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  1. Anfänger im Forum
    Avatar von bikevagabond
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    [RU] Suntar-Chajata: 6 Wochen Treideln, Trekking, Rafting zum Ochotskischen Meer

    #1
    Mitreisende: bikevagabond
    Eigentlich gehört diese Tour mit in Roberts Berichtesammlung Rafting in Nord-Ost Sibirien, aber ich finde, sie ist ein eigenes Thema wert.

    Kurz zusammengefasst

    Letzten Sommer war Robert mit mir (Richard) unterwegs. Unser Ziel war die Querung des Suntar-Chajata Gebirges im Osten Jakutiens. Wir wollten dort den Suntar flussaufwärts treideln, je nach Möglichkeit zwei der höchsten Berge besteigen (Palatka, Mus-Chaja) und nach der Passquerung zum Chabarovsker Gebiet auf den Flüssen Nitkan, Judoma, Ketanda und Urak zum Ochotskischen Meer hinabfahren. Zwischen der Judoma und der Ketanda galt es dabei noch die kontinentale Wasserscheide zu überwinden, welche an der schmalsten Stelle zwar nur 20 km breit ist, aber durch schwer begehbares Gelände führt. Die komplette Route ist rund 700 km lang und führt durchweg durch unbesiedeltes Gebiet. Uns standen dafür 5-6 Wochen zur Verfügung, die durchaus hätten reichen können, allerdings lag das Zeitfenster mit Ende Mai bis Anfang Juli nicht gerade in der besten Saison, so dass wir uns vor allem auf dem ersten Streckenabschnitt entlang des Suntar auf Hochwasser, Eisgang und noch viel Schnee im höheren Bergland einstellen mussten.

    Im Detail sah unser Plan so aus:
    www.lonelytraveller.de/ochotsk/yakutia2015-planA.jpeg

    Für den Fall, dass dieser Plan von vornherein nicht aufgehen sollte, hatten wir noch ein paar Alternativpläne ausgearbeitet:
    www.lonelytraveller.de/ochotsk/yakutia2015.jpeg

    Letztendlich haben wir für den Treidelabschnitt viel länger gebraucht, als geplant und sind ab dem Pass zum Chabarovsker Gebiet getrennte Wege gegangen. Es war abzusehen, dass wir das Ochotskische Meer nicht mehr zum angepeilten Datum erreichen würden und da mir ein paar wichtige Termine im Nacken saßen, bin ich vorausgeeilt. Robert hingegen hatte keinen Zeitdruck und nahm noch den Mus-Chaja in Angriff, ehe er auf gleicher Route folgen würde. Als limitierender Faktor galt jedoch die Proviantlage, die für uns beide eine Zeit des Halbhungers und daraus folgender körperlicher Entkräftung mit sich brachte. Da bei mir das Schwächegefühl erst während der Portage eintrat, schlug ich mich noch bis Ochotsk durch. Bei Robert, der seinen Proviant strenger rationierte, setzte es jedoch schon am Mus-Chaja ein, so dass er sich am Ende gegen die kräftezehrende Portage entschied und auf der Judoma blieb. Er erreichte Jugorjonok 10 Tage später als ich Ochotsk und war damit insgesamt 50 Tage in unbesiedelter Wildnis unterwegs.

    Treidel-Abschnitt (auf dem Suntar flussaufwärts)



    Rafting-Abschnitt (Nitkan, Judoma, Ketanda, Urak flussabwärts)



    Inspiration

    Sowohl Inspirations- als auch Informationsquelle war insbesondere für mich die Tour von Clemens Ratschan und Jakob Schabasser aus Österreich. Sie gingen die Route im Herbst 2013, den ersten Abschnitt entlang des Suntar bewältigten sie mit einem Pferdetrek:
    www.fliegenfischer-forum.de/jakutsk.html

    Im Sommer 2014 gingen auch zwei Litauer diese Route, sie treidelten den Suntar flussaufwärts. Beinahe wäre auch Robert schon mit ihnen mitgegangen, zum Glück hat er aber noch ein Jahr gewartet und Infos aus erster Hand bekommen
    www.madaboutsiberia.com

    Nicht zuletzt waren es auch die Touren vom russischen Geologen Sergej Ermakov (Spitzname Strannic), die einen guten Einblick gaben, was uns auf so einer Tour erwarten würde. Er war schon mindestens dreimal im Suntar-Chajata, teilweise sogar über mehrere Monate:
    https://fotki.yandex.ru/users/strannic1959/album/180838/ (Fotoalbum zur Tour 2002)
    https://fotki.yandex.ru/users/strannic1959/album/196202/ (Fotoalbum zur Tour 2012)
    https://fotki.yandex.ru/users/strannic1959/album/222333/ (Fotoalbum zur Tour 2014)

    Auf Strannic aufmerksam geworden bin ich allerdings erst durch das von "Sibirier" übersetzte Video zum Treideln auf dem Suntar:
    www.youtube.com/watch?v=WOyF2K7Lbk0 (Teil 3 zur Tour 2012)

    Genau von diesem Abschnitt druckten wir uns auch die im Fotoalbum hinterlegten Karten aus, da sie viele hilfreiche Informationen enthielten.

    Bootswahl

    Da diese Tour zwar den Wasserwegen folgt, aber auch längere Marschetappen beinhaltet, mussten die Schlauchboote unbedingt tragbar sein. Ich war bereits im Besitz eines Packrafts (Alpacka Explorer 42, 3kg, tauglich bis WW III), welches für so eine Tour bestens geeignet schien. Robert legte sich noch kurz vor Abreise ein litauisches Quasi-Packraft zu (Drakar Meridian, 7 kg, tauglich für WW >III), welches zwar etwas schwerer ist, dafür aber zwei Luftkammern und damit auch eine höhere Steifigkeit besitzt. Wie sich beide Boote beim Treideln geschlagen haben, später mehr... Auf jeden Fall konnten beide Boote problemlos mit ins Fluggepäck.

    Anreise

    Schon der Hinflug war sehr interessant. Von Moskau nach Jakutsk flogen wir direkt über das nördliche Sibirien, welches Ende Mai noch immer vom Winter beherrscht wurde. Zuerst zeigte sich der Polar Ural mit seinen verschneiten Gipfeln, dann die kahle Jamal-Tundra mit tausenden, teils noch vereisten Seen und irgendwann der breite Jenissei, auf dem riesige Eisschollen trieben.. wenig später folgten dann die qualmenden Schlote der nördlichsten Großstadt der Welt: Norilsk. Das Putorana-Plateau lag leider unter Wolken, erst dahinter zeigte sich wieder eine seichte Berglandschaft mit auffälligen Riffelungen, als hätte jemand die Höhenlinien nachgezeichnet; dazwischen ein größerer Flusslauf, grob geschätzt die Mündung des Alakit in den Olenok, welchen wir als Plan B im Hinterkopf hatten – hier schon fast eisfrei. Kurz darauf folgte noch eine riesige Diamantengrube – alles kar: Udatschnyj, dann musste das vorhin tatsächlich der Alakit gewesen sein...





    In Jakutsk versuchten wir uns zunächst vom Jetlag zu erholen, der Zeitunterschied zu Deutschland beträgt immerhin 8 Stunden. Ansonsten war unsere erste Amtshandlung, den schon teilweise mitgebrachten Proviant aufzustocken, dass er mindestens für 5 Wochen reichen möge – rund 46 kg hatten wir am Ende zusammen. Hinzu kamen noch zwei große Kochtöpfe mit Henkel, da wir über Feuer kochen wollten, aber auch zwei Gaskartuschen, um bei der Passquerung und den Bergbesteigungen ebenfalls kochen zu können. In den zahlreichen Jagd- und Angelläden fanden wir mit Unterstützung von Michail Mestnikov der Tourfirma „Nordstream“ auch Rauchfackeln („Falschfeuer“) und für mich noch ein Paar Watstiefel zum Treideln. Von Mestnikov, der viel Erfahrung mit Raftingtouren in Jakutien hat, bekamen wir auch noch ein paar Tipps und Kontakte für unsere Alternativtouren.







    Nebenher versuchten wir schon eine Mitfahrgelegenheit ausfindig zu machen, obwohl wir uns noch immer nicht im Klaren waren, ob wir Plan A oder B angehen sollten – Suntar-Chajata oder Alakit-Olenok... Über Mestnikov und ein paar Bekannten vor Ort erhielten wir nämlich die Info, dass das Eis der Indigirka gerade erst aufgebrochen sei und eine zweite Welle vom Oberlauf folgen würde, der Suntar musste also noch zugefroren sein. Falls wir uns zum Suntar bringen lassen und dann feststellen, dass kein Treideln möglich ist, bliebe nur noch die Alternative Indigirka, die aber schon bei normalem Wasserstand ein paar gefährliche Abschnitte mit hohen Wellen und felsigen Ufern hat – Helme und Roberts größeres Boot (das 25 kg schwere Raftmaster, das bei der Tourfirma „Nordstream“ in Jakutsk lagerte) wären nötig, welche wir entweder aus Jakutsk nachholen oder uns bringen lassen müssten. Immerhin war Robert nahe dran, einen Pferdeführer für unseren Plan A zu gewinnen, damit wir die Strecke entlang des Suntar notfalls ohne Treideln zurücklegen könnten, doch bisher kam kein direkter Kontakt zustande. Die potentiellen Kandidaten dafür – die mit den Rentieren halbnomadisch lebenden Ewenen - waren zu dieser Zeit sehr beschäftigt, u.a. weil die Rentiere gerade ihre Jungen gebären...

    Also was? Vielleicht doch gleich Plan B? Der Alakit war aber auch nicht einfach zu erreichen, ein Kettengerät oder mindestens ein Geländefahrzeug wäre erforderlich, um von der Trasse nach Udachnyj direkt zum Fluss zu gelangen. Wir hatten aber nur ein zweifelhaftes Angebot, das wir nach einem horrenden Preisvorschlag (50.000 Rubel bzw. mehr als 900 Euro) inklusive Spionagevorwurf dankend abgelehnt haben. Mit Plan B standen wir also auch nicht auf der sicheren Seite, daher entschieden wir uns endgültig für Plan A und buchten einen UAZ nach Jutschjugej (6000 Rubel bzw. rund 110 Euro pro Person). Nach vier Tagen in Jakutsk ging es dann am Abend des 30. Mai endlich los - nach Osten, dem Suntar-Chajata entgegen.



    Wie hierzulande üblich, bretterte unser Fahrer die rund 800 km nach Jutschjugej innerhalb 24 Stunden. Lediglich zwei Stunden Schlaf gönnte er sich, als wir auf die Fähre über den Aldan warteten. Vor acht Jahren bin ich die Strecke schon einmal mit dem Fahrrad gefahren und schaute interessiert aus dem Fenster. Was mir sofort auffiel: die Trasse wurde ausgebaut, selbst die Brücke über den Kjubeme, die nach einem Hochwasser in den 70ern jahrzehntelang zerstört dalag, wurde nun tatsächlich mal erneuert. Der abenteuerliche Charakter dieser Strecke ist dadurch ein wenig verloren gegangen, aber diesmal sollte ja das Abenteuer erst abseits der Trasse beginnen.

    Am Anfang fuhren wir durch die schon angegrünte Lärchentaiga der Jakutischen Ebene, in den Bergen wechselten wir dann aber rasch vom Frühling zurück in den Spätwinter. Taiga und Tundra zeigten sich fortan in einem graubraunen Gewand und auf den Seen und Flüssen gab es noch einiges an Eis, was uns nicht sehr zuversichtlich stimmte. Umso überraschter waren wir, als wir an der Brücke über den Suntar einen nahezu eisfreien Fluss mit moderatem Wasserstand vorfanden. Sollte Treideln etwa doch möglich sein?







    Wir fuhren erst einmal weiter bis Jutschjugej und wollten den bisher unerreichten Pferdeführer finden – sicher ist sicher. Unterwegs trafen wir dann zufällig ein paar Ewenen, die gerade auf der Suche nach ihren Pferden waren, um später mit diesen den Agajakan hochzugehen, zwei andere eventuell auch den Suntar, aber wann das sein würde und ob sie uns mitnehmen könnten, blieb unklar. Leider bekamen wir auch in Jutschjugej keine klare Info, so dass wir uns letztlich wieder zurück zum Suntar bringen ließen. Wir dachten uns: besser gleich mit der Tour beginnen, als vielleicht noch tagelang warten und am Ende doch ohne Pferdeführer dazustehen...

    Der Fahrer unseres UAZ war übrigens zufällig einer von denen, die im Herbst 2013 den Pferdetrek von Clemens und Jakob anführten. Er kannte die Strecke daher gut und gab uns gleich ein paar Tipps, zum Beispiel dass der Pfad entlang des Suntar immer am rechten Ufer entlang führt und dass es hinter dem Zufluss des Koltako ein ganzjährig bewohntes Lager der ewenischen Rentierzüchter gibt, wo man eventuell noch ein paar Pferde oder Rentiere für das letzte Stück zum Pass auftreiben könnte. Bis dahin sollten wir es also auch unter widrigen Bedingungen versuchen.

    Gegen Mitternacht ließen wir uns schließlich von einem zurückfahrenden Lastwagen auf einer Anhöhe unweit des Suntar absetzen und trugen unsere schweren Rucksäcke in die düstere Lärchentaiga. Am dämmernden Nachthimmel stand der Vollmond und beleuchtete eine stille kalte Landschaft, das Thermometer zeigte vier Grad unter null... In den kommenden 6 Wochen sollten wir nur noch einmal Menschen treffen – in dem besagten Ewenen-Lager.





    Fortsetzung folgt...
    Geändert von bikevagabond (25.10.2015 um 19:14 Uhr) Grund: inhaltliche Ergänzungen

  2. Erfahren

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    AW: [RU] Suntar-Chajata: 6 Wochen Treideln, Trekking, Rafting zum Ochotskischen

    #2
    Sehr interessant und danke für die infos. Wie lief eigentlich die Verständigung vor ort, konnte einer von euch russisch? Ich freue mich schon, wenn es weiter geht.

  3. Anfänger im Forum
    Avatar von bikevagabond
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    AW: [RU] Suntar-Chajata: 6 Wochen Treideln, Trekking, Rafting zum Ochotskischen

    #3
    Mein Russisch reicht für eine einfache Verständigung unterwegs aus.. aber nur wenn ich jemandem gegenüber stehe und notfalls auch Hände und Füße einsetzen kann Bei richtigen Diskussionen oder am Telefon muss ich passen. Robert aber spricht sauberes Russisch, die Kontakte zu den Fahrern und Pferdeführern hat er aufgenommen. Allein war (und bin) ich immer auf die Hilfe der Einheimischen angewiesen - z.B. habe ich jemandem erklärt, dass ich ein Fahrzeug nach Jakutsk brauche und der hat das dann telefonisch für mich organisiert.

  4. AW: [RU] Suntar-Chajata: 6 Wochen Treideln, Trekking, Rafting zum Ochotskischen

    #4
    Sehr spannend! Ich interessiere mich schon seit langem für die Ecke dort oben und verfolge den Bericht mit großem Interesse.
    Wilder und unberühter geht es vermutlich kaum.

    Mit Mai habt ihr euch ja wirklich ein heikles Zeitfenster "ausgesucht" - bin gespannt wie es weiter geht.
    Grüße
    Dominik
    Offizieller Ansprechpartner: Naturlagerplätze - Eifel

  5. Dauerbesucher
    Avatar von sibirier
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    AW: [RU] Suntar-Chajata: 6 Wochen Treideln, Trekking, Rafting zum Ochotskischen

    #5
    Soooo....Es fängt gut an

  6. Alter Hase
    Avatar von codenascher
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    AW: [RU] Suntar-Chajata: 6 Wochen Treideln, Trekking, Rafting zum Ochotskischen

    #6
    Freue mich auch schon auf die weiteren Fortsetzungen und hoffe das du ausführlich berichtest und uns mit wahnsinnigen Bildern verwöhnst

    Bin im Wald, kann sein das ich mich verspäte

    meine Weltkarte

  7. Anfänger im Forum
    Avatar von bikevagabond
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    AW: [RU] Suntar-Chajata: 6 Wochen Treideln, Trekking, Rafting zum Ochotskischen

    #7
    Marsch zum Suntar

    Um einen Fluss treideln zu können, braucht man relativ ruhiges Wasser und begehbare Ufer bzw. Schotterbänke. Auf den ersten Kilometern ab der Brücke, zieht der Suntar aber ein paar enge Kurven mit reißender Gegenströmung, so dass Treideln hier noch keinen Sinn machen würde (das hatte auch Strannic in seinem Video deutlich kommentiert). Abgesehen davon müsste man wegen des kurvigen Flusslaufs einen viel längeren Weg zurücklegen, als wenn man einfach daneben durch die Taiga geht. Daher war für uns klar, dass wir es Strannic nachmachen und den ersten Abschnitt zu Fuß gehen.



    Wir folgten einem versumpften Fahrweg, der offenbar nur einmal im Jahr - am Ende des Winters, wenn der Schnee schon zusammengesackt ist, aber die Sümpfe noch gefroren sind - befahren wird, um das abgelegene Lager der ewenischen Rentierzüchter zu versorgen. Jetzt zum Monatswechsel Mai/Juni war der Schnee bereits weg und der Boden oberflächlich aufgeweicht. Nur wenige Zentimeter darunter stand aber noch der Permafrost an, so dass man mit dem Wanderstock immer wieder wie auf Fels stieß. Auch später, als wir durch die überfluteten Wiesen der sumpfigen Flussaue wateten, liefen wir teilweise auf hartem Grund.

    Da jeder von uns etwa 60 kg dabei hatte, musste das Gepäck auf jeweils zwei Rucksäcke mit rund 30 kg aufgeteilt werden - alles auf einmal zu schleppen, wäre ein Ding der Unmöglichkeit. Das bedeutete aber auch, dass wir die zu bewältigende Strecke dreimal gehen mussten: erst mit einem Rucksack vor, dann mit freiem Rücken zurück und schließlich mit dem zweiten Rucksack hinterher... das wiederholt in Abständen von ungefähr 500 Metern. Über den Tag legten wir so rund 17 km zurück, effektiv jedoch nur 5 ½ km.

    Laufen mit so schwerer Last ist nicht gerade mein Ding, bereits nach anderthalb Marschtagen bekam ich das deutlich zu spüren und sehnte mich danach, baldmöglichst mit dem Treideln zu beginnen. Praktisch hätten wir auch schon am zweiten Tag einsteigen können, aber da sich der Weg in der ebenen Aue abschnittsweise recht gut lief, entschieden wir uns, noch ein paar weitere Flussbiegungen zu umgehen. Doch dann wurde der Weg immer schwieriger, die Sumpfflächen breiter, das Wasser tiefer und der Permafrost unterm Gras tückischer mit versteckten Eiskanten und Löchern.

















    Hier noch ein paar bewegte Bilder:


  8. Anfänger im Forum
    Avatar von bikevagabond
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    AW: [RU] Suntar-Chajata: 6 Wochen Treideln, Trekking, Rafting zum Ochotskischen

    #8
    Beginn der Treideletappe

    Am dritten Tag war es dann endlich soweit. An einem verlassenen Lagerplatz der Ewenen fanden wir einen guten Zugang zum Fluss und bauten unsere Schlauchboote auf. Es gab hier noch flächiges Eis auf dem Wasser, ufernah war dieses aber meist schon aufgetaut und ein Durchkommen stets ohne Umtragen möglich. Für die Verhältnisse kamen wir gut voran und blieben zuversichtlich. Die Zeit zwischen dem Aufbrechen des Eises und der Schneeschmelze in den Bergen (die irgendwann noch folgen würde), schien gar nicht so schlecht zu sein, denn der Wasserstand war recht niedrig und große Bereiche der Schotterbänke lagen frei. Ein klassisches Frühjahrshochwasser sieht jedenfalls anders aus...

    Am vierten Tag raffte uns dann aber ein grippaler Infekt hin. Beide zur gleichen Zeit? Wie kann das sein? Ich erinnerte mich, dass wir unter den Mitfahrern nach Jutschjugej ein junges Mädchen hatten, das ziemlich erkältet war – von ihr hatten wir uns wahrscheinlich die Viren eingefangen und während der Schinderei der letzten Tage hat das Immunsystem wohl zu wenig Widerstand geleistet... Wir legten einen Ruhetag ein und erholten uns etwas, dann gingen wir weiter. Rotz und Husten begleiteten uns aber noch mindestens eine Woche.











    In den nächsten Tagen stellte sich erstmals frühlingshaftes Wetter ein: die Sonne schien, es wurde wärmer und die Natur bekam einen richtigen Entwicklungsschub. Die bisher kahlen Lärchenwälder trieben ihr Grün aus, Blumen blühten und Kuckuckrufe, die schon vom ersten Tag an zu hören waren, ertönten nun immer häufiger, teilweise die ganze Nacht hindurch. Mit den Mücken verhielt es sich zum Glück umgekehrt. Beim Fußmarsch durch die Taiga verfolgten sie uns scharenweise, vor allem zum Abend hin, selbst bei null Grad summten sie noch gierig um uns herum. Jetzt hatten wir Ruhe und wurden kaum noch belästigt, möglicherweise auch, weil wir uns nun die meiste Zeit im offenen Flussbett bewegten.

    Je weiter wir aufwärts gingen, desto winterlicher wurde allerdings der Flusscharakter. Kurzum: der Eisanteil nahm stetig zu – Eis in der Mitte, Eis am Rand, Eis unter Wasser; dazu Eisschollen, die uns entgegen trieben, schnaufend kollidierten, sich auftürmten, blockierten... Auch der Wasserstand stieg allmählich etwas an. Wo es nicht weiterging, wechselten wir die Seiten, teils watend, teils paddelnd. Wenn das gegenüberliegende Ufer keine bessere Alternative bot, zogen wir das Boot an der Eiskante weiter, bei stark unterströmter oder spröder Kante auch mal wie einen Schlitten direkt über das Eis. Die schwierigsten Stellen waren aber jene, wo der Fluss ein wirres Netz an Kanälen ins Eis gespült hatte und auch der Grund noch aus Eis bestand, teilweise mit tückischen Spalten. Ein falscher Schritt und man rutschte ins tiefere Wasser, ruck zuck waren die Watstiefel dann eiskalt aufgefüllt... Mit der Zeit entwickelten wir aber ein gutes Gespür, wohin man sich wagen konnte – wir lernten den Fluss kennen: im wahrsten Wortsinne in- und auswendig.

    Im Laufe der Tage rückte auch die Gipfelkette des Suntar-Chajata ins Blickfeld. Die Berge waren noch tief verschneit und wirkten unbezwingbar. Da wollten wir noch hoch? Wir hatten zwar Steigeisen dabei, um auch über die Gletscher laufen zu können, aber bei diesen Schneemengen würden sich wohl eher Schneetreter anbieten. Bis zum Palatka oder Mus-Chaja war es aber noch ein langer Weg und es war noch nicht raus, wie viel Zeit am Ende für eine Bergbesteigung bleiben würde.

























    Erster Bärenbesuch

    Bei wieder eingetrübtem Wetter zogen wir eines Abends unsere Boote einen schmalen Eiskanal entlang, als am gegenüberliegenden Ufer plötzlich ein Bär auftauchte. Robert bemerkte ihn als erster und deutete mir wortlos die Richtung. Obwohl ich schon mehrfach in der russischen Taiga unterwegs war, hatte ich noch nie einen Bären zu Gesicht bekommen – dies war nun also mein erster direkter Kontakt. Der Theorie nach geht der Bär ja dem Menschen aus dem Weg, sobald er ihn wittert oder aus sicherer Entfernung als untypischen Taigabewohner erkennt. Doch dieser Bär preschte plötzlich wie angestochen direkt in unsere Richtung. Offenbar hatte er die Wurst gewittert, die wir kurz zuvor während einer Pause gegessen hatten und nun noch aus unseren Mündern roch...

    Als nur noch der Hauptstrom des Suntar zwischen uns und dem Bären lag, versuchten wir ihn mit lauten Rufen, Trillerpfeife und erhobenem Paddel auf uns aufmerksam zu machen, doch das ließ ihn völlig unbeeindruckt. Immerhin zögerte er und drehte schließlich ab, dann ging er aber ins Wasser und durchschwamm den Hauptstrom flussabwärts auf unsere Seite. Da nicht klar war, ob er anschließend noch über das Eisfeld, auf dem wir gerade standen, zu uns kommen würde, sprangen wir schnell in unsere Boote und paddelten zum gegenüberliegenden Ufer, wo eben noch der Bär war. Von ihm haben wir dann auch nichts mehr gesehen – zum Glück, denn dieses offensive Auftreten sei nach Robert (und er hatte schon etliche Bären in Sibirien getroffen) völlig untypisch. Es sollten aber noch weitere Begegnungen dieser Art folgen...













    Und nochmal ein kleiner Videozusammenschnitt:

    Geändert von bikevagabond (18.10.2015 um 18:35 Uhr) Grund: inhaltliche Ergänzungen

  9. Gerne im Forum

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    AW: [RU] Suntar-Chajata: 6 Wochen Treideln, Trekking, Rafting zum Ochotskischen

    #9
    Traumhaft!

    So will man nur selber weg .

  10. Anfänger im Forum
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    AW: [RU] Suntar-Chajata: 6 Wochen Treideln, Trekking, Rafting zum Ochotskischen

    #10
    Weiter geht’s... Da für den Weg zum Pass etwa die Hälfte der verfügbaren Zeit drauf gegangen ist (insgesamt drei Wochen), kommt der Rafting-Abschnitt erst später. Zunächst also noch ein paar Zeilen zum Treideln, sofern man das wiederholte Eisgestiefel noch Treideln nennen kann

    Hochwasser im Canyon

    Am Beginn einer längeren Schlucht ging es vorerst nicht weiter. Zu tief war das Wasser, um zu treideln, zu stark die Strömung, um dagegen anzupaddeln und zu brüchig das Randeis, um es gefahrlos zu begehen. Wir fanden noch gerade so einen Zugang zum Taigaufer, schlugen dort unser Lager auf und grübelten, wie es weitergehen könnte. Wir zogen eine Umgehung des Canyons quer durch die Taiga in Betracht – Luftlinie wären das höchstens 4 km. Allerdings gab es hier keine vorgetretenen Pfade, so dass es nicht leicht sein würde, die etappenweise abgelegten Rucksäcke wiederzufinden...

    Über Nacht stieg das Wasser weiter an, dann regnete es auch noch kräftig. Die Eismassen, die bei Ankunft noch begehbar waren, setzten sich dabei immer mehr in Bewegung, bis sich irgendwann der Flusslauf vor unseren Augen in einen riesigen Eissee verwandelte, aus dem die aufgebrochenen Eisschollen unter wildem Getöse flussabwärts trieben. Als die Sonne herauskam, erkundeten wir den ersten Teil der Schlucht. Bis zur Biegung nach Süden schien ein Durchkommen möglich und so entschieden wir uns, hineinzugehen.

    Als wir starteten, sank der Wasserpegel zum Glück wieder ab (um einen halben Meter!). Wäre er höher geblieben, dann hätten wir schon nach wenigen hundert Metern umkehren müssen. An einer Klippe, die im Wasser nicht zu umgehen war, mussten wir dann das erste Mal portieren. Auch im Hauptteil der Schlucht war es noch einmal nötig, Gepäck und Boote ein Stück durch die Taiga zu tragen (höchstens 200 m, oft auf Bärenpfaden), ansonsten sind wir ganz gut durchgekommen. Massives Randeis sorgte abschnittsweise für eine Kanalisierung des Abflusses, aber gerade diese Eisflächen halfen uns auch, die strömungsstarken Bereiche sicheren Schrittes zu passieren.













    Auch hierzu gibt es wieder ein paar Videosequenzen:


  11. Anfänger im Forum
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    AW: [RU] Suntar-Chajata: 6 Wochen Treideln, Trekking, Rafting zum Ochotskischen

    #11
    Querung der Flussgletscher (Naleds)

    Nachdem wir die Schlucht durchquert hatten, lag vor uns plötzlich eine riesige weiße Fläche: das erste Naled. Ein Naled ist grob umschrieben so etwas wie ein Flussgletscher, der im Laufe eines Winters von unten nach oben anwächst, wobei nachströmendes Wasser über bereits gefrorenen Grund fließt und vor allem in breiten Bereichen mit wenig Gefälle Schicht für Schicht gefriert. Mehrere Meter dick kann so ein Eispanzer werden und je nachdem, wo sich im Frühjahr der Fluss wieder durchfrisst, können beachtliche Teile des Eises auch den ganzen Sommer überdauern.

    Jetzt im Juni waren die Naleds noch sehr mächtig und vom abfließenden Schmelzwasser nur teilweise durchbrochen. Ein unübersichtliches Netz aus Kanälen mit reißenden Strömen hatte sich hier gebildet – unmöglich zu treideln, viel zu gefährlich! Wir blieben am sicheren Rand und zogen unsere Boote wie Pulkas über das Eis. Was uns in diesem Moment noch wie das Überwinden eines Hindernisses vorkam, sollte in den kommenden Tagen über etliche Kilometer unser Fortkommen bestimmen. Es folgte Naled an Naled, insgesamt vier große Flächen, die wir wie eine Polarexpedition querten.

    Zu Beginn fanden wir am Rand noch ein paar Wasserpassagen und stocherten uns wie Blinde durch die trübe aufgewühlte Brühe. Mal ging es durch die überflutete Aue, wohin das Wasser immer wieder verdrängt wurde, oder durch breite Eiskanäle, die nach dem Abklingen vorübergehender Hochwasserwellen kaum noch Wasser führten. Einmal sind wir in so einem Kanal der schwachen Strömung entgegengepaddelt, während um uns herum bizarre Eisformationen in der Luft hingen – einer der vielen kleinen Höhepunkte, die man trotz des schleppenden Vorankommens nahezu jeden Tag erlebte. Es wurde jedenfalls nie langweilig













































    Auf den zwei großen Naleds hinter dem Zufluss des Ugamyt (die auch in den russischen Karten verzeichnet sind), blieb uns dann nichts anderes mehr übrig, als mitten über das Eis zu laufen. Schon der Zugang zum Eis war nicht ganz ohne – es gab an der Ugamyt-Mündung nur eine Stelle, an der es der reißende Strom erlaubte, die Seiten zu wechseln. Weiter oberhalb rauschte der Suntar quer durch einen vereisten Wald, hier konnte man unmöglich weitertreideln... Das Laufen auf dem oftmals blau schimmernden Eis war dagegen richtig entspannend: eine ebene Fläche, keine Gegenströmung, keine komplizierten Hindernisse; wir peilten eine Richtung an und gingen einfach.

    Um den Abrieb am Bootsboden so gering wie möglich zu halten, trugen wir bei den Naledpassagen immer einen Rucksack auf dem Rücken. Der Untergrund bestand größtenteils aus Eispolygonen, die wie Bergkristalle aussahen und mit ihren Spitzen nach oben gerichtet für eine harte raue Oberfläche sorgten. Es gab aber auch immer wieder Bereiche mit einer matschigen Eisbrei-Auflage, bei der man nie genau wusste, wie tief man einsinkt – es hätte ja auch mal ins Bodenlose gehen können...















































    Zwischen den Naleds zeigten sich aber auch längere eisfreie Flussabschnitte, auf denen man klassisch treideln konnte. Die Strömung war hier allerdings schon etwas kräftiger, als im Unterlauf des Suntar, an einigen Stellen sogar so stark, dass mein Boot mich beinahe ins Wasser gerissen hätte – oder schlimmer noch – ohne mich abgehauen wäre. Robert schien weniger Mühe zu haben, gegen die Strömung anzukämpfen, die gebogene Form seines Bootes ließ es offenbar leichter über das Wasser gleiten.

    Da es um diese Jahreszeit nie wirklich dunkel wurde, gingen wir immer häufiger bis weit in die Nacht hinein. Vor allem an verzwickten Abschnitten erlaubten uns die „weißen Nächte“ noch so lange weiterzumachen, bis ein geeigneter Lagerplatz auftauchte. Manchmal sind wir erst gegen Mitternacht angekommen – und ins Zelt gekrochen, als es schon wieder heller wurde. Entsprechend spät fiel dann allerdings auch der Aufbruch am nächsten Tag aus...



    Zweiter Bärenbesuch

    Als ich eines Morgens schon wach im Zelt lag, hörte ich im Fluss ein lautes Platschen. Ich lugte durch den Zelteingang und sah, wie eine Elchkuh und ihr Junges flussabwärts trotteten. Kurz darauf folgte ein Bär. Dieser lief zunächst wie die Elche den Fluss hinab, doch dann wechselte er auf einmal die Seite und kam direkt auf unser Lager zu, genau genommen auf Roberts Zelt. Robert schlief aber noch und wusste nichts von seinem Glück, daher versuchte ich den Bären mit Rufen und lautem Topfgerassel zu erschrecken. Doch das schien ihn erst recht anzulocken und so nahm er plötzlich Kurs auf mein Zelt...

    Mist! Wäre ich mal bloß still geblieben, dachte ich mir. Ich saß wie angewurzelt noch halb im Schlafsack und hielt meinen Atem an. Was würde jetzt passieren? Hoffentlich tatscht er das Zelt nicht an, ging mir durch den Kopf. Und tatsächlich, es passierte nichts, er ging am Zelt vorbei und verschwand in der Aue. Ich wartete noch eine ganze Weile, ehe ich es wagte, hinauszuschauen. Auch Robert war inzwischen wach und schaute sich um – vom Bären war nichts mehr zu sehen.

    Ich hatte erwartet, dass er wenigstens versucht, an die Proviantsäcke zu gehen. Aber nachdem er zwischen Zelt und Booten keine typische Beute vorfand, hat er scheinbar schnell das Interesse verloren. Dass sich ein Bär so verhält, beruhigte natürlich etwas, falls es mal nachts einen Besuch geben würde. Doch dass ich mit meiner „Bärenglocke“ – dem immer bereit liegenden Topf mit Löffel, um einen Bär notfalls mit metallischem Lärm zu vertreiben – das Gegenteil erreichte, hat mich etwas nachdenklich gestimmt. Bei früheren Touren durch die russische Taiga fühlte ich mich mit dieser Vorkehrung immer gut vorbereitet, nun zählte sie nichts mehr...



    Zum Lager der Rentierzüchter

    Nach der Querung des letzten Naleds folgten wir einem Nebenarm des Suntar, der überraschend klar war. Nach Karte hätte er irgendwann wieder in den Hauptstrom führen müssen, doch schon bald merkten wir, dass wir in einer Sackgasse landeten. Der Flusslauf verjüngte sich immer mehr, wurde irgendwann zu einem Bach und versiegte schließlich als Rinnsal in einem versumpften Auwald. Um da wieder raus zu kommen, blieb uns nichts anderes übrig, als alles rund 800 m durch den Wald zurück zum Hauptstrom zu tragen.

    An diesem angelangt, hatten wir auf einmal mit richtigem Hochwasser zu tun. Schritt für Schritt kämpften wir uns am verholzten Ufer der reißenden Strömung entgegen. Wir kamen wirklich sehr sehr langsam voran. Ich kapitulierte als erster und begann mein Boot und das Gepäck am Ufer entlang zu tragen. Dann realisierten wir, dass wir gar nicht mehr auf dem Suntar waren, sondern einen größeren Zufluss, den Koltako hinaufgingen. Das war aber nicht weiter schlimm, da hier ganz in der Nähe das besagte Lager der ewenischen Rentierzüchter liegen musste. Wir hofften, irgendwann den Pfad zu kreuzen, der uns dort hin führen würde, doch wir fanden keinerlei Spuren. Erst am Abend, als es schon Zeit für ein Nachtlager war, legten wir zufällig an einer bis an den Fluss reichenden Weidefläche an und sahen die Hütte am anderen Ende – in etwa 1 km Entfernung.

    Am nächsten Tag packten wir alles zusammen und besuchten die Ewenen. Zwei ältere Männer waren anwesend, am Abend zuvor auch noch ein paar jüngere, doch die gingen bereits am Morgen mit den verbliebenen vier Rentieren zum See Balja. Damit war unsere letzte Hoffnung auf ein paar Tragetiere weg, denn auch Pferde gab es hier keine und die Aussicht auf einen nachfolgenden Trek war verschwindend klein. Immerhin konnten wir den Ewenen noch ein paar Lebensmittel abkaufen: Reis, Nudeln, Zucker, Konserven, Öl – sie hatten reichlich davon in einem riesigen Lager, gesponsort von der Kommission. Das Beste war aber das frisch gebackene Pfannenbrot, das sie uns noch mitgaben – ein wahrer Luxus hier draußen!!














  12. Fuchs

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    AW: [RU] Suntar-Chajata: 6 Wochen Treideln, Trekking, Rafting zum Ochotskischen

    #12
    Wow! Ich bin schwer beeindruckt!
    Gibt's einen bestimmten Grund wieso ihr zu dieser Jahreszeit dort unterwegs wart? Wäre es im Herbst nicht einfacher gewesen (weniger Wasser, kein Eis?).
    Froh schlägt das Herz im Reisekittel,
    vorausgesetzt man hat die Mittel.

    W.Busch

  13. Anfänger im Forum
    Avatar von bikevagabond
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    AW: [RU] Suntar-Chajata: 6 Wochen Treideln, Trekking, Rafting zum Ochotskischen

    #13
    Der Spätsommer oder Herbst wäre zum Treideln flussaufwärts definitiv besser gewesen. Da ich aber nur um den Juni herum länger frei nehmen konnte und auch sehr sehr gerne diese Tour vom hochkontinentalen Sibirien ans Ochotskische Meer machen wollte, haben wir es einfach versucht. Und etwas zu probieren, was vorher offenbar noch niemand gewagt hat (zu dieser Jahreszeit), reizte natürlich auch...
    Am Ende waren die Eindrücke so vielfältig, dass wir es auch nicht bereut haben. Im Gegenteil: das alles mal erlebt zu haben - das Aufbrechen des Eises, das Aufblühen des sibirischen Frühlings - das hatte was für sich. Durch das viele Schmelzwasser konnte man auch schon 8 km hinter dem Pass in den Nitkan einsteigen und mit dem Rafting beginnen. Im Herbst müsste man mehrere Tagesmärsche ranhängen, bis man genug Wasser vorfindet.

  14. Anfänger im Forum
    Avatar von bikevagabond
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    AW: [RU] Suntar-Chajata: 6 Wochen Treideln, Trekking, Rafting zum Ochotskischen

    #14
    Zurück zum Suntar

    Am späten Nachmittag verabschiedeten wir uns wieder von den Ewenen und folgten einem einfachen Pfad durch die Taiga zurück zum Suntar. Wir ließen gerade unsere Boote zu Wasser, als wir aus der Ferne ein Motorengeräusch vernahmen. Die Ewenen hatten uns erzählt, dass ein Kettenfahrzeug der Kommission auf dem Weg hierher sei, um die Rentiere in den Bergen zu zählen (rund 2000 wurden diesem Lager zugerechnet, einem Lager weiter westlich weitere 3000). Über Satellitentelefon erfuhren sie, dass das Kettenfahrzeug wegen Hochwasser am Ugamyt festsaß. Nun hatte es anscheinend doch noch einen Weg zu den Rentierzüchtern gefunden... Gesehen haben wir es aber nicht mehr, auch Menschen trafen wir im weiteren Verlauf keine mehr – während der gesamten Tour sollte dieser eine Besuch abseits unserer Route die einzige menschliche Begegnung bleiben.

    Wir treidelten weiter flussaufwärts. Der Wasserstand des Suntar war überraschend niedrig, von Hochwasser konnte hier absolut keine Rede sein. Wahrscheinlich hatte ein Regengebiet nur westlich von uns ordentlich was abgeladen, so dass eben nur die Zuflüsse von dort mehr Wasser führten. Das könnte auch der Grund gewesen sein, dass wir den von Westen kommenden Koltako als Hauptfluss interpretiert hatten und den Suntar als unscheinbaren Nebenarm...

    Dennoch war das Treideln nicht einfach. Der Oberlauf des Suntar bekam hier auf 1100 m (in zwei Wochen hatten wir erst 160 Höhenmeter bewältigt) allmählich mehr Gefälle und die Gegenströmung wurde entsprechend stärker. Vor allem beim Überwinden kleiner Schwellen hatte ich mit meinem Packraft mächtig zu kämpfen. Das Boot zerrte an mir, als wolle es keinen Schritt weiter gezogen werden. Robert hatte zwar auch Mühe, gegen den Strom zu gehen, doch sein Boot verhielt sich bei weitem nicht so widerspenstig wie meins. Hier zeigte sich nun endgültig, dass ein Packraft zum Treideln nicht besonders geeignet ist – zumindest bei spürbarer Gegenströmung.









    Bootsvergleich: Alpacka vs. Drakar

    Der Unterschied unserer Boote liegt vor allem in der Konstruktion. Während mein Alpacka Explorer (3 kg) als Packraft konzipiert nur eine Luftkammer besitzt, die den Rahmen des Bootes bildet, hat Roberts Drakar Meridian (7 kg) noch eine zweite Luftkammer in der Mitte, die dem Boot eine schnittige Form und höhere Steifigkeit verleiht. Dieser Mittelschlauch kann auch als eine Art Kiellinie verstanden werden, an der das Wasser beim Treideln viel leichter, ja fast widerstandslos vorbeiströmt. Dadurch ist auch Steuern vom Ufer aus möglich, indem man vorn und hinten ein Seil befestigt, das Boot in der Strömung ausrichtet und neben sich her zieht.

    Beim Packraft hingegen sorgt der flache Unterboden für eine Art Unterdruck auf der Wasseroberfläche, so dass sich das Boot regelrecht festsaugt und mit der Gegenströmung entsprechend stärker zurückgezogen wird. Man muss dadurch viel mehr Kraft aufwenden, um es vorwärts zu bekommen. Auch lässt es sich vom Ufer aus oder entlang einer Eiskante nicht so gut steuern. Um es in die gewünschte Richtung zu bekommen, muss man in der Regel vor dem Boot gehen und es direkt nach vorne ziehen.

    Ein weiterer Pluspunkt für das Drakar ist auch der geringere Abrieb am Bootsboden, da das Gepäck im Boot beim Ziehen über Schotter oder Eis nicht direkt auf den harten Untergrund stieß – der Mittelschlauch wirkte hier wie ein Stoßdämpfer... Der einfache Boden des Packrafts musste dagegen einiges wegstecken und so verwundert es nicht, dass er nach den Naledpassagen erstmals flächige Abrieberscheinungen aufwies – vor allem dort, wo der mitgeführte Rucksack die meiste Zeit auflag. Später, während der Portage zur Ketanda, kamen hier noch die ersten Löcher hinzu...

    Rettende Hütte am Nejdagytschan

    Nur wenige Kilometer oberhalb des Ewenen-Lagers gerieten wir das erste Mal in einen richtigen Dauerregen. Bei nur noch 5 Grad Lufttemperatur waren wir schon bald durchgeweicht und sehnten uns nach einem trockenen Platz zum Übernachten. An der Mündung des Seitenflusses Nejdagytschan sollte es eine Hütte geben – sie war auch in Strannics Karte verzeichnet und die Ewenen meinten, dass sie vom Fluss aus nicht zu übersehen sei. Von hier aus würde sich auch eine Besteigung des Palatka (2800 m) anbieten, doch die Zeit dafür war inzwischen zu knapp. Unweit der Hütte sollte es aber noch ein paar sehenswerte Wasserfälle geben.

    Als wir am Abend ein auffälliges Seitental mit breitem Schotterbett passierten, tauchte sie endlich auf: die ersehnte Hütte. Der Regen hatte inzwischen aufgehört, die Wolken lichteten sich und gaben im rot gefärbten Dämmerlicht ein paar frisch verschneite Berggipfel frei, während aus der feuchten Taiga Nebelschwaden emporstiegen – eine fantastische Szenerie! In klammer Kälte schleppten wir unsere Ausrüstung die Flussböschung hinauf und richteten uns in der rustikalen Hütte ein. Niemand war da, es herrschte aber ein Durcheinander, als ob die letzten Bewohner überstürzt aufgebrochen waren und jeden Moment zurückkehren würden. Wir machten ein bisschen Ordnung, fütterten den Ofen mit ein paar Holzscheiten und hingen unsere durchnässte Ausrüstung zum trocknen auf. Wir waren sichtlich froh, unter diesen Umständen eine beheizbare Unterkunft gefunden zu haben...

    Auf dem Tisch in der Mitte stapelten sich etliche Kisten mit Proviant und Zigaretten – mit Sicherheit auch ein Beitrag der Kommission. An Lebensmitteln schien es hier nicht zu mangeln und so erlaubten wir uns, noch ein paar Sachen abzuzwacken: einige Packen Nudeln, etwas Mehl und eine Prise Soda – das Pfannenbrot der Ewenen hatte mich inspiriert, es ihnen mal nachzumachen. Da unsere bisherigen Tagesrationen im Vergleich zur erbrachten Leistung recht knapp bemessen waren und wir das schon deutlich zu spüren bekamen (die körpereigenen Reserven waren weg), begrüßten wir es, dass die Mahlzeiten fortan etwas üppiger ausfallen durften...

















    Den Oberlauf hinauf

    Am nächsten Tag gab es herrlichen Sonnenschein und der Neuschnee in den Bergen taute wieder ab – perfektes Wetter für eine Wanderung. Da aber der Nejdagytschan gerade kein Wasser führte, sahen wir nun auch von einem Besuch der Wasserfälle ab und gingen wie gehabt den Suntar weiter aufwärts. Das Wasser war hier richtig klar – man konnte wieder sehen, wohin man tritt. Hin und wieder zeigten sich auch noch ein paar Eisfelder, aber keines blockierte mehr, man kam immer problemlos durch. Nur der grobe, teils rutschige Flussbettschotter und die weiterhin recht kräftige Gegenströmung ließen uns noch etwas schleppend vorankommen – rund 7 km betrugen jetzt die Tagesetappen.

    Da wir nun treidelnd die meisten Höhenmeter machten, gab es immer wieder strömungsstarke Stellen, an denen ich mit meinem Packraft keine Chance hatte und mich entschied, Gepäck und Boot vorübergehend am Ufer entlang zu tragen. Robert war meist schon weit vor mir und musste wiederholt eine längere Pause einlegen, damit ich aufholen konnte. Tatsächlich war Laufen im Schotterbett mitunter schneller, als Treideln, so dass ich schon nahe dran war, das Boot endgültig einzupacken. Doch die Schlepperei der nun wieder etwas schwereren Rucksäcke war mir dann auf Dauer auch nicht genehm und so blieb ich beim Treideln mit kurzen Portagen – so lange es der Fluss erlauben würde.

    Mit jedem Tag verengte sich das idyllische Tal mehr und mehr. Das Ende war schon erkennbar, als uns an einem verlassenen Lagerplatz der Ewenen noch einmal ein kalter Dauerregen für zwei Nächte festhielt. Die letzten Kilometer auf dem Suntar vergingen dann recht fix – noch bevor wir es richtig realisierten, standen wir in einem Bach und wenig später an dessen Quelle. Da der Hauptlauf des Suntar zu flach und steinig wurde, sind wir einen schmalen, aber tieferen Nebenarm hochgegangen, der nun vorzeitig endete. Der Choron, der uns zum Pass hinauf führen würde, war aber nicht mehr weit, also packten wir endgültig unsere Boote ein und gingen zu Fuß weiter. Nach nunmehr drei Wochen entlang des Suntar endete hier unsere Treideletappe auf einer Höhe von 1400 m (3 Tage Anmarsch, 16 Tage Treideln plus 2 Pausentage, einmal wegen Krankheit, einmal wegen Dauerregen).














    verlassenes Ewenen-Lager


    der Talschluss, hinten links gehts zum Pass


    erster Brotbackversuch





    Im Tal des Choron

    Zunächst kürzten wir wegelos durch ein Stück Lärchentaiga ab. Das war gar nicht so einfach, da wir uns jedes Mal genau merken mussten, wo wir den zurückgelassenen bzw. vorgetragenen Rucksack abgelegt hatten. Wenn man Etappen von 300 bis 500 m läuft, kann man sich auf dem Rückweg schon um einiges vertun. Die Taiga hier war aber recht abwechslungsreich, so dass wir in regelmäßigen Abständen markante Orientierungspunkte fanden und uns einprägten.

    Bei schon fortgeschrittener Abenddämmerung erreichten wir schließlich das breite Schotterbett des Choron. Ein kapitaler Elch polterte gerade am Wasser entlang, beobachtete uns eine Weile, verschwand dann aber rasch in der Taiga. Gefühlt waren wir plötzlich an einem vollkommen neuen Ort – umgeben von majestätischen schneebedeckten Bergen, die hier irgendwie abgelegener wirkten, als noch vom Suntar aus gesehen.

    Am nächsten Tag gingen wir weiter am linken Ufer entlang – meist im Schotterbett, teils aber auch durch die ufernahe Taiga. Immer wieder stießen wir dabei auf Segmente eines Pfades – ob Pferde- oder Bärenpfad, war allerdings nicht zu erkennen. Kurz vor der Baumgrenze fanden wir erneut eine Blockhütte (ebenfalls in Strannics Karte verzeichnet), allerdings war diese in einem schlechten Zustand mit offenstehender Tür, offenen Fenstern und marodem Dach. Dafür gab es einen soliden zweistöckigen „Labas“, der zur bärensicheren Ablage von Ausrüstung und Proviant geeignet wäre... Hinter der Hütte liefen wir noch bis ans Ende einer langen Gebüschaue und schlugen unser Lager an einem kleinen Nebenlauf des Choron auf. Hier konnten wir ein letztes Mal über Feuer kochen, ehe wir weiter in die karge Bergtundra aufsteigen und für einige Tage kein Holz mehr haben würden.






    Robert Aug in Aug mit dem Elch











    Entscheidung am Mus-Chaja

    Wie genau es weiter gehen soll, hatten wir allerdings noch immer nicht besprochen. Wir lagen bereits etliche Tage hinter unserem Zeitplan, weshalb ich mich innerlich schon fast damit abgefunden hatte, dass wir es nicht mehr zum Ochotskischen Meer schaffen würden. Doch was wären die Alternativen? Wir könnten den Mus-Chaja (knapp 3000 m) besteigen, müssten dann aber umkehren und auf gleichem Wege wieder zurückgehen – nach der mühsamen Treideletappe nicht gerade motivierend, zumal ein Rafting im Bereich der Naleds noch immer gefährlich wäre... Einen anderen Fluss zurück konnten wir aber nicht wählen, da wir von der Umgebung keine Karten hatten. Also vielleicht doch weiter nach Plan? Es lagen zwar noch mindestens 500 km Wildnis vor uns – mehr als das vierfache der bisherigen Strecke (wir hatten erst 120 km geschafft) – aber die sollten sich flussabwärts recht schnell überwinden lassen (Clemens berichtete von Tagesetappen bis 70 km).

    Nachdem ich das Ganze noch einmal gedanklich durchgespielt hatte, fasste ich neuen Mut und sah wieder eine realistische Chance, dass wir Ochotsk doch noch zum angepeilten Datum erreichen könnten – allerdings nur, wenn wir uns entsprechend ranhalten und jeden Tag voll ausnutzen. Für Robert kam so ein Durchhetzen aber nicht in Frage, ebenso eine Umkehr nicht – für ihn war der Höhepunkt der Tour hier in den Bergen des Suntar-Chajata und so versuchte er mich davon zu überzeugen, den Mus-Chaja nicht einfach fallen zu lassen. Ein paar Tage Verzögerung gab es ohnehin schon und mit dem Proviantbonus aus dem Ewenen-Lager könnten wir uns eine Besteigung des höchsten Gipfels (rund 5 Tage) durchaus noch erlauben, ehe wir unsere Route nach Ochotsk fortsetzen. Das wiederum kam aber für mich nicht in Frage, obwohl mich eine Bergbesteigung in dieser abgelegenen Gebirgsregion sehr gereizt hatte. Mir saßen ein paar wichtige Termine im Nacken, die mich nur den kürzesten Weg nach Ochotsk akzeptieren ließen... Robert hatte dagegen keinen Druck nach hinten raus, ihm stand genug Zeit zur Verfügung und so entschieden wir uns im Einvernehmen, die Tour auf getrennten Wegen fortzusetzen.

    Den Gemeinschaftsproviant teilten wir brüderlich in zwei Hälften. In meinen Augen war er gerade so ausreichend, um damit bis zum 9. Juli Ochotsk zu erreichen (ich rechnete bei gleich bleibenden Tagesrationen mit rund 16 Tagen). Robert hingegen meinte, seinen Anteil notfalls bis zum 23. Juli strecken zu können (er rechnete bei reduzierten Tagesrationen mit maximal 30 Tagen). Immerhin hatte er für die Bergetappe noch sein komplettes Paket an Trockenobst, Nüssen und Halva aufgespart, meinen Teil hatte ich schon während des Treidelns fast vollständig aufgegessen... Diesen Bonus hatte Robert am Ende auch gebraucht, da er während der Bergetappe ohne Kochen auskommen musste – Gaskocher und Gaskartuschen überließ er nämlich mir.

    Aufgeteilt haben wir auch die Karten. Glücklicherweise hatten wir die komplette Route sowohl in 1:500.000 als auch in 1:200.000, die Bergetappe zudem in 1:100.000. Da Robert ein GPS besaß, nahm er die 1:500.000er und für die Berge die 1:100.000er sowie Strannics 1:200.000er. Ich dagegen übernahm alle 1:200.000er, um mich auch ohne GPS ausreichend orientieren zu können. Soweit war also jeder nach seinen Vorstellungen versorgt, nur beim SPOT-Gerät fiel die Entscheidung nicht ganz leicht – für wen würde es wohl wichtiger sein? Wahrscheinlich blieb es am Ende nur deshalb bei mir, weil es auf meinen Namen lief...

    Weiter auf getrennten Wegen

    Den ersten Kilometer in Richtung Pass gingen wir noch gemeinsam. Robert wollte den für die Bergbesteigung nicht benötigten Teil der Ausrüstung und des Proviants schon mal hinaufbringen und anschließend wieder in sein Basislager zurückkehren, wo es noch Feuerholz gab. Erst danach würde er seine Bergtour über das Suntar-Chajata-Tal zum Mus-Chaja starten. Da er mit einem Rucksack schneller war, als ich mit meinen beiden, verschwand er schon bald aus meinem Sichtfeld.

    Der Choron führte hier oben erstaunlich viel Wasser. Wäre die Strömung nicht so stark, hätte man theoretisch noch treideln können. Aber schon die erste Querung des Flusses offenbarte die Wucht des Wassers, die mir fast die Beine wegfegte und Robert in einem ungünstigen Moment die Stiefel füllte. Mit diesen lief er dann noch bei Kälte, Wind und Regen die ganzen 8 km zum Pass und wieder zurück. Erst gegen zwei Uhr morgens passierte er mein Zelt, welches ich inzwischen aufgeschlagen hatte – hier verabschiedeten wir uns dann offiziell und hörten erst nach einem Monat wieder voneinander...







    Am nächsten Tag herrschte richtiges Sauwetter mit wiederholten Regenschauern – eigentlich ein Tag, den man getrost im Zelt verbringen konnte. Doch ich wollte keine Zeit verlieren, warf mir meinen Regenmantel über, krempelte die Watstiefel hoch und ging das Choron-Tal ohne große Pausen weiter aufwärts. Ich folgte dem Fluss auf der linken Seite, man konnte ihn nicht queren, er war voll vom Regen – eine reißende trübe Brühe. Mit der Zeit wurde das Gelände schwieriger, vor allem da, wo sich der reißende Strom durch kleine Schluchten bahnte und die Berghänge steinig oder sehr hoch waren. Später kamen noch vermehrt Schneefelder hinzu, in die ich teilweise oberschenkeltief einsackte. Roberts Spuren vom Vorabend verrieten, dass es ihm ähnlich erging. Irgendwann bin ich dann nicht mehr umhin gekommen, den Fluss zu furten, was auch oberhalb von zwei Zubringern an nur wenigen Stellen möglich war.

    Als ich einmal eine Felswand im strömenden Wasser umging, hörte ich plötzlich ein Poltern – wahrscheinlich nur eine Steinbewegung im Fluss. Aber mir war, als ob ein Stein direkt über mir abbrach und so schaute ich intuitiv nach oben. Im selben Moment verlor ich das Gleichgewicht und stürzte rückwärts ins eiskalte Wasser (der Quellgletscher war nicht mehr weit)... Ruckzuck riss mich die Strömung ein paar Meter flussabwärts, ehe ich in der Lage war, mich mit dem schweren Rucksack auf dem Rücken wieder aufzurichten. Was für eine bedepperte Situation! Ich war komplett nass, die Luft hatte 5 Grad und es gab weit und breit keinen Platz zum Zelt aufschlagen. Ich ging an eine trockene Stelle, leerte meine Watstiefel, zog fix all meine Klamotten aus, um sie auszuwringen und kramte im Rucksack nach trockenem Ersatz. Die Oberbekleidung wechselte ich, Hose und Socken zog ich wieder an. Es hat eine ganze Weile gedauert, aber irgendwann gelang es mir, mich wieder warmzulaufen... Im Gepäck hatte ich jetzt ein paar Kilo mehr – vollgesogene Sachen wiegen!






    hier war ich grad ins Wasser gefallen


    Roberts abgelegter Ortliebsack

    Dritter Bärenbesuch

    Im Schummerlicht des Abends erreichte ich endlich die Passhöhe und erspähte auf der anderen Talseite Roberts vorgetragenen Ortliebsack. Ob er hier sicher lagert? Was, wenn sich in der Zwischenzeit ein Bär daran vergreift? Beim Aufstieg hatte ich immer wieder Abdrücke von großen Bärentatzen gesehen... Wahrscheinlich hatte ich zu laut gedacht, denn gerade als ich auf der letzten schneefreien Fläche einen Platz zum Übernachten fand und meinen ersten Rucksack absetzte, sah ich vom Nitkan-Tal einen großen Bären auf mich zukommen.

    Da er noch weit weg und der Wind mit ihm war, hatte er mich noch nicht bemerkt und so lief ich rasch zurück zu meinem zweiten Rucksack, in dem sich auch der ganze Proviant befand, und stieg mit diesem einen schneefreien Berghang hoch, um den Bären aus scheinbar sicherer Distanz passieren zu lassen. Zunächst stapfte er unbekümmert dicht am Fluss entlang, doch als er auf Höhe meines zurückgelassenen Rucksacks war, witterte er etwas, richtete sich auf und rannte plötzlich zurück – direkt auf die Stelle zu, an der ich vorhin noch stand. Da mir aber eine kleine Anhöhe die Sicht versperrte, konnte ich nicht beobachten, was der Bär dort macht. Also stieg ich noch ein Stück höher, bis ich den Platz, an dem der Rucksack lag, einsehen konnte. Vom Bären war dann aber nichts mehr zu erkennen, offenbar hatte er das Weite gesucht und ist dahin zurück, wo er hergekommen war... Sicher war ich mir aber nicht, es gab genug Senken, die ich nicht überblicken konnte.

    Vorsichtig ging ich zurück an die Stelle, wo ich bereits durch den Schnee gegangen war und sah nun genau in meinen Fußstapfen die Abdrücke der Bärentatzen – er war wirklich exakt meiner Spur nachgegangen, direkt zum Rucksack! Der lag aber noch genauso da, wie ich ihn zurückgelassen hatte – der Bär war einfach daran vorbeigegangen, wie die weiterführenden Spuren im Schnee verrieten. Nachts machte ich mir noch Sorgen, dass er zurückkehren könnte, aber er tauchte nicht mehr auf.


    von da hinten kam der Bär





    Über den Pass zum Nitkan

    Am nächsten Morgen gab es kräftigen Wind und Sonnenschein – ideal zum Trocknen der noch nassen Klamotten. Jetzt bei diesem Licht wirkte die Passhöhe schon viel freundlicher, sogar einen Kuckuck hörte ich hier oben... Bis zum eigentlichen Pass, der Wasserscheide zwischen Choron und Nitkan bzw. der Grenze zwischen Jakutien und dem Chabarovsker Gebiet (rund 1950 m), musste ich noch ein kleines Stück gehen. Auf breiter Fläche lag hier noch eine Menge Schnee; der war aber schon so sehr mit Schmelzwasser durchtränkt, dass er sich beim Durchstiefeln in einen regelrechten Brei verwandelte. Bis an den Pass heran gab es einen markanten Abfluss, auch auf der Nitkan-Seite traf ich sofort wieder auf einen Bach mit abfließendem Schmelzwasser.

    Der Pass selbst war markiert durch einen Haufen aufgeschichteter Steine. Es war ein bewegender Moment, nach dreieinhalb Wochen nun plötzlich in ein anderes Tal zu schauen – eine neue unbekannte Landschaft lag vor mir und ich spürte, wie sie mich in ihren Bann zog... Ich hinterließ Robert eine Nachricht, damit er wusste, wann ich hier rüber bin – für den Fall, dass er früher umkehrt und mich noch einholen will.

    Der Abstieg in das Nitkan-Tal war recht steil. Eine enge Schlucht musste weit oben auf den Berghängen umgangen werden. Auch hier gab es immer wieder Schneefelder, die sich nur Schritt für Schritt mit kleinen vorgefertigten Trittflächen queren ließen, ansonsten wäre ich immer wieder bis zum Oberschenkel eingebrochen. Hin und wieder zeigten sich auch Fragmente eines Pfades – offenbar wählte ich intuitiv den richtigen Abgang.










    Pass (1950 m)




    Blick ins Nitkan-Tal





    Weiter unten gab es dann von rechts einen reißenden Zubringer, welcher schon so voll war, dass ich ihn gerade so noch queren konnte. Dahinter blieb ich dann auf der rechten Seite des nun beginnenden Nitkans und lief durch die Bergtundra dem Frühling entgegen, denn je weiter ich abwärts ging, umso mehr blühten die Wiesen. Dann an einer Stelle mal Hinweise auf menschliches Treiben: ein verrosteter Ofen, eine Kanne, leere Konservendosen... Immer wieder fiel mein Blick auf den brausenden Nitkan – er war zwar schon richtig voll, aber noch viel zu wild und gefährlich, um ihn zu Befahren.

    Etwa 8 km unterhalb des Passes fand ich dann endlich einen idealen Einstiegspunkt: eine herrliche Felspforte mit ruhigem Becken, dahinter nicht mehr ganz so wildes Wasser – ab hier wollte ich es versuchen. Ich füllte mein Boot mit Luft, verzurrte mein Gepäck, zog mir einen Trockenanzug über und stieg ins Wasser. Ganze 26 Tage hatte ich diesem Moment entgegengefiebert – kein Treideln mehr, sondern richtiges RAFTING!!!!









    Und noch ein kurzes Video:


  15. Fuchs

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    AW: [RU] Suntar-Chajata: 6 Wochen Treideln, Trekking, Rafting zum Ochotskischen

    #15
    Der absolute Hammer. Ihr seid ja die richtig echten Kerle, nein, richtig echte Kerle jammern nicht nach eineinhalb Tagen, wenn sie 60 kg Gepäck den Berg hoch tragen müssen (sondern nach eineinhalb Minuten). Aber immer schön vorsichtig, bei sowas kann man leicht kalte, nasse Füße bekommen

  16. Erfahren

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    AW: [RU] Suntar-Chajata: 6 Wochen Treideln, Trekking, Rafting zum Ochotskischen

    #16
    Sehr interessanter und schöner Bericht. Bin gespannt, wie es weiter geht. Danke!!

  17. Erfahren
    Avatar von OutofSaigon
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    AW: [RU] Suntar-Chajata: 6 Wochen Treideln, Trekking, Rafting zum Ochotskischen

    #17
    Hut ab, Kameraden! Fünf Sterne, ohne Zögern.
    Erstens für diese beeindruckende Tour als solche, zweitens für den Bericht und besonders die tollen Fotos (ich finde sie mindestens genauso gut wie manch andere, die ein Mehrfaches an Hits bekommen, aber so ein Forum hat wohl mitunter seine eigenen Gesetzmäßigkeiten...)

  18. Anfänger im Forum

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    AW: [RU] Suntar-Chajata: 6 Wochen Treideln, Trekking, Rafting zum Ochotskischen

    #18
    отлично!!! super tour

  19. AW: [RU] Suntar-Chajata: 6 Wochen Treideln, Trekking, Rafting zum Ochotskischen

    #19

  20. Dauerbesucher
    Avatar von sibirier
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    AW: [RU] Suntar-Chajata: 6 Wochen Treideln, Trekking, Rafting zum Ochotskischen

    #20
    Echt klasse Tour!!!
    Also grob 2 Monate von Haustür bis zur Haustür... Das muss ich mir überlegen.Es muss gesehen werden!

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