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  1. Erfahren
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    [CH] Via Francigena von Montreux bis Sankt Bernhard

    #1
    Mitreisende: QOM
    Meine erste Weicheier-Outdoor-Tour
    Hallo Forum, willkommen bei meinem ersten Reisebericht.

    Vorab zum Reisemodus:
    Weil es meine erste mehrtägige Wanderreise war, habe ich mich noch nicht so weit raus getraut, sondern ganz langsam und vorsichtig angefangen.
    Also hatte ich mein Auto dabei, in dem ich immer einen Großteil des Gepäcks hatte, so daß ich wirklich nur tragen mußte, was ich tagsüber brauchte.
    Das war einerseits sehr komfortabel, andererseits ein elendes Gegurke.
    Denn das Auto mußte ja entweder morgens nach dem Aufstehen an das Etappenziel gebracht werden (und zurück mit Öffentlichen) oder eben nachmittags nach Erreichen des Ziels wieder aufgelesen werden.
    Es war für den ersten Trip richtig, es so zu machen.
    Denn ich wußte ja nicht, ob ich mit dem Rucksack klarkommen würde (alte Kriegsleiden an Schulter und Wirbelsäule) und ob mich der ganze Kram nicht irgendwann derart ankotzen würde, daß ich einfach nur ganz schnell heim mögen täte.
    Außerdem ist die Karre groß genug um darin bequem zu schlafen, wenn es unbedingt sein müßte. Ich hatte zum Start ja noch keine Ahnung, daß ich in der totalen Nachsaison unterwegs sein würde und allabendlich eine freie Auswahl an Luxus-Lotterbetten haben würde. Dazu später mehr.
    Auch wäre es schön, im Auto einen Klappstuhl zu haben, am Ende der Etappe die Schuhe auszuziehen und ein kleines Gläschen Rotwein zu trinken. So der Plan. Daß aber überall dort, wo die Aussicht ansprechend wäre, Halteverbot wäre und das Auto meist in weniger reizvollen Industriegebieten zu finden wäre, habe ich nicht geahnt.
    So, genug zum Auto als sicheren Hafen. Das nächste Mal mache ich das anders.

    Zur Navigation:
    Die Via Francigena wurde als gut ausgeschildert beschrieben.
    Die Etappenbeschreibungen auf Wanderland.CH sehen auch sehr ordentlich aus.
    Auf MySwitzerland.Com finde ich zudem die GPS-Tracks der Etappen (die kommen dann zu den einzelnen Tagen).
    Also her damit und auf den vorsintflutlichen Garmin dudeln. Der ist zwar altersschwach, wird's aber im entscheidenden Moment hoffentlich nochmal tun.
    Und: Hey, ich will einem Flußlauf folgen. Das sollte tagsüber generell mal möglich sein!

    Ansonsten habe ich mir zur Vorbereitung keinen großen Kopf gemacht.
    Und trainiert schon mal garnicht.

    21.9.2013 - Tag 0
    Der Gedanke zu "Wandern ab Montreux" kam mir während eines Flugs über die Alpen, als über dem Genfer See die Wolken aufrissen, während Freddy Mercury "Made in Heaven" sang. Damit war der Startpunkt gesetzt.
    Der erste Tag geht mit der Anreise vorbei - gut 6,5 Stunden Anfahrt.
    Ich parke mein Auto vor der bescheidenen Herberge der ersten Nacht:

    Wer weiß, was kommt, also nochmal ein gescheites Bett!
    Montreux ist eine absolut irre Stadt: Zedern, Zypressen, Zikaden (vermute ich, man hört sie nicht, denn es ist recht laut).
    Palmen an der Uferpromenade.
    Und der Plan des ersten Abends geht auf.
    Das Volk versammelt sich - teilweise in Abendgarderobe - auf der Uferpromenade um den Weg Richtung Casino anzutreten, aber ich habe andere Pläne.
    Dank der präzisen Voraussage des Sonnenuntergangs und besten Wetters bin ich zur rechten Zeit am rechten Ort und höre mir auf einer der noch sonnenwarmen Stufen in aller Ruhe das Album "Made in Heaven" von Queen an:

    Und hier klingt es wirklich anders als daheim.

    Sie singen es nur für mich.

    Und für einen Schotten hinter mir, der den Sonnenuntergang allerdings falsch berechnet hat.

    OK, genug, genug, ich konnte mich nicht entscheiden, welches der Bilder das beste ist...

    Danach geht's zum Abendessen in die Stadt. Ist nicht leicht, denn der gemeine Urlauber speist wohl in seinem Hotel oder im Casino.

    Und vor dem Zu-Bett-Gehen noch um die Ecke an den See und mit Blick auf das Casino "Smoke on the water" hören.
    Kommt gut, knallt aber lange nicht so wie das Queen-Album. "Machine Head" klingt nur teilweise nach Montreux. Vielleicht müßte man's im Grand Hotel hören. Wer's weiß, versteht aber den etwas muffigen Sound von "Lazy" jetzt etwas besser...

    Nun gut, es ist zwar noch sommerlich warm, aber ab ins Bett!
    Geändert von QOM (01.10.2013 um 15:32 Uhr)
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  2. Fuchs
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    AW: [CH] Via Francigena von Montreux bis Sankt Bernhard

    #2
    Hallo QOM.

    Das liest sich ja schon sehr vielversprechend! Da bin ich mal sehr gespannt, der Schreibstil liest sich recht locker, leicht und unverkrampft. Ich bin gespannt auf mehr!

    Gruß Wafer

  3. Gerne im Forum
    Avatar von Stippvisite
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    AW: [CH] Via Francigena von Montreux bis Sankt Bernhard

    #3
    Zitat Zitat von QOM Beitrag anzeigen
    Dank der präzisen Voraussage des Sonnenuntergangs und besten Wetters bin ich zur rechten Zeit am rechten Ort und höre mir in aller Ruhe das Album an:
    Schön, dass das schon mal geklappt hat !

    Bin gespannt wie's weiter geht

  4. Erfahren
    Avatar von QOM
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    22.9.2013 - Tag 1: Montreux-Aigle

    #4
    22.9.2013 - Tag 1: Montreux-Aigle

    Die Routenplanung der Via Francigena sieht als Etappe eigentlich Vevey-Aigle vor.
    Das wären aber 27 Kilometer, und Montreux war als Startpunkt gesetzt.
    Das GPS verspricht eine navigatorisch eher unaufgeregte Etappe von etwa 17km:
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    Für mehr Informationen, fahre mit der Maus über das Höhenprofil.
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    Und der stelle ich mich nach einem ausgiebigen Frühstück mit unverbautem Blick auf den Genfer See und dem Auschecken aus der bescheidenen Bleibe der ersten Nacht.

    Soll ich es wirklich wagen?
    Schließlich bin ich schwer krank: Ich habe mir in der vergangenen Woche nach etwa dreieinhalb Wochen Fast-nur-barfuß-Urlaub in meinen Business-Tretern eine kleine Blase an der rechten Ferse "gelaufen". Zugedröhnt mit schwerem Schmerzmittel schaffe ich es aber doch in die Wanderschuhe...

    Der Weg beginnt am Seeufer, da ist die Navigation zunächst einfach: Eine faire 50/50-Chance für die Wahl der richtigen Richtung.

    Auch das Auto ist sicher abgestellt:

    Montreux: Einerseits ist fast überall Halteverbot. Andererseits sollte man sein Auto aber keinesfalls einfach so auf einem Grünstreifen parken. Die üppige Vegetation verteidigt die Fläche vehement!

    Schon bei den ersten Schritten läßt die Wirkung des Schmerzmittels nach.
    Doch ich gebe nicht auf.
    Nachdem die Tränen in den Falten des schmerzverzerrten Gesichts wieder getrocknet sind, wage ich einen ersten Blick zurück:

    Montreux: Die Halbinsel mit dem Casino, Ihr wißt schon "Smoke on the water"...

    Da habe ich ja schon ordentlich was geschafft!
    Bestimmt 800 Meter!
    Zeit für eine kleine Pause und einen Blick über den See, ob das Wetter wirklich einwandfrei ist:

    Montreux: Kann ich mich bei diesem Wetter wirklich aus dem Schutz der Siedlung heraus wagen?

    Ich wage es, und schon nach wenigen Minuten kommt die nächste Sehenswürdigkeit in Sicht:

    Streß pur am Sonntagmorgen: Schloß Chillon von Norden, noch etwas schattig.

    Der gut asphaltierte Weg geht praktisch topfeben am Seeufer entlang und passiert das Schloß um das herum es kurz etwas enger wird. Und schon hat mich die Sonne wieder. Das Schloß ist zwar von außen nett anzusehen, lädt mich aber irgendwie nicht zum Eintreten ein.
    Nicht gleich am Anfang 'rumtrödeln!

    Postkartenkitsch: Schloß Chillon von Süden.

    Es geht weiter, einfach immer am Seeufer lang. Sonne, warm, leicht zu laufen. Der optimale Einstieg.

    An der Mole von Villeneuve dann die erste navigatorische Herausforderung: Scharf links abbiegen in die Stadt.
    So sehe ich die Rhone-Mündung in den See nicht, aber das ist vermutlich auch kein großer Verlust - später mehr zum Fluß.

    Der Weg ist einwandfrei beschildert, dennoch brauche ich einen Moment, bis ich nach der Einfachheit des Seeufers verstehe, daß ich die Bahnlinie am Bahnhof durch die Gleiszugänge kreuzen muß.
    Danach hält sich der Weg an der Bahnlinie und geht durch den Speckgürtel - Wohn- und Industriegebiet - des Ortes.
    Nach dem Ort geht's durch die Weiden:

    Die "Dents du midi" zeigen den Weg nach Süden durch topfebenes Schwemmland

    Und schon bald möchte ich die Bergrettung rufen:
    Nicht nur, daß die Schweizer Armee hier in einem Steinbruch einen Schießstand hat, in dem die Wehrtätigen heftigst zu üben scheinen (Ja, alle beiden!).
    Der asphaltierte Weg hört auf beziehungsweise wird neu gemacht und ist deshalb gesperrt.
    Ich bin völlig hilflos. Aber weil einerseits mein altertümliches GPS gerade einen Aussetzer hat und andererseits das Telefon keinen Empfang habe ich keine Wahl. Weiter Richtung Süden!
    Jetzt wird's für ein, zwei Kilometer etwas doof, denn der Weg liegt im Schatten des Hanges, und gleich danach kommen wieder Industrieanlagen.
    Aber das macht klar, worum es hier im flachen Teil des Rhonetals geht:
    Industrie, Energie, Transport.
    Landschaftliche Schönheit geht anders.

    Energie! Man hätte dieses Kraftwerk (Sieht zumindest aus wie eine Gasturbinen-Anlage) ja vielleicht auch weniger exponiert ins Tal bauen können...

    Dafür scheint bald wieder die Sonne und ich erhole meinen geschundenen Körper bei einer kurzen Mittagspause knapp vor Roche, der nächsten Siedlung.
    Die Siedlung ist kurz hinter dem Ortsschild schon wieder vorbei und der Weg wird nun etwas weiter in den Feldern geführt.
    Einerseits ist das sehr schön sonnig und warm, andererseits ist die Aussicht eher mäßig.
    Denn der Mais steht recht hoch, und das ist auch für mich mit zwei Metern Körpergröße eine Sichtbehinderung, die eigentlich der sofortigen Brandrodung bedürfte.

    Nach wenigen Kilometern biegt der nach wie vor gut ausgeschilderte Weg jäh in Richtung Hang ab, denn dort ist der erste Weinberg von Yvorne.
    Es ist kurz ein wenig zu steigen, und schon bald hat sich der optische Eindruck der Landschaft komplett verändert.

    Weinberge bei Yvorne: Rechts hinten im Bild müßten schon die Ausläufer des Etappenziels Aigle zu sehen sein.

    Durch die Weinberge geht es kurzweilig weiter, Zeit und Strecke geraten in Vergessenheit.
    Kurz vor dem Abstieg nach Aigle ist das Schloß von Aigle zu sehen und ich berschließe - Laune, Kondition und Wetter sind bestens - es mir heute noch anzuschauen.
    Vielleicht ist morgen ja schlechtes Wetter oder es liegt morgen früh noch im Schatten oder ich kann nicht mehr laufen oder, oder, oder...

    Also gehe ich nicht nach Aigle hinein, sondern folge der Wegweisung zum Weingut.

    Auf dem Weg komme ich durch den alten Kern der Winzersiedlung:

    Die Kirche von Aigle - sehr interessant: Man kennt es von buddhistischen Tempeln, daß am Ausgang Behälter stehen, in die die Reichen Reis werfen, den sich die Bedürftigen dann nehmen können. Hier sehe ich das Prinzip erstmals auf Wein angewendet. Ein Faß für den Weißwein, ein Faß für den Rotwein. Feine Sache!

    Und kurz danach erreiche ich das wirklich sehr schön anzusehende aber schon überaus wehrhafte Weingut:

    Schloß von Aigle: Der gewonnene Wein wird in einem praktisch uneinnehmbaren Kellergewölbe gelagert!

    Nach dieser kurzen Visite gehe ich in den Ortskern, denn in der Rue Colomb ist das einzige weiche Bettwäsche verpsrechende Hotel der Stadt. Die nehmen mich nach einem Hinweis auf günstigere Übernachtungsmöglichkeiten dennoch etwas zögerlich gegen Vorkasse auf - mein Gott, sehe ich denn schon nach einem Tag so derart abgerissen aus?

    Das Zimmer ist bestens, die Dursche tut gut und nachdem der Fuhrpark arrangiert ist, kommt der Hunger.

    Den wollte ich eigentlich im alten Winzerdorf stillen und aus rein sportmedizinischen Gründen zur Lockerung der Muskulatur einen lokalen Wein dabei haben.
    Aber im Winzerdorf ist schon das Licht aus.
    Wahrscheinlich trinken die schon nachmittags und können dann abends niemanden mehr bewirten weil sie nicht mehr stehen können.
    Der Italiener am Ende der "Rue Du Bourg" kann's und macht es sehr gut.

    An der Stelle zu empfehlen: Ein Blick in die "Rue de Jerusalem", eine mittelalterliche Straße mit enger Bebauung. Leider habe ich die Kamera nicht dabei.

    Nach dem Essen geht's husch, husch, ins Körbchen.

    Fazit des ersten Tages:
    Eine sehr interessante und abwechslungsreiche Strecke.
    Die Angabe "technisch einfach" auf Wanderland.CH ist zutreffend.
    Die Angabe "konditionell schwer" ist Blödsinn. Zumindest für den Teil, den ich gelaufen bin.
    Ein guter Einstieg.

    Morgen geht's weiter!
    Geändert von QOM (02.10.2013 um 16:19 Uhr)
    Ein Post von QOM = Quengelige Outdoor-Memme.
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  5. Gerne im Forum
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    AW: 22.9.2013 - Tag 1: Montreux-Aigle

    #5
    Zitat Zitat von QOM Beitrag anzeigen
    Die Angabe "konditionell schwer" ist Blödsinn. Zumindest für den Teil, den ich gelaufen bin.
    Du hast ja auch 10 km ausgelassen ...


    OT: Wir haben damals diese Etappe übrigens auf das Teilstück von Montreux bis Schloss Chillon reduziert ... allerdings ahnten wir auch nichts davon, dass wir auf der Via Francigena wandelten

  6. Erfahren
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    23.9.2013 - Tag 2: Aigle-St.Maurice

    #6
    23.9.2013 - Tag 2: Aigle-St.Maurice

    Die nächste Etappe, Aigle-St.Maurice, ist mit 18km angegeben.
    Das GPS verspricht wenige echte navigatorische Herausforderungen.
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    GPX-Track
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    Als ich morgens die Augen aufschlage, scheint die Welt in bester Ordnung.
    Dann versuche ich aufzustehen.
    Schon nach wenigen Versuchen schaffe ich es die zwei Stockwerke hinunter zum Frühstück - glücklicherweise gibt es einen Fahrstuhl.
    Ich päppele mich mit einem eher mageren Frühstück, kann mir aber noch ein wenig für die Mittagspause einpacken.
    Der Kaffee weckt keine Lebensgeister, eher Mordgelüste gegenüber dem Koch.

    In der engen Bebauung der Stadt läßt sich das Wetter noch nicht so recht beurteilen.
    Über mir strahelnd blauer Himmel, kalt ist es auch nicht.
    Also mache ich mich auf den Weg.

    Das erste Stück bis zum Weingut kenne ich ja schon, und so kann ich beim leichten Anstieg dorthin - es ist immerhin nicht ganz eben - ganz ungestört und tief in meinen Körper hineinhören und den Schmerz der ersten Schritte genießen.
    Die Schuhe fühlen sich in der Tat nicht so an als wären es meine.

    Ich erreiche das Weingut und kann mich erstmals laben:

    Aigle: Dieser Brunnen stillt den Brand der kaum ausgenüchterten Weinbauern vor dem morgentlichen Gang aufs Feld.

    Jetzt passen auch die Schuhe wieder.

    Der Weg geht gut ausgezeichnet am Weingut vorbei, und neben dem perfekt ausgeleuchteten Schloß kann ich das Wetter bis zum Horizont klar erkennen:

    Aigle: Bilderbuch-Wetter und Postkarten-Panorama

    Es gibt keinen Grund, umzukehren - sogar an das Auflegen einer Schicht Sonnencreme habe ich gedacht.
    Also gehe ich weiter.

    Schon bald zieht der Anstieg des nach wie vor gut ausgeschilderten Weges etwas an.
    Es geht ab in den Wald, und dort wird es ziemlich feucht-kalt. Aber die Steigung hält warm.
    Ein leicht irritierter Blick auf das Navi...
    Sollte das leichte Laufen jetzt wirklich vorüber sein und ich müßte mich der harten, umbarmherzigen Realität der Berge stellen?
    Das Navi läßt keinen Zweifel, ich bin richtig.
    Dann geht's jetzt wohl los.

    Die nächsten Kilometer sind dehr kurzweilig, denn der Weg wandelt sich zum weichen Waldweg mit gelegentlichen Blicken ins Rhonetal:

    Die "Dents du Midi" stehen immer noch. Und der spitze Schnitt im Tal markiert das ungefähre Etappenziel.

    Nachdem ich die Schattenseite des Berges verlasse, wird es wieder wärmer, es geht langsam und gut ausgebaut bergab durch die Weinberge nach Ollon.
    Ollon ist navigatorisch der schwierigste Punkt, denn hier ist nicht so ordentlich ausgeschildert, so daß ich den Abzweig in Ortsmitte verpasse.
    Ich merke es am Ortsausgang als das GPS mich 200 Meter weiter westlich haben möchte.
    Also gut, einfach zurück und nochmal.

    Der Weg steigt wieder sanft in die Weinberge und führt dann durch den Wald über die nächste Kuppe.
    Ich passiere ein träge in der Sonne liegendes Gehöft und warte auf den Hund, der mich fressen will - bin ein wahrer Hundeflüsterer!.
    Kommt aber keiner.
    Dann fällt der Weg in den nächsten Ort - na, sagen wir lieber die nächste Gruppe Häuser - und bietet den optimalen Platz für die Mittagspause.

    Direkt in dieser Siedlung lauert die zweite Herausforderung:
    Ein Schild zeigt einfach den Weinberg hinab. Und auch das GPS meint es so.
    Der Winzersteig geht in der Tat nur ein paar Meter, bis er in einen Weg mündet, der sanft aus den Weinbergen hinaus ins Weideland führt.

    Auf den Weiden passiert grad' nix, und ansonsten auch nicht. Diese Ecke der Welt scheint menschenleer. Allein in manchen Gebäuden hört man eine Maschine ihre Arbeit verrichten (während der Winzer seinen Sonntagsrausch ausschläft?).

    Überraschend biegt der Weg an einem Bachlauf in Richtung Rhone, Autobahn, Eisenbahn, Bundesstraße, Hochspannungsleitung und aller sonstigen Segnungen der Zivilisation ab.
    Und der Bachlauf bereitet mich schonend und doch noch ein wenig glucksend, sprudelnd, plätschernd auf das später zu besichtigende Rhone-Bett vor:

    So gelangt das Schmelzwasser auf lürzestem Weg durch die Landschaft: Einfach geradeaus. Man kann's ja nachher zum Bewässern der Felder wieder hochpumpen!

    An einem Gestüt verläßt der Weg den Bach, sucht die nächste Autbahnüberführung und bringt mich an die Rhone.
    Ich erwarte einen ungestüm dahinbrausenden Gletscherwasserfluß.
    Und sehe ein begradigtes Flußbett, das den ästhetischen Vergleich mit einer Regenrinne wirklich nicht scheuen muß.
    Rechts und links der Rhone und des Weges stehen hohe Weiden, die den Verkehrslärm der Autobahn und das Geknister der Hochspannungsleitung abschirmen. Durch die leichten Deiche sieht und hört man von der Rhone aber auch nix.
    Schaut Euch die Ecke in Google Earth an, hier war mir wirklich nicht nach Fotografieren.

    Glücklicherweise überquert der Weg den Fluß bald und schmiegt sich nach Massongex an den - leider schattigen - Waldrand.
    Da ist es wenigstens für eine Zeit etwas ruhiger.

    Kurz vor dem Etappenziel treffen sich dann alle Infrastruktur-Adern, aber das stehe ich die wenigen Meter bis nach St. Maurice noch durch.

    Dort werde ich von einer wirklich flächengreifenden Straßenbaustelle - die graben den ganzen Ort um! - begrüßt.

    Gleich am Eingang der Hauptstraße begrüßen mich zwei Pizzerien.
    Ist die korrekte Übersetzung für "Via Francigena" möglicherweise "Straße der Pizzabäcker"?

    Mitten in der Baustelle finde ich das Hotel "Dents du midi", und mangels echter ALternativen miete ich mich dort trotz Baulärms ein.
    Dann werde ich morgen wenigstens früh wach!

    Das zeichnet nun wirklich kein schönes Bild von St. Maurice, und das tut dem Ort unrecht.
    Wenn die Baustelle wieder weg ist und der Blutzuckerspiegel nicht zu weit gesunken, ist's da schon schön.
    Zum Beispiel in der historisch gewachsenen Pilgerkirche des Klosters:

    Kirche des Klosters St. Maurice: Die Herren mögen nicht so gerne gestört werden und schützen sich nicht nur durch die üblichen Toranlagen, sondern auch durch eine große Straßenbaustelle.

    Die Kirche ist frei zugänglich und der Besuch ist allerwärmstens zu empfehlen.
    Allerdings morgens, damit das Sonnenlicht die Fenster der Ostseite trifft.
    Ich erzähl's Euch trotzdem heute noch...
    Die schwere Kirchentür an der Seite des Gebäudes öffnet sich dem nahenden Pilger oder Nichtpilger bei Annäherung leise und vollautomatisch.
    Ein kühler, heller aufgeräumter Raum empfängt mich.
    Offensichtlich ein recht altes Kirchenschiff, das über die Jahrhunderte erweitert und angebaut wurde.
    Aber durch die regelmäßige Arbeitsleistung der Mönche ist das Ding eben nicht muffig, sondern freundlich.
    Die Fenster auf der Ostseite sind im Sonnenlicht genial - ich habe mein kleines Stativ jedoch daheim liegen lassen.
    Dargestellt werden unter anderem:
    • Die Tierkreiszeichen am Nachthimmel - eine ungewöhnliche astrologische Darstellung in einer Kirche.
    • Die Geschichte von Paulus und seinem Prozess in Rom
    • Die Christenverfolgung durch die Römer
    • Ein Kreuzzug ins Morgenland, ein ziemliches Gemetzel
    • Wenn ich's richtig verstanden habe, die Auferstehung Christi

    An den Säulen ist das nach außen dicker werdende und von einem Kreis umgebene rote Kreuz der Tempelritter (hab' ich das richtig im Kopf?) zu sehen.

    Ach ja, zum Abendessen gibt es Käsenfondue im Hotel.

    Ich falle wortlos aber doch satt und absolut schmerzfrei in die Kissen.
    Nicht, ohne beim Duschen eine Scheuerstelle am rechten Knöchel zu bemerken, dort, wo die Lasche und der Schuh sich treffen.
    Ob ich jemals wieder laufen können werde?
    Der Blick in den Spiegel sagt mir, daß ich heute überwiegend nach Süden gelaufen bin. Stirn und wangen glühen.

    Fazit des zweiten Tages:
    Über lange Strecken sehr schön und abwechslungsreich. An der Rhone muß man halt einfach entlang.
    Die Angabe "technisch einfach" auf Wanderland.CH ist zutreffend.
    Die Angabe "konditionell mittel" ist etwas hoch gegriffen. Auch wenn die ersten Anstiege den Kreislauf hoch treiben.
    Gut zu laufen, auch für Einsteiger wie mich.
    Die Zeitangabe 5:10h kommt ganz gut hin. Inklusive Pausen.
    Geändert von QOM (04.10.2013 um 17:35 Uhr)
    Ein Post von QOM = Quengelige Outdoor-Memme.
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  7. Gerne im Forum
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    AW: 23.9.2013 - Tag 2: Aigle-St.Maurice

    #7
    Schön, es geht weiter


    Zitat Zitat von QOM Beitrag anzeigen
    Die Angabe "konditionell schwer" ist Blödsinn.
    Also ich lese auf der Wanderland-Seite nur was von "mittel" ... Vielleicht liegt das ja an der IP, über die man die Seite aufruft ?


    Aber ich bin ja schon still und warte brav auf die nächste Etappe ...

  8. Erfahren
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    AW: 23.9.2013 - Tag 2: Aigle-St.Maurice

    #8
    Zitat Zitat von Stippvisite Beitrag anzeigen
    Also ich lese auf der Wanderland-Seite nur was von "mittel" ... Vielleicht liegt das ja an der IP, über die man die Seite aufruft ?
    Ja, es liegt an der IP.
    Und außerdem natürlich an der Tagesform und dem aktuellen BMI.
    Nach der Woche harten, unnachgiebigen Fastentrainings steht bei mir da jetzt auch "mittel".
    Hab's korrigiert.
    Danke!
    Ein Post von QOM = Quengelige Outdoor-Memme.
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  9. Erfahren
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    24.9.2013 - Tag 3: St. Maurice-Martigny

    #9
    24.9.2013 - Tag 3: St. Maurice-Martigny

    Die dritte Etappe meiner Wandelung, St. Maurice-Martigny verspricht mit 17 ziemlich ebenen Kilometern entlang der Talsohle nicht eben besonders große Abwechslung.
    (Drum hab' ich mich wahrscheinlich auch so lange davor gedrückt, etwas darüber zu schreiben.)

    Die Übernachtung in St. Maurice ist in Ordnung, die Nacht durch die Baustelle allerdings schon recht früh zu Ende.
    Pünktlich zur Pause "z'nüni" humpele ich ausgeschlafenvor die Tür.
    Die fatale Scheuerstelle mit Leukotape abgeklebt, sind die Schritte etwas schwer, bis die verkrusteten Wunden wieder aufgebrochen und beweglich sind.
    Ich habe keine Tränen mehr, also versuche ich es mit Lächeln und konzentriere mich voll auf die zu erwartende - vor allem psychische - Pein.
    Nach dem eher spröden Eindruck des Flusses gestern und der Bündelung der Infrastruktur um ihn herum stelle ich mich auf das Schlimmste ein: Mich auf dampfendem Asphalt mit staubig-durstiger Kehle von der Sonne geblendet gen Süden zu schleppen, während neben mir ununterbrochen hupend Güterkraftverkehr rollt.
    Den GPS-Track schaue ich mir vorher nicht so genau an - in diesem Abschnitt kann wohl kaum etwas schief gehen.
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    Diese Erwartungshaltung wird total enttäuscht.
    Zwar beginnt der Weg - nach Besichtigung der Kirche in St. Maurice - mit dem ausgesprochen öden Weg über den gut gekehrten Bahnhofsplatz des kleinen Güterbahnhofs.
    Aber schon bald nimmt er Abstand vom Fluß und verläßt St. Maurice durch Felder und Wiesen.
    Dort weiden Kühe, Pferde und andere klassische schweizer Nutztiere:

    Die hat auch kein Kreuzfahrer hier vergessen. Die Alpakkas sind ganz klar importiert!

    Irgendwo hier in der Gegend kommen mir an einem Ortseingang ein paar ältere Herrschaften mit Walking-Stöcken entgegen. Tatsächlich gibt es auf dieser Route also doch noch Menschen. Und ich finde es schön, wenn sich Senioren ein wenig bewegen.
    Kurz drauf mache ich auf einem Baumstamm eine ausgiebige Pause und trotte weiter.

    Es gibt zwar keine sonderlich spektakulären Aussichten, ist aber kurzweilig und überraschend ruhig. Es ist sonnig und geht gut voran.
    Etwas später schmiegt sich der Weg an den Waldrand und es wird mal kurz etwas lauter als die Rhone (und die Infrastruktur) näher kommen.
    Die Route führt nun kurz direkt an der Straße entlang, belohnt aber schon kurz darauf mit einer netten Aussicht:

    Das benachbarte Wasserkraftwerk läßt noch etwas Wasser übrig...

    Und ein paar Meter weiter wird es deutlich frischer:

    Nicht "La vache qui rit", sondern der Wasserfall "pisse vache". Lädt weder zum Baden noch zum Trinken ein.

    Ja, glaub' ich's denn? Da sind die Senioren ja schon wieder. Während ich mir den Wasserfall anschaue, gehen sie mit freundlichem Gruß in den dahinter liegenden Wald (der Ausschilderung folgend) und kommen kurz drauf wieder raus.
    Ich denke mir nix, folge auch der Ausschilderung und merke, das das irgendwie nix wird. Also drehe ich auch um und gehe ein Stück an der Straße, bis ich mich dem GPS-Track wieder annähern kann.

    Nach dem Wasserfall geht es wieder zurück in die Welt, mit Ortschaften, Straßen und so weiter, so daß ich die zweite Sehenswürdigkeit des Tages, die "Gorges Du Trient" voll verpeile.
    Zumal ich die fünf Senioren dort wieder treffe.
    Während ich sie überhole, fragt mich einer von Ihnen "Where do you think you are going so fast?".
    Und ich antworte ihm, daß Martigny mein Etappenziel sei.
    Und dann?
    Naja, vielleicht weiter Richtung Sankt Bernhard.
    Und dann?
    Ende der Strecke.
    Ich erfahre, daß ich die Herrschaften (drei Männer, zwei Frauen) völlig unterschätzt habe.
    Sie kommen aus Quebec und sind etwas länger unterwegs. Genau genommen seit dem 14. August. Und ab Canterbury.
    Heute Abend werden sie die Hälfte ihrer geplanten Strecke zurückgelegt haben. Denn sie wollen Mitte November in Rom sein.
    Wir unterhalten uns eine Weile und es ist wirklich interessant, ihnen zuzuhören.
    Wichtige Nachricht: In der Schweiz ist die Via Francigena wohl sehr gut ausgeschildert, aber in Frankreich nicht. Dort ist GPS absolut Pflicht.
    So interessant es ist, unsere Schritte passen einfach nicht zusammen.
    Und so verabschiede ich mich wieder und mache mich weiter Richtung Martigny.

    Durch ein Sumpfgebiet und Stammobstgärten erreiche ich die Ausläufer von Martigny.
    Als mir klar wird, daß ich gut in der Zeit liege, mache ich noch eine Pause und schaue einem Freikletterer beim bodennahen Üben zu, bevor ich mich der Infrastruktur von Martigny - der Ort empfängt mit einem lauten Kraftwerk und Industrie - stelle.
    Das Auto steht verkehrsgünstig am anderen Ortsende, und das Hotel - "Vatel" ist am östlichen Zipfel. Habe Glück, daß ich noch ein Zimmer kriege, denn bald ist irgendeine Messe hier.
    Das Zimmer im fünften Stock geht nach Osten mit Blick ins Rhonetal. Sehr nett.
    Nicht so nett ist, daß das Leukotape sich in Wohlgefallen aufgelöst hat und die Scheuerstelle nun offen ist.
    Aber es tut nicht weh und mit Sonnenbrille geht's gleich besser - ich kann einfach kein Blut sehen...

    Bemerkenswert ist noch das Abendessen:
    Nach etwas Suchen finde ich eine Kneipe, die recht gut besucht ist.
    Und nachdem Pferd den ganzen Tag auf der Weide stand, steht es hier auf der Speisekarte.
    Wahlweise natur oder mit Pfeffersosse.
    Leckere Sache, das Käsefondue von gestern hat nicht so lange vorgehalten wie erwartet.
    Und wenn man glauben mag, daß man immer auch den Geist seiner Nahrung aufnimmt, kann ich morgen etwas pferdehaftes in mir sicher gebrauchen. (Doch dazu morgen mehr.)

    Auch heute wird es wieder sehr schnell dunkel um mich herum...

    Fazit des dritten Tages:
    Sah bei Blick auf die Karte fade und übel aus, war dann aber doch überraschend kurzweilig und wesentlich ruhiger als gedacht.
    Die Angabe "technisch einfach" auf Wanderland.CH ist zutreffend.
    Die Angabe "konditionell einfach" paßt.
    Gut zu laufen, auch für Einsteiger wie mich.
    Die Zeitangabe kommt wieder ganz gut hin. Inklusive Pausen.
    Geändert von QOM (10.10.2013 um 00:33 Uhr)
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  10. Anfänger im Forum
    Avatar von Trampelwurm
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    AW: 22.9.2013 - Tag 1: Montreux-Aigle

    #10
    Zitat Zitat von QOM Beitrag anzeigen
    Meine erste Weicheier-Outdoor-Tour
    Aber das macht klar, worum es hier im flachen Teil des Rhonetals geht:
    Industrie, Energie, Transport.
    Landschaftliche Schönheit geht anders.

    Energie! Man hätte dieses Kraftwerk (Sieht zumindest aus wie eine Gasturbinen-Anlage) ja vielleicht auch weniger exponiert ins Tal bauen können...
    Meines Wissens wurde dieser Kraftprotz mit Absicht in der Höhe gebaut um die Schadstoffe oberhalb der Nebelgrenze auszuspucken. Ursprünglich gebaut als Energielieferant für die ehemalige "Alusuisse" (Angaben ohne Gewähr)
    Heute beginnt der Rest deines Lebens....

  11. Erfahren
    Avatar von QOM
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    25.9.2013 - Tag 4: Martigny-Orsières

    #11
    25.9.2013 - Tag 4: Martigny-Orsières

    Am Abend des dritten Tages hörte ich beim Digestiv etwas intensiver in meinen Körper hinein und stellte mich der für die nächsten Tage wesentlichen Frage: Soll ich auf der Via Francigena weiter ins Gebirge oder soll ich lieber im Rhonetal bleiben?
    Alkohol betäubt den Schmerz und stärkt den Geist.
    Und so war bald klar, daß ich am nächsten Tag Richtung Sankt Bernhard weiter gehen würde.

    Ich werfe nur einen kurzen Blick auf die Etappenbeschreibung Martigny-Orsières.
    Die verspricht mit 19km Länge, 1.000 Metern Aufstieg und 600 Metern Abstieg etwas Schweiß auf der Stirne, insbesondere in Anbetracht der wolkenlos-sommerlichen Wettervorhersage.
    In der Etappenbeschreibung wird eine technisch anspruchsvolle Umleitung aufgrund einer eingestürzten Brücke erwähnt.
    Der gezeigten Handskizze nach kann das aber navigatorisch nicht so schwierig sein. Ich präge mir den Ortsnamen (Bovernier) ein.
    Allein der Hinweis auf unbedingte Schwindelfreiheit macht mir etwas Sorgen, denn der Verlauf der Höhenlinien in der Skizze gibt eigentlich keine Hinweise auf Extremes.
    Ich richte mich darauf ein, dem GPS-Track
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    um Bovernier herum nicht unbedingt zu trauen, schnüre mein Bündel und mache mich auf den Weg, nachdem ich meine quälende Scheuerstelle verpflastert habe.

    Martigny als Ort bedarf übrigens nicht unbedingt einer besonderen Erwähnung.
    Hier teilen (oder treffen) sich die Straßen entlang des Rhonetals, über den Sankt Bernhard und Richtung Frankreich.
    Und so sieht's auch aus.
    Also nix wie weg hier - zumal die legendäre Bar/Tankstelle des Joe Bar Team einer großen Eni-Station gewichen zu sein scheint. Oder war das gar nicht in Martigny?

    Nachdem ich in Martigny das Messegelände trotz laufender Aufbau arbeiten durchqueren konnte, hält sich der Weg durch einen erträglich ruhigen Ortsteil sehr bald Richtung Wald und verschwindet darin. Über die nächsten Kilometer steigt er stetig und sanft an.
    Nach und nach wird er aber auch schmaler und technisch nicht mehr ganz so einfach.
    Aus dem gut geschotterten Weg wird allmählich ein schmaler Pfad, der teilweise über unregelmäßige Stufen aus Stein und Holz sowie kurze, sehr steile Stücke überwindende Serpentinen weiter nach oben geführt wird.
    Ein "leichter Wanderweg" ist das nicht mehr!
    Ich komme aber in Schwung, mein Kreislauf auch, und finde einen Rhythmus, der mich sicher und langsam voran bringt.
    Weil ich aber so überhaupt nicht trittsicher bin, kann ich die teilweise wohl sehr netten Aussichten kaum genießen.
    Die Navigation funktioniert auf den Pfaden sehr gut, wenn mir die Ausschilderung fehlt oder zweifelhaft vorkommt, hilft mir das GPS zuverlässig weiter. Die meisten Zweifelsfälle waren auf diesem Teil des Weges aber ohnehin alternativ zu wählende Serpentinen.
    Außerdem geben gelegentlich zu sehende frische Stock-Einstiche der Kanadier zusätzliche Sicherheit.

    Irgendwann steht an einer Gabelung auf dem steil bergab führenden Zweig ein "Durchgang verboten" Schild auf einer Sperre. Hm. Da hätte ich ohnehin lieber nicht hin gewollt.
    Ah, das könnte schon Bovernier sein.
    Die Wahl der Umleitung fällt leicht, zumal auch das GPS diesen Weg vorschlägt.

    Der steigt nochmal richtig heftig an und offenbart mir dann seinen besonderen Reiz:
    Der Wanderer wird nach ein paar Passagen mit (bei trockenem Wetter sogar für mich unnötigen) Halteseilen aufgefordert, den festen Grund auf eine am Fels entlang laufende Gitterplattform - vielleicht 30 Meter lang - zu verlassen.
    Ich bin nicht schwindelfrei.
    Also gibt's davon kein Bild.
    Danach geht der Weg ein wenig in der Sonne am Felshang entlang. Vorwiegend abwärts, teilweise wieder mit Seilen gesichert und über sehr unregelmäßige Stufen und Stiege. Als ich ein nettes Plätzchen finde, gönne ich dem Kopf eine Auszeit und dem Körper eine Stärkung.
    Schlangen dürfte es um die Jahreszeit da eigentlich nicht mehr geben, ich trete aber trotzdem kräftig auf und halte mich etwas von Spalten und umherliegenden Steinen fern.

    Dann setze ich den Abstieg fort und erreiche die Weinberge von Bovernier.
    Kurz vor dem Ort überquere ich den Bach:

    Bovernier: Hier ist die Geschichte mit der Umleitung über den Höhenwanderweg vorbei.

    Und das ist auch eher ein Gebirgsbach nach meinem Geschmack:

    Dieser Stein gibt dem Bach schon länger seinen Lauf - Krasser Gegenentwurf zur kanalisierten Rhone.

    In Bovernier scheint sich alles um den Wein zu drehen:

    Bovernier: Natürlich dient die mühselige Weinerzeugung ausschließlich dem Lob des Allerhöchsten!

    Nach Bovernier wechselt der Weg die Talseite, es wird schattig.
    Und der Weg bleibt anspruchsvoll. Weiter gut ausgeschildert sind zahlreiche Geröllfelder zu durchqueren, an den Steilhängen gehen bie schwerem Wetter wohl regelmäßig Bergrutsche ab. Der Weg steigt und fällt, der Untergrund wechselt ständig.
    Das Laufen hier ist sehr meditativ.
    Es gäbe zwar sicherlich viel Landschaft zu sehen, aber das stolperfreie Laufen fordert meine gesamte Aufmerksamkeit.
    Für mich als untrainiertes Weichei ist es zudem schwierig, in dem abwechslungsreichen Gelände einen halbwegs steten Tritt- und Atemrhythmus zu halten. Also laufe ich im Zweifel etwas langsamer.
    Schließlich bin ich auch heute alleine und sollte deshalb auf meine Sicherheit achten.

    Nach einer gefühlten Ewigkeit öffnet sich der Weg auf eine Weide mit Pferden und einer Bank, von der gerade als ich komme der Schatten weicht.
    Wenn das kein eindeutiges Pausensignal ist!

    Blick talaufwärts: So langsam sieht es nicht mehr nach Schwarzwald, sondern nach Alpen aus!


    Kontrollblick talabwärts: Das könnte eventuell auch noch als Mittelgebirge durchgehen!

    Am Ausgang des nächsten Ortes - Sembrancher - sehe ich einige Gestalten mit Rucksäcken vor mir, die sich gerade von einer Pause aufraffen.
    Ich lasse mich in ein Gespräch verwickeln und erfahre, daß die Herrschaften (ein älteres Ehepaar und ein jüngerer Herr) aus Brasilien kommen und sich heute hier zufällig getroffen haben. Der jüngere ist schon fast die gesamte Via Francigena gelaufen, allein das Teilstück über die Alpen fehlt im noch, das macht er jetzt.
    Am nun folgenden recht starken Anstieg durch den Wald bleiben wir zusammen - die beiden Älteren möchten einen etwas gemächlicheren Schritt wählen.
    Am Ende des Anstiegs trete ich aus dem Wald auf ein sonniges Feld und drehe mich zu meinem Begleiter um.
    Der reißt plötzlich die Augen auf und ringt sichtlich nach Worten. Alles was kommt ist "Cane".
    Ich krame in meinem Hirn und finde eine in dem Moment völlig irrsinnige Synapse:

    Das Schild hängt an einer Hauswand auf Mallorca. Es hat hier eigentlich nichts zu suchen.

    Ich fahre gerade noch rechtzeitig herum. Ich hab' den Köter nicht gehört.
    Glücklicherweise erschrickt er und haut die Bremse rein. Der will definitiv nicht spielen.
    Aber er hat auch eine Größe und Ausstrahlung, bei der ich mich nicht traue, ihm einfach brüllend entgegenzurennen und ihn zu verscheuchen.
    Gaaanz langsam weiche ich rückwärts zurück und hoffe, daß der Brasilianer im Wald einen großen Knüppel findet.
    Meine Erlösung naht aus der anderen Richtung. Die mit der Gartenarbeit beschäftigtige Besitzerin der Bestie kommt und hat einige Mühe, die Töle in den Griff zu kriegen.
    Natürlich beteuert sie fortwährend, daß ihr Hund so etwas normalerweise nie tun würde.
    Puh, das war echt knapp!

    Ich setze meinen Weg noch eine Weile mit dem Brasilianer fort und als wir ein sonniges Plätzchen finden, warten wir auf die anderen beiden. Gemeinsam nähern wir uns auf nun wieder gut ausgebautem Weg dem Etappenziel.
    Als die anderen doch noch eine Pause machen wollen, setze ich mich ab, denn zwischenzeitlich mag ich bitteschön nur noch endlich ankommen.
    Für heute hab' ich echt genug!

    Ich erreiche Orsières und finde das Hotel "Terminus" ohne Probleme.
    Das ist echt in Ordnung, allerdings - schaut mal im Internet - sind die Fototapeten in den Zimmern schon recht starker Tobak!

    Zum Abendessen würde es sich vermutlich lohnen (so sehe ich am nächsten Tag), den Bach zu überqueren.
    Ich bleibe in einer Kneipe in Bahnhofsnähe hängen.
    Hunger, Durst, Bett!

    Vor dem Duschen ziehe ich unbedacht - weil den ganzen Tag schmerzfrei - das Pflaster von der Scheuerstelle.
    Die Haut hängt dran, es blutet und ich hole meine Schmerzdosis für den Tag nun komprimiert nach.

    Fazit des vierten Tages:
    Das war jetzt im Vergleich zu den vorangegangenen Etappen wirklich eine ziemliche Plackerei! Der Brasilianer erzählte mir unterwegs, das sei definitiv die härteste Etappe, die er auf der ganzen Via Francigena gehabt hätte.
    Die Angabe "leichter Wanderweg" auf Wanderland.CH ist in meinen Augen falsch. Ein Hinweis auf nötige Trittsicherheit (auch außerhalb der Umleitung) wäre angemessen!
    Die Angabe "konditionell schwer" trifft's. "Sehr schwer" wäre wegen der dauernd erforderlichen (und mit sinkendem Blutzuckerspiegel schwer zu haltenden) hohen Konzentration durchaus auch angemessen.
    Die Zeitangabe ist in Ordnung, ich würde aber gefühlt sagen, daß ich länger gebraucht habe.
    Und wieder war der Tag völlig anders als die vorangegangenen.
    Das konzentrierte "nur-Laufen" ohne große Gedanken war für mich eine neue, mental sehr reinigende Erfahrung.
    Geändert von QOM (13.10.2013 um 16:32 Uhr)
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  12. Erfahren
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    26.9.2013 - Tag 5: Orsières-Bourg Saint Pierre

    #12
    26.9.2013 - Tag 5: Orsières-Bourg Saint Pierre

    Der nächste Tag meiner Reise verspricht vor allem eines: Höhenmeter.
    Bei nur 13 km Strecke stelle ich mich mental auf das Schlimmste ein, denn als Flachländer muß ich ständig damit rechnen, daß die Luft dünner wird.

    Die Etappenbeschreibung Orsières-Bourg Saint Pierre verspricht einen technisch einfachen Weg mit hohen konditionellen Anforderungen.

    Die Navigation sieht nicht so wirklich schwierig aus, denn von nun an geht's im großen und ganzen in Sichtweite der Paßstraße einfach immer weiter.
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    Also mache ich morgens auch nicht ganz groß rum. Hilft ja nix.
    Die gammelige Stelle am Fuß kriegt einfach ein großes Pflaster drüber, damit der Socken nicht einschmoddert.
    Und los...

    Aus Orsières geht es zunächst recht ruhig raus, schon bald liegt der Weg im Schatten und steigt auf der anderen Talseite als die Paßstraße an.
    So wird es bald lauter, und das Plätschern des Baches wird durch den Lärm einer kleinen Industrieanlage und später auch des Verkehrs übertönt.
    Ein kurzer Blick zurück...

    Wolken. Sollte ich da überhaupt weiter gehen?

    Der Weg verschwindet im Wald und hinter der nächsten Kuppe wird es ruhig.
    Und als ich wieder aus dem Wald herauskomme, ist auch der Himmel wieder etwas freundlicher.

    Auf dem Bild, das ist leider nicht die Paßstraße. Die bleibt ganz in der Nähe...

    Der Weg steigt - entgegen meinen Erwartungen - sehr regelmäßig an.
    Es gibt nun wirklich nichts zu jammern und zu meckern, sondern geht recht gemächlich voran.
    Schon bald finde ich auf dem wirklich recht einfach zu laufenden Untergrund meinen Rhythmus, zumal es auch nicht wirklich viel zu sehen gibt.
    Noch ist der Wald recht dicht, das Grün recht frisch, alles sehr harmonisch.
    Bis es sich wieder etwas einwölkt...

    Gleich kommt es hier zum Alleräußersten: WASSER FÄLLT VOM HIMMEL!

    Der Niesel ist nicht wirklich schlimm (hab' ich das gerade gesagt?), er läßt sich aber gerade so nicht einfach ignorieren.

    "Natürlich kann man das Geniesel ignorieren. Leg' Dir halt ein dickeres Fell zu..."

    Es geht weiter durch Weideland, allerdings ist da auch nicht so richtig viel los.

    Der Weg steigt gemächlich weiter, mal oberhalb, mal unterhalb der Paßstraße. So hält sich das mit dem Lärm auch in Grenzen.

    Die Talsohle öffnet sich ein wenig und zeigt Bourg Saint Pierre von seiner trostlosen Seite.
    Napoleon hat hier einst genächtigt.
    Der Ort verzichtet auf eine klare Ausschilderung seiner Straßen und Numerierung seiner Häuser.
    Und so gehe ich bis zum Ende durch um mir einen Überblick zu verschaffen. Vielleicht sehe ich das Gasthaus, das ich suche ja von dort...


    Ist es das? Nein, das ist ein altes Lebensmittelhäuschen, zu erkennen an den Steinplatten zwischen Stütze und Basis. Da kommen die Mäuse nicht drüber. Die nehmen dann lieber die Treppe...

    Der Blick zurück über Bourg Saint Pierre ist zwar schön, aber nicht besonders aufschlußreich:

    Das gesuchte Gasthaus war übrigens wirklich das mit dem Häuschen im Garten...


    Hier oben hat man Zeit. Zum Beispiel zum Dachdecken...

    Nach einer ganzen Weile habe ich die Tür des Hauses gefunden, an der jemand öffnet, wenn man nur lange genug klingelt, klopft und ruft.
    Barbara Ziegler, B&B Hospitalité, ist von meinem Besuch deutlich überrascht. Sie meint, ich hätte Glück gehabt, daß sie gerade da wäre.
    Ja, sie hätte morgen auch nichts weiter vor und könnte mich über Nacht aufnehmen.
    (Tipp: Auch während der Hauptsaison geht hier meistens noch was, wenn man sich ein paar Tage vorher anmeldet: barbaraziegler@netplus.ch, +41 79 48 53 432)
    Das Haus wurde ab dem 12. Jahrhundert erbaut, die Luxus-Suite entstand um 1650 und wurde seither nur geringfügig verändert:

    Chrom und Glas, wohin das Auge schweift!

    Der Abend ist sehr ruhig; zwar sind die Brasilianer auch noch angekommen, ich habe es aber tatsächlich geschafft, sie aus den Augen zu verlieren. Und die Kanadier zelten im Gedenken an Napoleon ein Stück weiter unten.
    Die Auswahl an Lokalen ist einfach (im wahrsten Wortsinn), und dort gibt's vergleichsweise günstig ordentlich was auf den Teller.

    Am Abend wird's im Zimmer dann wirklich dunkel, und unglaublich ruhig...

    Fazit des fünften Tages:
    Insgesamt war diese Etappe nach dem Hammer am Vortag sehr erholsam und beruhigend - und auch nicht so anstrengend wie gedacht.
    (An der Kürze des Reiseberichts merkt man wohl sicher auch, daß es eine eher ruhige Nummer war.)
    Der Weg war in der Tat nicht so schwierig, insofern wäre das "konditionell schwer" auf Wanderland.CH schon zu hinterfragen.
    Geändert von QOM (17.11.2013 um 16:58 Uhr)
    Ein Post von QOM = Quengelige Outdoor-Memme.
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  13. Gerne im Forum
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    AW: [CH] Via Francigena von Montreux bis Sankt Bernhard

    #13
    Ah, endlich geht's weiter. Dachte schon, die Schreib-Kondition lässt nach und du kommst nicht mehr bis zum Ziel

  14. Erfahren
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    27.9.2013 - Tag 6: Bourg Saint Pierre-Sankt Bernhard

    #14
    27.9.2013 - Tag 6: Bourg Saint Pierre-Sankt Bernhard

    Der letzte Tag der geplanten Route führt mich nun endgültig ins Hochgebirge.
    Nach einer ganz, ganz ruhigen und ganz, ganz dunklen Nacht empfängt mich Frau Ziegler mit einem rekordverdächtig freundlichen und unerwartet vielseitigen Frühstück - mein Gott, wer soll das alles essen?
    Sie schneidet sogar extra noch ein paar Scheiben Brot auf, damit ich mit ordentlichem Proviant starten kann.
    Wir unterhalten uns nett und gut, ich erfahre, wie die polyglotte Dame ins Hochgebirge gekommen ist und, daß ich vermutlich der letzte Gast vor dem Wintereinbruch wäre.
    Irgendwann reiße ich mich dann doch los und mache mich auf den Weg.

    Dem siechenden Fuß schenke ich kaum Beachtung. Der wird den einen Tag auch noch irgendwie überstehen.

    Vor mir liegt die Spitze der Via Francigena, die Etappe Bourg saint Pierre-Großer Sankt Bernhard mit übersichtlichen und navigatorisch mutmaßlich einfachen 13km (einfach immer bergauf!) und 1.100 Höhenmetern. Aber halt im für mich absolut ungewohnten Hochgebirge.
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    Ich schaue mich nochmal in der Nachbarschaft um:

    Drei Zimmer, Küche, Bad, Balkon: Da wohnte aber an diesem Tag jemand drin!


    Noch ein Blick auf meine Herberge. Die Suite lag hinter den Fenstern mit den Blümchen.

    Der Weg scheint recht einfach, das GPS hat auf den ersten Metern noch keinen richtigen Empfang. Also folge ich der gut sichtbaren Beschilderung des Pilgerweges.
    Die kleine Differenz zwischen GPS-Track und gemessener Position ignoriere ich zunächst.
    Nach etwa einer Viertelstunde, in der der Weg zudem abwärts ins Tal zum Bach geht, ist die "kleine Differenz" auf etwa 200 Meter angewachsen.
    Leider sowohl horizontal als auch vertikal.
    Ich entscheide mich, den Bach nicht zu überqueren, sondern mich zurück in Richtung der GPS-Spur zu kämpfen.
    An dieser Stelle wäre es klug gewesen, bis zum letzten Abzweig (welcher Abzweig?) zurückzugehen.
    Mache ich aber nicht, das wäre langweilig.
    Linker Hand kann ich über mir den Weg sehen.
    Zwischen "sehen" und "unter den Füßen haben" standen in diesem Fall gut 20 Minuten schweißtreibenden Gekraxels über steile Bergwiesen (und durch einen an diesem Tag ungenutzen Schießstand der ansonsten überaus wehrhaften Schweizer Garde).
    Ich erreiche den Weg, und beschließe, den Rest des Tages etwas gewissenhafter zu navigieren.

    Zumal an diesem Tag in dem Gebiet recht viele Jäger unterwegs sind.
    Die schauen mich zwar nicht taxierend an, sondern grüßen sehr freundlich, aber ich beschließe, daß es doch keine gute Idee ist, sich abseits der ausgeschilderten Wege zu bewegen.

    Auf der Paßstraße ist heute noch nicht so viel los, und so kehrt langsam die Ruhe des Hochgebirges ein.
    Das Wetter ist perfekt; ein leichter Rückenwind spendet schon bald etwas wärme und treibt mich den Berg hoch.
    Die Sonne wird durch eine quirlige Bewölkung etwas getrübt, von Regen oder gar Schnee keine Spur. Die Temperatur ist erträglich, nein, genau richtig.
    Das fühlt sich eigentlich viel zu mühelos an.

    Schon bald kommt die Staumauer des Sees in Sicht.
    Der See begrüßt mich mit grüner Kühle:

    Sieht nicht riesig aus, streckt sich dann aber doch!

    Ich folge dem Ufer eine ganze Weile, der See sah aber zu Beginn wirklich kleiner aus!

    Nett anzusehen, aber schnatterkalt!

    Und endlich kommt, fast am Ende des Sees, wo ich an einer verlassenen Hütte eine Pause mache, der Moment, auf den ich schon die ganze Zeit warte: Der Himmel reißt auf und der ganze See liegt ohne Wolkenschatten:

    Hat eine Weile gedauert, bis der Himmel so schön schwarz/weiß war!

    Danach wird das malerische Idyll ein wenig getrübt, denn irgendwer hat hier vor nicht allzu langer Zeit eine Rohrleitung vergraben. Oder eher nicht vergraben, sondern verlegt und mit Geröll bedeckt. Hier oben wird es wohl ein wenig dauern, bis die Natur diese Bausünde mit gnädigem Grün übertüncht. Von der als Galerie auf fast gleicher Höhe geführten Paßstrecke wird der Lärm der Fahrzeuge optimal auf die gegenüberliegende Talseite gelenkt.
    Aber vielleicht sollte ich mich auf die angenehmeren Perspektiven konzentrieren - hey, gab es in diesem Reisebericht schon eine Kuh?

    Klassisches schweizer Kitschpostkartenmotiv: Im Hintergrund noch die relativ laute Paßstraße.

    Aber etwas oberhalb des Sees ändert sich die Atmosphäre. Die Paßstraße verzweigt sich und leitet die eiligen Fahrzeuge in den Tunnel ein. Über der Erde bleiben nur die Genießer mit röhrenden Sportmotoren. Dafür sind es aber nicht so viele.
    Außerdem wird der Fußweg der Francigena auf einer anderen Höhe und entfernt von der Straße geführt.
    So kehrt langsam die Ruhe des Hochgebirges ein.
    Und davon habe ich heute bei bestem Wetter reichlich. Mann, was ein Wetterglück: Letztes Wochenende im September, die Saison ist eigentlich vorbei und ich stapfe fast alleine im kurzen Hemd (!) den Paß hoch.

    Hier kann man sich eigentlich nicht mehr verlaufen! Einfach weiter, bei bestem Wetter und mit leichtem Rückenwind.

    Ich stapfe weiter bergan, finde einen sehr guten Rhythmus und die Hochgebirgsluft macht mir nicht so sehr zu schaffen wie ich es eigentlich erwartet hätte. Nun ja, vielleicht werde ich auch immer langsamer. Aber das wäre ja nicht tragisch, hier ist's so schön und ich bin grundsätzlich nicht in Eile.
    Also gönne ich mir noch eine ausgiebige Panorama-Pause.
    Genau an der richtigen Stelle. An der nchsten Wegbiegung nehme ich wuselige Bewegungen wahr.
    Ich schaue es mir genauer an und schaffe es nach der Pause tatsächlich fast, die Gesellen mit meiner bescheidenen fotografischen Ausstattung und Kenntnis zu stellen:

    Murmeltiere: Schmecken wohl eigentlich ganz gut, sind aber so kurz vor dem Winter etwas zu fett. Außerdem habe ich gerade gegessen. Ansonsten murmeln die nicht, sondern schimpfen aus ihrem Loch heraus!

    Vorsichtig schaue ich mich weiter um und entdecke noch etwas für einen Flachländer nicht ganz Alltägliches:

    Alpenrose: Macht sich neben der ägyptischen Koralle ganz gut an der Dunstabzugshaube!

    Der weitere Weg erklärt sich sehr gut. Es geht einfach immer weiter hoch, die wenig befahrene Paßstraße ist gelegentlich zu kreuzen.
    Der Weg bleibt technisch einfach, geht aber sehr abwechslungsreich über Felsen, Geröll, moosiges Grün, an Bächlein entlang.
    Wiede mal halte ich inne, denn der Boden brennt!

    Keine Blüten, sondern herbstlich rote Blätter!

    Die letzten Meter ziehen sich etwas, hoch über mir kann ich den Parplatz (beziehungsweise die Geröllhalde unterhalb) erkennen, aber irgendwie komme ich kaum näher. Ich liege gut in der Zeit, also lasse ich mich davon auch nicht stressen. Jetzt nicht mehr.

    Etwas unterhalb der Paßhöhe, sicherlich ein schöner Platz für den eiligen Wanderer, im Sommer die dampfenden Socken zu kühlen...

    Auf den letzten Metern gibt es noch einen schönen Blick zurück, ob der nach dem Schnee des Winters noch stehen wird?

    Durch meine überdurchschnittliche Körpergröße ist es mir am Ende der Saison sogar noch vergönnt, zwei Steinchen an der Spitze hinzufügen zu können.

    Der Rest des Weges zum Paß ist einfach.
    Aber als ich das Hospiz erreiche, kann ich es mir nicht verkneifen, noch ein Stück weiter zu schauen.
    Ich überquere die italienische Grenze ohne Formalitäten und lasse mich vom Paßheiligen grüßen:

    Aaah, drum. Der Sankt Bernhard. Der große sogar.

    Und ich schaue über den Rand, wie der Weg weitergehen wird:

    Tja, da geht's dann wohl wieder runter...

    Und das war's dann!
    Ich mache mich zurück auf die Paßhöhe, der Wind wird jetzt kälter, der Himmel zieht etwas zu, das ist wohl das Ende meiner Wanderung!

    So, jetzt geht's heim!

    Der Bus ins Tal läßt sich nicht verpassen. Leider war das Hotel hier oben für die Nacht ausgebucht und die Pilger Herberge wollte ich mit meiner zynischen unreinen Seele bitte lieber doch nicht belasten.

    Fazit des letzten Tages:
    Mehr Glück kann man wohl kaum haben! Den großen Sankt Bernhard Ende September schneefrei bei Sonnenschein im kurzen Hemd praktisch alleine zu erwandern ist ein Privileg, das nur sehr wenigen vergönnt sein wird!
    Die Angabe "konditionell schwer" ist aufgrund des Geländes und der Meereshöhe sicher angemessen, wenngleich ich es als einfacher empfinde als ich es erwartet hatte. Vielleicht auch weil ich weiß, daß ich danach alle Zeit der Welt zur Erholung habe...
    Der Weg ist zu recht als "technisch leicht" bezeichnet, erst recht so, wie ich ihn erlebt habe: Trocken, schneefrei, kein extremes Wetter.
    Die Krönung der Wanderung - und der Höhepunkt der Francigena.
    Geändert von QOM (15.12.2013 um 13:33 Uhr)
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  15. Erfahren
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    AW: [CH] Via Francigena von Montreux bis Sankt Bernhard

    #15
    Ich verfolge deinen Bericht nun schon etwas laenger. Mir gefaell dein Schreibstil sehr gut, also halt dich ran und mach die siebte Etappe schnell fertig
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  16. Erfahren
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    [CH] Via Francigena von Montreux bis Sankt Bernhard - Abschluß

    #16
    So, das war's dann für's erste!

    Der Weg vom Paß ist an dem Abend noch relativ lang.
    Denn ich verlege danach meinen Standort nach Sierre.
    Was will ich da?
    Ich will am nächsten Tag noch einen Teil der ursprünglich mal geplanten Route im Rhonetal laufen.
    Das führt mich von Sion nach Sierre.
    Der Einstieg in den Weinweg ist etwas schwierig zu finden.
    Danach ist nochmal einen Tag lang Sommer!
    Der Weg geht weinbergauf- weinbergab:

    Nochmal Sonne satt! Kurze Klamotten, Sonnenbrand!


    Das unverschämte Wetterglück hält an!

    Es sind - auch durch die Wärme - relativ anstrengende zwanzig Kilometer, die ich mir da vorgenommen hatte.
    Aber die Sonne entschädigt für alles.

    Unterwegs gibt es Trauben vom Stock sowie Feigen (!) und Pflaumen, alles sonnenwarm.
    Auch gibt es zahlreiche Brunnen zur Erfrischung, wo Wein ist, ist auch Wasser!

    Der Weg zieht sich wesentlich länger als geplant, aber ich erreiche mein Auto in Sierre.

    Und als ich den Kofferraum öffne, zieht der Himmel zu und läßt ein paar Tropfen fallen.
    Danke schön, lieber Petrus!

    Ich wechsele nochmals den Ort, um meinen geschundenen Körper angemessen zu aalen.
    Der Weg nach Leukerbad ist zwar relativ weit, ich erreiche das alte Römerbad zum Ausklang der Reise aber gerade noch so, daß ich mich vor dem öffentlichen Badeschluß noch ordentlich lange suhlen kann.
    Der Abend vergeht mit Raclette.

    Und am nächsten Tag geht's schweren Herzens heim.
    Auf der Autobahn vorbei an Montreux, wo die Reise begann...

    Ob und wann ich auf der Francigena weiter komme?
    Ich hoffe doch nächstes Jahr, wenn der Sankt Bernhard wieder frei ist!
    Wenn's denn soweit ist, werde ich wieder berichten...
    Ein Post von QOM = Quengelige Outdoor-Memme.
    Es gibt schlechtes Wetter!
    Egal, welche Klamotten!
    Laßt Euch da nichts vormachen!

  17. Fuchs
    Avatar von blauloke
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    AW: [CH] Via Francigena von Montreux bis Sankt Bernhard

    #17
    Eine schöne Wanderung hast du da gemacht.
    Danke für den Bericht.
    Du kannst reisen so weit du willst, dich selber nimmst du immer mit.

  18. Gerne im Forum
    Avatar von Stippvisite
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    AW: [CH] Via Francigena von Montreux bis Sankt Bernhard - Abschluß

    #18
    Zitat Zitat von QOM Beitrag anzeigen
    Wenn's denn soweit ist, werde ich wieder berichten...
    Und wir werden lesen

    Danke für den Bericht und noch viele schöne Touren

  19. AW: [CH] Via Francigena von Montreux bis Sankt Bernhard

    #19
    Hat mir Jahre später jetzt auch noch gefallen! Ging es eigentlich noch irgendwo/irgendwann weiter?

    LG,
    Babs

  20. Erfahren
    Avatar von QOM
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    AW: [CH] Via Francigena von Montreux bis Sankt Bernhard

    #20
    Zitat Zitat von Babsbara Beitrag anzeigen
    Hat mir Jahre später jetzt auch noch gefallen! Ging es eigentlich noch irgendwo/irgendwann weiter?

    LG,
    Babs
    Hallo Babs,

    nein, auf der Francigena ging es nicht weiter.
    Ich hab' mich dann an den Jakobsweg drangemacht, ab der Haustür.
    Und das wird mich sicher auch noch einige Jahre urlaubstechnisch beschäftigen.

    Aber auf dem Jakobsweg habe ich bei Langres die Francigena gekreuzt und mir vorgenommen, die Strecke fortzusetzen.
    Zumal ich bei einer Reise durch Umbrien in Viterbo wieder mal drauf gestoßen war, und natürlich in Rom...

    Zwischenzeitlich spreche ich etwas italienisch.
    Es fehlt nur noch an der Zeit...

    (Ich schaff' es ja nichtmal, hier meine Reiseberichte einigermassen zeitnah einzustellen - geschrieben ist das meiste schon!)

    Schönes Wochenende!

    QOM
    Ein Post von QOM = Quengelige Outdoor-Memme.
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