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    [NO]/[SE] 1 Woche Rago-Padjelanta-Sulitjelma im Sonnenschein Mitte August

    #1
    Mitreisende: Feurio
    Hey Forumsfolks!

    Nachdem ich mal wieder eure Ratschläge in der Planung empfangen durfte, möchte ich mich hier mit einem kurzen Bericht über meine Tour erkenntlich zeigen.
    Mit meiner zweiwöchigen Solotour auf dem südlichen Kungsleden schon zwei Jahre zurückliegend und ein paar unverplanten Wochen Urlaub im August war die Idee schnell geboren: Eine weitere Solotour in der Einsamkeit des hohen Nordens, Lappland oder Island.
    Weil die Flüge nach Bodø von München aus um ca. 200€ billiger waren als nach Kiruna/Nordschweden und wenig konkrete Empfehlungen für Island zu hören waren habe ich recht spontan den Flug gebucht - noch unklar darüber ob ich nun das Saltfjellet oder das Grenzgebirge ab Rago in Angriff nehmen sollte. Relativ spontan habe ich auch meinen ursprünglichen Plan einer Solotour über den Haufen geworfen und noch einen Freund gefragt, ob wir den Trip gemeinsam antreten wollen. Zusage!
    Die grobe Route sollte eine verkürzte und umgedrehte Variante von der Tour Dingsbums' hier im Forum sein: Rago-Padjelanta-Sulitjelma. Statt der geplanten 8-9 Tage waren wir schon nach 7 am Ziel, mit unseren recht leichten Rucksäcken (ich hatte 12kg baseweight - ein krasser Unterschied zu den 20+ auf der südl.Kungsleden-Tour!) gings schnell voran. Den übrigen Tag haben wir dann zu einer Fährenfahrt nach Landegode genutzt.
    Hier mal ein Überblick über unsere Etappen:

    1. Tag (Anreise): Nordfjord-Nordskaret (Rago)
    2. Tag: Nordskaret-Ragohytta
    3. Tag: Ragohytta-Báktegiesjjávrásj (Nordufer Vastenjaure)
    4. Tag: Báktegiesjjávrásj - Njallaluokta (gegenüber Sáluhávrre)
    5. Tag: Njallaluokta - kurz vor Àrasluokta
    6. Tag: kurz vor Àrasluokta - zwischen Staloluokta und dem Jållevarre
    7. Tag: Jållevarre - Sårjåsjávre
    8. Tag: Sårjåsjávre - Bajep Sårjåsjavrasj
    9. Tag (Abreise): Bajep Sårjåsjavrasj - Sulitjelma

    Wie man sehen kann, waren wir ab Tag 5 auf dem Padjelantaleden/Nordkalottleden unterwegs und sind trotz dem angenehmen Weg eher langsamer geworden: Das liegt daran, dass wir am 3. und 4. Tag ohne Weg relativ viel Strecke gemacht haben (für unsere Rechnung) und der restliche Weg für uns fast zu kurz war, gleichzeitig aber auch eine Verlängerung nicht sinnvoll machbar schien. So sind wir dann noch Gipfel erklommen, haben den leichten Nieselregen des letzten Tages in der Sorjushytta ausgesessen und haben einen schönen Tag in der Inselwelt vor Bodø verbracht.

    Proviant hatten wir für die gesamte Zeit dabei.

    Weil es ja mit Dingsbums Bericht schon einen über diese schöne Gegend gibt, will ich einfach mit ein paar Fotos einen kurzen Einblick geben in die zauberhafte, großartige, unüberbietbar segensreiche Tour, deren stille Ferne uns mit weiter Brust über den federnden Boden trug.
    Geändert von Feurio (23.10.2012 um 14:09 Uhr)

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    #2

    Hier beginnt der Rago!

    Nordfjord - Nordskaret (Rago)

    Nachdem ich die Nacht am Flughafen in Stockholm verbracht hatte und erst Mittags in Bodø ankam, wo ich den Freund von mir traf (der schon Busverbindung und Kartenmaterial organisiert hatte), kauften wir noch Verpflegung und stiegen in den nächsten Bus, der uns schon frühabends an der Abzweigung zum Rago auf die Wanderbeine entließ.
    Frohen Mutes, in den goldenen Strahlen der Nachmittagssonne, zogen wir dahin, mit den Augen die Landschaft aus ragenden Felswänden und glasklarsten Wassern tief in uns hineintrinkend. Bald schon waren die Geräusche der Straße verebbt und wir hörten einen Vorgeschmack auf die Stille, die uns in den nächsten Tagen umfangen sollte. Über (oder zwischen?) dem leisen Gluckern verschiedener Bergbäche schallte sie uns schon entgegen, dieses Nichts, das uns auf unseren Grund stößt.


    Abendliches Licht erleuchtet die Felswände die den Eingang in den Rago Nationalpark markieren.


    Türkises Wasser, dunkelgraue Felswände und tiefgrünes Blattwerk: Atemberaubend!





    Man folgt dem Weg (wir dem vielleicht weniger spektakulären, aber für uns reizvoller scheinenden einfachen am Talgrund durch den Wald - denn davon sollten wir in den nächsten Tagen wenig sehen) über einen Hügel hinein in den Schoß einer Naturlandschaft, die so schön ist, dass man vom bloßen Hinschauen besoffen wird. während das Licht langsam (sehr langsam!) immer noch goldener und rötlicher wird, erklimmen wir einen Sattel, der einen schönen Überblick bietet: Nordskaret; hier schlagen wir das Zelt auf, und letzten Licht genießen wir unser erstes gemeinsames Mahl, während neben uns das kalte, klare Wasser den Berg hinabrinnt.


    Ausblick vom Zeltplatz.


    Nochmal.

    Elchkot liegt herum und der klare Himmel wird niemals wirklich dunkel. Während wir in den ruhig plätschernden Raum des Bergtals hinein den Abend ausklingen lassen wird mir langsam klar, dass ich jetzt tatsächlich da bin, in dieser Unendlichkeit!
    Jeden Abend von nun an gibts einen Schluck Schnaps.

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    #3

    Frühstück mit frischen Blau- und Moltebeeren!

    Nordskaret - Ragohytta

    Nach einem Frühstück für Götter (s.o.) sind wir sehr gemütlich aufgebrochen. Tatsächlich waren wir rechte Langschläfer, die ganze Tour über sind wir selten vor 9 aufgestanden.


    Storskogvatnet mit der Bootshütte der Storskogvass-hytta.

    In obigem See haben wir vor einer ausgiebigen Mittagspause ein (fast) ebenso ausgiebiges Bad genommen, bevor es dann weiter ging, bergauf Richtung Ragohytta.


    Blank gefegter Fels.


    Vereinzelt herumliegende, wie aufgestellte Steine.

    Weil wir bei der Ragohytta schon recht früh ankamen, trotzdem aber nicht unbedingt noch weiter gehen wollten, haben wir etwas unterhalb das Zelt aufgebaut und schon bald abendgegessen. Mir ist dann angesichts der frühen Stunde noch die Idee gekommen, den Rago zu besteigen. Gesagt, getan, die Aussicht war gigantisch:




    Gletschersee westlich des Gipfels.

    Der Ehrlichkeit halber: Ganz oben war ich nicht, vermutlich weniger als 50 hm unterhalb bin ich umgekehrt, aus Sorge, dass die Sonne untergeht ehe ich das weglose Steilstück überwunden habe. Irgendwie hat dieser wie viele Gipfel hier mystisch wirkende Berg durch mein Umkehren für mich bald mehr gewonnen, als er es durch die "Bezwingung" hätte.

  4. Fuchs
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    AW: [NO]/[SE] 1 Woche Rago-Padjelanta-Sulitjelma im Sonnenschein Mitte August

    #4
    Einfach nur schön, sowohl Fotos als auch Text. Danke.

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    AW: [NO]/[SE] 1 Woche Rago-Padjelanta-Sulitjelma im Sonnenschein Mitte August

    #5

    Letzter Blick zurück in den Rago und nach Norwegen.

    3. Tag: Ragohytta-Báktegiesjjávrásj (Nordufer Vastenjaure)

    Die heutige Etappe erschien uns als die abwechlungsreichste: Während wir weglos (der mit Steinmännchen markierte Weg verläuft sich nach der Grenze bald) über die blankgeschliffenen Felsen navigierten änderte sich die Landschaft von ebendieser Steinwüste Norwegens über rote Schieferplatten und Schneefelder langsam zu der sumpfig-grünen Weichheit des schwedischen Fjälls. Das konstant schöne Wetter lässt uns mühelos durch die weite Landschaft wandern, der Kompass bleibt in der Tasche, wir gehen fast vier Stunden ohne Pause, zwischen Snøtoppen und den Ausläufern des Rago nach Nordost, bis wir beim Rastesjavrasj Mittagspause machen, ein Bad im Eiswasser bei der brennenden Sonne selbstverständlich!


    Rastesjavrasj.


    Unser Mittagsrastplatz.

    Von dort gings nach Nord-Nordost, Guovddelisjåhkå. Ich durchwandere mit meinen membranlosen Inov-8 Rocklite Trailrunnern die Flüsse einfach so, bei dem Wetter habe ich eineinhalb Stunden später wieder trockene Füße. Wir überqueren den Hang des Gouvddelisvarre, den Hurrejåhkå und steigen auf der gegenüberliegenden Seite zum Báktegiesjjávrásj auf.


    Ausblick vom Gouvddelisvarre-Hang auf den spiegelglatten Vastenjaure.


    Entspanntes Furten.


    Blick zurück auf Rago und Snøtoppen, man sieht: Begonnen der Angriff der Moskitos hat.

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    AW: [NO]/[SE] 1 Woche Rago-Padjelanta-Sulitjelma im Sonnenschein Mitte August

    #6
    4. Tag: Báktegiesjjávrásj - Njallaluokta (gegenüber Sáluhávrre)

    Gestern Abend habe ich mich irgendwie nicht so ganz fit gefühlt, etwas fiebrig sogar. Oh je, bitte nicht. Ich verkroch mich gleich nach Zeltaufbau (auch weil die Moskitos ohne Netz in dieser Windstille nicht zu ertragen waren - eine weitere "Abwechslung" zum vergleichsweise moskitofreien Rago) im herrlich warmen Schlafsack: Welch eine Wohltat. Mein lieber Freund und Mitwanderer kümmert sich um das Abendessen, während ich in den Daunen gegen das fiebrige Frösteln ankämpfe.
    Am Morgen des vierten Tages dann fühle ich mich immer noch dröge und alles andere als fit. War wohl doch irgendwann mal zu kühl: Ob die Klimaanlagen in Flugzeug und Bus oder die zahlreichen Badeeinheiten, die manchmal dann doch von etwas Wind und der einen oder anderen Wolke begleitet waren. Kurz überlegen wir, ob ich mir ein Paracetamol einwerfen soll, ich beschließe aber, mir dieses für den Notfall aufzuheben.
    Los gehts also, und nachdem wir etwas gehen ist mein Kopf auch schon viel freier. Dabei weiß der noch gar nicht was heute auf ihn zukommt.

    Nach ein paar Stunden beginnt es zu donnern in unserem Rücken, und tatsächlich, eine schwarze Front kommt von Westen angezogen. Hmm, so bekommt unsere Wanderung gen Osten unwillkürlich etwas fluchtartiges. Und tatsächlich: ich meine unser Schritt hat sich etwas beschleunigt.
    Wir überqueren den Bouldagiesjjågjåsj (=nasse Schuhe) und bauen schnell das Zelt auf. Improvisierte Mittagspause im Sommergewitter: Im Trockenen kredenzen wir uns die vielfältigen lucullischen Köstlichkeiten, die wir mit uns schleppen. Dinkelchips mit Sesam, Polarbröd, Bergkäse und frisches Brot, Apfelringe (echte), Haselnüsse, verschiedene Schokoladen, und honig-Sesam-Cracker. Ein Gedicht! Übrigens habe ich sogar eine Tube Honig mitgenommen, um unser allmorgendliches Frühstück von Blaubeermüsli zu verfeinern.

    Das Zelt wird nach knapp einer Stunde nass abgebaut, in Regenmontur stellen wir fest: Der Nieselregen hält uns immerhin die Moskitos vom Leib!
    Jedoch endet der Regen nach einer halben Stunde ganz und wir stellen wieder auf Normalkleidung um. Ein ganzes Stück nach dem Bouldagiesjjågjåsj gehen wir davon aus, dass wir schon weit über die Hälfte des heutigen Weges (Soll: Saluhavrre) zurückgelegt haben. Welch ein Irrtum!
    Mit der Sonne sind auch die Moskitos zurück, die uns trotz Dschungelöl in Wolken umschwirren und duch mein dünnes Merino-Tshirt durchstechen. Sie fliegen in die Augen und den Mund, meine tierfreundliche Einstellung wird hart auf die Probe gestellt. In "The Practice of the wild" sagt Gary Snyder im Kontext einer gelingenden Haltung zur Natur: "Driving the mosquitoes away without hating them". Diesen Satz fand ich bisher ganz schön, nun, da ich mich in Gewaltfantasien gegen die zappelnden Horden der Lüfte ergehe und zahlreiche mögliche Superkräfte erfinde, die ich gerne hätte um sie zu vernichten (har har har), wird mir sein utopischer Gehalt erst bewusst.
    Aber nicht nur die den Tod verachtenden Stechmücken, die, um Ihre Eier produzieren zu können, also im Namen ihrer Kinder, den wahrscheinlichen Tod neben tausend anderen zerklatschten Artgenossen in Kauf nehmen, sich aufopfern für die geringe Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Bohrung - die aber genau durch diese Einstellung aller wieder wahrscheinlich wird - nicht nur diese Biester also, auch die nun, im Furten und im immer sumpfiger werdenden Terrain, in dem nassgeregneten Gestrüpp permanent nassen Füße beginnen mich langsam zu nerven.
    Die Sonne brennt ungehindert, und wegen der Terror-Mücken wechsle ich bald in Kopfnetz, lange Hose und langärmligen Softshellpulli, unter dem ich langsam zerfließe.
    Immerhin, mein fiebriger Kopf ist vergessen.
    So stapfen wir durch fluss und Sumpf und als das Ziel Saluhavrre bereits vor Augen steht, also "nur" noch der Abstieg nach Osten erfolgen muss glauben wir, in einer guten Stunde am Ziel zu sein und den abend mit einem erfrischenden Bad im See gemütlich ausklingen lassen zu können.
    Tatsächlich haben wir uns noch drei Stunden lang mit den Füßen im Sumpf durch hüft-Brusthohes Gestrüpp gekämpft, Saluhavrre stundenlang überhaupt nicht in Sicht. Ich habe das gestrüpp bereits geahnt und wollte deswegen an der äußersten möglichen Stelle erst herabsteigen, um möglichst kurz nur durchs Gestrüpp hüpfen zu müssen. Aber da war noch so ein Wegerl eingezeichnet, das wir dann angepeilt haben, um den Sumpf direkt im westen von S. zu umgehen. Ein schwerer Fehler ,denn dieser Weg war unauffindbar, ausserdem sind wir schon etwas zu früh abgestiegen.
    Jedenfalls wurde mein Freund hier immer schweigsamer und hat begonnen Abstand zu mir zu halten, da ich nicht nur demoralisiert wurde, sondern mich an der Grenze zum Wahnsinn fand.
    Seltsam eigentlich, ich war einerseits ganz amüsiert über diese doch eher ungemütliche Situation in der wir uns da befanden, wir "harten Männer", ha ha. Aber vielleicht schien gerade diese große ironische Distanz etwas Wahnsinniges zu sein.

    Irgendwann kamen wir aber dann auch an, waren erstaunt, dass die Brücke noch so weit war und sind auf der anderen Seite nicht mehr allzulange gegangen, die Sonne ging gerade unter, als wir unseren Zeltplatz auserkoren hatten.
    Diese vielen Worte mögen entschädigen dafür dass hier so wenige Fotos zu sehen sind, und gleichzeitig erklären warum.


    Abendstimmung mit Sallohaure im Hintergrund. Aufatmen!

    Auch wenn ich nun ziemlich erledigt war, fiebrig fühlte sich mein kopf nicht mehr an. Vielleicht war der "Aderlass" ja hilfreich?

  7. Fuchs
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    AW: [NO]/[SE] 1 Woche Rago-Padjelanta-Sulitjelma im Sonnenschein Mitte August

    #7
    Zitat Zitat von Feurio Beitrag anzeigen
    Tatsächlich haben wir uns noch drei Stunden lang mit den Füßen im Sumpf durch hüft-Brusthohes Gestrüpp gekämpft, Saluhavrre stundenlang überhaupt nicht in Sicht. Ich habe das gestrüpp bereits geahnt und wollte deswegen an der äußersten möglichen Stelle erst herabsteigen, um möglichst kurz nur durchs Gestrüpp hüpfen zu müssen. Aber da war noch so ein Wegerl eingezeichnet, das wir dann angepeilt haben, um den Sumpf direkt im westen von S. zu umgehen. Ein schwerer Fehler ,denn dieser Weg war unauffindbar, ausserdem sind wir schon etwas zu früh abgestiegen.
    Lustig, wie sich die Fehler gleichen. Da wir diesen Weg allerdings komplett ignoriert hatten (zum Glück, wie es sich herausstellt), ging es uns anscheinend um einiges besser. Wir waren ja (in umgekehrter Richtung) gleich hochgestiegen, nur nicht hoch genug. Was lernen wir daraus - schön auf den Grundsten hören, der sagt, dass man am besten so lange wie möglich oben bleibt.

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    AW: [NO]/[SE] 1 Woche Rago-Padjelanta-Sulitjelma im Sonnenschein Mitte August

    #8

    Blick auf Huornnasj vom Sattel hinter dem Allak.

    5. Tag: Njallaluokta - kurz vor Àrasluokta

    Wie immer: schönes Wetter! Und mein Kopf fühlte sich gut an, zwar verschnupft und leicht verhustet die Brust, aber diese etwas unangenehmen Nebeneffekte kann ich gut ignorieren, wenn ich mich ansonsten gesund fühle. Moskitos: Immer noch da, wie am nächsten Tag auch, aber lästig nur in den Pausen, morgens und abends vor allem. Unterwegs kein Problem!
    Unsere Rucksäcke werden auch langsam leichter, und nun wissen wir es auch zu schätzen, so einen ausgebauten Wanderweg unter uns zu fühlen! Meine Schuhe sind wieder trocken und trockenen (und leichten) Fußes geht es fast ununterbrochen bis nach Sulitjelma weiter.
    Frohlockend tänzeln wir den Hügel hinauf, etwas irritiert von den Menschenmassen (die letzten drei Tage haben wir keinen Menschen gesehen) die hier den Padjelantaleden bewandern. Wir haben die kleinsten Rucksäcke, aber sind ja auch nur eine Woche am Weg. Trotzdem erstaunlich, was da alles herumgetragen wird! mit herrlichsten Ausblicken auf den Vastenjaure und unseren Tourverlauf im Westen sind wir bald bei der Låddejåkkåstugan, unterhalten uns nett mit einem 77-Jährigen Briten, der schon seit '63 in Schweden lebt und seine alten Tage hier im Fjäll verbringt. Wir hätten ihn beide um 10 Jahre jünger geschätzt. So will ich auch mal mein Alter verbringen!
    Dann aufwärts wieder hinter dem Allak und wieder hinunter, über die Brücke und wieder hinauf, aber nicht allzuweit und wir bauen unser Zelt auf. Lange noch sitzen wir am Lagerfeuer, eine aufkommende Brise vertreibt die Moskitos und wir blicken auf den Virihaure und das Grenzgebirge im Hintergrund.
    Nachdem wir schon so lange nun unterwegs sind stellt sich bei mir wirklich ein Gefühl von Wildnis ein. Der Weg - so bequem er sein mag - hemmt dieses Gefühl zwar etwas, aber dennoch: Die ewige Weite, die Stille und Einfachheit dieser Landschaft haben etwas unheimlich beruhigendes. Das Andere wird deutlich erahnt, die Berge ruhen in ihrem eigenen Sinn zwischen den leise plätschernden Bächen, den weithin grollenden Wasserfällen und dem unablässlich geisterhaft hauchenden Wind. Auch wenn diese runden Hügelberge vielleicht an schlafende Riesen erinnern: Unter ihrem Schweigen scheint die Natur radikal wach zu sein. Diese bloße Anwesenheit ist es, die mich so bestrickt.


    Eine neugierige Rentierfamilie besucht uns am Zeltplatz. Im Hintergrund der Allak, Namenspatron meines Zeltes.


    Über den rollenden Hügeln liegt Schweigen.


    Lagerfeuer!

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    #9
    @Dingsbums: Vielen Dank für dein Kompliment!!
    Es ist wirklich lustig, dass wir durch die entgegengesetzte Richtung auch an den umgekehrten Stellen ins Schwitzen gekommen sind.

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    #10

    Morgendlicher Blick auf Virihaure.

    6. Tag: kurz vor Àrasluokta - zwischen Staloluokta und dem Jållevarre

    Heute setzte Wind ein, der die Moskitos von uns hielt und sich tagsüber steigern sollte. Während wir eine großartige Tour mit schönstem Sonnenschein hatten waren wir von zwei Dingen etwas irritiert:
    1. Der Hubschrauber, der mehr als 10 Mal über uns hin- und her nach Staloluokta flog. Ziemlich nervig.
    2. Eine Gruppe uns entgegenkommender Wanderer, offensichtlich Metal- oder Gothic-Menschen. Nicht, dass mich das schon irritiert, vielmehr die Tatsache, dass einer von ihnen außen an seinem Rucksack eine Axt befestigt hatte. nein, keine normale, kleine Handaxt, sondern eine doppelschneidige Kriegsaxt mit einem eisernen Totenschädel zwischen den Blättern. Soviel zum Thema Ultralight. Wir haben dann den schritt etwas beschleunigt.

    Außerdem trafen wir in Staloluokta einen Holländer: Mario, der schon einen Monat unterwegs war und in Kautokeino gestartet war. Er hatte noch einen weiteren Monat. Sein Rucksack war aber auch nich viel größer als unsere.
    Nach Staloluokta sind wir noch ein stündchen weitergewandert, über die Brücke und dann irgendwo links auf einem Hügelkamm das Zelt aufgebaut. Inzwischen wars stürmisch und ich ziemlich froh, das Allak dabeizuhaben statt meinem Duomid.


    Árasluokta und Virihaure.


    Dijddernjárgga und Virihaure, im Hintergrund die Berge unserer bisherigen Tour.


    Virihaure von Staloluokta aus gesehen.


    Zelt im Sturm.


    Zelt im Sturm bei Nacht.

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    #11

    Gáhpesoajvve.

    7. Tag: Jållevarre - Sårjåsjávre

    Der Sturm hat sich gelegt, aber mit der nun plötzlich kälteren Temperatur hat er scheinbar auch die Mücken weggefegt. Wir sind heute nur ein kurzes Stück gegangen, vorbei an den Staddajåkkåstugorna zur idyllischen Sårjåsjaurestugan. Gemeinsam mit Mario, den wir unterwegs aufgegabelt haben. Mit ihm haben wir Mittaggegessen am Sårjåsjaure und sind dann ohne Gepäck schnell auf den Stáddátjåhkkå gestiegen. Absolute Stille am Gipfel, kein Wasserrauschen, kein Wind, keine Insekten, nichts. Nichts. Ich habe ja schon erwähnt, wie spannend ich dieses Phänomen finde.
    Nach einer guten Stunde meditativem Lauschen in die Stille sind wir zurück zur Stuga und haben Abendessen gekocht. Dann Abschied von Mario und ein paar Kilometer weiter, auf einer der wenigen nicht-sumpfigen Stellen das Zelt aufgebaut.


    Ausblick von der Sårjåsjaurestuga.


    Sårjasjaurestugan.


    Kaffee von Mario, Schokolade von uns.

    Vielleicht sollte ich an dieser Stelle erwähnen, dass unser Gourmettum sich nicht auf das Essen und den Schnaps beschränkt hat: Jeden Morgen und manchmal auch Mittags haben wir eine kleine Teezeremonie gefeiert, mit importiertem grünem Tee aus Uji.


    Abendstimmung auf dem Sårjåsjaure.

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    #12

    Zelt und Sårjåsjaure im Morgenlicht.


    8. Tag: Sårjåsjávre - Bajep Sårjåsjavrasj

    unser letzter voller Tourtag. So schnell wie ich diesen Reisebericht herunterschreibe, so schnell verging letztlich auch die Tour. Aber trotz solcher Platitüden war eigentlich jeder Tag perfekt, abgesehen von unserem unerhörten Glück mit dem Wetter (Mario hatte die erste Woche schönes Wetter) war die Strecke denkbar abwechslungsreich, landschaftlich äußerst reizvoll und bewegend. Auch mit meinem Freund habe ich mich extrem gut verstanden, es war schön, so einen Trip mal gemeinsam zu machen.
    Mittags wurde das Wetter dann stark bewölkt, es nieselte etwas. Da kamen wir gerade bei der Sorjushytta in Norwegen an und kochten uns dort im trockenen ein Süppchen. Fein!


    Schon auf der norwegischen Seite. Wir haben die (sehr schöne) Brücke genommen, auch wenn man sicher gut hätte furten können.


    Sorjus-klo-hytterl.

    Nachmittags sind wir dann von der Sorjushytta weitergezogen zum Bajep Sårjåsjavrasj, wo wir mitten im Nebel und Nieselregen, auf dem Schotter zwischen Schneefeldern auf 1000m das Zelt aufgebaut haben. Der letzte Zeltplatz war zugleich unser höchstgelegener.
    Gemütlicher Abend im Zelt, ich habe noch ein paar der "Götterlieder der älteren Edda" vorgelesen(gesungen), die ich in der Reclam-Version mitgenommen hatte.
    Ich freue mich schon auf ein Essen aus Porzellantellern. Das scheint mir gerade allzu königlich.






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    #13
    9. Tag (Abreise): Bajep Sårjåsjavrasj - Sulitjelma

    Der Nebel/die Wolken haben sich über Nacht nicht gelüftet, wir gehen abwärts über die nassen Steine, schreiten herab von der Hochebene, zurück zur Zivilisation. Die alpinen Höhenstufen gerafft auf 100hm-Unterschiede: Nival-Subnival-Alpin-Subalpin und schließlich Montan. Vorbei an Ny-sulitjelma traben wir mit unseren kaum mehr spürbar leichten Rucksäcken auf Sulitjelma zu. Der Bus nach Bodø fährt um 14:40 Uhr, wir essen in der übrigen Stunde noch in dem traumhaften Oma-Café einen Kuchen mit Kaffee - schon ist er da, der ersehnte Porzellanteller! - und im Bushäuserl vertilgen wir den letzten Rest unseres Proviants, leeren die letzten Tropfen Willy aus dem Flachmann.


    Kaffee und Kuchen zum Abschluss unseres Spaziergangs.


    Auch wenn eine Woche viel zu kurz ist, um die Leere des Fjälls ganz in sich aufzunehmen, ja man sogar am Ende noch zu sehr bei sich ist, als dass man ganz in eine Entsprechung mit dem Anderen kommen könnte - trotzdem ist mein Herz mit ahnungsvoller Weite gefüllt, als ich in den Bus steige.


    "Göttliches Feuer auch treibet, bei Tag und bei Nacht,
    Aufzubrechen. So komm! daß wir das Offene schauen,
    Daß ein Eigenes wir suchen, so weit es auch ist."
    Hölderlin, Brod und Wein.

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    Avatar von Feurio
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    AW: [NO]/[SE] 1 Woche Rago-Padjelanta-Sulitjelma im Sonnenschein Mitte August

    #14
    Nach diesem vielleicht etwas dick aufgetragenen Schlusswort noch ein p.s.:

    Freilich freue ich mich über Lob, bin offen für Kritik und jederzeit bereit Nachfragen zu beantworten!

  15. Gerne im Forum
    Avatar von Detti
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    AW: [NO]/[SE] 1 Woche Rago-Padjelanta-Sulitjelma im Sonnenschein Mitte August

    #15
    Ein sehr schöner Bericht und tolle Bilder.

    Mir macht es immer wieder Spaß solche Berichte zu lesen.
    Gruß Detlev

  16. AW: [NO]/[SE] 1 Woche Rago-Padjelanta-Sulitjelma im Sonnenschein Mitte August

    #16
    Schöne Tour, aber einen Fehler habt ihr gemacht - Ihr habt euch zu wenig Zeit genommen, um die Gegend auf der Strecke zu geniessen sollte man sich mehr Zeit lassen (Ich würde mal ganz grob Faktor 2 vorschlagen).
    Ich bin auf jeden Fall froh dass ich mir für das Nordufer des Vastenjaure letztes Jahr 3 Tage Zeit genommen habe bevor es weiter in Richtung Norden ging.

    Gruss
    Henning
    Es gibt kein schlechtes Wetter,
    nur unpassende Kleidung.

  17. Dauerbesucher

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    AW: [NO]/[SE] 1 Woche Rago-Padjelanta-Sulitjelma im Sonnenschein Mitte August

    #17
    Wow, wirklich klasse!
    Könntest du deine Packliste posten?

  18. Dauerbesucher
    Avatar von Mortias
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    AW: [NO]/[SE] 1 Woche Rago-Padjelanta-Sulitjelma im Sonnenschein Mitte August

    #18
    Schließe mich den Vorrednern an, ein wirklich schöner Bericht. War selber auch während der Schönwetterperiode im Vindelfjäll unterwegs und kann Dein Leid bezüglich der Mücken nur allzugut nachvollziehen. Allerdings hatte ich ein paar Tage lang auch noch haufenweise Fliegen. Die haben zwar nicht gestochen, aber dennoch derbe genervt, weil die immer um meinen Kopf gesummt sind und sich bei ner Pause sofort auf meine Waden gesetzt haben um den Schweiss abzulecken. War da echt teilweise kurz vorm Durchdrehen....

  19. Dauerbesucher
    Avatar von Feurio
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    AW: [NO]/[SE] 1 Woche Rago-Padjelanta-Sulitjelma im Sonnenschein Mitte August

    #19
    Danke für die Blumen!

    Leider konnten wir anfangs unsere durchschnittliche Geschwindigkeit auf dem Padjelantaleden nicht so gut einschätzen - deswegen dachten wir halt, die Strecke Ragohytta-Saluhavvre in zwei Tagen schaffen zu müssen.
    Stressig wars trotzdem nicht, aber so muss ich halt nochmal rauf um diesen "Fehler" auszubügeln...

    Packliste... kommt noch, ja.

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    Avatar von kawajan
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    AW: [NO]/[SE] 1 Woche Rago-Padjelanta-Sulitjelma im Sonnenschein Mitte August

    #20
    Toller Bericht und schöne Fotos
    Danke für die kurzweilige Nachtschicht dadurch !

    Ps. Deshalb lieb ich die Vidda so sehr Leere Stille und keine Mücken



    Grüsselis Jan
    Behalte den Point of No Return immer im Auge

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