[ES] GR 223 – Menorca-Umrundung auf dem Camí de Cavalls

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  • walu
    Gerne im Forum
    • 22.01.2014
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    • Meine Reisen

    [ES] GR 223 – Menorca-Umrundung auf dem Camí de Cavalls

    Tourentyp
    Lat
    Lon
    Mitreisende
    Hallo zusammen,

    jetzt gibt es auch einen Wanderbericht von mir.
    Menorca ist ja bisher im Forum kaum vertreten. Außer Werners Bericht von der Südseite habe ich nichts gefunden.

    Nun also eine komplette Umrundung, wenn auch nur die Weichei-Variante mit festen Übernachtungen und logistischer Unterstützung

    Wolfgang
    Zuletzt geändert von walu; 16.01.2015, 15:25.

  • walu
    Gerne im Forum
    • 22.01.2014
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    • Meine Reisen

    #2
    AW: [ES] GR 223 – Menorca-Umrundung auf dem Camí de Cavalls

    GR 223 – Menorca-Umrundung auf dem Camí de Cavalls

    Tag 1 - 2.10.2014: (Maó-) Sa Mesquida – Cap Favàritx

    15 km, 500 Hm.

    Das muss er sein, der junge Mann mit dem strahlenden Lächeln. Lässig lehnt er an einer Säule in der Empfangshalle des Flughafens Maó.
    „Wolfgang? My name is Dídac. Welcome to Menorca!“
    Wir schütteln uns die Hände und laufen plaudernd zu seinem Van. Ich brauche jetzt erst mal einen starken Kaffee, bin schließlich seit zwei Uhr auf den Beinen. Verrückte Flugzeiten!

    Im Industriegebiet von Maó finden wir ein Café, das jetzt, um 7:20 Uhr, schon geöffnet hat. An der Bar drängeln Arbeiter und diskutieren wild durcheinander. Ich lasse Dídac bestellen und setze mich draußen an den letzten freien Tisch.
    Wenig später liegt ein halbes Baguette auf meinem Teller, üppig belegt mit Omelett und Käse, dazu ein Café Cortado.
    Dídac erzählt vom Camí de Cavalls, dem Weg, den ich in den nächsten Tagen gehen will.
    Erst 2010 wurde er als GR 223 offiziell eröffnet und in das Netz der europäischen Fernwanderwege aufgenommen. Dabei gibt es bereits eine Karte aus dem Jahr 1781, in der der Verlauf des Küstenweges eingezeichnet ist. Wahrscheinlich ist er jedoch noch viel älter. Früher wurde er zu Verteidigungszwecken genutzt. Er verband die Wachtürme, die zum Teil heute noch stehen.

    Eigentlich weiß ich das alles schon, denn, wie immer, hatte ich anfangs versucht, meine Wanderung selbst zu organisieren. Schnell musste ich jedoch feststellen, dass eine Streckenwanderung auf dem Camí de Cavalls (CdC) nicht so einfach ist. Mehrere Etappen enden an Orten, wo es weder eine Übernachtungsmöglichkeit noch öffentlichen Nahverkehr gibt. Man muss sich abends abholen und morgens wieder hinbringen lassen. Und einem Taxifahrer, der bestenfalls schlechtes Englisch spricht, am Telefon zu erklären, dass man mitten in der Pampa abgeholt werden will, war mir nicht geheuer.
    Da stieß ich in den Tiefen des Internets auf ein kleines menorquinisches Unternehmen, das sich genau darauf spezialisiert hat. Sie übernehmen die Logistik einer Wanderung auf dem CdC, stellen sich flexibel auf persönliche Wünsche ein. Sie haben Sonderkonditionen mit Hotels, die sonst nur Badegäste für mehrere Tage aufnehmen. Sogar Gepäcktransport ist möglich - was für mich natürlich nicht infrage kommt. Irgendwas muss ich ja auch selbst machen!

    So, ich bin satt. Es kann losgehen.
    Dídac will mich nach Sa Mesquida fahren. Hm, gleich am Anfang schummeln? Der CdC beginnt doch in Maó. Aber die ersten sechs Kilometer verlaufen auf der Straße ohne Seitenstreifen. Sehr unangenehm, meint Dídac.
    Na gut, in Anbetracht meines Schlafdefizits vielleicht keine schlechte Idee.

    Wenig später stehen wir bei strahlendem Sonnenschein auf dem Parkplatz hinter Sa Mesquida. Wir vereinbaren, dass Dídac mich um 16:00 Uhr beim Cap Favàritx abholt. Viel Zeit für die kurze Strecke, aber für den ersten Tag okay.

    Ich verstaue Jacke und Fleecepulli ganz unten im Rucksack, mache ein Start-Selfie und marschiere los. Nach wenigen Metern Asphalt geht es über einen Holzbohlensteg, dann auf einen kleinen Hügel und zum ersten einsamen Strand. Ich setze mich auf einen Stein und versuche, „die Seele ankommen zu lassen“. Herrlich, neun Wandertage liegen vor mir! Jetzt müsste man die Zeit anhalten oder wenigstens verlangsamen können.





    Etappe 01, Markierungspfosten 002




    Gleich nach dem Strand präsentiert sich der CdC so wie es in den nächsten neun Tagen mehr oder weniger bleiben wird: Auf schmalen Pfaden geht es hoch, runter, hoch, runter. Der höchste Punkt des Weges liegt zwar nur bei 140 Metern, insgesamt bringt es der CdC jedoch auf über 4000 Höhenmeter.









    Der Weg wendet sich ins Landesinnere und ich erreiche die Straße nach Es Grau. Eine kleine Schlange verschwindet im Gebüsch.
    Nach zehn Minuten geht es nach links in den Naturpark s’Albufera des Grau. Abseits des CdC liegt ein toller Aussichtspunkt mit Blick auf die 70 ha große Lagune, laut Conrad Stein Führer eines der wichtigsten Feuchtgebiete des Mittelmeers und Rastplatz für Zugvögel. Von fern grüßt der höchste Berg Menorcas, der Monte Toro mit stolzen 357 Metern.
    Ich finde einen Sitzplatz im Schatten und lege eine längere Pause ein.


    Lagune im Naturpark s’Albufera des Grau. Rechts ganz hinten der Monte Toro

    Weiter geht es durch ein kleines Kiefernwäldchen, danach wieder Strände, Hügel…
    Der „Torre de Rambla“ kommt in Sicht, ein Wachturm aus dem 18. Jahrhundert. Weit dahinter sieht man bereits den Leuchtturm am Cap Favàritx.






    Jetzt macht sich der Schlafmangel doch bemerkbar. Durchgeschwitzt bin ich schon lange. Die Luftfeuchtigkeit ist enorm.
    Oberhalb des Wegs finde ich einen kleinen Baum, der genug Schatten wirft, um sich darunter auszubreiten. Im Nu bin ich eingedöst und werde erst von einem englischen Großtrupp aufgeschreckt, der unten vorbeiwandert. Alle haben die gleichen weißen Hüte auf.

    Nach etwa zwei Stunden wird es Zeit aufzubrechen. Hinter einer weiteren Lagune erreiche ich schließlich das Cap Favàritx, die „Nordostecke“ Menorcas. Außer dem markanten Leuchtturm ist hier nichts.


    Kleine Lagune Bassa de Morella




    Pünktlich um vier kommt Dídac angefahren und bringt mich zurück nach Maó, wo ich die Nacht im Hostal verbringen werde.

    Abends schlendere ich erst durch die wuselige Oberstadt, gehe dann die Treppen hinunter zum Hafen, wo es unzählige Restaurants gibt. Es ist 19:30 Uhr. Überall sind die Tische gedeckt aber nirgendwo sitzt jemand. Auch nicht im „Es Port“, das Dídac mir empfohlen hatte. Ich laufe die ganze Promenade entlang, will mich nicht als Einziger irgendwo reinsetzen. Als ich kaum noch laufen kann sehe ich vier Russen in einem Lokal. Da gehe ich hinein.

    Naja, satt bin ich geworden, aber der Schwertfisch war keine Offenbarung. Mittlerweile ist es 21:30 Uhr. In den meisten Restaurants herrscht immer noch gähnende Leere. Lediglich das „Es Port“ ist bis auf den letzten Platz besetzt.

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    • walu
      Gerne im Forum
      • 22.01.2014
      • 76

      • Meine Reisen

      #3
      AW: [ES] GR 223 – Menorca-Umrundung auf dem Camí de Cavalls

      Tag 2 - 3.10.2014: Cap Favàritx – Ses Salines
      23 km, 380 Hm.

      Beim Verlassen des Hostals kommt mir Dídac schon entgegen. Seine gute Laune ist so erfrischend!
      Er will sich noch kurz mit einer „anderen Gruppe“ treffen, die heute die Wanderung beginnt.
      In der Zwischenzeit kaufe ich Pfirsiche, Pizza und Wasser im alten Kreuzgang, wo jetzt der Markt von Maó abgehalten wird.
      Kurz darauf treffe ich die „andere Gruppe“ an Dídacs Van. Sie stellt sich als ein Paar aus Deutschland heraus, das ich bereits beim Frühstück gesehen hatte: Susanne und Christian. Sie wollen den CdC in zehn Tagen laufen, sind somit immer einen Tag hinter mir.

      Wir fahren alle zusammen nach Sa Mesquida und setzen die beiden dort ab. Dann bringt Dídac mich zu der Stelle, wo ich gestern aufgehört habe.
      Abgesehen von der Schwüle herrscht auch heute wieder bestes Wetter und ich schreite beherzt aus. Zunächst geht es ins Landesinnere durch eine herrliche offene Landschaft.









      Nach einem Abstecher zur Cala Caldes folgen längere Waldpassagen, bis ich die ehemaligen Salinen erreiche.





      Der CdC führt durch die ehemaligen Salinen

      Kurz darauf wird es unangenehm. Zuerst die gerade noch erträgliche Feriensiedlung Port d’Addaia und nach einem längeren Straßenstück das hässliche Arenal d’en Castell mit riesigen Bettenburgen und Vergnügungsparks. Bloß schnell weg hier!
      Aber ich habe Hunger, bin erschöpft und müsste Mittagspause machen. Zudem wird es sehr windig und der Himmel hinter mir bedrohlich dunkel.
      Ich bin fast soweit mich in ein Buswartehäuschen zu setzen, als 100 Meter weiter ein Laubsauger sein Lärmfoltergerät anwirft.
      Also doch weiter! Man hört den Krach noch bis weit hinter Arenal.
      Hier führt ein Fußpfad zur nächsten Feriensiedlung Son Parc, allerdings ohne jeden Wind- oder Wetterschutz. Egal, ich muss jetzt Pause machen!
      Ich kauere mich auf den Boden. Mit Arenal im Rücken hat man eigentlich einen schönen Blick aufs Meer. Der Himmel ist weiterhin dunkel, es bleibt aber trocken.


      Arenal und dunkle Wolken im Rücken...

      Jetzt geht es mir wieder besser. Der Wind hat die Wolken weggeblasen, die Sonne zeigt sich.
      Ich durchwandere Son Parc und erreiche den Parkplatz hinter der Siedlung. Dídac hatte mir empfohlen, von hier einen Abstecher zur Cala Pudent zu machen, einem tollen Strand mit großer Höhle. Eine Stunde Umweg, ist es mir das wert? Ich habe eh schon wieder alles durchgeschwitzt…
      Ich laufe mal los, kann ja jederzeit wieder umkehren.
      Schon nach wenigen Metern komme ich an einer Bar vorbei. Aah, beim Rückweg trinke ich hier ein Bier.
      Der Weg ist super, ein Pfad über die Felsen mit toller Aussicht – aber das Bier lockt, ruft, zieht. Mit jedem Schritt entferne ich mich ja erst mal davon.
      Nach zehn Minuten gebe ich auf. Der Weg bis hierher war doch auch schon ganz nett.


      Abstecher Richtung Cala Pudent

      Jetzt aber auf direktem Weg zur Bar!
      Aaaaaaaaaaaaaah! Wäre ich Amerikaner, würde ich sagen: I gulped it down!
      Ich trinke ansonsten kaum Bier, aber bei einer heißen Wanderung gibt’s nichts Besseres.

      Zurück auf dem CdC laufe ich mehrere Kilometer durch lichten Kiefernwald. Immer wieder taucht der Monte Toro im Blickfeld auf. Kurz hinter dem Wald liegt die Ausgrabungsstätte einer frühchristlichen Basilika.


      Das war mal eine frühchristliche Basilika

      Zum Schluss folgen 2,5 zermürbende Kilometer entlang einer breiten Straße, dann endlich erreiche ich Ses Salines und damit mein Hostal für heute Nacht.
      Hemd und Unterwäsche waschen, duschen, auf dem Bett liegen, Augen zu…

      Butifarra. Ich liebe dieses Wort. Besonders wenn es von einem Katalanen ausgesprochen wird und die „r“s so schön rollen.
      Butifarra ist eines der Worte, die es nur im Katalanischen gibt. Es kam schon vor, dass ich in einem Restaurant in den Pyrenäen Butifarra nur wegen des lustigen Wortes bestellt habe.
      Wörtlich übersetzt heißt es „Bratwurst“ – doch das greift zu kurz. Denn jede Butifarra schmeckt anders. Man könnte meinen, die katalanischen Metzger verwenden ihren ganzen Ehrgeiz darauf, eine unverwechselbare Butifarra zu produzieren.

      Im Restaurant von Ses Salines steht „Butifarra“ auf der Speisekarte. Mit Spinat, Rosinen und Mandeln. Schon beim Bestellen muss ich grinsen. Der Kellner fragt, wie durchgebraten sie sein soll. Medium, „bien cots“? Die Frage kannte ich bisher nur vom Rindersteak.

      Recht schnell, zum Glück, kommt die Vorspeise: ein „Maó-Turm“. Der berühmte Käse aus Maó scheibenweise mit Tomaten zu einem veritablen Turm aufgeschichtet. Darüber eine Olivenöl-Marinade mit gerösteten Kernen. Lecker!
      Und jetzt wird’s spannend. Es kommt eine Butifarra-Schnecke mit einem Berg Pommes frites, in dem mitfrittierte Knoblauchzehen versteckt sind. Wo ist der Spinat? Ehe ich fragen kann, ist der Kellner verschwunden.
      Also beiße ich rein – Spinat, Rosinen und Mandeln sind IN der Wurst! Und das schmeckt richtig gut.
      Zusammen mit dem Rioja crianza gibt es fünf Sterne für dieses Essen.

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      • berlinbyebye
        Fuchs
        • 30.05.2009
        • 1197

        • Meine Reisen

        #4
        AW: [ES] GR 223 – Menorca-Umrundung auf dem Camí de Cavalls

        na da macht ja mal Lust auf Me(e)(h)r!

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        • walu
          Gerne im Forum
          • 22.01.2014
          • 76

          • Meine Reisen

          #5
          AW: [ES] GR 223 – Menorca-Umrundung auf dem Camí de Cavalls

          Tag 3 - 4.10.2014: Ses Salines – Els Alocs
          22 km, 800 Hm.

          Nach einem bescheidenen Frühstück breche ich gegen 8:30 Uhr auf, erst mal auf der Straße ins nächste Feriendorf Platges de Fornells. Dort biegt der CdC links ab.
          Kurz vor der Abzweigung kommt mir von vorn die englische Großgruppe entgegen, die mit den weißen Hüten vom ersten Tag. Sie haben wohl in diesem Dorf übernachtet und wollen bestimmt auch auf den CdC. Ich beeile mich und biege wenige Meter vor ihnen ab. Ich möchte nicht 20 Leute auf einem engen Pfad vor mir haben, und normalerweise hänge ich eine Rentnertruppe locker ab.
          Es geht nun über den Strand und dann auf einer langen Holztreppe nach oben. Eine gute Möglichkeit, den Abstand zu vergrößern. Denke ich. Als ich keuchend oben ankomme sind sie immer noch dicht hinter mir. Ich lege eine Schippe drauf, wieder geht es bergauf. Der Abstand wird größer. Aber immer wenn ich ein Foto schieße sind sie wieder dicht dran. Stress!
          Der Leuchtturm am Cap Cavalleria kommt in Sicht. Sie bleiben mir auf den Fersen. Das reicht mir jetzt. Zum Glück taucht die alte Römerstadt Sanicera auf. Eine gute Möglichkeit, durch die Ruinen zu streifen und eine Trinkpause einzulegen.
          Sofort rauschen die Weißhüte vorüber. Lautstark diskutierend scheinen sie Sanicera nicht wahrzunehmen. Ich sehe sie nie wieder.

          Mir gefällt es in den friedlichen Ruinen, und ich bleibe ein halbe Stunde.
          Nun laufe ich über mehrere schöne Strände. Der Weg wird deutlich voller. Badetouristen auf dem Weg zum nächsten Strand und Ausflügler, Kurzstreckenwanderer. Ich sehe sogar eine Frau mit großem Rucksack und Zelt.



          Hinter der Cala Pregonda bin ich wieder ganz allein. Jetzt kommt der heftigste Teil des CdC, das einzige Teilstück, das in der offiziellen Etappeneinteilung als „schwierig“ eingestuft wird. Nun ja, schwierig würde ich das nicht nennen, aber es gibt viele steile und steinige Passagen. Besonders hinter der Cala Barril, wo man fast die 100-Höhenmetermarke knackt. Bei dieser schwülen Hitze ist es durchaus anstrengend und extrem schweißtreibend.





          Anstieg hinter der Cala Barril





          Cala Barril von oben








          Farbspiele

          Gegen 13:00 Uhr erreiche ich die einsame Cala Calderer. Eine schattige Steinbank an einem verlassenen Haus bietet sich zur Mittagspause an.


          Ankunft an der Cala Calderer


          Mittagspause im spärlichen Schatten

          Dann klettere ich zum höchsten Punkt des CdC, stolze 140 Meter. Der ist ziemlich enttäuschend. Kein Gipfelkreuz, kein Schild, nicht mal eine besondere Aussicht.


          Weiter zum höchsten Punkt des CdC


          Abstieg Richtung Els Alocs



          Egal, weiter geht’s in Landesinnere zum langen Abstieg bis kurz vor Els Alocs. Da ist zwar ein Parkplatz, aber die Piste dorthin ist nur mit Geländewagen befahrbar. Ich muss noch 1,5 Kilometer bis zum Treffpunkt laufen. Dort gibt es immer noch riesige Schlaglöcher, aber der Van hat sich durchgekämpft. Wie sich herausstellt sitzt Davide am Steuer.

          Davide spricht kein Wort Englisch, und mit meinem geradebrechten Spanisch kommen wir auch nicht weit. So verläuft die Fahrt weitgehend schweigend.
          Sie endet in Ferreries, einem für Menorca-Verhältnisse großen Dorf im Landesinneren. Alle Häuser sind weiß gekalkt. Ich übernachte in einem Apartment-Hotel.

          Der Herd funktioniert, es gibt einen Topf, Teller und Gläser. Das heißt, ich koche heute selbst. 150g Nudeln, 2 Knoblauchzehen, Salz und Olivenöl habe ich von daheim mitgeschleppt, getrocknete Tomaten und Walnüsse sind eh als Snack im Rucksack, einen Rosmarinzweig hab ich unterwegs mitgehen lassen. Im Supermarkt kaufe ich noch Paprika, Brot und Wein. Kann also nichts mehr schief gehen.

          Es gibt einen winzigen Balkon in meinem Apartment, ebenso einen winzigen Tisch, der genau auf den winzigen Balkon passt. Der Stuhl muss in der Wohnung stehen, aber ich kann beim Essen rausgucken.
          Während beim Dunkelwerden die Fledermäuse an meinem Balkon vorbeizischen, habe ich gegenüber dem Innenhof mehrere Wohnungen im Blick.
          Hitchcocks „Das Fenster zum Hof“. Zum Glück geschieht kein Mord.


          Das Fenster zum Hof

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          • walu
            Gerne im Forum
            • 22.01.2014
            • 76

            • Meine Reisen

            #6
            AW: [ES] GR 223 – Menorca-Umrundung auf dem Camí de Cavalls

            Tag 4 - 5.10.2014: Els Alocs – Cala Morell
            15 km, 410 Hm.

            Während ich auf meinen heutigen Fahrer Joàn warte, versammelt sich auf dem Dorfplatz gegenüber eine große Menschenmenge. Es sieht aus wie ein Schulfest, viele Eltern mit Kindern. Jemand hält eine Ansprache auf einer provisorischen Bühne, es gibt höflichen Applaus. Dann setzt sich die Menge in Bewegung. Vorneweg tragen zwei Männer ein Transparent. Ich erkenne nur „Camí d’en Kane“.

            Inzwischen ist Joàn gekommen. Ich steige ein, und er klärt mich auf: Der Brite Richard Kane war im 18. Jahrhundert Gouverneur auf Menorca. Er setzte sich für viele technische Neuerungen ein und war bei der Bevölkerung beliebt. U.a. ließ er einen gut befestigten Weg von Maó nach Ciutadella bauen, der erste, der so breit war, dass zwei Pferdefuhrwerke aneinander vorbeifahren konnten. Dies wurde die wichtigste Verbindung auf der Insel und später „Camí d’en Kane“ genannt. Heute führt der Weg teilweise über Privatgelände und die Eigentümer wollen ihn nicht freigeben. Deshalb demonstrieren die Menschen in Ferreries. Sie laufen jetzt zur Finca einer dieser Grundbesitzer.
            Ähnliche Probleme gab es auch beim CdC und auch heute noch bei den GR 221 und 222 auf Mallorca. Toll, dass dafür so viele Menschen auf die Straße gehen!

            Joàn ist einer der Initiatoren des kleinen Unternehmens. Ich unterhalte mich angeregt mit ihm. Sie haben nur sehr wenige deutsche Kunden, was mich wundert. Ich verspreche ihm, einen Bericht in einem deutschen Outdoor-Forum zu schreiben. Vielleicht animiert das ja manchen Leser

            Gegen 10:00 Uhr erreichen wir den Treffpunkt von gestern Nachmittag.
            „There might be rain today“, sagt Joàn zum Abschied.
            Im Moment sehe ich nur Sonne und blauen Himmel und laufe frohen Mutes los.


            Strand von Els Alocs


            Cala Pilar


            Doch schon hinter der wunderschönen Cala Pilar verdunkelt sich der Himmel. Plötzlich bläst der Wind von vorn, sodass ich kaum die Wanderstöcke aufsetzen kann. Sand wird aufgeweht und fliegt mir in die Augen. Auf dem Meer tanzen weiße Schaumkronen. Ich kämpfe mich zwei Kilometer weiter zur Bucht „Macar d’Alfurinet“. Hier biegt der CdC links ab ins Landesinnere.





            Regen auf Menorca!


            Im Wald hört der Wind schlagartig auf. Dafür regnet es. Sofort ist es wieder extrem schwül. Eine Regenjacke wäre jetzt tödlich. Zum Glück habe ich einen Schirm dabei. Meine Neuerwerbung, den Euro-Trekkingschirm „Handsfree“. Er wird an Schulter- und Hüftgurt des Rucksacks befestigt, und man hat beide Hände frei. Die Bedingungen dafür sind ideal. Kein Wind, und der Weg ist so breit, dass man nicht dauernd an Gestrüpp hängen bleibt. So macht Wandern im Regen Spaß!

            Wer gerne auffällt, sollte mit einem solchen Schirm wandern. Fast jeder, der mir begegnet, guckt verdutzt oder interessiert oder beides zusammen.
            Als der Regen nach einer Stunde aufhört, lasse ich den Schirm noch eine Weile aufgespannt, was meine Erscheinung noch lustiger macht.

            Joàn hatte mir empfohlen, einen Abstecher zum Platja Tancat zu machen. Laut Conrad Stein Führer soll es dort auch einen Strandsee mit Sumpfschildkröten geben. Ich finde den See, sehe aber nur massenhaft Fische. Gerade als ich gehen will, ragt ein kleiner Kopf aus dem Wasser. Ja, da paddelt eine Schildkröte. Süß! Ich bleibe noch eine Weile stehen und entdecke sechs weitere.










            Nach über zwei Kilometern entlang einer Steinmauer erreiche ich am frühen Nachmittag Cala Morell, für mich die angenehmste Feriensiedlung auf Menorca. Es gibt keine Hotels, nur überschaubare Apartmentanlagen, viele private Ferienhäuser und lediglich ein Restaurant. Interessant sind auch die vorgeschichtlichen Begräbnishöhlen (Nekropolis) am Ortsrand.


            Straßenlaterne in Cala Morell


            Vorgeschichtliche Begräbnishöhle


            Nach langer Suche finde ich endlich die Rezeption für mein Apartment. Sie ist geschlossen. Nebenan die Bar: auch zu. Kein Mensch weit und breit zu sehen.
            Was nun? Ich rufe die Nummer der Rezeption an, probiere es bei Joàn, bei Dídac. Keiner geht ran. Ich laufe zwischen den Apartments herum in der Hoffnung, jemanden zu finden. Nichts.
            Schließlich gehe ich nochmal zur Rezeption. Da hängen zwei große Zettel. Einer an der Tür, einer am Fenster:
            „MR Wolfgang ……….“
            Auf dem Zettel steht, dass die Rezeption ab 15:00 Uhr geschlossen ist. Sie haben das Apartment 14 für mich vorbereitet. Der Schlüssel steckt.
            Manchmal hilft es einfach, die Augen aufzumachen!
            Wäre der Spruch in meinem aktiven Wortschatz, würde ich jetzt sagen: Alles gut.

            Das Restaurant gefällt mir trotz seiner spektakulären Lage in einer Felshöhle nicht besonders. Der Wirt ist anbiedernd, hat ansonsten aber nicht viel zu bieten. Der gemischte Salat besteht nur aus Eisbergsalat, Dosenmais und Dosentunfisch. Die Seezunge ist ganz passabel, aber der eiskalte Rotwein kaum genießbar.
            Später kommen vier Deutsche. Langjähre Menorca-Fahrer, die alles wissen und mit dem Wirt auf du-und-du sind. Ich wollte eh gerade gehen.
            Zuletzt geändert von walu; 12.12.2014, 14:53.

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            • Juno234
              Erfahren
              • 03.08.2007
              • 397

              • Meine Reisen

              #7
              AW: [ES] GR 223 – Menorca-Umrundung auf dem Camí de Cavalls

              Schöne Tour Genau die richtige für mich als (ebenfalls) Warmduscher Was hat sie gekostet? Und wie heißt der Veranstalter, der sie dir organisiert hat?

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              • Juno234
                Erfahren
                • 03.08.2007
                • 397

                • Meine Reisen

                #8
                AW: [ES] GR 223 – Menorca-Umrundung auf dem Camí de Cavalls

                Ich glaube, ich habe den Veranstalter bereits gefunden

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                • walu
                  Gerne im Forum
                  • 22.01.2014
                  • 76

                  • Meine Reisen

                  #9
                  AW: [ES] GR 223 – Menorca-Umrundung auf dem Camí de Cavalls

                  @berlinbyebye: danke

                  @Juno234: Ah, der erste Interessent
                  Das Unternehmen findet man schnell. Heißt wie der Weg mit einer "360" hinten dran. Es war eigentlich kaum teurer als wenn ich alles selbst organisiert hätte. Warme Duschen gab es überall...

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                  • walu
                    Gerne im Forum
                    • 22.01.2014
                    • 76

                    • Meine Reisen

                    #10
                    AW: [ES] GR 223 – Menorca-Umrundung auf dem Camí de Cavalls

                    Tag 5 - 6.10.2014: Cala Morell – Ciutadella
                    20 km, 400 Hm.

                    Riesige Pfützen überall. Heute Nacht muss es heftig geregnet haben.
                    Als ich zur Bar laufe, zeigt sich schon wieder die Sonne. Noch ist es angenehm kühl. Der Barkeeper macht mir ein Frühstück ganz nach meinem Geschmack: Getoastetes, mit Tomaten eingeriebenes Brot und Olivenöl, dazu mehrere Käse- und Schinkensorten. Perfekter Café con leche, Blick aufs Meer. Urlaub!


                    Frühstück mit Pool- und Meerblick

                    Dieser Wirt ist richtig sympathisch. Ich unterhalte mich mit ihm noch längere Zeit über die spanischen Schinkensorten, zum Abschied schüttelt er mir die Hand.
                    Ich bringe den Schlüssel in die nun geöffnete Rezeption, und auf geht’s in die Mondlandschaft.

                    Der Nordwesten Menorcas ist berühmt für seine Steinwüsten. Hinter Cala Morell wachsen noch niedrige Büsche, doch mit jedem Kilometer wird die Vegetation weniger.
                    Bald taucht der Leuchtturm Punta Nati in der Ferne auf. Ich laufe über das weitgehend ebene Felsplateau. An der „Bucht des Todes“ steht ein Gedenkkreuz für die 158 Toten eines Schiffsunglücks von 1910.











                    Die Bucht des Todes


                    Gedenkkreuz für die Opfer des Schiffsunglücks von 1910


                    Aus einem Reflex heraus schaue ich nach oben. Über mir schwebt ein riesiger Vogel. Könnte ein Rotmilan sein (wie ich später im Internet recherchiere). An der nächsten Steilküste sehe ich noch weitere davon.

                    Ich erreiche eine „barraca“, ein rundes Steinhaus wie es einige hier gibt. Angeblich vor 100 Jahren gebaut, um Vieh unterzustellen.


                    Barraca von hinten



                    und von vorn



                    Mittagspause


                    Ich beschließe, hier Mittagspause zu machen. Ein paar Schafe laufen herum. Viel zu fressen haben die nicht.
                    Mich begeistert die Steinlandschaft. Diese Weite, die Abwesenheit von Zivilisation, die totale Reduktion.
                    Naja, ich würde nicht so pathetisch daher schwafeln, wenn es ordentlich stürmen und schütten würde oder die Hochsommersonne auf die Felsen knallen würde…

                    Ein Schaf kommt um die barraca geschlichen, bleibt zwei Meter vor mir stehen, glotzt mich treuherzig an – und uriniert. Ja, hat man da noch Worte? Wo bleibt die gute Kinderstube?

                    Ich nehme es als Aufforderung zum Weitergehen und besteige den kleinen Hügel „Sa Falconera“ mit seiner – wie könnte es anders sein – phantastischen Aussicht.


                    Aufstieg zum Hügel Sa Falconera



                    Aussicht von "Sa Falconera"



                    Felstor "Pont d'en Gil"


                    Bald hinter dem Felstor „Pont d’en Gil“ beginnen die Vororte von Ciutadella. Vorbei mit der grandiosen Landschaft. Inzwischen ist es auch wieder gnadenlos heiß und schwül geworden. Mir rinnt der Schweiß aus allen Poren. Knapp sechs Kilometer kämpfe ich mich über Asphalt bis ich völlig erschöpft die zentrale Placa von Ciutadella „Platz d’es Born“ erreiche.
                    Am Kiosk gibt es Bier vom Fass.
                    Aaaaaaaaaaaaaah! Wäre ich Amerikaner, … das hatten wir schon mal.

                    Wieder zu Kräften gekommen, suche ich mein Hotel. Nach einem netten dreigängigen Abendessen beschließe ich den Tag.

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                    • walu
                      Gerne im Forum
                      • 22.01.2014
                      • 76

                      • Meine Reisen

                      #11
                      AW: [ES] GR 223 – Menorca-Umrundung auf dem Camí de Cavalls

                      Tag 6 - 7.10.2014: Ciutadella – Son Saura
                      21 km, 150 Hm.

                      Ich brauche lange, bis ich in die Gänge komme. Eine Blase am kleinen Zeh macht mir zu schaffen (he, ich hatte seit zehn Jahren keine Blase mehr!), Knie und Hüfte zwicken. Und der CdC zeigt sich auch nicht von seiner besten Seite. Über sieben Kilometer Asphalt, dann für kurze Zeit auf einen Naturpfad, bis man am Cap d’Artrutx schon wieder riesige Feriensiedlungen erreicht. Laut Conrad Stein gibt es hier 7000 Gästebetten. An denen muss mal erst mal vorbei…


                      Leuchtturm am Cap d'Artrutx


                      An der letzten Bar von Son Xoriguer werde ich schwach. Ein Bier.
                      Aaaaaaaaaaaaaah! I gulped it down.
                      Ich telefoniere mit Joàn, um für heute Nachmittag Treffpunkt und Uhrzeit zum Abholen auszumachen.

                      Ab jetzt laufe ich an der Südküste entlang Richtung Osten. Der Weg wird richtig schön. Auf dem Meer brechen recht hohe Wellen an die Steilküste. Etwas störend sind die vielen Badetouris aus den 7000 Gästebetten, die anscheinend auch Gefallen am CdC gefunden haben.





                      Grüne Südküste


                      Kurz nach vier erreiche ich den großen Sandstrand Son Saura. Er ist gut gefüllt mit FKK-Freunden. Ich muss zwischen den Nackedeis hindurch um zum Parkplatz zu gelangen.
                      Dort wartet Davide schon. Er bringt mich zurück nach Ciutadella.
                      Auf der ganzen Fahrt überlege ich, wie ich ihm die Uhrzeit für morgen früh klar machen kann.
                      „Mañana, nueve menos un cuarto?“
                      “Si, perfecto”, sagt Davide und freut sich.
                      Ich freue mich auch. Ein geglückter spanischer Dialog.

                      Heute verbringe ich die zweite Nacht in Ciutadella. Susanne und Christian, die einen Tag hinter mir laufen, müssten heute auch hier angekommen sein. Sind sie aber nicht. Schade.

                      Fürs Abendessen wähle ich das gleiche Restaurant wie gestern. Die Kellnerin erkennt mich wieder und wir unterhalten uns kurz. Sie wundert sich, dass ich die spanische Speisekarte möchte, obwohl ich englisch mit ihr spreche. Die spanischen Gerichte sagen mir mehr als die oft schlechten englischen Übersetzungen.

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                      • ronaldo
                        Moderator
                        Lebt im Forum
                        • 24.01.2011
                        • 9151

                        • Meine Reisen

                        #12
                        AW: [ES] GR 223 – Menorca-Umrundung auf dem Camí de Cavalls

                        >> ... Ich verspreche ihm, einen Bericht in einem deutschen Outdoor-Forum zu schreiben. Vielleicht animiert das ja manchen Leser 

                        Das tut es - hab Menorca schon lange auf dem Plan! Danke für den schönen Bericht.

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                        • Rainer Duesmann
                          Fuchs
                          • 31.12.2005
                          • 1639

                          • Meine Reisen

                          #13
                          AW: [ES] GR 223 – Menorca-Umrundung auf dem Camí de Cavalls

                          Ebenfalls danke.
                          Hört sich wie genau das Richtige für meine Holde und mich an.
                          radioRAW - Der gesellige Fotopodcast

                          Kommentar


                          • walu
                            Gerne im Forum
                            • 22.01.2014
                            • 76

                            • Meine Reisen

                            #14
                            AW: [ES] GR 223 – Menorca-Umrundung auf dem Camí de Cavalls

                            Danke für die netten Kommentare! Gleich geht's weiter:


                            Tag 7 - 8.10.2014: Son Saura – San Tomàs
                            21 km, 550 Hm.

                            Pünktlich um 8:45 Uhr erscheint Davide mit dem Van vor dem Hotel und fährt mich zum Strand von San Saura.
                            So früh am Morgen habe ich ihn für mich allein. Toll!
                            Jetzt geht es auf angenehmen Wegen abwechselnd durch Kiefernwald und über richtig tolle Strände. Die schönsten sind sicherlich Cala Macarellata (nicht direkt am CdC) und Cala Macarella. Kurz darauf mache ich einen Abstecher zu einem spektakulären Aussichtspunkt mit Sicht auf beide Buchten.







                            Dann führt der CdC durch Wald wieder auf eine Urlaubssiedlung zu, Cala Galdana. Scharenweise kommen mir Badetouristen entgegen auf dem Weg zum nächsten Strand. Mein „Hola“ wird ausnahmslos mit „Good morning“ beantwortet.



                            Cala Galdana


                            Es gibt schlimmere Urlaubssiedlungen als Cala Galdana, aber ich bin trotzdem froh, als ich wieder draußen bin. Bis zur Cala Mitjana ist noch einiges los auf dem Weg, doch danach biegt der CdC für ein längeres Stück ins Landesinnere. Das scheint die Badefreunde nicht zu interessieren. Ich bin wieder allein.








                            Ich quere drei tiefe Schluchten, die nach Regenfällen Wasser führen. Üppiges Grün herrscht vor, teilweise werden sie auch landwirtschaftlich genutzt. Wieder ein neuer Charakterzug von Menorca.

                            Kurz bevor ich erneut zu einem Strand komme, könnte ich einen vier Kilometer langen Umweg zur größten Höhle Menorcas machen. Ich kann mich nicht dazu aufraffen. Natürlich stehe ich wieder im eigenen Saft, und mein Tagesziel ist nicht mehr weit.

                            Nur noch über den langen Strand „Platjes de Binigaus“ und ich sehe San Tomàs mit seinen Hotelhochhäusern vor mir. In einem davon werde ich übernachten.

                            Die nette Dame an der Rezeption zeigt mir, wo ich den Schlüssel morgen früh deponieren soll. Die Rezeption öffnet um 9:30 Uhr und ich wolle ja bestimmt früher los. Überhaupt beginnt das Leben in San Tomàs erst um 9:30 Uhr. Vorher öffnet keine einzige Bar. Ich bekomme hier auch kein Frühstück. Na gut, das wusste ich schon vorher.

                            Meine kleine Wohnung ist richtig komfortabel. Küche mit Backofen, großer Balkon mit Meerblick. Ich beschließe, wieder zu kochen.
                            Auf dem Balkon entdecke ich einen Wäscheständer. Da könnte ich auch mal die Wanderhose und die Strümpfe waschen.
                            Vorher muss ich aber noch einkaufen. Leider gibt es nur Riesenpackungen oder Fertiggerichte im Supermarkt, weshalb ich auf kalte Küche ausweiche. Immerhin finde ich ansprechenden Schinken und Maó-Käse. Das letzte Baguette geht auch mit – für morgen brauche ich ja Frühstück und Tagesverpflegung.

                            Auf dem Heimweg bleibe ich noch in einer Bar hängen. Wenn ich schon nicht essen gehe, darf es wenigstens ein Bier sein.
                            Als ich heimkomme ist die Sonne schon fast hinter dem nächsten Hochhaus verschwunden. Ich wasche trotzdem meine Kleidung einschließlich der Hose.
                            Schnell dekoriere ich noch einen Rohkostteller. Mit hochgelegten Beinen und Meerblick genieße ich mein Abendessen auf dem Balkon.



                            Als ich ins Bett gehen will sind Hemd und Unterwäsche trocken, die Hose jedoch ist noch tretschnass. Hm, in Zeiten von „ultralight“ verbietet es sich selbstredend eine Ersatzwanderhose mitzuschleppen.
                            Die offizielle Anweisung hierzu lautet: Sollte die Wanderhose wirklich einmal gewaschen werden, zieh solange die Regenhose an.
                            Ich sehe mich schon morgen in der Regenhose durch die Hitze stapfen.

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                            • solarperplexus
                              Erfahren
                              • 03.08.2010
                              • 230

                              • Meine Reisen

                              #15
                              AW: [ES] GR 223 – Menorca-Umrundung auf dem Camí de Cavalls

                              sehr schöner reisebericht. der weckt erinnerungen an einen schönen urlaub auf Menorca 2008 und an die tollen buchten mit weißen stränden und türkisfarbenem wasser. damals machten wir auch einmal eine tagestour auf dem cdc und dachten, dass es schön wäre, den einmal ganz zu laufen. bisher kam es nicht dazu, aber dein bericht animiert auf jeden fall. mal schauen.

                              grüße aus Nordhessen
                              Hanno

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                              • gargantula
                                Erfahren
                                • 09.12.2013
                                • 221

                                • Meine Reisen

                                #16
                                AW: [ES] GR 223 – Menorca-Umrundung auf dem Camí de Cavalls

                                schön! Ich freue mich immer über Berichte aus dem Süden (sind ja irgendwie seltener).
                                Freue mich auf Fortsetzung...
                                “Perfektion ist nicht dann erreicht, wenn man nichts mehr hinzufügen, sondern wenn man nichts mehr weglassen kann.”

                                (Antoine de Saint-Exupéry, französischer Schriftsteller, 1900 – 1944

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                                • walu
                                  Gerne im Forum
                                  • 22.01.2014
                                  • 76

                                  • Meine Reisen

                                  #17
                                  AW: [ES] GR 223 – Menorca-Umrundung auf dem Camí de Cavalls

                                  Danke, Hanno und gargantula. Heute kommen noch die letzten Tage dazu:

                                  Tag 8 - 9.10.2014: San Tomàs – Binissafúller

                                  26 km, 600 Hm.

                                  Am Morgen ist die Wanderhose fast trocken. Der Rest muss am Körper trocknen. Puh, gerade nochmal gut gegangen.
                                  Ich starte um 8:30 Uhr. San Tomàs schläft. Kein Mensch auf der Straße, alle Geschäfte geschlossen.


                                  San Tomàs im Schlafmodus


                                  Bald erreiche ich den Strand von Son Bou, mit knapp drei Kilometern der längste Strand Menorcas. Der CdC holt hier ins Landesinnere aus und führt dann mitten durch die Siedlung Son Bou. Alternativ kann man über den Strand marschieren – drei Kilometer Sand.
                                  Da es noch früh und der Strand menschenleer ist, wähle ich die Alternative. Die ersten 20 Minuten bleibe ich allein, dann kommen die ersten Bade- und Hundefreunde aus ihren Löchern. Ich gelange aber unbeschadet ans Ende des Strands, wo sich die Ausgrabungen der frühchristlichen Basilika von Son Bou befinden. Das ummauerte Gelände ist geschlossen.


                                  Ummauerte Ruinen der Basilika von Son Bou


                                  Kurze Zeit später wandere ich durch eine Schlucht mit hohen Kalksteinwänden. Ich fühle mich wie in Südfrankreich. Der CdC bleibt angenehm, führt durch weitere Schluchten mit Obstbaumplantagen zur nächsten Feriensiedlung Cala en Porter.












                                  Anscheinend wird es jeden Tag heißer. Ich schwitze und schwitze und sehne mich schon wieder nach einer Bierpause. Ich kann sie noch verschieben bis zum nächsten, kleineren Ort Cala des Canutells.

                                  Nach zwei Kilometern schattenlos an der Straße biegt der CdC endlich wieder in einen Fußweg ab. Bei einem Gehöft kurz darauf schaffe ich es tatsächlich mich zu verlaufen. Links am Weg steht eine schattige Steinbank. Sie zieht meinen Blick magisch an, und ich übersehe die Abzweigung nach rechts. Geradeaus führt ein so schöner Weg zwischen Trockenmauern, dass ich gar nicht auf die Idee komme, er könne falsch sein. Dass die Markierungspfosten fehlen, fällt mir erst auf, als ich eine Straße erreiche, die laut Karte da nicht sein dürfte. Grrr, einen Kilometer wieder zurück!
                                  Der CdC ist der bestmarkierte Weg, den ich je gelaufen bin, aber minimale Aufmerksamkeit schadet trotzdem nicht.

                                  Kurz vor 16:00 Uhr erreiche ich den Ortsrand von Binissafúller, wo ich auf meinen Abholer warte. Ich freue mich, Dídac wieder zu sehen, der mich nach Maó bringt. Zum Hostal, wo ich meine erste Menorca-Nacht verbracht habe.

                                  Diesmal wähle ich das „Es Port“ zum Abendessen, das Restaurant, das Dídac mir empfohlen hatte, und das einzige, das letzte Woche voll besetzt war.
                                  Gut, dass ich rechtzeitig da bin, auch heute wird es wieder voll. Es gibt nur Tapas, allerdings große Portionen und äußerst schmackhaft. Gratinierte Auberginen, frittierter Kabeljau und Kartoffelecken mit Aioli. Das Essen tröstet ein wenig darüber hinweg, dass die Wanderung bald vorbei sein wird.

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                                  • walu
                                    Gerne im Forum
                                    • 22.01.2014
                                    • 76

                                    • Meine Reisen

                                    #18
                                    AW: [ES] GR 223 – Menorca-Umrundung auf dem Camí de Cavalls

                                    Tag 9 - 10.10.2014: Binissafúller – Maó
                                    21 km, 200 Hm.


                                    8:30 Uhr, Start zum letzten Tag. Dídac bringt mich nach Binissafúller.
                                    Ich habe wenig Hoffnung für diese Etappe. Der Südosten Menorcas ist dicht besiedelt, der CdC führt über viele Straßen und durch Feriensiedlungen. Zudem ist es schon morgens gefühlte 30 Grad heiß.

                                    Bis hinter Punta Prima bewahrheiten sich alle Befürchtungen. Danach wandere ich endlich auf schmalem Naturpfad auf den Torre de S’Alcaufar zu.


                                    Endlich wieder ein schöner Naturpfad


                                    Der Torre de S’Alcaufar kommt in Sicht


                                    Hinter dem Ort Alcaufar wartet noch ein Höhepunkt. Einem Tipp von Dídac folgend zwänge ich mich durch einen engen Mauerdurchlass und laufe durch schattigen Eichenwald bis zur Cala de Rafalet. Die verschwiegene Bucht ist von hohen Felswänden begrenzt. Ein magischer Ort, an dem man nur sanftes Wasserplätschern hört – und leider in meinem Fall das laute Schnattern zweier englischer Frauen.


                                    Cala de Rafalet


                                    Höhle mit Beleuchtung (kurz vor Cala de Rafalet)


                                    Zurück auf dem CdC




                                    So verschiebe ich meine Mittagspause bis ich wieder zurück auf dem CdC bin, der nun für ein paar Kilometer durch eine offene Feldlandschaft führt.
                                    Schließlich mündet er wieder in eine Straße, und bald erreiche ich Es Castell. Zeit für ein Bier.

                                    Ich sitze vor der Bar an einem Tisch, als sich ein uraltes Mütterchen mit Kopftuch nähert. Zahnlos, krummer Rücken, aber ohne Stock und erstaunlich flink. Am Eingang bleibt sie stehen und ruft etwas hinein. Die Kellnerin bringt eine Tüte mit zwei Flaschen Wasser. Die Alte bleibt ein paar Minuten sitzen, dann ruft sie wieder etwas in die Bar. Die Kellnerin kommt mit einem Baguette heraus. Die Alte schnappt es und spurtet davon. Die Kellnerin ruft ihr nach, dass sie das Wasser vergessen hat und zwinkert mir zu. Alle lachen.
                                    Die Alte kommt schimpfend zurück, sieht, dass ich auch lache und fuchtelt mit den Armen in meine Richtung.
                                    „Inglès? Inglès?“ krächzt sie.
                                    „Si, Inglès“, sagt die Kellnerin. Mir fällt ein, dass früher (oder zumindest zu Zeiten Hemingways) alle Ausländer in Spanien „Inglès“ genannt wurden. So werde ich also auch zum Engländer…
                                    Da sagt die Alte: „Me, ninetytwo. Me ninetytwo.“ Und schon ist sie wieder verschwunden.
                                    Okay, mit 92 darf man schon mal etwas vergessen.

                                    Ich nehme die letzten Kilometer in Angriff. Unter sengender Sonne entlang einer stark befahrenen Straße. Das Ende naht. Bald erreiche ich den Stadtrand von Maó und kurz darauf die Placa del Princep. Leider finde ich keinen offiziellen Endpunkt des CdC, also erkläre ich die Wanderung hier für beendet.

                                    Über den Treppenweg gehe ich hinunter zum Hafen, gönne mir ein Eis und warte auf Dídac, der mich zum Abschluss nochmal quer über die Insel nach Ciutadella fährt. Am Ende bekomme ich sogar ein „Finisher-T-Shirt“ geschenkt. Was es nicht alles gibt!


                                    Das Finisher-T-Shirt

                                    Noch eine letzte Nacht verbringe ich auf Menorca, bevor mich morgen in aller Frühe die Fähre nach Mallorca bringen wird. Dort beginnt dann der gemütliche Teil des Urlaubs: Acht Tage Finca in der Tramuntana zusammen mit meiner Frau.


                                    Fazit

                                    Ich habe den Camí de Cavalls sehr genossen. Man lernt die unterschiedlichen Landschaften Menorcas intensiv kennen. Neben den zum Glück nicht sehr häufigen Passagen durch Feriensiedlungen läuft man meist auf schmalen, steinigen Naturpfaden. Es geht vorbei an Traumstränden und Steilküsten, durch stilles und einsames Hinterland.

                                    Die Beschilderung ist hervorragend, GPS ist nicht nötig. Der Weg ist technisch einfach und problemlos in neun bis zehn Tagen zu bewältigen.

                                    Bei festen Unterkünften ist logistische Unterstützung zumindest auf der Nordseite erforderlich.

                                    Das einzig Negative war die Hitze. Anfang Oktober knapp 30 Grad mit hoher Luftfeuchtigkeit. Der Weg würde sich normalerweise auch für den Winter anbieten, aber dann dürften alle Hotels außer in den beiden Städten geschlossen sein.

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                                    • ronaldo
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                                      • 24.01.2011
                                      • 9151

                                      • Meine Reisen

                                      #19
                                      AW: [ES] GR 223 – Menorca-Umrundung auf dem Camí de Cavalls

                                      Danke nochmal, schöne Bilders und durchaus anregend!
                                      Vielleicht als Ergänzung zum Fazit: Wärst du mit Zelt und Schlafsack gelaufen, wie hätte es mit Plätzen zum Nächtigen ausgesehen? Kann man sich in die Büsche schlagen, wird irgendwo offiziell gecampt? Könnte man sich für eine Nacht einquartieren oder gibts nur diese großen Hotelbunker?

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                                      • gargantula
                                        Erfahren
                                        • 09.12.2013
                                        • 221

                                        • Meine Reisen

                                        #20
                                        AW: [ES] GR 223 – Menorca-Umrundung auf dem Camí de Cavalls

                                        Eine wirklich schöne Strecke. Wie schätzt du die Möglichkeiten zum Zelten ein?
                                        “Perfektion ist nicht dann erreicht, wenn man nichts mehr hinzufügen, sondern wenn man nichts mehr weglassen kann.”

                                        (Antoine de Saint-Exupéry, französischer Schriftsteller, 1900 – 1944

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