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    [GB] John O'Groats to Land's End: 2.000 km durch Großbritannien

    #1
    Mitreisende: German Tourist
    Die Idee: Ich versuche meistens gerade dorthin zureisen, wo der Devisenkurs günstig für mich ist. 2011 war aufgrund der Eurokrise kein gutes Jahr für reisefreudige EU-Bürger. Bei meiner Suche nach Ländern, deren Währung noch schlechter dastand als der Euro, kam ich dann auf Großbritannien. Bislang aufgrund der hohen Lebenshaltungskosten für mich kein attraktives Wanderziel, aber das britische Pfund schwächelte mindestens genauso wie der Euro und so schien mir die Gelegenheit günstig für eine Wanderung durch Großbritannien. Die Strecke war auch gleich gefunden. Als passionierte Langstreckenwanderin kam für mich eigentlich nur die längstmögliche Strecke in Frage: von John O'Groats im Nordosten bis nach Land's End im Südwesten, die längste Strecke, die man in UK auf Straßen zurücklegen kann. Dadurch ist diese Strecke extrem beliebt bei Autotouristen, Radlern und auch Wanderern. Die Distanz beträgt in der Luftlinie 970 km, auf Straßen ca. 1.400 km und für Fußgänger auf Wanderwegen ca. 2.000 km. Abgekürzt heißt das Ganze dann JoGLE oder LEJoG, je nachdem, in welche Richtung man läuft.

    Das Schöne an bekannten Strecken ist die Verfügbarkeit von Infomaterial aller Art, was die Vorbereitung natürlich extrem erleichtert. Obwohl die meisten JoGLE-Führer für Radler geschrieben werden, gibt es auch einen Wanderführer aus dem Cicerone-Verlag. Die klassischen JoGLE Routen verbinden bestehende Langstreckenwanderwege, für die es erfreulicherweise Streifenkarten gibt. Zudem kannte ich noch einen Engländer, der die Strecke schon mal gewandert war und mir gute Tipps geben konnte. Die Planung und Vorbereitung war also vergleichsweise einfach. Ich hielt mich bis auf eine Ausnahme an die Route aus dem Cicerone-Führer und damit ergab sich eine Distanz von 1.989 km, die ich glaubte, in gut 2 Monaten bewältigen zu können. Wie so vieles auf dieser Wanderung erwies sich auch diese Einschätzung als Trugschluss....



    Warnung: Um es gleich vorweg zu nehmen: Diese Wanderung war aus unterschiedlichen Gründen nicht gerade ein Highlight meiner Wanderkarriere. Gerade Schottland, vieler ODSler liebstes Wandergebiet, war für mich eine ziemliche Katastrophe. Bevor sich nun die Schottlandliebhaber über mein niederschmetterndes Urteil aufregen: Ich gebe hier lediglich meine persönlichen Eindrücke wieder und erhebe keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Jeder empfindet eine Landschaft anders. Hike your own hike!

    Der Start:
    Die Wanderung begann gleich sehr turbulent mit einem Fluglotsenstreik. Am Abend vor dem Abflug wusste ich nicht, ob ich am nächsten Morgen nach Edinburgh kommen würde. Das ganze wurde noch dadurch verkompliziert, dass ich nicht nur einen Anschlusszug gebucht hatte, sondern auch in Deutschland ab dem nächsten Tag gar keine Unterkunft mehr hatte. Nach einer unruhigen Nacht stellte ich am nächsten Morgen zu meiner großen Erleichterung im Internet fest, dass der Streik durch Mediation abgewendet worden war. Mein Ryanairflug war dann sogar noch überpünktlich und ich kam vorzeitig in Edinburgh an. Danach klappte alles wie am Schnürchen. Ich zog mir das im Internet gebuchte Zugticket aus dem Automaten, fuhr mit dem Zug nach Inverness und erreichte noch pünktlich die voll ausgebuchte, aber glücklicherweise vorreservierte Jugendherberge. Am nächsten Tag regnete es in Strömen, doch ich verbrachte den Tag noch mit Sightseeing in Inverness.

    Schottland John O'Groats bis Ullapool: Am 11.08. ging es dann endgültig los und zwar bei strahlendem Sonnenschein zuerst mit dem Bus nach John O'Groats, wo ich sogleich das obligatorische Startphoto unter dem berühmten Wegweiser machte. Dann wurde es ernst: Vor mir lagen laut Wanderführer 8 Tage bis zum nächsten Proviantnachschub und ich hatte vorsichtshalber für 9 Tage Futter eingepackt – und das war auch so ziemlich das Maximum, das mein Gossamer Gear G4 Rucksack verkraftet. Die Wanderung begann noch ganz gut am ersten Tag mit tollen Wetter und einer spektakulären Strecke entlang der Küste. Aber schon bald zeichnete sich ab, dass das Ganze nicht so einfach werden würde wie gedacht. Einen Weg gab es nämlich nicht, man lief einfach der Küste entlang, was dadurch erschwert wurde, dass die Farmer ihre Grundstücke komplett mit Stacheldraht umzäunt hatten. Zwischen Steilküste und Stacheldrahtzaun blieb oft kaum genug Platz, um entspannt zu laufen.



    Als die Route sich dann ins Inland wendete, begann die Katastrophe erst so richtig. Es gab keine Wege mehr, sondern fast nur noch crosscountry. Matsch und Schlamm überall. Ständig versank ich knöchel- bis knietief in Morast. Diese Peatbogs waren tückisch, denn meist nicht vorhersehbar. Nichtsahnend glaubte ich auf festen Grund zu treten und steckte bald knietief im Schlamm. Meine 9 Tage Proviant im Rucksack machten die Sache auch nicht besser. Das Gelände wurde immer schwieriger als ich dann in die Highlands kam. Entweder steil und geröllig oder total verschlammt. Ja, die Landschaft war toll, aber das schwierige Gelände raubte mir den letzten Nerv. Schon nach wenigen Tagen verspürte ich die negativen Auswirkungen. Durch die ständig nassen Füsse hatte ich Blasen bekommen und mir die Haut aufgescheuert.... etwas, was mir seit den Sümpfen Floridas nicht mehr passiert war. Einige Abend konnte ich vor Schmerzen nicht mehr weiterlaufen und musste vorzeitig zelten.



    Und dazu noch die Midges.... Ich hatte natürlich von ihnen gehört, aber all die schlimmen Geschichten hatte mich nicht wirklich auf die noch schlimmere Wirklichkeit vorbereitet. Die Viecher sind gegen alle Chemiekeulen resistent, d.h. es gibt kein wirkliches Mittel, sie sich vom Leib zu halten. Egal, wie schnell ich ins Zelt schlüpfte, sie hängten sich an meine Kleidung um kamen mit rein. Ich versuchte alle Tricks: Ich rannte wie wild durch die Gegend, um die Biester abzuschütteln, bevor ich ins Zelt kroch – aber ich hatte keine Chance. Kaum hatte ich den Zeltreißverschluss geschlossen, sah ich Hunderte von Midges im Zelt..... Und natürlich sind die Biester so klein, dass man sie vor dem Schlafengehen nicht alle abmurksen kann. Bald sah ich mit all den Mückenstichen aus wie von Beulenpest befallen.

    Mein schlauer Cicerone-Führer beschreibt diese Strecke in Tagesetappen von 40plus km. Es wird mir ein ewiges Rätsel bleiben, wie ein normalsterblicher Wanderer dieses Tagesleistung in dieser Art von Gelände bringen soll – schon gar nicht mit Proviant für über eine Woche im Rucksack. Um es kurz zu machen: Nach knapp einer Woche war mir klar, dass ich ein echtes Problem hatte. Mein Laune war auf dem Nullpunkt, meine Vorräte trotz Sicherheitsreserve fast aufgezehrt und ich hatte keine vernünftigen Karten dabei, um mich aus diesem Schlamassel herauszumanövrieren. Eigentlich hatte ich die Strecke ja kartenmäßig sogar zweimal abgedeckt: Auf meinem GPS hatte ich die Strecke als gpx track gespeichert und die entsprechenden OSM Karten. Und zusätzlich hatte ich das ganze noch auf Papier als Streifenkarte ausgedruckt auf Basis der OS Karten. Dennoch war dieses System in meiner Notlage unzureichend. Die OSM-Karten entpuppten sich für Schottland als ausgesprochen schlecht; viele Pfade und Wege fehlten vollständig. Und meine ausgedruckten Streifenkarten war nicht „breit“ genug, um eine Ausstiegsroute planen zu können.

    Ich sah mich schon einen unfreiwillige Abmagerungskur machen, als mir der Zufall Charlie über den Weg schickte. Nachdem ich tagelang mutterseelenallein durch den Schlamm gewatet war, traf ich völlig überraschend mitten in der Pampa eine andere Solo-Wanderin! Während ich mir bei leichten Nieselregen den Allerwertesten abfror, war Charlie als echte Engländerin trotz Sauwetters bestens gelaunt in kurzen Hosen und T-Shirt unterwegs. Noch verblüffter war ich, als sie mir von ihrer Wanderung erzählte. Sie lief nicht nur ganz einfach von Land's End nach John O'Groats – nein, sie hatte Größeres vor und lief 8 points Britain. Dabei lief sie den südlichsten, südwestlichsten, südöstlichsten, östlichsten, westlichsten, nordwestlichsten, nördlichsten und nordöstlichsten Punkt Großbritanniens ab. Charlie war definitiv das Highlight des Tage: Sie kämpfte mit denselben Schwierigkeiten, hatte dabei aber anscheinend dennoch bessere Laune als ich. Außerdem erfreut es mich immer außerordentlich, andere Langstreckenwanderinnen zu treffen – was ja leider eher selten passiert. Ich beklagte meine Proviant- und Kartensituation und voila – Charlie offerierte mir die Lösung all meiner Probleme auf dem Silbertablett. Der nächste Ort mit Supermarkt war Ullapool, wo sie gerade herkam – und daher auch die entsprechende OS-Papierkarte nicht mehr benötigte und sie mir schenkte. Ein wahres Geschenk des Himmels! Mit der Aussicht auf Futter und einen baldigen Ruhetag verbesserte sich meine Laune schlagartig, als ich mich nach viel zu kurzem Plausch von Charlie verabschiedete. Noch besser wurde sie, als es mir bei kurzzeitigem Handyempfang gelang, für den nächsten Tag das letzte Bett in der dortigen Jugendherberge zu sichern. Nach einer letzten kurzen Durststrecke kam ich dann völlig erschöpft, verdreckt und hungrig in Ullapool an.

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  2. Fuchs
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    AW: [GB] John O'Groats to Land's End: 2.000 km durch Großbritannien

    #2
    HB,ich freue mich schon auf die Fortsetzung.

    LG
    Atze
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    AW: [GB] John O'Groats to Land's End: 2.000 km durch Großbritannien

    #3
    Klingt nach einer schönene Reise und der Bericht ist bisher auch sehr schön zu lesen - freue mich schon auf die weiteren Teile.

    Darf ich fragen, inwieweit du außer mit dem Buch geplant hast? Du scheinst ja von der schottischen Boden- und Wegbeschaffenheit etwas überrascht worden zu sein, sonst hättest du auch keine Tagesetetappen von 40km geplant. Auch keine Karten umfangreicheren Karten für einen Plan B mitzunehmen finde ich etwas ungewöhnlich.

    @ Midges: Ja, man glaubt es nicht, wenn man es nicht selbst erlebt hat

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    AW: [GB] John O'Groats to Land's End: 2.000 km durch Großbritannien

    #4
    @Hunter:

    Die Kartensituation war auch noch später ein echter Knackpunkt dieser Reise und hat mich leider ziemlich unvorbereitet getroffen.... denn eigentlich hatte ich sehr viel Zeit in die Planung der Tour investiert. Wie auf allen weiteren und vorherigen Touren bin ich zweigleisig gefahren: Eine Gesamtkarte von UK und die Route als gpx track auf dem GPS und die gesamte Route als Streifenkarte auf Papier. Nur dieses Mal hat es nicht funktioniert und zwar aus folgenden Gründen:

    Ich wollte ursprünglich die Garmin topo für UK kaufen, aber meine englischen Freunde hatten mir davon abgeraten, da die Qualität sehr schlecht sei und die Karten zu teuer. So bin ich auf die OSM-basierten Karten gekommen. In vielen Ländern habe ich damit gute Erfahrungen gemacht, nur gerade für Schottland war die Datenbasis in OSM ausgesprochen schlecht. Bei den Papierkarten war das Problem, dass der Streifen einfach nicht breit genug war - aber für den unwahrscheinlichen Fall eines Bailouts hatte ich ja die OSM-Karten geplant....

    Die Papierkarten waren entweder Kauf-Streifenkarten für bestehende Trails wie den Pennine Way oder aber ich habe mir sie selbst bei grough.co.uk ausgedruckt. Mehr Details zur Planung gibt es hier auf meinem Blog.

    Die 40 km Tagesetappen-Idee war übrigens nicht meine, sondern stammte aus dem Cicerone-Führer. Ich war diesbezüglich von vorneherein skeptisch und hatte daher auch zusätzlichen Proviant mitgenommen. Nur war das Gelände eben nochmals deutlich schwieriger als befürchtet.....
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  5. AW: [GB] John O'Groats to Land's End: 2.000 km durch Großbritannien

    #5
    Du schreibst ja in deinem Blog, dass es so etwas wie der "worst hike ever" war und du UK für nicht geeignet für Wanderungen hälst. Unter genauer Aufzählung diverser Gründe.

    Aber ich lese das gerne hier noch mal in meiner Muttersprache. Ich finde, es ist eine gute Idee, die Texte aus dem Englischen zu übersetzen. Nicht jeder liest das flüssig weg.

  6. Dauerbesucher

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    AW: [GB] John O'Groats to Land's End: 2.000 km durch Großbritannien

    #6
    Schottland: Ullapool to Fort William

    Nach über einer Woche Schlamm und Migdes erschien mir die Jugendherberge in Ullapool wie ein Luxushotel. Doch leider hatte ich dort sogleich den schlimmsten Unfall der ganzen Tour: Beim Duschen rutschte ich aus und fiel direkt mit dem Steißbein auf die Duschkabinenkante. Bis zum Ende meiner Tour 2 Monate später würde ich deswegen noch Schmerzen beim Hinsetzen haben.....So bewegte ich mich wie ein Alien durch die Herberge: Vom vielen Laufen taten mir die Füße weh und so richtig hinsetzen konnte ich mich auch nicht. In einem weiteren Anfall geistiger Umnebelung nutzte ich leider nicht die Chance, einen echten Ruhetag einzulegen, sondern verließ am nächsten Tag bereits wieder Ullapool mit aufgefülltem Rucksack und schmerzendem Steißbein.

    Als Strafe für meinen ungeplanten Stadtaufenthalt musste ich einen halben Tag Straße laufen, um zurück zu meiner geplanten Route zu kommen – aber angesichst meines vollen Magens trug ich es mit Fassung. Zurück in den Highlands wurde meine Wanderung nicht besser, sondern noch mal einen Zacken schlimmer: Das Wetter verschlechterte sich. Tagelang watete ich in strömenden Regen durch den Schlamm und meine Laune sank immer tiefer. Den absoluten Tiefpunkt erreichte sie dann am 25. August: Ich war den ganzen Tag durch Regen gelaufen und nass bis auf die Haut. Je näher ich meinem Tagesendziel kam, desto frustrierter wurde ich: Das Wasser stand bereits überall – kein auch nur halbwegs trockenes Fleckchen Boden war in Sicht. Als Notfallplan wollte ich zur Jugendherberge von Glen Affric laufen und dort übernachten. Diese JH ist eine ehemalige Jagdhütte und nur zu Fuß erreichbar. Wie sich am nächsten Morgen herausstellen sollte, hätte dieser Plan eh nicht funktioniert, denn die kleine Herberge war voll ausgebucht, wie mir ein Schild im Fenster verkündete. Kurz vor der Hütte entdeckte ich dann doch noch einen Zeltplatz, der ganz offensichtlich viel von Herbergsgästen genutzt wurde. Direkt neben dem Fluss war er trotzdem sehr trocken. Erleichtert baute ich in einer Regenpause mein Zelt auf, rannte kurz ums Zelt, um die Midges erfolglos los zu werden und verschwand in mein Zelt, wo ich auch bald völlig erschöpft und fröstelnd einschlief. Ich verbrachte eine relativ kalte Nacht. Als ich am nächsten Morgen noch etwas verwirrt die Augen aufschlug, wunderte ich mich sogleich, warum mein Zelt plötzlich so anders aussah. Mein Tarptent Rainbow ist ja eigentlich dunkelgrün, aber jetzt blickte ich auf zartes lindgrün.... Verwirrt versuchte ich mich zu orientieren. Das Rätsels Lösung kam, als ich die Zeltwand anfasste. Am 25. August (!) hatte es über Nacht gefroren und das Kondenswasser im Zeltinneren hatte sich in eine weiße Frostschicht verwandelt. Ich konnte es kaum glauben und kratzte ungläubig das Eis ab....



    Die Highlands brachten mir noch eine weitere Überraschung: Die Bothies, also Schutzhütten für Wanderer. Nur leider waren die zu meiner großen Verwunderung nicht in meinem Cicerone Führer erwähnt. Auch hier stieß ich bald auf des Rätsels Lösung: Wie ich bald in den Hütten lesen konnte, werden diese Bothies von der MBA verwaltet, die aus Angst vor Vandalismus nicht möchte, dass der Standort der Hütten in Karten oder Wanderführern genannt wird. Nur die bösen deutschen Reiseführerautoren würden sich nicht immer an dieses Veröffentlichungsverbot halten..... Diese Bothies waren in der Regel großartig! Nur was nützten mir die Bothies, wenn ich nicht wusste, wo sie sich befinden? Durch eingehendes Studium der Gästebücher in den Hütten konnte ich mir aber dann schon bald ein Bild machen, wo sich wohl die nächste Hütte befand und so musste ich einige Nächte nicht im Zelt verbringen oder konnte meine Mittagspause im Trockenen verbringen. Ich verstehe zwar einerseits die Angst der MBA vor Vandalismus, aber irgendwie geht es am Sinn und Zweck von Schutzhütten vorbei, wenn man im Notfall nicht weiß, wo sie sich befinden. Auf der MBA website wird nur die ungefähre Lage der Hütten angegeben und nur Mitglieder von MBA bekommen mehr Informationen. Auch auf den OS Karten konnte ich nicht alle Bothies finden.



    Trotz wirklich atemberaubend schöner Landschaft schleppte ich mich mehr vorwärts als ich die Wanderung genoss. Schwieriges Gelände, Dauerregen, Midges.und das alles auch noch crosscountry... mir wurde das alles zu viel. Ich zählte die Tage bis zum Westhighland Way, wo ich endlich wieder auf richtige Wege und Markierungen stoßen würde.
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    Avatar von Alex79
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    AW: [GB] John O'Groats to Land's End: 2.000 km durch Großbritannien

    #7
    Hi,
    sehr netter Bericht, aber langsam wundere ich mich doch über deine Vorbereitung!
    Du bist seit 2006 im Forum aktiv. Hier wimmelt es nur so in den Reiseberichten über Bothy-Übernachtungen und auf der MBA Website sind sogar die genauen Grid-Daten der Bothys angegeben!
    Auf den (neueren) OS Karten sind die Hütten immerhin mit Namen eingezeichnet.
    Und Midges im August in Schottland sind nicht gerade eine Seltenheit

    Irgendwie erinnert mich deine Tour etwas an den Schottland-Reisebericht von Fliehender. Für den Leser herrlich, aber auch etwas erstaunlich!
    Bitte schreib bald weiter!

    Gruß
    Alex

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    Avatar von Hunter9000
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    AW: [GB] John O'Groats to Land's End: 2.000 km durch Großbritannien

    #8
    Ich hab mir gerade einen Teil deiner Route im Detail angesehen: Und zwar den Abschnitt vom Cluanie Inn nach Loch Arkaig. Auf den Karten von walkhighlands sind auf den letzten Kilometern bevor man Loch Arkaig erreicht keine Wege eingezeichnet, zumindest keine, welche weit in die Highlands hinein reichen. Könntest du mir kurz sagen, ob du in diesem Bereich Wege vorgefunden hast oder ob du Querfeldein gewandert bist? Wie war es diese Strecke zu laufen? Ich hatte diesen Abschnitt nämlich auch schon mal geplant, dann aber wegen mangelnder eingezeichneter Wege wieder verworfen.

  9. Moderator
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    AW: [GB] John O'Groats to Land's End: 2.000 km durch Großbritannien

    #9
    Ich kann mich Alex79 nur anschließen. Es verwundert mich, dass Du nicht vorbereitet warst
    - auf Matsch/peat bogs
    - Midges
    - Bothies.

    Ist hier im Forum alles rauf und runter dekliniert worden. Wobei ich Borderlis Gemaule über Peat bogs nicht ganz nachvollziehen kann, denn selbst ich Pflanzenlegastheniker kann "böses Gras" von "gutem Gras" unterscheiden.

    Dass OSM für die Highlands und speziell im Norden abseits der Straßen keine gute Idee ist, wurde hier meines Wissens auch schon thematisiert. Warum kann ich wohl nach jedem Urlaub eine mittlere zweistellige Kilometerzahl an Wanderwegen neu einzeichnen?

    40km ist übrigens keine unrealistische Idee von Cicerone. Die Langstreckenwanderer unter den Briten sind einfach unglaublich zäh und fit, und die laufen von sieben Uhr morgens bis sieben Uhr abends stramm durch - mindestens!

    @Hunter9000: Walkhighlands benutzt in der mittleren Zoomstufe die OSM-Wege (die unvollständig sind, s.o.). Bitte schau mal auf die "echte" OS-Landranger-Karte, es gibt sogar zwei Wege: Einen ziemlich direkten über Poulary mit einem einzigen weglosen Pass durch offenes Gelände, und einen weiter westlich mit viel Straße am Ufer von Loch Arkaig.
    Schutzgemeinschaft Grüne Schrankwand - "Wir nehmen nur das Nötigste mit"

  10. chrischian
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    AW: [GB] John O'Groats to Land's End: 2.000 km durch Großbritannien

    #10
    Zitat Zitat von German Tourist Beitrag anzeigen
    Schwieriges Gelände, Dauerregen, Midges.und das alles auch noch crosscountry... mir wurde das alles zu viel. Ich zählte die Tage bis zum Westhighland Way, wo ich endlich wieder auf richtige Wege und Markierungen stoßen würde.
    Das kann ich mir gut vorstellen bzw. war ich in ähnlichen Situationen. Wenn man eine "ordentliche" Strecke schaffen möchte, ist das ziemlich frustrierend.

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    AW: [GB] John O'Groats to Land's End: 2.000 km durch Großbritannien

    #11
    @Hunter:
    Tut mir leid: Die Tour war so lang und ich bin seitdem ich so viel anderes gelaufen, dass ich mich nicht mehr in diesem Detailgrad an die Streckenbeschaffenheit erinnere.

    @Chrischian:
    Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen. Es kommt immer darauf an, unter welchem Aspekt man eine Strecke geht. Ich möchte in der Regel möglichst ohne großen Stress Strecke machen, und dann ist diese Art von Gelände auf Dauer frustrierend. Für andere Wanderer kann das genau die Herausforderung sein, die sie suchen.
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    AW: [GB] John O'Groats to Land's End: 2.000 km durch Großbritannien

    #12
    Schottland: West Highland Way

    Als ich kurz vor Fort William auf den ersten offiziellen Trailmarker eines National Trail (in diesem Fall der Great Glen Way) stieß, hätte ich fast den Marker, den Boden oder beides küssen können. Endlich Wegmarkierung! Endlich richtige Wege! Das letzte Stück flog ich förmlich am Caledonian Kanal entlang nach Fort William. Am Neptun's Staircase erwartete mich die erste positive Überraschung. British Waterways hat dort für die Kanalbootfahrer eine Servicestation eingerichtet, darunter u.a. Duschen! Diese Gelegenheit konnte ich mir nicht entgehen lassen: Während sich draußen Dutzende von Touristen um die Boote in den Schleusen drängelten, verwandelte ich mich in der Dusche von einem verdreckten stinkenden Langstreckenwanderer wieder zurück in einen normalen Menschen. Sauber und wohlduftend trabte ich weiter in das Zentrum von Fort William. Mein erster Besuch galt dem dortigen Outdoorshop, wo ich neue Socken erstand. Dann entdeckte ich zu meiner übergroßen Freude einen Lidl-Supermarkt und ich konnte es mir natürlich nicht verkneifen, ordentlich deutsche Schokolade einzukaufen.

    Danach allerdings verließ mich mein Glück: Ich hatte eigentlich einen längst überfälligen Ruhetag in Fort William einlegen wollen, aber es war ein Bank Holiday Wochenende und so ziemlich alles war ausgebucht. Da ich kein Vermögen in eine Unterkunft investieren wollte, beschloss ich weiterzulaufen. Immerhin war ich ja zumindest schon mal geduscht. Mit der WHW-Unterkunftsliste aus dem TIC rief ich Hostels und Zeltplätze am Weg an, um für die nächsten Tage etwas zu reservieren. Dabei erhielt ich erstmals einen bitteren Vorgeschmack darauf, wie überlaufen der WHW war, denn auch hier war fast alles ausgebucht. Nur nach vielen Telefonaten gelang es mir, eine Hütte auf einem Zeltplatz in Kinlochleven zu ergattern.

    Dennoch verließ ich frohen Mutes Fort William, denn der WHW würde nach meiner crosscountry Tour durch die Highlands jetzt das reinste Zuckerschlecken werden. Ich war den WHW nämlich vor Jahren schon einmal gelaufen und zwar in einem Anfall geistiger Umnebelung Ende Dezember . Da ich damals natürlich fast alleine unterwegs gewesen war, versetzten mir die Heerscharen der WHW-.Wanderer im Sommer einen ordentlichen Kulturschock. In den Highlands war ich fast alleine unterwegs gewesen. Außer Charlie auf ihrer 8 points Britain Tour hatte ich keine Langstreckenwanderer getroffen – nur vereinzelte Munro Bagger und Tages-/Wochenendwanderer. Aber bereits am ersten halben Tag auf dem WHW kamen mir 70 (!) Wanderer entgegen. Dies sollte in den nächsten vier Tagen, die ich den WHW laufen würde, noch schlimmer werden. Da die meisten den WHW von Süd nach Nord laufen und ich in umgekehrter Richtung unterwegs war, bekam ich die Menschenmassen auf dieser Wanderautobahn so richtig voll ab. Jeden Tag kamen mir hundert und mehr Wanderer entgegen – von schottischer Highland-Einsamkeit keine Spur. Ähnlich überlaufen sind wohl nur die spanischen Caminos. Und obwohl wildes Zelten entlang des WHW bis auf wenige Ausnahmen erlaubt ist, sammelten sich diese Menschenmassen auch noch alle an denselben Campingplätzen z.B. neben Pubs. In meinen 4 Tagen auf dem WHW sah ich einen einzigen anderen Wildzelter, der abseits der Massenlagerplätze sein Zelt aufgeschlagen hatte.

    Mit meiner Campingplatzhütte hatte ich so richtig Glück gehabt. Als ich ankam, fing es natürlich prompt an zu regnen und ich konnte den verregneten Tag genüsslich in meiner beheizten Hütte mit Wäschewaschen und Lesen zubringen. Als dann am nächsten Tag auch noch mein Schuhnachschubpaket im örtlichen Postamt auf mich wartete, war ich ziemlich glücklich. Ich hatte neue Schuhe, lief nun endlich auf Wegen statt durch Schlamm und konnte einfach den Wegmarkierungen folgen. Kurz: Ich hatte nun endlich das Gefühl, dass ich ein wenig vorankam.



    Meine Route bog kurz vor Glasgow vom WHW ab und ich verbrachte nur 4 Tage darauf. Mir hatte der Weg schon beim ersten Mal nicht sonderlich gut gefallen und ich wäre eigentlich gerne eine andere Strecke gelaufen, aber da ich nun schon mal die Karten dafür hatte, bin ich ihn halt noch ein zweites Mal gelaufen. Mein Eindruck vom WHW hat sich dadurch nicht verbessert. Mir ist es ziemlich schleierhaft, warum er sich so großer Beliebtheit erfreut. Für schottische Verhältnisse ist der WHW nämlich nicht mal besonders schön und fällt im Vergleich zum ersten Teil meiner Route deutlich ab. Mich persönlich nervte am meisten die Nähe zur Autobahn A82, die man über weite Strecken nicht nur hört, sondern sogar oft auch sieht. Nicht gerade das, was ich mir unter Schottlandidylle vorstelle. Am abschreckendsten waren jedoch die Menschenmassen auf dem Weg. Wenn man mit der Herde von Süd nach Nord läuft, bekommt man das vielleicht nicht so mit, aber wenn einem alle 5 Minuten ein Wanderer entgegen kommt, dann nervt es bald. Ich hatte zudem den Eindruck, dass hier mehr Deutsche als Engländer unterwegs waren. Wer diese Art von Landschaft mag, ist jedoch nicht auf den WHW angewiesen: Es gibt in England/Schottland viel schönere und weniger überlaufene Alternativen, allen voran den von mir später noch begangenen Pennine Way.
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    #13
    Schottland: Central Scottish Way

    Dieser Routenabschnitt hatte mir in der Planung am meisten Bauchschmerzen bereitet. Am Ende des WHW kurz vor Glasgow musste ich nun irgendwie Schottland Richtung Richtung Edinburgh durchqueren, um wieder auf National Trails zu stoßen. Nur leider war dies die am dichtesten besiedelte und industrialisierte Gegend Schottlands und es fand sich so gar kein vernünftiger Wanderweg. Der Cicerone-Führer folgte letztendlich einer Route namens Central Scottish Way, von der ich antiquarisch noch einen alten Wanderführer von Erl Wilkie auftreiben konnte – der sich aber letztendlich als völlig überflüssig herausstellte. Der Central Scottish Way folgt in Ermangelung von Wanderwegen einfach alten, stillgelegten Eisenbahnlinien und vor allem den Treidelpfaden des Forth&Clyde und Union Canal. Dies alles hörte sich so überhaupt nicht idyllisch an und vor allem befürchtete ich, dass ich nirgendwo einen Platz zum Zelten finden würde.

    Wenig begeistert begann ich also meine Wanderung auf diesem Abschnitt und wurde in fast allen Punkten ausgesprochen positiv überrascht – obwohl mein erster Tag auf diesem Abschnitt sehr turbulent endete.... Nach einem Tag Regen auf alten Eisenbahntrassen kam ich nun endlich mit schmerzenden Füssen an einem Stück heißersehnten Waldes an, das mich förmlich um Zelten anschrie. Dabei störte es mich nicht, dass ich einen Stacheldrahtzaun überklettern musste – schließlich war hier fast alles eingezäunt. Viel mehr hätten mich die vielen Kuhfladen und der zermanschte Boden stutzig machen sollen, aber irgendwie entging mir das alles. Ich hatte gerade mein Zelt ausgepackt und wollte es an einem schönen Fleck aufbauen, als ich in der Ferne eine Kuh erblickte – leider innerhalb der Umzäunung, in der auch ich mich befand. Nicht gut! Hier wollte ich keinesfalls die Nacht verbringen. Missmutig packte ich mein Zelt wieder zusammen, als das Unheil seinen Lauf nahm. Aus einer Kuh wurden plötzlich ca. 20 Stiere, die sich wohl im Wald versteckt hatten und nun eine lustige Abendunterhaltung witterten. Kaum hatte mich das erste Viech entdeckt, kam auch schon die ganze Herde auf mich zu galoppiert. Mir sackte das Herz in die Hose. Die Viecher waren keinesfalls in irgendeiner Weise durch mein Gebrüll zu beindrucken und kamen im Vollgalopp auf mich zu. Als ich schon glaubte, mein Leben unter Kuhhufen zu beenden, kamen die Nachwuchsstiere mich qualmenden Hufen weniger als einen Meter vor mich endlich zum Halt. Ich stand da wie versteinert und konnte kaum glauben, dass ich noch am Leben war. Es war auch nicht gerade hilfreich, dass ich erst vor kurzem einen Artikel über tödliche Kuhunfälle auf englischen Wanderwegen gelesen hatte. Immerhin erinnerte ich mich aus dem Artikel daran, dass man sich im Falle aggressiver Kühe in keinem Fall bücken oder gar stolpern und hinfallen sollte. Nur leider war noch ein Teil meiner Ausrüstung verstreut und ich wollte keinesfalls mein Zelt zurücklassen. Ganz, ganz vorsichtig raffte ich mein Equipment zusammen und stopfte es irgendwie in meinen Rucksack. Jetzt hoffte ich auf einen geordneten Rückzug – doch leider hatten mich meine neugierigen Freunde komplett umzingelt. Freundlich lächelnd versuchte ich mich zurück in Richtung Zaun zu bewegen, immer dicht gefolgt von 20 neugierigen Stieren. Mir brach der Angstschweiß aus, denn die Viecher wurden immer zudringlicher und ließen mir kaum Raum. Nach scheinbar endlosen Minuten war nun endlich der Stacheldrahtzaun erreicht und meine Freiheit schien zum Greifen nah – nur wollten meine neuen Freunde mich nicht gehen lassen. Sie blieben einfach vor dem Zaun stehen und ließen mich nicht durch..... Ich konnte ja nun schlecht den Rest des Abends Stiere anstarren. Beherzt sprang ich deshalb unerwartet über den deutlich niedrigen Zaun zur Nachbarweide und damit in die Freiheit. Dann noch unter Stacheldraht durch und ich war zitternd am Ausgangspunkt meiner Expedition zurück.

    Nur leider war es mittlerweile schon fast dunkel und ich hatte immer noch keinen Zeltplatz gefunden. Im Eilmarsch ging es also weiter, aber es wollte sich so gar kein verstecktes Plätzchen finden. Endlich, kurz bevor das Tageslicht mich dann komplett im Stich ließ, fand ich in den Büschen einen geeigneten flachen Platz. Hurtig baute ich mein Zelt auf und stellte erst dann fest, dass ich 20 m entfernt von einer viel befahrenen Bahnlinie zeltete...... Nun war es aber definitiv zu spät zum Umziehen, obwohl die vorbeirauschenden Züge mein Zelt zum Wackeln brachten. Glücklicherweise endete der Zugverkehr um Mitternacht, so dass ich wenigstens bis zum frühen Morgen etwas Ruhe hatte.

    Die nächsten zwei Tage lief ich entlang der ehemaligen Treidelpfade und wurde ausgesprochen angenehm überrascht. Obwohl ich mich fast immer sehr nahe an Häuser, Industrie oder gar Autobahnen befand, waren die Kanäle eine eigene kleine, grüne und überraschenderweise sehr ruhige Welt. Oft tief eingeschnitten in die übrige Landschaft, sah und hörte ich kaum etwas von der Zivilisation. Interessant waren vor allem die Schiefervorkommen, die sich hier links und rechts des Kanals befanden. Sogar das Wildzelten war erstaunlich einfach: Ich endete ich einem kleinen Wäldchen am Kanal und obwohl sich die Autobahn gerade mal einen Kilometer weit entfernt befand, sah und hörte ich nichts.

    Am nächsten Morgen hatte ich mal wieder ein lustiges Erlebnis. Die Treidelpfade waren natürlich auch sehr beliebt bei Radfahrern und so stieß ich am Morgen auf einen Vater-Sohn-Paar, die direkt am Treidelpfad gezeltet hatten – ganz offen vor aller Augen. Erstaunt fragte ich sie, ob das denn erlaubt wäre und lernte zu meiner großen Freude, dass der Treidelpfad selbst öffentlicher Grund wäre und Zelten erlaubt. Sie waren schon zwei Nächte hier und niemand hätte sich beschwert. Als wir munter plauderten, kamen einige Spaziergänger und Hundeausführer vorbei. Die beiden Radler bereiteten gerade ihr Frühstück vor und so standen Kaffeetassen und Porridgetopf auf ihrer Picknickdecke. Das wiederum schien einen der herumlaufenden Hunde sehr zu interessieren, der neugierig angerannt kam und mal kurz den Porridge probierte.... Als meine beiden Radlerfreunde das entdeckten und ihn verscheuchen wollten, stieß das vertriebene Tier gleich noch die Kaffetassen um. Das herbeigelaufene Herrchen entschuldigte sich natürlich vielmals, aber der Anblick des Frühstückschaos war besser als jede Slapstick-Komödie und ich kam noch Kilometer später kaum aus dem Lachen heraus.



    Fazit: Obwohl ich niemanden raten würde, extra nach Großbritannien zu fahren, um dort an den Kanälen entlang zu wandern, waren diese Treidelpfade doch eine ausgesprochen angenehme Erfahrung. Natürlich läuft man dabei nicht durch unberührte Natur, aber die Kanäle und die damit zusammenhängenden Bauten wie Brücken und Äquadukte waren ausgesprochen interessant. Zudem war ich hocherfreut, endlich ordentlich Kilometer machen zu können, denn auf den ebenen Treidelpfaden waren 40 km am Tag kein Problem.
    The big trip - an outdoor life hiking, cycling and paddling: 32.000 zu Fuß, 30.000 km per Fahrrad, 6.500 km im Boot

  14. AW: [GB] John O'Groats to Land's End: 2.000 km durch Großbritannien

    #14
    Wie auch deine anderen Reiseberichte sehr Beneidenswert.
    Denke jeder schonmal durch schottische Moore gestapft ist kann dein Leiden gut nachvollziehen dein Durchhaltevermögen nach so einem Start finde ich schon ziemlich klasse.
    Bekommt man da nach Jahren des Wanderns so etwas wie Routine und läuft auch wenns nicht so toll ist einfach weiter ?

    Zu deiner Strecke und der Etappe an den Kanälen entlag, ging es dir um die kürzesten Verbindungen Richtung Südwesten? Es wäre vllt. schöner gewesen nach dem Loch Lomond Richtung Westen zur Küste zu laufen und dort entlang der Coast Paths. Glaube einer davon ist der Ayershire Coastal Path von dem man über den Southern Upland Way zum Pennine Way gehen kann. Ist natürlich ne längere Strecke.. bzw. einfach durch Glasgow durch über den Clyde Walkway + Southern Upland Way.

    Freue mich schon auf die Fortsetzung!

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    AW: [GB] John O'Groats to Land's End: 2.000 km durch Großbritannien

    #15
    @Hobbyhiker

    Interessante Frage! Ja, nach so vielen Wanderkilometern bekommt man schon Routine. Vor allem ist mir mittlerweile klar, dass zu jeder Wanderung auch Durststrecken gehören. Und da es die jedesmal mehr oder minder ausgeprägt gibt, laufe ich da halt mittlerweile meist ziemlich unbeeindruckt durch. Dabei musste ich feststellen, dass mir gerade im Nachhinein die Bewältigung der schwierigen Strecken oft (aber nicht immer) die größte Befriedigung verschafft.
    Auf dieser Wanderung war es jedoch ein bisschen anders gelagert. Ich fragte mich nach einigen Wochen, ob ich mir nicht einfach das falsche Ziel herausgesucht hatte. Ich hatte teilweise den Eindruck, dass es sich nicht um eine temporäre Durststrecke handelt, sondern dass die ganze Idee von vorneherein falsch oder zumindest sehr suboptimal war.

    Jetzt, über ein anderthalb Jahre später kann ich sagen, dass es wohl eine Kombination aus vielen Dingen war, die mir diese Wanderung so verleidet und zur insgesamt unerfreulichsten Wanderung meiner bisherigen Wanderkarriere werden ließ. Viel liegt daran, dass Großbritannien nicht gerade das ideale Land für Langstreckenwanderer mit begrenzten Budget ist, aber dazu mehr und ausführlich am Ende dieses Berichts. Aber insgesamt hatte ich halt ausgesprochen Pech mit dem Wetter am Anfang der Tour, beging einige Planungs- und Ausrüstungsfehler und hatte noch dazu eine ziemlich falsche Erwartungshaltung, mit der ich die Realität nur als frustrierend empfinden konnte. Ich würde mittlerweile durchaus nochmals eine lange Wanderung durch UK machen, aber mit einer ganz anderen Erwartungshaltung und Kartenausstattung.

    Zur Strecke: Ich bin ja erst Mitte August gestartet und lieferte mir damit einen kleinen Wettlauf mit den Jahreszeiten. Ich konnte nicht allzu lange "herumtrödeln", wenn ich vor Einbruch des Winters in Land's End ankommen wollte. Und damit wollte ich in diesem eher nicht so idyllischen Teil Schottlands einfach die kürzeste Strecke laufen. Und interessanterweise war dieser "Central Scottish Way" für mich dann letztendlich eine der unerwartet schönsten Strecken auf der ganzen Tour.
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  16. AW: [GB] John O'Groats to Land's End: 2.000 km durch Großbritannien

    #16
    Danke für den Bericht - besonders interessant war für mich die Kuhgeschichte. Tatsächlich sind wir als jugendliche Paddler einmal ähnlich von unserem Platz an einem französischen Kleinfluß vertrieben worden. Das Zelt konnten wir zwar noch retten, ein Faltboot wurde aber eingetreten (Riß im Verdeck). Auf das Erzählen der Geschichte haben wir dann bald verzichtet, da wurde man nur ausgelacht. Seidem achte ich jedenfalls penibel auf das Alter von etwaigen Kuhfladen !

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    AW: [GB] John O'Groats to Land's End: 2.000 km durch Großbritannien

    #17
    @Prachttaucher:
    Danke für den Hinweis - jetzt komme ich mir nicht ganz so Weichei-mäßig vor! Der Artikel mit den tödlichen Wanderunfällen durch Kühe erzählte im übrigen, dass die meisten dieser zugegebenerweise wenigen Unfälle mit Wanderern mit HUNDEN passieren. Der Hund greift die Kühe an, die Kühe schlagen zurück, Hund läuft davon, Herrchen will den Hund schützen und gerät in die "Schusslinie" der Kühe.
    Seit England habe ich eine Kuhphobie, aber ich musste auch feststellen, dass englische Kühe besonders aggressiv sind. In anderen Ländern hatte ich eigentlich kaum Probleme, dafür in England umso mehr. Mehr dazu später.
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  18. AW: [GB] John O'Groats to Land's End: 2.000 km durch Großbritannien

    #18
    Ich vermute mal, dass es sich wohl eher um Jungbullen als um Kühe handelte? Kühe sind eigentlich weder zudringlich noch aggressiv, solange man sie in Ruhe lässt. Jungbullen sind da von anderem Kaliber. Da ist durchaus Vorsicht geboten. Außerdem sollte man Tiere auch nicht stören. Zäune also vielleicht nur überklettern, wenn man weiß, dass die Koppel unbewohnt ist?

    Ich würde auch nicht "unter Schafen" zelten wollen.

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    AW: [GB] John O'Groats to Land's End: 2.000 km durch Großbritannien

    #19
    Schottland: The Scottish Borders

    Nach dieser schnellen Eisenbahn- und Kanalwanderung kam ich durch West Linton, ein ansonsten ziemlich unbedeutendes Kaff, aber: es gab dort einen Couchsurfing-Gastgeber, wie ich in meiner Vorab-Recherche bereits festgestellt hatte. David war zudem auch noch hocherfreut, mich beherbergen zu können. Er war pensioniert und mochte CS vor allem deswegen, weil er so jemanden bekochen konnte – und das tat er ausgesprochen gut und gerne! Wie versprochen holte er mich im örtlichen Pub ab und während ich mich unter der Dusche wieder in einen normalen Menschen verwandelte, bereitete er ein wunderbares Abendessen: Haggis! Ich war zunächst ja mehr als skeptisch, aber nicht um meine Essgewohnheiten wissend hatte David vegetarischen Haggis bereitet, der aus Haferflocken, Linsen, Karotten und Nüssen besteht. Das ganze schmeckte ganz hervorragend und wurde zum kulinarischen Highlight dieses Trips. Am Ende wurde ich sogar noch mit Islay-Whiskey belohnt, der mir Alkoholbanausen natürlich erst mal nichts sagte, aber trotzdem ganz hervorragend schmeckte.

    Besonders angetan hatte es mir Murphy, Davids höchst energiegeladener Mischlingshund, der sich während des Essens ständig an mich heranrobbte, bis er von seinem Herrchen wieder des Zimmers verwiesen wurde. Leider war ich zu geschafft, um ausgiebig mit Murphy zu spielen, aber er wurde von mir zumindest fast zu Tode gekrault, während David mir Highlights aus der schottischen Geschichte und Politik erzählte. Wie üblich ging mein Ruhetag bei David viel zu schnell zu Ende und vor allem das gute Essen hätte ich mir noch eine längere Weile guttun lassen.

    Für mich ging es jetzt wieder auf National Trails, aber leider ohne Fleiß kein Preis – und so musste ich erst mal einen halben Tag crosscountry laufen. Dieser halbe Tag genügte, um meine bei David wiedererlangte gute Laune sofort wieder in den Keller sinken zu lassen. Zunächst schien alles gut: Der Weg war genau da, wo er laut GPS und Karte sein sollte. Dann begann laut GPS das crosscountry, aber mein schöner Weg führte weiter in die richtige Richtung und zu allem Überfluss gab es auch noch ein Schild, das genau meinen Zielpunkt anzeigte. Warum also crosscountry gehen? Freudig folgte ich weiter dem Weg, nur um eine halbe Stunde später festzustellen, dass es plötzlich weder Schilder oder Wegmarkierungen gab und ich nicht mal ansatzweise da war, wo ich sein sollte. Meine OSM-Karte war wie üblich auch keine große Hilfe und ich verfluchte sie zum hundertsten Mal. Also es half alles nichts: Ich musste zurück laufen. Halb zurück sah ich einen halbwegs passablen Pfad, der am Waldrand entlang in meine Richtung führte. Laut GPS war es nur gerade mal 800 m bis zum richtigen Weg! Nur leider endete dieser verheißungsvolle Pfad in einem einzigen Sumpf der noch dazu garniert war mit umgefallenen Bäumen. Laut GPS nur noch 600 m, das würde doch wohl zu schaffen sein. Ich brauchte 45 Minuten um durch den Morast zu robben und dann nochmals 45 Minuten, um inmitten einer erstaunten Schafherde durch hüfthohen Farn einen steilen Abhang hinaufzuklettern – nur um dann festzustellen, dass ich immer noch ca. 100 m zu tief war und denselben Scheisshügel noch weiter hochklettern musste.. Nach 3 Stunden war ich dann endlich am Ziel meiner Träume angekommen und hatte mal wieder die Schnauze voll von Schottland.

    Zugegebenerweise verbesserte sich die Situation dramatisch auf den National Trails. Zuerst verbrachte ich einen Tag auf dem Southern Upland Way, wo ich sogar auf eine Wanderhütte stieß! Danach ging es weiter auf dem St. Cuthbert's Way, der die drei schottischen Abteien Jedburgh, Melrose und Dryburgh verbindet. Nur leider waren die Abteien nicht frei zugänglich, sondern es kostete 5,50 £ die Ruinen inmitten von Heerscharen von Touristen zu besuchen. Ich investierte das Geld lieber in Schokolade, erfreute mich aber an den touristischen Einrichtungen wie saubere Großtoiletten, die mir zu einem Waschtag verhalfen. Bald hatte ich es zum Pennine Way geschafft! Das letzte Stück ging entlang der Deere Street, einer alten Römerstraße, die mich zum Grenzzaun zwischen Schottland und England und damit zum Pennine Way führte. Ich muss sagen, dass ich heilfroh war, Schottland endlich hinter mir zu lassen und freute mich jetzt auf den Pennine Way, den ich auch schon mal komplett gelaufen war.

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    Avatar von Chouchen
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    #20
    Zitat Zitat von Enja Beitrag anzeigen
    Ich vermute mal, dass es sich wohl eher um Jungbullen als um Kühe handelte?
    Im Bericht schrieb sie ja Stiere. Und jeder Bulle ist ja eine Kuh, aber nicht jede Kuh ein Stier.

    GT, falls es Dich tröstet: Wir sind auch mal bei einem Wandertag mit einer kompletten Klasse und unserem Lehrer vorneweg in heller Panik vor ein paar Bullen geflüchtet. Im nach hinein war's irgendwie witzig, in diesem Augenblick aber gar nicht.
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