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    [DE] »I weiß ja net, wie hart Sie sind« – Schauriges und Schönes vom Westweg

    #1
    Mitreisende: Igelstroem
    Tourverlauf:

    Tag 1 (Donnerstag, 12.09.2013): Forbach – Schutzhütte Untere Birkenaustraße; 11,5 km

    Tag 2 (Freitag, 13.09.): Untere Birkenaustraße – Schlappdachhütte (Nähe Darmstädter Hütte); 21,8 km

    Tag 3 (Sonnabend, 14.09.): Schlappdachhütte – Nikolashütte; 25,4 km

    Tag 4 (Sonntag, 15.09.): Nikolashütte – Wanderheim Brandenkopf; 19,3 km

    Tag 5 (Montag, 16.09.): Brandenkopf – Hausach – Farrenkopf; 13,4 km

    Tag 6 (Dienstag, 17.09.): Farrenkopf – Naturfreundehaus Brend; 25,1 km

    Tag 7 (Mittwoch, 18.09.): Pausentag auf dem Brend (wegen Sturm und Regen)

    Tag 8 (Donnerstag, 19.09.): Brend – Kapfenkapelle (Nähe St. Märgen); 26,6 km

    Tag 9 (Freitag, 20.09.): Kapfenkapelle – Gundelfingen/Breisgau; 24,2 km

    Gesamtstrecke: 167 km


    Der detaillierte Bericht folgt in den nächsten Tagen. Zur Einstimmung sei schon mal gesagt, dass es an den Tagen 2 und 8 nicht geregnet hat, jedenfalls nicht tagsüber. Seit meiner Abreise aus Freiburg scheint dort hämischerweise sogar die Sonne.

    Während der Zwangspause im Naturfreundehaus auf dem Brend habe ich ein Buch aus den achtziger Jahren mit Tourenvorschlägen für den Schwarzwald studiert. Die Abbildungen darin zeigen eine herbstbunte Landschaft unter blauem Himmel. Das reizt zum Lachen, wenn man vorher tagelang vorwiegend in Nebel und Regen unterwegs war und sich mitunter bei Einheimischen erkundigt hat, was man denn sehen würde, wenn man etwas sehen würde. Dass überhaupt noch gelacht werden kann, hat seine Gründe teils in diesen Einheimischen, teils darin, dass die für den schlimmsten Fall mitgeführte Ausrüstung letztlich auch im schlimmsten Fall nicht versagt hat. Dem Unglück der Witterung steht eine Serie von kleinen Glücksfällen gegenüber, von denen noch die Rede sein wird.

    Weder habe ich unterwegs einen Abbruch der Tour in Erwägung gezogen, noch war ich länger als einige Minuten deprimiert. Das Wetter ist keine Dienstleistung, sondern eine Tatsache. Das wusste man ja. Nur manchmal gibt es einen Augenblick der Empörung: wenn auf die verheißungsvolle Aufhellung des Himmels binnen kürzester Zeit nur umso heftigerer Regen folgt; wenn man nach einer halbstündigen Regenpause den Vollschutz ablegt und ihn nach dem Einpacken gleich wieder auspacken kann; wenn man sich vor dem Starkregen unter einen Baum flüchtet, um irgendetwas aus dem Rucksack hervorzukramen, und dann ein plötzlich aufkommender Wind das Wasser aus den triefenden Zweigen schüttelt.

    Man gewöhnt sich aber. Nach zwei, drei Tagen gilt als echter Regen nur noch das, was bis auf die Haut durchdringt. Und davon gab es nur wenig.
    Geändert von Igelstroem (10.11.2013 um 23:46 Uhr)
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    AW: »I weiß ja net, wie hart Sie sind« – Schauriges und Schönes vom Westweg

    #2
    Du kannst nicht einfach hier Pause machen, du... Fiesling!


    Edit:

    Das Wetter ist keine Dienstleistung, sondern eine Tatsache.
    Dieser Satz könnte als geflügeltes Wort in die Forumsannalen eingehen.
    Geändert von Pfad-Finder (24.09.2013 um 23:35 Uhr)
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    AW: [DE] »I weiß ja net, wie hart Sie sind« – Schauriges und Schönes vom Westweg

    #3
    Tag 1: Forbach – Schutzhütte Untere Birkenaustraße

    In Karlsruhe, beim Umsteigen, scheint noch fast die Sonne. Aber kaum hat die S-Bahn nach Forbach die Stadt verlassen, beginnt der Regen. Ich sitze in einer Art Straßenbahnwaggon, habe in Karlsruhe gerade noch früh genug zur Kenntnis genommen, dass es in diesem Zug keine Toiletten gibt ... Vage erinnere ich mich, vor ziemlich genau dreißig Jahren schon einmal auf dieser Strecke nach Freudenstadt gefahren zu sein. »Steilste Normalbahnstrecke der Bundesbahn«, so meine Erinnerung.

    Es ist 15 Uhr. Irgendwo unterwegs steigen vier nett anzuschauende Jugendliche ein, anscheinend Gymnasiasten, die von der Schule nach Hause fahren.

    A: Hoffentlich hört der Regen bald auf. Ich hasse es, im Regen nach Hause zu laufen.

    [B weist auf seine Regenjacke hin.]

    C: Ich würde nie eine Regenjacke tragen. Regenjacke ist kein Style.
    B: Es soll auch kein Style sein. Regenjacke ist nicht Style, sondern Funktion.
    C: Aber jetzt bin ich noch jung, da kommt es nicht darauf an, dass ich funktioniere, sondern dass ich gut aussehe.

    Nach und nach steigen die vier aus, der letzte (D) an der Station vor Forbach. Plopp, Schirm geht auf. Geh durch den Regen nach Hause. Nachher wirst Du bekocht, Bürgersohn.

    Vorfreude aufs Wandern und Unbehagen. Ich gehe nicht durch den Regen nach Hause, sondern irgendwohin. Ich weiß nicht, wo ich schlafen werde. Auf der Karte habe ich Schutzhütten identifiziert, die ich bis zum Einbruch der Dunkelheit erreichen könnte. Ob sie sich zum Übernachten eignen, steht in den Sternen. Die Wegscheidhütte würde sich eignen, aber sie ist zu nah, und andererseits kann ich heute nicht mehr zur Badener Höhe aufsteigen. Deshalb habe ich für die erste Etappe eine abweichende Route ausgewählt, die mich erst morgen wieder auf den Westweg führen wird.

    Im Bahnhofseingang treffe ich, während ich meine Regenjacke anziehe, ein Ehepaar aus Thüringen. Auch zum Wandern hier, na klar. Sie haben außerdem einen Ausflug nach Straßburg gemacht, um mal das Europaparlament zu sehen. Das bringt mich auf die Idee, ihnen meine Reiselektüre anzudienen, ein Heft der Zeitschrift Cicero, teuer genug gekauft und zu schade zum Wegschmeißen. Sie nehmen es mit Widerstreben, wie aus Höflichkeit, als wäre es ein Wahlkampfprospekt.

    Dann gibt es eine Regenpause. Ich verabschiede mich, laufe über die Brücke, die Straße entlang, kaufe Apfelschorle, suche die Westwegmarkierung und beginne den Aufstieg. Noch im Ort fülle ich an einem Brunnen die andere Wasserflasche auf. Ein Anwohner spricht mich an und erklärt mir, das Wasser sei trinkbar. Überhaupt sei es hierzulande so, dass es sich immer dann um Trinkwasser handele, wenn nichts Gegenteiliges dranstehe. Das glaube ich sofort. In der Tat habe ich nie ernsthaft in Erwägung gezogen, für diese Tour einen Wasserfilter anzuschaffen.

    Bald hinter der Marienkapelle, gerade erst im Wald, steht die erste Kuh auf dem Weg. Sie weidet tatsächlich im Wald, wie ihre Vorfahren vor 500 Jahren. Wenn Du auf dem Westweg stehst, denke ich in ihre Richtung, wirst Du wohl daran gewöhnt sein, dass ich nah an Dir vorbeigehe. So ist es auch. Dann die Serpentine am Hang; die Kühe bleiben unter mir zurück.

    Ungefähr als ich vom Westweg nach links abbiege, Richtung Schwarzenbachtalsperre, beginnt es wieder zu regnen. Ich ziehe umständlich meine Regenhose an; später wird das schneller gehen und muss auch. Dann die Rucksack-Regenhülle, improvisiert aus einem Knistermüllbeutel, schon vorher mit Schlitzen für die Tragegurte versehen. Das ist eine Konstruktion, die ihren Zweck erfüllt und bis zum Ende der Tour halten wird.

    Am Lachsberg laufe ich einen Umweg, um eine in der Karte verzeichnete Hütte anzuschauen. Sie ist privat und wirkt rundherum etwas ungepflegt, im Regen erst recht ein unwirtlicher Ort.

    Kurz vor der Talsperre mache ich eine kleine Pause, um etwas zu essen. Es gibt noch keine Routine; vor allem fehlt ein trockener Sitzplatz. Eine Wespe fliegt vor meinem Gesicht herum. Das finde ich irgendwie unpassend: Wespen sind der Preis für gutes Wetter im August, nicht für schlechtes im September.

    Etwa um halb sieben laufe ich über die Staumauer. Da der Regen für eine Weile ausgesetzt hat, mache ich ein paar Fotos.
    Das Hotel am anderen Ende der Staumauer ist geschlossen. Kein Mensch zu sehen, auch die Straße ist kaum befahren.


    Staumauer der Schwarzenbachtalsperre



    Blick von der Staumauer nach Südosten



    Blick auf den See


    Auf der anderen Seite geht es wieder eine Weile bergauf, dann folge ich der Unteren Birkenaustraße. Zügigen Schrittes, denn es beginnt schon zu dämmern. Außerdem wird der Regen stärker. Wenn die beiden nahe beieinanderliegenden Hütten an dieser Forststraße ungeeignet sein sollten, werde ich notfalls noch nach Erbersbronn absteigen müssen, wo ein Wanderheim verzeichnet ist. Oder irgendwo zwischen zwei Bäumen das Tarp aufspannen. Im Regen, versteht sich.


    Und während ich das denke, beginnt die oben erwähnte Serie von Glücksfällen. Ich erreiche die erste Hütte, finde sie offen, gehe hinein – und plötzlich fühle ich mich wie zuhause: ein bequemes Haus für mich allein. Trocken, geräumig (3,8 x 3,8 m), relativ neu und ziemlich sauber. Fenster aus Plastikfolie. Stabile Bänke an zwei Seiten, dazu ein großer Tisch. Hier breite ich mich aus, während es draußen dunkel wird, und genieße den Abend im Schein der Stirnlampe. Elf Grad und etwa 90 % Luftfeuchtigkeit messe ich – das Messgerät habe ich diesmal wieder mitgenommen. Ich schlafe auf dem sehr ebenen Holzfußboden (Isomatte und Schlafsack eingehüllt in den neulich angeschafften britischen Tarnmuster-Biwaksack). Interessantester Bodenfund bei der Vorbereitung ist übrigens eine Nähnadel, woraus ich schließe, dass hier jedenfalls in der Vergangenheit nicht nur Forstarbeiter zu Gast waren.



    Hütte an der Unteren Birkenaustraße (aufgenommen am nächsten Morgen)



    Das Innere der Hütte


    Nachts scheint irgendein kleineres Tier an der Außenwand hinter der Hütte entlangzustreifen. Aber ich gewöhne mich in den folgenden Tagen daran, solchen nächtlichen Wahrnehmungen zu misstrauen: Mitunter ist es die eigene Ausrüstung, das ungewohnte Rascheln des Biwaksacks oder das Streifen des Stoffes auf dem Holz, das fälschlich nach außen projiziert wird. Und wenn es ein Tier ist, ist es eben ein Tier. Die Tür dieser Hütte ist horizontal zweigeteilt. Wenn man den unteren Teil verriegelt, kann man hinausschauen und sich mit dem Wildschwein verständigen, ohne es hereinbitten zu müssen.



    Tageskilometer: 11,5
    Geändert von Igelstroem (05.10.2013 um 03:38 Uhr)
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  4. Erfahren
    Avatar von stoeps
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    AW: [DE] »I weiß ja net, wie hart Sie sind« – Schauriges und Schönes vom Westweg

    #4
    Weiter, weiter !!! Welch wunderbarer Schreibstil !

    … und voraussichtlich ein Text, der mir bei eigenen zukünftigen Regentouren das Durchhalten erleichtern wird.

    Gruß
    stoeps


    PS: Ich fand schon, Deine Signatur hat das Zeug zum Klassiker – der von Pfad-Finder zitierte Satz zum Wetter hat nun auch einen Platz in meiner Zitate-Sammlung

  5. Gerne im Forum
    Avatar von Bearded
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    AW: [DE] »I weiß ja net, wie hart Sie sind« – Schauriges und Schönes vom Westweg

    #5
    Zitat Zitat von stoeps Beitrag anzeigen
    Ich fand schon, Deine Signatur hat das Zeug zum Klassiker – der von Pfad-Finder zitierte Satz zum Wetter hat nun auch einen Platz in meiner Zitate-Sammlung
    Da kann ich mich stoeps nur anschließen. Vielversprechender Anfang, eine Tour, die auch noch auf meiner to-do-Liste steht, toller und humoriger Schreibstil. Lass dich nicht hetzen, aber bitte weitermachen!!!
    "Auf der Spaß-Galeere, wäre lieber alleine - von hinten schreit jemand: Jetzt rudert ihr Schweine!" (Kettcar)

  6. Gerne im Forum

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    AW: [DE] »I weiß ja net, wie hart Sie sind« – Schauriges und Schönes vom Westweg

    #6
    Danke schon mal für den vielversprechenden Beginn...
    Wegen des Wetters, Du hättest einfach auf die anderen Seite der Alpen wechseln sollen: Ich war zur gleichen Zeit im italienisch/französischen Grenzgebiet um den Monte Viso unterwegs und hatte, bis auf einen Tag, bestes Wetter...
    Funktioniert zumeist...Alpen-Nordseite mies ==> ab über die Grenze(n)

  7. AW: [DE] »I weiß ja net, wie hart Sie sind« – Schauriges und Schönes vom Westweg

    #7
    Ein schöner Anfang und ich bin auf die Fortsetzung gespannt!

    Der oft erwähnte Westweg scheint sehr schön zu sein, sogar bei Dauerregen...
    Der wird auf meiner Wunschliste für die nächsten Jahre auf jeden Fall einen Platz bekommen.

    viele Grüße
    Birgit

  8. AW: [DE] »I weiß ja net, wie hart Sie sind« – Schauriges und Schönes vom Westweg

    #8
    Lachsberg?
    Lachberg.
    danke, molto molto!

  9. AW: [DE] »I weiß ja net, wie hart Sie sind« – Schauriges und Schönes vom Westweg

    #9
    C: Aber jetzt bin ich noch jung, da kommt es nicht darauf an, dass ich funktioniere, sondern dass ich gut aussehe.

    Ich habe mich jetzt schon schlapp gelacht.
    Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich dann tot lache, warte ich schon auf die Fortsetzung.

  10. chrischian
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    AW: [DE] »I weiß ja net, wie hart Sie sind« – Schauriges und Schönes vom Westweg

    #10
    Zitat Zitat von Igelstroem Beitrag anzeigen
    Ich sitze in einer Art Straßenbahnwaggon, habe in Karlsruhe gerade noch früh genug zur Kenntnis genommen, dass es in diesem Zug keine Toiletten gibt ...
    Da haben wir's, das ist offensichtlich ein Nachteil von Überlandstraßenbahnen.

  11. Erfahren
    Avatar von joeyyy
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    AW: [DE] »I weiß ja net, wie hart Sie sind« – Schauriges und Schönes vom Westweg

    #11
    Sehr kurzweiliger Schreibstil mit vielen Analogien, die mich immer wieder zum Schmunzeln bringen. Das mag ich.

    Zitat Zitat von Igelstroem Beitrag anzeigen
    Elf Grad und etwa 90 % Luftfeuchtigkeit messe ich – das Messgerät habe ich diesmal wieder mitgenommen.
    Wieso? Hast Du irgendwelche oberen und unteren Grenzen, bei deren Überschreitung Du irgendwas machst oder nicht machst? Oder haben Dich Deine Sinne irgendwann mal arg getäuscht, so dass Du ihnen nicht mehr traust?

    Weil, wozu brauchst Du ein Grenzenauslotgerät zur Schlafplatzsuche, wenn Du doch Deine Grenzen gar nicht ausloten willst?

    www.gondermann.net
    Reisen - Denken - Leben

  12. Dauerbesucher
    Avatar von Igelstroem
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    AW: [DE] »I weiß ja net, wie hart Sie sind« – Schauriges und Schönes vom Westweg

    #12
    Zitat Zitat von joeyyy Beitrag anzeigen
    Hast Du irgendwelche oberen und unteren Grenzen, bei deren Überschreitung Du irgendwas machst oder nicht machst? Oder haben Dich Deine Sinne irgendwann mal arg getäuscht, so dass Du ihnen nicht mehr traust?

    Weil, wozu brauchst Du ein Grenzenauslotgerät zur Schlafplatzsuche, wenn Du doch Deine Grenzen gar nicht ausloten willst?

    Ich habe früher mal ein paar Semester Meteorologie studiert; deshalb kann ich nicht einschlafen, wenn ich nichts gemessen habe. Bei der Temperaturmessung geht es nebenbei nicht um meine Grenzen, sondern um die Grenzen meines Schlafsacks, vor allem um die wirkliche Komfortgrenze in Kombination mit dem Biwaksack und der beim Schlafen verwendeten Kleidung. Natürlich sind dabei auch physiologische Faktoren und insofern in einem weiten Sinne auch »meine Grenzen« im Spiel. Aber ich lote nicht aus, was ich aushalte, sondern wie die Ausrüstung beschaffen sein muss, dass sie mich möglichst nicht an meine Grenzen bringt.

    Das Ergebnis der Feuchtigkeitsmessung habe ich übrigens nicht notiert, 93 % sind wohl plausibler als »etwa 90 %«. Draußen hat es ja in Strömen geregnet, d.h. die relative Luftfeuchtigkeit liegt zwischen 97 und 100 %, und in der Hütte kann der Wert nur dann deutlich darunter liegen, wenn es dort wärmer ist. Wenn man die Tür der Hütte schließen kann, erreicht man je nach Bauart und Größe der Hütte im Inneren eine Temperatur, die 2 bis 5 Grad über der Außentemperatur liegt. Im günstigsten Fall, wenn man z.B. mit Kerzen etwas heizen kann (Nikolashütte, Hasemannhütte auf dem Farrenkopf) kann man eine relative Luftfeuchtigkeit von 80-85 % erreichen, selbst wenn es draußen neblig ist. Dann findet über Nacht auch eine gewisse Trocknung der aufgehängten Regenkleidung statt. Oberhalb von 90 % hat man hingegen kaum noch einen Trocknungseffekt.

    Den Bericht kann ich leider erst nach dem 3. Oktober fortsetzen.
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  13. Dauerbesucher
    Avatar von changes
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    AW: [DE] »I weiß ja net, wie hart Sie sind« – Schauriges und Schönes vom Westweg

    #13
    Zitat Zitat von Igelstroem Beitrag anzeigen
    Den Bericht kann ich leider erst nach dem 3. Oktober fortsetzen.
    Sadist bist du aber nicht?
    Ich bin nicht tot, ich tausche nur die Räume, ich bin in Euch und geh’ durch Eure Träume. (Michelangelo)
    Das einzig Wichtige im Leben sind die Spuren von Liebe, die wir hinterlassen, wenn wir weggehen. (Albert Schweitzer)

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    Avatar von FrankK
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    AW: [DE] »I weiß ja net, wie hart Sie sind« – Schauriges und Schönes vom Westweg

    #14
    I woisch wasch gsähn hädschd wennd schehns Wetter ghobt hädschd.

    Ich hatte das Glück den Westweg fast komplett bei schönem Wetter laufen zu können. Und da gibt es wahrlich viel schönes zu sehn.
    Aber ich kann auch nachvollziehen wie es ist, wenn man bei schlechtem wetter unterwegs ist, Berge erklimmt und was man dann oben sieht nach allen Anstrengungen ist einfach....NICHTS!
    Da muss man mental auf jeden Fall sehr stark sein.

    Viele Grüsse.

    Frank.

  15. Gerne im Forum

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    AW: [DE] »I weiß ja net, wie hart Sie sind« – Schauriges und Schönes vom Westweg

    #15
    Zitat Zitat von Igelstroem Beitrag anzeigen
    Ich habe früher mal ein paar Semester Meteorologie studiert; deshalb kann ich nicht einschlafen, wenn ich nichts gemessen habe. Bei der Temperaturmessung geht es nebenbei nicht um meine Grenzen, sondern um die Grenzen meines Schlafsacks, vor allem um die wirkliche Komfortgrenze in Kombination mit dem Biwaksack und der beim Schlafen verwendeten Kleidung. Natürlich sind dabei auch physiologische Faktoren und insofern in einem weiten Sinne auch »meine Grenzen« im Spiel. Aber ich lote nicht aus, was ich aushalte, sondern wie die Ausrüstung beschaffen sein muss, dass sie mich möglichst nicht an meine Grenzen bringt.[...]
    ...interessant! Dann machst Du bestimmt auch Aufzeichnung von Deinen "Experimenten"? Welche Schlafsäcke mit welcher Bekleidung dich bis zu welcher Temperatur angenehm schlafen ließen? Evtl. aufschlußreicher als irgendwelche Hersteller-Angaben...Wenn Sie für die Allgemeinheit interessant sein sollten, kannst Du sie ja mal hier irgendwo veröffentlichen...

  16. AW: [DE] »I weiß ja net, wie hart Sie sind« – Schauriges und Schönes vom Westweg

    #16
    Köstlich. Besonders die Betrachtung über die Verständigungsmöglichkeit mit Wildschweinen hat mir gefallen

    Übrigens, morgen ist der 3. Oktober
    Das Leben ist schön. Von einfach war nie die Rede.

  17. Dauerbesucher
    Avatar von Igelstroem
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    AW: [DE] »I weiß ja net, wie hart Sie sind« – Schauriges und Schönes vom Westweg

    #17
    Tag 2 (Freitag, 13.09.): Birkenaustraße – Schlappdachhütte


    Irgendwann nach Mitternacht hat das Regenrauschen aufgehört, und morgens beim Aufstehen ist es halbwegs trocken draußen (was nur heißt, dass es eben nicht regnet).

    Kurz nach sechs stehe ich auf, esse etwas, packe meine Sachen zusammen. Ohne Rucksack mache ich noch den kleinen Abstecher zu der vermeintlichen Nachbarhütte, die fast in Sichtweite liegt und die ich gestern Abend nicht mehr angesehen habe. Sie liegt viel schöner (mit Ausblick zum Tal), ist aber ein privates Ferienhaus, jedenfalls steht da sogar ein Auto, so dass ich auf weitere Nachforschungen verzichte.

    Koordinaten meiner Übernachtungshütte (nach Google Maps): 48.6327 / 8.2957; Höhe: 761 m

    Um halb acht mache ich mich auf den Weg, das heißt ich folge der Birkenaustraße weiter Richtung Hundseck, um dort wieder auf den Westweg zu stoßen.





    Unterwegs telefoniere ich ein bisschen (an der Hütte hatte ich keinen Empfang), wasche mich symbolisch an einem Bächlein, lasse mich von einem Langholz-Lastzug überholen. Nicht umsonst heißt die Strecke auch Holzfällerroute, wie auf den Schildern geschrieben steht. Man kommt noch an einer größeren Hütte vorbei, der Birkenauhütte, die allerdings verschlossen ist. Wenn man das Rauschen des nahen Baches erträgt, würde man hier unter dem großzügigen Vordach eventuell ebenfalls nächtigen können.


    Birkenauhütte


    Kur vor zehn Uhr erreiche ich Hundseck. Das ehemalige Kurhaus ist im vorigen Jahr sozusagen von Amts wegen teilweise abgerissen worden und sieht nun so aus, wie es hier auf den Bildern zu sehen ist. Man kann hineinschauen.








    Was wollte ich hier tun? Den Morgenkaffee zu mir nehmen, genau. Aber das Restaurant auf der anderen Straßenseite öffnet erst um 11 Uhr. Das ist auch an den Folgetagen die Kehrseite des frühen Aufbrechens nach der Schutzhüttenübernachtung: Man läuft manchmal zehn Kilometer und mehr bis zum ersten Kaffee, so dass vor dem inneren Auge ein kleiner Hobo-oder-sonstwas-Kocher nebst Tasse und Kaffeefertigprodukt zu tanzen beginnt, der ja bei den früheren Kurztouren schon mal wegrationalisiert worden war. Jetzt am nassen Herbstmorgen hätte er seine Zeit.

    Weiter also über den Hochkopf nach Unterstmatt. Wenn ich mich recht entsinne, regnet es nicht, aber die Hochfläche ist ganz in Nebel gehüllt, und oben ist es dann auch ziemlich kalt und zugig.







    Von Ausblicken ist nichts zu berichten, vielmehr kann man sich beim Wandern durch die Grindenvegetation leicht einbilden, man sei vielleicht im November auf Hiddensee unterwegs. Auf dem Gipfel mache ich eine kurze Pause und bin froh über meinen Wollpullover über dem Powerstretch-Hoodie. (Der Wollpullover hat bei der Planung mal kurz zur Disposition gestanden, so als genügte es, bei Wind und Kälte die Regenjacke über die Kapuzenjacke zu ziehen; aber die Regenjacke ist im weiteren Verlauf meistens mehr oder weniger klamm, und was fürs Laufen ausreicht, genügt fürs Sitzen noch lange nicht.)






    In Unterstmatt bin ich ungefähr um halb zwölf, lasse mich dort, anfangs als einziger Gast, in der Gaststätte »Zur Großen Tanne« nieder – und warte auf meine Eltern. Das mag jetzt überraschen, aber sie sind gerade auf der Rückreise von Hinterzarten, und da sie ohnehin im nahen Sasbachwalden noch einmal übernachten, liegt es nahe, sich hier irgendwo zum Mittagessen zu treffen.

    Die »Große Tanne« ist eigentlich eine Art Biker-Treff. Während ich hier warte, unterhalte ich mich kurz mit den ersten eintreffenden Motorradtouristen (aus Manchester, auf dem Weg nach Italien), dann länger mit einer älteren Dame, die in der Nähe ein isoliert im Wald liegendes Ferienhaus besitzt. Irgendwann treffen auch meine Eltern ein, wir essen zu Mittag, anschließend begleiten sie mich noch ein kurzes Stück auf dem Weg Richtung Hornisgrinde.

    Kurz nachdem wir uns im Wald verabschiedet haben, passiere ich das Naturfreundehaus Ochsenstall, dann geht es weiter bergauf zum Gipfelplateau der Hornisgrinde.






    Es regnet nicht, und auf der Hornisgrinde habe ich sogar einen milchigen Fernblick ins Rheintal, wo ein bisschen die Sonne scheint – aber auf einem Foto abbilden lässt sich das mit meinen Mitteln nicht. Ich steige auf den sogenannten Bismarckturm (einen ehemaligen Vermessungsturm), umkreise ein bisschen die sonstigen Gebäude rund um den Hornisgrindeturm, deren Zustand mich vage an blühende Landschaften in Brandenburg erinnert.


    Blick vom Bismarckturm

    Dann steige ich zum Mummelsee ab, wo die Touristen mummeln und man einen Kaffee im Pappbecher bekommt, wenn man will.




    Inzwischen ist es vier Uhr, und die Übernachtungsfrage beginnt mich wieder zu beschäftigen. Ich spreche einen einheimisch aussehenden Wanderer an und frage ihn nach Schutzhütten im weiteren Verlauf des Westweges. Er erinnert sich, dass es in der Nähe der Darmstädter Hütte eine gibt, direkt an der Loipe, »keine 400 Meter Luftlinie« von der Darmstädter Hütte. Diese Entfernungsangabe wird später noch Rätsel aufgeben, aber zunächst bin ich ja guter Dinge und mache mich auf den Weg. Von den Touristen ist hinter dem Seibelseckle nichts mehr zu sehen; nur auf der etwas unterhalb des Weges verlaufenden Schwarzwaldhochstraße röhren brünftig die Motorräder, wie man es im Herbst nicht anders erwartet.


    ›Hütte unterhalb vom Schwarzkopf‹ (so bezeichnet im Wiki). Man beachte die fürs Übernachten eher ungünstige Möblierung.


    Zwischen Seibelseckle und Darmstädter Hütte


    Ausblick


    Ich erreiche die Darmstädter Hütte kurz nach sechs. Die Gaststätte hat nach Auskunft der beiden draußensitzenden Übernachtungsgäste gerade um sechs geschlossen, man sei aber drinnen sehr nett und entgegenkommend. Vielleicht würde ich also einen Kaffee bekommen, aber ich befürchte, dass ich dadurch zu viel Zeit verliere und dann der Versuchung nachgebe, hier auch gleich zu übernachten. Also eile ich weiter und suche die imaginierte Schutzhütte.

    Die in der Karte knapp südlich verzeichnete Hütte, an die ich eigentlich dachte, existiert zwar, ist aber offenbar ein privates Ferienhaus. Ich suche also östlich der Darmstädter Hütte weiter. Dort, wo die Karte das nächste Hüttensymbol verzeichnet, befindet sich nur eine überdachte Informationstafel, aber immerhin weist hier ein Wegweiser auf die Schlappdachhütte hin, die man über einen schmalen Fußpfad erreicht. Sie liegt nun tatsächlich an der Loipe, etwa 1,2 km Luftlinie oder 1,6 km Fußweg von der Darmstädter Hütte entfernt.


    Schlappdachhütte (Aufnahme am nächsten Morgen)
    Koordinaten: 48.5791 / 8.2489

    Sehr einladend ist der Ort nicht, aber zum Schlafen halbwegs geeignet. Ich sammle ein bisschen Verpackungsmüll ein und stelle den Tisch nach draußen. Dann breite ich das Tarp als Unterlage auf dem Schotterboden der Hütte aus – es ist das einzige Mal, dass ich das Tarp verwende.
    Draußen kann man jetzt am Tisch zu Abend essen, Blick auf den Wald und die Forststraße und später auf den aufgehenden Mond. Ziemlich früh lege ich mich schlafen. Etwas später rauschen zwei Autos vorbei (wahrscheinlich der ewige Jagdpächter und sein Waffenknecht), dann folgt ein Regenschauer, und kurz nach dem Regenschauer brausen die beiden Autos noch einmal in Gegenrichtung vorbei. Ohne anzuhalten.


    Tageskilometer: 21,8
    Gesamtkilometer: 33,3
    Geändert von Igelstroem (05.10.2013 um 03:29 Uhr)
    Lebe Deine Albträume und irre umher

  18. Dauerbesucher
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    #18
    Tag 3 (Sonnabend, 14.09.): Schlappdachhütte – Nikolashütte


    In den Morgenstunden hat es zu regnen begonnen, und als ich nach dem Aufstehen Schlaf- und Biwaksack schon eingepackt habe, macht es ›platsch‹ und ein großer Wassertropfen fällt auf das noch daliegende Tarp. Weitere folgen zögernd. Mit anderen Worten: Das Dach der Hütte ist bei anhaltendem Regen nicht dicht. Ich freue mich, dass mir das nicht als nächtliches Problem begegnet ist.

    Gegen acht Uhr bin ich mit meiner Morgenroutine durch, lege den Vollschutz an (Regenjacke, Regenhose, Rucksack-Regenhülle) und mache mich auf den Weg. Zuerst also zurück auf den Westweg. Der kleine Pfad, auf dem ich gestern die Hütte erreicht habe, ist schon ziemlich nass ...






    Morgenstimmung im Schwarzwald

    Mein erstes Zwischenziel ist Ruhestein, wo der Westweg wieder einmal die Schwarzwaldhochstraße furtet. Heute ist Oldtimer-Rallye, so dass die Straße gesperrt ist. Ein paar Schaulustige warten im Regen, und ein Wanderer in nassem blauem Plastik (das bin ich) mogelt sich über die Straße. Das Naturschutzzentrum ist eigentlich geschlossen, aber weil die Familie des jungen Mitarbeiters auch zur Oldtimer-Rallye hier ist, ist die Tür doch offen und ich kann auf dem Klo meine Wasserflasche auffüllen. Meine andeutungsschwangere Frage, ob wohl irgendwo in der Nähe ein Kaffee zu bekommen sei, stößt hier leider nicht auf hilfreiche Reflexe, also vertage ich das bis zum Schliffkopf.

    Vogelskopf, Schliffkopf: Naturschutzgebiet, Grindenhochfläche, die Schwarzwaldhochstraße als Werk des Reichsarbeitsdienstes. Ein langgestreckter Bergrücken, der sich in Wolken hüllt. Erst regnet es noch, dann duscht es eher. Ich überlege kurz, ob ich das Tarp herausholen und es mir über den Kopf halten soll, aber es ist tief im Rucksack vergraben.

    Bei diesem Wetter jagt man eigentlich keine Kamera vor die Tür, aber ein Foto muss doch sein:



    Es zeigt den Westweg, sieht aber schlimmer aus, als es ist. Immerhin fällt der Regen fast senkrecht: kein Wind, kein Sturm. Immerhin kann man am Rand durchs Gras staken, ohne in Schlammlöchern zu versinken. Man ist nicht in Schottland; unter dem Wasser ist Granit.




    Oben auf dem Schliffkopf hat der Schwäbische Schneeschuh-Bund in Obelix-Manier seinen Helden (1919-1945) ein Denkmal gesetzt. Später muss ich nachlesen, was das bedeutet. DAV, SAS, Schwäbischer Schneeschuh-Bund; dann sind die Helden wahrscheinlich abgestürzte Bergsteiger.


    Hinter dem flachen Gipfel ist jetzt irgendwo links vom Weg das Hotel verzeichnet. Ich sehe im Nebel nichts davon. Aber Kaffee wäre jetzt irgendwie wichtig, man könnte auch etwas essen und sich antrocknen. Wo ist denn jetzt dieses Hotel? Um nicht vorbeizulaufen, weiche ich nach links auf den Terrainkurweg ab, und tatsächlich taucht dann schemenhaft eine eher unattraktive graue Betonmasse aus dem Nebel auf, die sich im weiteren Verlauf als Hotel zu erkennen gibt. Vier Sterne und ich. Tropfender blauer Müllsack auf dem Rücken. Aber es muss sein.

    Bekanntlich machen die meisten Reiseberichte dieses Forums einen ostentativen Bogen um Wellness-Hotels. Aber an dieser Stelle muss ich entschieden eine Lanze für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dieses Hotels brechen. Ich gehe hinein, von Kopf bis Fuß glänzend nass, als wäre ich gerade dem Mummelsee entstiegen, und man empfängt mich, ein wenig wie einen seit Stunden vermissten Stammgast, mit einem Ausdruck von Entgeisterung und Mitgefühl und einer Spur auch Bewunderung: Wo kommen Sie denn jetzt her? Ich erkläre, dass ich ja auf dem Westweg und über den Schliffkopf und ob vielleicht ein Kaffee und vielleicht auch Mittagessen ... Dann darf ich mich auspellen; verschiedene Damen und Herren bemächtigen sich ohne Scheu meiner Regenkleidung und tragen sie in den Trockenraum davon. Ob etwas von meinen Sachen in den Wäschetrockner solle; ob ich mich vielleicht irgendwo umziehen möchte. Mein Rucksack mitsamt Müllbeutelüberzug steht in den nächsten Stunden hinterm Tresen und genießt die Situation. Alles geschieht mit einer leichtfüßigen Freundlichkeit, die mir angesichts meiner momentanen Bedürftigkeit wie ein rührendes Geschenk erscheint und mich mit allem versöhnt, was draußen geschehen könnte.

    Die Flecktarnhose unter der Regenhose hat diesmal ein paar feuchte Flecken, aber die sind ja praktisch weggetarnt, und ohnehin habe ich keine Hose zum Wechseln. Ich begebe mich also ins Restaurant, warte bei einem Kaffee auf den Beginn der Mittagessenszeit und studiere die Wanderkarte. Draußen vorm Fenster gibt es nichts zu sehen außer Nebel, aber ich habe mir sagen lassen, dass man sonst einen weiten Ausblick hat. Später esse ich ein für meine Verhältnisse teures, aber auch umwerfend gutes Hirschsteak.


    Als ich um halb zwei wieder aufbreche, sind meine Regenklamotten weitgehend trocken. Auch regnet es momentan nicht, nur der Nebel ist ziemlich unverändert. Der Westweg verläuft bis zur Alexanderschanze weitgehend parallel zur Schwarzwaldhochstraße, aber davon merkt man heute nicht viel, wohl weil bei Nebel auch keine Biker unterwegs sind.
    ›Panoramaweg‹, steht irgendwo auf einem Schild. Ich finde das lustig und informativ. Würde man etwas sehen, wäre das Schild ja überflüssig. Auch die Fernrohre am Weg sind vielsagend.




    Auf dem Plastikschirm kann man nachlesen, was man sehen würde.



    Höschenschanze


    An der JH Zuflucht laufe ich zügig vorbei – Jugendherbergen boykottiere ich als Einzelwanderer grundsätzlich. Wenig später werde ich von zwei Wanderern eingeholt, die dort Pause gemacht haben. Sie sind drei Tage auf dem Westweg unterwegs, mit vorgebuchten Übernachtungen. Bis zur Alexanderschanze laufen wir gemeinsam, lebhaft quasselnd. Sie sind ziemlich schnell; auf die Dauer würde ich Mühe haben, mit ihnen Schritt zu halten, und jetzt komme ich fast außer Atem, weil ich zugleich auch noch pausenlos rede.

    An der Alexanderschanze hatte ich mit dem nächsten Kaffee gerechnet, aber alles ist geschlossen und wirkt verfallen. Wir trennen uns hier, denn die beiden übernachten in Kniebis, während ich noch bis zur Hilda-Hütte laufen will. Auch am nächsten Morgen werde ich sie nicht mehr treffen; wahrscheinlich sind sie früh aufgebrochen, denn ihre dritte und letzte Etappe endet in Hausach – von Kniebis über dreißig Kilometer, wenn ich richtig rechne.


    Irgendwann hat es auch wieder angefangen zu regnen – wo und wie lange, weiß ich nicht mehr. Gleich hinter der Alexanderschanze entschließe ich mich wegen des Kaffees doch noch zu einem Abstecher, kehre im Hotel Waldblick am Rand von Kniebis ein und vertilge Apfelkuchen mit Schlagsahne. Zweites Vier-Sterne-Hotel heute. Um halb sechs breche ich wieder auf. Es regnet nicht mehr; wieder auf dem Westweg, habe ich sogar für einige Minuten einen Ausblick auf Griesbach und die dortige Kapelle, die, von einem verirrten Sonnenstrahl getroffen, grün im Tal aufleuchtet.


    Griesbacher Kapelle

    Halb sieben ist es inzwischen. Wenig später erreiche ich die Hildahütte, die zwar einigermaßen schön liegt, aber sehr offen ist und bei dem jetzt etwas böigen Wind und gelegentlichen Schauern eine ungemütliche Nacht verspricht.


    Hildahütte

    Ich entschließe mich, die nicht sehr weit entfernte Nikolashütte ebenfalls noch anzuschauen.

    Auf dem Weg dahin treffe ich ein paar Jugendliche mit Fahrrädern, die – logischerweise hier oben auf der Holzwälder Höhe – das Gruppenhaus Holzwälder Höhe suchen, ein Selbstversorgerhaus. Das liegt in Wirklichkeit unten im Tal, in Holzwald, aber das weiß ich zu diesem Zeitpunkt nicht. Ich beauskunfte sie, dass es hier oben nur Schutzhütten gibt, kein Haus mit Zimmern und dergleichen.

    Dann gehe ich die paar Meter bis zur Nikolashütte.


    Nikolashütte
    Koordinaten: 48.4518 / 8.2718

    Sie hat einen schönen Ausblick Richtung Holzwald, sieht aber verschlossen aus. Auch ist sie ja im Wiki nicht verzeichnet, obwohl sie sehr nah am Westweg liegt. Ich drücke die Türklinke herunter – und zum zweiten Mal (und jetzt erst recht) stehe ich plötzlich in einer wie vom Himmel gefallenen komfortablen Unterkunft. Diesmal mit Ofen, Kerzen, Geschirr, Werkzeug, Isomatte und diversen Notmatratzen. Und mit einem mehrere Jahre zurückreichenden Hüttenbuch, aus dem ich nur die letzte Eintragung fotografiere:






    Und während ich in der Abenddämmerung vor der Hütte sitze und in die halbverschleierte Landschaft schaue, breitet sich vollkommene Zufriedenheit in mir aus.



    Tageskilometer: 25,4
    Gesamtkilometer: 58,7
    Geändert von Igelstroem (12.11.2013 um 00:47 Uhr)
    Lebe Deine Albträume und irre umher

  19. Moderator
    Alter Hase
    Avatar von ronaldo
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    3.813

    AW: [DE] »I weiß ja net, wie hart Sie sind« – Schauriges und Schönes vom Westweg

    #19
    Hi,

    also ich muss sagen, der Bericht hat was - trotz oder vielleicht gerade wegen des Sauwetters. So kenne ich den Schwarzwald auch, und ich erinnere mich an mehrere Situationen, wo es nicht leicht war, aufkommende Depression zu bekämpfen...

    Und halb OT: Eine Weile wählte ich Reiseberichte nach dem Zielgebiet. Heute eher die, deren Stil mir gefällt und deren Sprache ich als wohltuendes Deutsch definieren würde. Soll hier heißen: Chapeau (lassen wir das als eingedeutscht gelten? )!

    Gruß, Ronald

  20. chrischian
    Gast

    AW: [DE] »I weiß ja net, wie hart Sie sind« – Schauriges und Schönes vom Westweg

    #20
    Zitat Zitat von Igelstroem Beitrag anzeigen
    ›Hütte unterhalb vom Schwarzkopf‹ (so bezeichnet im Wiki). Man beachte die fürs Übernachten eher ungünstige Möblierung.
    Wieso? Der Tisch sieht doch gut aus.

    Tapfer, wie Du die Tour bei Regen durchziehst. Ich wollte neulich auch mal ein paar Kilometer auf dem Westweg ablaufen. An dem anvisierten Wochenende gab es allerdings jede Menge Regen.

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