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  1. [ES] Via de la Plata - 1.000 Kilometer Spanien pur (+ Fotos)

    #1
    Mitreisende: Werner Hohn
    Region/Kontinent: Südeuropa
    Land: Spanien
    Reisezeit: Ende Februar bis Ende März 2007


    Warum eigentlich auf die Via de la Plata, auf diese uralte Handels- und Heerstraße über die schon Kelten und Römer, später die Mauren und viel später die Spanier gezogen sind?

    Eroberer, Rückeroberer, Händler, Abenteurer und nicht zuletzt die Kämpfer für den wahren und einzigen Glauben - für welchen Gott auch immer – haben diesen Weg für ihre Zwecke angelegt, ausgebaut, genutzt und beschrieben. Im Mittelalter dann zogen Pilger über diese alte Route nach Santiago de Compostela, zum Grab des Apostels Jakobus.
    Ein Jakobsweg also, wie viele andere in Europa? Nein, denn die großen Pilgerströme hat die Vía de la Plata nie gesehen. Der große Andrang hat sich immer auf die Routen im Norden Spaniens konzentriert, dort war der Weg frei. Das Land im Süden und Westen des spanisch-portugiesischen Teilkontinents durch welches die Via führt, war über Jahrhunderte im Besitz der Mauren und kam somit als natürlicher Pilgerweg nicht in Betracht. Nach der Rückeroberung Spaniens flaute die Pilgerbewegung nach Santiago de Compostela langsam ab und kam schließlich beinahe zum Erliegen. Nur vereinzelt wurden auf der Via de la Plata Pilger gezählt.

    Das hat sich bis zu den heutigen Tagen nicht groß geändert. Während auf dem Camino francés, dem spanischen Pilgerweg, das Zählwerk in guten Jahren die Hunderttausender-Marke locker überspringt, ist auf der Via de la Plata von Massenandrang noch nichts zu spüren und es wird vermutlich so bleiben.
    Vielleicht liegt das an den extremeren klimatischen Bedingungen (besonders im Sommer), auch sind wegen der geringeren Anzahl der Unterkünfte manchmal lange Etappen erforderlich, oder an der mit beinahe 1.000 km um gut und gerne 230 km längeren Gesamtdistanz, und nicht zuletzt mag die sehr einsame und oft raue Region nahe der Grenze zu Portugal viele Wanderer/Pilger davon abhalten sich auf diesen Jakobsweg zu begeben. Möglich ist aber auch das es einen ganz profanen Grund gibt: vielleicht ist die Vía de la Plata nicht „in“.

    Warum also? Genau aus diesen Gründen. Und in Zeiten des Massentourismus war ich auf der Suche nach dem ursprünglichen Spanien, oder einer Ecke Spaniens, die sich noch nicht des Profit willens so weit nach den Vorstellungen der Urlauber verbogen hat, dass sie austauschbar geworden ist.
    Ein Land wie es Norman Lewis in „Die Stimmen des alten Meeres“ und ganz besonders Cees Nooteboom in seinen Reisegeschichten „Der Umweg nach Santiago“ (kein Pilgerbuch) beschreiben. Auf der Vía de la Plata, auf dieser alten, unmodernen und dank neuer Medien wieder bekannten Pilgerroute, hoffte ich das alles zu finden.

    Zudem ist die Strecke mit knapp 1.000 Kilometer lang genug um mindestens 4 Wochen unterwegs zu sein. Klimatisch passt dieser Jakobsweg auch wunderbar. Wenn es auch noch sehr früh im Jahr war (Februar 2007), auf ausgiebige Schneefälle wollte ich mich nicht einstellen – obwohl, es hat schon Jahre gegeben, in denen wegen Schnee ein Weiterkommen auf der Via nicht möglich war. Meine Hauptsorge galt dem Regen, genauer dem Dauerregen, denn irgendwann regnet es auch in einem der trockensten Regionen Europas. Laut Wetteraufzeichnungen leider im Februar und März.



    Quelle für die Karte: Spanische Wikipedia, Verlauf von mir

    Alle Namen (bis auf Martín) sind geändert.

    Andalusien

    1. Tag: Sonntag, 25. Februar 2007 Anreise und Premiere
    Etappe: keine
    Tageskilometer: 0 Gesamtkilometer: 0


    Sevilla - Das Erbe maurischer Kultur, Die Mauer des Palast Reales Alcázares

    Um es kurz zu machen: Mit Air Berlin von Köln-Bonn über Mallorca nach Sevilla. Dank frühem Flug komme ich schon gegen Mittag in Sevilla an. Die Flughafenhalle kann mit ihrer Größe und Baustil mit jedem deutschen Kleinstadtbahnhof konkurrieren. Dafür dreht mein Rucksack schon Kreise auf dem Gepäckband. Erst mal umschauen wie wir in die Stadt kommen und einen Stadtplan besorgen.

    Wir? Ja, ich habe mich zum ersten Mal für so eine Tour mit jemanden verabredet, den ich nicht kenne. Michael, nicht ganz 30 Jahre alt und nach handwerklicher Ausbildung nun Student, und ich haben uns übers Internet verabredet. Zufällig reisen wir am gleichen Tag an.
    Das reicht aus um die ersten Tage auf der Via gemeinsam anzugehen. Als eingefleischter Alleinwanderer oder wenn doch, dann mit meiner Frau, bin ich mal gespannt wer da kommt. Mit fast 50 Jahren bin ich 20 Jahre älter – mal sehen, wie es ausgehen wird.

    Es kommt ein großer, sogar sehr großer Mann. Neuer Rucksack, neue Wanderhose, so gut wie neue Wanderschuhe, neuer Pilgerführer und einen neuen noch jungfräulichen Pilgerausweis hat er dabei. Wandererfahrung (wenn man von den kurzen Spaziergängen zum Einlaufen der Schuhe absieht) hat er keine, dafür den Willen diesen Weg bis zum Ende zu gehen und eine gute Portion Optimismus. Weil er auch bis Ostern durch sein muss (das Studium geht weiter), passt es auch in dieser Hinsicht.

    Mit dem Bus fahren wir in die Stadt und zu Fuß weiter zur Jugendherberge. Unzählige Orangenbäume, die hier wie Unkraut am Straßenrand und in den Parks stehen, hängen voll reifer Früchte. Uns ergeht es wie wohl den meisten Leuten aus den kühleren Regionen Europas: Ob man die essen kann? Obwohl überreif, essen sollte man die nicht, so deuten wir die Geste eines Passanten, als Michael sich eine Orange pflücken will. Später erfahre ich, dass der überwiegende Teil der Orangen dieser Region nicht für den Verzehr geeignet sind. Die Lebensmittel- und Pharmaindustrie (u. a. Vitamin C in konzentrierter Form) sollen die Hauptabnehmer der Früchte sein.

    Zum Glück ist die Jugendherberge nicht voll, denn obwohl Michael gebucht hat, liegt keine Reservierung vor. Auf mein Glück bauend, bin ich ohne Reservierung angereist. Man findet immer was. In der Not tut’s auch ’ne Absteige. Die Jugendherberge gehört aber zu den besseren Häusern dieser Art.

    Nachmittags ist Stadtbesichtigung angesagt. Zudem wollen wir schon den ersten Kilometer der Via de la Plata hinter uns bringen. Morgen früh können wir dann direkt zum Stadtrand gehen und ohne Umweg die Wanderung nach Norden beginnen. Kurzer Blick in den Stadtplan und dann los. Alles kein Problem. Nur die Sonne, die steht da, wo sie um diese Uhrzeit, bei der Gehrichtung nicht stehen sollte. In der richtigen Annahme, dass sich wegen uns der Lauf der Gestirne nicht geändert hat, stellen wir fest, dass wir uns verlaufen haben. Weil ich mir die Navigation durch die Stadt untern Nagel gerissen hab’ („ ... als Ex-Segler und Vielautofahrer kein Problem!“) schaue ich mir das Blatt mal genauer an. Stimmt doch alles, bis ich den Nordpfeil entdecke. Die Karte ist nicht nach Norden ausgerichtet. Wir schaffen’s dann doch noch zur Altstadt. Mit einen stilgerechten Menü bei der amerikanischen Bulettenbude mit dem großen ‚M’ im Namen, eröffnen wir die kulinarischen Wochen, die vor uns liegen.

    Danach geht es in die Altstadt. Weil Sonntag und dazu der Tag sich mittlerweile dem Abend nähert, ist beinahe alles geschlossen. Uns steht eh nicht der Sinn nach Museumsbesuchen und Kultur. Nachdem wir die Das-muss-man-gesehen-haben! abgehakt haben, geht’s auf die Suche nach den gelben Pfeilen, der Markierung der Via der la Plata. Wir werden noch unzählige sehen, aber der erste Pfeil ist ein Muss. Weil das Westportal der Kathedrale wegen Bauarbeiten nicht zugänglich ist (hier nimmt die Vía ihren Anfang) finden wir die erste Markierung an einem Laternenpfahl. Versteckt zwischen allerlei Zettel sind wir mehrmals daran vorbeigelaufen. Jetzt gibt es nur noch eins: den Pfeilen hinterher bis zur Brücke am Rio Guadalquivir, den wir morgen überqueren werden. Wir sind uns einig, dass auch das sein muss. Wenn schon die kompletten 1.000 Kilometer bis nach Santiago de Compostela, dann auch die ersten 1.000 Meter in der Innenstadt von Sevilla. Wir wollen noch einen Stempel der Kathedrale für unsere Pilgerausweise. Leider findet gerade ein Gottesdienst statt. Den Stempel sollen wir uns nach dessen Ende holen. Ein Stempel der Jugendherberge tut es auch, beschließen wir und machen uns auf den Rückweg.

    Duschen, noch etwas quatschen und beschnuppern, dann ins Bett – das war der erste Tag. „Eigentlich nicht schlecht“, so mein erstes Resümee.

    2. Tag: Montag, 26. Februar 2007 Endlich unterwegs!
    Etappe: Sevilla – Guillena
    Tageskilometer: 25 Gesamtkilometer: 25


    Hinter Santiponce, Die Furt vor Guillena

    Wie jedes spanische Frühstück, auch das in der Jugendherberge ist bis auf den Kaffee nicht der Rede wert. Brot aus dem Toaster, Marmelade, süßes Törtchen und Butter – das war’s.
    Noch mal ein kritischer Blick in den Rucksack, dann geht es endlich los. Immer am Ufer des Rio Guadalquivir entlang eilen wir der Brücke entgegen. Wir eilen wirklich. Mich treibt die Vorfreude auf die kommenden Wochen. Noch mehr treibt Michaels unglaubliche Schrittlänge, die, zusammen mit seinem schnellen Schritt, mich beinahe ans Fliegen bringt. Wenn ausreichend Pausen gemacht werden, stört es mich eigentlich nicht. Wir gehen mindestens 6 Kilometer in der Stunde. Weil er aus Gewohnheit nicht anders gehen kann, wird er es wohl durchhalten. 1.000 km geteilt durch 6, schon auf den ersten Metern fange ich mit dem Rechnen an …

    Am Flussufer vor der Brücke hausen Obdachlose in Zelten und aus Sperrmüll gebauten Hütten. Auf den ersten Blick idyllisch, der zweite wirft Fragen auf von was die hier in Spanien leben? Der Tagesatz für Obdachlose ohne festen Wohnsitz wie bei uns in Deutschland, wird in Spanien unbekannt sein. Oder rekrutieren die andalusischen Großgrundbesitzer aus dieser Gruppe einen Teil ihrer Saisonkräfte? Größere Lager dieser Art habe ich schon vor Jahren zwischen den unendlichen Plastikgewächshäusern rund um Almeria an der Mittelmeerküste gesehen. Dort hausten illegale afrikanische Emigranten die, weil erpressbar und ohne fürsorgende Hand, für einen Hungerlohn dafür sorgten, dass in den wohlhabenden Regionen Europas billiges Gemüse auf den Tisch kommt. Nach Unruhen Ende der neunziger Jahre hat sich deren Situation zum Glück etwas verbessert. Schon an der Brücke habe ich den Gedanken an diese Problematik wieder verdrängt. Die Vorfreude auf die Wanderung überwiegt.

    Michael braucht noch Geld. Während er sich am Geldautomaten vergnügt, fällt mir ein älter Mann mit einem kleinen Lederrucksack auf. Na, der wird doch wohl nicht? Ein kleines gelbes Buch (Wegführer aus dem Outdoorverlag) in seiner Hand sagt mir, dass er auch auf dem Weg ist. Es handelt sich um einen Holländer, der die Via de Plata gehen will. Er braucht nur noch einen Pilgerstempel aus einer nahen Bar. Zusammen mit seiner Frau hat er sich in einem Hotel in der Nähe einquartiert, und geht die ersten Etappen als Tagesetappen. Nach drei Tagen wird seine Frau zurück fliegen, und er wird mit einem großen Rucksack unterwegs sein. Angeblich ist er schon zu Fuß von Bonn nach Rom und von Holland nach Santiago de Compostela gegangen. Ich glaub’ ihm kein Wort. Er sieht eher nach einem Stempeljäger aus, der in der Heimat damit angeben will, dass er auf der Via de la Plata unterwegs war. Michael ist da anderer Meinung.

    Die Vorstädte von Sevilla reißen uns nicht zu Stürmen der Begeisterung hin. Aus der Ferne grüßt das Gelände der Expo ’92 (Weltausstellung). Von der Brücke über dem schiffbaren Seitenkanal des Rio Guadalquivir sieht es so aus, als würden die ehemaligen Austellungsbebäude langsam verfallen. Als Angler fällt Michael sofort auf, dass es im Kanal Ebbe und Flut gibt. Wir sind etwas erstaunt. So weit im Inland? Bis uns einfällt, dass Sevilla im Mittelalter einen bedeutenden Hafen mit Anschluss an den Atlantik besaß, von dem ein Großteil der Schiffe ausliefen ohne die die Eroberung Lateinamerikas höchstwahrscheinlich anderes verlaufen wäre. Heute hat der Fluss seine Mündung weit in den Atlantik vorgeschoben. In der Stadt hatte ich nie das Gefühl in einer Hafenstadt zu sein, obwohl die Ladekräne sichtbar waren, denke ich auf der Brücke.

    Viel wichtiger ist jedoch, dass sich das Gefühl des Unterwegsseins einstellt. Meist dauert es einige Tage bis dieses ungewohnte Gefühl da ist. Heute ist es schon am ersten Tag da. Es ist mehr als Freude und gute Laune. Ein innerliches Vibrieren, eine freudige Anspannung auf das Neue, Unbekannte, auf das was alles in den kommenden Wochen passieren wird. Das Alltagsleben, bestimmt von bürgerlichen Vorstellungen, von Banken und Versicherungen, von der Straßenverkehrsordnung, von der fälligen Reparatur am Auto, dem Wohlergehen der erwachsenen Kinder (die können ganz gut für sich sorgen), der Alltagspolitik, das alles wird nach wenigen Tagen bei mir zur Nebensache, das meiste belanglos. Wenige, dafür um so wichtigere Dingen treten in den Vordergrund. Wie wird das Wetter? Wie ist der Weg? Wo gibt es was zu essen? Wo schlafe ich heute Nacht? Mehr brauche ich nicht. Genug Zeit und Raum für andere Gedanken, Wünsche, Träume und Hoffnungen. Meditatives Gehen, neben der Lust an der Bewegung, der sportlichen Herausforderung und dem Kennenlernen neuer Menschen und Länder, sind einige der Gründe, die mich immer wieder auf lange Wege treibt.

    Bis hinter Santiponce ziehen sich die Vororte. Hier empfehlen beide Wanderführer den Besuch der Ruinenstadt Itálica. Wie in allen Ausgrabungsstädten des untergegangen römischen Imperiums gibt es auch hier Steine zu sehen. Und wie so oft soll die Größe des Amphitheaters (hier 25.000) die ehemalige Bedeutung der Stadt dokumentieren. Dass hier zusätzlich noch zwei bedeutende römische Kaiser geboren wurden, kann uns auch nicht zu einem Besuch bewegen. Wir wollen bis zum Nachmittag in Guillena sein. Und hinter Santiponce soll endlich der Abschnitt durch die Städte und Dörfer hinter uns liegen. Ackerland und Ackerwege versprechen die Bücher. Ein klein bisschen Abenteuer soll es auch noch geben.

    Bücher lügen nicht. Wie versprochen haben wir nun endlich breite Ackerwege unter den Füßen. Kein Verkehr, kein Lärm, auch keine Kurve. Immer geradeaus durch welliges Gelände. Um diese frühe Jahreszeit ist noch nicht erkennbar was hier in wenigen Wochen wachsen wird. Schnell gehen muss es auf alle Fälle. Im Sommer wird das hier alles verbrannte Erde sein. Bewässerungsanlagen sind jedenfalls nicht zu sehen, oder noch nicht.
    Irgendwann kommt das versprochene kleine Abenteuer. Ein Furt muss überquert werden. Im Sommer kann man hier höchstwahrscheinlich trockenen Fußes durch gehen. Jetzt steht das Wasser bedeutend höher, wie hoch können wir wegen der trüben Brühe nicht erkennen. Wenn wir hier durch wollen, muss die Hose auf jeden Fall runter. Erstmal umsehen. 50 Meter weiter rechts wächst ein Baum so schräg übers Wasser, dass wir da, gelenkig wie wir sind, ohne große Umstände auf die andere Seite kommen.

    Nachmittags treffen wir in Guillena ein. Der erste Weg führt zum einzigen Hostal. Alles voll, nix zu machen, lautet die freundliche Auskunft die wir am Tresen erhalten. Also Notunterkunft. Der zweite Weg führt uns ins Rathaus und der dritte zur Policía Local. Hier gibt es den ersten Stempel. Ungefragt drücken uns die Jungs den in den Pilgerausweis. Die kennen das überhaupt nicht anders. Wenn man den nicht haben will, wird man wohl in die Analen der Polizeistation eingehen. Später auf dem Weg sollte ich das noch öfter feststellen. Die Verbindung Mensch, Rucksack, Unterkunft, lies fast jeden zum Stempelkissen greifen.

    Die Männer schließen uns die Notunterkunft auf. Im Pilgerführer steht was von der Sporthalle. Das man im Umkleideraum schlafen muss wird nirgends erwähnt. Für zwei Wanderer reicht der Platz aus, dass wir keinen Klo haben ist das einzige Manko. Die Polizisten können den Schlüssel nicht finden. Fürs kleine Geschäft ist das kein Problem. Aber das andere ... hinter den Büschen am Sportplatz? Die Bar fällt jedenfalls aus. Die macht früh zu.

    Bei der Suche nach einem Lebensmittelladen treffe ich noch zwei Männer mit Rucksack. Hubert (69) und Marco (Anfang 40), Vater und Sohn kommen aus Belgien. Der Vater ist, wie wir bald erfahren, aus religiösen Gründen auf der Via unterwegs, der Sohn nimmt es eher sportlich. Die beiden gehen bis Salamanca. Für mehr reicht die Zeit nicht.
    Wir gehen erstmal auf ein Bier oder Kaffee in eine Bar. Ohne dass wir es wollen, werden wir von einem Liebhaber des Stierkampfs in eine Diskussion verwickelt. Obwohl niemand von uns etwas gegen den Stierkampf gesagt hat, fängt der Spanier an, das Töten der Tiere aus Spaß zu verteidigen. Er verdient sein Geld als Fotograf. Unter anderem mit Bildern von den Stierkämpfen. Dem Spanier muss das ewige Meckern am Volksvergnügen ja mächtig an die Nieren gehen, wenn er es schon im Voraus verteidigt. Mir ist die Sache mit dem Stierkampf egal. Die mitteleuropäische Massentierhandlung ist auch nicht humaner.

    Zum Abendessen in der Notunterkunft gibt es ein Livespiel der alten Herren auf dem angrenzenden Sportplatz bei Flutlicht. Etwas eng geworden ist es jetzt doch im Umkleideraum. Zum Glück hat Marco den Schlüssel für den Toilettenraum organisieren können. Die erste Etappe fordert ihren Tribut: Wir schlafen alle wie ein Stein.


    3. Tag: Dienstag, 27. Februar 2007 Die erste Pilgerherberge
    Etappe: Guillena – Castilblanco de los Arroyos
    Tageskilometer: 18 Gesamtkilometer: 43


    Dehesa, Störche auf dem Kirchturm von Castilblanco de los Arroyos

    Schon früh sind wir alle wach. Die erste Nacht von vielen, hoffe ich. Schlecht geschlafen habe ich nicht. Einzig das Lattenrost der Sitzbank, die als Bett erhalten musste, hat für eine Druckstelle gesorgt. Mich wundert, dass ich davon nicht wach geworden bin. Es tut richtig weh.
    Nebenan schiebt der Wirt laut scheppernd das Gitter der Bar zur Seite. Für uns das Signal zum Kaffee. Herrlich! An der Theke hocken Männer vor einer Tasse Kaffee und warten auf den Bus, der sie zur Arbeit bringen wird. Michael und ich warten darauf, dass die beiden Belgier ihr ausgiebiges Frühstück beenden und dann geht es los.

    Die heutige Etappe ist mit 18 km einigermaßen kurz, man könnte auch mittags starten. Aus einem unerfindlichen Grund haben wir es denoch eilig. Wir starten gemeinsam, aber Michael und ich lassen schon nach wenigen Metern Vater und Sohn hinter uns. Die für uns noch ungewohnten Kakteen, die zwischen Ort und Gewerbegebiet den Weg begrenzen, lockern das etwas langweilige Bild auf. Also wenn man jetzt auf der Stelle mal ganz dringend hinter die Büsche müsste, das dürfte Probleme geben! Dass der Weg anfangs nicht besonders schön ist, stört uns weiter nicht. Das wir den ersten Tag ohne Schwierigkeiten gemeistert haben, und die Freude am Unterwegssein macht das wett. Hinter einer schmuddeligen Gewerbehalle, aus der ein widerlicher Gestank dringt, wird auch die Umgebung besser.

    Zudem steht die erste nennenswerte Steigung seit Sevilla an. Wir gehen durch eine noch junge Olivenbaumplantage. Ohne die schwarzen Wasserleitungen, die tatsächlich jeden Baum bewässern, hätte die Anpflanzung schon den ersten Sommer nicht überlebt. Die Zahl der Olivenbäume geht in die Tausende. An jeder Parzelle gibt ein kleines Schild Auskunft über die Anzahl der Bäume und die Sorte.

    Am Gatter einer privaten Dehesa (beweidete Eichenlandschaft) ändert sich der Bewuchs schlagartig. Um uns sind grüne Wiesen, unter Korkeichen grasen Kühe und Kälber. An den Rändern kleiner Bäche und Tümpel wuchern Gräser und Sträucher um die Wette. Im Gegenlicht der Morgensonne wirkt die noch taunasse Hügellandschaft, als hätte sie jemand gerade erst erschaffen.
    Wegen der ständigen Beweidung wirken viele Dehesas wie eine große Parklandschaft. Die Steineichen stehen in einem so großen Abstand, dass sich darunter eine geschlossene Wiesenlandschaft ausbreiten kann. Die Kühe, in Andalusien und der Extremadura sind es oft auch Schweine, verhindern das Hochkommen neuer Bäume und Sträucher. Im Sommer leiden auch die Dehesas unter der Gluthitze Südspaniens, dann ist alles braun und verbrannt. Jetzt aber, ganz früh im Jahr, ist noch alles grün. Vom bevorstehenden Wassermangel ist noch nichts zu sehen. Wie alle Paradiese, ist auch dieses endlich. Wir müssen auf eine Landstraße, die uns nach Castilblanco de los Arroyos bringt.

    Den Schlüssel für die Herberge gibt es an der Tankstelle, in der Herberge knöpft und eine freundliche Frau 2 Euro für die Übernachtung ab und trägt die Nummern unserer Pässe ein. Für uns ist das alles noch ungewohnt. Wenn’s weiter so einfach ist eine Unterkunft zu finden, werde ich dabei bleiben, beschließe ich. Hin und wieder wollte ich auch mal in einem Hotel übernachten, so war meine Vorplanung. Und wenn es mal gar keine Übernachtungsmöglichkeit geben sollte, na ja, für diese Fälle ist ein Zelt im Rucksack. Wenn’s aber immer so einfach ist eine Pilgerherberge zu finden, wird das im Packsack bleiben.

    Das ist sie also: meine erste richtige Pilgerherberge, nicht so eine Notunterkunft wie letzte Nacht. Ganz schön groß, relativ sauber, zwei Duschen, eine große Terrasse und ein richtiges Pilgerbuch.
    Nach dem Duschen wird das durchgeackert. Ob es daran liegt das hier das erste Buch der Via ausliegt? Die Leute sind sehr mitteilsam. Viele lassen sich seitenlang über die ersten zwei Tage auf der Via oder über ihre Beweggründe aus. Wer gut zeichnen kann, hinterlässt ein Bild vom Weg (auf ein paar kann ich die Dehesa wiedererkennen) oder sogar einen kurzen Comic. Viele klagen übers Wetter: Im Frühjahr und Herbst über sintflutartigen Regen, der, wie man den Schilderungen entnehmen kann, meist über Tage anhält, oder über die Hitze im Sommer. Andere wiederum klagen über die Einsamkeit. Gestartet wie wir (oder sogar im Winter) also außerhalb der „Saison“, die auf der Via de la Plata um Ostern beginnt, fehlt es schon am zweiten Tag an Gesprächspartnern.

    Als wir nach der Dorfbesichtigung wieder in der Herberge eintrudeln, sind auch die Belgier da. Weil es eine so schöne und auch kurze Etappe war, haben die gleich vier Pausen gemacht. Marco und Hubert kommen dann ins Erzählen. Hubert ist im letzten Jahr den ganzen Camino francés gegangen. 5 Wochen war er unterwegs. Beachtlich für einen Mann von 69 Jahren. Die Via möchte er nicht alleine gehen. Deshalb ist sein Sohn Marco dabei. Da dessen Urlaub begrenzt ist, reicht es nur für die Hälfte der Strecke. 2008 soll der Rest bis Santiago folgen. Bevor er 70 wird, möchte er noch mal da gewesen sein.

    Abends gehen wir alle in eine Bar. Wie es sich für Mitteleuropäer gehört, stehen wir schon kurz nach 19 Uhr im Lokal. Keine Chance! Vor 21 Uhr gibt es nichts Warmes aus der Küche. Wir begnügen uns mit den kalten Häppchen aus der Theke.

    Bei der Rückkehr in die Unterkunft treffen wir auf den fünften Pilger oder Wanderer. Martín, so stellt er schnell klar, ist als Wanderer, der aber auf die Compostela scharf ist, unterwegs. Im Schnelldurchgang tauschen wir unsere persönlichen „Daten“ aus. Woher? Wie lange unterwegs? Bis Santiago oder nicht? Mit wem unterwegs? Martín wurde in Guillena die Unterkunft verweigert. Das Hostal war immer noch voll und die Polizei hat sich geweigert die Notunterkunft zu öffnen. Gezwungenermaßen hat er eine Etappe von 43 km machen müssen. Nicht schlecht für den ersten Tag! Schlecht für seine Füße. Vier dicke Blasen, zwei davon unter den Fußsohlen, lassen ihn mehr kriechen als gehen. Das Martín spätestens nach zwei Tagen aufgeben wird, halte ich im Stillen für ausgemacht, und freue mich ein ganz klein wenig darüber, denn Martín schnarcht.
    Geändert von Werner Hohn (07.06.2012 um 22:58 Uhr) Grund: Bild neu hochgeladen

  2. Fuchs
    Avatar von Fernwanderer
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    #2
    Wann gehts weiter?
    Die spannenderen Etappen kommen ja wohl noch oder?

    Grüße
    Fernwanderer
    In der Ruhe liegt die Kraft

  3. #3
    Hallo Fernwanderer,

    wenn du auf Blasen, 50-km Etappen und Strecken durch die Berge wartest, dann wird's noch was dauern. Im Augenblick bin ich total verplant und in zwei Wochen geht's in den Urlaub nach Frankreich. Bis dahin will ich hier die 200-km Marke gerissen haben.
    Parallel zum Tagebuch wartet auch noch der Wiki-Artikel darauf das er fertig wird.

    Und viel wichtiger: Ich muss mich endlich mal kürzer fassen! Bei 1.000 km endet das sonst im Unendlichen.

    Gruß, Werner

  4. #4
    @Werner:
    Hier ist doch genug Platz, deswegen brauchst du dich nicht kürzer fassen. Aber mir ist klar, daß die ausführliche Variante eine riesige Menge Zeit zum Schreiben verschlingt(deswegen verstehe ich es, wenn du "abkürzt").

    Auf jeden Fall hast du mein Interesse geweckt und einen weiteren Leser dazugewonnen!

    Rajiv
    Ich wünscht' ich wär ein Elefant,
    dann wollt ich jubeln laut,
    mir ist es nicht ums Elfenbein,
    nur um die dicke Haut.

  5. #5
    4. Tag: Mittwoch, 28. Februar 2007 Warum ist der Kerl mit den Blasen vor uns da?
    Etappe: Castilblanco de los Arroyos – Almadén de la Plata
    Tageskilometer: 30 Gesamtkilometer: 73


    Landstraße hinter Castilblanco de los Arroyos, Im Naturpark El Berrocal

    30 km versprechen alle Wegbeschreibungen (der spanische ist mit 500 m weniger etwas geiziger) für die heutige Etappe. Das bedeutet mal wieder frühes Aufstehen. Michael klebt sich vorsorglich seine Fersen ab. Die ersten Druck- und Scheuerstellen machen sich nun doch bemerkbar. Martín sticht sich kurzerhand mit dem Korkenzieher seines Taschenmessers die Blasen auf. Jod drüber und Pflaster drauf, die spanische Methode!
    Bei den Belgiern gibt es wie jeden Morgen zuerst noch ein Frühstück mit Marmelade aus dem Glas. Bei dem Gedanken an das spezifische Gewicht von Glas tun mit vorsorglich die Schultern weh. Auf ein ausgiebiges Frühstück, das nach 2 Stunden seine Verlängerung erfährt, wollen beide nicht verzichten. Obwohl Vater und Sohn ohne Zelt unterwegs sind, wiegen ihre Rucksäcke bedeutend mehr als unsere. Der eine schleppt das Essen, der andere den Kocher, die Töpfe und eine Spiegelreflexkamera mit 40 Diafilmen.

    Gemeinsam geht es schon sehr früh los. Die erste Hälfte der Strecke ist Landstraße auf der sich schon nach wenigen Minuten die kleine Wandergesellschaft auseinander zieht. Michael und ich vorneweg, gefolgt von Martín der trotz Blasen gut mithalten kann, hintendran die Belgier. Nach gut 2 Stunden machen Michael und ich die erste Pause. Wenige Minuten später ist der Spanier auch schon da! Noch ein paar Minuten später zieht das Team aus Belgien an uns vorbei! Bei dem Tempo, das wir beide vorlegen, wundert uns das doch sehr. Am Eingang zum Naturpark (endlich ohne Landstraße) ziehen wir wieder mit den Belgiern gleich, die sich aber zum zweiten Frühstück niederlassen. Endlich wieder in Führung. Am alten Gutshof machen auch wir unsere Pause. Wer zieht erneut an uns vorbei? Martín mit den kaputten Füßen! Den haben wir zwar schnell wieder eingeholt, aber immer wenn wir eine Pause machen, holt er uns wieder ein. Erstaunlich, besonders wenn man bedenkt, dass er ausgesprochen langsam geht. Meist gehen wir dann ein kurzes Stück gemeinsam, für ein längeres Stück reicht es nicht. Er geht uns viel, viel zu langsam.

    Seit Verlassen der Landstraße sind wir im Naturpark El Berrocal unterwegs. Kleine Sträßchen und Wege, manchmal auch ein zugewachsener Wiesenpfad, ein Turm für den Feuermelder, ein kleiner etwas abseits liegender See, Bäche die Wasser führen, grüne Wiesen - kurz Andalusien wie ich es noch nicht gesehen habe. In wenigen Wochen wird das Land hier so aussehen wie ich es in Erinnerung hatte: braun und verbrannt. Noch aber blühen sogar Feld- und Wiesenblumen.

    Martín holt uns bei der fälligen Pause am Fuß des kurzen aber steilen Anstiegs, der uns von Almadén de la Plata trennt, zum letzten Mal ein. Er wird die Führung für heute nicht mehr abgeben. Wir machen mal wieder Pause. Unser hohes Gehtempo macht sich so nicht bezahlt, denke ich.

    Im Ort treffen wir auf den Vorstand der Asociación de Amigos del Camino de Santiago Via de la Plata, die Freunde der Via de la Plata. Noch sind meine lange verschütteten Spanischkenntnisse (es ist eh nur ein Grundwortschatz) nicht wieder zum Leben erweckt. Zu unserem Glück und zur Freude der Spanierinnen vom Verein (es sind nur Frauen in den Autos) ist eine Englischlehrerin darunter. Die erklärt uns zuerst den Weg zur Herberge und dann den Anlass, der sie in dieses Nest verschlagen hat. Jedes Jahr um diese Zeit fährt der Vorstand aus Sevilla hierher, um an der Stelle, an der der Gründer des Vereins gestorben ist Blumen niederzulegen.

    José Luis Salvador, so sein Name, war der Mann der in jahrelanger, geduldiger Kleinarbeit seine Idee von der Wiederbelebung der Via de la Plata als Pilgerweg am Leben hielt und letztendlich wahr werden ließ. Gegen Widerstände vieler Landbesitzer und Kommunen fand er einen gehbaren Weg nach Norden. Er malte die ersten gelben Pfeile auf die sich noch heute alle verlassen, und er starb beim Malen eines gelben Pfeils an einem Herzinfarkt.

    Warum wird dieser Mann in keinem deutschsprachigen Pilgerführer erwähnt? Und warum ebenfalls nicht, dass diese Bücher auf dem Originalhandbuch des Vereins zur Vía aufbauen? Ein deutscher Autor hat mit Sicherheit nicht den Weg ausgetüftelt.

    Frisch geduscht sitzt Martin schon vor der Herberge. Anmelden, Stempel holen, den kleinen Obolus entrichten, unter die Dusche und Wäsche waschen. Routine stellt sich ein. Später trudeln auch die Belgier ein.
    Vor 21 Uhr gibt es mal wieder kein Abendessen, für uns zu spät. Der kleine Lebensmittelladen freut sich über ein gar nicht so kleines Zusatzgeschäft, und wir stellen zum ersten Mal fürs gemeinsame Abendessen die Stühle vor die Herberge in die Sonne.

    Martín will wissen wie weit wir am nächsten Tag gehen wollen. Auf seine Füße zeigend ist ihm sehr an einer kurzen Strecke gelegen. In El Real de la Jara gibt es eine Herberge, meint er. Das wissen wir anderen auch. 16 km sind uns zu wenig für den Anfang. Michael hat zwar nun auch die erste Blase an der Ferse, kommt aber sehr gut damit klar. Die Belgier wollen genau wie wir das gute Wetter ausnutzen und bis nach Monesterio gehen. Martín verdreht bei dem Gedanken die Augen und versucht mich zu überzeugen, dass wir mehr als genug Zeit haben. Theoretisch haben Michael und ich bis nach Ostern Zeit. Wir könnten also langsam machen. Aber das gute Wetter, der Spaß an den langen Etappen (jedenfalls bei mir) und die Gesellschaft der Belgier sprechen dagegen. Und wer will schon in der Osterwoche, während der Semana Santa (Heilige Woche), auf spanischen Pilgerwegen unterwegs sein? Da trifft sich halb Spanien! Wir jedenfalls nicht. Wenn wir dem Massenandrang gegen Ende der Tour ausweichen wollen, müssen wir etwas Tempo und Strecke machen - jedenfalls am Anfang. Nachdem Marco, der nach zwei Jahren Reisen in Südamerika ganz gut mit der Landesprache klar kommt, Martín das verklüsert hat, ändert der sein morgiges Ziel auf Monesterio. Wenn ihm auch die Blasen unter den Fußsohlen höllische Schmerzen bereiten, alleine möchte er auf keinen Fall gehen. Weil sonst niemand um diese Jahreszeit auf der Vía de la Plata unterwegs ist, hat er keine andere Wahl. Diese Nacht nimmt er zwei Kopfkissen und siehe da, es hilft: Martín schnarcht in dieser Nacht nicht.

    Vorher muss er noch erklären warum er uns immer wieder überholt hat und vor uns in der Herberge war. Es ist ganz einfach: Er macht nur eine Pause, egal wie lang die Etappe ist. Weil er nicht frühstückt, ist nach circa 2 Stunden die erste und meist auch einzige Pause des Tags fällig. Ansonsten geht er sein Tempo. Langsam, Schritt für Schritt, das Tempo bestimmen die Schmerzen in den Füßen. Nach einer Pause sei der Wiederanlaufschmerz so groß, dass er bereitwillig aufs Rumsitzen verzichtet.

    5. Tag: Donnerstag, 1. März 2007 Ein Hut muss her
    Etappe: Almadén de la Plata - Monesterio
    Tageskilometer: 36 Gesamtkilometer: 109


    Ruine an der Grenze zur Extremadura

    Zwanzig nach sieben, noch ist der Tag nicht voll da, vom Dorf ganz zu schweigen, wieder sind wir gemeinsam unterwegs.
    Weil es Streitereien wegen des Wegverlaufs gibt, die mittlerweile vor den spanischen Gerichten gelandet sind, wollen wir über die Landstraße nach El Real de la Jara. Einmütig warnen beide deutschsprachigen Wegbeschreibungen vor dem zwar schönen, aber leider auch privatem ersten Teilstück der heutigen Etappen. Die Besitzer einer Finca sind der Ansicht, dass es ihr Privatgrund sei und haben den Weg gesperrt. Angeblich unterstützt ein großer freilaufender Hund, der zudem noch recht bissig sein soll, ihren Standpunkt. Bis zur Klärung der Situation, so die Einheimischen, sollten Wanderer auf der Straße bleiben. Als Einheimischer wäre ich auch dieser Meinung. Warum Ärger mit dem Grundbesitzer, der im Ort wohl nicht ganz ohne Einfluss ist, Ärger riskieren. Uns ist es egal. Die landschaftlich schönere Strecke kommt eh nach kurzer Zeit auf die Landstraße.

    Am Ortsrand streunen einige halbwilde Hunde zwischen den Hallen herum. Das werden doch wohl nicht die ... Erstmals hole ich meinen Trekkingstock aus dem Rucksack. Die anderen denken ebenso. Über das Zusammentreffen mit Hunden unterwegs verschwende ich in der Regel keine großen Gedanken. Entweder sie beißen oder sie beißen nicht, ändern kann man eh nichts. Die Hunde hier sind friedlich und suchen das Weite sobald sie uns bemerken. Schon seltsam, wie sich die Panikmache in den Pilgerbüchern (im Internet wurde auch gewarnt) und die Auskunft der Leute im Ort aufs eigene Verhalten auswirken.

    Zwischen den Bäumen hält sich um diese frühe Uhrzeit noch der Bodennebel, der bald von der Kraft der Frühjahrssonne aufgelöst wird. Ohne dass ich es merke, verliere ich beim Fotografieren die Lesebrille. Mir fällt das erst bei der Pause hinter El Real de la Jara auf. Zurück und suchen? Viel zu weit und zu ungewiss wo es genau passiert ist. Es war zwar nur die billige Reservebrille mit der ich unterwegs in die Wegbeschreibung gucke, ärgerlich ist es doch. Ab jetzt muss das Lesen im Wanderführer ohne Brille funktionieren. Anfangs geht es so leidlich, später wird’s immer besser mit dem Lesen ohne Brille. Die teure bleibt im Rucksack. Wenn ich die auch noch verliere, bin ich aufgeschmissen.

    In El Real brennt die spanische Sonne, obwohl noch nicht mal Mittag ist, schon wieder vom wolkenlosen Himmel. Meine Glatze braucht dringend Schutz. Michael will seinen Rucksack erleichtern indem er das erste Paket nach Hause schickt und macht sich auf die Suche nach der Post. Ich steuere das Geschäft mit dem Hausrat und Gartenartikel an. Im Schaufenster liegen Baskenmützen (was mich doch sehr wundert) und grüne Hüte aus Stoff. Meine Vorstellung bewegt sich eher im Bereich eines Strohhutes, ein Sombrero der meinem Kopf den nötigen Sombra (Schatten) verschaffen soll, muss hier doch zu haben sein. Leider gibt es nur das was im Schaufenster liegt. Baskenmütze fällt aus, es bleibt nur der grüne Rentnerhut. Mannomann! Damit in die Öffentlichkeit? Was soll’s! In der Not frisst der Teufel Fliegen. Bewehrt mit der Hutmode der 1960er Jahre verlasse ich den Laden und treffe prompt auf die zwei Belgier. Während wir in einer Bar einen Kaffee trinken und dabei auf Michael warten, zieht Martín vorbei. Das alte Spiel vom Vortag. Irgendwann findet sich auch Michael wieder und wir zwei ziehen weiter, die Extremadura lockt.

    Extremadura


    Mann mit Hut, Extremadura - grün und blau

    Auf diese Region freue ich mich schon seit der Planung. Dünn besiedelt, unendliche Weiten, sowie verstreut liegende kleine Dörfer locken zum Glück keine Heerscharen Touristen an - trotz UNESCO-Welterbestätten in Mérida und Cáceres. Und Störche gibt es hier wie Sand am Meer. Die Kirchtürme sehen aus als seien diese Vögel die wahren Herrscher übers Haus unter ihnen.
    Die wahren Herrscher auf dem Land sind, wie in Andalusien auch, die Großgrundbesitzer. Wenige, meist alte Familien, haben das Land nach der Vertreibung der Mauren unter sich aufgeteilt. Das Sagen auf den riesigen Latifundien haben meist die Gutsverwalter. Nur wenige Eigentümer leben das ganze Jahr auf ihrem Besitz, die meisten bevorzugen Sevilla, Salamanca oder Madrid.
    Nebenbei bemerkt, diese unwirtliche und schon immer arme Region, war die Heimat einiger der größten Menschenschlächter die im Mittelalter Lateinamerika für die spanische Krone erobert haben. Hernán Cortes (eroberte Mexiko) und Francisco Pizarro (eroberte Peru) dürften nicht ganz unbekannt sein.

    Hinter El Real de la Jara ist es dann soweit. Eine Ruine thront über dem Grenzflüsschen das Andalusien und die Extremadura trennt. Die Belgier sind auch wieder da. Natürlich müssen Bilder gemacht werden. Nicht nur von Ruine mit den Storchennester, auch der erste Granitquader muss gebührend festgehalten werden. Ab hier werden diese Steine uns durch die Extremadura begleiten.

    Noch ist die Landschaft wie bisher auch. Steineichen, Steinmauern, Zäune, Wiesen, Schweine, Kühe, gelegentlich ein bäuerliches Anwesen. Nichts Besonderes, die ideale Umgebung um vor sich hin zu dösen. Irgendwann lässt Michael den Satz fallen, dass ER morgen früh um 6 Uhr starten möchte. Danach bin ich wach. Er möchte eine ganz lange Etappe gehen. Das schöne Wetter und so. Beim Zustand seiner Ferse kommen mir Zweifel ob das zu schaffen ist und hellhörig geworden bin ich auch. Endet heute unser gemeinsamer Weg? Ausgemacht war nichts. Einfach Losgehen und sehen wie lange es hält. Michael will die Vía unbedingt alleine gehen. Große Lust auf eine Solowanderung habe ich nicht unbedingt. Wir treffen zwar jeden Abend auf dieselben Leute, aber in den wenigen Tagen habe ich mich an den Kerl gewöhnt. Na mal sehen was noch kommt.

    Vor der Autobahnbaustelle treffen wir wieder mal auf Martín. Er will wissen ob die Belgier noch hinter uns sind. Als Alleinwanderer will er nicht das Schlusslicht sein und er braucht die Gewissheit, dass er abends auf die anderen trifft. Wir, die jetzt vor ihm sind, könnten ja weiter gehen. In der Hinsicht können wir ihn beruhigen. In Monesterio ist an diesem Tag Schluss.
    Spontan beschließe ich bis dorthin bei Martín zu bleiben. Die Anpassung an sein Gehtempo kommt beinahe einer Vollbremsung gleich. Jetzt, auf den letzten 4 oder 5 km müssen wir auch noch über die Autobahnbaustelle und im Anschluss auf dem Seitenstreifen der viel befahrenen N-630, den Berg hinauf bis nach Monesterio.
    Am Ortseingang wartet Michael auf uns. Wir wollen in die Herberge. Leider ist die geschlossen worden. Warum? Die Hotelbesitzer werden vermutlich schon vorsorgen. Wenn in einem halben Jahr die Autobahn eröffnet wird, fällt das Städtchen in einen tiefen Dornröschenschlaf. Die LKW-Fahrer, die heute die preiswerten Hotels belagern, werden dann ausbleiben. Warum soll man also die Konkurrenz einer kostenlosen Pilgerherberge dulden? Pilger, die noch ein Nebengeschäft sind, werden dann zur höchst willkommenen Einnahmequelle. Verständlich. Wir ziehen ins erste Hotel am Ortsrand. Später kommen noch Hubert und sein Sohn dazu. Die haben eine Französin im Schlepptau. Die Frau ist in „falscher“ Richtung unterwegs. Sie geht von Zafra nach Sevilla.
    Nach dem obligatorischen Rundgang durch den Ort gibt es abends zusammen mit den Belgiern das erste Menú del día. Bis auf den Preis (8 Euro) war es nicht so toll. Seit Stunden im Topf warm gehalten und im Akkord serviert.

    So wie es aussieht, hat sich nach fünf Tagen eine kleine Gruppe gefunden, die zwar getrennt geht, abends in der Unterkunft aber immer wieder zusammen kommt.
    Völlig ungewohnt ist das geheizte Hotelzimmer. Michael ist sich noch nicht sicher wie es am nächsten Tag bei ihm weiter geht. Zusammen mit mir, alleine weiter oder wegen der Blase an der Ferse einen Pausentag einlegen, diese Optionen hält er sich offen. Sicher ist nur, dass ich am nächsten Morgen wieder unterwegs sein werde.
    Geändert von Werner Hohn (03.04.2012 um 18:38 Uhr) Grund: vB-tags ausgetauscht

  6. Dauerbesucher
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    #6
    schön geschrieben und schöne Bilder, bitte weiter so....
    Nach Fletchers Flugkrankheits-Index steht die Papageienkrankheit an fünfter Stelle des - am liebsten wäre ich tot - Indexes. Der höchste Grad der Krankheit wird vom Großen Seitenscheiteladler erlitten, der über drei Länder auf einmal reihern kann.
    - Terry Pratchett -

  7. Gesperrt Erfahren

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    #7
    Werner, mach Dir keine Sorgen wegen dem Hut, die Wahl hast Du schon sehr stilsicher getroffen.

    Gruesse,
    Sven

  8. #8
    @ Hexe Wenn marcus mir Zeit lässt.

    @ Hoaxter Der beste Kauf meines Lebens!

    Werner

  9. #9
    6. Tag: Freitag, 2. März 2007 Deutsch-Spanische Partnerschaft
    Etappe: Monesterio – Calzadilla de los Barros
    Tageskilometer: 28,5 Gesamtkilometer: 137,5


    Schwarze Schweine, Fuente de Cantos


    Der Wirt hatte uns den Tipp gegeben vor sieben Uhr zu frühstücken, später sei die Bude voll mit Fernfahrern. Also wieder früh raus. Michael bleibt aber liegen. Er kann sich immer noch nicht festlegen wie es mit ihm heute weitergeht. Ruhetag oder kurze Strecke? Von der superlangen Etappe, die er am Vortag noch ins Auge gefasst hatte, ist jedenfalls nicht mehr die Rede. Die Blasen an den Füßen. Eins ist aber sicher, heute trennen wir uns. Wir werden per SMS in Verbindung bleiben.
    Michael wird die Vía alleine gehen (das hat er sich wohl von Anfang an vorgenommen, dass er das schaffen wird, bin ich mir sicher) und ich werde mal sehen bei wem ich hängen bleibe. Allzu groß ist die Auswahl ja nicht.

    Als ich in die jetzt übervolle Bar des Hotels zurückkomme, sitzt Martín am Tisch und verarztet seine Blasen mit Jod und Pflaster. Er fragt nach meinem Begleiter. Oh je! Die Frage habe ich verstanden, aber das Problem mit dem Sprechen. Wenn Spanier nicht zu schnell sprechen, verstehe ich ihre Sprache ganz gut, aber selber sprechen, da wird’s eng. Vor gut 15 Jahren habe ich mal 3 Semester Spanisch an der Volkshochschule gehabt. Im Gegensatz zu einigen anderen Sprachkursen waren diese gar nicht mal so schlecht. Oft arten die Fremdsprachenkurse der VHS in Kaffeekränzchen aus; dank eines engagierten Dozenten konnte ich damals einiges lernen. Dabei halfen jede Menge Urlaubsreisen mit der Familie. Für den Urlaub an den Küsten und Tourizentren hat’s immer gereicht, die liegen jedoch auch schon wieder ein Jahrzehnt zurück.
    Also, wie soll ich ihm die Situation erklären? Nach fünf Tagen in diesem Land sind wenigstens einige rudimentäre Sprachkenntnisse wieder da. Mit „Michael hoy no camino. Michael hoy hotel.“, ist das Wesentliche schon mal klar. Alles Weitere werde ich auf dem Weiterweg erklären, Zeit haben wir mehr als genug. Zum Glück biegt Marco um die Ecke und sorgt für etwas mehr Aufklärung. In Martíns Gesicht sieht es so aus als hätte er auf solch eine Gelegenheit gewartet.
    Im Rausgehen verabschieden wir uns noch hastig von der Französin, die in die Gegenrichtung weiter geht (weil die Vía nur in Nord-Süd-Richtung markiert ist, ist das gar nicht mal so einfach), und ich renne schon auf den ersten Metern meinem neuen Partner davon. Das kann ja heiter werden. Wenn seine Füße wieder in Ordnung kommen, so hoffe ich, wird sich auch das Tempo erhöhen. Vorerst geht es langsam weiter. Zwei Dinge sind aber jetzt schon sicher: Sollten der Spanier und ich zusammenbleiben, dann werden sich meine Kenntnisse des landestypischen Idioms wieder erholen und vielleicht werde ich endlich mal das langsamere Wandern verinnerlichen. Vorgenommen hatte ich mir beides. Das erste Punkt fiel der Faulheit, der zweite der Gewohnheit zum Opfer.

    Die Landschaft ist wie gestern Morgen auch. Auf grünen Wiesen, die von alten Steinmauern umfriedet sind, stehen locker verteilt Kork- und Steineichen, gelegentlich versperrt ein Gatter unseren Weg. Der Hingucker sind zweifellos die schwarzen Schweine, deren einziger Lebenszweck das faule Rumliegen zu sein scheint. Die Lieferanten für einen der besten Schinken Europas dürfen hier noch Schwein sein. Kein Mastfutter, kein enger, überfüllter Stall mit Spaltboden, kein Kunstlicht. Faul unter den Bäumen liegen, hin und wieder Eicheln, Gras, Kräuter und Dreck fressen, sich im Schlamm der Kuhlen suhlen und dabei stinken wie eine Sau, ein Bild, das ich bei uns schon lange nicht mehr gesehen habe. Natürlich gibt es auch hier Massentierhaltung, den besten und auch teuersten Schinken der iberischen Halbinsel liefern aber die Schweine aus fast freier Wildbahn. Seit Tagen hält der Schinken (meist frisch vom Knochen geschnitten), in Verbindung mit dem allgegenwärtigen weißen Brot, meine tägliche Kalorienzufuhr auf einem hohen Level.

    Nach gut zwei Stunden ist die große Pause fällig. Und ich bin froh drum, irgendwie bin ich geschafft. Anstrengend sind nicht Tempo oder Höhenmeter (sind eh nicht nennenswert), die Unterhaltung, besser gesagt, der Versuch einer Unterhaltung strengt extrem an. Der plötzlich Umstieg von der gewohnten Muttersprache auf Fremdsprech geht zwar nicht in die Beine, macht den Kopf aber müde. Mein Begleiter spricht zwar schön langsam - seine eigentliche Muttersprache ist Mallorquin, der Dialekt der Insel Mallorca - das Spanische, genau genommen castellano, kastilisch – die Hochsprache Spaniens, ist auch für in eine Art Fremdsprache, in der er sich nicht jeden Tag unterhält. In den letzten Tagen konnte ich mehrfach beobachten, dass er bei Gesprächen mit Einheimischen nicht immer auf Anhieb verstanden wurde, es sei denn er sprach schön langsam und artikuliert. Das ist mein Glück. Mit einem spanischen Begleiter, der mit dem landesüblichen maschinengewehrartigen Sprachgewitter über mich hergefallen wäre, hätte ich schon lange kapituliert. Es ist auch so anstrengend genug mit den wenigen Worten, die bei mir noch präsent sind, eine halbwegs verständliche Unterhaltung zu führen. Dazu kommt die ungewohnte Aussprache. Das R muss gerollt werden und die Buchstaben am Wortende wollen auch ausgesprochen werden (für mich als Wortendeverschlucker eine kleine Tortur). Von den vielen Lauten, die eine lispelnde Aussprache erfordern ganz zu schweigen. Das Rollen und das Lispeln muss sein, fällt das weg, versteht selbst Martín so gut wie nix. Für die Frühstückspause schlage ich eine sprachliche Auszeit vor.

    Im Schweigen versunken, finden uns die deutsch sprechenden Belgier vor. Mann, tut das gut! Die beiden haben Michael getroffen. Ganz langsam sei der unterwegs gewesen - die Schmerzen in den Füßen. Er wolle bis nach Fuente de Cantos (immerhin gut 20 km) und in der dortigen Herberge bleiben. Schön dass er wieder auf dem Weg ist. Wir anderen planen mit Calzadilla de los Barros, etwa 8 km weiter.

    Die Belgier packen zur Pause den Kocher aus, für Martín und mich das Signal zum Aufbruch. Schlagartig ändert sich nun die Landschaft. Die Wiesen und Bäume weichen einer hügeligen Ackerlandschaft. Felder so weit das Auge reicht. Kaum ein Baum oder eine Mauer für den gelben Markierungspfeil. Schön übersichtlich ist es hier. Wenn wir auch langsam gehen, wir sind früh dran, in Fuente de Cantos reicht es für eine Pause in einer Bar. Der anschließende Weiterweg über eine breite Schotterstraße nach Calzadilla de los Barros ordne ich ohne Bedenken in die Kategorie „Trostlos“ ein. Ein paar stinkende, teils an verfallende Ruinen erinnernde landwirtschaftliche Anwesen, langweilige Felder, eine breite und staubige Schotterstraße, die als Rennbahn für Traktoren dient. Na ja, man kann nicht alles haben. Dafür scheint mal wieder die Sonne von einem wolkenlosen Himmel. Und bis Calzadilla de los Barros ist es ja auch nicht mehr weit.

    In der Gemeindeverwaltung gibt es den Schlüssel für die Herberge. Wir können den Rucksack da lassen und machen uns auf den Weg zum Ortsrand. Dort an der Landstraße gibt es ein Fernfahrerrestaurant das offen hat. Danach ist Warten angesagt. Die Gemeindeverwaltung hat bis 17 Uhr zu und damit kommen wir nicht an unsere Rucksäcke. Pünktlich macht der Bürgermeister die Tür auf und mit den Belgiern geht es zur außerhalb gelegenen Unterkunft.

    Abends machen Hubert und ich uns auf den Weg zur Kirche im Ort. Das bedeutet einen zusätzlichen Weg von beinahe 2 km hin und später wieder zurück, aber in der Kirche gibt es ein sehenswertes dreiteiliges Altarbild im Mudéjar-Stil. Angeblich soll um 19 Uhr eine Messe stattfinden. Weil die Kirche verrammelt ist, so gut wie jede Kirche in dieser Region ist verschlossen, sind wir auf den Pfarrer angewiesen, doch der will nicht kommen. Wo kein Pfarrer, da keine Messe; die Tür zur Kirche bleibt zu. Hubert und ich machen uns unverrichteter Dinge auf den Rückweg zur Herberge. Wenn man mal was für die kulturelle Bildung tun will.


    7. Tag: Samstag, 3. März 2007 Der Tag endet mit einer faustdicken Überraschung
    Etappe: Calzadilla de los Barros – Los Santos de Maimona
    Tageskilometer: 28 Gesamtkilometer: 165,5



    Ziegen im Weinfeld, Zafra


    Vater und Sohn aus Belgien wollen Zafra besichtigen. Das heißt für alle früh aufstehen. Wir, also der Rest, könnten zwar noch liegen bleiben, denn obwohl wir immer noch langsam unterwegs sind, brauchen wir für 28 km nicht den ganzen Tag. Die Zeit, die wir für die Stadtbesichtigung benötigen werden könnten wir locker rauslaufen. Die Etappeneinteilung mit nur einer, maximal zwei Pausen kommt mir dabei entgegen. Wenn ich alleine auf Wandertour bin, halte ich es schon immer so. Man ist halt früher am Ziel. Was sich jetzt geändert hat ist die Geschwindigkeit. Es dauert zwar etwas länger, dafür komme ich aber ausgeruht an.

    Wir könnten also, wenn wir wollten noch, im warmen Schlafsack bleiben, aber wir brechen schon die ganze Woche gemeinsam auf. Warum heute Morgen eine Ausnahme machen?

    Weit vor sieben Uhr sind wir schon unterwegs. Im Ort schläft noch alles. Wie abgesprochen werfen wir den Haustürschlüssel der Herberge durch ein offenes Fenster der Gemeindeverwaltung. Noch im Ort fängt sie an, die Pfeilesucherei im Dunkeln. Mit zwei lichtschwachen Stirnlampen nicht unbedingt das größte Vergnügen. Aber wie jeden Tag, irgendwann wird es auch heute wieder hell.

    Irgendwie ist bei mir die Luft raus, die Motivation ist im Keller. Das grüne, weite Tal durch das wir anfangs wandern, geht in eine langweilige Felderlandschaft über. Wenn der Weinanbau nicht wäre, der für ein bisschen Abwechslung sorgt, könnte man von landwirtschaftlicher Einöde sprechen. Weil es leicht hügelig ist, fehlt zudem meist der weite Blick übers Land.

    Hubert und sein Sohn machen heute Morgen vor uns Pause. Martín und ich haben nichts mehr im Rucksack. Wir brauchen unbedingt einen Laden und den finden wir in Puebla de Sancho Perez. Klein, eine Theke, zwei Kühltruhen, dahinter eine nicht mehr ganz junge Frau und hinter ihr alte Regale bis zur Decke. Sie hat frisches Brot, Schinken, den sie vom Knochen runter schneidet und Cola, dazu zwei Äpfel. Mehr brauche ich mal wieder nicht. Martin ist mit ungefähr der gleichen Bestellung dabei. Die Frau freut sich trotzdem. Noch hat die Pilgersaison nicht begonnen und ihr kleines Geschäft ist weit von der Dorfmitte entfernt wo es größere Läden gibt. Da sind Pilger ein gern gesehenes Zusatzgeschäft.
    Nach der Pause stehen die letzen Kilometer bis Zafra an. Auch hier gibt die Landschaft nicht viel her. Einzig die Wegführung zwischen den Bahngleisen, mit gelegentlichen Überquerung der selbigen, sorgen für eine gewisse Abwechslung. In Deutschland undenkbar. Wanderer mit Rucksack, die im Bahnhofsgelände auf offiziellem Weg die Gleise überqueren. Hier stört sich niemand daran.

    Zafra, so steht es in den Pilgerführern ist eine Besichtung wert. Da waren sich die deutschen und spanischen Ausgaben einig. Martín und ich auch. Natürlich wollen wir die Innenstadt besichtigen. Nur genau wie bei mir, ist auch bei ihm eine gewisse Unlust spürbar. Körperlich fehlt uns nichts, bis auf Martíns Blasen. Seine Motivation ist genau wie meine auf einen niedrigen Stand gesunken. Wir beschließen Zafra sich selbst zu überlassen. Das neue Ziel ist Los Santos de Maimona, etwas mehr als 4 km weiter auf der Vía de la Plata.

    Wir müssen zur Políca Local, die irgendwo im Ort versteckt ihr Gebäude hat. Bis wir das gefunden haben ist Mittag. 6 Euro wollen die sehr freundlichen Polizisten von jedem. Wie es sich gehört werden die Pässe kopiert, dann gibt es den Schlüssel. Sollten wir am nächsten Tag in aller Frühe aufbrechen, sollen wir den durch den Spalt der Eingangstür werfen. So einfach ist das hier. Wir bekommen noch einen Tipp wo es ein gutes und preiswerte Mittagessen gibt und schon sind wir entlassen.

    Der Speiseraum in der „Bar Rosa“ ist noch nicht geöffnet. Wir sind willkommene Beute für die Dauergäste an der Theke. Woher (Martín wird wegen seines Akzents meist für einen Franzosen gehalten)? Von wo? Bis wohin? Wie lange? Natürlich sind alle Experten. Von hier nach Santiago – zwei Wochen, maximal drei. Als ich schüchtern etwas von 1.000 km einwende, wird das mal schnell mit dem Argument, dass man nicht alles zu Fuß gehen muss, beiseite gewischt. Doch wo die Via hier im Ort verläuft, kann keiner sagen. Damit gleichen sie den meisten Thekenexperten - und das weltweit. Um halb drei, zur besten spanischen Mittagszeit, ist die Küche so weit. Wir können essen. Bis wir damit durch sind, sind die Geschäfte geschlossen. Dass Samstag ist haben wir mal wieder vergessen. Die Tankstelle am Weg zur Unterkunft hilft uns aus dem Dilemma. Wasser, Limo, Kekse, Schokolade – die Standard-Notfallversorung der meisten Wanderer/Pilger.

    In der Unterkunft die tägliche Routine: Duschen, Wäsche waschen, Tagebuch schreiben, der allabendliche Blick in die Wegbeschreibung was der nächste Tag so bringt. Marco und sein Vater kommen später am Abend auch noch. Die haben sich für Zafra Zeit genommen. Die Bilder ihrer Digiknipse zeigen, dass wir was verpasst haben. Wenigsten ein Anlass mal wieder hier her zu kommen.

    Wir rätseln wo Michael steckt. Mit den Blasen an den Füßen wird er vermutlich kurze Etappen gehen. Weit gefehlt. Wir hätten an Martín denken sollen. Obwohl dessen Füße immer noch schmerzen, geht der problemlos längere Etappen.
    Die SMS, die Michael mir sendet, macht klar, dass wir falsch liegen. Er hat uns überholt! In einem Gewaltmarsch ist er von Fuente de Cantos bis nach Villafranca de los Barros durchgegangen. Gut und gerne 45 km. Er ist schon um 5 Uhr in der Früh gestartet und hat uns, vermutlich als wir uns aus den Schlafsäcken schälten, überholt. Martín hat ihm schon vor Tagen aufgrund seines hohen Tempos den Spitznamen „Michael Schumacher“ verpasst, den wird er jetzt nicht mehr los werden.

    Neben der Dorfjugend gibt sich noch die Polizei die Ehre und als es dunkel ist liegen alle, sogar Martín, der ganz scharf auf den Fernseher (ein wahrer Luxus für eine Herberge) war, in den Stockbetten. Morgen steht für uns ebenfalls eine Marathondistanz an.


    8. Tag: Sonntag, 4. März 2007 Langstreckentraining
    Etappe: Los Santos de Maimona - Torremejía
    Tageskilometer: 43 Gesamtkilometer: 208,5



    Villafranca de los Barros


    Wieder sind wir vor Sonnenaufgang auf den Beinen. Rot geht die Sonne über den Hügeln auf. „Morgenrot, schlecht Wetter droht“ mit der Wetterregel aus Deutschland versuche ich Hubert auf einen Wetterumschwung einzustimmen. Mit seinem lapidaren Kommentar „Das Wetter versteht hier kein Deutsch“, sollte er recht behalten. Früh am Morgen ist es mal wieder kalt, sobald die Sonne aufgeht, wird das Thermometer wieder an der 25-Grad-Marke kratzen.

    Hubert und Marco haben entgegen der gestrigen Planung ihr Tagesziel geändert. Sie steuern jetzt Almendralejo, gut 4 km neben der Vía, an. Hubert will sich mit seinen fast 70 Jahren keine Etappen von 40 und mehr Kilometer zumuten. Das kann ich nachvollziehen, schade ist es aber doch. Ich freue mich jeden Tag über das Eintreffen der beiden in der Unterkunft. Mein Spanisch macht zwar Fortschritte, nur, es wäre Vermessenheit von einer Unterhaltung zu reden. Der Meinungsaustausch mit den Belgiern, besonders mit Hubert, ist ein liebgewordener Abschluss des Tages geworden. Na mal sehen was Martín davon hält. Er hält nicht viel davon. Ihm liegt das Städtchen zu weit vom Weg weg. Eine Herberge gibt es da auch nicht. Wir bearbeiten ihn solange, bis er einstimmt. Wir werden uns per SMS im Zentrum verabreden.

    Bevor es so weit ist müssen wir erst mal aus dem Ort raus finden. Gar nicht so einfach. Ein Autofahrer gibt uns den Tipp wo wir wieder auf die Pilgerroute treffen. Die Landschaft, die nun folgt ist geradezu prädestiniert für eine lange Wanderung. Leicht wellig, fest und breit sind die Wege, die durch Haine mit jungen Olivenbäumen und endlosen Feldern mit Rebstöcken, die sich hinter der nächsten Hügelkuppe ins Unendliche fortzusetzen scheinen, führen. Sollen wir doch bis zum ursprünglich geplanten Etappenziel durchgehen? Die Entscheidung wird fürs Erste auf die lange Bank geschoben. Am Abzweig nach Almendralejo werden wir uns entscheiden.

    Vorerst landen wir in einem kleinen Lebensmittelladen in Villafranca de los Barros. Wir haben Glück gehabt. Es ist Sonntag und da hat auch in Spanien so gut wie jeder Laden zu, jedenfalls auf dem Land. Schnell bin ich mal wieder als Deutscher identifiziert; und schon erfahre ich wo die halbe Verwandtschaft im ach so fernen Alemania das Geld verdient mit dem die andere Hälfte der Familie hier am Leben gehalten wird. Auch bei der anschließenden Frühstückspause auf dem Kirchplatz werde ich schnell ins richtige Land eingeordnet. Meist fragen ein paar neugierige Kinder woher wir kommen. Uns wurde es auf Dauer zu langweilig direkt darauf zu antworten. Ganz so einfach wollen wir es den Kindern nicht machen. Jeder von uns spricht ein oder zwei belanglose Sätze und die Kinder sollen dann raten woher wir kommen. Bei mir ist das schnell klar, Martíns Herkunft wird mal wieder in allen Ecken der spanisch sprechenden Welt vermutet. Wenn den Kindern aufgeht, dass er aus Mallorca kommt, können sie es nicht fassen, dass dort eine „Fremdsprache“ gesprochen wird. Warm geworden, trauen sich die Jungs an der Kirche von Villafranca noch mehr zu fragen. Wir müssen aber weiter. Beim Aufbruch zeigen wir ihnen ihre nächsten Opfer – Hubert und Marco biegen um die Ecke.



    Endlos - Weinreben und Landschaft im Tierra de Barros


    Am Ortsrand beginnt es nun, jenes Lehmland (so die wörtliche Übersetzung von Tierra de Barros), bei Regen passt auch die Übersetzung Schlammland. Geografisch gesehen befinden wir uns schon länger im Lehmland, ab hier ist es aber das was ich mir darunter vorgestellt habe. Schnurgerade Reihen mit Weinreben ziehen sich links und rechts des Weges bis zum Horizont dahin. Ich bin dankbar für jeden Baum und jeden Busch. Ein verfallener Brunnen, ein Traktor der über den breiten Hauptweg rattert, ein Stein mit dem gelben Markierungspfeil, viel ist es nicht, man muss halt die Ansprüche runterschrauben. Jetzt, so früh im Jahr sind die Rebstöcke nach dem Schnitt noch sehr klein, später im Sommer oder sogar im Frühherbst wenn die Weinlese ansteht, mag diese Landschaft ihre Reize haben. Im Augenblick ist sie langweilig. Jeder Abzweig wird mit Dankbarkeit begrüßt, sogar die dunklen Regenwolken am Himmel. Wir hoffen das uns der Regen nicht erwischen wird. Wenn es hier richtig regnet, dann werden wir den Lehm nicht mehr von den Schuhen bekommen, vermuten wir. Stur traben wir nach Norden. Unsere Gespräche, wenn man es so nennen will, haben wir schon lange eingestellt. Es ist nicht die physische Belastung des Gehens, die Monotonie der Monokulturen in Verbindung mit dem geraden und breiten Weg geht uns aufs Gemüt. Heute ist eine zweite große Pause fällig.

    Im Straßengraben hockend fällt die Entscheidung. Wir gehen durch bis Torremejía. Die am Horizont auftauchende Silhouette von Almendralejo mit rauchenden Industrieanlagen, sieht nicht besonders einladend aus. Marco und sein Vater werden mit einer SMS benachrichtigt und wir nehmen die letzen 10 km in Angriff. Es wird ziemlich öde. Wie gehabt, ein breiter und schnurgerader Weg dessen Eintönigkeit durch eine parallel verlaufende Hochspannungsleitung noch verstärkt wird. Heute wollen wir mal auf Nummer sicher gehen und telefonisch nachfragen ob die private Herberge in Torremejía um diese Jahreszeit schon geöffnet hat. Hat sie nicht! Es soll ein Hostal geben. Wir lassen uns überraschen. In meinem Rucksack steckt ein Einmannzelt. Es reicht wirklich nur für einen Erwachsenen, versuche ich meinem Begleiter klar zu machen. Ihm ist es egal, er pennt zur Not auch unter dem Vordach eines Hauses. Wir haben uns umsonst Gedanken gemacht. Das Hostal ist nicht geschlossen und hat ein sauberes Zimmer zu einem akzeptablen Preis. Das voll geheizte Zimmer (für die Spanier ist alles unter 20° Winter) nimmt uns fürs Erste den Atem. Wir sind mehr als eine Woche unterwegs und den Annehmlichkeiten einer Heizung oder der hier allgegenwärtigen Klimaanlagen, längst entwöhnt. Wenn es kalt oder dunkel wird kriechen wir in den Schlafsack. Am frühen Abend gibt es doch noch Regen. Mit dem Regen kommen die Belgier an. Auch sie waren vom Anblick Alemendralejos nicht begeistert, zumal wenn man 4 km Umweg machen muss.

    Abends treffen wir uns auf ein Bier und einen Kaffee in der lauten Bar. Wir sind uns einig, dass die Marathonstrecke so schlimm nicht war. Sogar unser Senior fühlt sich immer noch fit.
    Einige Fußballspiele auf dem Großbildfernseher nehmen wir noch mit; und dann geht es gegen 23 Uhr ins Hotelbett, für uns gänzlich ungewohnt. Normalerweise schnarchen wir um diese Uhrzeit schon lange. Der Schlafsack kann diesmal im Rucksack bleiben.

    Für morgen früh hat der Wetterbericht wieder Sonnenschein versprochen.
    Von Michael kommt noch eine SMS. Er ist schon in Mérida und wird dort einen Ruhetag einlegen. Seine Füße brauchen Erholung, zudem ist er auf Shoppingtour. Wir werden uns morgen also sehen. Ich bin mal gespannt.
    Geändert von Werner Hohn (03.04.2012 um 18:50 Uhr) Grund: vB-tags ausgetauscht

  10. Fuchs
    Avatar von marcus
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    oh du schöner Westerwald,....
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    #10
    Zitat Zitat von Werner Hohn

    Im Rausgehen verabschieden wir uns noch hastig von der Französin die...

    Ach, von sowas enthälst du uns die bilder vor...wart nur ab

    :wink:
    \"wir haben gelernt wie vögel zu fliegen, wie fische zu schwimmen, aber wir haben verlernt wie menschen zu leben\"

  11. Erfahren
    Avatar von Sam
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    #11
    Danke für den schönen Wanderbericht. Vor allem die emotionalen Eindrücke machen den Bericht lesenswert (den Schracher loswerden etc.).
    Ciao Sam

  12. Fuchs
    Avatar von jasper
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    #12
    Ja, da werde ich mal wieder neidisch. Sollte echt mal gucken, dass ich selber meinen Arsch hoch bekomme und loslaufe!

    MfG,

    jasper
    www.backcountry-hiking.de
    ... unterwegs in der Natur

  13. Meister-Hobonaut Alter Hase
    Avatar von Harry
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    #13
    Hmmm, ich will auch wieder los. Hätt ich doch nur mehr Urlaub.
    Fernweh und Sehnsucht kommen da wieder hoch wenn man das liest.
    Viele Ereignisse und Erlebnisse usw. sind glaube ich auf den Caminos gleich.
    Bei mir sahs auf dem Küstenweg mit den Geschichten ähnlich aus.
    Vierer Gruppe plus Wanderpilgerbewacherschmusehund, breite endlose Wege und sonst nichts, sinkende Motivation bei scheiss Wetter und dann mittags die Bar mit viel Rotwein.

    Nur weiter so.
    Der Hut geht doch, wir hatten die abgezipten Hosenbeine auf dem Kopf nach einer Flasche Rotwein.

    Gruss Harry

  14. #14
    Danke für die Blumen.

    @ marcus Auch auf die Gefahr hin das ich jetzt einen Leser verliere :wink:, dass war's mit den Frauen. Der Rest ist eine reine Männersache gewesen.

    @ Jasper Die Vía ist eine ideale Fahrradstrecke. Es gibt nur wenige Stellen wo man aus dem Sattel muss.

    @ Harry Der Hut geht sogar mit nach Frankreich. Gibt es von dir einen Reisebericht? Es muss ja kein langer werden, eine kleine Zusammenfassung und ein paar Bilder würden schon reichen. Wäre bestimmt interessant, der CdN wird ja nicht so häufig begangen. Planst du schon einen neuen Camino?

    So, hier ist jetzt Pause. In 2 Minuten fahre ich nach Grebenhain und am Donnerstag geht es für 3 Wochen nach Frankreich. Danach gibt es die Fortsetzung.

    Hasta luego, Werner

  15. #15
    9. Tag: Montag, 5. März 2007 Halbtagswandern
    Etappe: Torremejía - Mérida
    Tageskilometer: 16,5 Gesamtkilometer: 225


    Mérida - Römerbrücke und der Tempel der Diana


    Obwohl es bis Mérida nicht sonderlich weit ist, sind wir alle um 8 Uhr schon wieder unterwegs. Im Zimmerpreis war das Frühstück nicht drin und sogar für eine Tasse Kaffee verlangt der Wirt einen Aufschlag. Wir sind in dem Punkt anderer Meinung und ziehen von dannen.
    Nach dem Regen gestern Abend ist es heute früh kühl und feucht. Bis zur ersten und einzigen Pause bleiben die zwei Belgier bei uns. Ein ausgebranntes Autowrack ist der ideale Pausenplatz – Sitzplatz und Tisch in einem. Nach der Rast drücken Martin und ich mal wieder aufs Tempo. Besondere Herausforderungen oder Schwierigkeiten hat die heutige Strecke nicht zu bieten, wir könnten den Tag mal gemütlich angehen, aber für Mérida mit seinen römischen Hinterlassenschaften (Tempel, Brücke, Theater) habe ich mir einen halben Tag Wanderauszeit vorgenommen. Und ich freue mich auf das Wiedersehen mit Michael. Der kuriert in der Pilgerunterkunft seine Blasen.

    Je näher Martín und ich der Stadtgrenze kommen, desto öfter versucht er mich auf eine Verlängerung der Etappe einzustimmen. Nach einem kurzen Rundgang durch Mérida will er bis Aljucén weitergehen. Mir steht der Sinn jedoch nach Besichtigung, Stadtbummel und Abhängen. Als er erkennt, dass ich in Mérida bleiben werde, äußert Martín die Befürchtung, dass ich mit Michael die Tour fortsetzen könnte. Daher also weht der Wind! Das ist der Grund warum er die Etappe verlängern will. Damit würden wir höchstwahrscheinlich ein Treffen mit Michael vermeiden. Es dauert bis ich ihn davon überzeugt habe, dass wir beide am nächsten Morgen wieder gemeinsam auf der Piste sein werden. Ob mit Michael oder ohne ist egal. Eher ohne ihn, davon bin ich felsenfest überzeugt. Michael hat sich vorgenommen den Weg alleine zu gehen (jedenfalls den größten Teil) und wird das auch umsetzen. Wenn das leidige Sprachproblem nicht wäre, könnte ich das Martín in wenigen Minuten erklären, so dauert es bis zur alten Römerbrücke, die über den Fluss Guadiana in die Stadt führt, bis er mir halbwegs glaubt.
    Martín, 9 Jahre älter als ich, hat sich mit 59 selbst in den Ruhestand geschickt. Seine Kinder sind schon lange keine Kinder mehr und studieren auf dem spanischen Festland, und seine Frau ist ganz froh wenn sie ihn mal für einige Wochen vom Hals hat.
    Er hat zur richtigen Zeit auf der Ferieninsel Mallorca in Immobilien investiert und lebt nun ganz gut davon. Er klagt zwar ständig, dass der Staat ihm nichts übrig lässt, diese Art von Klagen dürften weltweit aber gleich lauten, am Hungertuch nagt er jedenfalls nicht. Im letzten Jahr ist er in 3 Wochen von den Pyrenäen bis nach Santiago de Compostela gegangen. Nicht schlecht für den kompletten Camino francés. In diesem Jahr ist es die Vía de la Plata die er sich vorgenommen hat.

    Es ist schon seltsam. Vor wenigen Tagen habe ich darauf spekuliert, dass Martín wegen seiner Blasen aufgibt und damit das Thema Schnarchen erledigt ist. Heute, nach einer guten Woche gemeinsamen Wanderns, bin ich froh, dass wir gemeinsam unterwegs sind. Das Schnarchen hat er im Griff. Zwei Kopfkissen oder Matratzenkeile wirken Wunder. Wenn gar nichts hilft, warte ich ein Schnarchpause ab und bin weg im Tiefschlaf. Das wichtigste ist aber, dass wir zusammen passen. Wir haben ungefähr die gleiche Art zu Wandern. Früh los, nur wenige Pausen und wir beide benötigen auch keine permanente Unterhaltung. Unser Sprachproblem ist somit eigentlich keins, eher ein Pluspunkt. Genau wie ich, ist er nicht als Pilger unterwegs. Er legt allerdings gesteigerten Wert auf den Erhalt der Compostela. Mit der Pilgerurkunde, die es in Santiago am Ende der Tour geben wird, kann man in der spanischen Gesellschaft noch immer einen guten Eindruck machen. Mit zwei dieser Urkunden erst recht, so glaubt er. Mein Eindruck ist, dass er Spaß am Vagabundenleben auf Zeit hat und dass unter dem Deckmantel des Pilgerns ganz gut verstecken kann.

    Gegen Mittag sind wir in der Pilgerherberge am Ufer des Guadiana. Michael ist nicht da, kommt aber wohl jeden Augenblick zurück, so die Auskunft des Hospitalero. Duschen, Wäsche waschen (die nachher an der Uferpromenade in der Sonne hängt) , dann esse ich endlich die rote, scharfe Wurst die mit ihrem Gewicht seit über 100 km als eiserne Reserve auf meinen Schultern lastet. Vater und Sohn aus Belgien sind mittlerweile auch eingetroffen und verlängern die Wäscheleine um ein paar Meter.
    Als Michael endlich eintrudelt machen wir uns auf den Weg. Das historische Mérida wollen wir uns ansehen. Leider, daran hat mal wieder niemand gedacht, ist Montag und montags sind in beinahe ganz Europa die Museen zu, in Spanien sogar die Ruinen. Ein Blick übern Zaun muss reichen.

    Für den nächsten Tag ist mal wieder ein Start in der „Großgruppe“ angesagt. Martín und ich wollen nach Alcuéscar, Michael ebenfalls und die „dos belgas“ haben vor in Aljucén den Tag zu beenden. Nachdem sie den Preis für die dortige Unterkunft erfahren (42 Euro), ändern die ihren Plan und werden auch bis Alcuéscar pilgern.

    10. Tag: Dienstag, 6. März 2007 Nur ein Weitwanderweg?
    Etappe: Mérida - Alcuéscar
    Tageskilometer: 38 Gesamtkilometer: 263


    Mérida - die römische Wasserleitung, 3 Männer


    Eins wird sich auf dieser Tour wohl nicht mehr ändern: wir starten mal wieder im Morgengrauen. Weil Michael noch zur Post muss, wird er später starten. Bei seinem hohen Gehtempo wird er uns alle mit Sicherheit einholen, auch wenn die Post erst um 8.30 die Pforten öffnet.

    Schon nach wenigen hundert Metern ist Fotopause angesagt. Noch im Dunkeln stehen wir vor der römischen Wasserleitung, dem Aquädukt Los Milagros, über das die Stadt vor ewigen Zeiten mit Wasser versorgt wurde. Wenn wir gestern schon gewusst hätten, dass die gut erhaltene Ruine so nahe an der Pilgerunterkunft steht, hätte der Fototermin bei strahlendem Sonnenschein stattgefunden. So landen einige Scherenschnittaufnahmen auf den Speicherkarten der Kameras. Die zahlreichen Störche, deren Nester das Bauwerk krönen, bleiben davon unbeeindruckt. Sie dürften auf unzähligen Bilder verewigt worden sein.

    Martín, Hubert, Marco und ich bleiben bis zum römischen Stausee von Proserpina (von hier floss das Wasser übers Aquädukt nach Mérida), der zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt, zusammen. Nach der Frühstückspause geht es getrennt weiter. Hubert und Marco lassen es gemütlicher angehen. Hubert braucht mit seinen fast siebzig Jahren öfter eine ausgiebige Pause. Martín und ich trotten mal wieder vorneweg. Treffpunkt: das Kloster von Alcuéscar.

    Seit Mérida hat sich die Landschaft geändert. Die weiten, zum Teil etwas öden Ebenen der letzten beiden Tage werden hier von einer leicht welligen Graslandschaft abgelöst. Baumgruppen sorgen für Schatten, glatt geschliffene Felsen, die vereinzelt in der Gegend rumliegen, regen zur Besteigung an und die breiten Wirtschafts- und Wiesenwege gehen immer öfter in einen schmalen Pfad über. Kühe, Schweine, Schafe, gelegentlich mal ein Hund und die wahren Herren dieser Ecke Spaniens, die Störche, heben unsere Stimmung gewaltig. Meinem Begleiter sind die letzten Tage auch etwas fad vorgekommen – jedenfalls was die Landschaft betrifft. Wenn es so bleibt, da sind wir uns einig, könnten wir uns damit abfinden.

    In Aljucén steht endlich mal die Tür der Kirche offen. Wegen Vandalismus, das ist jedenfalls meist die Begründung, sind alle Kirchen geschlossen. In den kleinen Dörfern besteht wohl kaum die Gefahr von Vandalismus, eher ist es Bequemlichkeit, die dafür sorgt, dass die Türen verschlossen bleiben. Zumal Pfarrer auch im katholischen Spanien nicht gerne auf dem platten Land Dienst schieben oder auch viele Pfarreien wegen Priestermangel unbesetzt bleiben müssen. Zwei Gemeindearbeiter benötigen für ihren Hochdruckreiniger den unvermeidlichen Strom und haben kurzerhand das Verlängerungskabel in die Kirche gelegt.
    Kühl und dunkel ist es drinnen. Nackter, unverputzter Stein, ein paar Reihen Holzbänke, eine schlichte Kanzel – ebenfalls aus Stein - sowie ein sehr schlichter Altar. Diese Kirche wirkt sehr aufgeräumt. Die wenigen noch hier lebenden Anwohner des Ortes werden kaum dieses Haus füllen können.


    Kirche in Aljucén, Hinterm Gatter nach rechts


    Auf dem Weiterweg springe ich noch in die Ortsapotheke, ich brauche noch Aspirin (mein täglich Brot) und bleibe überrascht stehen. Auch in Spanien sind die meisten Apotheken gut ausgestattet, nicht nur mit Medikamenten, auch die Ladenbauer können sich in den meisten Geschäften der Pillendreher austoben. Diese Apotheke besteht aus einem Raum von ca. 3 mal 3 Meter dessen Wände von billigen Stahlregalen umstellt sind und einer billigen Theke. Mehr ist nicht! Die Apothekerin muss meine Verwunderung bemerkt haben und versucht mir zu erklären, dass so nahe an der Stadt Mérida (16 km) ihr Berufsstand einen schweren Stand hat. Die Leute fahren für den Arztbesuch in die Stadt und holen sich die Medizin danach direkt vor Ort. Kommt mir irgendwie bekannt vor. Aspirin, hier natürlich Aspirina, hat sie aber genug an Lager.

    Die dunklen Regenwolken, die am Nachmittag aufziehen, sorgen dafür dass die spanisch-deutsche Pause kurz ausfällt. Wir haben die Hoffnung Alcuéscar noch vor dem Regen zu erreichen. Michael, der noch zur Post in Mérida musste, hat uns mittlerweile eingeholt. Er hat nicht nur die beiden Pilger aus Belgien überholt, er berichtet von einem neuen Mitwanderer, der in Mérida dazu gekommen ist und ebenfalls ins Kloster will. Mit ihm sind es jetzt schon 6 Leute! Langsam wird’s voll auf der Vía. Wir schaffen es noch vor dem Regen bis ins Kloster.

    Im Kloster kümmert sich ein Hospitalero um uns. Jeder bekommt eine kleine Zelle zugewiesen, in denen früher Mönche gewohnt haben. Weil auch dieses Kloster nicht ausreichend Nachwuchs hat und somit viele Zellen leer stehen, ist diese Etage zur Pilgerherberge umgewidmet worden. Da es sich um die oberste Etage handelt – einen Aufzug gibt es natürlich nicht – soll schon einige Pilger zu böswilligen Kommentaren verleitet haben, erzählt uns der Hospitalero. Die Gasflasche der Heizung ist leider leer und in den Mauern steckt noch die Kälte des Winters, so kommt es mit vor. Na ja, die Duschen sind heiß und das Abendessen kostenlos. Man muss sich nur anmelden.

    Zwischenzeitlich sind Marco mit seinem Vater und der Spanier eingetroffen. Auf den letzten Kilometern hat der Regen die drei noch erwischt. Hubert, der Senior unserer Truppe nimmt es mit Humor und verschwindet unter der heißen Dusche um seine Lebensgeister wieder zu wecken.
    Bei dem Spanier handelt sich um einen 50jährigen Marathonläufer aus Barcelona. Die mehr als 700 Kilometer bis Santiago de Compostela will er in weniger als drei Wochen schaffen. Wir haben da unsere Zweifel.

    Michael, Hubert und ich gehen noch zur Messe im Kloster. Für Michael und mich ist es die erste spanische Messe. Ich bin mal gespannt, nicht nur weil der Gottesdienst in erster Linie von geistig und körperlich Behinderten (das Kloster betreut und beherbergt eine große Gruppe) besucht wird, noch mehr bin ich auf mein Erleben gespannt. Aufgewachsen und erzogen im rheinischen Katholizismus, ergänzt um eine frühjugendliche Karriere als Messdiener, habe ich der katholischen Kirche schon lange abgesagt und besuche zu Hause nur noch die „Pflichtveranstaltungen“ wie Taufe, Hochzeit und Beerdigungen.

    Während des Gottesdienstes habe ich ausreichend Zeit mir Gedanken über mein Tun zu machen. Ist es heuchlerisch, besonders Hubert gegenüber der tiefgläubig ist, oder ist es ein Tribut an die Vía de la Plata, die ja bei Licht betrachtet als Jakobsweg, also als Pilgerweg zu einem christlichen Apostel, angesehen wird? Das letztere gibt höchstwahrscheinlich den Ausschlag. Wie auf vielen anderen Weitwanderwegen bin ich hier auch nur als Wanderer unterwegs. Spirituelle Erfahrung oder eine Auszeit um mir über mein Leben Klarheit zu verschaffen, geschweige die Suche nach dem Sinn des Lebens sind nicht mein Ding.
    Nach Aussagen andere Pilger und Wanderer, die sowohl den Camino francés wie auch die Via gegangen sind, fehlt auf Letzterem die spirituelle Komponente größtenteils. Laut Hubert und Martín - beide waren im letzten Jahr auf dem Camino francés unterwegs (der eine als tiefgläubiger Pilger, der andere als Wanderer, der sich eine Auszeit genommen hat) - ist das hier nichts anderes als eine lange Wanderung auf alten römischen Wegen. Wenn man so will eine Tour durch ursprüngliche, einsame Landschaft und längst vergangene Geschichte.

    Warum mache ich mir überhaupt Gedanken darum? Eventuell ist das der Unterschied zwischen Pilgerweg und Weit- oder Fernwanderweg. Warum kommt man ans Nachdenken über Gott, Glauben und Kirche oder auch deren Gegenteil? Sind es gläubige Mitwanderer, die Geschichte als Pilgerweg die auf dieser Route liegt, oder ist es das Ziel der letzten Etappe – Santiago de Compostela? Die nächsten 700 Kilometer werde ich genügend Zeit haben mir dazu die passenden Gedanken zu machen.

    Ob mit Martín oder ohne - der könnte ja ab Morgen zu seinem Landsmann wechseln, mit Sicherheit ohne die beiden Belgier. Schade! Ich habe mich an die beiden gewöhnt. Das allabendliche Gespräch mit dem „Alten“ ist einer der kleinen Höhepunkte des Tages. Es ist aber nicht zu ändern: Vater und Sohn wollen nur bis Salamanca und haben nun ein mehr als ausreichendes Zeitpolster. Der Lohn der langen Etappen. Ausschlaggebend ist aber, dass sich Hubert in seinem Alter jetzt etwas schonen will. Den Gedanken mich den beiden bis Salamanca anzuschließen lasse ich schnell wieder fallen. Vater und Sohn sind als 2/3-Familie aufeinander eingespielt und brauchen keine weitere Begleitung. Martín könnte mit dem anderen Spanier weitergehen. Damit wäre sein Problem, dass er auf keinen Fall alleine unterwegs sein will, gelöst. Aber eigentlich gefällt es mir bei ihm. Nach fast 300 Kilometer habe ich mich an den Kerl gewöhnt.

    Vorerst gilt es die Nacht zu überstehen. Es ist so saukalt im Kloster, dass ich dankbar zu den Decken greife die er Hospitalero vorsorglich aufs Bett gelegt hat. Der leichte Daunenschlafsack ist an seinem Limit. Weil mein Zimmerchen am engen Innenhof liegt, der vom Uhrturm mit seiner Glocke überragt wird, habe ich das zweifelhafte Vergnügen im halbstündigen Rhythmus vom Glockenschlag zu profitieren.


    11. Tag: Mittwoch, 7. März 2007 Windstärke 8 auf grüner Wiese
    Etappe: Alcuéscar - Cáceres
    Tageskilometer: 38 Gesamtkilometer: 301


    Die Extremadura - ungewohnt grün ...


    Bis auf die beiden Belgier stehen alle um 7 Uhr an der Klosterpforte – vergebens. Wir hätten noch ein Nickerchen machen können. Die Tür ist verschlossen und ein Pförtner oder Mönch lässt sich nicht sehen. Die Schlüsselsammlung am Schlüsselbrett wird zwar von den beiden Spaniern durchgetestet, doch ohne Ergebnis. Nach einer halben Stunde kommt ein Mönch mit einem Sack warmen Brot und schließt die Tür von außen auf. Nach seinem breiten Grinsen zu urteilen, sind eilige Pilger in diesem Kloster nicht ganz unbekannt. Das wird auch der Grund sein, warum ausgerechnet der Schlüssel für die Eingangstür nicht am Brett hängt.

    Draußen hat der Regen immer noch das Kommando. Das erste Mal seit Beginn der Wanderung in Sevilla bin ich in Regenklamotten unterwegs. Heftiger Nordwestwind jagd die Tropfen waagerecht durch die Luft. Nach einer knappen Stunde erinnert sich der Wettergott daran, dass er für Spanien besseres Wetter im Regal hat. Es wurde auch Zeit! Die wenigen knöcheltiefen Bäche sind über Nacht so weit angeschwollen, dass wir an einem Bach nur in Teamarbeit trockenen Fußes rüber kommen. Auf Schuhe und Socken aus, mit anschließendem Waten, hat keiner von uns Lust. Bei der Frühstückspause haben Sonne und blauer Himmel wieder das Sagen. Nur der Wind legt noch ein paar Stundenkilometer drauf. Sobald wir aufs freie Feld kommen, haben wir Mühe uns auf den Beinen zu halten.

    Der neue Spanier aus Barcelona ist mit Laufschuhen unterwegs, deren Fersenunterteile aufgeschnitten sind. Keine Ahnung was das bringen soll, bei den nassen Wegen in die wir oft knöcheltief einsinken, ist das mit die schlechteste Schuhwahl. Ständig läuft ihm Wasser von hinten in den Schuh. Die Treter passen aber hervorragend zur hautengen Laufhose. Aber flott ist er unterwegs, sogar Michael, unser von allen anerkannter Schnellgeher, ist zu langsam für ihn. Zum Ausgleich macht der „Katalane“, so nennen wir ihn (seinen Namen haben wir alle sofort wieder vergessen), oft Pause und bleibt so immer in unserer Nähe. Er scheint nicht auf Martíns Wellenlänge zu schwimmen. Martín ist ein eher ruhiger Vertreter der iberischen Halbinsel, während der Katalane zum unentwegten Reden neigt. Selbstverständlich verstehe ich von seinem maschinengewehrartigen Spanisch kein Wort. Ich glaube nicht, dass ich das bedauern werde.


    ... hier auch

    Schon weit vor Mittag sind wir nur noch zu dritt unterwegs. Michael macht mal wieder eine ausgiebige Pause und wurde dann bis zum Abend nicht mehr gesehen.

    Das Wetter ist klasse: Sonnenschein, frischer kalter Wind, blauer Himmel mit einigen Wolken, dazu ein schöner Weg der überwiegend durch Wiesen führt. Die um diese Jahreszeit noch grünen Wiesen sind übersät von den ersten Frühlingsblumen, und selbst die kleinsten Rinnsale führen Wasser. Erinnert irgendwie an eine nordische Hochebene – wenn die Stein- und Korkeichen nicht wären.
    Auf der Landebahn des regionalen Flugclubs heben wir fast vom Boden ab. Der Wind ist so stark geworden, dass wir um jede Deckung durch Büsche, Hecken und Bäume froh sind. Heute Mittag, an der historische Römerstraße mit den alten Meilensteinen, hielt sich der Wind noch zurück, hier oben spüren wir seine volle Kraft. Ich kann mich mit meinem vollen Gewicht gegen den Sturm legen ohne dass ich umfalle.



    Störche in Cáceres


    In Valdesalor machen wir in einem Gasthaus für Lkw-Fahrer Pause. Nach längerer Zeit ist mal wieder ein Menu del día angesagt. Wegen Stromausfall dauert es bis das Essen auf dem Tisch steht. Zeit, in der wir uns ausgiebig beschnuppern. Wir beschließen die nächsten Tage zusammenzubleiben – vorerst.

    Pünktlich zum Start für die letzten Kilometer nach Cáceres legt sich der Wind etwas. Am späten Nachmittag trudeln wir in der Stadt ein. Auf der Suche nach der Herberge werden wir so oft in die Irre geschickt – nicht mit Absicht, die Leute wollen uns mit aller Gewalt den richtigen Weg zeigen, sogar wenn sie nicht wissen wo die Jugendherberge der Stadt ist – dass wir uns die geplante Besichtigung sparen können. Es ist schon Abend als wir in der Jugendherberge eintreffen. Mit 17 Euro für die Nacht im Dreibettzimmer ist es bis jetzt die teuerste Herberge am Weg - Hotels ausgenommen. Das städtische Haus kann es aber locker mit einem Hotel aufnehmen. Frisch renoviert, geheizt und extrem sauber ist es das Geld wert. Michael hat ein Einzelzimmer und ist ziemlich platt. Er wird am nächsten Tag nur eine kurze Etappe gehen. In Casar de Cáceres wird für ihn nach 11 Kilometer Schluss sein.



    Cáceres - Altstadt


    Martín, der Katalane und ich wollen durch bis Cañaveral, etwas mehr als eine Marathondistanz. Auf dem Flur treffen wir noch drei Katalanen, die hier ihre Pilgerwanderung nach Santiago de Compostela starten. Für den Anfang wollen die auch nur bis Casar de Cáceres. Ob 11 km nicht etwas wenig ist für die erste Etappe? Von Hubert und Marco bekomme ich eine SMS. Inhalt: Sind in Valdesalor, schlafen im Sitzungssaal des Gemeinderats! Schön! Abends vermisse ich beide Belgier sehr. Und noch schlimmer: der Neue schnarcht extrem!
    Geändert von Werner Hohn (03.04.2012 um 19:00 Uhr) Grund: Foto neu hochgeladen

  16. Dauerbesucher
    Avatar von Hexe
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    #16
    * der Neue schnarcht extrem!
    Pfeifen hilf da... kommt aber wohl zu spät der Tipp
    Schöner Bericht, bitte weiter schreiben

    Grüßli aus dem Westerwald

    Hexe
    Nach Fletchers Flugkrankheits-Index steht die Papageienkrankheit an fünfter Stelle des - am liebsten wäre ich tot - Indexes. Der höchste Grad der Krankheit wird vom Großen Seitenscheiteladler erlitten, der über drei Länder auf einmal reihern kann.
    - Terry Pratchett -

  17. #17
    Tach Hexe,

    wir haben eine bessere Lösung gefunden. Erfahrung mit Schnarchern?

    Grüße vom Westerwaldrand (da wo die kalten Winde in warmen Südwind übergehen)

    Werner

  18. Erfahren
    Avatar von carola_trekking
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    #18
    schön das der Bericht wieder weitergeht - sehr schön geschrieben und schöne Bilder dazu! macht Spaß zu lesen (gestern abend hab ich dann auch endlich mal die Spanienkarte daneben gelegt, um zu sehen, wos überhaupt langgeht)

  19. #19
    Danke für den Wink ... Mir ergeht's bei den Touren in Nordeuropa meist auch so.

    Auf die Schnelle hab' ich eine Skizze mit dem Streckenverlauf hochgeladen. Ganz oben, beim ersten Beitrag. Hilft eventuell weiter.

    Werner

  20. Erfahren
    Avatar von carola_trekking
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    #20
    super, was ein Service
    wobei, für einen Kartenfreak wie mich muss es schon die große Spanienkarte sein, ich will ja möglichst jeden Ort finden

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