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  1. Fuchs
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    [LB] LMT Februar 2012: Trekking im Libanon

    #1
    Mitreisende: Libertist
    Land: Libanon
    Reisezeit: Februar 2012
    Dauer: 4 Wochen



    Im Februar war ich mit einem Freund im Libanon unterwegs. Es handelte sich dabei weniger um eine echte „Wildnisreise“, als mehr um das Sammeln vieler kultureller und politischer Eindrücke beim Wandern durch die Berge dieses Landes. Den Bericht werde ich diesmal etwas anders gestalten: zuerst die wichtigsten Infos für diejenigen, die ggf. Interesse an einer Libanon-Reise haben, danach gebe ich einen kurzen Überblick über den Reiseverlauf.




    Auswahl des Reise-Ziels und Vorbereitung

    Im Februar sind Semesterferien, da muss man ja irgendwohin fliegen. Nicht zu kalt sollte es sein, da ich wenig Erfahrungen mit echtem Wintertrekking habe, ein nicht allzu touristischer Ort in südlicher Richtung wäre gut, dachte ich. Zuerst beschäftigte ich mich mit dem Sinai, aber als Individualreisender (d.h. ohne Guide) kommt man dort gar nicht so leicht voran, zumal es für mehrwöchiges Trekking weder gutes Kartenmaterial, noch genug Wasser gibt. Ich hatte nicht viel Zeit für die Planung, also fiel die Wahl auf etwas Leichteres: den Libanon. Die Flüge nach Beirut sind günstig, das Klima gemäßigt, Schnee wird nur in sehr hohen Lagen erwartet. Außerdem gibt es dort einen Trail, den niemand kennt und niemand geht: die Rede ist vom „Lebanon Mountain Trail“. 2006 wurde er im Rahmen amerikanischer Entwicklungsarbeit ins Leben gerufen, Erfahrungsberichte waren kaum vorhanden. Das alles klang ganz nett, also habe ich das Kartenmaterial bestellt, die Flüge gebucht und die Sache stand fest.
    Eine richtige Vorbereitung auf die Reise gab es nicht. Mit Markus, meinem Partner für den Trip, diskutierte ich die wichtigsten Ausrüstungsfragen, für ihn war es die erste längere Trekkingtour. Zur politischen Lage las ich die Ausführungen der Seite des Auswärtigen Amts, wirklich beunruhigend klang das nicht.




    Kosten

    Der Libanon ist nicht billig, Preise für Nahrungsmittel und Unterkünfte entsprechen ungefähr den unseren. Billig ist der Transport, solange man mit Bussen und Minibussen unterwegs ist, wobei auch Taxi-Fahrten vergleichsweise günstig sind.
    Für uns war es eine Low-Budget Reise: wir gaben nie Geld für Schlafgelegenheiten aus und lebten auch sonst recht sparsam. Ein Freund von Markus arbeitet in Beirut, während unserer Zeit in der Stadt konnten wir also bei ihm wohnen. Ansonsten schliefen wir im <a target="blank" title="Zelt im Outdoorwiki nachschlagen." class="wikilink" href="http://outdoorseiten.net/wiki/Zelt">Zelt</a>, bei Privatpersonen, die wir unterwegs trafen oder in Klöstern. Mehr dazu später.
    Um es ganz konkret zu machen, weil sowieso wieder danach gefragt wird: für die Flüge zahlte jeder 236 Euro (Wien – Beirut und zurück, mit Pegasus, jeweils über Istanbul), das Kartenmaterial kostete uns insgesamt 90 Euro und im Libanon selbst hob jeder von uns 350.00 Libanesische Pfund ab, das entspricht 175 Euro.
    Gesamtkosten für die Reise pro Person: ca. 475 Euro.


    In der Kirche eines Klosters, in dem wir übernachten durften.


    Der „Trail“

    Es gibt gar keinen Trail. Auch keine Markierungen. Der LMT ist nur eine teilweise willkürliche Verkettung von Pfaden, Forstwegen, Pisten und Straßen. Das Kartenmaterial ist „okay“, wenn man es wohlwollend ausdrücken möchte. Viele Wege und Besonderheiten sind nicht eingezeichnet, die Navigation ist schwierig. In manchen Abschnitten orientierten wir uns mehr an den Höhenlinien, als am Verlauf irgendwelcher Pfade, zumal es davon sehr viele gibt und oft unklar war, welcher nun der richtige ist. Für all das geht viel Zeit verloren. Da der Trail nicht markiert ist (das größte Problem, das in den kommenden Jahren unbedingt behoben werden muss, wenn der LMT sich in irgendeiner Weise etablieren will), bleibt oft nur, die vor Ort lebenden Menschen zu fragen. Natürlich kann man auch diese nicht nach dem LMT fragen, von einem Trail hat dort noch nie jemand was gehört. Kein Witz: genauso, wie wir keinen einzigen Wanderer getroffen haben, trafen wir auch keine Bewohner, die wussten, dass es hier einen Wanderweg gibt. Wenn man also nach dem richtigen Weg fragen wollte, musste man nach Ortschaften, Flüssen oder Ähnlichem fragen. Natürlich schlagen die Menschen in aller Regel den Weg vor, den sie selbst wählen würden – und das sind meistens Straßen. Um es also in alles Knappheit zu sagen: Navigieren auf dem LMT ist mühsam. Und wenn dann noch Schnee hinzu kommt, teilweise so viel, dass man gar keine Wege mehr sieht, wird’s zum Problem.





    Auf dem Weg liegen einige historisch interessante Orte. Hier: Afqa Temple.


    Natur und Bergwelt

    Der Libanon hat viele schöne Ecken, von denen wir ja noch längst nicht alle gesehen haben. Tolle Berge, die jetzt, in ihrer Schneedecke, besonders erhaben wirken. Zerklüftete Schluchten und Wadis, Wasserfälle und Bäche.
    Zwei Dinge müssen negativ erwähnt werden: zum einen ist der Libanon kein Gebiet für Wildnisreisen – die meisten Gegenden sind kultiviert, es gibt überall kleine Bergdörfer und Anbauflächen. Man ist selten von der Zivilisation abgeschottet, aber das war ja von Vornherein klar und ist auch in Ordnung. (Am Tag meiner Rückkehr habe ich mein Bedürfnis nach Wildnis befriedigt und den Sommerflug nach Alaska gebucht.)
    Was aber wirklich nervt, ist der Müll, den man ständig findet. Neben irgendwelchem Plastik, das einfach so am Wegesrand liegt, passiert man auch regelrechte Mülldeponien, wo Menschen einfach ihren Kram in der Natur loswerden. Auch Wasserläufe im Allgemeinen sind sehr stark vermüllt. Neben dem Fehlen von Wegmarkierungen sehe ich das Müll-Problem als Hauptaufgabe der LMT Association, wenn der Trail irgendwann mal populär werden soll.


    Weltkulturerbe: das Qadisha Valley


    Afqa Spring wird als Trinkwasserquelle genutzt. Völlig unbelassene Natur ist selten anzutreffen.


    Mülldeponie am Wegesrand.


    Wetter

    Uns war klar, dass es Schnee geben kann, aber dass es so viel werden würde, wussten wir nicht. In den ersten 12 Tagen regnete es immer wieder mal, nicht so schlimm eigentlich, wobei oberhalb der 1200 m teilweise ordentlich Schnee lag. Danach nahm die Niederschlagsmenge zu. Im Zuge der Zwischenfälle mit dem Militär (mehr davon gleich) telefonierte ich mit der deutschen Botschaft in Beirut, wo mir gesagt wurde, dass die Schneemenge in diesem Jahr außerordentlich hoch sei, überhaupt sei dieser Winter sehr niederschlagsreich. Nach zwei Wochen des Wanderns regnete, schneite, hagelte und stürmte es für vier volle Tage, es gab kaum Unterbrechungen. Diese Zeit verbrachten wir größtenteils in Klöstern. Es schneite bis auf 700 m, was das Trekking erstmal sinnlos machte, weil der Trail die meiste Zeit zwischen 1200 und 1800 Höhenmetern verläuft.
    Ich würde niemandem empfehlen, die libanesischen Berge im Februar zu durchwandern. Besser ist es, auf April oder Mai zu warten, aber die Semesterferien ließen sich nun mal nicht verschieben.


    Schnee, oft auch in niedrigen Lagen.


    Transport und Verkehr

    Nach Beirut kommt man, wie gesagt, recht günstig mit dem Flugzeug. In der Stadt ist das Taxi das Transportmittel der Wahl, wir waren allerdings meißt zu Fuß unterwegs. Öffentliche Transportmittel gibt es nicht. Es gibt auch keine Verkehrsregeln, offiziell zwar schon, aber sie sind bedeutungslos: man fährt auch bei rot. Blinker sind unnötig, die Hupe hingegen genießt extensive Nutzung. Zum Ärger der wenigen Fußgänger natürlich, die bei der ständigen Huperei nie wissen, ob es sich gerade um ein Taxi handelt, welches das Hupen als Aufmerksammachen auf die Fahrgelegenheit einsetzt oder ob es um die Warnung eines Autofahrers geht: Achtung, ich rase heran, spring schnell aus dem Weg.
    Von Beirut aus kommt man mit Minibussen gut nach Tripoli, Byblos und Saida, von dort aus wiederum in einige kleinere Städte. Aber längst nicht in alle: oftmals muss man, um in einen bestimmten Ort zu gelangen, dann doch auf eine Taxifahrt zu rückgreifen. Minibusse sind sehr billig, eine zweistündige Fahrt kann schon mal 1,50 Euro kosten, dafür halten sie halt überall nach Bedarf an und lassen Leute ein- bzw. aussteigen. Ein Taxi ist natürlich teurer, aber auch noch leistbar. Vor allem, wenn man einen „Service“ nimmt: dann steigen unterwegs noch Leute zu und aus, die Fahrt wird günstiger. All das wird im Vorhinein mit dem Fahrer vereinbart.


    Markus wartet an einer Straße in Beirut. Manchmal dauert es ein wenig, bis sich Gelegenheit zum Überqueren bietet.


    Politische Situation und Zwischenfälle

    Der Libanon befand sich bis 2006 im Krieg, das ist auch überall noch zu spüren. Einschusslöcher in Häusern, überall Militäraufgebot an großen Straßen und innerhalb der Städte, viel Gerede über Hisbollah und die Konflikte angrenzender Länder. Die Menschen selbst sind absolut friedlich und sind es einfach müde, im Krieg zu leben. Den wenigen Touristen wird immer wieder gesagt, wie „safe“ der Libanon ist, was meiner Einschätzung nach auch stimmt.
    Trotzdem ist die Lage angespannt, mit der Skepsis des Militärs muss man einfach rechnen. Wir wurden einmal nachts von der Polizei aus einer Privatwohnung geführt und auf die 20 km entfernt liegende Wache gebracht, unsere Gastgeber konnten nichts dagegen tun. Einmal wurden wir nachts von ins <a target="blank" title="Zelt im Outdoorwiki nachschlagen." class="wikilink" href="http://outdoorseiten.net/wiki/Zelt">Zelt</a> ragenden Gewehrläufen geweckt: draußen standen 10 stark bewaffnete Soldaten, die uns für syrische Spione hielten. Wir mussten alles in Sekundenschnelle zusammenpacken, während die Soldaten schon die Zeltheringe rauszogen, um uns dann zu ihren Geländewagen zu bringen. Ein weiteres Mal war es wohl die Hisbollah, die kam und Kopien von unseren Reisepässen anfertigte. Genau weiß ich es nicht, ob es die Hisbollah war, die Typen sagten uns nicht, wer sie sind. Jedenfalls nicht Polizei oder Militär. Die Kleidung der Männer und die ganze Prozedur ließ darauf schließen, dass es sich um die Hisbollah handelte.

    Im Prinzip liefen diese Zwischenfälle sehr ähnlich ab. Zuerst hielt man uns für eine Bedrohung, denn wie bereits erwähnt kann sich niemand vorstellen, warum ein Mensch freiwillig im Winter durch die Berge wandern sollte und dann auch noch draußen übernachtet. Da entfernt von größere Städten kaum jemand Englisch spricht, ist es auch nicht so ganz einfach, die Lage zu erklären. Vermutet wurde jedenfalls immer irgendeine Verbindung zu Israel oder Syrien, da beide Länder im Libanon als Bedrohung wahrgenommen werden. Unsere Ausrüstung wurde genau inspiziert, die Bilder unserer Kameras durchgeschaut und immer wieder nach einem GPS-Gerät gefragt, das wir ja nicht hatten. Mein SPOT-Messenger brachte mich in Erklärungsnot, letztendlich wurde aber auch die Funktion dieses Teils verstanden. Irgendwann legte sich die Skepsis der bewaffneten Männer und sie glaubten, was wir sagten. Dann gab es noch ein paar Späße, einen Tee und Fotos – natürlich machten die Herrschaften Erinnerungsbilder von uns Exoten, wir durften leider keine von ihnen machen.

    In der gesamten Zeit im Libanon habe ich mich nie ernstfaht bedroht gefühlt. Auch wenn bewaffneter und ungebetener Besuch kam, hatte ich eigentlich keine Angst, weil immer klar war, dass es sich um Vorsichtsmaßnahmen handelt – niemand will irgendjemandem etwas Böses tun. Auch wenn die Männer teils aufgeregt waren und „Yallah, jallah“ riefen, ging es in keinster Weise darum, uns Schaden zuzufügen. Jeder Zwischenfall endete mit den Worten „Welcome to Lebanon“.


    Beirut.


    Hier bekamen wir wenige Stunden später Besuch vom Militär.


    Religion, Politik und Hisbollah

    Im Libanon leben vor allem Christen und Muslime, außerdem Drusen und ein paar weitere Minderheiten. Wir haben diese Religionsvielfalt als sehr harmonisch erlebt: kein Moslem hat uns gegenüber etwas Schlechtes über Christen gesagt; kein Christ etwas Schlechtes über die Moslems, wobei hier noch etwas mehr Distanz besteht. Ich bin an diesen Dingen sehr interessiert und kam allerorts mit verschiedenen Menschen ins Gespräch über die Zusammenhänge und Meinungen übereinander. Eine Muslimin (übrigens keine „Städterin“, sondern jemand aus dem Bergdorf) sagte „We all believe in one god“, während wir in einem maronitischen Kloster schon eine etwas stärkere Skepsis gegenüber den Moslems verspürten. Im Großen und Ganzen kommt man aber sehr gut miteinander aus, was auch überall betont wird: die Menschen, vor allem die Muslime, freuen sich darüber, dass man sich versteht und miteinander lebt.

    Ich sprach auch mehrere Libanesen auf die Haltung zu Israel an. Im Prinzip wurde mir auch hier immer das Gleiche gesagt: niemand hasst Israel, niemand hat etwas gegen Juden – aber man hat ein Problem mit Ungerechtigkeit. Es wird erzählt, wie der Libanon unter Israel gelitten hat, wie man in Israel mit Palästinensern umgeht, dass man denen nach Lust und Laune den Strom und das Wasser abdreht. Im Libanon gibt es palästinensische Flüchtlingslager, obwohl die Palästinenser auch im Libanon nicht beliebt sind. Und wenn es um die militärische Dominanz Israels geht, kommt man auch schnell auf die Hisbollah zu sprechen. Die Hisbollah ist eine Organisation von libanesischen schiitischen Moslems, geführt von Geistlichen, deren Hauptziel der Widerstand gegen Israel ist. Natürlich ist diese Organisation im Libanon umstritten, innenpolitisch sowieso, aber auch ihr paramilitärisches Verhalten in Bezug auf Israel. Trotzdem räumen die meisten Libanesen, mit denen wir darüber gesprochen haben, der Hisbollah ihre Berichtigung ein. Und das nicht ohne Grund: die Hisbollah stellte sich Israel bei deren Invasion im Libanon in den Weg – nämlich, weil es sonst niemand tat.
    Jetzt wird neben der Bekaa-Ebene und Teilen Beiruts vor allem der Süden des Landes von der Hisbollah kontrolliert. Wir waren da und verbrachten auch einige Stunden im sogenannten „Hisbollah-Museum“ – ein Ort, an dem man nichts lernt, sondern der nur zu Propagandazwecken dient. Mir fehlt das Wissen, um die komplexe Lage im nahen Osten ausreichend beurteilen zu können, aber angesichts der von Israel ausgegangenen Bedrohung war eine Organisation wie die Hisbollah vielleicht nötig. So sehen das zumindest die Libanesen. Und jetzt sagt man: „Okay, das war schon in Ordnung so. Aber der Krieg ist jetzt vorbei, gebt alle eure Waffen ab.“ Natürlich gibt niemand seine Waffen ab, vor allem nicht, so lange Israel ihre behält. Nicht ganz unverständlich.


    Aufgenommen in einer Propaganda-Einrichtung der Hisbollah, Süd-Libanon.


    Aufschrift am Nachbarhaus, Beirut.


    Gastfreundschaft

    Die Gastfreundschaft der Libanesen ist die außergewöhnlichste, die ich bisher erlebt habe und vielleicht das prägendste Element dieser Reise. Besonders trifft das auf den muslimischen Norden des Landes zu: wenn man dort auf einer Straße läuft, halten regelmäßig Autofahrer an und fragen, ob man irgendetwas bräuchte. Man wird überall willkommen geheißen, mit großen Augen angeschaut („Warum laufen die?“) und eingeladen. Rhetorische Fragen bekommen hier eine ganz neue Bedeutung, denn der Tee wird auch gereicht, wenn man „nein“ sagt. Als wir bei Monzirs Familie zu Gast waren (mehr davon später) und er irgendwann verstanden hatte, dass wir bis ganz in den Süden des Landes, nach Jezzine gehen wollten, schlug er vor, er könne uns doch fahren. Und dann wurde ein Festessen aufgetischt, was sicherlich weit über die finanziellen Verhältnisse der 7-köpfigen Familie, die gemeinsam in nur einem Raum lebt, hinausging. Es ist übrigens unmöglich zu schätzen, wie viele Zigaretten mir in diesen vier Wochen angeboten wurden – ein Wunder, dass ich noch Nichtraucher bin. Einmal habe ich, im Regen stehend, eine muslimische Frau nach dem Weg gefragt. Wenige Minuten später saßen wir in einem warmen Zimmer am Ofen, eine Tasse Tee in der Hand, während die Dame in der Küche das Abendmahl zubereitete und ihr Ehemann ein Zimmer räumte, damit wir darin schlafen konnten.
    Als wir dann in die christlichen Ortschaften eintauchten, schlug das Klima ein wenig um. Die Menschen waren immer noch sehr freundlich, hilfsbereit und wohlwollend, aber nicht mehr mit der gleichen Herzlichkeit und Freude über Gäste, an die wir uns in den armen muslimischen Dörfern gewöhnt hatten. Das ist übrigens auch eine Botschaft, die ich mit nach Europa und, besonders!, nach Amerika nehmen möchte: von der Gastfreundschaft der Muslime, die wir getroffen haben, können wir uns noch eine Scheibe abschneiden.


    Abendessen bei Monzirs Familie, Nord-Libanon.


    Bekanntschaften in Tripoli, der Herr ganz links führte uns ein paar Stunden durch die Stadt.
    Geändert von Libertist (11.06.2012 um 17:58 Uhr)

  2. Fuchs
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    AW: [LB] LMT Februar 2012: Trekking im Libanon

    #2
    Gut, da ich auf all die Umstände schon recht ausführlich eingegangen bin, kann ich mich mit dem eigentlichen Bericht ja kurz fassen.

    Am 2. Februar landeten wir spät abends in Beirut und wurden dankbarerweise vom Philip, einem Freund von Markus, der in Beirut arbeitet, vom Flughafen abgeholt. Ein paar Bier vor’m Einschlafen und dann ging es auch bald schon ins Bett. Am nächsten Tag wollten Markus und ich mal einen Blick auf Beirut werfen, also schlenderten wir einige Stunden lang durch die Straßen. Beirut ist eine interessante Stadt, obgleich sie mir gar nicht so gut gefällt. Vieles ist sehr modern und westlich, den Kontrast bilden ausgebrannte Gebäude mit Einschusslöchern. Aber es gibt einfach zu viel Verkehr und zu wenig Grünflächen, außerdem fehlt mir das „Orientalische“, was ich später eher in anderen libanesischen Städten fand.


    Beirut mit Blick nach Westen.


    Und hier im Nordwesten der Stadt, Blick nach Osten.



    Am nächsten Tag nahmen wir früh morgens ein Taxi zur Busstation „Charles Helou“ und fuhren mit dem Bus nach Tripoli, von dort aus weiter nach Qbaiyat, dem Beginn des LMT. Dort hängt kein Schild mit der Aufschrift „Lebanon Mountain Trail“ oder so, nein, man beginnt ohne Startschuss. Anfangs führt der Weg konstant nach oben. Wir schlugen unser Zelt auf einer Wiese auf, Wasser gibt es überall. Nach einem netten Sonnenuntergang und Abendessen am Lagerfeuer legten wir uns schlafen.






    Verfallenes Gebäude in den Bergen des Nord-Libanons.








    8.00 Uhr morgens hieß es Abmarsch und es ging noch weiter bergauf. Einige Stunden lang stapften wir durch den Schnee, was zwar an unseren Kräften, nicht aber an der Motivation zehrte. Am Nachmittag passierten wir eine breite Hochebene, auf der sich allerhand Familien tummelten: wahrscheinlich fuhr man zum Sonntag aus der Stadt in die Berge, um sich gegenseitig mit Schnee zu bewerfen. Die Männer packten ihre Gewehre aus und schossen auf Vögel. Einigen sah man an, dass sie keine Jäger waren, andere schienen öfter da zu sein. Als neben mir ein Maschinengewehr zu knattern begann, verging mir die Laune und wir bemühten uns, möglichst bald wieder allein zu sein. Kurz vor Sonnenuntergang begannen wir mit dem Zeltaufbau im tiefen Schnee. Weil Markus nur eine normale, dünne Isomatte hatte, sah er sich schon frierend im Schlafsack liegen, aber dazu kam es nie. Ein Jäger stand auf einmal vor uns, und machte irgendwelche seltsamen Anstalten. Er sprach kein Wort englisch und machte Gebärden, die an ein großes wildes Tier erinnern. Wir wussten nicht, worauf er hinaus wollte, bis ein jüngerer Mann mit Gewehr vorbei kam, der etwas Englisch sprach und übersetzen konnte. Es ging um einen Mörder, der angeblich schon seit drei Jahren unentdeckt hier in diesen Bergen lebe, außerdem ist hier auch die Hisbollah unterwegs – wir könnten unmöglich hier bleiben und sollten mit ihnen kommen. Ich glaube nicht an unsichtbare Mörder und hatte auch wenig Angst vor der Hisbollah, aber ein Besuch im Dorf und ein warmer Schlafplatz klang nett. Wir folgten also der Gruppe und fuhren ins Dorf. Monzir, so heißt der 38-Jährige, wohnt mit seiner Frau und den fünf Kindern in einer Garage, die zum Wohn- und Schlafzimmer umgestaltet wurde und über einen Ofen verfügt. Schon auf der Heimfahrt rief er seine Frau an, die daraufhin wohl einkaufen ging, kaum waren wir da, stand auch schon das Essen auf dem Tisch. Der Mann liebte uns von Anfang an! Wir konnten zwar nicht mit ihm reden, aber irgendeine Art Kommunikationskultur entwickelte sich dennoch. Er wollte am liebsten, dass wir für immer bei ihm bleiben und wenn wir schon in den Süden des Landes wollen, dann könne er uns doch fahren, wir müssten nicht laufen. Es kamen dann noch einige andere Gäste aus dem Dorf vorbei, erst spät abends legten wir uns in einem benachbarten leeren Raum nieder, für den Monzir den Schlüssel besorgte. Am folgenden Morgen fuhr er uns zum nächsten Streckenabschnitt, der Abschied fiel ihm schwer und wir mussten versprechen, ihn vor dem Heimflug noch mal zu besuchen.


    Am Morgen um 6.30 Uhr.


    Wenig später stapfen wir durch den Schnee.






    Wir folgen Monzir und seinen Freunden ins Dorf.


    Abendessen.


    Wir beide mit Monzirs Familie, die Jüngste ist schon im Bett.


    Am nächsten Morgen hatte der Kleine eine Beule.


    Monzir beim Abschied.


    Hinter Qemmamine ging es wieder bergauf und über Schneefelder zu einem weiteren Plateau. Das Wetter wurde drastisch schlechter und wir errichteten unser Zelt auf einer der zahlreichen Terassen, die man in den Bergen des Landes überall findet. Am nächsten Tag marschierten wir über einen Pass, übrigens ohne einen Weg zu finden: vielleicht, weil zu viel Schnee lag, vielleicht auch, weil es gar keinen Weg gibt. Einige Stunden später führte uns die Karte zu einem Aquädukt, dem wir folgen sollten. Das war eine recht gefährliche Angelegenheit, ging es doch rechts steil den Hang hinunter. Man hätte auch den Weg durchs Tal nehmen können, aber wir wollten uns ja an den vermeintlichen Trail halten, insofern es möglich war.

    Kaum waren wir wieder weiter oben, verdunkelte sich der Himmel und es begann zu regnen und zu stürmen. Die Etappe hätte noch deutlich höher geführt und es war klar, dass uns das nicht möglich war. Zu tiefer Schnee, zu schlechte Sicht, kein Weg. Wir entschieden uns zum Abstieg und wollten durch das (natürlich besiedelte) Tal gehen.


    Zurück im Schnee, hier noch sehr angenehm zu gehen.




    Wir spazieren am Aquadukt entlang, ein paar Höhenmeter weiter unten wäre ein breiter Weg gewesen.


    Je höher wir kommen, desto mehr Schnee liegt, plötzlich hüllt sich alles in Nebel.


    Abstieg ins Tal.


    Als ich eine junge Frau, die gerade aus dem Haus schaute, nach dem richtigen Weg in Richtung Kfar Bnine fragte, überredete sie uns trotz unserer Proteste, zumindest auf einen Tee mit ins Haus zu kommen. Als wir einmal drin waren und es draußen weiterhin stark regnete, erschien uns der warme Ofen zu gemütlich, als dass wir das Abendessen hätten ausschlagen können. Zu dem Zeitpunkt war klar, dass wir auch hier übernachten würden, also fingen wir ein etwas ernsthafteres Gespräch mit dem Mädchen an, das ein bisschen englsich sprach. Sie ist 23, Mutter von vier Kindern, wurde mit 15 zwangsverheiratet. Sie erschien uns sehr weltoffen zu sein, trug zu Hause kein Kopftuch und würde gerne mit ihren Kindern nach Europa reisen. Wir stellten viele Fragen, am nächsten Morgen meinte sie, sich noch nie so gut mit jemandem unterhalten zu haben. Sehr interessant, das alles.
    Nachts kam dann die Polizei, ein Nachbar war wohl skeptisch und wollte sicher gehen, dass keine Spione im Dorf seien. Unter Aufsicht der stark bewaffneten Polizisten mussten wir alles schnell zusammenpacken und wurden auf die Wache gebracht, wo man unsere gesamte Ausrüstung inspizierte, hin und her telefonierte und uns nach ein paar Stunden zurückbrachte. Unsere Gastgeber waren noch wach und heilfroh darüber, dass alles gut ging. Fotos durfte ich wärend dieser Aktion natürlich keine machen, deshalb müsst ihr euch wohl mit dieser kurzen Anekdote in Schriftform zufriedengeben.


    Beim Abendessen in Fidas Heim.


    Ihre Kinder.


    Da sind die beiden noch mal, hier mit ihrem Sohn.


    Selbstverständlich wurden wir tags darauf noch mit dem Auto chauffiert, bis wir wieder lockeren Boden unter den Füßen hatten. Und so ging es weiter, im Regen natürlich.


    Markus im Regen.


    Zelten am Hang, auch das große Kaitum fand immer irgendwo Platz.




    Das Wetter wurde nicht besser. Am 9. Februar klopften wir abends an einem großen Kloster an, das nicht weit entfernt von der Stadt Ehden liegt und baten um einen Schlafplatz. Dem Mönch fielen zuerst die Felsvorsprünge ein, unter denen man Zuflucht finden konnte, dann bot er uns sogar die große, dreckige Grotte mit schrägem Boden an, in der früher geistig Behinderte „therapiert“ wurden. Na, das ist ja genau mein Fall, dachte ich... und erklärte, dass wir dann lieber weiter gehen und nach einem Zeltplatz suchen. Vielleicht war der Mönch nicht repräsentativ für die Christenheit und vielleicht waren die zuvor getroffenen Muslime nicht repräsentativ für den Islam, aber dieser Kontrast war schon beachtlich. Es kam dann noch ein anderer Mönch, wohl ein „mächtigerer“, der uns ein Zimmer gab. Es gab keinen Ofen, wir schliefen bei 8°C, trotzdem waren wir sehr dankbar und genossen das kuschelige Bett.


    Qazaya Monastery.


    Die Grotte, die uns zunächst angeboten wurde.


    Die nächste Etappe führte uns durch das berühmte Wadi Quadisha, in dem einige Klöster stehen. Eines davon schauten wir uns auch näher an und wurden sogar zum Mittagessen eingeladen, bevor wir am späten Nachmittag im Tal kurz vor Bcharre ankamen. Ein Restaurantbesitzer bot uns aus heiterem Himmel sein Restaurant als Schlafplatz an, bewirtschaftet wird es nur im Sommer und draußen regnete es so stark. Warum nicht, dachten wir.


    Ein Dorf im Wadi Quadisha.


    Der Trail, hier sehr gut zu gehen.


    Regen wechselte sich mit Hagel ab.


    Hier habe ich mal im strömenden Regen die Kamera aufs Stativ gestellt, das muss sie schon aushalten.


    Blick auf die andere Seite des Tals.


    Irgendein Kadaver im Inneren eines Klosters.


    In diesem Wetter marschierten wir Richtung Bcharre.


    Wir übernachteten im Restaurant, das Zelt stellten wir zum Trocknen auf.


    Aufstieg nach Bcharre.


    Die folgenden beiden Etappen mussten wir leider überspringen, zu hoch hätten sie uns geführt. Bei so viel Niederschlag hätten wir in 1600 m Höhe im Neuschnee umherstapfen können, darauf hatte eigentlich niemand Lust. Wir fuhren also zurück nach Beirut, kostete ja nur 2,50 Euro pro Person und blieben zwei Nächte lang in der Stadt.


    Zurück in „unserer“ Wohnung in Beirut gönnten wir uns erstmal ein paar Bierchen auf der Terasse.


    Zerbombtes ehemaliges Kino, im Hintergrund die neue Moschee.


    Haus in Beirut.


    Weiter ging es in Aquora, wo wir uns von Byblos aus mit dem „Service“ hinbringen ließen. Wir passierten eine Höhle, Afqa Spring und schlugen das Zelt auf einem Felsen hoch über dem Dorf „Lassa“ auf. Wir knipsten etwas in der Gegend herum, was wohl irgendjemandem unangenehm auffiel. Denn erst kamen einige nicht-uniformierte Typen mit dichten Bärten vorbei, ich vermute, dass sie zur Hisbollah gehörten. Sie stellten ein paar Fragen, scrollten durch die gespeicherten Bilder unserer Kameras, fotografierten unsere Pässe und verschwanden wieder. Alles cool, dachten wir, bis wir einige Stunden später, es war bereits Nacht, vom schwer bewaffneten Militär geweckt wurden. Die Jungs waren ziemlich nervös und schienen schwer in Eile zu sein. Mit ihren Gewehrläufen deuteten sie immer wieder auf unser Zelt, das wir in Windeseile zusammenbauen sollten, um mit ihnen zu kommen. Immer mit der Ruhe, dachten wir, und kratzten die lehmige Erde von den Zeltheringen. Wieder dauerte es eine ganze Weile, bis die Sache geklärt war und wir gehen durften. Für mich war es gleichermaßen aufregend wie nervig, denn einerseits war etwas „Nachkriegskultur“ ja ganz spannend, andererseits war ich echt müde. Naja, letztendlich unterhielten wir uns noch etwas über Ballack und Schumacher – deutsch zu sein ist immer gut.


    Zurück in den Bergen, diesmal tolles Wetter.


    Afqa Spring.


    Blick ins Tal.


    Ein toller Zeltplatz, dessen Lage über der Militärbasis uns noch zum Verhängnis werden sollte.


    Meine Wenigkeit, am Horizont sieht man schon das Meer.


    Eine schneereiche Etappe stand uns bevor und wir verliefen uns ordentlich. Es war nur eine Frage der Zeit, bis das passierte, trotzdem war mein Stolz arg gekränkt. Drei Stunden kostete uns das und am Ende begann es auch noch zu regnen. Tja, wenigstens fanden wir einen akzeptablen Zeltplatz oberhalb einer Stadt, deren güngstigster Schlafplatz uns jeweils 50 Dollar gekostet hätte.








    Am Afqa Temple.


    Als wir am nächsten Tag den Afqa Temple erreichten, war das Wetter noch ganz gut, am Nachmittag verfinsterte sich dann der Himmel. Ein Kloster zur Rechten des Weges – klopfen konnte man ja mal. Und siehe da, wir wurden von Nonnen aufgenommen. Genauer gesagt war es nur eine einzige Nonne, außerdem gab es noch 35 Waisenkinder, zwei Lehrerinnen und zwei junge Bedienstete unseren Alters, die sich um die Versorgung dieses kirchlichen Waisenhauses kümmerten. Eines der Mädchen kam aus Äthiopien, das andere von den Philippinen, beide sprachen passables Englisch. Auf die Frage, warum hier „Gastarbeiter“ beschäftigt wurden, antwortete die Nonne, man wolle auch die Bedürftigen aus ärmeren Ländern unterstützen. Später fragten wir die beiden, was sie verdienten: 150 bzw. 200 US-Dollar, war die Antwort, das meiste davon schickten die Mädchen zu ihren Familien. Für diesen Lohn findet man im Libanon wohl niemanden, der sich 365 im Jahr von 6.00 Uhr morgens bis 22.00 Uhr am Abend an den Herd stellt, putzt und Kinder ins Bett bringt. Ein bisschen wütend machte mich das schon.


    Im Klosterhof stand eine riesige Zeder. Es hagelt.


    Die Kinder beim Abendessen.


    Die Kleinsten saßen am Babytisch.


    Irgendein Nebenzimmer im Kloster.


    Schwester Natalie und das Mädchen von den Philippinen.


    Ein kurzer Lichtblick im Westen über Beirut, bei uns nur Regen.

    Aber im Kloster zu sein ist eine feine Sache. Das Essen ist gut, man kann das Gebäude erkunden, dem strömenden Regen lauschen und über den Laptop von „Schwester Nathalie“ auf Facebook posten, dass man gerade auf Kosten der Kirche lebt – für meine Freunde und Familie, die mich als Atheisten und Naturalisten kennen, eine lustige Vorstellung. Und so blieben wir auf Wunsch der Nonne noch eine zweite Nacht und kämpften dann am 17. Februar wieder gegen Regen und Sturm. Nach einer Stunde Fußmarsch und einem tiefgrauen Himmel verführte uns die Bequemlichkeit, als wir das nächste Kloster passierten. Ich fasse mich jetzt mal kurz: wieder verbrachten wir zwei Nächte im Kloster, diesmal bei Maroniten, wieder gab es gute Gespräche mit einem Mönch, wieder stürmte es draußen, diesmal begleitet von Schneefall. Für die Sauberkeit und die Instandhaltung des Klosters arbeitete Chalid, ein Moslem. Der Mönch meinte, er hätte Respekt für jedermann, es sei kein Problem für ihn, einen Moslem anzustellen. Die Frage, was Chalid denn verdient, habe ich uns allen erspart.


    Unser Zimmer im Maronitenkloster. Lichtquellen sind die Kerze und der Heizstrahler, der unterhalb des Stativs in unsere Richtung glüht.


    Ich mag die Muslime ja. Aber die Christen mag ich auch.


    Blick nach draußen.


    Chalid, ein Muslim, der im Kloster arbeitet. Stört niemanden.


    Der Mönch kehrt den Schnee vom Auto.


    Am 19. Februar lagen auf Höhe des Klosters, nämlich auf 1050 m, etwa 25 cm Neuschnee. Es hatte bis auf 700 Höhenmeter geschneit und unsere nächsten Etappen führten uns in Lagen zwischen 1200 und 1800 Meter. Als wir morgens unsere Sachen zum Aufbruch zusammenpackten, klopfte der Mönch am Zimmer und meinte, sein Klosterbruder würde in ein paar Stunden mit dem Auto nach Beirut fahren, wir könnten ihn begleiten. Ich möchte gar nicht so tun, als wäre uns die Entscheidung sonderlich schwer gefallen: es war klar, dass das Weitergehen unter diesen Bedingungen zum Scheitern verurteilt war. Und es handelte sich beim LMT ja sowieso um keine große Unternehmung, nichts, was ich abzubrechen großartig bereuen würde. Also fuhren wir mit dem Mönch nach Beirut und brachen die Tour nach etwa zwei Dritteln des Weges, kurz vor Falougha, ab.

    Philip, der Freund von Markus und unser Unterkunftsgeber hatte tragischerwiese gerade einen Skiunfall in den Berges des Libanons erlitten und musste nach Deutschland geflogen werden, wir hatten die Wohnung also für uns allein. Trotzdem saßen wir oft eine Etage tiefer, bei zwei jungen Amerikanerinnen, die an der amerikanischen Universität in Beirut (AUB) studieren. Die beiden haben ständig Couchsurfer da, in ihrem Wohnzimmer finden durchgängig bis zu 15 Surfer Platz. Radikale Hoster, das hatte ich auch noch nie erlebt. In den folgenden Tagen unternahmen wir so manches mit Atalwin, einem gleichermaßen spirituellen wie pragmatischen Holländer, 40 Jahre, Meditationstrainer, momentan weltreisend. Nun ein paar Bilder von unseren Ausflügen.


    Beirut am späten Abend.


    Das Meer.


    Und nochmal das Meer.


    Tripoli, Hauptplatz.


    Junge in Tripoli.


    In den Gassen Tripolis.


    Atalwin, der uns für ein paar Tage begleitete.


    Mit einer Gruppe von Schuputzern.


    Moschee.


    Eine Frau beim Brotbacken, Beirut. Als ich fragte, ob ich eine Foto machen dürfe, wurde uns gleich ein frischer Fladen geschenkt.


    Entspannung auf der Terasse. Wird ja wohl auch mal erlaubt sein.


    Vorbeifahrende Demonstranten in Beirut.


    Nach einem klassisches Konzert in Beirut. Zu sehen sind Ribal Nassar-Moaeb (Viola) und Jeanine Mouawad (Piano). Wir lernten Ribal am Flughafen kennen, er flog, genau wie wir, von Wien nach Beirut. Der 20-jährige studiert hier am Konservatorium und gab nun mit seiner Partnerin, die in Paris studiert, ein Konzert in der AUB.


    Ein besonderes Highlight unserer touristischen Reiserei war der Besuch des Hisbollah-Museums, im von der Hisbollah kontrollierten Süden des Landes. Die Anlage befindet sich auf einem abgeschiedenen Hügel mit Blick nach Israel und ist eigentlich ein früheres Schlachtfeld, das jetzt in ein Museum umfunktioniert wurde. Der Begriff „Museum“ ist irreführend, nein, er ist falsch. Es handelt sich dabei um einen öffentlich zugänglichen Propagandaraum der Hisbollah, in dem unkritisch und unreflektiert auf die durchaus tatsächlichen Ungerechtigkeiten Israels hingewiesen wird. Einen Besuch ist es jedenfalls wert, es gibt auch ein Gratis-Gespräch mit Hisbollah-Mitgliedern.


    Im Hisbollah-„Museum“


    Draußen liegt allerlei Kriegsmaschienerie herum.


    Ein Junge kam zu mir und drängte darauf, fotografiert zu werden. Atalwin sorgte dafür, dass das Kind die richtige Pose annahm.


    Übrigens hatten wir zwischenzeitlich mal überlegt, mit dem Bus nach Damaskus zu fahren, also nach Syrien einzureisen. Als wir in Beirut eintrafen, hatten wir einige Tage Zeit und Syrien wäre trotz aktuellen Unsicherheiten ganz sicher einen Besuch wert gewesen. Zwei der vielen Couchsurfer machten sich zuvor auf die Reise nach Damaskus, das nur drei Busstunden von Beirut entfernt liegt. Noch hatten wir keine Rückmeldung bezüglich des Gelingens ihres Vorhabens erhalten, also schaute ich mal wieder, was das auswärtige Amt meint. Neben allen Ausführungen zu Sicherheitsrisiken und Gefahren hieß es, dass man das Visum für Syrien zuvor in Deutschland beantragen muss und an der Grenze nur Visas für Gruppenreisende vergeben werden, deren Reiseleitungen mit einer syrischen Organisation zusammenarbeiten. Also ließen wir die Sache bleiben. Schade, denn zwei Tage später schrieben unsere Freunde, dass sie es relativ problemlos über die Grenze geschafft hatten, 50 US-Dollar hatte sie der Spaß gekostet und Damaskus sei eine sehenswerte Stadt. Tja, nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird.

    Zum Abschluss unserer Reise lösten wir unser Versprechen ein und fuhren erneut in den Norden, um unseren Freund Monzir zu besuchen. Fairerweise kündigten wir uns schon am Vortag telefonisch an, damit bei unserer Auskunft auch der Kühlschrank gefüllt war. Als wir mit dem Taxi im Dorf eintrafen, versammelte sich eine recht große Menschenmenge um uns, Touristen ist man dort nicht gewohnt. Einer der Älteren rief Monzir an und teilte ihm wohl mit, dass wir da wären. Drei Minuten später fuhr der Mann vor, frisch rasiert und in Sonntagskleidung, mit Frau und allen Kindern im Auto. Stolz warf er den Dorfbewohnern ein paar überlegene Blicke zu, begrüßte uns aufs Herzlichste, lud uns ins Auto und ließ die Räder quietschen. Es folgte ein großes Essen, später am Abend gingen wir zum Billardspielen ins wohl einzige Café des Dorfes. Im Billardspielen bin ich nicht so schlecht, hab sie alle besiegt, außer einen jungen und stillen Libanesen, der mir um Welten überlegen war. Dass wir nicht nur für eine Nacht bleiben durften machte Monzir schnell klar, er hatte vor, uns länger zu beherbergen. Am nächsten Tag, das konnten wir noch verkraften, sollten wir die ganze Jägerbande auf die gleiche Hochebene begleiten, auf der wir Monzir zu Beginn unserer Reise getroffen hatten. Wir sind beide Wehrdienstverweigerer, aber ein bisschen Rumballern geht schon. Die obligatorische Tarnkleidung störte mich schon eher, das hat sowas Pseudo-militaristisches. Von irgendwoher wurden sogar Gewehre für uns organisiert, mich versorgte man mit einer schweren Doppelbockflinte. Abschließend dann noch mal dick Essen, Billard im Clubraum und Chill-Out in der zum Wohnzimmer umfunktionierten Garage. Ein feiner Tag, vielleicht der interessanteste. Zwischendurch versuchte Monzir uns zu überreden, bei ihm zu bleiben und nicht zurück zu fliegen. Als klar wurde, dass wir nicht hierbleiben könnten, scherzte er herum und meinte, er würde mit uns nach Europa fliegen. Wie auch immer, der Mann liebte uns! Entsprechend tragisch war der Abschied am 27. Februar.


    Beerdigung in Monzirs Dorf.


    Als alle Jäger schon ausgestiegen waren und laufen wollten, versuchte Monzir immer noch, den Wagen dort zu parken, wo er ihn haben wollte.


    Ich muss das hier posten, in dem Aufzug sieht man mich so bald nicht wieder.


    Am Abend wurde Shisha geraucht, übrigens in jedem uns bekannten libanesischen Haushalt.


    Die Billard-Crew. Links neben mir, recht unscheinbar im Hintergrund, ist der große Meister zu sehen.


    Ein Fazit? Nun ja, ich habe anfangs ja bereits ausgiebig resümiert. Der Libanon ist das Tor zum nahen Osten, ein unglaublich spannendes Land. Zum Trekking werde ich vorerst wohl nicht wiederkehren, dafür habe ich bereits zu viel davon gesehen, das Land ist ja nicht groß. Aber dass ich mich irgendwann noch einmal blicken lassen werde, habe ich Monzir versprochen. Und Versprechen halte ich in aller Regel ein, in dem Fall sogar sehr gern, also: danke und bis zum nächsten Mal.
    Geändert von Libertist (04.03.2012 um 01:56 Uhr)

  3. AW: [LB] LMT Februar 2012: Trekking im Libanon

    #3
    Kino! Großartige Bilder! Sehr guter Bericht.
    Und auch mal etwas anderes.

    Besten Dank!
    Nam

  4. Erfahren
    Avatar von DeLiebe
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    AW: [LB] LMT Februar 2012: Trekking im Libanon

    #4
    WOW! Du bzw. ihr seid echt der Knaller.

    Beeindruckende Bilder bei denen ich mich nicht entscheiden kann, welches mir am Besten gefällt. Vielen Dank für die sehr ausführliche Einleitung und grundlegende Informationen bzw. Erfahrungen. Echt spannend!
    Stop destroying our planet -
    It's where I keep all my stuff!

  5. Erfahren
    Avatar von nicki1005
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    AW: [LB] LMT Februar 2012: Trekking im Libanon

    #5
    Willkommen zurück!!!
    Das ist ja ein super Bericht!!! Total spannend und beeindruckend!!! Am besten gefallen mir die Begegnungen mit eurem Gastgeber Monzir

    LG Nicki

  6. AW: [LB] LMT Februar 2012: Trekking im Libanon

    #6
    Hallo Gabriel

    ganz toller Bericht!
    Ich mag es, wie du die Wärme und Herzlichkeit der Menschen rüberbringst.

    In Zypern (wo übrigens auch ganz viele Libanesen leben) ist die Sache mit Müll und Herumballern ziemlich ähnlich; Tarnkleidung ist praktische Freizeit- und Alltagskleidung. Und auch die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft macht das Wandern zu einem besonderen Erlebnis.
    Ob ich allerdings auf nächtliche Besuche der beschriebenen Art stehe, bin ich mir nicht sicher

    Super Bilder - wie immer
    Ich habe keine grossen Ambitionen. Still sitze ich und betrachte wohlgemut das Gewimmel der Welt.
    Ich benötige nur so viel, wie ich mir ohne Anstrengung und Demütigung beschaffen kann. (György Bálint)

  7. Vorstand
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    AW: [LB] LMT Februar 2012: Trekking im Libanon

    #7
    Großartig, vielen Dank!

  8. Alter Hase
    Avatar von Abt
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    AW: [LB] LMT Februar 2012: Trekking im Libanon

    #8
    Berichte wie Deinen hier mag ich!
    Danke für die Infos und die Bilder. Vielleicht klappt es mal in DRS mit einem Vortrag? Würd mich freuen.
    Gruß Ali

  9. Dauerbesucher
    Avatar von Mortias
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    AW: [LB] LMT Februar 2012: Trekking im Libanon

    #9
    Wie immer ein super Bericht von Dir. Sehr ansehliche Fotos, lebendig geschrieben und teilweise richtig spannend zu lesen was ihr so alles erlebt habt. Du bringst die Gastfreundlichekeit der Leute echt gut rüber, das gefällt mir.

    Eine Sache gefällt mir aber nicht so gut. Und zwar schreibst Du, dass die Hisbollah die einzigen waren die sich bei der Invasion Israel in den Weg gestellt haben. Nun, soweit ich das damals verfolgt habe, waren die ständigen Raketenangriffe der Hisbollah überhaupt erst der Grund dafür, dass Israel im Libanaon einmarschiert ist um die Hisbollah zu stoppen. Sorry, dass ich jetzt mit so nem politischen Off-Topic nerve, ist hier wahrscheinlich auch nicht angebracht, aber beim Lesen ist mir dieser Satz erstmal sauer aufgestossen (auch wenn Du da wahrscheinlich nur die Sichtweise der Leute vor Ort wiedergegegeben hast). Das soll Deinen schönen Bericht auch in keinster Weise runter ziehen, zumal Du ja auch sehr unvoreingenommen auf die Leute zugegangen bist und anscheinend super zurecht gekommen bist und somit einen schönen differenzierten Insider Blick vom Land bekommen hast (während ich ja nur kenne, was ich in der Zeitung gelesen habe).

    Eine weitere (Off-Topic Frage) hätte ich noch. Wann soll's nach Alaska losgehen und wo geht's diesmal hin? Holst Du Deine Tour in der Brooks Range nach?

  10. Fuchs
    Avatar von Libertist
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    AW: [LB] LMT Februar 2012: Trekking im Libanon

    #10
    Danke erstmal an alle.

    Mortias, ich möchte hier nur wiedergeben, was uns gesagt wurde und eine politische Diskussion vermeiden. Die Situation im nahen Osten ist sehr komplex und ich habe leider noch zu wenig Ahnung davon, wer hier wirklich wofür verantwortlich ist. Darum ging es mir auch nicht, ich möchte nur versuchen, ein paar Meinungen aus dem Land wiederzugeben.

    Was ich in Alaska vorhabe, wird erstmal noch nicht verraten, dafür ist die Sache noch zu vage, sorry.

  11. Alter Hase
    Avatar von cane
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    AW: [LB] LMT Februar 2012: Trekking im Libanon

    #11
    Toller Bericht, tolle Reise, toller Schreibstil und tolle Fotos

    mfg
    cane

  12. Moderator
    Alter Hase
    Avatar von ronaldo
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    AW: [LB] LMT Februar 2012: Trekking im Libanon

    #12
    Hi,

    wie immer eine wahre Freude, einen deiner Berichte zu lesen - und was für ein ungewöhnliches Ziel!
    Fantastische Fotos erwarte ich ohnehin von dir, und toll dass du uns diesmal viele *Menschen* vorstellst.

    Gruß, Ronald

  13. Gerne im Forum

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    AW: [LB] LMT Februar 2012: Trekking im Libanon

    #13
    schöner Bericht. Vielen Dank

  14. Erfahren
    Avatar von EbsEls
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    AW: [LB] LMT Februar 2012: Trekking im Libanon

    #14
    Vielen Dank für den Bericht. Ganz großartig!
    Während ich früher die wilde Natur versucht habe, finde ich es heute spannend, die Menschen treffen zu dürfen. Solche Leute wie Monzir kennenlernen zu dürfen ... ein unwiederbringliches Erlebnis.



    1994 habe ich im oberen Swat-Tal in Pakistan diesen Mann kennenlernen dürfen. Ich versprach ihm, die Bilder zu schicken und er (als einzigster Schriftkundiger der Familie) schrieb in arabischen Schriftzeichen seine Adresse in mein Tagebuch. Diese habe ich kopiert und auf den Umschlag mit den Bildern geklebt und abgeschickt. Nach 3 Jahren erhielt ich einen Brief einer Ärztin aus Islamabad, in dem sie sich im Namen der Leute für die Bilder bedankte. Ich halte diesen Brief in aller höchsten Ehren.
    Bitte, halte Dein Versprechen!

    Aber ich gebe natürlich auch zu: In zivilisierten Gebieten unterwegs zu sein, ist um Einiges leichter in meinem Alter
    Viele Grüße aus Thüringen (oder von Sonstwo)
    Eberhard Elsner

  15. Fuchs
    Avatar von berniehh
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    AW: [LB] LMT Februar 2012: Trekking im Libanon

    #15
    Ein überaus interessanter Bericht über ein nicht alltägliches Reiseziel
    Auch die Fotos sind sehr beeindruckend

    gruss Bernd

  16. Erfahren
    Avatar von Fliehender
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    AW: [LB] LMT Februar 2012: Trekking im Libanon

    #16
    Sehr feiner Bericht
    Die Zusammenfassung ganz oben finde ich prima, alle Infos auf einem Fleck. Vorbildlich!
    Auch der Bericht erscheint mir diesmal genauer, persönlicher und ( für mich ) auch lustiger

    Die Bilder wurden ja schon ausreichend gelobt, wir wollen es ja nicht übertreiben OT: Scherz,klasse Dinger dabei.

    Ich beneide deine Gelassenheit mit der du diese Reise gemacht und vor allem! die nächtlichen Begegnungen über dich ergehen lassen hast. Hut ab!

  17. Dauerbesucher
    Avatar von chriscross
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    AW: [LB] LMT Februar 2012: Trekking im Libanon

    #17
    Sehr, sehr geil!! Es freut mich überaus mal was schönes über den Libanon zu lesen.

  18. Erfahren
    Avatar von Hoernchen
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    AW: [LB] LMT Februar 2012: Trekking im Libanon

    #18
    Super tolle Fotos...und der Bericht...klasse.....!
    Wow Wow Wow...

  19. Erfahren
    Avatar von Kamille
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    AW: [LB] LMT Februar 2012: Trekking im Libanon

    #19
    Sehr interessant, gewagt und menschlich. Die herzliche Gastfreundlichkeit ist ein wertvolles gut.
    Vielen Dank auch für die visuellen Referenzen.

    Schöne Sache

  20. Dauerbesucher
    Avatar von MatthiasK
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    AW: [LB] LMT Februar 2012: Trekking im Libanon

    #20
    Interessant geschrieben, super Bilder. Einmal mehr ein beachtenswerter Bericht von dir!

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