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    [DE] Kirschsaft mit dem Jagdpächter (Langhagen – Blankenberg)

    #1
    Mitreisende: Igelstroem
    Tourverlauf:

    Tag 1 (Dienstag, 14. Juli 2015):
    Langhagen – Klein Grabow (17,7 km)

    Tag 2 (Mittwoch, 15. Juli 2015):
    Klein Grabow – Groß Raden (34,7 km)

    Tag 3 (Donnerstag, 16. Juli 2015):
    Groß Raden – Blankenberg (20,9 km)






    Mecklenburg, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2015. Dies sind die Abenteuer des Wanderers Igelstroem, der mit seinem 988 g schweren Zelt drei Tage unterwegs ist, um fremde Galaxien zu erforschen, neues Leben und neue Zivilisationen. Wenige Zugstunden von der Hauptstadt entfernt dringt Igelstroem in Dörfer vor, die nie ein Wanderer zuvor gesehen hat ...


    Nee, noch mal von vorne: Die Wanderung beginnt dort, wo im März die vorige Tour beendet wurde, nämlich am Bahnhof Langhagen auf der Strecke Berlin-Rostock. Ziel ist der Bahnhof Blankenberg bei Warin. Dort endet vorläufig die Erkundung der mecklenburgischen Seenplatte, von der in der Einleitung des vorigen Berichts die Rede war. Oder zumindest ist Blankenberg der Endpunkt der Hypotenuse jenes rechtwinkligen Dreiecks, das ursprünglich die Leitfigur der Routenplanung war und jetzt in der Realisierung allmählich zerfällt. Als Nächstes könnte man nach Maßgabe dieses Dreiecks von Blankenberg nach Demmin (und von Demmin nach Feldberg) laufen, aber in Wirklichkeit wird wohl etwas anderes geschehen.



    Bahnstation Langhagen


    Ich habe ungefähr drei Tage Zeit. Tatsächlich bin ich nach Fahnenkorrektur und Nachtschlaf erst um 14:42 Uhr in Langhagen. Bei gelegentlichem Regen führt mein Weg zunächst ›durch den Wald links von der Straße‹, bevor ich nach einer Dreiviertelstunde auf den von früher her bekannten Fernwanderweg E9a treffe, dem ich nun ein paar Kilometer folgen werde.



    Igelstroem macht sich auf den Weg (Symbolbild)


    Typische Waldszene auf den ersten Kilometern


    Kartentechnisch betrachtet befinde ich mich hier in einer sogenannten Kompass-Zone, also in einem Gebiet, für das es keine Karte des Klemmer-Verlags gibt, so dass man auf eine solche des Kompass-Verlags (und auf den Kompass) angewiesen ist. Im Verlauf des zweiten Tages wird dann das Gebiet der Klemmer-Karte ›Sternberger Seenland‹ erreicht. Diese Karte ist hinsichtlich des Wegenetzes wesentlich zuverlässiger und aktueller. Sie ist zum Beispiel auch dann nützlich, wenn man wirklich dem ›Naturparkweg‹ E9a folgen will, denn die Markierung dieses Weges in der Natur ist vielerorts unzureichend, so dass man zur Wegfindung die Karte benötigt.

    Ich selbst laufe zunächst ›geografisch geradeaus‹, Krakow am See links und Güstrow rechts liegenlassend, bevor ich mich am zweiten Tag irgendwann entschließe, den E9a, so wie er auf der Karte verzeichnet ist, als Routenvorschlag zu akzeptieren.

    Die Gesamtroute ist in der untenstehenden Karte zu verfolgen. Das ist auch hier wieder kein GPS-Track, sondern eine nachträglich gezeichnete Route, daher bei starkem Reinzoomen nicht ganz exakt. Zum Betrachten sollte zunächst das Kartenfenster vergrößert werden (Schaltfläche rechts unter dem ›leeren‹ Höhenprofil); danach muss man evtl. in die Weltkarte hineinzoomen, bis in der üblichen Gegend ein gelber Strich sichtbar wird ...


    Maximize
    Minimize
    GPX-Track
    Für mehr Informationen, fahre mit der Maus über das Höhenprofil.
    Download GPX




    [Komme erst Anfang August wieder zum Schreiben ...]
    Geändert von Igelstroem (24.07.2015 um 23:10 Uhr)
    Lebe Deine Albträume und irre umher

  2. AW: [DE] Kirschsaft mit dem Jagdpächter (Langhagen – Blankenberg)

    #2
    Na dann bin ich ja mal gespannt auf deine Geschichten und Erzählungen dieser Erkundung. Schön das du dich endlich mal porträtiert hast, wenn auch komischerweise ohne Flecktarn.

  3. AW: [DE] Kirschsaft mit dem Jagdpächter (Langhagen – Blankenberg)

    #3
    Das Intro ist gut und der Titel lässt Spannung aufkommen wie gut Du mit dem Jagdpächter Kirschen essen konntest, äh Kirschsaft trinken

  4. Erfahren

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    AW: [DE] Kirschsaft mit dem Jagdpächter (Langhagen – Blankenberg)

    #4
    Very nuice Intro! Bin gespannt auf die ersten Begegnungen mit den gemeinen mecklenburgischen Klingonen.

    Grüsse,
    Eisen

  5. Gesperrt Anfänger im Forum

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    AW: [DE] Kirschsaft mit dem Jagdpächter (Langhagen – Blankenberg)

    #5
    Da freu ich mich aber auch auf weitere Infos! Das Intro macht Hunger auf mehr!

  6. Dauerbesucher
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    AW: [DE] Kirschsaft mit dem Jagdpächter (Langhagen – Blankenberg)

    #6
    [Fortsetzung Tag 1]


    Auf der anderen Seite der Autobahn A19 liegt das Dorf Serrahn als erstes Zwischenziel. Der Weg dahin ist ein gerades Asphaltband fast ohne Autoverkehr, links und rechts die mecklenburgische Landschaft, fast könnte man sagen: diese immergleiche Landschaft, die wie ein zu groß geratener Park wirkt, in dem man irgendwann mangels Parkbesuchern angefangen hat, Landwirtschaft zu betreiben. In den nächsten Tagen sehe ich weniger Mais als befürchtet, dafür andere Getreidefelder, teils sogar Weizen, manchmal noch ein bisschen grünlich, nur vereinzelt hat schon die Ernte begonnen.





    Dass man hier auf einem Asphaltband läuft (oder auf dem häufig gemähten Grasstreifen neben dem Weg), ist Schicksal. Der Darstellung auf der Karte kann man meist noch entnehmen, dass es sich wohl nicht um eine Straße mit störendem Autoverkehr handelt; aber ob es dann ein lauschiger Feldweg, eine historische Kopfsteinpflasterstraße oder eben ein makelloses Asphaltband sein wird, weiß man vorher nicht. Das gilt auch für viele Teilstrecken des E9a, und es gilt für beide genannten Karten.



    Autobahn A19 bei Serrahn


    Noch vor der Autobahn geschieht etwas völlig Unerwartetes, das mir den Atem verschlägt: Mir kommen zwei Wanderer entgegen. Nicht mit Tagesrucksäcken, sondern mit leichtem (oder sogar ultraleichtem) Mehrtagesgepäck. Wir sind hier auf einem europäischen Fernwanderweg, sicher, aber ich habe es trotzdem nicht für möglich gehalten. Daher auch gleich der Gedanke: ›Nur grüßen geht nicht, für Euch gibt’s jetzt kein Entkommen.‹

    Die beiden sind in der Tat wohl von Blankenberg losgelaufen, wo ich hin will, und haben überwiegend wild gezeltet. Also ganz ähnliche Verfahrensweise. Wir unterhalten uns über einige Details, unter anderem werde ich vor der schlechten Wegmarkierung gewarnt, erfahre aber auch, dass es in Serrahn eine Einkehrmöglichkeit gibt und dass dort das ›Bauernfrühstück‹ gegessen wurde.

    Nachdem ich die Situation sozusagen ausgekostet habe – auf Leute zu treffen, denen man nicht erst erklären muss, dass man wandert – und ihnen meine Blog-Adresse aufgeschwatzt habe, lasse ich sie schließlich ziehen und eile weiter, über die Autobahn, nach Serrahn zum Essen. Genau genommen bin ich ja eben erst losgelaufen, aber da ich heute noch nicht viel zu mir genommen habe, passt das ›Bauernfrühstück‹ schon. Die Bestellung erfolgt entsprechend indiskret: »Also die beiden Fernwanderer, die mir vorhin entgegengekommen sind, haben da irgendein Bauern- ähm Dingsomelett empfohlen, das hätte ich gern.« Später, als ich das Geschirr reintrage, wird das mit dem Sprüchlein »Das klappt ja schon ganz gut« gratifiziert, worüber ich fast das geplante Bezahlen vergesse.



    Serrahn


    Serrahner Hofladen, Café und Bistro

    »Was wahrhaftig ist, was ehrbar, was gerecht, was keusch, was lieblich,
    was wohl lautet, ist etwa eine Tugend, ist etwa ein Lob, dem denket nach.«


    Die (ganzjährig außer montags geöffnete) Gaststätte ist im Übrigen ganz gut besucht, und an einem der Nachbartische verstricke ich eine Familie in eine Karten- und Routendiskussion. Der Radweg Richtung Krakow am See ist asphaltiert; na gut, dann laufe ich jetzt Richtung Koppelow, auch wenn das ein bisschen an die Nazi-Diskussion erinnert.



    Nebel bei Serrahn

    Gleich hinter Serrahn überquert man die Nebel (ein kleines Flüsschen) im Bereich des Durchbruchstals, und ich filtere ein bisschen Nebelwasser, nachdem ich in der Gaststätte vergessen habe, die Wasserflaschen aufzufüllen.

    Südlich von Koppelow bietet sich eine Abkürzung Richtung Groß Grabow an: zuerst ein befahrbarer Waldweg, der dann im weiteren Verlauf zunehmend zugewachsen ist. Da ich jetzt eine performative Isomatte auf dem Rucksack trage, bleibe ich wiederholt an Ästen hängen und muss mich tief bücken. Wahrscheinlich kommt mir gleich der Jagdpächter entgegen, denke ich, und meine sperrige Ausrüstung wird eine rasche Flucht vereiteln. Der Weg hat sich in einen Pfad durch eine Laubholz-Dickung verwandelt. Es ist ein komisches Gefühl: Man denkt, nach aller Erfahrung könne es jetzt eigentlich nicht mehr schwieriger werden, aber dann wird der Weg noch enger und noch dunkler; Igelstroem bricht durchs naturgeschützte Unterholz des Nebeltals und Kanchen Junga (so heißt die Matte) kriegt Kratzer. Aber dann komme ich doch irgendwo heraus und trabe erleichtert weiter nach Groß Grabow.





    Erleichtert? Groß Grabow liegt an der Straße von Krakow nach Hoppenrade und ist eine Ortschaft der dritten Art. Man kann das auf der Karte ja üblicherweise nicht erkennen. Manche der Dörfer in dieser Gegend sind berückend hübsch, mitunter auch mit etwas privatem Geld gleichsam durchsaniert und zu still blühender Landschaft geworden, andere menetekeln noch von Verfall oder vom baldigen Untergang der DDR. Groß Grabow gehört zu dieser letzteren Gruppe. Das Gutshaus wird zwar genutzt, wirkt aber ein wenig unentschlossen zwischen den aus der Zeit gefallenen baulichen Hinterlassenschaften einer LPG, die dem ganzen Ort eine bedrückende Atmosphäre verleihen.





    Da das Gelände des Gutshauses nicht direkt durchquert werden kann, ist man gezwungen, einen Umweg über die Straße zu laufen und sich alles anzusehen. Aber ich fotografiere kaum. Bin ja kein Historiker; deshalb überwiegt das Gefühl, dass es voyeuristisch wäre, hier jetzt unbedingt das unmittelbare Gefühl ins Bild zu bringen, das ich beim Durchlaufen hatte.

    Der Gerechtigkeit halber sollte man hinzufügen, dass es auch in Groß Grabow, wie an vielen anderen Orten, ›Projekte‹ der Wiederbelebung früherer Funktionsgebäude gibt, hier etwa des ehemaligen Kulturhauses, das jetzt ein privates Gästehaus ist.


    Auf Groß Grabow folgt Klein Grabow, und dazwischen überquert man die stillgelegte Bahnlinie Güstrow-Meyenburg.



    Kopfsteinpflasterallee zwischen Groß Grabow und Klein Grabow


    Riesenpusteblume am Feldrand



    Klein Grabow ist anders. Eher einer der Orte, wo sich die einzelnen Häuser auf großen Gartengrundstücken hinter Hecken verbergen, so dass man ungesehen und fast ohne etwas zu sehen hindurchlaufen kann. Aber ein Gutshaus gibt es auch hier. Und wenn man Straßenbeleuchtung braucht, kann man sie telefonisch bestellen; ein Schild unter dem Ortsschild weist darauf hin und vermeldet eine Telefonnummer.



    Dornröschenschloss in Klein Grabow


    Abendweg


    Inzwischen ist es acht Uhr geworden und ich suche einen Schlafplatz. Hinter Klein Grabow soll es die nächste geeignete Heuwiese sein. Und diese Vorgabe ist dann auch erfolgreich. Zuerst kommen Getreidefelder, aber nach einer Weile präsentiert sich zur Linken zwischen Wald und Maisfeld ein weitläufiges, welliges Grasland, das Platz für tausend Zelte böte.



    Landschaftsausblick am Zeltplatz (Blick nach Norden)


    Ich installiere mich nur ein paar Schritte vom Weg unter den Ästen einer großen Eiche. Ein ebener, trockener Platz mit Landschaftsausblick, von dem ich irrtümlich annehme, dass er morgen früh im Schatten liegen wird, so dass ich nicht gleich mit der Morgensonne aufwachen sollte. Das Außenzelt wird diesmal zur Gänze aufgerollt, weil ich ja die Rehe äsen sehen will. Die halten aber nichts von Erlebnisinszenierung, so dass mir nichts anderes bleibt, als nach Kurzkochreis und Zurechtwurschteln des Schlafsystems in die Nacht hineinzudämmern.

    Später nachts wache ich auf, weil etwas Wind aufkommt und in den Ästen der Eiche vor sich hin rauscht, während der Mond sich nicht entscheiden kann, ob er jetzt durch die Wolken ›brechen‹ soll oder nicht. Wenn es jetzt Sturm gibt, krachen die toten Äste runter (und wenn es regnet, werde ich nass), aber stattdessen schlafe ich doch wieder ein ›wie die Lilien auf dem Felde‹.
    Geändert von Igelstroem (02.08.2015 um 02:32 Uhr)
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  7. Vorstand
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    Avatar von lina
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    AW: [DE] Kirschsaft mit dem Jagdpächter (Langhagen – Blankenberg)

    #7
    Sehr schön, danke für’s gedankliche Mitnehmen :-)

    Die Riesen-Pusteblume ist übrigens sehr wahrscheinlich ein Wiesen-Bocksbart.

  8. AW: [DE] Kirschsaft mit dem Jagdpächter (Langhagen – Blankenberg)

    #8
    Uuuund??? Was ist denn jetzt mit dem Kirschsaft?
    Nee, im Enst: Eine Fortsetzung würde mich freuen. Das war ja ein echter Cliffhanger!
    “Perfektion ist nicht dann erreicht, wenn man nichts mehr hinzufügen, sondern wenn man nichts mehr weglassen kann.”

    (Antoine de Saint-Exupéry, französischer Schriftsteller, 1900 – 1944

  9. Erfahren
    Avatar von stoeps
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    AW: [DE] Kirschsaft mit dem Jagdpächter (Langhagen – Blankenberg)

    #9
    Ja.
    Weiter!
    Ist so schön …
    Two roads diverged in a wood, and I,
    I took the one less traveled by,
    And that has made all the difference. – Robert Frost

  10. Dauerbesucher
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    AW: [DE] Kirschsaft mit dem Jagdpächter (Langhagen – Blankenberg)

    #10
    Ich muss mich halt zeitweise gewissen Wertschöpfungsmachenschaften hingeben. Und schon Bismarck wusste, dass Reiseberichte über Mecklenburg immer erst 50 Jahre später erscheinen. Oder so.
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  11. AW: [DE] Kirschsaft mit dem Jagdpächter (Langhagen – Blankenberg)

    #11
    Ein Traum dieser Bericht, ich bin gespannt wie ein Flitzebogen auf die Fortsetzung

  12. Fuchs
    Avatar von blauloke
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    AW: [DE] Kirschsaft mit dem Jagdpächter (Langhagen – Blankenberg)

    #12
    Jetzt wird es aber langsam mal Zeit mit der Fortsetzung.
    Du kannst reisen so weit du willst, dich selber nimmst du immer mit.

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    Avatar von Igelstroem
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    AW: [DE] Kirschsaft mit dem Jagdpächter (Langhagen – Blankenberg)

    #13
    Zitat Zitat von blauloke Beitrag anzeigen
    Jetzt wird es aber langsam mal Zeit mit der Fortsetzung.
    Das sehe ich auch so. Im Blog habe ich aber in den letzten Wochen auch nichts geschrieben. Umständehalber muss ich zurzeit sehr ›straight‹ meiner Arbeit nachgehen, und wenn man den ganzen Tag die Elaborate irgendwelcher anderen Menschen umformuliert, geht es einem am Abend ungefähr so wie dem Erzähler in Thomas Bernhards »Auslöschung«:

    »›Mecklenburg‹, hatte ich zu Gambetti gesagt, ich klopfe mir an den Kopf und er ist leer. ›Jagdpächter‹ sage ich mir und ich klopfe an meinen Kopf und er ist leer. Ich klopfe an meinen Kopf und sage ›Kirschsaft‹ und ich habe einen vollkommen leeren Kopf.« (Vgl. ebd., S. 159)

    Das ist der Grund. Aber alles wird gut.
    Lebe Deine Albträume und irre umher

  14. AW: [DE] Kirschsaft mit dem Jagdpächter (Langhagen – Blankenberg)

    #14
    Ausgerechnet Thomas Bernhard, ausgerechnet "Auslöschung". 650 Seiten ohne Leerzeile, ohne Absatz, ohne kürzere Zeilen. 650 Seiten purer Blocksatz! Na gut, wenn auch völlig aus dem Zusammenhang gerissen:


    Zitat Zitat von Thomas Bernhard, (Vgl. ebd., S. 615) leicht angepasst ans Forum
    Ich halte mich für befähigt und zuständig, das aufzuschreiben, das mir des Aufschreibens wert erscheint, weil es mir wichtig ist und dazu noch ein großes Vergnügen für die Leser ist - womöglich, wie ich denke.

    [...]

    Eine Art literarischer Realitätenvermittler, habe ich zu Gambetti gesagt, ich vermittle literarische Liegenschaften sozusagen.
    "Auslöschung", Thomas Bernhard, Suhrkamp.

    Mach mal weiter.
    .

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    AW: [DE] Kirschsaft mit dem Jagdpächter (Langhagen – Blankenberg)

    #15
    Tag 2 (Mittwoch, 15. Juli 2015):
    Klein Grabow – Groß Raden (34,7 km)




    Um kurz vor sechs donnert auf dem Feldweg ein Auto vorbei, ein kleiner Kastenwagen. Hohes Tempo, wahrscheinlich Erwerbsabsichten, diagnostiziere ich im Aufwachen. Früher Vogel fängt den Wurm.

    Ungeachtet meines Meteorologiestudiums und der daraus abgeleiteten Erwartung, dass ich morgens im Schatten liege, scheint die Sonne ins Zelt. Ich nehme meine TAR Prolite XS und stelle sie (im Einklang mit der Doktrin, dass jeder Ausrüstungsgegenstand mehr als einen Zweck erfüllen muss) als Sonnenschutz auf, um noch einmal einzuschlafen, aber es fruchtet nicht.







    Gegen sieben Uhr stehe ich auf, fotografiere mein Zelt und wende mich alsdann meinem Kurzkochreis zu. Bin ja sehr vorsichtig; also wird der Kocher im feuchten Lehm am Rande des benachbarten Maisfeldes aufgestellt, nicht auf der trockenen Wiese. Das neue Esbit-Kochset, finanziert aus einem verfallsbedrohten Globetrotter-Gutschein, bewährt sich nicht besonders. Man braucht mehr Brennstoff als bei der im vorigen Bericht gezeigten deutsch-schweizerischen Wehrkraftimprovisation, und außerdem bedingt die Bauart der Tasse einen höheren Verbrauch an Tempotaschentüchern bei der Reinigung.

    Kurzkochreis. Kaffee. Sonne. Kannst jetzt mal losgehen, bevor Du wieder müde wirst.

    Beim Einpacken des Zelts finde ich sechs Ohrenkneifer auf der Innenseite des Außenzelts. Euch packe ich jetzt nicht mit ein, lasst euch mal wegschnipsen. Alles noch mal genau angucken.








    Der Blick auf die beiden Wanderkarten zeigt, dass es geografisch vernünftig ist, sich ein bisschen in nordwestlicher Richtung zu bewegen, um dann bei Tieplitz mehr oder weniger auf den Wanderweg E9a einzuschwenken. Man könnte ihn auch früher erreichen, z.B. bei Lohmen, aber das wäre mutmaßlich in der Gesamtbilanz ein Umweg. Also jetzt möglichst geradlinig über Bellin und Zehna nach Ganschow, und so weiter.





    Dünn besiedelte Gegend, tausend Dörfer, tausend Rittergüter. Tausend Ortsnamen, die sich kein Mensch ausdenken kann. Man muss sich das so vorstellen: Westfälischer Einwanderer trifft auf slawischen Einwanderer und fragt ihn, wo er hier hingeraten ist. Der verarscht ihn ein bisschen, und später, nachdem sich die beiden zum mecklenburgischen Ureinwohner vermischt haben, heißt es dann ›Kobrow‹ oder ›Witzin‹ oder ›Kukuk‹.



    Zuerst gehe ich aber nach Marienhof, wo man vielleicht Wasser bekommt, das ist nämlich knapp geworden. Dort angekommen, fehlt schon mal der auf der Kompass-Karte verzeichnete Weg zum örtlichen See. Vor dem Gutshaus treffe ich zwei Männer und frage nach Wasser. Es gibt einen Außenwasserhahn am Gebäude, kein Problem.





    Eine Frau überquert den Vorplatz und ruft herüber: »Da freuen sich die Mücken! Endlich Nahrung!« Und Kanchen Junga, als weithin sichtbares Zeichen meiner Absichten und Gepflogenheiten oben auf dem Rucksack festgeschnallt, knarzt schuldbewusst.

    Der Weg am See ist nicht mehr begehbar, so die Auskunft. Alles zugewachsen; selbst die Angler kommen da mit der Machete nicht mehr durch.



    Ich laufe also entlang der Asphaltstraße nach Bellin. Dort gibt es ein Radler-Hostel; ›eingeschossiger, unaufdringlicher Zweckbau‹, könnte man sagen. Außerdem ein mondänes Hotel im früheren Jagdschloss, weit hinten im Park liegend, abgesperrt und gut getarnt durch verfallende Wirtschaftsgebäude vorn an der Straße.








    Weiter auf Asphalt. Hin und wieder fährt ein Auto. Wenn sie mir entgegenkommen, trete ich immer weit zur Seite, zwischen die Straßenbäume, damit sie nicht auf die Gegenspur ausweichen müssen. Aber sie tun es doch.





    Man könnte einen Versuch machen, diese Strecke auf Feldwegen zu umgehen, aber auf die Karte ist kein Verlass, und der spätere Blick auf Google Earth bestätigt das Misstrauen. Wenn der dünn gezeichnete Weg nicht zwei Ortschaften unmittelbar miteinander verbindet, besteht zwischen den Feldern immer das Risiko, dass er inzwischen kommentarlos weggepflügt worden ist.





    Links von der Straße: endloses Grünland ohne Zäune, wie an meinem Schlafplatz. Das kennt man aus Westdeutschland kaum. In Mecklenburg haben sich zwei Herzöge und tausend Ritter das Land geteilt; für kleinere Einheiten blieb nicht viel übrig. Die Kinder der abhängigen Landarbeiter wanderten daher im 19. Jahrhundert häufig nach Amerika aus, weil sie hierzulande keine Perspektive hatten. Auch Bildung war kein Thema: ›Ein Ochse vor dem Pflug, einer dahinter.‹ Manchmal wird die sprichwörtliche Rückständigkeit der Gegend auf diese ritterliche Tradition zurückgeführt.



    Das Dorf Zehna zehrt vom Charme seiner Durchgangsstraße. Weil ich Hunger habe und es eine andere Sitzgelegenheit nicht gibt, mache ich eine Pause an der zentralen Bushaltestelle. Ästhetisch ist das kein Vergnügen.

    Dann biege ich Richtung Ganschow ab. Kein Verkehr mehr, plötzlich wird es ruhig. Bei einem der letzten Häuser sehe ich jemanden bei offener Tür in einem Anbau, einer Art Garage sitzen. Könnte man eigentlich mal wieder nach Wasser fragen, denke ich: wenn da schon mal ein Mensch ist. Gehe also wieder zurück und sage Guten Tag. Der Anbau ist so eine Art Hobby- oder Freizeitraum, da sitzen jetzt drei Männer statt einem und spielen Karten. Ich frage also nach Wasser und bekomme es auch; nebst dem üblichen Gespräch im Stehen. Schon nach ein paar Sätzen fragt dann einer ganz trocken: »Hamse dich ausgesetzt?« Nee, hab mich selbst ausgesetzt. Bin ich aber schon mal gefragt worden, erzähle ich ihm. Das war, als ich in die andere Richtung gelaufen bin, so Richtung Vorpommern. Das ist aber weit weg, meinen die drei, da würden sie nicht zu Fuß hingehen; wenn überhaupt.



    Der Weg von Zehna nach Ganschow ist immer noch eine Asphaltstraße, aber so gut wie verkehrsfrei. Weizenfelder zu beiden Seiten, kräftige Farben, weiter Ausblick. Zur Rechten sieht man in der Ferne Güstrow liegen, zwischen den Windkraftanlagen. Näher als jetzt werde ich der Stadt auf meinem Weg nicht mehr kommen.









    Ganschow ist wahrscheinlich ganz nett zum Wohnen, wenn man in Güstrow arbeitet. Jedenfalls sieht es so aus; ein Eigenheimstraßendorf. Während ich durchs Dorf laufe, überholt mich eine Frau auf dem Fahrrad. Am Ende des Dorfes sitzt sie dann im Buswartehäuschen, macht sozusagen eine Zigarettenpause. Sie sieht mich nicht kommen, und als ich vorbeigehe, erschrickt sie hörbar. Bin ja auch der einzige Passant hier.
    »Sie haben mich doch vorhin erst überholt; kann ja eigentlich nicht sein, dass Sie sich jetzt so erschrecken.«
    »Das stimmt wohl, aber hach, Sie kamen so plötzlich!«

    Mehr ist aus Ganschow nicht zu berichten, außer vielleicht, dass es hier ein richtiges Gestüt gibt, mit vielen schönen Pferden auf der Weide.




    Nach Ganschow kommt Schönwolde, das ist nur um die Ecke und wirklich idyllisch. Irgendwo zwischen den Gartengrundstücken gibt es einen kleinen Dorfplatz mit Tischtennisplatte, da mache ich jetzt (es ist kurz nach zwölf) meine Mittagspause mit Kurzkochreis. Am Gartenzaun eines alten Schilfdachhauses erscheint jemand und grüßt. Ich gehe hinüber und es entspinnt sich ein längeres Gespräch über das Wandern, über Mecklenburg, über das Haus und alles Übrige. Der Mann kommt aus Bayern. Er grüßt eigentlich jeden, sagt er; es bewähre sich doch, immer erst mal freundlich zu sein, und die alten Damen in seiner Nachbarschaft seien ja auch immer dankbar, wenn jemand mit ihnen redet. Außerdem sei er ziemlich kurzsichtig, das sei auch ein guter Grund, erst mal jeden zu grüßen.
    Sein kleines IT-Unternehmen hat er irgendwann verkauft und ist dann zunächst für ein paar Jahre nach Italien gezogen, bis es ihm zu heiß wurde: klimatisch nämlich. Bei irgendeiner Gelegenheit ist er mit dem Auto durch Mecklenburg gefahren und fand es schön. Also hat er sich dort ein altes Haus gekauft und es saniert. Probehalber hat er es zum Kauf angeboten, und der Preis war so gut, dass er es wirklich verkauft und sich dieses hier gekauft hat, das er jetzt ebenfalls renoviert.
    Während wir übers Wandern und meine Selbstversorgung reden, fragt er mich, ob ich irgendetwas brauche, und ich sage ihm: Eigentlich habe ich alles dabei, aber es ist schon so, dass man unterwegs einen Kaffee nie ablehnen würde. Falls Sie also gerade noch einen Rest in der Kaffeemaschine haben. Er verschwindet im Haus, während ich meinen Reis esse, und kommt nach einer ganzen Weile mit einem Cappuccino wieder heraus.

    Als ich von hier wieder aufbreche, ist eine Dreiviertelstunde vergangen.









    Hägerfelde, Groß Upahl, Tieplitz sind die nächsten Stationen. Erst ein schöner Feldweg, dann wieder wenig befahrene Straße. Ich habe ein paar Gedächtnislücken, weil ich nur wenige Bilder gemacht habe. Oder vielleicht deshalb, weil ich Hunger hatte. In Groß Upahl umkreise ich jedenfalls die Feldsteinkirche und entdecke ein Pilgerwegzeichen.









    In Tieplitz gibt es ein Restaurant, direkt an der Bundesstraße 104 gelegen. Der Betreiber hat seine eigene Werbestrategie: letztes deutsches Restaurant im Sternberger Seenland – oder so ähnlich. Man versteht das besser, wenn man in den Kleinstädten des Bundeslandes ein paar Multi-Asia-Imbisse gesehen hat, die mit ›internationalen Spezialitäten‹ werben. Hier also deutsche Küche, »reichlich und gut«. Ich bin der einzige Gast (es ist mitten am Nachmittag) und muss erst im Inneren nach dem Personal suchen; fast gehe ich in die Küche, denn da rumort doch jemand.

    Was ich gegessen habe, draußen auf der Terrasse, weiß ich nicht mehr. Aber es war irgendein Klassiker, reichlich und ganz gut und sehr schwer. Daran trage ich noch eine Weile.

    Vom Restaurant geht es ein paar hundert Meter an der stark befahrenen Bundesstraße entlang, dann biege ich auf den Wanderweg E9a ab, Richtung Grünenhagen. Die Restaurantpause hat ziemlich lange gedauert, deshalb ist es schon kurz vor sechs, als ich in Grünenhagen ankomme, wo auf der Karte die Ruine eines Gutshauses verzeichnet ist. Die Kennzeichnung ist ganz richtig, es gibt ein Gutshaus, das in schäbigstem Verfall begriffen ist. Außerdem gibt es eine Bushaltestelle, wo man sitzen kann, wenn man zu schwer gegessen hat und unbedingt mal wieder sitzen muss. Zwanzig Minuten vielleicht.



    Dann weiter nach Lübzin. Hinterm Wald soll der Wanderweg einem Knick, also einem Gehölzstreifen zwischen den Feldern folgen, aber er ist zugewachsen oder weggepflügt. Ich weiß, wo er sein sollte, finde aber keinen Weg. Egal: Also weiter zur Straße und dann auf dem Radweg nach Lübzin.



    Leucodonta bicoloria (irgendwo im Wald)


    Habe ich in Tieplitz meine Wasserflaschen nicht aufgefüllt? Könnte sein. Jedenfalls will ich das in Lübzin tun (notfalls das Wasser aus dem See filtern) und mir danach irgendwo hinter dem Dorf einen Schlafplatz suchen. Auf der Karte sieht es so aus, als wäre das möglich. Bin jetzt annähernd 30 km gelaufen.



    In Lübzin drängt sich der Zugang zum See nicht gerade auf. Aber dafür treffe ich jemanden auf der Straße. Drahtiger Typ mittleren Alters; ist gerade dabei, den Gehweg vor seinem Haus zu fegen. Ich frage ihn, ob er vielleicht meine Wasserflaschen auffüllen könne. Das macht er dann. Ich stelle meinen Rucksack auf den Gehweg und warte ein Weilchen, und als er wieder aus dem Hause kommt, hat er eine Flasche und zwei Gläser dabei. Ich befürchte erst, dass ich jetzt vielleicht mit einem selbstgemachten Pflaumenwein abgefüllt werde, aber es ist Kirschsaft. Wir unterhalten uns eine Weile und leeren derweil nach und nach die Flasche.

    Das Wasser aus dem See sollte man lieber nicht filtern, hier sei das Oberflächenwasser überall nicht so empfehlenswert. Ich erzähle ihm, dass ich in einem der letzten Dörfer, »Tirpitz oder so ähnlich«, im Restaurant gewesen bin; Tieplitz heißt das, kennt er; die Tirpitz liege ja jetzt in irgendeinem norwegischen Fjord. Klar weiß ich das, schwimmende Festung und so, dann versenkt.

    Wie sieht denn das eigentlich hinter dem Dorf aus; ob man da vielleicht eine schöne gemähte Heuwiese findet? Muss ja bald mal einen Schlafplatz suchen. Na ja, meint er, einen Platz könnte man da schon finden, aber das sei nun gerade sein Jagdrevier, und Campen ist generell nicht so beliebt wegen Wildstörung und so weiter. Aha, denke ich, endlich endlich mal ein leibhaftiger Jagdpächter; ja verstehe, wird ja auch in Internetforen unter Wanderern viel diskutiert; vielleicht können Sie mir einen anderen Platz empfehlen, wo ich nicht störe? Er rät mir, bis nach Groß Raden weiterzugehen, wo es am Freilichtmuseum eine Badestelle gebe. Da könne ich doch mein Zelt aufstellen, dann käme ich auch weniger mit dem Gesetz in Konflikt. Hm ja, Gesetz, denke ich im Hinterkopf. Nichtmotorisierter Wanderer darf Zelt aufstellen, sofern jagdpächterlich dazu befugt. Oder ähnlich.

    Das Gespräch geht noch eine Weile weiter und hat gewisse lorioteske Züge. Er hält mir einen knurrigen Vortrag darüber, was die Leute so alles in der Landschaft hinterlassen, wenn sie dort lagern oder nächtigen. Von unvergrabenem Kot und Klopapier ist die Rede, von Glasflaschen und von Feuerstellen. Mache eh kein offenes Feuer, Glasflaschen viel zu schwer, allen Müll mitnehmen, klar; im Hinterkopf mal kurz die Tempotaschentücher vergraben, war ja zum Glück nicht in Deinem Revier, sondern jetzt schon dreißig Kilometer weit weg.


    Aber auch meine Wanderung und meine Ausrüstung interessieren ihn. Ob ich also mit meiner Wanderung jetzt sozusagen an meine Jugend anschließe. Der Hintersinn der Frage entgeht mir, deshalb erzähle ich ihm von den Wandergewohnheiten meiner Familie.

    Der Rucksack sieht britisch aus. Das stimmt, das ist ein Berghaus Centurio. Und so weiter.

    »Na ja«, meint er zum Schluss: »Die neuen Lowa-Stiefel ... Die Hose, die auch noch nicht so richtig abgenutzt aussieht ... Ich sach dann mal: Gute Reise und Glück ab

    Nachdem wir uns so verabschiedet haben, laufe ich also aus dem Dorf hinaus, durch sein Jagdrevier, dann noch ein ganzes Stück durch den Wald bis zum Groß Radener See.










    Als ich dort ankomme, dämmert es schon ein wenig. An der Badestelle gibt es einen Steg und einen ziemlich weitläufigen Spielplatz. Ein paar Meter weiter oben das moderne Gebäude des archäologischen Freilichtmuseums, das Informationszentrum sozusagen.



    Archäologisches Freiluftmuseum (Informationszentrum); Blick von meinem Zeltplatz (am nächsten Morgen)


    Während ich mir einen Platz für mein Zelt suche (denn ich werde jetzt wirklich hier bleiben) und noch einmal Reis koche, verlassen die letzten Tagesgäste den Spielplatz, und wenig später treffen zwei Nachtangler ein, um ihr Boot zu Wasser zu lassen. Ich habe ja mein Zelt inzwischen aufgebaut, und so können wir uns noch in aller Ruhe unterhalten, während es allmählich dunkel wird und die beiden (später kommt noch ein dritter hinzu) ihre Vorbereitungen treffen. Vom Angeln habe ich keine Ahnung, muss also erst fragen, was man denn nachts üblicherweise fängt. Meinerseits erzähle ich von meinem Zusammentreffen mit dem Jagdpächter und dass er mich hierher verwiesen hat. ›Zelt, Wildstörung, man kann’s auch übertreiben.‹

    Der Jüngere von beiden hat mal in Potsdam Wirtschaft studiert. Wir reden über Stadt und Land und Mecklenburg. Er ist hier aufgewachsen, liebt die Gegend. Mecklenburg ist schön, aber wenn man im Binnenland wandert, trifft man keinen anderen Touristen. Ich mache einen Deutungsvorschlag, warum das so ist. Ein Satz, vier Worte, ein soziologischer Begriff. Er antwortet: »Ja.« So schnell kann man sich einig werden.



    Der Bootssteg am Groß Radener See (am nächsten Morgen)


    Kräuterschnaps gibt es auch noch. Zwischen Reis und Nachtschlaf wird man das nicht ablehnen. »Und was machen wir jetzt mit den Flaschen? Einfach ins Gebüsch werfen, oder?«, fragt der Ältere, wird aber gleich zur Ordnung gerufen, nee nee guck mal, es gibt doch einen Mülleimer.


    Dann verschwinde ich irgendwann im Zelt, bitte mir vorher noch aus, nicht mit dem Auto drüberzufahren, wenn man nachts irgendwann aufbricht. Die beiden Autos parken nämlich nicht weit entfernt von mir. »Schon klar, wenn wir jemanden kreischen hören, wissen wir Bescheid.«

    Erst als ich im Zelt liege, bemerke ich, dass im Dachgeschoss des Museumsbaus noch Licht brennt; da scheint also eine Wohnung zu sein, und ich campe jetzt sozusagen im Blickfeld. Trotzdem schlafe ich in dieser Nacht vergleichsweise ruhig und lange, nur um kurz nach zwei Uhr durch das Abfahren der Autos geweckt.
    Geändert von Igelstroem (14.12.2015 um 02:07 Uhr)
    Lebe Deine Albträume und irre umher

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    506

    AW: [DE] Kirschsaft mit dem Jagdpächter (Langhagen – Blankenberg)

    #16
    Die Fortsetzung ist gekommen, sehr erfreulich.
    Mir gefällt es besonders, dass es eine "langsame" Landschaft ist, die du beschreibst. Und für mich zusätzlich erfreulich, diesmal mit Fotos. Also bitte weiterschreiben, wenn es die Zeit zulässt.
    Two roads diverged in a wood, and I—
    I took the one less traveled by,
    And that has made all the difference (Robert Frost)

  17. AW: [DE] Kirschsaft mit dem Jagdpächter (Langhagen – Blankenberg)

    #17
    Wie man aus kärglicher Landschaft () und frugalen Mahlzeiten einen (fast) spannenden Reisebericht schreibt....

    Bitte fortsetzen.

  18. AW: [DE] Kirschsaft mit dem Jagdpächter (Langhagen – Blankenberg)

    #18
    da war er der von mir lang erwartete Kirschsaft. Schön das es weiter geht, freue mich auf Fortsetzung.
    “Perfektion ist nicht dann erreicht, wenn man nichts mehr hinzufügen, sondern wenn man nichts mehr weglassen kann.”

    (Antoine de Saint-Exupéry, französischer Schriftsteller, 1900 – 1944

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