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    [DE] Von Strausberg nach Niederfinow

    #1
    Mitreisende: Igelstroem
    Dies ist ein ausführlicher Bericht von einer zweitägigen Wanderung in Brandenburg (23.-24. April 2013); für mich zugleich die erste Freestyle-Übernachtung im Freien und ein Versuch, die inzwischen dafür angesammelte Ausrüstung zu testen.

    Und weil der Bericht sich textlich ein wenig in die Länge ziehen wird, stelle ich ihn hier in Abschnitten ein. Heute also nur die erste Hälfte der ersten Tagesetappe.

    Ein Bild zur Ausrüstung:



    Zwei davon ziehe ich an, setze den Rucksack auf, der vielleicht neun Kilo wiegt, und gehe zur Straßenbahn, um mit der S-Bahn vom Alexanderplatz nach Strausberg-Nord zu fahren. Das Ziel der Wanderung ist Chorin. Ungefähr fünfzig Kilometer, also zwei Tagesetappen.

    Zum Übernachten im Freien habe ich mir nach Karte und Google eine Stelle zwischen Steinbeck und Wölsickendorf ausgesucht, am Waldrand östlich des Gamengrunds. (Letztlich schlafe ich woanders und komme am zweiten Tag nur bis Niederfinow, von wo ich mit dem Zug nach Berlin zurückfahre. Davon später mehr.)


    Aus alter Tagestourengewohnheit ziehe ich in der Tram eine Tageskarte aus dem Automaten, was totaler Quatsch ist, aber das wird mir erst in Strausberg auffallen.
    Vor dem Automaten komme ich mit einem Typ mit Anzug ins Gespräch, der mich angesichts meiner Pläne fragt, ob ich denn auch ein Deo gegen die Wölfe dabeihabe. Ich frage ihn, was es denn sein soll, und er meint: vielleicht irgend so etwas stark Riechendes, Modernes. Bis zum Alexanderplatz gebe ich ihm eine Zusammenfassung meiner Kenntnisse über das Verhalten von Wölfen und Wildschweinen.


    Die S-Bahn nach Strausberg-Nord fährt alle 40 Minuten und ich erreiche am Alexanderplatz knapp genug den Zug um 10:12 Uhr.





    Folglich bin ich um 10 Minuten nach elf in Strausberg, lasse den erwogenen Espresso links und die Barnim-Kaserne rechts liegen und laufe los, Richtung Wilkendorf. Es ist ein seit zwanzig Jahren bekannter Weg. Als ich 1990 oder 1991 zum ersten Mal hier war, lief man auf einem sandigen Feldweg in den Wald hinein, inzwischen läuft man durch eine Eigenheimsiedlung und weiter auf Asphalt durch den Wald bis Wilkendorf.




    Das Dorf Wilkendorf (Kilometer 2,4) wird nur gestreift. Zur Linken liegt das Schloss, das früher ein Gästehaus der NVA, dann der Bundeswehr gewesen ist und jetzt seit etlichen Jahren zu einem Luxushotel umgebaut wird. Vielleicht wird es irgendwann fertig.





    Danach geht es ungefähr 10 Kilometer durch den Blumenthal nach Biesow, topographisch immer einem kleinen Tal folgend, einer Rinne im Barnim-Plateau, in etwa parallel zum Gamengrund, aber ein paar Kilometer weiter östlich.






    Ich hatte mir bei der Ausrüstungsplanung überlegt, dass der Rucksack vielleicht bequemer zu tragen sei, wenn man das mitgeführte Wasser in Feldflaschen vorn oder seitlich am Gürtel befestigt und womöglich auch noch die trockenen Lebensmittel in einer hinten angebrachten Koppeltasche transportiert, die zugleich für eine bessere Lastübertragung vom Rucksack auf die Hüfte sorgen könnte. Denn der Hüftgurt ist ungepolstert und insofern nur bedingt funktional.
    Dieser schöne Gedanke wird schon auf den ersten Kilometern hinfällig, denn das am Gürtel verteilte Gewicht erweist sich orthopädisch eher als unangenehm. Ich verstaue also probehalber die Wasserflaschen doch noch im Rucksack und löse den Hüftgurt ganz. Merkwürdigerweise wird erst jetzt der Rucksack wirklich bequem, trotz fehlender Lastübertragung auf die Hüfte, und das wird auch im weiteren Verlauf der Tour so bleiben. Das Gesamtgewicht des Rucksacks dürfte jetzt etwa 11 Kilo betragen.




    Seit meinem letzten Besuch ist hier viel gearbeitet worden. Wahrscheinlich riecht es penetrant nach frisch geschlagenem Holz, aber ich habe leider keinen Geruchssinn.





    Etwa bei Kilometer 5 erreicht man den Großen Lattsee. Früher war das ein Angelgewässer; inzwischen ist der See privatisiert, wie man den Schildern entnehmen kann, und die einst sporadisch vorhandenen Holzbänke und -tische sind verfallen und neuerdings sogar beseitigt worden.


    Im Frühjahr, etwa ab Mitte März, blühen hier im lichten Buchenwald des Seeufers die Leberblümchen. Dieses Jahr haben sie ein paar Wochen Verspätung.








    Meistens sieht man auf dieser Strecke an Werktagen keinen Menschen. Diesmal treffe ich eine Vierergruppe, zwei Ehepaare um die sechzig. Sie stehen an einer flachen Stelle des Seeufers. Ich steige die paar Schritte vom Weg zu ihnen herab, grüße und frage etwas eulenspiegelmäßig: "Na, haben Sie gebadet?" Nein, sagen sie, das würden sie hier nur im Sommer tun.
    Gegenfrage: Ob ich zu diesem Forst gehöre? (Wahrscheinlich sehe ich aus wie ein Förster. Eine der beiden Damen raucht gerade eine Zigarette, wie ich erst verspätet bemerke. Dann macht die Frage natürlich erst recht Sinn.)
    Ich gehöre aber nicht zu diesem Forst. Die vier sind ihrerseits, wie sie mir erzählen, verwandtschaftshalber im nahen Forsthaus Leuenberg zu Besuch und machen ihren Mittagsspaziergang.
    Meine Ausrüstung sehe ja sehr professionell aus. Ich sage ihnen die Wahrheit über die Professionalität meiner Ausrüstung und werde gefragt, ob ich das Schlafen im Freien denn geübt habe. Auch dazu gebe ich, etwas belustigt (denn ich bin ja gerade heute zum Üben unterwegs), eine wahrheitsgemäße Auskunft.
    Wir wechseln noch ein paar Worte über den Müll, der hier am Ufer herumliegt, dann ziehe ich weiter. Das folgende Bild habe ich während des Gesprächs gemacht.




    In der Tat fällt der gelegentlich herumliegende Müll im Frühjahr mehr ins Auge. Im Sommer ist er von der Vegetation verdeckt.


    Leave no trace (1)


    Leave no trace (2)



    Auf den Großen Lattsee folgt der Kleine Lattsee, dann erreicht man (bei Kilometer 7,7 meiner Route) die Landesstraße 337.

    Wendet man sich hier nach rechts, Richtung Prötzel, findet man nach hundert Metern auf der anderen Straßenseite den Weg nach Blumenthal, einer kleinen Häusergruppe an einem See mitten im Wald. Der See heißt ebenfalls Blumenthalsee, wie eben auch der gesamte Wald der Blumenthal heißt.

    Würde man auf der Landesstraße noch einen halben Kilometer weitergehen, käme man nach Stadtstelle. Das ist wieder nur eine Häusergruppe, keine Ortschaft. Stadtstelle heißt es deshalb, weil es hier im Mittelalter eine Stadt gegeben hat, deren Mauerreste teilweise noch im angrenzenden Wald zu finden sein sollen. Fontane berichtet davon in den »Wanderungen«, aber archäologisch ist dieser Ort anscheinend nie wirklich erschlossen worden. Man findet jedenfalls im Netz nicht viel mehr als Fontanes Bericht und daneben die eine oder andere esoterische Anknüpfung an das Potential, das ein solcher untergegangener Ort der Phantasie bietet.




    L 337: Überall, wo es in Brandenburg Asphalt gibt, wird auch gerast. Man geht lieber hinter der Leitplanke.


    Statt nach rechts wende ich mich auf der Straße nach links in Richtung des besagten Forsthauses Leuenberg, biege aber bereits nach zweihundert Metern auf der anderen Straßenseite wieder in den Wald ab. Man findet dort ein paar Schritte von der Straße einen kleinen überdachten, im Laufe der letzten zwanzig Jahre stark verfallenen Rastplatz, der mir Gelegenheit für eine kleine Pause bietet. Es ist inzwischen 13:30 Uhr.





    Dann geht es in nordnordöstlicher Richtung weiter zum Pichesee. Ich kenne den Weg und bin froh darum, denn es ist eine Gegend, in der man sich mit schlechter Karte und ohne Richtungsnavigation ausgezeichnet verlaufen kann. Ich erinnere mich an einen bedeckten Tag zu Beginn der neunziger Jahre … Danach bin ich in Brandenburg nie wieder ohne Kompass wandern gegangen.

    Diesmal also finde ich meinen Weg aus dem Gedächtnis. Inzwischen ist das Wetter etwas grau geworden, über dem See und dem noch kahlen Wald liegt ein silbrig-graues Licht.






    Das Licht passt dazu, dass ich diesen letzten Teil des Weges nach Biesow in den letzten Jahren immer ein wenig beklemmend fand, so als könnte man hier unvermittelt aus der Wirklichkeit in eine verhexte Welt hinübergleiten. Oder ist das nur dann der Fall, wenn man Blair Witch Project gesehen hat? Womöglich hängt alles von den Baumarten ab. Solange die Buche im Mischwald vorherrscht, bleibt die Atmosphäre freundlich.


    Jagdliche Einrichtung mit Rucksack



    Jedenfalls spüre ich immer eine gewisse Erleichterung, wenn ich bei Biesow aus dem Wald heraustrete. Die Ortschaft Biesow (Kilometer 12,7) liegt sehr idyllisch auf einer großen Freifläche. Ringsumher ist Wald. Natürlich kann man den Ort auch mit dem Auto erreichen, aber ich glaube, dass ich hier in all den Jahren beim Durchwandern noch nie ein fahrendes Auto gesehen habe. Würde man mich mit vorgehaltener Waffe zwingen, einen Ort auf dem Lande zum dauerhaften Wohnen auszusuchen, so würde ich ohne Zögern Biesow wählen.













    Heute betrachte ich die Umgebung unter dem Aspekt, wo man auf der Freifläche außerhalb der Sichtweite der Häuser ein Zelt aufschlagen könnte. Das Gelände lässt das nämlich zu. Nur stelle ich jetzt leider fest, dass man sich buchstäblich überall im Schussfeld der strategisch plazierten Hochsitze befinden würde.
    Geändert von Igelstroem (12.05.2013 um 19:34 Uhr)
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  2. Fuchs
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    AW: [DE] Von Strausberg nach Niederfinow

    #2
    Wo bleibt der Rest?

    Brandenburg ist immer wieder zum Wandern einladend. Jedesmal wenn ich Berichte aus der Ecke dort lese, bekomme ich Sehnsucht nach der Alten vertrauten Heimat.

    LG
    Atze1407
    Wenn du den Charakter eines Menschen kennenlernen willst, gib ihm Macht.
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  3. AW: [DE] Von Strausberg nach Niederfinow

    #3
    Schließe mich der Bitte an - gut geschrieben und schöne Bilder.

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    AW: [DE] Von Strausberg nach Niederfinow

    #4
    In Biesow, um das noch nachzutragen, war ich gegen 15 Uhr.

    Am Nordrand der Freifläche überquert man nun die stillgelegte Bahnstrecke Werneuchen–Wriezen. Ein letztes einzeln stehendes Haus bewacht hier den Bahnübergang, und unter dem aufmerksamen Blick der als Ziegen anzusprechenden Haustiere laufe ich wieder in den Wald hinein.


    Man kann hier einfach geradeaus nach Steinbeck weitergehen, aber ich biege bei Kilometer 13,8 nach rechts auf den Höhenlandweg ab, einen lokalen Rundwanderweg, der zwei kleine im Wald liegende Seen streift, ansonsten aber auf diesem Abschnitt unattraktiv ist. Der Bodenbelag ist hart wie Asphalt und der Wald präsentiert sich schlimmstenfalls wie auf dem nachfolgenden Bild zu sehen.




    So ist man gewissermaßen froh, nach einer knappen Stunde die Ortschaft Steinbeck (Kilometer 16,8) erreicht zu haben. Dort kehre ich im Restaurant Steinbeck ein, um mir eine Abwechslung von der Cashew-und-Schokolade-Ernährung zu verschaffen, vorsorglich für die Nacht die Wasserflaschen aufzufüllen und meine zwiespältigen Eindrücke von der brandenburgischen Gastronomie aufzufrischen. Das gelingt auch.


    Das Restaurant liegt direkt an der Bundesstraße 158 und wird daher, wie schon im Internet zu lesen war, gerne von Tanktouristen angesteuert, die das eventuell bei einem Ausflug nach Polen eingesparte Geld hier wieder ausgeben. Nachmittags um vier bin ich hier allerdings der einzige Gast, das Essen ist passabel, das Radio erzählt von einer exotischen Spinne, die in Berlin die Inhaberin eines Blumenladens gebissen hat und seitdem von Polizei und Feuerwehr erfolglos gesucht wird. Da bin ich jetzt froh, dass ich die Stadt verlassen habe.


    Negatives gibt es aus Steinbeck nicht zu berichten. Der Brandenburger sprüht nicht immer vor Freude, wenn ein Fremder seinen Lebensraum durchquert. Deshalb strahlt auch die Gastronomie mitunter eine um Korrektheit bemühte Lustlosigkeit aus. Man darf essen, aber nichts im Verhalten des Personals vermag den Verdacht zu zerstreuen, dass man ebenso gern auch hätte vorbeigehen dürfen.

    Diesmal ist es zumindest so, dass ich auf meine schon etwas verhalten vorgebrachte Frage, ob es wohl möglich sei, ein Stück an der Bundesstraße entlangzulaufen, ohne die Verkehrstotenstatistik zu bereichern, eine instruktive Auskunft bekomme. Damit gebe ich mich zufrieden, fülle draußen am Außenwasserhahn meine Flasche auf und laufe los. Es ist 17 Uhr.



    Neben der Bundesstraße ist wie versprochen ein breiter Grasstreifen, und ich gehe einen halben Kilometer in Richtung Polen, bevor ich nach links in einen Feldweg abbiege, der nach Wölsickendorf führt. Die Sonne scheint wieder, zugleich macht sich auf dem freien Feld aber ein lebhafterer Wind bemerkbar.




    Was das obige Bild nicht zeigt, sieht man hier:



    Aber nicht nur der Computer wirkt ungeliebt und abgeschoben. Auch wen es für die Nacht nach einer richtigen Matratze anstelle der selbstaufblasenden und nach einigen Lagen Wellblech anstelle des Tarps gelüstet, dem sei diese Wegstrecke wärmstens empfohlen. Man hat an alles gedacht.



    Bei Kilometer 20,6 erreiche ich kurz vor 18 Uhr Wölsickendorf.


    Das Schloss, fertig beschriftet



    Gegenüber dem Schloss


    Vor einem kleinen Laden (nicht abgebildet) verzehren einige Einheimische alkoholische Erfrischungsgetränke, und ihr Zuruf scheint mir nahezulegen, mich wenigstens mit einem Wegbier auszustatten. Ich hebe nur theatralisch die Arme: "Habe alles dabei!" Immerhin verfolgt mich der Gedanke, man könne sich später mit einem Köstritzer in den Schlaf nuckeln, noch bis zum Ortsausgang.


    Und am Ortsausgang, dem nördlichen, spüre ich zum ersten Mal das Bedürfnis, mir etwas auf die brennende rechte Ferse zu kleben. Später wird die linke hinzukommen. Ich probiere also, ob ich das Blasenpflaster in meiner Gepäckordnung wiederfinde, und verarzte mich in der Abendsonne.


    Dann nähere ich mich meinem zwei Kilometer nördlich des Dorfes an einem Ausläufer des Gamengrundes gelegenen planmäßigen Übernachtungsplatz. Hoch über meinem Kopf übt sich eine dänische Windmühle im Zerschneiden der Luft.



    Drei scharfe rotierende Messer durchschneiden frapp-frapp-frapp das trockene, hartfaserige Luftmaterial, das in großen Stücken zu Boden fällt. Schnell eile ich weiter.


    Der Übernachtungsplatz (bei Kilometer 22,5) sieht leider nicht ganz so aus, wie ich ihn mir vorgestellt habe, und auch hier steht eine dekorative jagdliche Einrichtung im Schussfeld meines Biwaksacks. Oder ist es umgekehrt? Jedenfalls ist es noch zu früh, sich hier ohne Tourpartner, Buch und Wegbier niederzulassen, schließlich wird es erst um halb neun dunkel. Jetzt ist es halb sieben.


    Ich gehe also weiter Richtung Dannenberg, wieder an einem kilometerlangen Gehölzstreifen entlang, und nehme mir vor, erst hinter dem Dorf am Waldrand einen Lagerplatz zu suchen. Fünf Kilometer noch, jedenfalls gut in anderthalb Stunden zu schaffen. Allerdings schmerzen die Fersen.





    Dannenberg wird zügig der Länge nach durchquert.


    Dannenberg/Mark



    Überdachter Biwakplatz auf dem Dorfanger?



    Östlich des Dorfes biege ich links in einen Feldweg ein, der auf den Wald zuläuft.




    Dann noch ein Stück am Waldrand entlang, bis die letzten Häuser des Dorfes hinterm Horizont verschwinden (der allerdings nur durch die Geländeform entsteht).


    Dieses Bild ist erst am nächsten Morgen aufgenommen worden.

    Der Platz wäre schon geeignet gewesen, aber auch hier bin ich wieder ein billiges Ziel für den imaginierten Jagdpächter von Dannenberg. Der letzte geeignete Lagerplatz, wo das nicht der Fall gewesen wäre, war übrigens bei Kilometer 18,9. Das nur für die Statistik.



    Ich entschließe mich also, doch noch nachzusehen, ob sich die auf meiner Karte in 300 Meter Entfernung verzeichnete Kurt-Schwantikow-Hütte für meine Zwecke eignet. Sie liegt allerdings im Wald, unmittelbar am Rand der Ahrendskehle, ironischerweise nur zwei Kilometer von der Jugendherberge Bad Freienwalde entfernt.



    Wenige Meter hinter der Hütte geht es steil und tief bergab, und durch die Bäume hindurch hat man eine Art Landschaftsausblick über die Ahrendskehle hinweg.


    Hier bleibe ich. Das Innere der Hütte ist allerdings düster und nicht besonders einladend, vor allem deshalb, weil die Hütte bis auf den Eingang rundum geschlossen ist. Ich entschließe mich, draußen im Laub zu schlafen. Zunächst auf der hangzugewandten Seite, aber hier habe ich im Liegen schon mit dem Gefälle zu kämpfen.




    Ich wechsle also noch einmal den Platz, als es schon fast dunkel ist. Das ist einfach, denn ich verwende aufgrund des trockenen Wetters den Biwaksack (Macpac Bush Cocoon) nur als Hülle für die Isomatte und lege den Schlafsack darauf. Dann lege ich mir die nächtens vielleicht benötigten Utensilien – Stirnlampe, Thermometer, Wasser, Cashewkerne – in Griffweite, zu diesem Zeitpunkt noch in der Erwartung, dass die Nacht unendlich dunkel sein wird.


    Der letzte Mensch, den ich heute sehe, ist ein Mountainbiker. Er fährt auf dem Weg vorbei, als es schon dämmert, und grüßt. Dann bin ich allein, ziehe mich aus, liege im Schlafsack und warte auf den Schlaf, die Rehe, die Wildschweine, die Igel, die Eichhörnchen, die Mäuse, die Kälte, die Dunkelheit und dergleichen mehr. Sie lassen mich warten.
    Geändert von Igelstroem (12.05.2013 um 19:33 Uhr)
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    AW: [DE] Von Strausberg nach Niederfinow

    #5
    Ich habe im Forum viel über das Schlafen im Freien gelesen, aber relativ wenig darüber, wie sich das erste Mal wirklich im Detail angefühlt hat. Deshalb schreibe ich es hier auf.



    Wie oben schon angedeutet, habe ich mit völliger Dunkelheit gerechnet. Aber diese Rechnung habe ich ohne den Mond gemacht. In zwei Tagen ist Vollmond, und obwohl es etwas bewölkt ist, bleibt es die ganze Nacht relativ hell, heller jedenfalls als zuhause im Schlafzimmer.


    Als ich mich um neun Uhr schlafen lege, messe ich 12,5 Grad Celsius, am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang sind es 6,6 Grad. Die relative Luftfeuchtigkeit steigt bis auf 86 %, von Tau ist morgens nichts zu sehen.


    Der Wind ist schwach bis mäßig und bestimmt die Geräuschkulisse: ein langsam an- und wieder abschwellendes Rauschen in den unbelaubten Baumkronen. Ich registriere, dass es jedes Mal etwas anders klingt, je nachdem, welcher Teil des Waldes gerade durchweht wird.
    Für den Städter klingt es im Halbschlaf mitunter so, als nähere sich ein Auto – aber im Näherkommen löst sich das Auto jedes Mal in Luft auf und rauscht über mich hinweg.

    Mehrmals in dieser Nacht scheint der Wind für eine Weile ganz einzuschlafen; dann versinke auch ich in einen Schlummer, wache aber später vom erneuten Rauschen zuverlässig wieder auf.


    Anfangs ist mir zu warm im Schlafsack (Snugpak Softie 9 Hawk); ich ziehe die lange Unterhose wieder aus und verzichte auf die dünne Baumwoll-Sturmhaube, die ich für den Kopf mitgenommen habe. Später, als die Temperatur unter 10, dann unter 8 Grad sinkt, ziehe ich beides wieder an. Am Luftzug im Gesicht registriere ich im Laufe der Nacht erstaunlich genau die Temperaturveränderung: Es kommt mir nach einer Weile spürbar kühler vor, und beim Blick aufs Thermometer finde ich dann eine Abkühlung von vielleicht einem halben Grad.

    Gegen Morgen habe ich das Gefühl, der Schlafsack dürfte ruhig ein wenig wärmer sein. Das liegt sicher nicht an der Isomatte, sondern daran, dass er weit geschnitten ist und ich ihn anfangs nicht richtig zugezogen habe. Vielleicht liegt es auch einfach daran, dass die Angaben zur Komforttemperatur irreführend sind. Jedenfalls reift gegen Morgen in meinem Hinterkopf der Wunsch nach einem Daunenschlafsack. Wenn es nur immer so trocken wäre.


    Das erste Tiergeräusch, das ich abends deutlich identifiziere, ist das Bellen der Hunde in Dannenberg, einen Kilometer entfernt. Sie bellen noch gelegentlich, mitunter im Duo, bis gegen zehn, dann noch einmal kurz nach Mitternacht. Und irgendwann morgens auch wieder.
    Irgendwo im Wald, in einiger Entfernung, höre ich ein regelmäßiges leises Fiepen, das an einen elektronischen Wecker erinnert. Ich horche eine Weile hin, um mich davon zu überzeugen, dass es doch einmal aussetzt.

    Sonst höre ich eigentlich nicht viel. Kein lautes Knacken. Kein Schnaufen von Igeln. Ich vermeide es bewusst, mit der Stirnlampe in den Wald hineinzuleuchten, weil ich mir vorstelle, dass die Schatten, die man damit erzeugt, nur unnötig die Phantasie anheizen.


    Insgesamt schlafe ich wenig, wie mir scheint, trotzdem aber fühle ich mich morgens einigermaßen ausgeruht, nachdem ich neun Stunden im Schlafsack gelegen habe. Erst viel später, mittags im Zug nach Berlin, wird mich die Müdigkeit überfallen.


    Was mich außer dem Wind leider wach hält, ist der Hunger. Vorm Schlafengehen hatte ich wenig Appetit, und außer Müsli, Cashewkernen und Schokolade gab es ja auch nichts. Während der Nacht muss ich deshalb fast jede Stunde etwas essen, immer ein paar Cashewkerne oder etwas Schokolade. Es hält jeweils nicht lange.

    Etwas misslich ist auch das ungewohnte Herumrutschen des Schlafsacks und des Kopfkissens. Als Kopfkissen habe ich den Packsack der Isomatte verwendet, in den ich zuerst nur meinen Wollpullover, später auch noch das Polartec-Powerdings-Hoody hineingestopft habe. Das Kopfkissen muss nämlich fest sein. Aber dann verrutscht es erst recht. Letztlich packe ich es in die Kapuze des Schlafsacks, statt es darunterzulegen. So ist es wenigstens fixiert.


    Empfinde ich Ungeduld, wenn ich nachts auf die Uhr schaue? Nicht wirklich. Auf der einen Seite möchte ich gerne noch Zeit zum Schlafen haben, auf der anderen Seite freue ich mich, dass die Zeit tatsächlich vorangeht und das »Erlebnis« dieser ersten Nacht unter freiem Himmel sich vollendet.

    Morgens um vier zeigt sich am Osthimmel ein Silberstreif, der nicht mehr vom Mond kommt. Sehr langsam wird es heller, anfangs kann das Mondlicht noch gut konkurrieren.

    Um fünf Minuten vor fünf beginnen die ersten Vögel zu singen. Ich weiß nicht, ob ich danach noch einmal eingeschlafen bin. Eher habe ich mir die Vorbereitungen des Sonnenaufgangs angesehen.
    Dieses Bild ist von 5:30 Uhr:



    Zwanzig Minuten später ist die Sonne aufgegangen:




    Ich bleibe noch eine Weile liegen, bis es taghell ist, dann stehe ich auf. Viertel nach sechs.

    Es ist ein bisschen kühl, finde ich, aber es ist auszuhalten. Ich wechsle die Unterwäsche und ziehe alles an, was ich mitgenommen habe. Vier Schichten: Kunstfaser-T-Shirt, Merino-T-Shirt, Polartec-Hoody, britischer Armeepullover. Den Pullover behalte ich später auch beim Loslaufen noch eine Weile an, bevor ich wieder auf zwei Schichten reduziere.


    Das Frühstück bietet eine unerfreuliche Überraschung. Müsli mit Milchpulver und kaltem Wasser ist irgendwie bei diesen Temperaturen sehr unschmackhaft. Die künstliche Milch schmeckt nicht wie Milch, sondern wie Kaffeesahne mit Wasser. So geht das nicht. Ich werde mir etwas anderes ausdenken müssen.

    Kaffeekochen steht leider in diesem Moment nicht zur Debatte. Man kann an diesem Ort kein Feuer machen, also auch keinen Kocher betreiben.

    Erstaunlicherweise habe ich auch kein dringendes Bedürfnis nach Kaffee. Ich spüre, dass nur das Loslaufen mich jetzt aufwärmen wird. Auch fühlt sich der Körper nach dieser Nacht und der gestrigen Anstrengung wider Erwarten nicht müde an. Kein Muskelkater, keine Schmerzen in den Beinen, keine Rückenschmerzen, nichts.

    Nur die Fersen sind delaminiert. Vielleicht kann man sie einschicken und ersetzen lassen.


    Ich packe also meinen Kram relativ schnell zusammen und mache noch ein letztes Foto von den Verdichtungsschäden, die ich am Laub angerichtet habe. Man sieht ungefähr, wo ich gelegen habe. Wo ich meine Körperausscheidungen hinterlassen habe, sieht man nicht.




    Um sieben Uhr breche ich auf, noch ohne eine genaue Vorstellung davon, ob ich es heute bis Chorin schaffen werde. Das Gefühl an den Fersen spricht dagegen, alles andere spräche dafür.
    Geändert von Igelstroem (12.05.2013 um 19:31 Uhr)
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  6. Anfänger im Forum

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    AW: [DE] Von Strausberg nach Niederfinow

    #6
    Schön geschrieben! Vor allem die Eindrücke von Deiner ersten Nacht draußen!

  7. Moderator
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    AW: [DE] Von Strausberg nach Niederfinow

    #7
    Der Brandenburger sprüht nicht immer vor Freude, wenn ein Fremder seinen Lebensraum durchquert. Deshalb strahlt auch die Gastronomie mitunter eine um Korrektheit bemühte Lustlosigkeit aus. Man darf essen, aber nichts im Verhalten des Personals vermag den Verdacht zu zerstreuen, dass man ebenso gern auch hätte vorbeigehen dürfen.
    Oh, da haben wir aber einen Fontane des 21. Jarhunderts entdeckt!

    Ich zitiere zum Vergleich mal den aus dem 19. Jarhundert:

    Ob du reisen sollst, so fragst du, reisen in der Mark? Die Antwort auf diese Frage ist nicht eben leicht. Und doch würd es gerade mir nicht anstehn, sie zu umgehen oder wohl gar ein »nein« zu sagen. So denn also »ja«. Aber »ja« unter Vorbedingungen. Laß mich Punkt für Punkt aufzählen, was ich für unerläßlich halte.

    Wer in der Mark reisen will, der muß zunächst Liebe zu »Land und Leuten« mitbringen, mindestens keine Voreingenommenheit. Er muß den guten Willen haben, das Gute gut zu finden, anstatt es durch krittliche Vergleiche totzumachen.

    Der Reisende in der Mark muß sich ferner mit einer feineren Art von Natur- und Landschaftssinn ausgerüstet fühlen. Es gibt gröbliche Augen, die gleich einen Gletscher oder Meeressturm verlangen, um befriedigt zu sein. Diese mögen zu Hause bleiben. Es ist mit der märkischen Natur wie mit manchen Frauen. »Auch die häßlichste« – sagt das Sprichwort – »hat immer noch sieben Schönheiten.« Ganz so ist es mit dem »Lande zwischen Oder und Elbe«; wenige Punkte sind so arm, daß sie nicht auch ihre sieben Schönheiten hätten. Man muß sie nur zu finden verstehn. Wer das Auge dafür hat, der wag es und reise.

    (...)

    Viertens. Du mußt nicht allzusehr durch den Komfort der »großen Touren« verwöhnt und verweichlicht sein. Es wird einem selten das Schlimmste zugemutet, aber es kommt doch vor, und keine Lokalkenntnis, keine Reiseerfahrung reichen aus, dich im voraus wissen zu lassen, wo es vorkommen wird und wo nicht. Zustände von Armut und Verwahrlosung schieben sich in die Zustände modernen Kulturlebens ein, und während du eben noch im Lande Teltow das beste Lager fandest, findest du vielleicht im »Schenkenländchen« eine Lagerstätte, die alle Mängel und Schrecknisse, deren Bett und Linnen überhaupt fähig sind, in sich vereinigt. Regeln sind nicht zu geben, Sicherheitsmaßregeln nicht zu treffen. Wo es gut sein könnte, da triffst du es vielleicht schlecht, und wo du das Kümmerlichste erwartest, überraschen dich Luxus und Behaglichkeit...
    http://gutenberg.spiegel.de/buch/4452/1
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    AW: [DE] Von Strausberg nach Niederfinow

    #8


    In der Tat hatte ich diese Fontane-Passage, die ich vor Jahren gelesen habe, irgendwo im Hinterkopf, als ich das schrieb. Die Schwierigkeit besteht übrigens darin, einen allgemeinen Eindruck wiederzugeben, den man ja »nach all den Jahren« inzwischen hat, ohne in den Chor der Voreingenommenen einzustimmen.

    Es ist in Brandenburg schon gelegentlich vorgekommen, dass man mich beim Betreten der Gaststube entgeistert angeschaut hat, als käme ein Gespenst zur Tür herein. Dann ist man gleich in der Defensive und fühlt im Innersten die Peinlichkeit der Situation, bei fremden Menschen im Hause zu sitzen und Kaffee zu trinken. Auf der anderen Seite gibt es Orte wie die Pritzhagener Mühle, wo man sich trotz unnachahmlicher Ruppigkeit des Personals »auf eine geheimnisvolle Weise willkommen fühlt«, wie es bei Fontane heißen könnte.


    Im Übrigen, lieber Pfad-Finder, habe ich natürlich ein eminent schlechtes Gewissen, dass ich es versäumt habe, die diversen militärgeschichtlichen Sonderobjekte und fledermausdurchgeisterten Raketenbunker, die meine Route säumen, in den Bericht einzubeziehen.
    Geändert von Igelstroem (12.05.2013 um 19:32 Uhr)
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    AW: [DE] Von Strausberg nach Niederfinow

    #9
    Mein Schlafplatz war bei Kilometer 27. Jetzt geht es Richtung Falkenberg/Mark. Die Ahrendskehle, an deren Rand ich geschlafen habe, umgehe ich, beklebe nochmals beide Fersen, erreiche dann nach kurzer Zeit die Grüner-Heinrich-Hütte, wo mir kurz nacheinander zwei morgendliche Spaziergänger mit Hunden begegnen.





    Ich entschließe mich, zunächst dem Wegweiser zum Bismarckturm zu folgen, mit dem Hintergedanken, dass man ja vielleicht doch mal ein paar Bilder mit Fernsicht produzieren könnte. Es geht ein bisschen bergauf, und die Schmerzen lassen das ursprüngliche Etappenziel Chorin in weite Ferne rücken. Also doch lieber von Falkenberg oder Niederfinow zurückfahren.

    Den Turm (Kilometer 29,6) erreiche ich um acht Uhr und stelle fest, dass man leider nicht einfach hinaufklettern kann; geöffnet ist er ab zehn Uhr. Aber das Wetter ist schön und ich bin guter Dinge.











    Auf den Stufen des Gebäudes nutze ich die Gelegenheit, mir einen Kaffee zu kochen. Löslicher Espresso mit Milchpulver. Der beste lösliche Espresso mit Bio-Vollmilchpulver, um genau zu sein. Mein Brennpaste-Kocher reicht dafür völlig aus, aber der Kaffee schmeckt eben nach löslichem Kaffee mit Milchpulver …





    Für den »Abstieg« nach Falkenberg wähle ich den gekennzeichneten Oderlandweg, hier eine Art Kammweg durch den Laubwald. Man hat »irgendwie« einen Ausblick nach beiden Seiten, rechts zum sogenannten Nieder-Oderbruch, links über ein kleines Bachtal hinweg; aber es bleibt immer ein Ausblick durch den Wald hindurch.





    Auf einer Kuppe erreicht man schließlich die schön gelegene Tobbenberg-Hütte. Sie ist leider im Inneren unglaublich vermüllt, vor allem mit Lebensmittelverpackungen, so als hätte hier ein demonstratives Nein-wir-nehmen-unseren-Müll-grundsätzlich-nicht-wieder-mit-Picknick stattgefunden.








    Aber auch andere Lebewesen hinterlassen bei ihren Mahlzeiten Spuren:






    Jenseits der Hütte geht es bald bergab nach Falkenberg. Eine Ortschaft mit freundlichen Menschen.





    Während ich das obige Bild aufnehme, das jeglicher Outdoor-Aktivität den Boden zu entziehen scheint, bespaßt mich der Nachbar von der anderen Straßenseite, der gerade seinen schönen Frühlingsgarten pflegt, mit dem Zuruf »Das kost’ drei Mark fünfzig«, und wie sich noch zeigen wird, ist damit zugleich das einheimische Preisniveau ungefähr definiert.





    In der Ortsmitte, nicht weit vom Bahnhof (der natürlich nur ein »Haltepunkt« ist), finde ich einen geöffneten Imbiss mit kleinem Lebensmittelladen. Auch hier schlägt mir Freundlichkeit entgegen. Ich frage nach belegten Brötchen oder Ähnlichem. Ja, das könne man mir natürlich machen; ich könne aber auch Eier mit Schinken haben. Bei so einfühlender Beratung kann ich nicht nein sagen, setze mich also draußen in die warme Vormittagssonne, esse Rührei, trinke Kaffee und lasse den vorbeidonnernden Lastzug mit der appetitanregenden Aufschrift »MEGA Tierernährung« unfotografiert.

    Hin und wieder geht jemand in den Laden hinein und kommt wieder heraus, ich werde freundlich gegrüßt und fühle mich wohl.

    Zum Schluss kaufe ich noch eine Halbliterflasche Apfelschorle. Alles zusammen addiert sich auf 3,64 Euro. Ich bezahle fünf, frage noch nach den Abfahrtszeiten des Zuges, aber darüber können die beiden Damen nur Vermutungen anstellen. Bis Niederfinow, meinen sie, schaffe ich es aber sicher auch noch.



    Ungefähr halb elf ist es, als ich mich auf den Weg mache, erst an der Straße entlang, dann links den Hang hinauf, wo es nun endlich so etwas wie einen Aussichtspunkt gibt (Kilometer 35,2).




    Das Bild zeigt den Blick nach Südosten. Rechts liegt Falkenberg, links am Horizont Bad Freienwalde, das ich gestern auf meiner Route über die Dörfer weiträumig umgangen habe – eigentlich deshalb, weil der Weg von Biesow dorthin stets durch den Wald führt und ich ja einen legalen Übernachtungsplatz in der freien Landschaft suchen wollte. Zudem hätte es bedeutet, altbekannte Wege (durch das Brunnental und eventuell zum Baasee) zu laufen.



    Vom Aussichtspunkt führt der Wanderweg an einer Straußenfarm vorbei nach Hohenfinow (Kilometer 36).


    Zwei Einsatzkräfte der Grenztruppen


    Das Dorf ist bald durchquert, und auf dem letzten Teilstück meines Weges steigt man nun durch ein kleines, frühlingseifrig vor sich hin blühendes Bachtal nach Niederfinow hinab.








    Vielleicht ist dies die Gelegenheit, sich einige Höhendaten in Erinnerung zu rufen. Das Nieder-Oderbruch liegt nur etwa zwei Meter über dem Meeresspiegel, und die es säumenden Ortschaften wie Bad Freienwalde, Falkenberg, Niederfinow liegen nur wenig höher. Der Aussichtspunkt lag auf etwa 45 Meter, mein Schlafplatz immerhin auf 120 Meter Höhe, und dies ist das typische Niveau des Barnimplateaus. Wie in der Märkischen Schweiz bei Buckow ist es auch in dieser Gegend nur der abrupte Abstieg zur Oder (und im Norden zum Eberswalder Urstromtal), der manchmal eine Anmutung von Mittelgebirge ermöglicht.



    Den Bahnhof Niederfinow (Kilometer 38,6) erreiche ich gegen halb eins, längst zur Rückfahrt entschlossen, zumal der Zustand der Fersen inzwischen auch das Tempo stark beeinträchtigt. Der Zug nach Berlin fährt stündlich, und ich habe noch eine Dreiviertelstunde Zeit, mich von der Mittagssonne durchglühen zu lassen.




    Das letzte Bild zeigt den Wanderer seitenverkehrt, mit rätselhaften Kreuzlinien auf dem Kopf.


    (Ende des Reiseberichts)
    Geändert von Igelstroem (12.05.2013 um 19:30 Uhr) Grund: Signatur
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  10. Fuchs
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    AW: [DE] Von Strausberg nach Niederfinow

    #10
    Hallo Igelstroem,

    ach joi, schade das die Wanderung nur so kurz war.

    Immer wenn ich von dieser Gegend einen Bericht lese, werde ich melancholisch. Ich werde doch mal mein Ränzlein packen müssen, um mir dort oben mal die Beine zu vertreten.

    Danke für den Bericht.

    LG
    Atze
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    AW: [DE] Von Strausberg nach Niederfinow

    #11
    Zitat Zitat von Atze1407 Beitrag anzeigen
    Hallo Igelstroem,

    ach joi, schade das die Wanderung nur so kurz war.

    Immer wenn ich von dieser Gegend einen Bericht lese, werde ich melancholisch. Ich werde doch mal mein Ränzlein packen müssen, um mir dort oben mal die Beine zu vertreten.

    Wenn ich Dich unterwegs treffe, Atze, werde ich das als spektakuläres Ereignis im Bericht vermerken.

    Denn es ist ja so: Ich habe auf den vierzig Kilometern keinen anderen Wanderer gesehen, nur insgesamt sechs Spaziergänger und zwei Radfahrer. Manchmal fehlt mir das Schwätzchen unterwegs, und manchmal denke ich beim Lesen anderer Reiseberichte, dass es schön wäre, dem Schreiber, der Schreiberin unverhofft unterwegs zu begegnen.

    Andererseits ist es ein besonderes Gefühl, eine Landschaft, die man mag, gleichsam ganz für sich zu haben, weil andere sie nicht kennen oder wegen zu geringer Erlebnisdichte verschmähen.

    Dann hat man beiläufig Anlass, sich über Motive und Modelle des Wanderns Gedanken zu machen, aber die meisten dieser Gedanken behält man lieber für sich, weil sie auf die tautologische Feststellung hinauslaufen, dass Andere eben anders sind. Reiseberichte aus extremen Regionen sind interessant und eindrucksvoll, aber sie »triggern« mich persönlich nicht. Ich lese das gern: weil es mich aus der Ferne an etwas teilhaben lässt, was ich selbst nicht zu tun brauche.
    Geändert von Igelstroem (12.05.2013 um 19:30 Uhr) Grund: Signatur
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  12. Moderator
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    AW: [DE] Von Strausberg nach Niederfinow

    #12
    @Freiherr von Igelstroem: Deine Wortschöpfung "delaminierte Füße" ist inzwischen in meinen Wortschatz eingegangen.
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