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    [CZ] Hart auf der Grenze IV: Mit dem Rad von Olmütz zum Beskidenfuß

    #1
    Mitreisende: Pfad-Finder
    Was zuvor geschah:

    Vom Isergebirge ins Adlergebirge (Oktober 2010)
    Bis an die Grenze – aber nicht weiter (Mai 2011)
    Zwischen Mähren und Schlesien (November 2011)


    Prolog

    "Verkaufen kann ich Ihnen so eine Fahrkarte - aber ob Sie damit in den Zug reinkommen, kann ich Ihnen nicht garantieren", sagte die Dame am Fahrkartenschalter in Berlin und drückte mir wenig später die gewünschte Fahrradreservierung ab Bielefeld in die Hand. Mein Vorhaben: Ich wollte mit dem Fahrrad den ersten Zug um 4:57 in Richtung Prag und dann nach Olmütz nehmen. Von dort wollte ich meine Grenzland-Tournee durch das landschaftlich wenig ereignisdichte Hügelland bis zum Fuß der Beskiden fortsetzen. Mein Problem: Das Fahrradabteil ist im Nachtzug-Teil aus Amsterdam. In Berlin werden nur Sitzwagen 2. Klasse hinzugefügt. Letzter Zusteigebahnhof für den Nachtzug ist Bielefeld. Die Lösung: Fahrradstellplatz ab Bielefeld reservieren, aber erst in Berlin das Fahrrad reinstellen. "Bielefeld gibt es doch gar nicht!", würde ich im Zweifelsfall dem Schaffner sagen.


    11. Oktober

    Außergewöhnlich rechtzeitig war ich um 4:50 auf dem Bahnsteig. Nur der Zug nicht. Der kam erst mit 20 Minuten Verspätung an. Unbeobachtet vom Nachtzugschaffner, der im gelben Pestquadrat auf dem Bahnsteig seinen Nikotinpegel liftete, stellte ich das Fahrrad in "seinem" Fahrradabteil ab. Da ich in Prag eine reichliche Stunde Aufenthalt hatte, schlief ich tatsächlich in aller Ruhe bis kurz hinter Dresden durch.

    Das Umsteigen in Prag klappte wie am Schnürchen. Doch im Zug machte ich eine furchtbare Entdeckung, die den ganzen Plan in Frage stellte. Ich hatte meinen GPS-"Zauberkasten" zu Hause vergessen! "Eine Tour ohne Trackaufzeichnung ist quasi wie nicht gelaufen", pflege ich zu sagen. Was tun? All meine Hoffnung ruhten jetzt auf Olmütz, Stadt der vier Outdoorläden (für diese Erkundung hatte die Zeit im Herbst 2011 gereicht!). Würde es mir gelingen, dort einen billigen Logger oder ein olles Etrex zu kaufen?

    Schon auf dem Weg in die Innenstadt entdeckte ich ein "Spezialgeschäft für Handys und Navigationsgeräte". Aber Outdoor-GPS? Ich könnte eines bestellen, sagte der Verkäufer, vielleicht wäre es schon nach drei Tagen angekommen. Hudy: Nein. Rockpoint: Nein. Die kleine Klitsche daneben: Nein. Alpine Direct: Kannste gleich vergessen, hat nur Klamotten.

    Mit dem Stoßseufzer "Wieder durfte ich 100 Euro Konsumneigung nicht realisieren" machte ich mich mit meinem 16 Euro teuren Stapel von Landkarten auf den Weg. Der Radweg entlang der Bystrice Richtung Nordosten übertraf alle meine Erwartungen: Weitgehend frisch asphaltiert und nahezu perfekt ausgeschildert. Schön, wenn ich als EU-Nettozahler auf diese Weise auch mal von den Fördergeldern profitieren kann!

    In Großwasser, das auf Tschechisch infolge eines jahrhundertealten Transkriptionsfehlers "Hruba Voda" ("Grobes Wasser") heißt - hier hatte wohl im 18. Jahrhundert jemand "ß" als "B" gelesen - endete die Straße. Die Radroute zweigte bald in die Berge ab, ich folgte einer örtlichen Mountainbike-Ausschilderung. Auch das Schild "Achtung mehrere Furten" konnte mich nicht bremsen. Schließlich hatte ich schon einen Altarm der Oder und eine außer Kontrolle geratene Röder nördlich von Dresden auf dem Fahrrad durchquert. Das Problem war, nun wie soll ich es ausdrücken... war die Glitschigkeit der Steine, die mich zum unerwarteten, aber immerhin kontrollierten Absteigen in Bachmitte zwang. Die Tiefe des Wasser reichte allerdings aus, um meine guten alten Trezeta Frontier bis zum Knöchel zu fluten. In Erwartung weiterer Furten beließ ich es zunächst beim Auskippen des Wassers. Meine Vorsicht bestätigte sich einige hundert Meter später. Noch glitschiger als die erste Furt! Als immerhin beschränkt lernfähiger Mensch stieg ich aber schon vor der Furt ab und nahm die abermalige Knöchelkühlung mit der gebotenen Gelassenheit hin. Übrigens ersetzt ein Fahrrad auch ganz gut Stöcke beim Furten.



    • Das Tal der Bystrice
    • Das Bahnhofsgebäude von Großwasser
    • Kleines Wasser zum Durchfahren



    Nach der dritten Furt erreichte ich bei Smilovsky Mlyn wieder einen ordentlich geschotterten Weg. Eigentlich hatte ich vorgehabt, das Tal weiter Richtung Norden zu erkunden, doch angesichts der fortgeschrittenen Zeit - gut eineinhalb Stunden vor Sonnenuntergang - verzichtete ich lieber auf Experimente und nahm die fälligen 100 Höhenmeter in Kauf. Schließlich wollte ich mir noch die angeblich so ungewöhnlichen "Steinströme" (Kamenne proudy) südlich von Domasov ansehen.



    • "My castle is my home"?
    • Auf der Suche nach den Steinströmen
    • Wieder in Moravsky Beroun



    Es hätte mich misstrauisch machen sollen, dass selbst auf den Informationstafeln im Ort kein Foto der Steinströme abgebildet war. Doch natürlich musste ich erst selbst die Erfahrung machen, dass diese Steinströme für das Laienauge nicht zu entdecken sind, sondern nur den geschulten Geowissenschaftler in Entzücken versetzen können. Denen reicht vermutlich zu wissen, dass sie da irgendwo zwischen Gras, Brennesseln und Totholz versteckt liegen. Ich sah jedenfalls nur Felsbrocken-Dutzendware.

    Der Endspurt auf der Landstraße nach Moravsky Beroun, wo ich letztes Jahr aufgehört hatte, war schnell bewältigt. Das Hotel "Narodni dum" war wie gehabt "aus technischen Gründen geschlossen" (=pleite). Also steuerte ich die Pension rund 2 km nördlich an, bei der ich 2011 meinen Wunsch nach Übernachtung auf den Anrufbeantworter gesprochen hatte. Der Rückruf zwei Wochen später war nur noch von beschränktem Nutzen, entspricht aber durchaus den Landessitten im Low-End-Bereich.

    Diesmal setzte ich gleich auf Hausbesuch und wurde nicht enttäuscht. Zwei typische Monteurslieferwagen ließen ahnen, was mich erwartete: Ein verräucherte Gaststube mit Friteusen-Aerosol und Bierausdünstungen. Ich wurde nicht enttäuscht. Aber 250 Kronen (10 Euro) für ein richtiges Bett und eine Heizung zum Schuhetrocknen waren trotzdem ein guter Deal. Die Bettdecke allerdings ... 1,75 m "Länge" sind bis zwar heute im tschechischen Low-End-Bereich weit verbreitet, mir aber entschieden zu kurz. Daher kam mein Schlafsack doch zum Einsatz.

    Technische Daten (rekonstruiert): 60 km in 6 h brutto


    12. Oktober

    Nach zwölf Stunden Schlaf begrüßte mich am Morgen wieder blauer Himmel. Raureif auf dem Rasen vor der Pension verriet, wo es noch schattig war. Die Monteure waren schon abgereist, und der Wirt tigerte schon unruhig hin und her, als ich gegen kurz vor 9 Uhr endlich abfahrbereit war.



    • Das Wirtshaus im Spess... in Nordmähren
    • Morgenidyll am Fischteich
    • Come to Moravia Country... where cows roam freely



    Mein erstes Ziel war Mesto Libava, die Stadt Liebau. Sie liegt rund 10 km südöstlich von Moravsky Beroun mitten im Truppenübungsplatz (VVP) Libava. Von 1968 bis 1991 gehörte sie der Roten Armee und war damit eine verbotene Stadt. Nach deren Abzug wurden immerhin drei Zufahrtstraßen öffentlich zugänglich gemacht. Der Übungsplatz selbst wurde wieder von der tschechischen Armee übernommen. Im Winter 1992/1993 bin ich mit tschechischen Freunden im Auto durch die Stadt gefahren. Ich habe nur noch in Erinnerung, dass fast alle Wohnblocks wie ausgebombt aussahen.

    Auch heute liegt eine Auszeichnung als "Schönste Kleinstadt Nordmährens" in weiter Ferne. Aber die Wohnblocks sind bis auf eine Ausnahme saniert und bewohnt - den Autokennzeichen nach zu einem großen Teil von Militärangehörigen. Auf dem Platz in der Ortsmitte gibt es sogar einen Gedenkstein für die Angehörigen der PTP-Strafbataillone (Pomocny technicky prapor, Technisches Hilfsbataillon) der fünfziger Jahre. Die Kirche ist allerdings umzäunt und in schlechtem Zustand. Etwas außerhalb ist noch der Turm einer alten Windmühle holländischen Typs zu finden.



    • Hauptstraße in Liebau
    • PTP-Gedenkstein
    • Kirche
    • Holländermühle - die steht wirklich so schief
    • Unsanierter Wohnblock





    Nach einem zweiten Frühstück durfte ich die neuerworbenen Kalorien gleich auf dem Weg Richtung Budisov wieder vernichten. Am Weg lag die Wüstung Altwasser/Stara Voda. 1945/46 waren alle deutschen Dörfer für den Truppenübungsplatz plattgemacht worden; in Altwasser waren nur die denkmalgeschützte Wallfahrtskirche und die benachbarte Kapelle der St. Anna-Quelle übriggeblieben. "Denk-mal-Schutz" bedeutete in der konkreten Ausprägung, dass der verbotene öffentliche Zugang die Verantwortlichen gut 40 Jahre davor schützte, mal über Erhaltung nachzudenken. Entsprechend sah die Kirche 1991 aus. In einer konzertierten Aktion von sudetendeutschen Geldgebern und überwiegend tschechischen Pfadfindern wurden Kirche und Kapelle in den letzten Jahren zumindest äußerlich saniert.




    • Kirche in Altwasser
    • Kapelle an der St. Anna-Quelle
    • Denkmal in Altwasser



    Budisov nad Budisovkou sah aus Ferne "nett" aus, entpuppte sich aus der Nähe aber als trostloser Ort, in dem es zur Mittagszeit nicht einmal eine einzige geöffnete vernünftige Gastwirtschaft gab. Ich habe keine Ahnung, warum hier der Wanderweg E3 hindurchführen muss.



    Nach einer Viertelstunde fuhr ich weiter zum Kruzberk-Stausee. Dessen Staumauer ist durchaus interessant gestaltet - obwohl sie aus den fünfziger Jahren stammt, weist sie doch Anlehnungen an wilhelminische Bauwerke aus. Ich folgte Fluss Moravice und dem E3 in Richtung Osten. In Kruzberk gab es dann endlich eine gute Gelegenheit zum Einkehren ("Ve stare skole"). Zwar behauptete das Schild, dass erst ab 14 Uhr geöffnet ist, aber da schon eine Bedienung herumflitzte, tat ich so, als hätte ich es nicht gelesen. Kurz nach mir kamen noch drei Heimwehtouristen, einer davon sprach sogar leidlich Tschechisch.




    • Der versumpfte Stadtgraben von Budisov
    • Die barocke Kirche
    • Weder grellbunte Wäsche, aufgehübschte Plattenbauten oder blaue Dächer können über die Trostlosigkeit von Budisov hinwegtäuschen.
    • Kruzberk-Stausee
    • Blick ins Tal der Moravice





    Bei Zaluzne verließ ich das Tal der Moravice und fuhr über Cermna nach Klokocov. Von dort folgte ich der grünen Wanderwegmarkierung Richtung Klokocuvek, was man ungefär mit "Klein-Klokocov" übersetzen könnte. Ich war froh, dass ich bergab unterwegs war: Bergauf hätte ich diese steile Strecke über Gras, Matsch und grobem Schotter sicherlich schieben müssen. So war es nur eine Herausforderung für Bremsklötze und Federbeingabel. Wer es bei der Furtungsepisode nur nicht begriffen hat: Ich bin relativ schmerzfrei, was die Befahrbarkeit von Wegen und auch Nicht-Wegen betrifft. Solange die Brennesseln die Sicht nicht horizontal versperren, kann man hindurchfahren.

    Endlich erreichte ich Spalovsky Mlyn, wo mir die Karte Unterkunft in einem Landgasthof verhieß. Sie log nicht. Die Bettdeckenlänge betrug wie gehabt 1,75m. Bei 350 Kronen will ich nicht meckern ... tue es aber trotzdem.

    Etwas irritierend fand ich das Beiwagenkrad in den Farben der Tschechoslowakischen Volksarmee neben dem Eingang und den Funktionärs-Tatra daneben. Traf sich hier eine stalinistische Untergrundbewegung? Nein. Es war nur ein Oldtimerclub.




    • Ukrainischer BMW-Nachbau im CSLA-Design der 50er
    • Tatra 603: Originelle Konstruktion mit Achtzylinder-Heckmotor und Statussymbol böser Menschen
    • Leihgabe aus John Carpenters Film "Darkstar": Der "Exot" - und er hat sogar einen Kumpel dabei.



    Am Abend brachte das Fernsehen eine Dokumentation über den Zerfall der Tschechoslowakei, den ich 1992/93 während meines Studienjahres in Prag aus nächster Nähe erlebt hatte. Bis heute ist die Haltung vieler Slowaken zur Teilung etwas schizophren. Am besten wird sie ausgedrückt durch das Zitat eines unbekannten Kneipenphilosophen: "Natürlich wollten wir Selbstständigkeit. Aber dass wir uns dann gleich trennen...?" Inzwischen wächst wieder einiges zusammen. Das DSDS-Äquivalent ist grenzüberschreitend, und sogar über eine gemeinsame Fußballliga wird nachgedacht. Ich schlief ein in der Gewissheit, dass es am nächsten Tag eher lang als kurz regnen wird.


    Technische Daten (rekonstruiert): 62 km in 8 h brutto



    13. Oktober

    Ohne große Erwartungen wagte ich gegen acht Uhr aus meinem Schlafsack den ersten Blick nach draußen. Schön, dass es noch nicht regnet. Aber warum ist der Hang gegenüber so hell beleuchtet? Ich schlich zum Fenster. Öhhh... blauer Himmel? Warum das jetzt? Ich verzichtete auf Nachforschungen, packte meine Sachen und warf schnell das Frühstück ein: Zwei aufgeplatzte Bockwürstchen mit trockenem Brot. Nicht ganz das, was ich erwartet hatte, denn üblicherweise bewegt sich die tschechische Frühstückskultur in den Bahnen des deutschsprachigen Raumes.

    Die Euphorie, in die mich das noch unerwartetere Wetter versetzt hatte, war dringend notwendig. Als erstes musste ich nämlich eine übel steile Straße hochfahren. 150 Höhenmeter auf 1,5 km. Nur gut, dass ich alleine unterwegs war - ich weiß genau, wer mich für solch eine Streckenwahl beschimpft hätte.

    Auf der Hauptstraße Richtung Potstat angekommen machte ich erst einmal richtig Tempo. Die Tschechen sind nicht die begabtesten Autofahrer, und für das Wort "Seitenabstand" scheint es auch keine Übersetzung zu geben. Während ich so in die Senke bei Lipna hineindonnerte, entdeckte ich aus dem rechten Augenwinkel eine Kirche, die nicht wirklich hierhin gehörte. Für "Kleine Spuren" schien mir jetzt nicht der rechte Moment zu sein, ich brachte mein Rad also unter Zurücklassung einer großen schwarzen Spur zum Stehen und drehte in den Ort ab.

    Der Abstecher lohnte sich: Ich erfuhr, dass die verschindelte Kirche ihr Aussehen schon seit dem 18. Jahrhundert hat, und dass der Ort früher Lindau hieß. Bis 1948 trug der Ort als tschechische Version den am deutschen Wortklang orientierten - aber ansonsten bedeutungsfreien - Namen "Lindava". Nach der Abfuhr der Deutschen bekam der Ort den am Wortsinn orientierten Namen "Lipna", also ungefähr "Lindig".



    • Katholische Heilquelle bei Spalovsky Mlyn
    • Alte Allee
    • Die Schindelkirche von Lindau



    Hinter dem nächsten Kuppe sauste ich schon nach Potstat hinunter. Das war insofern ärgerlich, als die Altstadt - oder das, was von ihr übrig ist - auf einem Hügel liegt und von der Hauptstraße umrundet wird.

    Das Verfeiern der EU-Fördermittel ist noch in vollem Gang. Im Moment ist das Schloss dran. Ansonsten scheint es den Bürgern recht gut zu gehen, denn schon um 11 Uhr hatten alle Lebensmittelläden geschlossen. Es blieben der Wucherkiosk an der Straße und die Tanke am anderen Ortsausgang.



    • Die Vorzeigefassade vom Schloss ist bereits saniert ... der Rest noch nicht
    • Der Marktplatz
    • Den Aufstieg zur Kirche ganz oben habe ich mir geschenkt.



    Weiter ging es Richtung Westen. Bei Boskov nahm ich wieder Fühlung mit der Wasserscheide auf, die allerdings quer durch den umgebenden Truppenübungsplatz Libava verläuft. Da ich im Gegensatz zu den örtlichen Pilzsammlern nicht mit der praktischen Handhabung des Betretungsverbotes vertraut war, blieb ich bis Kozlov auf der Hauptstraße. Von dort ging es dann (legal) durchs Gelände. Was mir jetzt zu sehen bevorstand, würde mein bisheriges Weltbild zusammenstürzen lassen.

    Wo Ent und Weder sich küssen
    und ihren Namen büßen müssen,
    entsteht aus diesem Kuss
    der Oder-Fluss

    hatte eine kecke Zunge vor Jahren gereimt. Doch das war gelogen: Die Oder entspringt einer Quelle. Ganz alleine.



    • Herr Maulwurf staunt über den Gullydeckel über der Oderquelle.
    • Wegweiser
    • Schutzhütte über der Quelle



    Es bedarf schon viel Vorstellungskraft (oder halluzinogener Stoffe), um in diesem Gullyloch den Ursprung der Oder zu erkennen. An der Seite der Schutzhütte fließt die Oder angeblich heraus, aber mehr als nassen Rasen konnte ich nicht entdecken. Anderen Besuchern muss es ebenfalls so gegangen sein. Ein ausgetrampelter Pfad führt entlang der Feuchtgebiete in die Rote Zone. Da machen die Quellen von Elbe und March/Morava schon mehr her.

    Ich fuhr auf der Hauptstraße ein Stück zurück nach Osten und und bog dann nach Süden Richtung Slavkov ab. Wo die Karte eine Straße über eine offene Wiese versprochen hatte, umzingelte mich in Wirklichkeit ein Spalier aus jungen Fichten. Der Sinn war mir nicht klar. Um Wild von der Straße fernzuhalten, ist ein bis an den Fahrbahnrand reichender Jungwald definitiv ungeeignet. Falls es darum ging, neugierige Blicke auf mögliche militärische Übungsaktivitäten zu verhindern, hätte man bestimmt nicht alle hundert Meter eine Lkw-breite Durchfahrt freigelassen. Vielleicht diente der Wald als Schneezaun? Dafür stand er nun wieder zu nah an der Straße.

    Slavkov war ein Dorf, das nach der ethnischen Säuberung 1945/46 abgeräumt worden war. Erst 1961 wurde es als Siedlung für Militärangehörige reaktiviert. Die Kirche wurde natürlich nicht reaktiviert, Angehörige einer volksdemokratischen Arbeiter- und Bauern-Armee brauchen so etwas nicht. Deswegen wurde sie zum Lagergebäude umfunktioniert, was sie bis heute geblieben ist.




    • Bunkr-Ruine am Wegesrand
    • Das als Kirche verkleidete Lagergebäude in Slavkov
    • Uniforme Wohnhäuser für Uniformierte



    In Slavkov endete die Hochlandtour. Mit Hilfe der Schwerkraft vernichtete ich auf vier Kilometern 300 Höhenmeter. Leider war die Strecke zu kurvig und unübersichtlich, um das Gefälle voll auszukosten. Und ohne Geschwindigkeitsaufzeichnung macht es ja sowieso keinen Spaß. In Loucka kam ich aus dem Herbst wieder in den Spätsommer, bald tauchte Lipnik an der Becva auf.



    In Lipnik machte sich sogar ein fast mediterranes Gefühl breit. Das war mir schon bei früheren Reisen aufgefallen: Mähren ist nach Süden orientiert. Böhmen schaut nach Norden, Westen und Süden, und ist seit dem Ende des Hussitentums im Kern atheistisch. Mähren war Teil des antiken römischen Reiches, blickt nach Süden und ist gläubig - heute überwiegend katholisch, aber tief im Herzen steht es in der orthodoxen Tradition von Kyrill und Method.

    Genug schwadroniert, ein paar Kilometer sind schließlich noch zu erledigen. Der Katholizismus mag der Grund sein, warum in der Altstadt nicht einmal ein Vietnamese seinen Laden am Samstagnachmittag geöffnet hatte. So musste ich meine Erfrischungen beim Lidl besorgen, der sich wie alle westlichen Großraumdiscounter keinen Kopf um gesellschaftlichen Ladenschlusskonsens macht. Ein Ladenschlussgesetz existiert in CZ nicht - ich vermute aus Gründen der Rechtsvereinfachung, denn damit wird den Behörden die Gelegenheit genommen, für Ausnahmen Bakschisch zu verlangen.



    • Der Marktplatz in Lipnik
    • Der Glockenturm mit Sonnenuhr. Wie läutet eigentlich eine Sonnenuhr?
    • Nabrezi Jary Cimrmana oder Jara-Cimrman-Uferstraße, dem Cimrman-Gesamtkonzept entsprechend natürlich ohne Ufer.
    • Der jüdische Friedhof





    In Lipnik stieß ich wieder auf den bereits bekannten Radweg 5, der mich fast durchgehend auf exzellenten Asphaltwegen durch das Tal geführt hätte, sofern ich nicht zum Zwecke fortgeschrittener Erlebnistouristik für ein Teilstück den MTB-Rumpelpfad direkt am Ufer bevorzugt hätte. In Ermangelung rumpelpfadaverser Reisebegleitung durfte ich das diesmal. Ebenso durfte ich die Burg Helfstyn 160 Meter rechts oben liegenlassen. Für eine Besichtigung war es ohnehin schon zu spät.



    • Die Burg Helfstyn/Helfenstein hoch über dem Tal der Becva
    • Unten der fast zu perfekte Radweg
    • Hranice in greifbarer Nähe




    Nach zwölf fast ereignislosen Kilometern - perfekte Ausschilderung macht Outdooren langweilig! - erreichte ich Hranice oder Mährisch Weißkirchen. Dem Historiker und Literaturfreund ist es geläufig durch die kaiserliche Kadettenanstalt, in der allerhand Schindluder mit Kadetten getrieben wurde. Dem Eisenbahnfreund ist es geläufig als Bahnknoten und als Herkunftsort der Silowagen von "Cement Hranice". Stilgerecht stieg ich im Hotel "Cementar" - Zementarbeiter - ab. Obwohl farblich aufgemotzt, konnte der Plattenbau seine Vergangenheit als Absteige für sozialistische Geschäftsreisende nicht verleugnen.




    • Die Blick aus dem Hotel war besser als der Blick auf das Hotel.
    • Die Synagoge beherbergt heute das Stadtmuseum.
    • Ein Regiojet-Privatbahnzug überquert den langen Viadukt nördlich des Stadtkerns.





    Technische Daten (rekonstruiert): 58 km in 8 h brutto


    14. Oktober

    Der letzte Tourtag begann mit Kurbelei durchs Gelände. Da das Thema der Tour "Die Wasserscheide zwischen Oder und Donau" hieß, konnte ich schlecht das Denkmal am tiefsten Punkt des "Mährischen Tors" (Moravska brana) auslassen. Es liegt an einem Rastplatz an der Schnellstraße R35 und somit äußerst verkehrsgünstig - sofern man mit dem Auto unterwegs ist. War ich aber nicht. Ich musste mich dem Rastplatz also "von hinten" nähern. Die mir vorliegenden Kartenwerke suggerierten die Existenz eines halbwegs bequemen Zugangs auf Wald- und Wirtschaftswegen. Sie verschwiegen jedoch, dass sich durch zwischenzeitlich erfolgten Bau der Autobahn D1 und eines Querverbinders zwischen R35 und D1 einiges geändert hatte. So schob ich also mein Fahrrad über einen lehmigen Acker ("laut Karte ist hier ein Weg") und ließ mir im anschließenden Gefälle die Lehmbröckchen aus dem Profil um die Ohren wehen. Ein in der Karte nicht vorgesehener Betriebsweg zur Autobahn brachte mich so aus dem Konzept, dass ich ihn gleich zweimal befuhr, bis ich merkte, dass es derselbe war. Schließlich fand ich doch einen alten Forstweg, der mich zum Rastplatz führte. Falls jemand unbedingt meine Tour nachahmen will: In Openstreetmap ist der Zugang jetzt drin.

    Am Rastplatz erwartete mich die landesübliche Müllhalde. Der Imbiss steht übrigens zum Verkauf, falls sich also jemand eine neue Existenz aufbauen möchte...

    Das Denkmal war gemessen an anderen geographischen Highlights eher bescheiden, es hat seine besten Jahre auch schon hinter sich. Aber immerhin hatten die Metalldiebe die Gedenktafeln bisher nicht entwendet!




    Für den Weg zurück in die Zivilisation konnte ich die Schnellstraße nutzen, denn die fürsorgliche tschechische Straßenbaudirektion hatte eine "Soda"-Baustelle eingerichtet - soll heißen, es stand eine Baustellenabsperrung einfach „so da“, hinter der ich bis nach Belotin hineinfahren konnte.

    In Belotin fand ich wieder eine hervorragend ausgeschilderte Radroute Richtung Stary Jicin. In Stary Jicin entschloss ich mich, zur Abwechslung doch einmal zu einer Burgruine hinaufzuradeln. Als ich oben ankam, war mir nicht mehr kühl, um es einmal so zu formulieren. Die Burgruine selbst erfüllt bei jedem Wetter hohe Ansprüche, die Aussicht tat es an jenem Tag nicht. Sie reichte aber, um Kojetin zu sehen - mein nächstes Zwischenziel. Es lag auf Höhe der Burg, von ihr getrennt durch ein rund 100 Meter tiefes Tal. Darauf hätte ich mit Nachzählen der Höhenlinien auch früher kommen können.






    20 Minuten später war mir wieder nicht mehr kühl. Zum letzten Mal kreuzte ich in Kojetin den E3, dann verließ ich ihn in Richtung Valasske Mezirici (im Volksmund auch als "Valmez" abgekürzt). Rund 3 km fuhr ich auf der Hauptstraße. Was hat der Motorisierungsgrad doch für Fortschritte gemacht, dachte ich in Erinnerung an einen Ausflug im Jahr 1994 - nur warum haben die Fahrkünste der Einheimischen keine Fortschritte gemacht?

    In Valmez stieß ich durch Zufall gleich auf eine der Pensionen, die ich mir noch in Berlin ausgeguckt hatte, warf dort mein Gepäck ab und machte mich wieder auf den Weg: Erstens hatte mich mein ewiger Sparringpartner Chrischian auf meine Vollzugsmeldung von der Oderquelle hin angemorst, dass er im Winter von Roznov pod Radhostem aus eine Tour starten will; zweitens ist Roznov überhaupt sehenswert, denn es hat einen riesigen "Skanzen" - so nennen die Tschechen ihre Freilichtmuseen. Ähnlichkeiten mit dem Stockholmer Skansen sind sicher rein zufällig. Die Ausschilderung des Weges ließ keine Wünsche offen; nicht offen war allerdings der Skanzen. Denn der macht im Oktober schon um 16 Uhr zu. So blieb es denn bei einem Teller Halusky mit Bryndza, vereinfacht ausgedrückt: Kartoffelnudeln mit Schafskäse. Allgäuer Käsespätzle sind im Vergleich dazu leichte Küche!




    • Der Wegweiser in Kojetin...
    • ... und eine liebevolle Radroutenerklärung
    • Wallachische Holzkirche im Skanzen von Roznov
    • In den 90er Jahren hat das Hotel Eroplan in Roznov vornehmlich den 'Verkehrs'bedürfnissen von Lkw-Fahrern gedient, heute ist es etwas mehr "upscale".
    • Wieder mit Herrn Maulwurf im Zug nach Valmez.





    Technische Daten (rekonstruiert): 59 km in 8 h brutto
    Geändert von Pfad-Finder (19.03.2014 um 21:25 Uhr)
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  2. Fuchs
    Avatar von Atze1407
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    AW: [CZ] Hart auf der Grenze IV: Mit dem Rad von Olmütz zum Beskidenfuß

    #2
    Ich glaub es ja fast gar nicht, dass es doch noch weiter geht.

    Danke Pfadi.

    LG
    Atze
    Wenn du den Charakter eines Menschen kennenlernen willst, gib ihm Macht.
    Abraham Lincoln

  3. Alter Hase
    Avatar von volx-wolf
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    AW: [CZ] Hart auf der Grenze IV: Mit dem Rad von Olmütz zum Beskidenfuß

    #3
    Klasse geschrieben -- wie immer.
    (Hat doch seinen Vorteil, dass Du nun wieder mehr Zeit für Deine Reiseberichte hast )

    Danke!

    Moralische Kultur hat ihren höchsten Stand erreicht, wenn wir erkennen,
    daß wir unsere Gedanken kontrollieren können. (C.R. Darwin)

  4. Fuchs
    Avatar von blauloke
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    AW: [CZ] Hart auf der Grenze IV: Mit dem Rad von Olmütz zum Beskidenfuß

    #4
    Zitat Zitat von Pfad-Finder Beitrag anzeigen
    Was zuvor geschah:
    Der letzte Tourtag begann mit Kurbelei durchs Gelände. Da das Thema der Tour "Die Wasserscheide zwischen Oder und Donau" hieß, konnte ich schlecht das Denkmal am tiefsten Punkt des "Mährischen Tors" (Moravska brana) auslassen. Es liegt an einem Rastplatz an der Schnellstraße R35 und somit äußerst verkehrsgünstig - sofern man mit dem Auto unterwegs ist. War ich aber nicht. Ich musste mich dem Rastplatz also "von hinten" nähern. Die mir vorliegenden Kartenwerke suggerierten die Existenz eines halbwegs bequemen Zugangs auf Wald- und Wirtschaftswegen. Sie verschwiegen jedoch, dass sich durch zwischenzeitlich erfolgten Bau der Autobahn D1 und eines Querverbinders zwischen R35 und D1 einiges geändert hatte. So schob ich also mein Fahrrad über einen lehmigen Acker ("laut Karte ist hier ein Weg") und ließ mir im anschließenden Gefälle die Lehmbröckchen aus dem Profil um die Ohren wehen. Ein in der Karte nicht vorgesehener Betriebsweg zur Autobahn brachte mich so aus dem Konzept, dass ich ihn gleich zweimal befuhr, bis ich merkte, dass es derselbe war. Schließlich fand ich doch einen alten Forstweg, der mich zum Rastplatz führte. Falls jemand unbedingt meine Tour nachahmen will: In Openstreetmap ist der Zugang jetzt drin.

    Damit machst du deinem Namen Ehre, neue Pfade finden ist doch das schönste.

    Wieder ein typischer Bericht von dir, der uns Tschechien näher bringt.

    OT: Halte dich ran, dann schlägst du chrischian noch in der Anzahl der Reiseberichte dieses Jahr. Ihr beide liefert euch ja ein Kopf an Kopf Rennen im Reiseberichte schreiben.
    Du kannst reisen so weit du willst, dich selber nimmst du immer mit.

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    Avatar von Pfad-Finder
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    AW: [CZ] Hart auf der Grenze IV: Mit dem Rad von Olmütz zum Beskidenfuß

    #5
    Zitat Zitat von blauloke Beitrag anzeigen
    OT: Halte dich ran, dann schlägst du chrischian noch in der Anzahl der Reiseberichte dieses Jahr. Ihr beide liefert euch ja ein Kopf an Kopf Rennen im Reiseberichte schreiben.
    Was meinst Du, warum ich nächste Woche Urlaub habe.
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  6. chrischian
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    AW: [CZ] Hart auf der Grenze IV: Mit dem Rad von Olmütz zum Beskidenfuß

    #6
    Auf diesen Bericht habe ich gewartet. Das Wechseln auf's Rad halte ich ja nicht für statthaft. Ich muss aber zugeben, so hätte mir die Tour auch gefallen.

    Zitat Zitat von Pfad-Finder Beitrag anzeigen
    ... Erstens hatte mich mein ewiger Sparringpartner Chrischian auf meine Vollzugsmeldung von der Oderquelle hin angemorst, dass er im Winter von Roznov pod Radhostem aus eine Tour starten will; ...
    Ich sehe gerade, da sollte ich vielleicht noch einen Bericht schreiben.

    Zitat Zitat von Pfad-Finder Beitrag anzeigen
    So blieb es denn bei einem Teller Halusky mit Bryndza, vereinfacht ausgedrückt: Kartoffelnudeln mit Schafskäse. Allgäuer Käsespätzle sind im Vergleich dazu leichte Küche!
    Wie wahr! Danach wollte ich nie wieder was essen.

  7. Gerne im Forum

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    AW: [CZ] Hart auf der Grenze IV: Mit dem Rad von Olmütz zum Beskidenfuß

    #7
    Danke auch für den unterhaltsamen Bericht aus nem Landstrich den ich bisher nicht auf der Karte hatte.
    Dadurch inspiriert habe ich gestern mal versucht
    Halusky mit Bryndza
    zu kochen. Käsige Gerichte gehn hier immer. Aber zum Glück war niemand dabei, der weiß wie es wirklich schmecken muss.
    sucked in by the wonder, fucked up by the lies

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