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  1. [NL] Auf dem Deltapad durch Holland

    #1
    Mitreisende: Werner Hohn
    Land: Niederlande
    Reiseart: Wanderung
    Reisezeit: August 2010

    Auf den Deltapad von Hoek van Holland nach Bergen op Zoom

    Beinahe wie am Mittelmeer

    Tobende Jungs laufen einem bunten Fußball hinterher. Mit Argusaugen beobachten Mütter das Treiben ihrer mal eben den Windeln entwachsenen Kinder. Bunte Strandhandtücher, bunte Sonnenschirme und Menschen in bunten Badehosen. Letztere fehlt in meinem Rucksack, denn zum Baden bin ich nicht hier. Schütterne Olivenbäumchen in zu trockenen Trögen säumen den Weg entlang der Buden. Von den hölzernen Terrassen der Strandhäuser weht der Duft frisch ausgeschenktem Kaffee herüber. Viele unverschlossene Fahrräder. Der Gedanke in einem unbeobachteten Augenblick eins zu klauen kommt auf. Für Holland wäre das mehr als stilecht. Doch ich ich will wandern. Von hier immer Richtung Süden als grobe Richtung.



    Und dann das! Diese Holländer, haben die uns doch glatt den Rhein geklaut! Der Gedanke, dass der Rhein seinen Namen nicht bis in die Nordsee mitnimmt, ist mir nie gekommen. Dass der sich teilt, irgendwo sein Wasser an den Lek und noch einen Haufen anderer Bäche abgibt, sich mit der Maas vermischt, hatte sogar ich behalten. Nur so ganz fort ... gar nichts mit Mündung? Tja, da staunte der Rheinländer. Erst als ich am ersten Wandertag mit der Fähre den Nieuwe Waterweg zwischen Rotterdam und dem Europoort überquerte und mich dabei im Wanderbuch doll und dusselig nach dem Rhein suchte, war mir das bewusst geworden. Nee, meinte zur Bestätigung der Kassierer auf der Fähre, den Rhein gibt es hier nicht mehr. Ganz, ganz sicher ist er sich. Der Calandkanaal, den nur ein schmaler Deich vom parallel fließenden Nieuwe Waterweg trennt, bot sich noch als Mündung an. Der war es auch nicht. Wenig später, nachdem ich das Städtchen Rozenburg umwanderte hatte, bin ich am Neckarhaven auf den Hartelkanaal gestoßen. Der war nun wirklich zu klein für die Rheinmündung. Nun gut, irgendwo hinter der niederländisch-deutschen Grenze hat der Rhein im Rhein-Maas-Schelde-Delta seinen Namen verloren.

    Die Calandbrug

    Drohend recken sich die vier Pfeiler der Calandbrugg in den Sommerhimmel. Grau hängt dieser schon seit Tagesbeginn über dem flachen Land. Der Weg auf die Brücke ist auch nicht besser als das Wetter - ein Radweg, eingeklemmt zwischen Straße und Calandkanaal. Die Straße führt zu einem der vielen Häfen Rotterdams. Auf den Straßenschildern stehen nur Nummern, Orientierung für die Fahrer der LKWs, deren Sturmwind mich die Treppe zur Brücke hoch treibt. Nur ein kleines Küstenmotorschiff mit niedrigen Aufbauten strebt der Brücke zu. Schade, die Brücke wird sich nicht heben. Die Schlitze der Betonwand zerlegen den Rotterdamer Ölhafen in Streifen.



    Verwundert war ich da schon nicht mehr, denn da oben an der holländischen Nordseeküste, im Land der Polder-, Kanal- und Deichbauer hat nicht die Natur das Sagen, sondern die Experten die genau diese bändigen sollen. Was im Mittelalter mit bescheidenen Deichen angefangen hat, 1939 durch das Rijkswaterstaat (Büro für Verkehr und Wasserbau) angedacht wurde, nach Ende des Zweiten Weltkrieges mit der Fertigstellung des Deichs, der die Brielse Maas vom Meer trennt, seine modernen Anfänge genommen hat, ist nach der großen Sturmflut von 1953 auf offene Kassen und Ohren gestoßen. Die Niederländer haben ihr Land dicht gemacht. Und das richtig. Nie wieder sollte die Nordsee ins Land einsteigen. Nie wieder! Die erforderliche Deichhöhe wurde von etwas über 4 Meter auf 7,65 m über dem Normalstand des Amsterdamer Pegels festgelegt. Wo keine Deiche gebaut werden konnten, oder aus wasserbau- und verkehrstechnischen Gründen Zugänge zur Nordsee erforderlich waren, haben die Holländer Schleusen und bewegliche Tore gebaut. Darunter solch gigantischen wie die beiden schwimmenden Tore des Maeslantkering, die bei drohender Sturmflut Rotterdam von der Nordsee trennen indem sie in den Nieuwe Waterweg einschwimmen und diesen verrammeln. 1996, mit dem Bau des Maeslantkering waren die Bauarbeiten an den Deltawerken nach mehr als 30 Jahren endgültig abgeschlossen. Der Deltaplan konnte geschlossen werden. Seitdem ist Holland dicht. Zeeland hat sich endgültig zu einem beliebten Urlauberziel entwickelt und die Wassersportler freuen sich über ausgedehnte Binnenreviere. Der Preis dafür: Beton, Beton, Beton und jede Menge Technik, die oft unsichtbar bleibt.

    Nicht mehr weit bis Brielle

    Häuser aus Ziegelstein, Kopfsteinpflasterstraßen, eine Befestigungsanlage, einen kleinen Eintrag ins holländische Geschichtsbuch und sehr wichtig, Grachten und schnuckelige Brücken. Na endlich! Für Orte wie Brielle fahren Deutsche schließlich nach Holland. Bei dem Wetter heute bleiben die allermeisten Touristen weg. Die Stühle vor den Kneipen und Cafés sind sogar am Nachmittag leer. Es wird eine ruhige Runde durch den kleinen Ort, bei der ich mich doch glatt verlaufe. Auf dem riesigen Campingplatz, den ich kurz danach erreiche, scheinen mehr Menschen zu wohnen.



    Weil die Niederländer Menschen sind, die gerne wandern, - wer einmal im Sauerland wandern war, wird dies bestätigen – war zwischen, hinter und auf all den Wunderwerken der modernen Deichgrafen auch noch Platz für einen Weitwanderweg, den Deltapad. Der gehört zum ausgedehnten System der Lange-Afstand-Wandelpaden (kurz: LAW) und trägt die Nummer LAW 5-1 und gehört somit zum Hollandse Kustpad, der, was sonst!, die komplette Küste erschließt. Damit ist der Deltapad ebenfalls Teil des E9 (Europäischer Fernwanderweg/Küstenpfad) und mit seinem Ableger ins Landesinnere der Anfang des E2 auf dem Kontinent, der erst am Mittelmeer endet.

    Steenen Baak bei Brielle

    Das weiße Auto versaut das Bild! Warum müssen die Leute unbedingt mit ihrer Karre bis vor die Tür fahren? Die Hoffnung auf einen Standort ohne die Blechkiste wird vom Gegenlicht zerlegt. Verwundert sieht mir der „Turmwächter“ zu wie ich laut grummelnd in der Richtung verschwinde aus der ich eben erst gekommen bin. Sein Japaner muss weg. Das funktioniert nur wenn dieser hinter dem hohen Schilf verschwindet. Immer noch grummelnd mache ich mich auf den Weiterweg. Wieder am Turm vorbei. Auf der Führung, die er mir vorhin noch angeboten hat, besteht er nicht mehr. Er hätte eine Absage bekommen. Ein weißer Japaner vor einem holländischen Ziegelsteinturm aus dem Mittelalter! Stilos!



    Die 180 km lange Hauptroute des Deltapads verläuft von Hoek van Holland entlang der Küste vorbei an so bekannten Ferienorten wie Renesse, West-Kapelle und Cadzand-Bad bis Sluis an der belgischen Grenze. In Goedereede beginnt die Variante ins Binnenland, die zur Oosterschelde führt und nach 60 km in Bergen op Zoom endet, wo der Deltapad in den GR5 über geht.
    Die Orte an der Variante ins Landesinnere sind weniger bekannt. Herkingen kennen vielleicht einige Familien, weil sich ihre Kinder auf dem kinderfreundlichen Campingplatz - eigentlich ist das Camping-, Bolz- und Spielplatz in einem – austoben können. Nieuw Vossemeer ist nur Holländern ein Begriff, weil hier der Schriftsteller Adrianus Michiel de Jong geboren wurde, der eine Zeit lang sogar in den Niederlanden wegen seine sozialistischen Einstellung Publikationsverbot hatte. Im Alter von 55 Jahren ist De Jong 1943 von der deutschen SS auf der Schwelle zu seinem Haus erschossen worden. Ein winziges Museum und ein kleines Standbild von Merijnte Gijzen, seiner bekanntesten Figur, stehen heute auf dem verlassenen Marktplatz von Nieuw Vossemeer. Das sind auch schon die bekanntesten Orte am holländischen E2. Alles Orte die außerhalb der Landesgrenze so gut wie kein Mensch kennt. Einzig Bergen op Zoom mit seinem schönen Grote Mart ist Ziel ausländischer Urlauber.

    Öl für Europa

    Weit weg und so schön! Nach einem Tag mit grauem Himmel, kaltem Wind und gelegentlichen Regenschauern machen Sonne und blauer Himmel alles schön – sogar eine Ansammlung aus unzählbaren Tanks und Verladepumpen. Der Rotterdamer Ölhafen ist einfach schön! Den Nachmittag des Vortages hatte ich auf einem der vielen ausufernden holländischen Campingplätze verbracht. Eine Grenze schien es für diesen nicht zu geben. Anderthalb Kilometer bis zur Rezeption, hatte mir der Leiter des Pfadfinderlagers gesagt. Er hatte nicht übertrieben. Dagegen ist der Ölhafen in der Ferne unter dem Sommerhimmel schön.



    In der ersten Augustwoche 2010 war ich im Morgengrauen in Hoek van Holland gestartet. Natürlich am Nordseestrand, nicht am Hafenbahnhof, wo der Deltapad eigentlich beginnt. Nordsee muss schon sein. Schon Vormittags war mir der Verlust des Rheins aufgefallen. Mittags lag der Rotterdamer Hafen hinter mir, ohne viel von ihm gesehen zu haben. Nix aus der Nähe, nur eben der Neckarhaven, der extra für Flusstankschiffe gebaut wurde, damit die stressfrei und ohne den Ozeanriesen in die Quere zu kommen ihre Bäuche mit Öl füllen können. Spätestens da war aus meiner Vermutung, der Weg würde oft auf Radwegen verlaufen Gewissheit geworden. Und dass ich in den kommenden Tagen einiges an holländischer Wasser- und Deichbaukunst zu sehen bekommen würde war abzusehen.

    Das war dann auch so. Statt Blicke in liebliche Täler oder über sonnige Höhen oder verträumte Landschaften gab es Aus- und Einblicke in moderne Wasserbautechnik. Auf dem langen langen Weg über die Haringsvliet sluisen hatte ich mir den ersten Sonnenbrand geholt. Vom Grevelingendam wollte mich der Wind runter wehen, der wenig später auf dem Philipsdam zum kräftigen und dankbar angenommen Schiebewind wurde.
    Dazwischen immer wieder die Nordsee, oft weit weg, und immer wieder ausufernde Binnengewässer mit Booten, von denen im Gegenlicht der Mittagssonne nur eine zittrige Silhouette blieb. Wenn der Wind stark genug wehte, sausten die Zugdrachen der Kite Surfer durch den sommerlich Himmel, während ein paar Meter weiter unten ihre kurzen Bretter schäumende Spuren durchs Wasser der ruhigen Binnengewässer zogen.

    Hinten in den Duinen van Voorne

    Einsam ist es in den Duinen van Voorne. Still ist es in den Duinen van Voorne. Weich sind die Wege und Pfade in den Duinen van Voorne. Schön ist es in den Duinen van Voorne. Habe ich diese Lichtung in den Duinen van Voorne vorhin nicht schon einmal gesehen? Gibt es das kleine weiße Haus mit dem hohen rostigen Drahtzaun in zweifacher Ausfertigung in den Duinen van Voorne? Verflucht nochmal! Die Wegweiser fehlen in den Duinen van Voorne! Gut, dass es Radwegweiser gibt. Doch ich bleibe dabei: Es ist schön in den Duinen van Voorne. Warum bin ich nicht die paar Meter bis zum Strand gegangen und diesem gefolgt? Idiot!



    Umdrehen, Markierung suchen. Ja, da am Laternenmast. Weiter. Einmal unter einer Brücke hindurch, flott übern Kreisverkehr abgekürzt, mit einem Radweg eine kurze Böschung hinauf. Den Weg durch die Wiese soll ich nehmem, deute ich die weiß-rote Markierung. Die Straßenböschung hoch zu einem kleinen Wald durch den ein dunkler, zugewachsener Bach fließt, der in einen stillen Kanal mündet, an dessen Ufer sich winzige Bootshäfen unter grünen Bäumen und hinter noch grüneren Wiesen verstecken. Dann wieder Beton, asphaltierte Radwege neben so gut wie nicht befahrenen breiten, makellos glatten Straßen.

    Zwischen den Dörfern aus dem Schnellbaukasten für Schlafsiedlungen finden sich so erfreuliche alte Nester wie Brielle oder Goedereede, die mit ihren Grachten und Brücken, ihren dunklen Ziegelhäusern und Windmühlen sowie dem calvinistisch zur Schau gestellten Innenleben der Wohnzimmer dem Hollandbild des urlaubenden Wanderers sehr nahe kommen.

    Strand an der Voorne Duin

    „Op weg naar Santiago?“ Huch, eine Frauenstimme. Schon ist die Stimme neben mir. Zwei Jogger. Der Mann und die Frau drosseln ihr Lauftempo. Neugierde auf beiden Seiten. Meine Güte. Noch vor 5 Jahren wäre niemand auf die Idee gekommen einem Wanderer an Hollands Nordseeküste das Ziel Santiago zu unterstellen. Nein, das nicht. Ich bilde mir ein, leichte Enttäuschung in beider Gesichter zu sehen
    Unten, am windigen Strand der Voornes Duin lasse ich das Gespräch Revue passieren. Warum eigentlich nicht? Zeit habe ich genug. 2.500 Kilometer sind nun nicht die Welt. Warum nicht die Freiheit des Alleinwanderns auskosten?



    Natur gibt es auch, wenn auch wohldosiert und so gut wie immer von Menschenhand geschaffen und geordnet. Also kein Überlebenskampf in schwindelerregenden Höhen, keine Mutprobe an Graten, kein Kampf gegen das Wetter, von wilden Tieren ganz zu schweigen. Eine kleine Dosis Ungewissheit gab es auch. Etwa in den Duinen van Voorne, denn dort kann man sich verlaufen, was mir im Gewirr der Sandpfade auch passiert ist. Zur Entschuldigung muss die dort, - aber wirklich nur dort - sehr schlechte Markierung herhalten. In den Dünen wäre es besser gewesen, der gut ausgeschilderten Voorne Route zu folgen. Was soll's? Wie noch mehrmals auf dieser Wanderung hatte einer der hier überwältigend gut markierten Radwege mich zum Ziel gebracht. Der einzige heldenhafte Kampf war der gegen den lockern Sand und den Wind am gottverlassenen Strand zwischen Rockanje und der N57. Dort hatte ich so geflucht, dass, hätte mich ein Holländer gehört, bestimmt des Landes verwiesen worden wäre. Zum Glück war niemand da.

    Haringvleit sluizen - Binnenansicht

    Die Zähmung der Nordsee oder Vor der Sintflut die Technik. Das geht mir durch den Kopf, als ich die Haringvliet sluizen zum ersten Mal sehe. Draußen tragen die kleinen Wellen weiße Schaumstreifen, drinnen reicht es mal eben für das Kräuseln der Wasseroberfläche. Vier Tore sind offen. Heute darf die Nordsee rein ins Land, denn heute die See ist harmlos. Aber wehe die Gewalten werden losgelassen. Wenn ich hinter den Schleusen wohnen würde, alle Kerzen dieser Erde würde ich anstecken, auf dass die Technik niemals versage. Feige wie ich bin, würde ich wegziehen.



    Das Wetter an der Küste war so wie das Sommerwetter an der Nordseeküste immer ist. Jagende, vom steifen Wind getriebene Wolken. Mal weiß, mal grau. Wenn es gut war, das Wetter, dann jagten die Wolken unter blauem Himmel dahin und die Wolken waren weiß. War es weniger gut, dann war der Himmel grau, wolkenverhangen, düster und kalt. Am Mittelmeer würde man zu solchen Tagen Wintertage sagen. Wenn die Sonne am blauen Himmel stand, der steife Wind aus Norden wehte, Segelboote mit dem Süllrand durchs Wasser pflügten, die Lippen salzig schmeckten und einem der Sand ins Gesicht geweht wurde, dann war das Nordseesommer von der allerschönsten Seite – und wenn es nur Stunden durchhielt.

    Der Wind zeigt den Weg

    Noch ein paar Minuten, dann wird der lästige Seitenwind, der mittags eingesetzt hat und die Regenjacke zum Knattern bringt, zum gerne angenommenen Schiebewind. Bis zu dem im Flachland oft so nahen Horizont noch, bis zu den Bäumen, dann nach links abbiegen, hinauf auf den Deich. Dort wird der Wind noch ein paar Tacken zulegen und mich vor sich hertreiben, hinunter nach Süden. An der schütteren Baumreihe verlässt der E2/Deltapad die neue von Menschenhand geschaffene Küstenlinie der Nordsee und biegt zum Mittelmeer ab. Was jetzt kommt, ist erst seit Jahrzehnten Binnenland - sofern die Deiche halten.



    In Goedereede, das ist nach einem Drittel der Küstenroute, war ich ins Landesinnere abgebogen. Die Variante nach Bergen op Zoom sollte es auf alle Fälle sein. Das ist der Europäische Fernwanderweg E2 in Reinkultur. Ab da wurde es ländlicher und sommerlicher. Bevor der Deltaplan Wirklichkeit wurde, war das was nun folgen sollte offene Küste, die von niedrigen Deichen geschützt wurde. Bis auf die Grasdeiche ist heute vom offenen Meer nicht mehr so arg viel zu merken. Dauernd hatte ich das Gefühl, an einem großen See vorbei zu wandern. Grüne Wiesen, Grasdeiche, Hecken, Bauernhöfe und später die Flussschiffe auf dem Schelde-Rijn kanaal hatten nur noch wenig mit Meer und Küste zu tun. Die Landschaft änderte sich von „meerig“, „küstig“, nordseeig“ zu landwirtschaftlich. Schlagartig.

    Slikken van Flakkee

    Schon eine Stunde bin ich in den Slikken unterwegs. Langweilig. Sichtweite null. Rundherum alles Grün. Eine Wand aus mehr als mannshohem Grünzeug. Unten auch, aber auf gehfreundliche Höhe gestutzt. Auf halbem Weg kurzes Aufatmen. Schilf- und Grasspitzen enden auf Gürtelhöhe. Staunen! Es gibt sogar Bäume und Büsche hier. 100 Schritte weiter ist es vorbei. Erneute Grünzeug-Monotonie, die im Kopf schmerzt. Wie lange noch bei Sichtweite null? Lethargie, dumpfes Dahintrotten auf weichem, naturbelassenen Grasboden. Wo ist der Wind geblieben? Was macht der der unendliche Himmel, während ich durchs Schilf trotte?



    Eine kurze Runde durch Goedereede, einen Pott Kaffee am Marktplatz, fünf Schritte über den Noordhavendyk, dann in den Oude Westerloose Dyk abbiegen. Szenenwechsel: Zwiebelfelder, Raps, Ackerflächen. Das war es. Die Nordseeküste war weg. Rein in die Slikken van Flakkee (Dünengrasland), die im Wanderbuch einen eigenen Infokasten haben, folglich nicht ohne sind. Eine Stunde übern Grasweg mit mannshohen Gestrüpp links und rechts. Langeweile. Hier fährt nie ein Traktor, greift der Mensch nie ein, nur der Weg wird regelmäßig gemäht. Den Rest hält eine widerstandsfähige Rinderrasse in Schach. Natur ungefiltert. Was für eine Erlösung, als der Radweg am Bouwdijk auftauchte. Endlich wieder freie Sicht übers Land. Die nächsten 30 Kilometer sollte das so bleiben. Deichwege ohne Ende, nur ohne das Gefühl am Meer zu sein. Mal zugewachsen, mal vom Bauer so unmissverständlich mit dicker Kette, einem Schloss und zerstörter Übersteighilfe blockiert, dass ich freiwillig auf das selten fehlende Teersträßchen daneben ausgewichen bin.
    Ein langer langer Weg der nicht enden wollte, der von Herkingen über den Deich bis zum Grevelingendam. Schon wieder ein langer Weg, ein noch viel längerer, zunächst in einer sanften Linkskurve, dann in einer unendlichen Rechtskurve über den Philipsdam. Immer neben der N257, die kaum befahren wurde.

    Diederikse Zeedijk

    Die Qual der Wahl oder die Wahl der Qual? Oben auf der grasbewachsenen Deichkrone verläuft der Deltapad. Eine Spur ist im hohen Gras nicht zu erkennen, einzig die Markierung sorgt für Gewissheit, auf einem Wanderweg zu sein. Der Weg durch das hohe Gras ist anstrengend. Und immer wieder Zäune, die zu überklettern sind, schwere Gatter, deren Verschlüsse oft saumäßig klemmen. Seit geraumer Weile begleitet ein schmaler, verlassen wirkender Radweg den niedrigen Deich. Freie Fahrt für Radfahrer. Verführerisch. Hinunter auf dem Beton!



    Eine Gruppe holländischer Rentner hatte mich auf dem Philipsdam angesprochen. Die waren mit dem Rad unterwegs. Eine Frau sogar mit einen Elektrofahrrad, womit sie allen Männer an der kaum wahrnehmbaren Steigung davonzogen war. Sie machten an einem der vielen Rastplätze Pause. Woher und wohin? Ei, aus Deutschland, das zu Fuß. Warum hier. E2? Deltapad? Nie gehört. Guten Weg noch, und ich soll mir ein Fahrrad kaufen. Bei der Windrichtung heute, würde der schieben.

    Auf dem allerletzten Kilometern, schon in der Innenstadt von Bergen op Zoom, sprach mich erneut ein Radfahrer an. Ein alter Mann, dem im Gegensatz zu seinen Altersgenossen vom Vortag ohne Frage klar war, dass ich auf dem Deltapad unterwegs war. Eine eher ungewöhnliche Ecke für einen deutschen Wanderer, meinte er, nachdem er mich nach Markierung und Wegverlauf ausgefragt hatte. Der kannte den Weg wie seine Westentasche. Ach so, Wanderer hatte ich keine getroffen, Radfahrer schon, jedoch bei weitem nicht in der erwarteten Masse.

    Klinkerlands Zeedijk

    3000? 4000? Gar 5.000? Aus purer Faulheit habe ich gestern Abend Kohldampf geschoben. Auf dem Zeltplatz gibt es nur Wasser aus der Leitung, und für den Hin- und Rückweg zum Supermarkt war ich zu faul. Jetzt platzt der Rucksack aus allen Nähten und das Gewicht zerrt ungewohnt an den Schultern. Die Trageschlaufen der stabilen Plastiktüte schneiden in meine Hand. Man soll niemals hungrig einkaufen gehen. Das sind mindestens 5.000 Kalorien, die ich aus dem Herkinger Spar Markt schleppe. Ein Glück, dass ich mir keine Gedanken über die Wegwahl machen muss. Unten wie oben ist alles fest.



    Die Campingplatzbetreiber kennen den Weg auch. Weniger auf den Plätzen entlang der Küste, diese rekrutieren ihre Gäste aus den nicht enden wollenden Zahl der Dauercamper und der Urlauber. Es sind eher die Platzbetreiber am Südzweig des Deltapads, bei denen Wanderer auffallen. Angeblich hält der letzte Platz vor Bergen op Zoom in Nieuw Vossemeer extra für Wanderer mit Zelt ein einziges kleines Plätzchen frei. Diese Version wollten mir die Dauercamper auf dem Platz weismachen, als ich auf der Miniparzelle zwischen ihren „Holzzelten“ mein Zelt aufgebaut und meine Wäsche zum Trocknen über Nachbars Zaun gehängt hatte. Meine Vermutung, dass die Platzleitung für das 3 mal 4 Meter Parzellchen keinen Pächter findet, dürfte den Nagel auf den Kopf treffen.

    Jachthaven Battenoord

    Träge dümpeln die kleinen Sportboote im winzigen Hafen von Battenoord. Kein Windhauch streicht über die Boote, die sich im glatten Wasser spiegeln. An einem der Segelboote schlägt ganz leise eine lose Fallleine gegen den Mast. Kaum vernehmbar gluckert das Wasser am Rumpf der geklinkerten Boote. Vorne, am Gästesteg, macht ein Mann mit ruhigen, besonnenen Handgriffen sein Boot fürs baldige Auslaufen klar. Ein gelber Transporter biegt auf den Parkplatz ein. Noch bevor der Motor erstirbt werden beide Türen geöffnet. Handwerker bei der Frühstückspause. Laute Musik dröhnt über den Hafen. Vorbei.



    Der Kocher ist die vier Tage im Rucksack geblieben. Kaffee und das sehr gut komprimierbare holländische Brot gibt es an jeder Ecke. Und gegessen wurde, was es am Wegrand gab. Mal Fisch, dann wieder diese holländisch-belgische Errungenschaft namens Frikandel. Frikandel normaal, Frikandel speciaal, Frikandel javanese, alles flämische Spezialitäten aus gemahlenem Fleisch, Gewürzen und Geschmacksverstärkern. Mit einer großen Portion Pommes, Mayo und Ketchup und eine Literflasche Wasser rutscht die faltige, nach Plastik und allen Genlaboren der Welt aussehende Wurst sogar den Hals runter.

    In der nordbrabantischen Stadt, kurz vor der Grenze zu Belgien, war nach 120 km und 4 Wandertagen Schluss. Eigentlich ein wenig zu schnell, dann wiederum nicht, denn ursprünglich sollte es noch ein paar Wochen weiter nach Süden gehen. Leider hatte mir die Gesundheit einen kleinen Streich gespielt. Aber was nicht ist, kann man schließlich nachholen.
    Geändert von Werner Hohn (01.01.2016 um 13:38 Uhr) Grund: Reiseart dazu.

  2. AW: [NL] Auf dem Deltapad durch Holland

    #2
    Sehr schöner Bericht von einem mir bisher vollkommen unbekanntem Weg
    "Act like a horse. Be dumb. Just run."

  3. Meister-Hobonaut Alter Hase
    Avatar von Harry
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    AW: [NL] Auf dem Deltapad durch Holland

    #3
    Netter Reisebericht.
    Wie ist denn jetzt dein Fazit.
    Niederlande und wandern?
    Gruß Harry.
    Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen. (Johann Wolfgang von Goethe)

  4. AW: [NL] Auf dem Deltapad durch Holland

    #4
    Zitat Zitat von Flachzange Beitrag anzeigen
    Sehr schöner Bericht von einem mir bisher vollkommen unbekanntem Weg
    Danke. Für unbekannte Wege scheine ich ein Händchen zu haben.


    Zitat Zitat von Harry Beitrag anzeigen
    Netter Reisebericht.
    Wie ist denn jetzt dein Fazit.
    Niederlande und wandern?
    Tja, Harry ... hmm

    Abschließend lässt sich das noch nicht beurteilen, denn die Holländer haben Wanderwege im Massen. Vermutlich muss ich noch einmal hin, aber dann auf einen anderen Weg.

    Sagen wir es mal so, wenn ich einen Weg empfehlen müsste, wäre der Deltapad nicht dabei. Wenn, dann die Strecke entlang der Küste von Brielle bis nach Sluis an der belgischen Grenze, da ist mehr Natur im Spiel. Die von mir gewählte Variante war etwas eintönig.
    Sehr angenehm waren die Holländer, was auch nicht weiter verwundert, denn ein Mensch mit Rucksack gibt dort immer Anlass für ein Gespräch. Alle 4 Übernachtungen fanden auf Campingplätzen statt. 2-mal wurde ich zum Abendessen in den Wohnwagen oder die "Brettervilla" eingeladen.

    Ein paar Infos übern Deltapad habe ich im Outdoorwiki zusammengetragen.

    Aber mit dem Fahrrad immer!

  5. Dauerbesucher
    Avatar von Solasimon
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    AW: [NL] Auf dem Deltapad durch Holland

    #5
    Ich staune - ein sehr schöner Bericht über einen Weg, der echt interessant ist... weißt du noch von anderen Weitwanderwegen, die direkt am Meer entlang führen?

    Da ich gerade selber am Schreiben bin staune ich auch über die geniale Form mit den kleineren Bildern und dem danebenstehendem Text...
    Ich glaube, da schau ich mir bei dir doch einfach mal was ab.

    Simon

  6. chrischian
    Gast

    AW: [NL] Auf dem Deltapad durch Holland

    #6
    Schöner Bericht () über eine interessante Gegend, aber verdammt flach.

  7. AW: [NL] Auf dem Deltapad durch Holland

    #7
    Zitat Zitat von Solasimon Beitrag anzeigen
    Ich staune - ein sehr schöner Bericht über einen Weg, der echt interessant ist... weißt du noch von anderen Weitwanderwegen, die direkt am Meer entlang führen?
    Da gibt es einige. Der Hollandse Kustpad, oder der GR 5A Noord in Belgien, der GR34 in Frankreich (von den 3en sicherlich der schönste Weg), der GR92 von den Pyrenäen immer entlang der Küste bis fast Valencia (570 km), der Gendarmenpfad in Dänemark und noch viel mehr.

    Zitat Zitat von Solasimon Beitrag anzeigen
    Da ich gerade selber am Schreiben bin staune ich auch über die geniale Form mit den kleineren Bildern und dem danebenstehendem Text...
    Ich glaube, da schau ich mir bei dir doch einfach mal was ab.
    Das mit dem Text neben den Bildern ist nicht auf meinem Mist gewachsen. Dafür habe ich mich bei Pfad-Finders Bericht über die vergebliche Jagd nach der Wolfswarte bedient. Damit es nicht zu sehr nach Ideenklau aussieht, habe ich aber eine kleine Schrift genommen.

    Zitat Zitat von chrischian Beitrag anzeigen
    Schöner Bericht () über eine interessante Gegend, aber verdammt flach.
    Ja, in den letzten Jahren waren wir/war ich viel im Flachland unterwegs. Ich muss aber gestehen, dass ich nach langen Jahren wieder nach Österreich oder in die Schweiz schiele. Mal sehen.

    Werner
    Geändert von Werner Hohn (12.01.2011 um 15:54 Uhr) Grund: Link nachgetragen

  8. AW: [NL] Auf dem Deltapad durch Holland

    #8
    Hey,

    danke für den Bericht, kommt mir sehr gelegen, da ich den Deltapad zum Ausgangspunkt nehmen will, um dem GR5/E2 nach Süden zu folgen in diesem Juni. Markiert wird der Weg ja sicher sehr gut sein, so dass Kartenmaterial nicht zwingend erforderlich ist, oder?

    Vielen Dank

    Peer
    "Vogel fliegt, Fisch schwimmt, Mensch läuft."
    (Emil Zátopek)

  9. Fuchs
    Avatar von Atze1407
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    02.07.2009
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    Da wo die Berge am schönsten sind, in Sachsen.
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    AW: [NL] Auf dem Deltapad durch Holland

    #9
    Ich dachte immer, da gibt es nur Grachten,Boote und Fahrradwege, aber Pfade zum Wandern?

    Danke Werner, für den schönen Bericht und den Fotos. Es ist immer ein Genuss von dir, Reiseberichte lesen zu dürfen.

    Gruß
    Jürgen
    Wenn du den Charakter eines Menschen kennenlernen willst, gib ihm Macht.
    Abraham Lincoln

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