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  1. [IT] Val Grande... und der grosse Schnee

    #1
    Mitreisende: Saltir
    Vom 22.-31.Januar hielt ich mich im italienischen Nationalpark Val Grande auf. Angedacht war eine Durchquerung von West nach Ost, auf der Linie Bèura - Pozzolo - Ragozzale - Borgo delle Valli - In la Piana - Arca - Orfalecchio - Velina - Cicogna - Pian di Boit - Passo Crocette - Gurro in 5-6 Tagen. Doch es sollte anders kommen:

    Am 22. erreiche ich planmässig mit dem 13:50-Uhr-Zug Domodossola unter strahlend blauem Himmel und sehr milden Temperaturen. Der zweistündliche Kleinbus bringt mich an meinem Ausgangspunkt Bèura. Wie erwartet ist der Aufstieg weitgehend schneefrei, erst ab 1400m liegt etwas Schnee, der aber kein besonderes Hindernis darstellt. Um 18:30 Uhr erreiche ich planmässig das für italienische Verhältnisse gut ausgestattete Rifugio Pozzolo, wo ich nächtige.


    Rifugio Pozzolo, 23.Januar 2006

    Am 23. geht's bei wolkenlosem Wetter durch eine zweifelhafte Triebschneemulde, die mich (zu)viel Zeit kostet bis unter die Punta Pozzolo und in einer Querung auf den Grat der Colma Piana, wo der Blick ins Val Grande möglich wird, das unter einem Nebelmeer liegt:


    Nebelmeer über dem Val Grande - mit Cima Pedum

    Am Grat der Colma Piana sind einige Zacken zu umgehen, was mich wiederum viel Zeit kostet und so stehe ich erst um 14 Uhr auf P.1952, wo der Abstieg ins Val Grande beginnen soll. Der letzte Punkt mit Handy-Netz, das gesamte Val Grande ist handyfrei... Zwischenzeitlich hat sich das Nebelmeer aufgelöst und ich erreiche über den schneefreien Ostrücken von P.1952 die Ruinen der Alpe Oro delle Giavine. Die Kapelle oder Kirche, die noch auf der Karte von 1963 verzeichnet ist, ist nicht mehr zu finden.


    Ruinen der Alpe Oro delle Giavine


    Blick ins schattige Becken der Alpe Quagiui

    Über den Sporn, der in der Karte von 1963 noch einen Pfad aufweist, steige ich weglos gegen den Talgrund hinab. Etwa hundert Meter über dem Grund gelange ich zuweit nach links, und damit in das Vallone Loc, wo sich das Weiterkommen als schwierig und zeitraubend erweist. Erst um 18 Uhr erreiche ich die Hütten der Alpe Borgo delle Valli, wo ich auf eine vorzeitige Nächtigung entscheide. Die Nacht im zugigen Gebäude wird eher kalt, doch der aus der Globetrotter-Aktion stammende Ajungilak-Schlafsack GooseBay Shelter bewährt sich auch noch bei -6 Grad sehr gut.


    Die bescheidenen Hütten von Borgo delle Valli


    Das Massiv der Cima Pedum - von Borgo delle Valli

    Auf dem mit eher wenig Schnee bedeckten Talweg geht es zügig hinaus nach Alpe Val Gabbio, wo ich auf tiefen Pulverschnee stosse. Die Spurarbeit, sowie die vereisten folgenden Wegpassagen fordern wiederum viel Zeit. Gegen 13:30 Uhr erreiche ich In la Piana. Ein Weitergehen um diese Tageszeit erscheint mir wenig sinnvoll, und ich richte mich in der Hütte ein. Vorsichtige Blicke vom Pfad des Val Gabbio ergaben bereits die Erkenntnis, dass der projektierte Weiterweg durch die mir von den schneefreien Jahreszeiten bereits bekannte 11km lange Schlucht nach Arca - Orfalecchio - Pte Casletto ein heikles Unterfangen geben würde und die Planung nochmal überdacht werden sollte...


    In la Piana


    Cima Pedum

    Am nächsten Tag, dem 25.Januar, unternehme ich - wie geplant - eine Rekognoszierungsrunde in die Umgebung, Richtung Basciot, Valle Rossa und Biordo. Die Verhältnisse im Talgrund sind jeweils eher bescheiden. Eis und Schnee erschweren das Vorwärtskommen, nur die Südflanken sind vollständig aper.



    Corni di Nibbio und Pizzo del Lesino


    Alpe Biordo (in Ruinen, rechts)

    Am Morgen des 26. Januar fallen erste einzelne Schneeflocken. Ich beschliesse auf die Schlucht zu verzichten und drehe mich im Schlafsack nochmal herum. Der Schluchtverzicht bedeutet einen zwigenden Gegenanstieg von 850m um das Val Grande verlassen zu können. Ich entscheide mich für die mir noch nicht bekannte Bocchetta di Vald, 1822m. Am späten Vormittag breche ich auf. Vor der Überquerung des Rio Valrossa muss - wie auch schon am Tag zuvor - ein völlig vereistes Wegstück in sehr zeitraubender Umgehung durch heikles Gelände umgangen werden. Ab der Überquerung des Rio Biordo gilt es dann einen Hang mit tiefem Pulverschnee hinaufzuspuren. Als ich oben anlange, fällt Nebel ein und der Schneefall wird etwas stärker. Es ist fast 14:30 als ich in der Alpe Vald di sopra anlange. Bis Malesco wären es noch mindestens 5 Stunden. Ich entscheide mich für die meiner Meinung nach sichere Variante, und bleibe in Vald di sopra - eine Fehlentscheidung mit dramatischen Auswirkungen wie die nächsten Tagen zeigen werden:


    Situation am Morgen des 27.Januar, 90cm Neuschnee


    Alpe Vald di sopra - während der starken Schneefälle - bis zum Abend fallen weitere 60cm Schnee

    Ich befürchte das Schlimmste - was auch eintritt. Situation vor der Hüttentüre am Morgen des 28.Januar - wohlgemerkt: Ich hatte die Terrasse am Vorabend geräumt!!


    ...und es schneit weiter...

    Gegen Mittag ist erstmalig das dumpfe Grollen von grossen Lawinenniedergängen in der Nähe zu vernehmen. Es wird den ganzen Nachmittag und die ganze folgende Nacht anhalten, nur gelegentlich unterbrochen vom Krachen umstürzender Bäume. Der Versuch am Nachmittag, das nur 20m entfernte WC zu erreichen endet kläglich als ich im über brusthohen Tiefschnee hängenbleibe. Der Ernst der Lage wird immer deutlicher. Es gibt kein Handy-Empfang, und vorbeikommen wird hier in den nächsten Monaten auch niemand. Ich prüfe meine Lebensmittelvorräte (500g Spaghetti) und die der Hütte (6 kg Nudeln und 1 kg Polenta). Die Schneefälle gehen unvermindert weiter...

    Am Morgen des 29.Januar mass ich nur noch 40cm Neuschneezuwachs. Ich weiss nicht, ob ich mich darüber freuen soll... Jedenfalls schneit es weiter, wenn auch nicht mehr so stark. Ich beschliesse den Notfall zu signalisieren und stapfe und schaufle in zweistündiger Arbeit den mannsgrossen Schriftzug MayDay in den Schnee. Sichtkontakt zur Zivilisation besteht nicht, wenn, dann kann die Rettung ohnehin nur aus der Luft erfolgen. Parallel entscheide ich auf aktive Arbeit an einer Flucht und bastle ein Paar provisorische Schneeschuhe:


    Noch nicht serienreif ... aber nach ersten Tests im tiefen Schnee im letzten Tageslicht und einigen Verbesserungen an der Bindungstechnik, versprechen sie ein zufriedenstellendes Ergebnis.

    Am Abend endet der Schneefall - nach 79 Stunden. Endlich! Die aufsummierte Schneehöhe von der Hüttenterrasse beträgt 240cm, die absolute Schneehöhe etwa 160cm.

    Der nächste Morgen, es ist der 30.Januar, bringt besseres Wetter und ungemein milde Temperaturen. Die Lawinen rauschen nur so...


    Pizzo del Lesino und Pizzo Proman im dicken Schneekleid


    Nachmittagstemperatur auf der Hüttenterrasse...

    Ich terminiere meinen Fluchtversuch auf den 31.Januar. Nach den warmen Temperaturen und der klaren Nacht, hoffe ich auf eine gefrorene Schneedecke um evtl, mit Steigeisen rasch in die Bocchetta di Vald steigen zu können. Ich prüfe die Festigkeit der Schneedecke um 2 Uhr, um 4 Uhr und um 6 Uhr morgens: Nicht tragfähig! So gehe ich um 7 Uhr mit den provisorischen Schneeschuhen los. Das Provisorium bewährt sich überraschend gut - und ich komme ich in Anbetracht der Verhältnisse eher zügig vorwärts: 120 Höhenmeter/Stunde.


    Lesino und Proman im ersten Sonnenlicht


    Val Grande - vom Aufstieg zur Bocchetta di Vald
    unten: Alpe Vald di sopra - hinten: Monte Rosa

    Um 11:00 Uhr stehe ich auf der Bocchetta di Vald. Die Schneeschuhe halten gut. Ich bin guter Dinge, und gehe davon aus, das Gröbste geschafft zu haben - ein Trugschluss:

    Über viele Lawinenkegel und durch teilweise zerstörte Wälder erreiche ich die schattige Ebene der Alpe Bondolo. Setzungsgeräusche bei jedem Schritt und handbreite Risse in der Schneedecke setzen deutliche Signale.


    Alpe Bondolo

    Nach kurzer Mittagsrast, breche ich auf, das Valle del Basso hinunter Richtung Malesco. Ich rechne mit 4-5 Stunden bis ins Tal. Doch gleich wenig unter der Alp verändert sich die Schneebeschaffenheit. Der Schnee wird immer weicher, und ich sinke weiter und weiter ein. Mehrmals stecke ich brusthoch fest und muss mich mühsam wieder ausgraben. Die Situation wird immer absurder: Unter dem Schnee liegen zwischen plattgedrückten Erlen Hohlräume, in die ich immer wieder hineinfalle. Ich brauche 70 Minuten für 100 Abstiegsmeter.

    Es ist 15:30 Uhr als ich ca 200 Meter vor den Gebäuden von All'Erta auf eine ausgedehnte Bruchharschzone stosse. Darunter bodenloser Pulver. Ich breche bei fast jedem Schritt bis zum Hals ein. Die Bindung der Schneeschuhe gibt auf - durchschnitten von der Harschschicht und starker Beanspruchung. Eine Reparatur der Schneeschuhe würde wohl eine knappe Stunde kosten - mit ungewissem Erfolg. In 2 Stunden ist es dunkel. Die Situation ist fast ausweglos. Ich versuche ohne Schneeschuhe wenigstens die wenigen Meter bis zu den verlassenen Gebäuden von All'Erta zu kommen, und muss sogleich erkennen, es würde Stunden dauern.

    Ich prüfe den Handyempfang: schwach, aber möglich. Der Akku fast leer. Jetzt oder nie!? Ich wähle die Nummer der Polizei in Santa Maria Maggiore. Es gibt Verständigungsprobleme bezüglich meiner genauen Position. Der Akku will nicht mehr. Ich wärme ihn auf, und wähle die Nummer eines befreundeten und ortskundigen Tessiner Alpinisten. 15 Minuten später flügelt der Heli das Val Loana herauf...
    Geändert von Sandmanfive (06.11.2011 um 19:43 Uhr) Grund: Reisecharakter eingestellt

  2. Erfahren
    Avatar von Dieter
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    #2
    Ufff!
    Sehr beeindruckend, was Du da erlebst hast! Da bist Du in eine richtige Wetterfalle geraten. Freue mich für Dich, daß es noch mal gut gegangen ist. Die Eindrücke sind ja noch frisch und es niederschreiben hilft zu rekapitulieren und zu verarbeiten. Aus eigener Erfahrung weiss ich, daß in einem der Klang eines Hubschrauber noch lange danach ein seltsames Gefühl in der Magengrube aufkommen läßt.
    Danke für den Bericht und die Bilder.
    Dieter

  3. Erfahren
    Avatar von chill^out
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    #3
    Sehr beeindruckender Bericht... gut dass alles im Endeffekt nocheinmal glimpflich ausgegangen ist.... und man sieht mal wieder wie wichtig es ist immer ein Handy dabei zu haben, auch wenn man es nur im Notfall braucht.

  4. Dauerbesucher

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    #4
    Wow, echt beeindruckend ! Da sieht man, wie schnell man sich doch in so 'ner misslichen Lage befindet. Aber es beweist aber auch, wenn man einen ruhigen Kopf bewahrt und nicht in Panik gerät, ist es gar nicht so Ausweglos.

    btw., mußtest Du für die Rettungsaktion irgendwas bezahlen? Müßte doch umsonst sein - oder?

    Gruß

    TOM
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  5. Fuchs

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    #5
    Puh -wie hast du dich gefüllt - welche Ängste hattest du.
    Oder war alles für dich alles beherschbar und immer der Glaube das es gut geht.
    Wenn ich mich in so einer Lage vorstelle.......

    grüße Folko
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  6. #6
    Zitat Zitat von Onkel Tom
    btw., mußtest Du für die Rettungsaktion irgendwas bezahlen? Müßte doch umsonst sein - oder?
    Es waren keine Kosten zu begleichen. Nach meinem Kenntnisstand ist dies in Italien bei Bergrettungen generell so. In der Schweiz hingegen ist man nur als Gönner der REGA aus dem Schneider. (Erlässt die Kosten, sofern kein Dritter, z.B. Versicherung, dafür aufkommt.)

  7. #7
    Zitat Zitat von Nicki
    Puh -wie hast du dich gefüllt - welche Ängste hattest du.
    Oder war alles für dich alles beherschbar und immer der Glaube das es gut geht.
    Ich muss sagen, ich empfand die Situation zu jedem Zeitpunkt als noch halbwegs kontrollierbar. Das liegt sicherlich auch an meinen relativ grossen Erfahrungen mit Alleinunternehmungen im Südalpenraum - oftmals unter erschwerten Bedingungen. Im Zweifelsfalle hätte ich mit der zur Verfügung stehenden Verpflegung die Situation etwa 20 Tage lang in Vald di sopra aussitzen können. Ich hatte zwar keinen expliziten Rückkehrzeitpunkt vereinbart, doch war meiner Partnerin meine ursprüngliche ungefähre Route geläufig. Anhand der Hüttenbucheinträge in Pozzolo und In la Piana wäre bei einer Suchaktion rasch hinreichend klar geworden, dass mein Standort Vald di sopra sein sollte. Auch wäre ein Notbiwak in All'Erta nicht einem Ende gleichgekommen, wenn mich auch eine Tourfortsetzung am Folgetag mit reparierten Schneeschuhen bei den geschilderten Schneebedingungen sicherlich bis an die Grenze der Belastbarkeit gebracht hätte.

  8. Erfahren
    Avatar von Kajaking-Mark
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    #8
    Hi Frank,

    Danke für Deinen offenen Bericht und gratuliere zu Deinem 2. Geburtstag. Setzungsgeräusche, Abgang von Spontanlawinen, Wummgeräusche - die einzigen 3 zuverlässigen Zeichen akuter Lawinengefahr waren bei Dir vorhanden. 240 cm Neuschnee ! Da braucht man nichts mehr zu sagen.

    "Ich muss sagen, ich empfand die Situation zu jedem Zeitpunkt als noch halbwegs kontrollierbar".

    Sei mir nicht bös`, aber Dein Schutzengel hat Dich die ganze Zeit begeleitet. Die hochakute Lawinengefahr konntest Du nicht, auch nicht halbwegs kontrollieren. Du hättest sie nur kontrollieren können, in dem Du noch länger in der Hütte ausgeharrt hättest. So schnell verhungert man ja nicht, Wasser hattest Du ja (sofern genug Brennstoff) unbegrenzt.
    240 cm Neuschnee führen meist zu Lawinenwarnstufe 5 also "Katastrophensituation".

    Aber ich will nicht recht gscheit` daherreden, wenn man`s nicht selbst erlebt hat, glaubt man nicht wie Neuschnee kleinste, eigentlich einfache Strecken zum fast unüberwindbaren Hindernis werden lassen kann.
    Wir sind mal im Januar mit Langlaufskiern aufs Karwendelhaus
    (Karwendelgebirge). Wir waren um 17.00 also bei Sonnenuntergang am Fuß des letzten Hangaufschwungs vor der Hütte, den ich schon 10 x im Sommer mit dem Mountainbike in vielleicht 30 min rauf bin. Wir dachten na` dann gehen wir halt eine eine halbe oder eine Stunde im Dunkeln was solls. Falsch gedacht. Selbst mit Skiern war das Spuren im tiefen Neuschnee und das Finden der richtigen Route im weglosen Gelände im Dunkeln so schwierig, daß wir für das kurze Stück 5 Stunden im Dunkeln brauchten. Unterwegs trafen wir noch auf Schneeschuhgeher die sich verlaufen hatten und nun (zu viert) konnten wir uns im Spuren abwechseln. Wir waren alle ziehmlich froh um 22.00 Uhr endlich den Winterraum einheizen zu können.

    Wie war Deine Tourenplanung vorher mit dem Wetterbericht. Sind starke Schneefälle vorhergesagt worden ? Du weißt, dass Du bei "Wetterzentrale.de" anhand des amerikanischen GSF Systems Vorhersagerechnungen über ich glaube 170 h oder 240 h bekommst. Auch wenn sie ungenau bleiben müssen, erlauben sie eine grobe Planung der Revierauswahl.
    Ich red` schon wieder gescheit, aber als passionierter Meerespaddler habe ich gelernt mich akribisch mit den Wetterprognosen auseinanderzusetzen.

    Wie war deine Wetterprognose ?

    Nochmals Danke für Deinen Bericht

    Sea You Mark
    \" I do not know what I may appear to the world; but to myself I seem to have been only like a boy playing on the sea-shore, whilst the great ocean of truth lay all undiscovered before me.\"
    (Sir Isaac Newton)

  9. #9
    Zitat Zitat von Kajaking-Mark
    Die hochakute Lawinengefahr konntest Du nicht, auch nicht halbwegs kontrollieren. [...]
    240 cm Neuschnee führen meist zu Lawinenwarnstufe 5 also "Katastrophensituation".
    Nein, die Gefahr konnte ich nicht kontrollieren, aber durchaus im Rahmen der geschilderten Bedingungen minimieren: Meidung der Auslaufbereiche von mässig steilen und steilen Hängen, Ausnutzung von bereits entladenen Hängen (und genau das waren >50% aller Hänge ohnehin schon!), etc. Von Seiten der Lawinengefahr war das Risiko am Dienstag nach meiner Einschätzung durchaus vertretbar.

    Rein informativ hier im übrigen die Lawinenprognose für Sonntag, Montag und Dienstag, die mir natürlich vor Ort nicht zur Verfügung standen. Ich hätte die Lawinenlage für meinen Standort Sonntag und Montag jeweils eine Stufe höher eingeschätzt, am Dienstag im grenzwertigen Bereich erheblich/gross.

    Zitat Zitat von SLF
    VORHERSAGE DER LAWINENGEFAHR FUER SONNTAG
    Suedliches Simplongebiet; Bedretto; Maggiataeler:
    Grosse Lawinengefahr (Stufe 4)
    Die Gefahrenstellen befinden sich an Steilhaengen aller
    Expositionen oberhalb von rund 1600 m. Es ist mit spontanen
    Lawinenausloesungen zu rechnen. Diese koennen auch in Gebiete
    bis unter 1600 m vordringen. Mit dem Uebergehen von Schnee in
    Regen kann die Schneedecke auch in tieferen Lagen auf dem
    Boden abgleiten und exponierte Verkehrswege gefaehrden.

    VORHERSAGE DER LAWINENGEFAHR FUER MONTAG
    Alpenhauptkamm; Tessin; Buendner Suedtaeler; Engadin ohne die
    Gebiete Silvretta und Samnaun:
    Erhebliche Lawinengefahr (Stufe 3)
    Im suedlichen Simplongebiet, im Tessin sowie in den Taelern
    Misox, Calanca, Bergell und Puschlav befinden sich die
    Gefahrenstellen an Steilhaengen aller Expositionen oberhalb
    von rund 1000 m. Vereinzelte spontane Lawinenabgaenge sind
    noch moeglich. Diese koennen auch in Gebiete bis unter 1000 m
    vordringen und vereinzelt exponierte Verkehrswege gefaehrden.

    VORHERSAGE DER LAWINENGEFAHR FUER DIENSTAG
    Alpenhauptkamm; Tessin; Buendner Suedtaeler; Oberengadin;
    Unterengadin suedlich des Inns:
    Erhebliche Lawinengefahr (Stufe 3)
    Im suedlichen Simplongebiet, im Tessin sowie in den
    suedlichen Gebieten des Misox- und Calancatales, im Bergell
    und im Puschlav befinden sich die Gefahrenstellen an
    Steilhaengen aller Expositionen oberhalb von rund 1600 m.
    Vereinzelte spontane Lawinenabgaenge sind noch moeglich, vor
    allem mit der tageszeitlichen Erwaermung. Diese koennen auch
    in Gebiete bis unter 1600 m vordringen und vereinzelt
    exponierte Verkehrswege gefaehrden.
    Zitat Zitat von Kajaking-Mark
    Wie war Deine Tourenplanung vorher mit dem Wetterbericht. Sind starke Schneefälle vorhergesagt worden ? [...] Wie war deine Wetterprognose ?
    Ich beziehe meine Prognosen stets von der SMA, die eine relativ grosse Zuverlässigkeit hat. Bei meiner letzten Konsultierung der Prognosen am Sonntag, 22.Januar war keine zuverlässige Prognose für den Schadenszeitraum verfügbar. Um neuere Wetterprognosen zu erhalten, wäre das Mitführen eines Mittelwellen-Radios notwendig gewesen. Trotz des Vorgefallenen halte ich dies dann doch für eine übertriebene Sicherheitsmassnahme. Letztendliche Sicherheit wird es nie geben können.

  10. Erfahren
    Avatar von Kajaking-Mark
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    #10
    Zitat Zitat von frankfseeger
    Ich beziehe meine Prognosen stets von der SMA, die eine relativ grosse Zuverlässigkeit hat. Bei meiner letzten Konsultierung der Prognosen am Sonntag, 22.Januar war keine zuverlässige Prognose für den Schadenszeitraum verfügbar. Um neuere Wetterprognosen zu erhalten, wäre das Mitführen eines Mittelwellen-Radios notwendig gewesen. Trotz des Vorgefallenen halte ich dies dann doch für eine übertriebene Sicherheitsmassnahme. Letztendliche Sicherheit wird es nie geben können.
    Hi Frank,
    Danke für Deine Antwort. Mein Kommentar war nicht bös` gemeint. Ist SMA schweizer meteomedia, oder ?

    Ich gebe zu, daß der Lawinenlagebericht kurzfrisitger ist (1-3) Tage als der Seewetterbericht. Ich gebe Dir auch recht, ich würde selbst keinen Mittelwellenempfänger in die Berge mitschleppen. Macht man eigentlich auch nicht. Mach` ich auch nie. Handyempfang hattest Du ja nicht.
    Mit dem Handy kann man sich allerdings bei vielen Diensten z.B. Wetteronline für etwa 50.- Cent/SMS die neueste Wetter-SMS runterladen.
    Ist eigentlich komisch, daß man, wenn man tagelang alleine im Gebirge unterwegs ist, kein Miniradio mitnimmt.
    Beim Seekajakfahren ist ein Empfänger eigentlich Standard. (Ich benutze zugegebernerma0en auch keinen).
    Bei einer mehrtägigen Seekajaktour auf dem Meer, drucke ich mir unmittelbar vorher die GSF - Karten aus und vergleiche die vorhergesagten Isohypsen ( Druckverläufe) mit meinem Barometer. Aufmerksam werde ich, wenn mein gemessener Luftdruck erheblich von den prognostizierten Druckverläufen abweicht oder das Barometer plötzlich fällt. Dabei sehe ich zu, daß ich mir alle 3-4 Tage eine neue Wetterkarte aus einem Internetcafe in irgendeinem Hafen besorgen kann. (O.K. konntest Du natürlich nicht).
    Darüberhinaus hole ich mir, wenn das Wetter per Augenschein instabil aussieht, die neusten Windvorhersagen per SMS aufs Handy.
    Im Gebirge mach`s ich ja ähnlich wie Du, würde auch keinen Radio mitschleppen, aber eigentlich ist man doch, wenn man`s sich recht überlegt, bei einer 1 wöchigen Tour alleine im Hochwinter im Gebirge dem Wetter genauso ausgestzt wie wenn man alleine im Kajak auf dem Meer paddelt.
    Ich denk` jetzt nur mal laut, ich hab`s auch noch nie gemacht, aber die paar Gramm für einen Miniradio wären doch eigentlich auch im Gebirge zu verkraften.
    Was hat Dein Barometer angezeigt ? Hattest Du vor Durchzug des Tiefs einen plötzlichen Druckabfall ?

    Sea You
    Mark
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  11. Lebt im Forum
    Avatar von Nammalakuru
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    #11
    Krasser Bericht ... jetzt erst gelesen ... hattest wohl echt einen Schutzengel dabei. Ich glaub ich wär da durchgedreht

    Nam

  12. #12
    Zitat Zitat von Kajaking-Mark
    Danke für Deine Antwort. Mein Kommentar war nicht bös` gemeint. Ist SMA schweizer meteomedia, oder ?
    Kein Problem. Auf einige kritische Fragen hatte ich mich schon eingestellt...

    Die SMA ist die Schweizerische Meteorologische Anstalt in Zürich, firmiert seit einiger Zeit modern als MeteoSchweiz und hat nichts mit der meteomedia zu tun, deren Prognosen ich nicht so sehr mag.

    Zitat Zitat von Kajaking-Mark
    Was hat Dein Barometer angezeigt ? Hattest Du vor Durchzug des Tiefs einen plötzlichen Druckabfall ?
    Der Druckabfall war allgemein wenig markant. Ganz besonders fiel mir hingegen auf, dass exakt während der intensivsten Niederschlagsperiode der Druck wieder markant zu steigen begann bis auf einen Höchststand, der rund 6 Std. vor Ende der Niederschlagstätigkeit erreicht wurde, anschliessend langsam, aber kontinuierlich zu fallen begann, obwohl das Wetter unablässig besserte.

    Ganz allgemein habe ich ohnehin die Erfahrung, dass in Gebieten nahe am Alpenhauptkamm - und somit der Wetterscheide, die Druckkurve nicht unbedingt sehr aussagekräftig ist.

  13. Erfahren
    Avatar von Dieter
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    #13
    Ganz besonders fiel mir hingegen auf, dass exakt während der intensivsten Niederschlagsperiode der Druck wieder markant zu steigen begann bis auf einen Höchststand, der rund 6 Std. vor Ende der Niederschlagstätigkeit erreicht wurde, anschliessend langsam, aber kontinuierlich zu fallen begann, obwohl das Wetter unablässig besserte.
    Der Druckanstieg ist charakteristisch für den Durchgang einer Kaltfront und passt genau zu dem Wetter das Du erlebt hast. Der vorangehende Druckabfall muß dabei nicht unbedingt bedeutend gewesen sein.

    Auf langen Touren habe ich auch kein Radio dabei sondern richte mich nach eigenen Wetterbeobachtungen. Wettervorhersagen im Gebirge und vor allem nahe von Wetter-, im Falle des Alpenhauptkammes sogar, Klimascheiden sind sehr schwierig und durch lokale Einflüsse überprägt. Diese lokalen Einflüsse durch die Topographie fehlen beim Seewetter oder es gibt nur an der Küste.

    Dieter

  14. Fuchs

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    #14
    Fragen die sich nach solchen Erlebnissen für mich stellen:

    Wie macht mann es "richtig"-
    Welche Ausrüstung , welche Informationen einholen,auch während der Tour (Radio)
    Welches Restrisiko "darf" eingegangen werden, wobei es mir auch um das Risiko der evtl. Retter geht.


    Folko,der Schnnee nur Fußhoch kennt, und der eine Menge respekt vor diesem hat.
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  15. Erfahren
    Avatar von Kajaking-Mark
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    #15
    Zitat Zitat von frankfseeger
    Der Druckabfall war allgemein wenig markant. Ganz besonders fiel mir hingegen auf, dass exakt während der intensivsten Niederschlagsperiode der Druck wieder markant zu steigen begann bis auf einen Höchststand, der rund 6 Std. vor Ende der Niederschlagstätigkeit erreicht wurde, anschliessend langsam, aber kontinuierlich zu fallen begann, obwohl das Wetter unablässig besserte.

    Ganz allgemein habe ich ohnehin die Erfahrung, dass in Gebieten nahe am Alpenhauptkamm - und somit der Wetterscheide, die Druckkurve nicht unbedingt sehr aussagekräftig ist.
    Hi Frank,

    d`accord, wer steigt schon ab weil das Barometer ein paar Einheiten fällt oder steigt. Der von Dir gemessene Druckverlauf entspricht auch meinen Erfahrungen und den Ausführungen z.B. von Kachelmann / Schöpfer in : "Wie wird das Wetter":

    Vgl. hierzu die Textpassage von Kachelmann / Schöpfer:

    "Da vor dem ersten Kaltluftschub am Boden nur warme, d.h. leichte Luft über uns ist, wird bis dahin der Luftdruck sehr gering sein. Der tiefe Barometerstand hat uns also auch schon vorher auf die Ankunft einer Kaltfront hingewiesen.
    Besonders reizvoll ist es im Augenblick des ersten Windstoßes den Zeiger des Barometers zu beobachten. Er wird sofort einen kleinen Sprung nach oben, das heißt nach rechts machen, denn der erste Windstoß bringt sofort einen Schub kälterer, schwerer Luft mit, die den Luftdruck ansteigen läßt. Je kräftiger nun das Gewitter tobt, das heißt je kräftiger die Kaltluftmassen hereinbrechen, desto stärker wird der Zeiger unseres Barometers "steigen". Dieser Vorgang ist meist für den Laien überraschend, da mit einsetzenden "Unwetter" der Zeiger unseres Barometers in Richtung "Schönwetter" rückt."

    Aus Kachelmann / Schöpfer : Wie wird das Wetter ? Seite 85. Auflage September 2004, Rowohlt-Verlag.

    Wir hattem im Seekajakforum lange Disskussionen, da mir viele nicht glaubten, daß das Barometer bei Durchzug einer Kaltfront steigen kann. Irgendwann stellte ich die Frage den "Wetterfreaks" vom Wetterforum bei Wetterzentrale.de und erhielt von Meteor folgende Antwort, die ich ehrlich gesagt nicht ganz kapiere:

    Meteor: " Nur solltest du nicht die Annäherung eines Tiefs mit der Annäherung einer Kaltfront gleichsetzen. Wie du am Schluss richtig sagst, bedeutet ein Tief (relativ) niedrigen Luftdruck. Aber du kennst ja auch das "ideale" Tief mit Warmfont, Kaltfront und Okklusion und die damit verbundenen Vorgänge : Die herangeführte wärmere Luft ist leichter als die davor liegende kühlere Luft und gleitet über diese auf, während die Kaltluft auf der "Rückseite" -bezogen auf die Bewegungsrichtung des Tiefs- sich dann wieder unter die wärmere schiebt; hat sie vollständig vom "Boden" abgehoben, sind die Fronten okkludiert. Daraus erkennt man, dass die Kaltluft die "aktivere" , schnellere ist, umgekehrt aber auch, dass sich diese Vorgänge auf den "Boden" beziehen (weshalb -wenn überhaupt noch {in den Medien werden sie nur noch selten angesprochen-} die Fronten nur in der Bodenwetterkarte eingetragen sind).

    Jeder, der eine Bodenwetterkarte analysiert, freut sich über so eine
    Idealzyklone: eine ausgeprägte "Zielscheibe" (Isobaren = mehr oder weniger konzentrische Kreise) um das Zentrum des tiefsten Luftdrucks herum, verbunden mit "Ausbeulungen" an den Fronten; diese verlaufen oft "schwalbenschwanzartig" mit den Spitzen (zum höheren Druck hin gerichtet, nicht unbedingt nach Süden) an den Fronten. An einem Ort, über den das Geschehen hinwegzieht, sieht der Luftdruckverlauf genau so aus.

    Also beschreibt nicht "das Barometer" bzw. der Luftdruck die Frontpassagen am besten, sondern die jeweiligen Änderungen des Luftdrucks (Luftdruckverlauf). In der Praxis können Luftdruckänderungen -eingetragen direkt rechts vom "Stationskreis"- in Form des "o.k.-Häkchens" (gefallen, dann gleichbleibend oder ansteigend) richtige "checkmarken" für eine Front sein.
    Das kann man z.B. an den "Eintragungskarten" wie bei

    [www.dwd.de]

    oder vielleicht auch noch (im kleineren Massstab) unter

    [profi.wetteronline.de]

    erkennen. Dabei sollte die Warmfront möglichst weit "zurück" verlegt werden (erst wenn die Warmluft den "Boden erreicht hat) und die Kaltfront möglichst weit nach "vorne" (weil sich die Kaltluft zuerst am Boden bemerkbar macht); der Warmsektor dazwischen weist meist eine recht einheitliche Strömung -und fast gleiche Temperaturen- auf und oft auch einen leichten Luftdruckanstieg.

    Die Physik: "Aufgleiten" (vor der Warmfront am Boden) bedeutet Luftdruckfall -da die Luft sich dann auch nach oben bewegt- und das Einfließen der Kaltluft "Hebung" (sie schiebt sich wie ein Keil unter die wärmere); kurz vor der Kaltluft gibt es also noch eine -meist recht starke- Aufwärtsbewegung (= Druckfall), die oft die "Initialzündung" für kräftige Vertikalbewegung (= Schauer / Gewitter etc.) ist.

    Der Druckanstieg hinter einer ausgeprägten Kaltfront ist tatsächlich oft recht stark, so dass dann die "postfrontale Aufheiterung" einsetzen kann (bevor dann evtl. die Höhenkaltluft wirksam wird).

    Das größte "happening" spielt sich also im unmittelbaren Kaltfrontbereich ab. Ich versuche es anschaulich darzustellen : die -schwerere- Kaltluft fällt sozusagen von oben -natürlich auch "vorwärts"- herunter ("Downrush / Downburst", selbstverständlich mit Böen verbunden); die Luft davor wird angehoben (Druckfall), während "unter" der Kaltluft der Druck -oft ziemlich stark- steigt.

    Innerhalb eines Tiefdruckgebietes (bzw. beim Durchzug) gibt es
    unterschiedliche Vorgänge, u.a. auch das "Kaltfrontgeschehen".

    Ich muß gestehen, daß ich mir hieraus keine Faustregel ableiten kann.
    Ob ich immer richtig liege, weiß ich nicht, aber ich achte auf einen Barometerabfall. Ein späteres Ansteigen des Baometers muß dabei keineswegs "Schönwetter" vorhersagen, sondern kann eine Klatfrontpassage bedeuten, die man unschwer erkennt wenn man mitten drinnensitzt.

    Im Gebirge hast Du ja tatsächlich viel lokales Wettergeschehen. Im Sommer örtliche Gewitter, die Dir keiner vorhersagen kann. Im Winter in Staulagen wohl z.t. ergibige Schneefälle und außerhalb der Staulagen nicht.
    Aber so weitläufige Wetterphänomene wie die Näherung einer Kaltfront kann man ja schon durch den Wetterbericht erfahren.

    @ Dieter: "Diese lokalen Einflüsse durch die Topographie fehlen beim Seewetter oder es gibt nur an der Küste."

    Oh ne, gerade am Mittelmeer gibt es z.B. bei Mistral ausgesprochene lokale Unterschiede mit lokalen Starkwindfeldern bis 9Bft während 10 sm entfernt Flaute herrscht. Und dies ausdrücklich nicht im küstennahen Bereich.

    Grüße Mark
    \" I do not know what I may appear to the world; but to myself I seem to have been only like a boy playing on the sea-shore, whilst the great ocean of truth lay all undiscovered before me.\"
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  16. Erfahren
    Avatar von Kajaking-Mark
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    #16
    Zitat Zitat von Dieter
    . Wettervorhersagen im Gebirge und vor allem nahe von Wetter-, im Falle des Alpenhauptkammes sogar, Klimascheiden sind sehr schwierig und durch lokale Einflüsse überprägt. Diese lokalen Einflüsse durch die Topographie fehlen beim Seewetter oder es gibt nur an der Küste.
    Dieter
    Hi Dieter,

    in diesem Fall schreibt Meteo Schweiz, daß sie die außergewöhnlichen Schneefälle auf der Alpensüdseite bereits einige Tage im Voraus erkannt und 36h Stunden vorher eine Warnung ausgebeben hätten:

    " Ende der ergiebigen Schneefälle im Süden: Erste Bilanz

    Zwischen Donnerstagabend 26. Januar und Samstagmorgen 28. Januar gab es auf der Alpensüdseite beträchtliche, teils sehr aussergewöhnliche Schneefälle bis in die Niederungen. Es kamen dabei Schneemengen zusammen, wie sie seit 1986 nicht mehr gemessen werden konnten.
    Die ergiebigsten Niederschläge erhielt das Mendrisiotto, aber auch im übrigen Tessin (mit Ausnahme des Bleniotals und der Leventina) sowie im Misox wurden grosse Schneemengen registriert. In den Gebieten, die von der aus Süden herangeführten feuchten Luft am meisten betroffen wurden, erreichte die Schneedecke eine Dicke von 60-90 cm, was einem Wasserwert von 45 bis 65 l/m2 entspricht.
    Die am Donnerstag und Freitag im Sottoceneri gemessenen Neuschneemengen gehören zu den höchsten, die in den letzten 100 Jahren in dieser Region gemessen worden sind. Für das mittlere Tessin handelt es sich um das fünftstärkste Schneeereignis, was einer Rückkehrperiode von etwa 15 bis 20 Jahren entspricht.


    Schneehöhen am 29.1.06, 07:00h

    Am Samstag 29.1.06 um 07:00 gemessene Gesamtschneehöhen
    Am Samstagmorgen um 7 Uhr lagen in Lugano 67 cm, in Locarno-Monti 58 cm Schnee. Weitere beträchtliche Schneefälle in Locarno ereigneten sich in den letzten 50 Jahren am 1. Februar 1986 (65 cm), am 17. Januar 1985 (81 cm), am 12. Februar 1978 (69 cm), am 29. Januar 1978 (85 cm), am 13. Januar 1978 (52 cm), am 12. Januar 1977 (54 cm), am 28. Dezember 1970 (51 cm) und am 12. Februar 1960 (50 cm).

    Auch in den Bergen fielen mit 80 bis 90 cm Schnee recht grosse Mengen, besonders vom Simplongebiet bis zum Gotthard. Die grossen Neuschneemengen liessen dabei auch die Lawinengefahr deutlich ansteigen.

    Aussergewöhnlich waren nicht nur die Schneemengen, sondern die tiefe Dichte des gefallenen Schnees. Zu Beginn betrug die Schneedichte 40 kg/m3 und stieg dann bis Ende des Ereignisses auf 75 bis 90 kg/m3 an. Bei früheren Starkschneefall-Ereignissen war der Schnee bei einer Dichte von 150 bis 200 kg/m3 deutlich schwerer. So leichter Schnee bis in die Niederungen ist nur bei Temperaturen deutlich unter Null Grad möglich, wie es vor allem zu Beginn des Ereignisses war. Dies ist der Grund, weshalb trotz nicht sehr grossen Niederschlagsmengen (bezüglich Wasserwert) solch grosse Schneemengen zustande kommen konnten.

    Verlauf der Psychrometertemperatur vom 26. bis 29.1.06
    Die grossen Schneemassen führten auf der ganzen Alpensüdseite zu erheblichen Verkehrsbehinderungen, so dass im Mittel- und Südtessin am Freitag nichts mehr lief. Viele Verkehrswege waren unpassierbar und selbst in den grösseren Zentren wie Lugano, Bellinzona und Locarno herrschte ein Schneekettenobligatorium. Schwere Fahrzeuge durften nicht mehr fahren, viele Schulen wie auch der Flugplatz von Lugano wurden geschlossen, Postauto und Bahn fuhren nur teilweise und mit grossen Verspätungen.
    Besondere Schäden an Kulturen und Gebäuden wurden nicht vermeldet, wahrscheinlich Dank des aussergewöhnlich leichten Schnees.

    Dieses Ereignis wurde von MeteoSchweiz bereits einige Tage im Voraus erkannt. So wurden die zuständigen Behörden bereits am Mittwochvormittag, d.h. etwa 36 Stunden vor Einsatz der Schneefälle, mit einer ersten Unwetterwarnung auf die bevorstehenden Starkschneefälle aufmerksam gemacht. Die weitere Entwicklung der Situation wurde laufend verfolgt. Am Freitagmorgen wurde sogar eine Warnung mit Stufe 3 für die ganze Alpensüdseite ausgegeben. Es handelt sich dabei um die höchste Stufe auf der Unwetter-Gefahrenskala, welche bisher in der Schweiz noch nie ausgesprochen wurde.

    Starke Schneefälle sind auf der Alpensüdseite nur bei Erfüllen einiger Voraussetzungen möglich. Zum ersten muss in den unteren Luftschichten ausreichend kalte Luft vorhanden sein. Diese floss seit einigen Tagen auf der Südflanke eines kräftigen Hochdruckgebiets über Nordosteuropa aus Osten zur Alpensüdseite. Durch die Entwicklung eines Tiefdruckwirbels über Frankreich und dem westlichen Mittelmeer floss ab Mittwoch sehr feuchte Luft aus Südost zur Alpensüdseite, wodurch es zu einer Südstausituation kam, welche sich anschiessend verstärkte und bis Samstag anhielt.
    Die Niederschläge setzten am Donnerstagvormittag ein und fielen bis fast am Schluss des Ereignisses in Form von Schnee bis in die Niederungen. Erst am Samstagvormittag ging der Schnee in tiefen Lagen bei gleichzeitiger Abnahme der Niederschlagsintensität in Regen oder Nieselregen über."

    Hier hätte ein Radio viel gebracht, wenn kein Handy - Empfang vorhanden ist, zumal es ja Miniradios gibt, die nur ein paar Gramm wiegen, und sich das Unwetterereignis frühzeitig durch folgende Konstellation ankündigte:

    Extremwetterlage kündigte sich frühzeitig an
    Am 25. Januar begann sich die Entwicklung einer Wetterlage anzubahnen, die für die Gebiete südlich der Alpen auf grosse Niederschlagsmengen hindeutete.
    Wie in Abbildung 1 zu erkennen ist, stiess von Finnland her Kaltluft gegen Südwesten vor. Sie führte zur Bildung eines schmalen Höhentroges. Die sich abzeichnende extreme Wetterlage bewog Meteo Locarno zur Ausgabe einer Unwetterwarnung für Behördestellen und von Unwetterinformationen für die breite Bevölkerung.


    Höhenkarte 500 hPa vom 25.01.2006

    Abbildung 1: Höhenkarte 500 hPa vom 25.1.2006, 12:00z
    Gross, 118 KB
    Höhenkarte 500 hPa vom 26.01.2006

    Abbildung 2: Höhenkarte 500 hPa vom 26.1.2006, 12:00Z
    Gross, 123 KB
    24 Stunden später hatte sich - wie Abbildung 2 zeigt - der Höhentrog bis zum westlichen Mittelmeer vorgeschoben und gleichzeitig kam es im südlichen Teil zur Abspaltung eines recht intensiven Tiefdruckwirbels.
    Die in der Höhe vorstossend Kaltluft bewirkte in den Bergen eine deutliche Abkühlung (Abbildung 3) und gleichzeitig wurde aus Südwesten zunehmend feuchte Luft gegen die Alpensüdseite geführt.



    Als Folge der sich verstärkenden Zufuhr von feuchter Luft aus Südwesten, setzten am 26. Januar im Laufe des Tages südlich der Alpen zunehmend Niederschläge ein, die zurzeit immer noch andauern.
    Bei den herrschenden Temperaturen fielen diese Niederschläge auch in tiefen Lagen in Form von Schnee. Entsprechend konnte man bereits am 27. Januar am frühen Morgen vielerorts eine recht dicke Schneedecke messen (Abbildung 4).
    Die intensiven Schneefälle werden weiter andauern. Deshalb hat Locarno Monti die Unwetterwarnung am 27. Januar auf die Gefahrenstufe 3 erhöht. (Definition von Stufe 3: Ereignis tritt seltener als einmal in 3 Jahren auf. Es wird eine gefährliche Wetterentwicklung erwartet mit Wettererscheinungen von ausserordentlich grosser Intensität).


    Einen Link mit den Graphiken iund Wetterkarten ist hier zu finden:

    http://www.meteoschweiz.ch/web/de/we...neefaelle.html


    Es wurden also für die gesamte Alpensüdseite extreme Schneemengen vorhergesagt, auf die die Behörden und die Bevölkeurung Tage vorher hingewiesen wurde. Mit Gefahrenstufe 3 wurde z.B. für die Schweiz die höchste Gefahrenstufe ausgesprochen, wie sie nie noch nie gegeben wurde.
    Jeder der viel in der Natur unterweges ist, sicher auch Frank, weiß daß in manchen Situationen ein Kräftemessen mit den Naturgewalten sinnlos ist. Die einzig rationale Option ist dann auf die Tour zu vezichten oder in ein anderes Gebiet auszuweichen.

    Das hätte Frank vielleicht auch getan, wenn er die Unwetterwarnung, die es rechtzeitig gab, da sich die Extremwetterlage früh ankündigte, nur rechtzeitig empfangen hätte.

    Das Ganze hat somit meiner Meinung nach wenig mit "Unvermeidbarkeit" oder "Schicksalshaftigkeit" zu tun, auch halte ich die Formel "letzte Sicherheit gibt es nie" etc. wie sie häufig entgegnet wird für wenig hilfreich, wenn man sich überlegt, welche rationalen Konsequenzen man aus diesem Bericht - für dessen Veröffentlichung ich Frank nochmals danken will - ziehen kann.


    Sea You

    Mark
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    (Sir Isaac Newton)

  17. #17
    Zunächst einmal danke für die ausführlichen Informationen.

    Ich habe nie bezweifelt, dass die gefallenen Niederschläge auch ungefähr so kurzfristig von den zuverlässigen Meteodiensten prognostiziert wurden. Insofern überrascht mich das jetzt nicht.

    Sicherlich wäre es (zumindest im Nachhinein betracht) einfach gewesen, dieses spezielle Ereignis von mir abzuwenden, indem ich mittels mitgeführtem Mittelwellenradio (UKW-Empfang ist im Val Grande aufgrund der abgeschlossenen Topografie praktisch nicht möglich) die Prognosen abgehört hätte. An dieser Stelle möchte ich aber eher die Frage aufwerfen, ob es sinnvoll ist, sich auf Tour aktiv gegen ein potentielles Schadensereignis zu schützen, das nur alle 15-20 resp. 100 Jahre eintreten wird. Es sind ja da noch sehr viel mehr ganz andere Schadensszenarien dieser Eintreffenswahrscheinlichkeit denkbar - nicht nur von der Meteorologie her -, vor denen ich mich wohl nie gleichzeitig schützen werden kann. Schon alleine, weil damit das Ausrüstungsgewicht ins Unermessliche steigen würde.

    Beim Bericht der MeteoSchweiz verwundern mich allerdings ein wenig die Differenzen der dort angegebenen Schneefallmengen/Schneehöhen mit denen, die ich in Vald di sopra gemessen habe. Offenbar "profitierte" der obere Talkessel des Val Grande zusätzlich von einer SE-Staulage.

    Im übrigen hier noch der Hinweis auf eine Übersichtskarte meiner Homepage, für alle die mit der Geografie/Topografie der Region nicht so vertraut sind:
    http://www.alpi-ticinesi.de/valgrande/valgrande.png
    In la Piana findet sich dort bei der Wegespinne ostsüdöstlich des Pizzo Mottàc (Hüttensymbol), Vald di sopra (kein Hüttensymbol) unmittelbar unter dem Buchstaben "i" des Schriftzuges "Bocchetta di Vald" und All'Erta beim Zusammenfluss der Bäche von der Bocchetta di Vald einerseits und vom Pizzo Ragno andererseits.

  18. Erfahren
    Avatar von Dieter
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    #18
    Hallo Mark,

    Danke Mark für Deine ausführliche Recherche!

    Tja, nacher ist man immer klüger - sogar der Meteodienst, wenn er seine Vorhersage bestätigt findet. Dumm, wenn man zum Warnungszeitpunkt schon mitten in der Tour ist. Da reichen dann 3 Tage Vorwarnzeit auch nicht. Ich will da nicht werten, denn ich bin auch immer ohne Radio unterwegs.

    Dieter

  19. Freak Moderator
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    Avatar von Flachlandtiroler
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    #19


    Da sage noch einer, die Alpen seien ihm fad! Abenteuerliche Tour 8), vielen Dank für's dran-teilhaben-lassen.

    Auf eine Wintertour, die über die Dauer der glaubwürdigen Vorhersage hinausgeht habe ich mich bisher noch nie getraut -- eben aus Sorge vor solchen Horrorszenarien, die man ja gelegentlich sogar in den Zeitungen lesen kann ("Vemißter nach ... tagen von ...-Alm geborgen" und so).
    Nach zwei 2-3tägigen Wetterstürzen (im Sommer!), aus denen ich ohne Hütten und Seilgefährten kaum herausgekommen wäre; hätte ich sicher mehr Backup mitgeschleppt (eben Schneeschuhe, Stöcke, Grödeln/Eisen). Nehme aber mal an die von Dir ausgekasperte Route ist für gewöhnlich ohne diesen Ballast zu meisten; muß ich mir merken, zumal Domodossola von hier nahezu ohne Umsteigen (Brig?) erreichbar ist.

    Mehr Wetterglück bei der nächsten Tour wünscht
    Martin

  20. Neu im Forum

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    "Il nostro amico Frank"

    #20
    Unglaublich, Frank, Deinen Bericht hier zu lesen. Zumal ich vor einer Woche im Bivacco Alpe Bondolo übernachtet habe, und dort Deinen Gästebuch-Eintrag (31.01.2006) gelesen hatte. Endlich weiss ich nun, wie Deine selbstgebastelteten Schneeschuhe aussahen! :-)

    Frank, am 10.02.2006 kam ein weiterer Besucher in die Hütte, und schrieb ein paar Worte zu Dir, so ungefähr "il nostro amico Frank e stato salvato sano con un elicottero il 1.2.2006" (unser Freund Frank wurde am 1.2.2006 gesund von einem Helikopter gerettet).

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