast Trail. Ich wollte unbedingt möglichst viel Meer sehen und an der Küste gibt es viele Campingplätze in kurzem Abstand. So konnte nicht viel passieren, selbst wenn das Gepäck zu schwer war. Wann immer ich nicht mehr konnte oder wollte bestand die Möglichkeit nach Inverness zu fahren und gemütlichen Campingurlaub in vertrauter Umgebung zu machen.

    Kurz vor meiner Abreise wurde die Aufregung und die Angst davor was ich mir da vorgenommen habe immer größer. Ich führte noch ein Gespräch mit meiner Schwester, die in unserer Familie mit Abstand schon die abenteuerlichsten Reisen erlebt hat. Sie erklärte mir, sie würde sich das ja nicht trauen. In dem Moment kamen mir die Tränen, denn jetzt war ich wirklich beunruhigt. Sowas von der furchtlosen großen Schwester zu hören macht doch unsicher. Ich ging noch einmal in mich und checkte die Rahmenbedingungen der Reise in meinem Kopf:

    • Ich spreche die Landessprache
    • Ich kennen einen Ort zu dem ich fahren kann, von dem ich weiß, dass dort nette Menschen sind
    • Ich kenne mich in diesem Ort aus und weiß wo ich Dinge ersetzen kann, falls etwas abhanden kommt
    • Ich befinde mich nie weit weg der Zivilisation
    • Ich habe vermutlich überall Handyempfang
    • Ich gebe in der Früh bescheid wohin ich mich an diesem Tag bewegen werde
    • Ich kann jederzeit ein Rückflugticket buchen
    • Ich war ein halbes Jahr alleine auf Auslandsemester und das war zwar nicht schön, aber ich hab es trotzdem irgendwie gepackt
    • Wenn gar nichts mehr geht, dann habe ich mit meiner Frau ausgemacht, dass ich mein Zelt aufstelle, ihr sage wo ich bin und sie holt mich nach Hause

    Für all die furchtlosen Abenteurer da draußen mag das alles lächerlich klingen, aber für mich war es eine große Herausforderung mich auf diese Reise einzulassen.

    Am Vorabend der Abreise schlief ich unruhig ein…

  2. Fuchs
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    AW: [GB] 1 Lady's Walk - geplant ungeplant durch Moray

    #2
    Ah der Bericht, sehr schön. Hattest ja vorher nach der Verfügbarkeit von Gaskartuschen gefragt. Bin gespannt wie es geklappt hat. Inverness ist ja easy. Man kann ja sogar Kartuschen online ordern und abholen.

  3. Erfahren

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    AW: [GB] 1 Lady's Walk - geplant ungeplant durch Moray

    #3
    Hallo,
    ich kann Deine Gedanken gut nachvollziehen und bin gespannt, wie es Dir ergangen ist.
    Als
    Ego-Selbstverwirklichungstrip meinerseits.
    würde ich so eine Tour nicht bezeichnen. Ich zum Beispiel habe das Bedürfnis, regelmäßig draußen unterwegs zu sein, gern auch alleine. Wenn ich dem nicht nachgebe, werde ich unleidlich, das schadet allen Betroffenen. Also würde ich sagen, dieses Bedürfnis ist keine Selbstverwirklichung, sondern ein Teil meines Charakters und Wesens. Jedenfalls halte ich es nicht für egoistisch, so zu sein, wie ich bin.
    Herzliche Grüße
    Waldläuferin
    Es ist immer zu früh, um aufzugeben.

  4. AW: [GB] 1 Lady's Walk - geplant ungeplant durch Moray

    #4
    Da ich noch nicht wusste, ob es mir gefallen wird und ob es mir ein Bedürfnis ist, hätte ich persönlich es als egoistisch empfunden meine Frau mit der ganzen Arbeit die Kinder so machen allein zu lassen, nur um mal für ein paar Wochen zu schauen ob es mir überhaupt ein Bedürfnis ist Wenn ich weiß ich habe davon einen Mehrwert dann lässt sich das schon leichter argumentieren, also wollte ich das mit mir abklären so lange die Kinder noch nicht real sind

  5. AW: [GB] 1 Lady's Walk - geplant ungeplant durch Moray

    #5
    Sehr spannend - freu mich auf deinen Bericht! Da meine erste Solo-Zelt-Tour auch noch ausständig ist, bin ich schon gespannt auf deine Erfahrungen.

    Zu viel auf das Umfeld zu hören, ist oft ein Fehler. Vor allem die, die ganz anders reisen, haben immer die größten Bedenken. Wenn allerdings die abenteuerlustige Schwester Zweifel hat, kann einen das ganz schön zurückwerfen. Zum Glück hab ich keine Schwester

    Bitte bald weiterschreiben!!!

    Gruß, oesine

  6. AW: [GB] 1 Lady's Walk - geplant ungeplant durch Moray

    #6
    Tag 1 Anreise und Wanderung von Forres nach Findhorn Foundation (6,5 km)

    Sehr früh ging es los. Am Flughafen waren noch alle Geschäfte geschlossen. Im Flugzeug hatte ich zum ersten Mal richtig Zeit, um meinen Wanderführer zu lesen. Ich wusste, dass mein Umstieg in Amsterdam mit nur 40 Minuten kurz bemessen war und so war ich etwas nervös. Als der Flieger endlich in Amsterdam geparkt hatte, stand vor mir ein Mann im Gang, der offensichtlich höflich sein wollte und wirklich alle Leute die in den Reihen davor gesessen waren aussteigen ließ. Einige davon wühlten eine gefühlte Ewigkeit in den Staufächern. Ich wurde nervös, denn ich wusste ich musste vermutlich noch durch eine Passkontrolle. Endlich komm ich aus dem Flugzeug und renne zum Transferbereich. Die Schlangen bei der Kontrolle sind sehr lang und so entscheide ich mich für die Reihe, die mit „Short Connection“ markiert ist. Am Schalter sitzt eine junge Beamtin, die wohl nicht älter ist als ich. Ganz kühl erklärt sie mir ich möge mich nicht so hetzen, es ist ja eh genug Zeit.

    Als ich am Gate Richtung Inverness ankomme bin ich emotional irgendwie gerührt. Um mich rum haben plötzlich fast alle Mitreisenden Wanderschuhe und Trekkinghosen an. Ich erinnere mich an das gleiche Gefühl als wir nach Kiruna geflogen sind. Ich fühl mich plötzlich gar nicht allein und für einen kurzen Moment habe ich das Gefühl einmal nicht zu den komischen Leuten zu gehören, die so gar nicht sind wie die anderen in der Umgebung.

    Den Flug nach Inverness verschlafe ich fast komplett, denn nun fällt die Anspannung langsam ab. Jetzt kann ichs eh nicht mehr ändern. Unterbrochen wird mein fester Schlaf nur davon, dass ich mehrmals von meiner Sitznachbarin laut gefragt werde: „Are you sleeping?“ Irgendwann ist sie erfolgreich und ich lasse sie durch auf die Toilette.
    In Inverness angekommen müssen erstmal die Einreiseformalitäten geklärt werden. Ich sehe, dass andere Passagiere ein Formular ausfüllen und bin nicht sicher, ob ich das auch muss, also frage ich die zuständige Mitarbeiterin die die Fluggäste in zwei Reihen sortiert, eine ohne und eine mit extra Formular. Sie fragt woher ich komme und auf meine Antwort „Austria“ meint sie, na das ist ja nicht EU, also brauch ich ein Formular. Ich versichere mehrmals, dass wir sehr wohl in der EU sind. Für mich zeigt der Moment irgendwie wie wenig zugehörig sich die Briten zur EU fühlen, wenn nicht mal die Mitarbeiter am Einreiseschalter wissen wer dabei ist und wer nicht.



    Mein Gepäck kommt zum Glück mit dem Gepäckband angefahren und ich schaue auf die Uhr. Der frühe Bus wird sich wohl nicht mehr ausgehen. Ich gehe erstmal zum Geldautomaten und stelle fest, dass meine normale Bankomatkarte nicht erkannt wird. Zum Glück habe ich noch eine zweite mit. Von meinem ersten abgehobenen Geld kaufe ich noch am Flughafen ein kleines Büchlein als Reisetagebuch. Darauf hatte ich vergessen. Dann geht es vor das Gebäude und ich packe erstmal den Rucksack aus dem Flugsack aus und mache ihn wanderfertig. Mein Bus geht erst in 45 Minuten, ich habe gut Zeit. Kaum stehe ich fertig an der Haltstelle fängt es an zu tröpfeln, das verzieht sich allerdings wieder.



    Mein Plan ist es gleich einen Bus nach Osten zu nehmen und damit vorerst nicht nach Inverness zu fahren. Den Umstieg in Nairn möchte ich nutzen um eine Gaskartusche zu kaufen. Im Bus wird mir ein Tablet in die Hand gedrückt, ich möge doch bitte an einer Umfrage teilnehmen. Ich verbringe die Fahrt also damit meine Zufriedenheit der Busfahrt zu bewerten auf der ich mich gerade mal seit 10 Minuten befinde. In Nairn steige ich bei der Station Lochloy Road aus, denn die liegt genau vor einem Outdoorgeschäft. Vor einer Woche hatte ich per Facebook eine Anfrage gestellt, ob sie Schraubkartuschen führen, aber keine Antwort bekommen. Ich stelle fest, dass der Trespass und Bridgemill die ich als unterschiedliche Optionen wahrgenommen hatte ein Geschäft sind. Problemlos erstehe ich darin eine Gaskartusche. Die Zeit reicht auch noch für einen kurzen Besuch im kleinen COOP nebenan. Ich bin überfordert. Das Angebot ist zwar wirklich überschaubar, doch ich weiß, dass ich dazu neige viel zu viel zu kaufen. Normalerweise bremst mich meine Frau bei solchen Entscheidungen und ich bin etwas überfordert alleine ein sinnvolles Maß zu finden. Ich kaufe einen Kaokao und Schwarztee. Ich verzichte darauf Sandwiches oder ähnliches zu kaufen. Es ist schon Mittag und ich weiß, dass ich gerade dabei bin die falsche Entscheidung zu treffen aber ich bin zu erschöpft um mich damit zu beschäftigen. Hungrig kaufe ich entweder viel zu viel oder zu wenig ein. An diesem Tag ist definitiv zweiteres der Fall. Die Verkäuferin stellt viele interessierte Fragen und ist sehr lieb. Leider habe ich Schwierigkeiten sie zu verstehen. Ich hoffe das wird noch besser. In der Auslagenscheibe der Geschäfts schieße ich noch schnell ein halbanonymisiertes Selbstportrait.



    Als der Bus nach Forres an der Station ankommt nenne ich dem Fahrer die östlichste Station der Stadt, die ich vorher im Internet rausgesucht habe. Der Fahrer meint dort fährt er nicht hin, aber er lässt mich einfach an der letzten Haltestelle des Ortes raus. Ich sitz recht müde im Bus und irgendwann sind wir in der Innenstadt von Forres. Durch das Busfenster sehe ich eine Bäckerei die mir gefällt. Es tut mir irgendwie leid, dass ich erst hinter dem Ort aussteige. Wir stehen an der Station im Ortszentrum als der Busfahrer plötzlich meint ich soll hier aussteigen und in 20 Minuten den Bus nach Findhorn nehmen. Ich weiß, dass ich das eigentlich nicht will, da ich ja nach Findhorn gehen will und möglichst östlich aussteigen wollte, um die Strecke ein bisschen zu verkürzen. Ich bin zu perplex um mich zu wehren. Der Busfahrer drängt, er will weiter fahren. Ich beschließe, dass das ein Wink mit dem Schicksal ist und steige aus und gehe in Richtung der Bäckerei die ich gerade eben gesehen habe. Ich erstehe zwei Sandwiches, die ich im Bushäuschen verzehre. Eine alte Frau geht vorbei und bleibt stehen. Sie schaut mich ungläubig an und fragt, ob ich mit dem ganzen Gepäck da zu Fuß gehen werde. Ich bejahe und sie verbeugt sich vor mir bevor sie weitergeht.



    Die Strecke aus der Stadt führt an der Straße entlang. Sonne und Regen wechseln sich ab. Ich werde aus den Autos sehr viel angelächelt. Interessanterweise sind es meistens die Frauen, die mich ansprechen und Anerkennung oder Sympathie bekunden. Hin und wieder werde ich auch skeptisch und besorgt gefragt ob ich denn Erfahrung mit dem Wandern habe und weiß was ich da tue. Offensichtlich wirkt man als junge Frau mit viel Gepäck schnell mal sehr verloren.



    Nach einer sehr schönen erreignislosen Wanderung erreiche ich den Findhorn Bay Holiday Park. Ich checke ein und baue mein Zelt aus und schaue in den Shop, denn ich möchte schauen, ob ich dort eine Zahnbürste erstehen kann, die in meine Hygiene-Klickbox passt. Das Sortiment des Shops irritiert mich etwas. Es gibt Engelsspray und ganz viel für die Aura zu kaufen. Ich lese nochmal im Reiseführer nach und ich bin hier wohl an einem ganz speziellen Ort gelandet. Mir ist das alles definitiv zu esoterisch auch wenn mich die vielen naturnahen Häuser sehr ansprechen. Im Schaukasten lese ich ein Infoblatt zum Thema Medizin und weiß spätestens dann, dass das hier eindeutig kein Platz für mich ist.



    Am Abend halten mich die Kinder vom Nachbarzelt wach, die ungeniert ihren Hund um mein Zelt jagen und herumbrüllen. Ich stelle fest, dass ich ein bisschen einsam bin und das ziemlich verbittert macht. Irgendwann schlafe ich dann trotz des Lärms ein.


  7. Alter Hase
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    AW: [GB] 1 Lady's Walk - geplant ungeplant durch Moray

    #7
    Klingt spannend. Bitte schnell weiter schreiben!

  8. Alter Hase

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    AW: [GB] 1 Lady's Walk - geplant ungeplant durch Moray

    #8
    Ich hab das selbe gedacht wie die alte Frau

  9. AW: [GB] 1 Lady's Walk - geplant ungeplant durch Moray

    #9
    Tag 2 Findhorn Foundation – Hopeman (18,3km)

    In der Früh beschließe ich den Weg nicht an der Straße fortzusetzen sondern hinten durch das Gelände der Foundation parallel zur Straße zu gehen. Ich habe die verschiedenen Optionen gestern bei einem Abendspaziergang erkundet und bin zwar ein wenig unsicher wo der Weg genau hinführt, aber die Richtung sollte ungefähr stimmen. Ich wandere ewig durch die Dünen. Irgendwann komme ich auf eine schlecht asphaltierte Straße mitten durch eben diese. Die Strecke zieht sich und ich werde langsam nervös wohin ich da eigentlich gehe. In diesem Moment ärgere ich mich sehr, dass ich keinen Kompass mit habe. Aber ich weiß, dass ich zur Not einfach mein Handy aufdrehen könnte und per GPS binnen Minuten meinen Standort wüsste. Immer wieder sehe ich Häuser und die grobe Richtung zum Meer sollte auch stimmen.



    Nach einer gefühlten Ewigkeit stehe ich plötzlich auf einem Parkplatz am Meer. Ein großes Schild weißt darauf hin, dass hier das Parken über Nacht verboten ist. Alles ist vollgestellt mit teuren Wohnmobilen. Ich ärgere mich denn der Campingplatz ist ja gleich um die Ecke. Auf dem Parkplatz gibt es eine Karte und dort kann ich mich orientieren. Ich bin an Findhorn vorbei gegangen und direkt am vorderen Zipfel der Bucht gelandet. Ich bin froh wieder auf dem richtigen Weg zu sein. Leider wird das Gefühl der Orientierung nicht zu lange anhalten. Ich folge dem ersten offiziellen Schild des Moray Coast Trail dieser Reise.



    Wieder geht es in die Dünen. Es dauert keine 10 Minuten und ich habe den offiziellen Weg wieder verloren. Für mich sind das besonders frustrierende Momente. Ich bin sehr stolz auf meine Orientierungsfähigkeit und in meinen 10 Jahren bei den Pfadfindern habe ich immer gerne die Karte gelesen, aber diese Dünen sind für mich eine völlig neue Herausforderung die mir nicht zu liegen scheint. Es fällt mir sehr schwer aus den vielen Trampelpfaden den richtigen herauszusuchen. Auch der Kartenmaßstab im Wanderführer ist in diesen Momenten zu groß. Beruhigend ist die Gewissheit, dass ich nie sehr weit weg sein kann vom richtigen Weg, aber nicht zu wissen wo ich bin ist eine ungewohnte Situation für mich. Der falsch gewählte Pfad führt wieder vor ans Meer. Ich werfe den Rucksack in den Sand und sammel mich nochmal. Ich beschließe noch einmal zu versuchen den richtigen Pfad zu finden, ansonsten gehe ich am Strand weiter.

    Moralisch wieder gestärkt finde ich den richtigen Weg und verliere ihn für diesen Tag auch nicht mehr. Ich gehe durch eine Landschaft aus Büschen und Dünen und kleinen Bäumen. Nach einer Weile dreht der Weg und ich kann das Meer wieder sehen. Der Anblick ist wunderschön.



    Der Weg läuft nun zwischen einem Militärgelände und dem Strand auf einer Düne entlang. Am Beginn des Abschnitts ist ein Warnschild aufgestellt, das darauf hinweist, dass die Dünen unterspült sein können und deshalb manchmal abbrechen.



    Ich halte mich nahe am Zaun. Die Alternativroute am Strand klingt mit dem schweren Gepäck zu anstrengend. In den Dünen hatte ich sehr zu kämpfen mit dem Sand. Die Erkenntnis wie unglaublich angenehm man auf nassem festen Sand, gerade mit schwerem Gepäck, gehen kann ereilt mich noch nicht an diesem Tag. Hinter dem Zaun zum Militärgelände wechseln sich die wundersamsten Antennenanlagen ab. In meinem Reiseführer steht an diesem Strand war die Generalprobe für den D-Day. Das hier wäre ein großartiger Schauplatz für einen Detektiv-Roman. Eine irgendwie verstörende Kommune, direkt angrenzend an ein großes Militärgelände. Verschwörungstheoretiker finden hier sicher auch Stoff für ein ganzes Leben.



    Mit dem Zaun gemeinsam zieht der Weg in den Wald hinein. Die Strecke ist wirklich idyllisch. Bei einer kleinen Rast stelle ich fest, dass ich schon die Hälfte vom geplanten Tagespensum hinter mir habe. Ich bin froh, dass ich mich für so kurze Etappen entscheiden habe. Ziel der Reise war ja ein Erfolgserlebnis und keine Überforderung. Für alles ständig allein verantwortlich zu sein ist auch ohne komplette körperliche Überforderung anstrengend genug.

    Ich gehe weiter und wieder gibt es einige Stellen an denen ich den Kartenverlauf nicht eindeutig finde. Aber da ich immer wieder Wegweiser vom Moray Coast Trail sehe weiß ich, dass ich richtig bin. Ich weiß nur nicht wie weit. Ich werte das als Fortschritt. Sich auf die Kartenausschnitte aus dem Wanderführer zu verlassen war zu keinem Zeitpunkt auch nur irgendwie gefährlich, nur manchmal unbequem.

    Nach einer Pause im Wald zwickt zum ersten Mal die Hüfte. Das freut mich gar nicht. Schon bei früheren Wanderungen hat sich gezeigt, dass hier wohl meine Schwachstelle liegt. Aus der kurzen Pause wird eine lange und irgendwann fühle ich mich wieder fit genug. Als ich so durch den Wald marschiere denke ich darüber nach, dass man dies eigentlich als Reise zum Studienabschluss werten könnte. Die Abschlussarbeit liegt bei der finalen Bewertung und zu Hause wartet ein neuer Job, der auch nicht mehr an der Uni ist an der ich vorher gearbeitet habe. Ich muss dort nur noch hin um meine formale Abschlussprüfung anzumelden und später abzulegen. Erleichterung überfällt mich. Ich spaziere mit einem strahlenden Gesicht durch einen schottischen Wald und die Tränen laufen mir ungebremst über die Wangen. 9 Jahre voller Mühe. In weniger Wochen ist auch noch der zweite Master fertig und dann liegt dieser Lebensabschnitt vollends hinter mir. Ich versuche das Gefühl der Erleichterung und der Freude möglichst festzuhalten.



    Der letzte Abschnitt bis zum Campingplatz in Burghead zieht sich fürchterlich. Ständig geht es nochmal um die Kurve. Die Uhr sagt mir, dass ich erst 5 Minuten gegangen bin seit ich das letzte Mal danach geschaut habe. Irgendwann ist es dann doch geschafft und ich stehe vor einer verschlossenen Rezeption. Ein Schild klärt darüber auf, dass von 1 -2 Mittagspause ist. Es ist 10 nach 1. Ich lasse mich auf eine Bank neben der Rezeption fallen und warte. Der Wind pfeift mir gewaltig um die Ohren. Endlich erscheint eine Frau. Sie mustert mich kritisch und blafft mich dann an „NO TENTS!“. Sie erklärt mir, dass doch eh extra ein Schild an der Tür hängt, das das sagt. Auf der Tür ist kein Schild zu sehen. Als ich ihr das mitteile schnaubt sie mich an und schaut sich um. Triumphierend zeigt sie auf ein Schild, das mit der Schrift zum Boden hinter der Tür liegt. Aja… Sie zuckt mit den Schulter und erklärt mir ich müsse eben nach Hopeman gehen, die nehmen auch Zelte. Ich bin fix und fertig. Gerade hatte ich noch überlegt zwei Nächte zu buchen um meine Hüfte zu schonen und jetzt soll ich nochmal weiter.

    Eigentlich wollte ich an meinem Pausetag das Fort anschauen aber jetzt stapfe ich einfach nur auf kürzestem Weg durch Burghead. An einer hässlichen Fabrik vorbei führt der Weg aus dem Ort heraus. Schnell wird die Strecke sehr schön. Der Weg ist geteert und der Ausblick fein. Nur windig ist es.



    Nach ungefähr einer Stunde komme ich am Campingplatz in Hopeman an. Der Mann an der Rezeption ist sehr nett und er kann sehr gut deutsch. Ich buche zwei Nächte und bekomme einen großzügigen Rabatt für mein kleines Zelt. Dann werde ich von dem Herrn an der Rezeption in einem alten Auto zum hinteren Ende des Campingplatzes gefahren. Wir scherzen angesichts des Kofferraums voller Baustellendreck, ob mein Rucksack vom Auto dreckiger wird oder umgekehrt. Im hinteren, neu gemachten Bereich, gibt es ganz neue Waschräume in lustigen Zirkuswagen und sogar eine Hütte mit einer Küche. Ich fühle mich gleich wohl. Nur der Wind macht mir beim Zeltaufbau zu schaffen. Ich verbiege mir auch noch einen Hering. Der Mann von der Rezeption schaut noch einmal vorbei und meint, dass der Wind am Abend nochmal drehen wird und es wohl besser ist ich versetze das Zelt nochmal, denn er könnte durchaus auch noch auffrischen.



    Nachdem das Zelt nun wirklich aufgebaut ist spaziere ich zum kleinen Supermarkt des Ortes und kaufe mir Sandwiches und ein Joghurt mit Toffee und Fudgestückchen (MJAM!). Die Campingküche ist wirklich schöne. Und so sitz ich da mit meinem Tee und Snacks und schaue windgeschützt aufs Meer.



    Später folgt noch eine schöne heiße Dusche. Ich wasche auf gleich noch meine Hose ein wenig aus und hänge sie auf der Terasse der Campingküche zum Trocknen auf. Glücklick sitze ich in der Abendsonne und schaue zu wie die Hosenbeine im Wind schlackern. Später färbt sich der Himmel romantisch und die Wolken verformen sich zu einem Herz. Ich schau ungläubig zu und schieße ein Foto für meine Frau. Ich fühle eine tiefe Ruhe und Entspannung.

    Geändert von steliflo (10.09.2018 um 10:38 Uhr)

  10. AW: [GB] 1 Lady's Walk - geplant ungeplant durch Moray

    #10
    Zitat Zitat von mitreisender Beitrag anzeigen
    Ich hab das selbe gedacht wie die alte Frau
    Naja also es waren 16 kg. Definitiv nicht optimal, aber ich würde sagen schaffbar

  11. Alter Hase
    Avatar von anja13
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    AW: [GB] 1 Lady's Walk - geplant ungeplant durch Moray

    #11
    Zitat Zitat von steliflo Beitrag anzeigen
    Für alles ständig allein verantwortlich zu sein ist auch ohne komplette körperliche Überforderung anstrengend genug.
    Auch spannend, wie unterschiedlich das empfunden wird - ich habe bei meiner ersten Solowanderung genau das Gegenteil gefühlt. Ich fand es bei aller Aufregung eher entspannend mal nur für mich verantwortlich zu sein.

    Schöne Bilder übrigens, da war ich noch nicht :-)

  12. AW: [GB] 1 Lady's Walk - geplant ungeplant durch Moray

    #12
    Zitat Zitat von anja13 Beitrag anzeigen
    Auch spannend, wie unterschiedlich das empfunden wird - ich habe bei meiner ersten Solowanderung genau das Gegenteil gefühlt. Ich fand es bei aller Aufregung eher entspannend mal nur für mich verantwortlich zu sein.

    Schöne Bilder übrigens, da war ich noch nicht :-)
    Ja stimmt es gab auch Momente in denen ich sehr froh war nur für mich selbst verantwortlich zu sein. Zum Beispiel als ich mich richtig schlimm verlaufen hab (es kamen noch mehr Dünen entlang des Weges )
    Aber vor allem wenn ich müde, hungrig und erschöpft war, hätte ich mir manchmal meine Frau zu mir gewünscht, die einfach entscheidet wie wir die Dinge am besten angehen.

  13. Alter Hase
    Avatar von anja13
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    AW: [GB] 1 Lady's Walk - geplant ungeplant durch Moray

    #13
    OT:
    Zitat Zitat von steliflo Beitrag anzeigen
    Aber vor allem wenn ich müde, hungrig und erschöpft war, hätte ich mir manchmal meine Frau zu mir gewünscht, die einfach entscheidet wie wir die Dinge am besten angehen.
    Wenn mein Mann und ich müde, hungrig und so sind, ist generell schlechte Stimmung und wir können uns nur schwer einigen ... aber den kannte ich da noch nicht

  14. AW: [GB] 1 Lady's Walk - geplant ungeplant durch Moray

    #14
    Nacht von Tag 2 auf Tag 3

    Der Platzwart vom Campingplatz hatte beim Zeltaufbau schon angedeutet, dass in der Nacht mit Wind zu rechnen sei. Auf das was dann kam war ich aber angesichts seiner lockeren Bemerkung nebenbei nicht wirklich vorbereitet. Eine so stürmische Nacht im Zelt hab ich noch nie erlebt. Zugegeben, ich bin vermutlich nicht so viel draußen wie andere, aber über 50 Zeltnächte habe ich zum Vergleich. Das Zelt knarzt bedrohlich unter der Belastung. Ich flüster ihm und mir Mut zu und erinnere es daran, dass es Norweger ist und deshalb hoffentlich auf solche Situationen vorbereitet. Ich denke an das Youtube-Video zurück, das ich vor dem Kauf des Zeltes gesehen habe, von einem Norweger der darin in einem wirklich schlimmen Sturm sitzt. Noch ein bisschen schlimmer als der hier gerade. Ich bin sehr froh, dass ich das ganze Zelt nochmal gedreht habe, nachdem mir der Platzwart am Nachmittag gesagt hat, dass der Wind seine Richtung in der Nacht ändern wird.

    Ich versuche mich zu beruhigen. Rein nüchtern betrachtet kann mir nichts passieren. Der schlimmste Fall ist wohl, dass das Zelt kaputt geht und selbst dann bin ich nicht in Gefahr. Die Kochenhütte ist für den Akutfall nicht weit weg und ich bin nur eine Halbtages-Busreise von Inverness entfernt und dort gibt es viele neue Zelte. Das wäre schlecht fürs Budet, aber nicht lebensgefährlich. Ich wollte eine Bewährungsprobe und ich bekomme sie. Ich liege im dunklen eingemummelt in meinen Schlafsack und krame das Handy hervor um die Wettervorhersage zu checken. Da steht es wird morgen Vormittag noch schlimmer. Darauf habe ich an einem Ruhetag wirklich absolut keine Lust. Ich suche auch noch die Busverbindungen nach Inverness im Internet und notiere sie in mein Büchlein. Erleichtert stelle ich fest, dass es problemlos möglich ist von diesem Ort nach Inverness zu kommen, gleich in der Früh gehen 2 Busse. Ich versuche irgendwie in einer Windpause einzuschlafen. Mein Magen-Darm-Trakt meldet sich ungemütlich. Ich kenne das als Zeichen von Aufregung und beschließe mit Gelassenheit zu reagieren. Das hilft zum Glück.

    Mein Handyakku wird immer leerer. Ich hatte fix damit gerechnet, dass ich es morgen an meinem Pausetag aufladen kann. Es bleibt mir nichts anderes übrig als die Ablenkung durch das Handy einzustellen und es abzudrehen. Gegen 1 Uhr schlafe ich dann doch noch ein. Dazwischen wache ich auf und fange an Zeitpläne zu wälzen. Bei all dem Nachrechnen stelle ich fest, dass ich 13 Tage von daheim weg bin und nicht 12 wie ich dachte. Ich hatte mich ursprünglich verrechnet. Das bedeutet noch eine Nacht mehr ohne meine liebe Frau an meiner Seite. Was hab ich mir da eingebrockt? Es überkommt mich schlimmes Heimweh und ich tröste mich und meinen knurrenden Magen mit einem kleinen Snack.
    Geändert von steliflo (26.09.2018 um 23:56 Uhr)

  15. AW: [GB] 1 Lady's Walk - geplant ungeplant durch Moray

    #15
    Tag 3 Hopeman – Silver Sands (7,5 km)



    Um 5 bin ich wieder wach und beginne meine Sachen zu packen. Die Vorhersage hatte ein kurzes Abflauen des Windes in der Früh versprochen und ich will vorbereitet sein. Der Wind hält eine kurze Pause für keine gute Idee und pfeift einfach mal drauf. Ich setze mich in die Küche, trinke Tee und warte erstmal ab, ob es nicht doch ruhiger wird. Nachdem das gegen 7 immer noch nicht der Fall ist nehme ich meinen Mut zusammen und frage einen entfernten Zeltnachbar, der auch schon auf ist, ob er mir helfen kann. Zu zweit schaffen wir es gut das Zelt abzubauen. In der Küche lege ich es zusammen und trinke den Rest von meinem Tee. Ich spüre meinen Optimismus zurück kommen.

    Ich weiß, dass ich auf jeden Fall nicht hier bleiben möchte. Der Campingplatz steht völlig schutzlos an der Küste und ich habe keine Lust auf einen Erholungstag bei dem ich ständig Sorge haben muss, dass das Zelt zusammen kracht. Ich möchte in der Rezeption Bescheid geben, dass sich meine Pläne ändern, doch das Schild an der Tür informiert, dass diese erst um halb 10 öffnet. Ich hatte gleich bei meiner Ankunft für 2 Nächte bezahlt, netterweise aber mit einem sehr großzügigen Rabatt. So beschließe ich, dass ich nicht warten werde. Ich stecke einen Zettel durch die Tür, dass ich doch schon weiter ziehe damit sich niemand Sorgen um mich macht, dann mache ich mich auf den Weg.

    Am Weg weg von der Rezeption werde ich wieder mutiger. Ich gehe auf das Schild der Busstation zu, merke aber, wie mein Blick immer wieder zum Schild gleich auf der anderen Straßenseite pendelt. Es zeigt die weitere Marschrichtung des Moray Coast Trails an. Ich mag die Flinte nicht leichtfertig ins Korn werfen. Ich habe mir vorher sorgfältig überlegt welche Belastung ich schaffen kann und ich kann ja nicht bei der ersten kleinen Belastung aufgeben. In meinem Kopf gehe ich die Fakten durch. Das Zelt scheint die Nacht gut überstanden zu haben, zumindest konnte ich beim Abbauen keine Schäden erkennen. Ich habe die Hoffnung, dass der Campingplatz von Lossiemouth windgeschützter liegt, denn er ist groß und liegt laut Karte nicht ganz an der Küste. Außerdem ist der Weg nicht wirklich weit und es gibt in Lossiemouth wieder eine Busstation von der ich zurück nach Inverness kann. Die Entscheidung ist gefallen. Wie ferngesteuert gehe ich an der Busstation vorbei und folge dem Weg Richtung Osten.



    Mit meinem allerletzten Rest Handyakku gebe ich daheim Bescheid, dass sich meine Pläne doch nochmal geändert haben. In der Nacht hatte ich noch vermeldet, dass ich nach Inverness fahre. In diesem Moment bin ich sehr froh allein unterwegs zu sein, denn meine Frau kann meine spontanen Planänderungen nicht sonderlich leiden. Vor allem nicht, wenn die Entscheidung schon Stunden gefallen ist und ich dann in allerletzter Minute doch alles ganz anders mache.

    Es ist halb 8 als ich los gehe und was folgt ist einer der schönsten Abschnitte der ganzen Reise. Ich komme aus dem Staunen nicht mehr heraus und bin sehr froh über meine Entscheidung. An manchen Abschnitten ist, wie vorhergesagt, sehr windig. Ich überlege mir genau in welche Richtung ich gefahrlos fallen kann falls ich stolpere und versuche mich beim Gehen schon ein bisschen in diese zu lehnen. Ich erkenne an mir einen ziemlichen Ehrgeiz es wieder heil nach Hause zu schaffen, denn ich fände es schon ziemlich unfair meiner Frau gegenüber, wenn ich mich hier allein die Klippen runter wehen lasse.






    Die Landschaft ist fantastisch. In einer wunderschönen Bucht sehe ich in Zelt stehen. Vielleicht sind es ja die zwei Deutschen? Der wunderschöne Streckenabschnitt ist gerade lang genug, dass ich ihn auch mit den geschundenen Knochen genießen kann.











    Schon um 10 erreiche ich den Campingplatz. Er ist sehr groß und so frage ich erstmal einen Mann wo die Rezeption ist. Er fragt besorgt ob es mir gut gehe, er sagt ich schaue so erschöpft aus. Er lädt mich zu einem Getränk in seinen Wohnwagen ein, doch ich schlage aus. Ich will lieber erstmal einchecken und mein Zeug los werden. An der Rezeption werde ich sehr freundlich empfangen. Die netten Damen schließen auch gleich mein Handy für mich an die Steckdose. Sie sind nichtmal irritiert, dass ich schon um 10 einchecke. Sie wollen nur genau wissen was ich mit dem großen Rucksack mache und wie es mir geht. Ich fühle mich gleich gut aufgehoben. Der Campingplatz bietet das volle britische Programm. Es gibt ein Cafe, ein Restaurant, einen kleinen Supermarkt, einen Pool und noch mehr. Abends öffnet außerdem noch eine Fish and Chips Bude.

    Der Sturm ist noch schlimmer als in Hopeman. Ich baue das Zelt auf und werfe den Rucksack hinein. Ich bin müde und mag mir gerade einfach keine Sorgen machen, deshalb beschließe ich jetzt erstmal das Kaloriendefizit der letzten Tage auszugleichen. Wenn ich satt wieder komme werde ich ja sehen, ob das Zelt noch steht.



    Am Weg zum Restaurant buche ich mir auch gleich noch eine Stunde im Schwimmbad für 1 Uhr. Das wird der schmerzenden Hüfte gut tun außerdem ist es auch geruchstechnisch eine gute Idee. Ich dusche war jeden Tag, trotzdem rieche ich langsam wie ein Iltis.

    Um 12 hole ich meine Schwimmsachen aus dem Zelt und kann kaum hinschauen so schlimm wird es durchgebeutelt. Vereinzelt haben die Zelte auf dem Platz schon resigniert und sich dem Wind gebeugt. Ich erkenne allerdings vor allem sehr günstige und/oder schlecht abgespannte Zelte. Mein Handy lädt noch in der Rezeption, deswegen kann ich nicht nachschauen wann der Wind abflauen soll. Ich setze mich außer Blickweite des Zeltes. Kaum kann ich es nicht mehr sehen fühlt sich der Sturm schon weitaus weniger bedrohlich an. Prinzipiell habe ich ja eigentlich kein Problem mit Wind, nur dann wenn er versucht mein Zelt zu zerlegen ist es mir zuwider. Ich versuche mir wieder vor Augen zu führen, dass ich keiner wirklichen Bedrohung ausgesetzt bin. In dem Moment bin ich sehr froh, dass ich mich doch gegen den Kungsleden allein entschieden habe.

    Das Schwimmbad hat seine besseren Zeiten schon hinter sich und beim Rückenschwimmen entdecke ich Sachen an der Decke, die ich lieber nicht gesehen hätte. Wenigstens der schmerzenden Hüfte gefällts. Im Restaurant esse ich einen sehr guten Hot Dog mit vielen Beilagen. Am Nachmittag wälze ich wieder Pläne. Während ich mir in der Nacht davor die Zeit im Sturm vertrieben habe, habe ich festgestellt, dass es in Spey Bay aktuell wohl doch einen Campingplatz gibt. In meinem Reiseführer stand mehrmals, dass man beachten soll, dass der zwar in der Karte steht, aber geschlossen ist. Durch Zufall hatte ich dann online gesehen, dass es wohl doch einen Platz gibt. Das heißt es ist möglich den Moray Coast Trail durchgehend mit Campingplätzen zu bestreiten. Die Etappe bis Spey Bay ist mit 22km allerdings mit Abstand die längste und ich habe im Schwimmbad große Blasen an meinen Füßen entdeckt.

    Am Nachmittag will ich mich nur kurz hinlegen um mich auszuruhen und schlafe sofort ein. Ich wache noch einmal kurz durch wildes Ballspielen rund ums Zelt auf. Ich beschieße daran zu arbeiten nicht verbittert alt zu werden und beschwere mich nicht, obwohl der Ball das Zelt zweimal trifft. Kurz darauf stürzt ein ganzes Kleinkind auf das Zelt und die kleine Hand schlägt samt Innen- und Außenzelt neben meinem Kopf auf. Wohl nicht so freundlich wie ich gerne wollte rufe ich aus dem Zelt, dass mein Wanderurlaub vorbei ist, wenn mein Zelt kaputt ist. Ich ärgere mich vor allem über die Eltern, denn der Zweijährige versteht noch nicht, dass es nicht so nett ist so mit den Dingen anderer Leute umzugehen. Erst mitten in der Nacht werde ich wieder wach und beschließe keinen Wecker zu stellen. Mein Körper soll selbst entscheiden wie der nächste Tag weiter geht. Je nachdem wann ich aufwache ist die lange Etappe gut zu schaffen oder ich hole den geplanten Pausetag nach.
    Geändert von steliflo (26.09.2018 um 23:57 Uhr)

  16. Erfahren
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    AW: [GB] 1 Lady's Walk - geplant ungeplant durch Moray

    #16
    Zitat Zitat von steliflo Beitrag anzeigen
    ... Findhorn Bay Holiday Park... an einem ganz speziellen Ort gelandet... esoterisch...
    Hehe, habe unlängst in Fort Augustus (in der Morag's Lodge) einen Radler aus Südengland (Exeter, wenn ich micht erinnere), der war auf einer Tour von Oban just zu dieser Findhorn Foundation. Das wollte er sich mal angucken und da irgendwie eine Zeitlang arbeiten. Alter so in den 60ern.

    Da ich das hier gelesen hatte, konnte ich sagen, "ah, okay, davon habe ich schon mal gehört"

  17. AW: [GB] 1 Lady's Walk - geplant ungeplant durch Moray

    #17
    Tag 4 Pause

    Ich wache von den Geräuschen spielender Kinder auf. Mir ist sofort klar, dass es schon eher spät sein muss. Auf den schottischen Campingplätzen geht erst ab ca 9 Uhr oder 10 Uhr Betriebsamkeit los, das ist uns schon im letzten Urlaub als starker Kontrast zu den Plätzen in Deutschland aufgefallen. Der Blick auf die Uhr bestätigt, dass es schon 9 Uhr ist. Das heißt ich habe weit über 12h geschlafen. Für eine lange Etappe ist es nun eigentlich zu spät und außerdem tut mir alles weh. Der Wetterbericht sagt, dass es ab Dienstag wieder windig wird. Aber wer weiß, ob ich die lange Etappe überhaupt schaffe. Falls ich unterwegs abbrechen und zurück nach Inverness fahren würde, würde das heißen ich hatte gar keinen ruhigen Tag am Meer in diesem Urlaub. Damit ist es entschieden. Ich bleibe bei diesem traumhaften Wetter heute hier und genieße einen Erholungstag mit gutem Wetter.

    Erstmal möchte ich die Zeit nutzen um mein Zelt ein bisschen zu putzen. Nach dem Sturm vom Vortag schaut es aus wie ein paniertes Schnitzel. Der Sand klebt überall. Wenn ich es morgen einpacke möchte ich gerne vermeiden, dass ich den halben Strand mitnehmen. Ich habe Sorge, dass die Schichten mit dem daran klebenden Sand im Packsack aneinander reiben und dadurch der Stoff beschädigt wird. Ich kaufe dafür einen englischen Geschirrspülfetzen im Supermarkt. Diese sind sehr grob gewebt und dadurch sollte der Sand gut abwischbar sein ohne das Zelt zu zerkratzen. Zugegeben das war mir zu dem Zeitpunkt nicht gewusst. Ich hab es nachher nachgelesen und, dass ich gerade so einen Fetzen ausgesucht hab war pures Glück.

    Nachdem das Zelt sauber ist überkommt mich das Bedürfnis es gleich einzupacken bevor es wieder dreckig wird. Doch es siegt die Vernunft. Ich habe mir schon einige Touren damit versaut, dass ich in den falschen Momenten durchgedrückt hab anstatt auf meinen Körper zu hören. Also gehe ich zur Rezeption und buche noch eine Nacht.

    Ich verbringe den Tag sehr gemütlich. Im Cafe fülle ich mein Kaloriendefizit wieder auf. Am Strand genieße ich die Sonne und in der Rezeption borge ich mir ein Buch aus. Dazwischen telefoniere ich noch 1,5h mit der daheimgebliebenen Gattin. Mir fällt auf, dass viele Leute (ich würde sagen ca 5% auf dem Platz) immer wieder sehr schlimme Hustenanfälle haben. Die Gattin (Ärztin) und ich einigen uns auf die Verdachtsdiagnose Keuchhusten. Dagegen bin ich geimpft. Die Recherche daheim zeigt, dass Keuchhustenfälle in UK seit 2012 wieder stark im Steigen sind.

    Der entspannte Tag tut mir gut. Ganz überzeugt bin ich aber immer noch nicht von der langen Etappe am nächsten Tag.










    Das ist übrigens das KLEINE Frühstück

  18. AW: [GB] 1 Lady's Walk - geplant ungeplant durch Moray

    #18
    Zitat Zitat von Ljungdalen Beitrag anzeigen
    Hehe, habe unlängst in Fort Augustus (in der Morag's Lodge) einen Radler aus Südengland (Exeter, wenn ich micht erinnere), der war auf einer Tour von Oban just zu dieser Findhorn Foundation. Das wollte er sich mal angucken und da irgendwie eine Zeitlang arbeiten. Alter so in den 60ern.

    Da ich das hier gelesen hatte, konnte ich sagen, "ah, okay, davon habe ich schon mal gehört"
    Ich hab meinen Eltern von der Kommune erzählt ohne einen Ort zu sagen und sie meinten gleich: Du meinst aber nicht die Findhorn Foundation, oder?

    Da gab es wohl mal ein sehr bekanntes Buch zu Hippie-Zeiten.

  19. Erfahren
    Avatar von Ljungdalen
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    AW: [GB] 1 Lady's Walk - geplant ungeplant durch Moray

    #19
    (Findhorn)
    Zitat Zitat von steliflo Beitrag anzeigen
    Ich hab meinen Eltern von der Kommune erzählt ohne einen Ort zu sagen und sie meinten gleich: Du meinst aber nicht die Findhorn Foundation, oder?

    Da gab es wohl mal ein sehr bekanntes Buch zu Hippie-Zeiten.
    Nicht nur eins, siehe Wikipedia...

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    AW: [GB] 1 Lady's Walk - geplant ungeplant durch Moray

    #20
    Bei dieser Findhorn Foundation war ich letztes Jahr auch mal (Schlechtwettertag)...
    Die ganze Kiste ist sehr touristisch, da sind haufenweise Leute unterwegs, aber eben Touris und keine Hippies. Das Cafe ist ganz nett, hat aber mit Hippie auch nicht viel zu tun. Und die Häuser welche da zum Verkauf stehen sind zwar nett anzusehen, aber auch sauteuer, so ab ner halben Million aufwärts. Da rollt richtig der Rubel...
    Fazit: kann man sich sparen

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