Seite 1 von 2 12 LetzteLetzte
Ergebnis 1 bis 20 von 26
  1. [PL] Paddeln auf Czarna Hańcza - K. Augustów - Netta - Biebrza - Narew 2020

    #1
    Mitreisende: Spartaner
    Paddeln auf Czarna Hańcza - K. Augustów - Netta - Biebrza - Narew 2020

    Wir sind ja öfter in Polen unterwegs, meist in den kürzeren Oster-, Pfingst- oder Herbstferien und meist in den ehemals deutschen Gebieten im Westen des Landes (zB Ihna, Pleiske, Drage, Obra, Brahe oder Oder).
    Wegen Corona wollten wir uns diesmal auch in den Sommerferien mit Polen bescheiden. Ansonsten wären wir dieses Jahr wohl ins Kaliningrader Gebiet gereist.

    Weit im Nordosten von Polen gibt es zwei Flüsschen, die unter polnischen (und ein paar deutschen) Paddlern bekannt und beliebt sind wegen ihrer natürlichen Schönheit und dem klaren Wasser. Das sind die Krutynia (deutsch Kruttinna in der Johannisburger Heide, ehem. Ostpreußen), und die Czarna Hańcza in der Augustower Heide weiter östlich in Podlachien, bis zum 1. Weltkrieg noch Teil des russischen Zarenreiches. Beide Flüsschen sind in der Hauptsaison, den polnischen Sommerferien, extrem überlaufen, aber die Krutynia wohl noch etwas mehr als die Czarna Hańcza.

    Das, und vor allem die Tatsache, dass man von der Czarna Hańcza über den Augustow-Kanal zur Biebrza weiterpaddeln kann, ließ mich in diesem Jahr den Fokus auf die Czarna Hańcza richten.

    Die Biebrza wollte ich schon seit 1995 mal paddeln. Damals sind wir eine Woche im großen Verzweigungsgebiet auf dem Narew im Gebiet des heutigen Narew-Nationalparks gepaddelt, im Frühjahr, zur besten Balz- und Brutzeit. Eine phantastische Tour, die in dieser Form mit der Gründung des Nationalparks ein Jahr später unmöglich wurde.

    Die Biebrza und ihre in Teilen naturnah bewirtschaftete Aue ist ein noch weitgehend naturbelassener Fluss, seit 1993 auf fast seiner gesamten Länge geschützt im größten Nationalpark Polens (Schrägluftbild, Aufzählung allerlei Superlative). Am Ende mündet sie in den Narew.

    Wie weit wir kommen, darüber habe ich mir im Vorfeld kaum Gedanken gemacht. Es ist einfach egal, wie schnell man vorwärtskommt, man könnte die Tour überall problemlos beenden.
    Ein wichtiger Faktor ist der Wasserstand auf den Flüssen. Nicht nur die kleinen Flüsschen sind bei niedrigem Wasserstand schwierig zu befahren, selbst der größere Narew hält in Trockenzeiten nicht wenige Hindernisse parat, wie diese Ruderer 2015 erfahren mussten.

    Das mit der Trockenheit sah in Polen wie in Deutschland eher schlecht aus Anfang dieses Jahres 2020.

    Foto von der Biebrza-Niederung bei Gonionds/Goniądz im März 2020 im Vergleich zu einem
    Foto von der Biebrza-Niederung bei Gonionds/Goniądz im März 2019

    Noch Ende April hieß es zB im MDR, “Polen steht vor einem Dürresommer”, im Biebrza-Nationalpark gab es ausgedehnte Brände. “In Polen haben Klimaforscher eine der schlimmsten Dürren der letzten einhundert Jahre festgestellt” (BR). “Über das ganze Ausmaß der Krise werde das Wetter im Mai entscheiden. Die meisten polnischen Wissenschaftler sind da skeptischer. Sie warnen bereits jetzt vor einer Jahrhundertkatastrophe, die sogar das verheerende Dürrejahr 2018 in den Schatten zu stellen drohe. Die vorliegenden Daten erlaubten keine optimistischen Prognosen … “ (Zeit).

    Zum Glück aber kam es ganz anders. Im Mai und im Juni regnete es in Nordost-Polen ausgiebig und mehr als durchschnittlich (Mai, Juni). Der polnische Wetterdienst zeigt für das Gebiet der Czarna Hańcza im Juni gar eine Niederschlagssumme, die den Durchschnitt der Jahre 1981-2010 um 130% übertraf, es regnete also noch mehr als das Doppelte des Normalen. Sollten da die Klimaforscher in ihrem Eifer wieder etwas übertrieben haben? Ich war jedenfalls happy, da sollte eigentlich nichts mehr schief gehen.

    Oder doch? Schief gehen könnte es zum Beispiel wegen Corona. Die Nordeuropa-Fans hier im Forum diskutieren ihre Möglichkeiten viele seitenlang in mehreren Threads parallel. Mich hat das Thema eigentlich nicht besonders berührt, jedenfalls bezogen auf meine Reisemöglichkeiten nach Polen. Wir buchen ja nichts vorher, und wenn es wider Erwarten nichts geworden wäre, dann wären wir halt einen großen deutschen Fluss hinuntergepaddelt.

    Wie sah nun die Koronawirus-Lage in Polen aus? Deutlich anders als bei uns. Zwar hatten sie nie solch einen extrem hohen Peak wie Deutschland Ende März, Anfang April, aber anders als bei uns ging die Anzahl der Neuinfektionen, die Anfang April auch in Polen ihren (vorläufigen) Höchststand erreichte, nicht drastisch zurück. Selbst härteste Lockdown-Maßnahmen, die den spanischen recht nahe waren, halfen nicht. Anfang Juli lagen die Zahlen noch genauso hoch wie Ende März. Und dann begann offenbar schon die “2. Welle”. In diesen Anstieg fiel genau unser Reisezeitraum:



    Natürlich wusste ich bei Reiseantritt noch nichts von der 2. Welle. Und ohne Corona wäre ich wohl nie auf dieses Touristenflüsschen gefahren. Aber jetzt wollte ich das doch mal machen, passt also alles.

    Vorbereitet habe ich für diese einfache Tour dann nicht viel. Für die Navigation gab es die neueste Openandromap für Locus, dazu habe ich mir die jeweiligen Seiten aus dem Faltboot-Wiki aufs Handy geladen und das Offline-Sprachpaket Polnisch für Google Translate.

    Und ich habe mich auf der Seite biebrza.eparki.pl registriert. Das ist nötig, wenn man nicht von vornherein einen taggenauen Plan hat, wann man wo im Biebrza-Nationalpark paddeln möchte, und die Tickets für den Nationalpark in einem Verkaufsbüro oder bei einem Bootsverleiher erwirbt. Über diese Seite kann man dann vom Fluss aus die jeweiligen Nationalparktickets buchen, sehr praktisch, jedenfalls wenn man ausreichend Netz hat. Für den Wigry-Nationalpark am Start unserer Paddelstrecke kann man dasselbe System nutzen.


    Überblick über die Tour:

    Wir waren insgesamt 3 Wochen unterwegs. In 15 Tagen sind wir auf dem Wasser ~270km vom Wigry-See bis Lomscha/Łomża gepaddelt und haben zwischendurch am Sajno-See einen zusätzlichen Ruhetag eingelegt. Die Flüsse waren wie erwartet alle gut gefüllt. Zugleich hatten wir das Glück, dass im Reisemonat Juli dann wieder viel weniger Regen fiel als normal. Besser kann es für uns Paddler gar nicht kommen.
    Auf dem Hinweg haben wir noch die Marienburg und die Wolfsschanze besucht, auf dem Rückweg die Stadt Thorn/Toruń.

    Überblick über die Paddeltour, Einzeltage farblich abgesetzt:
    Geändert von Spartaner (29.09.2020 um 09:03 Uhr)

  2. Lebt im Forum
    Avatar von Pfad-Finder
    Dabei seit
    18.04.2008
    Ort
    Mitte
    Beiträge
    9.307

    AW: [PL]Paddeln auf Czarna Hańcza - K. Augustów - Netta - Biebrza - Narew 2020

    #2
    Ich bin gespannt, wir sind gerade von einer Radtour entlag von Bug, Narew und Biebrza zurückgekommen. Und haben von Goniadz nach Osowiec-Festung auch mal ganz kurz die Wasserperspektive ausprobiert.

    Btw: Die Region heißt auf Deutsch übrigens "Podlachien", weiß ich jetzt dank der Sienkiewicz-Übersetzung von der "Sintflut" (Potop), die viel in der Region spielt. Podlasie(-n) wird es nur im Polnischen durch eine Lautverschiebung.
    Geändert von Pfad-Finder (17.08.2020 um 20:50 Uhr)
    Schutzgemeinschaft Grüne Schrankwand - "Wir nehmen nur das Nötigste mit"

  3. AW: [PL]Paddeln auf Czarna Hańcza - K. Augustów - Netta - Biebrza - Narew 2020

    #3
    Ah, hat es euch in dieselbe Gegend verschlagen.

    Und danke für die Korrektur. Ich sehe gerade, nebenan gibt es noch ein Podlesien, das wäre ja übel, das zu verwechseln. Podlasien sah in der Wikipedia gleichwertig aus, da habe ich den schöneren Klang gewählt.

  4. AW: [PL] Paddeln auf Czarna Hańcza - K. Augustów - Netta - Biebrza - Narew 2020

    #4
    Hinfahrt

    Sa 11.7.2020
    Am Nachmittag haben wir das Gustl besucht, waren mit ihm am Dahme-Ufer und sind von Henning aus gegen 19 Uhr losgefahren. Nach zweieinhalb Stunden Fahrt sind wir kurz hinter Küstrin in Stolberg i.d.Neumark/Kamień Mały nördlich vom Warthebruch in den Wald hochgefahren, einsame Zeltstelle 600m entfernt von der Straße.

    So 12.7.2020
    Morgens früh los ohne Frühstück (ich habe mir ganz früh noch am Übernachtungsplatz einen ¾L kalten Kaffee angerührt), dann hinter dem bekannten Touristenort Dolgen/Długie am östlichen Teil des Lieb-See/Jez. Lipie gefrühstückt mit ausnahmsweise gasgekochtem heißen Tee. Es war kalt und windig.

    Fahrt nach Marienburg/Malbork, wir haben uns die großartige Anlage der riesigen Ordensburg angeschaut (größtes Werk der Backsteingotik). Audioguide mit GPS, sodass immer am richtigen Ort das Passende erzählt wurde. Am Ende des Rundganges sind wir über die Fußgängerbrücke über die Nogat gegangen und haben die Marienburg noch im schönsten Abendlicht mit dunklem Wolkenhintergrund bewundern dürfen.

    Östliche Außenbefestigungen, rechts kauft man heute die Eintrittskarten:


    Mittelschloss, im Hintergrund das Hochschloss mit Turm:


    Im Hof des Mittelschlosses:


    Denkmalgruppe der Hochmeister im Mittelschloss – v. l. Herrmann von Salza, Winrich von Kniprode, Siegfried von Feuchtwangen und Albrecht von Brandenburg:


    Hochmeisterpalast mit schlanken Granitpfeilern vor der Fensterfront der Hochmeisterwohnung:


    Hochschloss:


    Pelikanbrunnen:


    Der Pelikan füttert seine verhungernden Jungen mit eigenem Blut, was symbolisch den Opfertod Christi darstellen soll.

    Palast des Hochmeisters des Deutschen Ordens:


    Tympanon im Nordportal der St. Annenkapelle mit der Krönung Marias in der Mitte:


    Marienkirche Blick nach Westen mit Kanzel:


    Großer Remter:


    Fußbodenheizung im Rempter:


    Moderne und für die damalige Zeit effektive Heizung damals, Erläuterungen hier und hier.

    Marienburg im Abendlicht, Blick über die Nogat:




    Am ganzen Tag 10 Störche vom Auto aus gesehen, Papp-Störche nicht mitgezählt. Papp-Störche sind echte Störche, die aber aussehen wie aufgepflanzt. Warum Andrea die nicht mitzählt, bleibt mir ein Rätsel. Am nächsten Tag haben wir 128+ Störche gezählt, leider wieder ohne die “Pappkameraden”.

    Biwak östlich von Preußisch Holland/Pasłęk im Forst Schlobitten, einem abgelegen Waldstück tief im ehem. Ostpreußen/Ermland. Extrem viele Glühwürmchen.


    Mo 13.7.2020
    Morgens unser Wald im Sonnenschein:


    Marienkäferlarve an meiner Autotür:


    Gekünzelt, Tee und Kaffee. 16°C, Sonne, Sommerkleidchenwetter in Ostpreußen.
    Andrea vertippt sich 3x bei der PIN, PUK liegt zu Hause, SIM-Karte von Orange gekauft in Wormditt/Orneta. Für 5Zł gibt es die SIM-Karte, für 30Zł zusätzlich werden 30 Tage Netz inkl. 15 GB versprochen (Summe ~8€). Das Versprechen wurde übrigens nicht gehalten.

    Dann Besuch der Wolfsschanze östlich von Rastenburg/Kętrzyn, dem wichtigsten der 13 fertiggestellten Führerhauptquartiere in Europa. Viele Besucher, viele Mücken, etliche von deutschen Pionieren kurz vor ihrem Rückzug mangelhaft gesprengte, riesige Bunker. Hitler hielt sich ~800 Tage auf der Wolfsschanze auf. Hier war die Befehlszentrale für den Krieg im Osten, alle Fäden liefen hier zusammen.

    War schon eindrucksvoll, ich hatte mir das ganze nicht so riesig vorgestellt. Wahrscheinlich stimmt es, dass diese Bunker bereits als Monument für spätere Zeiten konzipiert waren: “Der Historiker Christoph Raichle stellte in diesem Zusammenhang die These auf, der enorme Ausbau der Wolfschanze in Ostpreußen im Herbst 1944 habe weniger militärischen Zwecken gedient, sondern sei von Hitler, der bereits die Kriegsniederlage vor Augen gehabt habe, als ein „Bollwerk des Untergangs“ konzipiert worden. Hitler habe so der Nachwelt durch die Ruine, die selbst großangelegten Sprengversuchen widerstand, ein Dokument seines Kampfes gegen den Kommunismus hinterlassen wollen” (Quellen 1, 2).





    Kippt fast um und wurde von aufmerksamen Besuchern gestützt:




    Letzte Version des Hitlerbunkers. Hier hat er glatte 12 Tage drin verbracht:


    Zum Glück war der ganze Aufwand nicht ganz für die Katz. Die Bunkerreste haben heute und für die nächsten 1000 Jahre noch eine nützliche Funktion gefunden:


    Sie sind Winterquartiere einer der größten Populationen der Mopsfledermaus (Barbastella barbastellus, „Fledermaus des Jahres 2020-2021“)

    Ruinen der befestigten Baracke, in der das Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 durch Claus Schenk Graf von Stauffenberg verübt wurde:


    Es war eine ziemlich heftige Explosion, 4 der 24 Anwesenden starben, 8 wurden zT schwer verletzt. Hitler überlebte leichtverletzt, obwohl er ziemlich dicht an der Aktentasche stand, in der die Bombe versteckt war. Der Ständer des großen Eichentisches und seine schwere Tischplatte schirmten ihn ab.
    Die Baracke selbst blieb auch stehen und wurde erst anlässlich des Rückzugs der Deutschen richtig gesprengt.
    Die Holzbaracke war nämlich während des Ausbaus der Wolfsschanze mit Backsteinmauern und einer Betondecke befestigt worden. Die Fenster der Baracke waren aufgrund der am 20.7.44 vorherrschenden Hitze geöffnet, so dass die Explosionsenergie einen leichten Auslass nach außen fand. Wenn die 1-Kilogramm-Bombe in einem geschlossenen Betonbunker explodiert wäre, wären alle Anwesenden umgekommen und der Untergang des Deutschen Reiches wäre erheblich verlustärmer vonstatten gegangen. Hitler wollte tatsächlich noch so viele wie möglich in seinen Untergang mit hineinziehen.

    Weiterfahrt über Suwalken/Suwałki zu einer möglichen Einsatzstelle am Südufer des Wigry-Sees. Die Seeufer sind hier durchgängig Privatbesitz und abgesperrt. Erst am Strandbad von Gawrych Ruda sind wir fündig geworden. Mein Plan war, den Wigry-See von Süden nach Norden bis zum Ausfluss der Czarna Hańcza zu paddeln.

    Biwak mitten im tiefen Fichtenwald der Augustower Heide nahe des Nationalparks. Hinzu im Dämmerlicht fast festgefahren in den Spurrillen des Waldweges:
    Geändert von Spartaner (18.08.2020 um 16:56 Uhr)

  5. AW: [PL]Paddeln auf Czarna Hańcza - K. Augustów - Netta - Biebrza - Narew 2020

    #5
    Die, 14. Juli 2020
    Der Wald steht voller reifer Blaubeeren, ich sammele einen ¼L, die wir später in den Joghurt mischen, während Andrea das Lager beräumt:


    Am Ortseingang von Gawrych Ruda probieren wir den elektronischen Ticketkauf für die Nationalpark Eintrittskarten über https://wpn.eparki.pl/. Das Netz ist gut, aber es funktioniert leider nicht. Am Ende der Seite, auf der ich meine Adresse, Telefonnummer und so weiter angeben muss für die Bezahlung, geht es nicht mehr weiter. Offenbar ein Softwareproblem, er stört sich wohl an 'Germany'.

    Also wollen wir ein Büro finden, wo man die Nationalparktickets direkt kaufen kann. Auf einer Website des Nationalparks finden sich zwei Adressen in Glawnych Ruda, dem Ort, wo wir gerade waren. Allerdings stimmte nichts davon.

    Die erste Adresse haben wir schon gestern Abend abgeklärt, das war eine Pension, aber dort wurde nichts verkauft. Die zweite Adresse, eine Försterei, weiß Google nicht richtig, schickt uns in den Nachbarort, an eine Privatadresse. Von dort werden wir vier Häuser weiter geschickt zu einem Bootsverleiher, allerdings kann auch der hier keine Tickets verkaufen. Er giebt uns allerdings den Tipp, gegenüber dem Supermarkt zu suchen. Dort ist die Station einer 1916 gebaute 600mm-Schmalspurbahn für den Holztransport aus dem Augustow-Urwald, in Betrieb bis 1989 (Wigierska Kolej Wąskotorowa). Seit 2001 können damit Touristen über ~10km nahe dem Südufer des Wigry-Sees entlangfahren. Am Ticketverkauf werden normalerweise auch Nationalparktickets verkauft. Aber heute früh hat sie keine mehr.

    Dann werden wir zur Försterei weitergeschickt. Aber auch das ist nicht richtig, dass ist nicht die Nationalparkförsterei, sondern die ganz normale für den Wald nebenan. Junge Familie, lustiger Hund, netter, deutsch sprechender Förster. Die schicken uns letztendlich zum Besucherzentrum des Nationalparks in Krzywe, acht Kilometer weiter.

    Dort kaufen wir gleich am Parkplatzkiosk zwei Wochentickets für je 20 Złoty und eine Landkarte Czarna Hańcza und Wigry-See. Die Nationalparktickets scheinen hier teurer zu sein, lt. Online-Preisliste kosten sie eigentlich nur 15Zł.

    Dann sind wir doch noch rüber in das Besucherzentrum des Nationalparks, um zum Biebrza-Nationalpark weitere Auskünfte zu bekommen. Eine sehr nette Mitarbeiterin, deutsch sprechend, vermittelt uns ein Telefonat zur Administration des Biebrza-Nationalparks. Es geht mir um die nicht funktionierende Online-Bezahlmöglichkeit. Die kann uns aber bezüglich des Problems mit https://wpn.eparki.pl auch nicht gleich weiterhelfen. Die erste Mitarbeiterin spricht Englisch, der zweite Deutsch. Er will sich kümmern und per E-Mail zurückmelden. Gleich vorweg: es hat dann völlig problemlos funktioniert mit der Bezahlung der Bootstage im Biebrza-NP, wahrscheinlich wurde wirklich ein Fehler ausgebügelt.

    Wo wir nun schon am Nordende des Sees sind, wollen wir auch gleich hier lospaddeln. Wir fahren gegen 10 Uhr zur Marina Przystań Stary Folwark als mögliche Einsatzstelle mit minimalem Weg von der Straße bis ans Wasser (Map). Der Chef gestattet uns, das Boot auf dem Gelände aufzubauen und auch dort zu frühstücken:







    Das Auto dürfen wir kostenlos vor dem Gelände auf dem unbewachten Parkplatz stehen lassen (auf dem Gelände selbst wären es 10Zł/Tag). Wobei ich gerade sehe, dass wir da wohl eine falsche Auskunft bekommen haben. Auf der Online-Preisliste ist auch das unbewachte Parken draußen mit 10Zł/Tag ausgewiesen.

    Während wir frühstücken, weist er bei Trockenübungen im Kreis eine Gruppe Grundschüler in die Kunst des Paddelns ein. Anschließend geht er mit ihnen und sechs 2er-Kajaks aufs Wasser. Zunächst geht es auf einen abgesteckten Übungsparcours auf dem See.

    Um 2 Uhr sind auch wir endlich auf dem Wasser. Blick zurück zur Marina:


    250m weiter südlich das Geländes des “Klub Wodny” des PTTK, da wohin das Faltbootwiki als gute Einsatzstelle verweist:


    Zunächst geht es nach Süden direkt auf das Kloster zu. Sehr schöner Anblick:




    Fast spiegelglatter See, kein Wind, glasklares Wasser:






    Die Enten sind extrem zutraulich:


    Bisher habe ich ja auf heimischen Gewässern immer gut unterscheiden können zwischen deutschen Enten und polnischen Enten. Die polnischen Enten haben gewöhnlich eine extrem hohe Fluchtdistanz, sind immer ängstlich, erschossen zu werden. Die deutschen Enten dagegen haben keine Angst, im Extremfall kann man ihnen sogar mit dem Paddel über den Köpfen herumfuchteln.
    Hier am Wigry-See und auf der Czarna Hańcza dagegen sind sie erstaunlicherweise genau so zutraulich wie bei uns. Auch hier können wir manchen von ihnen mit dem Paddel über den Köpfen herumfuchteln. Verblüffend.

    Krebsschere:


    Wir umrunden die Halbinsel und paddeln jetzt nach Osten zum Ausfluss der Czarna Hańcza aus dem Wigry-See:


    Die Stelle ist schon von weitem am Seezeichen zu erkennen (weißer Rhombus).

    Direkt vor dem Ausfluss kommen uns zwei Canadierfahrer mit Hund entgegen, typisch deutsch im angedeuteten Trapperlook, beide haben sie die gleichen australischen Hüte auf dem Kopf. Sie haben mit ihrem Wohnmobil einem Standplatz am See und machen Tagestouren mit dem Boot. Heute sind sie ein kleines Stück die Czarna Hańcza abwärts gefahren bis zur Brücke und dort wieder umgekehrt. Deshalb kommen Sie uns jetzt aus der Mündung entgegen.
    Wir unterhalten uns ein wenig mit den beiden Sachsen und geben ihnen die Adresse und Telefonnummern der Marina. Dort können Sie einen Rückholdienst beauftragen, wenn sie einmal weiter die Czarna Hańcza runterfahren wollen. Eventuell auch mehr als einen Tag mit Übernachtung in Hütten.

    Auf den allerersten 200m ist das Gefälle sehr gering. Der Fluss ist sehr gut gefüllt, darum gibt es für uns keine Treidelstellen, wie in manchem Reisebericht zu lesen, und die Strömung ist gut spürbar.
    Schon an der Fußgängerbrücke gleich nach dem Ausfluss aus dem See steht angeschlagen, dass man Tickets für den Nationalpark im Fischereimuseum 200m weiter erwerben kann. Also aller Extraaufwand umsonst.





    Ich schaue kurz rein bei diesem Nationalparkbüro und frage noch nach, ob man hier auch die Übernachtungen auf den Nationalpark-eigenen Biwakplätzen bezahlen kann, aber das geht nicht.
    Also weiter. Schon ganz oben gibt es ein paar Biwakplätze, die auf der OSM nicht verzeichnet sind. Es gibt also einige Plätze mehr, als man nach Blick auf die Karte erwartet:


    Außerdem wird an 3 Stellen am Ufer Kuchen und Kaffee, Obst und Honig verkauft:


    Die Czarna Hańcza schlängelt sich wunderschön durch eine sumpfige Landschaft. Die Ufer sind von Röhricht bewachsen, stellenweise wird es eng:






    Einer der großen Bootsverleiher:


    Das Wasser ist kristallklar, viele verschiedene Arten Wasserpflanzen wachsen am Grund:




    Mindestens 7 Laichkrautarten - Potamogeton, Tausendblatt, See- und Teichrosen, Sparganium, Pfeilkraut, Hahnenfuß etc. Nur an wenigen Stellen sind die Wasserpflanzen mit fädigen Algen überwachsen. Also alles im mäßig eutrophen Bereich.

    Nach 3½km auf dem See und 14½km auf dem Fluss lächelt uns linkerhand ein schöner Rastplatz mit bequemem flachen Ufer an:


    Ein Schild am Ufer zeigt den Preis an, 5Zł/Nacht, glauben wir zu verstehen. Noch sind wir hier auf der großen gemähten Zeltwiese alleine. Nur nebenan hört man Leute, die dort schon campieren. Nach uns kommen noch einige zT große Gruppen von Paddlern in Leihbooten an unserem Platz vorbei, aber sie steuern alle andere Zeltplätze an.





    Nach einem großen Kaffee und ein bisschen Internet dusche ich am Ufer. Für ein Bad reicht es nicht, das Wasser ist mir zu kalt
    Trotz der Kälte belästigen uns ein paar Mücken. ½10 sind wir bereits im Zelt.


    Mi, 15.7.2020
    Am Morgen kommt der Chef vorbei zum Abkassieren. Die 5Zł kostete nur das Pausieren am Tage auf seinem Platz. Für die Übernachtung werden 20Zł/Person fällig, also zusammen ~9€. Das war dann aber auch schon der teuerste Zeltplatz auf der gesamten Reise.

    Schon während des Frühstücks kommen Dutzende Paddler den Fluss herunter. Die meisten von ihnen werden wir über den Tag wiedersehen:


    Wir starten kurz nach 11 Uhr:


    Unglaubliche Massen an Paddlern auf dem Wasser:


    Über den ganzen Tag schätze ich mehrere Hundert bis 1000 Paddler. Fast alles Leihboote, fast alle machen eine Tagestour. Alles sehr gesittet, keine grölenden Saufhorden.

    Auch die Schwäne sind nicht übermäßig ängstlich:


















    Wysoki Most, PIK Wypożyczalnia kajaków:


    700m weiter: U Wieśka agroturystyka nad Czarna Hańczą:


    Ausnahmsweise ein Canadier, ausnahmsweise gegen den Strom fahrend:


    So gegen alle Gewohnheiten hier würde es mich nicht wundern, wenn das auch Deutsche gewesen sind. Ansonsten sind es aber 99.x% Polen, die hier auf dem Wasser unterwegs sind.

    Wieder ein sehr schöner Abschnitt der Czarna Hańczą:














    Stromteilung, Werbung für die eigene “Kleine Gastronomie”:


    Damit wollte man uns von den folgenden hübschen Pausenplätzchen am linken Ufer fernhalten:

    Studziany Las:




    Einkehrmöglichkeit 'Majorca’ in Studziany Las:


    Jeder Pausenplatz ist gut besucht:






    Eine große 2h-Pause machen wir nach 11½km an einem schönen privaten oder kommunalen Gelände mit Sitzgruppe, Schaukel, Sauna etc in der Ortslage von Tartaczysko (keine Fotos).
    Auch jetzt passieren pausenlos Paddelboote.

    Weiter geht es um ¼5. Pole namiotowe und Agroturystyka u Bociana:


    Zeltplatz und Aussatzstelle eines Bootsverleihers oh der Brücke der Fernstraße 16 in Głęboki Bród:


    4km nach unserer großen Pause machen wir unterhalb von Głęboki Bród (Straßenbrücke) für heute Schluss an einem großen, schönen Biwakplatz, dem Pole Biwakowe Frącki. Wir sind auch hier völlig alleine. Zunächst jedenfalls.









    Wir haben gerade das Gepäck an die überdachte Sitzgruppe gebracht, da kommt eine Frau den Hang herab. Es ist die Chefin hier und kassiert für die Nacht zusammen 20Zł ab, ~4.50€. Außerdem bietet sie uns an, uns den Abend zu verköstigen. An der Sitzgruppe hängt die Speisekarte, allerdings nur in polnisch.



    Sie spricht etwas Englisch und übersetzt uns.

    Wir stellen dann aber schnell fest, dass wir genügend zu essen dabei haben und verzichten auf die kulinarischen Köstlichkeiten. Nur für morgen früh bestellen wir Pfannkuchen mit Blaubeerfüllung (Jagodzianki).

    Blick von unserem Biwakplatz stromauf:


    Klares Wasser:


    Eine Stunde später landen noch 2 Leihkajaks an mit Oma und Opa und zwei Enkeln, er 3 bzw. fast 4 und sie 5 Jahre alt.
    Der Opa kann etwas Deutsch. Er hat 13 Jahre in der polnischen Armee gedient, Afghanistan und so weiter. Seit einem Jahr ist er Rentner, im Gegensatz zu den meisten polnischen Rentnern mit auskömmlicher Pension.
    Jetzt machen sie eine Tour mit den Enkeln, 3 Tage auf der Czarna Hańcza.

    Direkt nach dem Anlanden wählen sie die am Biwakplatz angegebene Telefonnummer an und rufen die Frau herbei, die uns schon zuvor abkassiert hat.

    Im Gegensatz zu uns lassen sie sich Abendbrot vorbeibringen. Es wird in Alu-Assietten geliefert.

    Die beiden Kinder toben den ganzen Abend wild auf der Wiese herum. Jeder Weg wird gerannt. Der Opa hatte uns sich entschuldigend schon vorgewarnt, dass es laut werden wird. Der Kleine sei ein richtiger kleiner Teufel, Diabolo. Es ist schon heftig, was die beiden da aufs Parkett legen, aber die brauchen das auch nach einem ganzen Tag stillsitzen im Boot.

    Gegen 8 Uhr kommt noch ein Boot auf unseren Platz. Sie ist Polin aus Bialystok, er kommt aus Montevideo, Uruguay. Beide sind so um die Ende 30 und leben seit 20 Jahren in Spanien.
    Jetzt sind sie 2 Wochen in Polen. Sie zeigt ihm ihre schöne Heimat. Sie möchten die Czarna Hańcza runterfahren und anschließend den Augustow-Kanal hoch bis Augustow. Insgesamt gönnen sie sich nur 3 Tage für diese 90km. Wir werden für dieselbe Strecke 6 Tage benötigen.
    Aber sie sind wohl öfter so von der schnellen Sorte. Im März waren sie kurz vor Corona 4 Tage in Marokko und haben neben dem Atlas-Gebirge und der Wüste zahlreiche andere Sehenswürdigkeiten des Landes mit Mietwagen in Rekordzeit abgeklappert.

    Während des Corona-Lockdowns hat sie in Heimarbeit am Computer gesessen, während er weiter arbeiten ging (systemrelevant, beide in Spanien).

    Abends kochen sie sich 2 Tüten Nudelsuppe an unserer Feuerstelle und ich unterhalte mich etwas mit ihnen.
    Gegen 10 sind die wilden Kinder im Bett und es kehrt Ruhe ein auf dem Platz.



    Do, 16.7.2020
    Sonnenaufgang, klarer Himmel. Unser Biwakplatz in der Morgensonne:


    Wir haben Glück, das Zelt noch ein Weilchen im Schatten, bevor es auch hier heiß wird.

    Das Paar aus Spanien ist schnell startklar und verlässt uns um ½8. Abschiedsfoto:




    Die Kinder toben nach dem Frühstück wieder wild auf der Wiese herum. Die Enten an unserer Einsatzstelle sind extrem zutraulich und lassen sich viel von den Kindern gefallen, die sie ärgern wollen.

    Die Opa-Oma-Enkel-Tour braucht ziemlich lange, bis sie aufbrechen. Nur wir brauchen länger. Wir kochen ausgiebigst: Kaffee, Reis mit roten Linsen und Heringsfilets, am Ende noch Tee zum Mitnehmen und Abwaschwasser. Das Feuer ist ziemlich schwer am Brennen zu halten, weil das Kiefernholz der vom Platzwart abgesägten Äste noch zu feucht ist.

    Gegen 11 Uhr kommen die Chefin vom Platz und ihre 5jährige Tochter mit dem Auto ans Ufer gefahren und breiten ihr Angebot an Kuchen und Kaffee für die Paddler auf dem Steg am Ufer aus.
    Ein paar Paddler kommen auch heute an unserem Nachtplatz vorbeigefahren, aber es sind lange nicht so viele wie gestern.
    Darunter ist eine überwiegend Männergruppe in Partylaune, die ein bisschen rumgrölen. Aber das ist hier die absolute Ausnahme, alle anderen sind sehr gesittet auf dem Wasser unterwegs.

    Kurz vor 12 sind wir auch endlich auf dem Wasser:


    Der Fluss hat seinen Charakter ein bisschen geändert. Er fließt jetzt häufiger durch Wälder und hat an mehreren Stellen steile sandige Hochufer mit aktiver Erosion.

    Absolute Ausnahme an der Czarna Hańcza, ein befestigtes Ufer:


    Stanica Wodna Frącki:




    Wieder finden sich viele Biwak- und Campingplätze am Ufer, und die meisten davon fehlen noch in der OSM. Ich fotografiere wie gestern alle Plätze und werde sie in der freien Weltkarte einzeichnen. Natürlich habe ich nicht alle Plätze hier mit dargestellt.

    Nach einer Stunde und 5km haben wir die Opa-Oma-Enkel-Tour wieder eingeholt:


    Andrea ist vor 30 Jahren mit ihren beiden Kleinen auch so unterwegs gewesen, nur dass der Nachttopf nicht vorne, sondern hinten auf den RZ85 geschnallt war.

    Dann lächelt uns am rechten Ufer eine tolle Badestelle an mit Zeltwiese (Map). Steiles Hochufer, heller, sauberer Sand. Die Preisliste hängt schon unten am Ufer an eine Erle angeschlagen. Das pausieren ohne Übernachtung kostet hier 2Zł/Person. Aber es kommt keiner zum abkassieren.







    Dann ist der Wald wieder vorbei und der Fluss schlängelt sich in engen Kurven durch eine Sumpflandschaft. 300m östlich der langgestreckte Ort Okółek, immer wieder reichen die Grundstücke bis ans Wasser.





    Nach heute insgesamt 16km Flussfahrt, so gegen 3, befällt mich eine gewisse Müdigkeit und wir machen Pause an einem schönen Rastplatz mit frisch gemähter Wiese, großen Unterständen und sauberen Klos.

    Während wir so abdösen kommt ein Gewitter aufgezogen. Wir entschließen uns, für heute hier zu bleiben.
    Schnell ist das Gepäck an Land gebracht und das Zelt im Schutz des größten Unterstandes aufgebaut. Ich sammle noch schnell einen Arm voll Künziholz im 150m entfernten Kiefernwald, bevor es dann anfängt zu regnen.





    Wir sind hier nahe dem Weiler Muły, aber es ist extrem ruhig. Das lauteste sind noch die Kraniche hier, dann kommen ein paar vereinzelte Flugzeuge am Corona-Himmel, und dann erst ein vereinzeltes Auto oder ein Trecker. 20 Leute sollen hier wohnen.

    Der Regen ist bald wieder vorbei. Wir bleiben trotzdem hier. Wir künzeln noch einen Kaffee und eine Brühe unterm Unterstand, und dann ist Ruhe angesagt.

    ¼10 treiben uns die Mücken ins Zelt.

  6. Erfahren
    Avatar von travelkai
    Dabei seit
    24.05.2004
    Ort
    Bremerhaven
    Beiträge
    277

    AW: [PL]Paddeln auf Czarna Hańcza - K. Augustów - Netta - Biebrza - Narew 2020

    #6
    Wieder ein ausführlicher Bericht von dir, prima! Bin auf die Fortsetzung gespannt.
    Die Tagespaddlerhorden verteilten sich erträglich auf der Strecke? Ich war im Juli auf der Brda und einigen Nebenflüssen unterwegs, boah, dort steppte z.T. der Bär.
    Die Natur braucht sich nicht anzustrengen, bedeutend zu sein. Sie ist es. Robert Walser (1878-1956) www.travelkai.de

  7. AW: [PL] Paddeln auf Czarna Hańcza - K. Augustów - Netta - Biebrza - Narew 2020

    #7
    Zitat Zitat von travelkai Beitrag anzeigen
    Die Tagespaddlerhorden verteilten sich erträglich auf der Strecke? Ich war im Juli auf der Brda und einigen Nebenflüssen unterwegs, boah, dort steppte z.T. der Bär.
    Die Verteilung der Tagespaddlerhorden auf der Czarna Hańcza scheint relativ gleichmäßig zu sein, mit einem Trend zu weniger Paddlern, je weiter man stromab kommt. Das liegt an der Vielzahl möglicher Einstiegsstellen/Verleiher entlang der Strecke.

    Im Übrigen habe ich immer mal wieder nachgefragt, ob es denn Corona-bedingt in diesem Jahr mehr Paddler sind als in den Vorjahren. Das wurde aber regelmäßig verneint. Es waren etwas weniger als üblich, aber die Verleiher waren trotzdem froh über gute Geschäfte.

  8. Erfahren
    Avatar von travelkai
    Dabei seit
    24.05.2004
    Ort
    Bremerhaven
    Beiträge
    277

    AW: [PL] Paddeln auf Czarna Hańcza - K. Augustów - Netta - Biebrza - Narew 2020

    #8
    Zitat Zitat von Spartaner Beitrag anzeigen
    Im Übrigen habe ich immer mal wieder nachgefragt, ob es denn Corona-bedingt in diesem Jahr mehr Paddler sind als in den Vorjahren.
    Interessant, hätte eher etwas mehr vermutet. Wir trafen z.T. auf Massen an Tagespaddlern, auch Gdansk schien mir deutlich voller als üblich im Sommer. Im Sommer 21 muss ich dann ein Paddelziel in weiterer Entfernung einplanen um den zu entgehen.
    Geändert von travelkai (24.08.2020 um 12:41 Uhr)
    Die Natur braucht sich nicht anzustrengen, bedeutend zu sein. Sie ist es. Robert Walser (1878-1956) www.travelkai.de

  9. AW: [PL]Paddeln auf Czarna Hańcza - K. Augustów - Netta - Biebrza - Narew 2020

    #9
    Fr, 17.7.2020
    Wieder ein sonniger Morgen hier nahe dem Weiler Muły. Wir kochen ausgiebigst. Es gibt zwar nur Müsli mit Milch und Blaubeeren, aber für unterwegs kochen wir schon mal das Mittagessen vor, Gretschka. Außerdem natürlich Kaffee und viel Tee zum Mitnehmen.

    Um ½11 fahren wir ab. Niemand ist gekommen zum Abkassieren, nur ein paar Hundespaziergänger. Gestern war kurz ein Mann mit seinem Sohn und mit Auto hier, hat den Müll mitgenommen und mit einem Eimer Wasser die 4 hölzernen Klohäuschen geputzt. Angesprochen hat er uns nicht. Eigenartig. Vielleicht ist es ein kommunaler Platz?

    Nach 1½km passieren wir einen großen Rastplatz, Biwak und Agroturystyka Dworczysko:


    Der Fluss schlängelt sich wieder wunderschön durch die Landschaft. An der Straßenbrücke nach Dworczysko setzen die Verleiher Boote für Tagestouren ein, wenn auch nicht ganz so viele wie im Oberlauf.
    Unterhalb der Brücke geht es durch Wald. Immer wieder hohe, sandige Steilufer. Baumhindernisse, meistens große Fichten, immer wenigstens etwas freigesägt. Einer der schönsten Abschnitte der Czarna Hańcza. Erinnert mich schon ein bisschen an die Ūla. Und wieder viele Biwakplätze.









    Um 11 passieren wir den einsamen Biwakplatz “Grad”. Nur unsere Oma-Opa-Enkel-Tour hatte hier gestern Abend ihr Quartier aufgeschlagen.













    Biwakplatz “Pomorze” (dt. “Pommern”)




    Zu diesem Biwakplatz muss man sein Gepäck schon ziemlich hoch schleppen:








    Am PTTK-Platz “Jałowy Róg” 3km oh des Abzweigs in den Augustow-Kanal genehmigen wir uns ein Eis:


    Viel Betrieb hier. Neben den Kajak-Fahrern tummeln sich hier auch 4x4-Offroadfahrer, Geocacher etc.

    Abwasch einer Pfadfinder-Gruppe am nächsten Biwakplatz:


    Straßenbrücke am Abzweig von der Czarna Hańcza zum Augustow-Kanal:


    Da, wo sich vor einer Straßenbrücke der Abzweig von der Czarna Hańcza in den Augustow-Kanal befindet, steht ein mobiler Verkaufsstand am Ufer und bietet Spezialitäten der Gegend an.

    Andrea kauft eines der von einem Mädel angebotenen Jagodzianki (Pfannkuchen mit Blaubeerfüllung):


    Die Czarna Hańcza fließt dann nach Osten weiter, durch ein paar Seen, überquert die Grenze nach Weißrussland und mündet direkt auf der weißrussisch-litauischen Grenze in die Memel.

    Wir verlassen hier die Czarna Hańcza. Zum Augustow-Kanal biegt man ohne viel Strömung direkt vor der Brücke in einen schmalen Kanal nach Westen ab und gelangt nach 350m auf den eigentlichen Augustow-Kanal.

    Hier stehen klare Wegweiser:


    Nach Osten gelangt man auf dem Augustow-Kanal nach Weißrussland und kann seit 1. Mai 2015 weiter in die Memel paddeln. Die Schleusen im weißrussischen Teil des Augustow-Kanals wurden davor restauriert.

    Nach Westen führt der Kanal 36km nach Augustow.



    Nach 2km auf dem Augustow-Kanal erreichen wir zusammen mit 9 anderen Kajaks die erste Schleuse des Augustow-Kanals, die Schleuse Sosnówek:


    Das halbe Schleusentor steht schon offen, wir haben freie Fahrt in die Schleusenkammer. Im hinteren Teil der Schleusenkammer hängen auf beiden Seiten je 2 Stahlketten, an denen man sich festhalten kann. Weiter vorne gibt es die nicht. Aus gutem Grund, denn das einströmende Wasser kommt mit ziemlicher Wucht, dort sollte man sich besser nicht aufhalten. 2.98m gewinnen wir an Höhe.



    1.2km weiter gelangen wir als erste an die nächste Schleuse (Mikaszówka). Auch hier gibt es einen Schleusenwärter, der schnell das Schleusentor öffnet. Wieder wird dieselbe Truppe geschleust. Diesmal geht es 2.44m nach oben.
    Oben angekommen fällt unser Blick auf die Preistafel. 4.30Zł sollte eine Schleusung für uns kosten. Aber wegen Corona verzichten sie dieses Jahr an allen Schleusen hier auf den Obulus.

    Hinter der Schleuse Mikaszówka legen wir an zur Mittagspause und essen unseren Gretschka. Ich hole im Sklep (Mini-Shop) südlich von der Schleuse 4 Büchsen Bier und einmal Kefir. Ich bin dahin 300m gelaufen. Schlaue Leute paddeln 200m weiter bis hier hin und sind dann fast schon da.



    Hier im Ort sind viele Touristen unterwegs, Wassertouristen, aber auch viele Radtouristen. Überall zeigen Wegweiser markierte Radrouten an.

    Wieder zurück an der Schleuse, eine neue Füllung, 21 Boote:






    Das geht am laufenden Band so. In schwächer frequentierten Zeiten muss man wohl immer eine halbe Stunde bis zur nächsten Schleusung warten.

    Traditionelles Holzhaus neben der Schleuse:


    Dieses (und einige wenige andere Häuser in der Gegend) ist sogar relativ neu mit traditionellen Holzschindeln gedeckt. Normalerweise überwiegen Wellasbest, “Dachy Blachy” und Dachpappe.

    ¼4 geht es weiter. Der Augustow-Kanal schlängelt sich hübsch durch die Landschaft. Wieder an vielen Stellen ausgewiesene Biwakplätze.



    Wo keine Autos bis ans Wasser gelangen, bleiben Paddler auch mal für sich:


    Aber an die allermeisten Plätze kann man über Waldwege heranfahren:


    Das Wasser des Augustow-Kanals ist manchmal sehr klar, stellenweise aber auch stark getrübt, wahrscheinlich waren das mal Schleusenfüllungen. Am Ufer eines Rastplatzes am Kanal entdecken wir eine Schwengelpumpe und füllen unsere Wasserbehälter mit Uferfiltrat wieder auf.

    Wir überqueren einen 400m langen kleinen See und erreichen kurz darauf den 2.8km langen Jez. Mikaszewo. Auch hier finden sich am Nordufer etliche Biwakplätze, aber die sind alle gut belegt und zum Teil laut. Es ist Freitag Nachmittag, es geht aufs Wochenende zu.

    Das Südufer ist dagegen auf weiten Strecken Naturschutzgebiet (Rezerwat Przyrody Perkuć), wo es eine Vielzahl von Pflanzengemeinschaften gibt, die für den Urwald von Augustów charakteristisch sind. Das durchschnittliche Alter der Bäume soll hier 117 Jahre betragen. Schon auf der bisherigen Fahrt haben uns immer wieder die riesigen, prächtig gewachsenen alten Kiefern imponiert, die wir in dieser Häufung bei uns zu Hause nicht sehen.

    Derweil zieht südlich ein schwaches Gewitter auf, Andrea wird unruhig.
    Zum Glück findet sich für uns kurz vor ½5 dann doch noch ein kleines freies Uferstück, welches einen idealen Lagerplatz für ein einziges Zelt und ein bisschen Bewegungsraum bietet. Schön abgelegen, richtig toll. Eine Feuerstelle gibt es auch schon. Einziger Nachteil: hier können wir nichts mehr Solarladen.





    Schnell ist das Zelt aufgebaut, und wegen dem Gewitter spanne ich noch das Tarp auf. Nach der Arbeit spülen wir uns den Schweiß des Tages bei einem erfrischenden Bad ab. Das Wasser des Sees ist deutlich wärmer als das der Czarna Hańcza, allerdings auch nicht ganz so klar. Hier sind vielleicht 2m Sichttiefe.

    Während des Aufbaus des Lagers legt eine ältere Frau im Einerkajak bei uns an, um ihr Smartphone aus den Gepäckluken zu kramen, wartet auf GPS-Signal, fummelt noch ein bisschen und verpackt es wieder. Dann fährt sie wieder weg, woher sie gekommen ist. Bisschen komisch, genau hier, wo sie das auch an jedem anderen Platz hätte machen können.



    Anschließend sitzen wir friedlich am Ufer, genießen bei einem Feierabendbierchen den Blick über den See und die totale Ruhe hier, da hören wir hinter uns Schritte den Hang hinunter auf uns zukommen.

    Es sind 2 Polizisten der Forstpolizei (Straż Leśna), die uns hier ganz gezielt aufsuchen, schwer bewaffnet mit Pistolen, Elektroschockern und Handschellen.
    Sie sehen sich die Ausweise an und fordern mich auf zu folgen. Pfadlos geht es 200m bis zu ihrem Mitsubishi-L200-Geländewagen. Dort bekomme ich für 100Zł einen Strafzettel, ein “Mandat”. Wildzelten im Wald ist in Polen wohl doch verboten. Sie verweisen uns auf den offiziellen Biwakplatz 300m weiter.

    Sie schauen übrigens längere Zeit in ihre Listen und diskutieren, welchen Verstoß sie nun aufschreiben. Mir kam es so vor, als sei die reguläre Strafe irgendwo zwischen 300 und 400Zł und als wären die erst genannten 100Zł ein gewisses Entgegenkommen.

    Ich bin ziemlich sicher, dass uns die Frau verpfiffen hat. Na gut, es ist das erste Mal seit vielen Jahren Wildzelten, dass uns so etwas überhaupt mal passiert. Die Gegend hier ist einfach zu touristisch überlaufen, hier geht das halt nicht.

    Also packen wir wieder alles zusammen und paddeln zum nächstgelegenen offiziellen Biwakplatz. Der Platz ist mit Auto erreichbar, natürlich wieder gut besucht, aber macht an sich einen guten, ruhigen Eindruck. Einzige Infrastruktur ist ein Trockenklo oben. Der Besitzer des Platzes ist gerade anwesend und kassiert von uns 20 Złoty. Die Quittung gibt's aus der mobilen Registrierkasse.

    Wir zelten gleich unten am Ufer, können die Hängematte spannen und die Smartphones in der makellosen Abendsonne laden (das schwache Gewitter hatte sich bereits verzogen).





    Seeblick vom neuen Biwakplatz aus auf das Urwald-Naturschutzgebiet gegenüber:




    Allerdings versammeln sich im Laufe des Abends immer mehr Teilnehmer eines Treffens Warschauer Studenten. Das wird wohl noch ein langer Abend werden.




  10. AW: [PL]Paddeln auf Czarna Hańcza - K. Augustów - Netta - Biebrza - Narew 2020

    #10
    Sa, 18.7.2020
    Weit nach Mitternacht war dann Ruhe bei den Studenten. Nicht dass es aufdringlich laut war, es war ein sehr gesittetes Treffen. Und zwar ein Klassentreffen, wie wir heute früh erfahren. Sie haben den Platz während einer Klassenfahrt kennen und lieben gelernt. Damals ging es auch mit Kanus die Czarna Hańcza herunter hier her. Die Baumschaukel am Ufer ist noch von ihnen damals. Sie studieren heute in allen Teilen Polens und treffen sich einmal jährlich hier an diesem Platz. Dafür haben sie den gesamten Biwakplatz für ihr Treffen vorher reserviert gehabt.



    Super Sommerwetter wieder. Auf der Feuerstelle des Biwakplatzes künzeln wir unser Frühstück zusammen und unterhalten uns mit den Studenten.

    ¼ vor 12 paddeln wir los. Wir sind natürlich nicht die einzigen Paddler auf dem See:


    Gleich hinter dem See Mikaszewo passieren wir die erste Schleuse, Perkuć, wo es 2.91m bergauf geht. Nur 2 weitere Boote werden zusammen mit uns geschleust. Danach geht es über den kleinen See Krzywe, übersetzt, den Bogensee. Versucht gar nicht erst, den polnischen Seenamen korrekt auszusprechen, das schafft ihr sowieso nicht

    ¼ vor 1 sind wir an der Schleuse Paniewo. Es handelt sich hier ausnahmsweise um eine Doppelschleuse:






    Insgesamt werden wir 6.29m nach oben gehievt. In normalen Zeiten wären für die Schleusung hier 8.60Zł fällig, also das doppelte der einfachen Schleusen.
    Andrea versucht an einem Kiosk wieder ein paar Jagodzianki zu kaufen, gibt aber auf, denn große Gruppen Radler und Leihpaddler in langer Schlange warten noch auf die Fertigstellung ihrer bereits bestellten Backwaren.

    Die Besatzungen dieser Boote warten alle auf ihre Jagodzianki:


    Weiter geht es über den See Paniewo, ein Stück Kanal, den See Orle, und wieder Kanal bis zur Schleuse Gorczyca, wo wir ~10 Minuten warten müssen, bis sich die Schleusentore öffnen. Eine polnische Canadier-Besatzung auf großer Fahrt wartete schon vor uns. Im Schleusenbecken warten wir weiter auf ein paar Nachzügler, die nach und nach eintrudeln. Offenbar gilt hier mal die Halbe-Stunden-Regel. Hier holt uns die Oma-Opa-Enkel-Tour wieder ein.

    Die Schleuse Gorczyca bringt uns 2.81m auf den höchstgelegenen Abschnitt des Augustow-Kanals. Hier befindet sich die Wasserscheide zwischen Memel- und Weichsel-Einzugsgebiet.

    Wir paddeln weiter über den Jezioro Górczyckie, wieder sehr klares Wasser, Krebsscheren am Grund:


    200m weiter sehen wir, wie die Oma-Opa-Enkel-Tour kurz vor uns links anlandet. Man könne hier bequem einkaufen, der Laden sei ganz nahe. Ja, ein kleiner Dorfladen (Sklep spożywczo przemysłowy) hat ein Schild am Ufer und lädt mit einem niedrigen Steg für Paddler und schattigen Sitzgruppen auf seinem Privatgelände zur Pause ein. Das lassen wir uns nicht entgehen und gehen zusammen einkaufen (Map).

    Nach 1½h Pause paddeln wir weiter den Kanal und erreichen nach 400m die PTTK-Station Płaska (Map), wo wir am hohen Hahn hinterm Haus mit unserem großen 6L-Wasserbehälter Trinkwasser fassen können.

    ½5, vor uns liegt jetzt der längste künstliche Abschnitt des Augustow-Kanals. Die Schleuse Swoboda in 8km Entfernung würden wir wohl nicht mehr bis 18 Uhr schaffen. Wegen Corona wurde nicht nur die Bezahlung ausgesetzt, es wurden auch kürzere Betriebszeiten festgelegt. Anstatt wie in normalen Zeiten von 7 - 19 Uhr arbeiten die Schleusen jetzt nur von 10 - 18 Uhr.

    An den Kanalufern ist normalerweise nirgendwo ein geeigneter Platz zum Anlanden auszumachen. Meistens verhindern alte Uferbefestigungen aus zerfallendem Beton und Holz, dass man überhaupt bis zum Ufer gelangt. Dahinter wächst meist alter Fichtenhochwald, sehr schön anzusehen.

    Zum Glück findet sich nach 2½km ein Biwakplatz direkt an der Mündung des Abflusses des Serwy-Sees. Er war in der Openstreetmap nur als Rastplatz, nicht als Biwakplatz ausgewiesen.
    Eine Minute vor uns landet ein Paar aus Krakau an dem bisher leeren Platz an. Sie telefonieren gleich erstmal mit dem Platzwart, der um 8 vorbeikommen wird. 25Zł kostet der Platz hier für 2 Personen und Zelt, knapp 6€.

    Nachdem wir unser Lager eingerichtet haben, landet noch ein älteres Paar an und zum Schluss kommen noch 2 Boote mit einer 4-köpfigen Familie und jungem Cocker Spaniel an. Unter ihnen wird deutsch gesprochen. Sie kommt aus dem Saarland und wohnt seit 20 Jahren mit ihrem polnischen Mann in Warschau. Ihre Kinder, 12 und 15, sind voll zweisprachig. Die Eltern wollten schon immer mal solche Touren machen und halten die Kinder jetzt (!) für alt genug, mitzumachen. Das ist ihre erste Paddeltour, 5 Tage Czarna Hańcza und Augustow-Kanal.

    Es scheint hier die Regel zu sein, dass viele Paddler erst sehr spät einen Lagerplatz aufsuchen.



    Unser diesmal gut belegter Biwakplatz:


    Das tolle ist, auf diesen Plätzen ist immer ausreichend Platz. Hier haben wir sogar jeder eine Sitzgruppe. Künziholz ist auch immer ausreichend zu finden. Für richtiges Feuerholz muss man schon weiter gehen. Aber am Ende sammeln alle Männer ein bisschen Holz, das wird für den Abend reichen.

    Blick von meine Liegesitz in die Baumwipfel in der Abendsonne:


    Abends sitzen wir alle zusammen bei angeregten Gesprächen noch lange am Feuer. Heute haben wir ja hier 4 fähige Übersetzer.



    So, 19.7.2020
    Morgens biete ich Solarladen für die Bedürftigsten an. Es funktioniert nur bei Andreas Samsung am großen Panel, und einem älteren LG der Krakauer Frau, welches problemlos von 77 auf 100% lädt, obwohl es nur an dem 5-Watt-Minipanel hing. Beim iPhone der Deutschen ging es nur von 0 auf 2% hoch. Wir wissen aber nicht, ob das iPhone eine Macke hat, oder ob es das Aufladen an einem Nicht-Apple-Lader generell verweigert, oder ob es vielleicht eine kurze Unterbrechung gab und das dumme Teil nicht wieder alleine mit Laden anfing.

    Das Krakauer Paar, welches gestern Abend kurz vor uns ankam, lässt das Zelt mit dem Großteil der Ausrüstung auf dem Biwakplatz stehen und macht eine Tagestour die Serwianka hoch auf den Serwy-See. Abends werden sie wieder hier übernachten.

    Ich hatte vorab auch gelesen, dass dieser See ein besonderes Kleinod sein soll. Dennoch verzichten wir auf einen Besuch. Ich hoffe ja insgeheim immer noch, insgesamt bis Lomscha/Łomża zu kommen, und da würde dieser Extratag auf den Serwy-See meine Chancen verringern. Außerdem muss man ein Wehr umtragen, und das Versprechen, dass man dort “glasklares Wasser” vorfindet, hat bei mir auch nicht mehr die Zugkraft, nachdem ich vom “glasklaren Wasser” des Wigry-Sees etwas enttäuscht war.

    Vor uns liegen heute bis zum nächsten See noch 6½km gerade Kanalabschnitte durch alten, tiefen Wald. Der längste vollkommen gerade Abschnitt ist 3.3km lang. Alles hübscher, als man sich einen Kanal bei uns vorstellen muss. Vereinzelt kommen uns Motorboote entgegen.





    Die nächste Kurve ist in Sicht:


    ¼ vor 1 erreichen wir die kürzlich sanierte Schleuse Swoboda. Es ist die erste, die bergab geht, hier nur 1.7m. Viele Ausflügler auf dem abgelegenen Gelände, vor allem Radtouristen.

    Dann kommen wir auf den Studzieniczne-See:




    Der ist noch relativ ruhig, trotz vieler Biwakplätze vor allem am Südufer. Das Wasser ist klar, helltürkis:


    Neben wenigen Motorbooten ist erstmals ein Passagierdampfer zu sehen:


    Der Betreiber schwärmt von dem Schiff: “Der Swoboda-Katamaran ist das größte und schnellste Passagierschiff im Landesinneren in Polen. Das Schiff ist 40 Meter lang und fast 6 Meter breit und kann 330 Personen an Bord nehmen. Auf dem Unterdeck befindet sich eine Bar mit Toiletten. Das Oberdeck ist wirklich beeindruckend - meistens Sitzgelegenheiten. Dieser Teil des Schiffes ist freigelegt und so angepasst, dass Sie von dort aus die Landschaften, Flüsse, Seen und den Augustów-Kanal von Augustów bewundern können.
    Der Swoboda-Katamaran wurde 2012 gebaut und ist das erste Passagierschiff in Polen, das gemäß der neuesten Richtlinie der Europäischen Union gebaut wurde.

    Auf diesem See beenden die Großeltern mit ihren Enkeln ihre Tour und landen direkt bei ihrem Verleiher an, wo auch ihr Auto steht. Eine weise Entscheidung, wie wir gleich sehen werden.

    Die nächste Schleuse gleich hinter dem See heißt “Przewięź”. Jetzt drängeln sich schon etliche Motorboote in die Schleuse.

    Aus der Schleuse raus erreichen wir den See Białe Augustowskie. Hier ist der Teufel los. Unmengen Motorboote aller Größenklassen und Jetskies rasen über den See. Besonders die Jetskies jagen wie wild kreuz und quer übers Wasser und haben einen besonderen Spaß daran, über die Heckwellen der Motorboote zu springen.





    Wir machen erst mal 1¼h Pause auf einem Privatgelände mit gemähter Wiese und Sitzgelegenheiten, auf dem gerade keine Besitzer zu sehen sind. Vor uns ist bereits ein Paar mit einem Motorboot der Wasserrettung zum Pausieren angelandet. Sie verabschieden sich aber bald.

    Vom Pausenplatz aus können wir das Treiben der Jetskies schön verfolgen. Die beliebtesten Motorboote sind die Bayliner, immer mit ein paar schmückenden jungen Frauen an Bord.
    Der See hat erheblichen Wellengang, nur wegen den Booten, und Andrea ist angespannt. Die Raser bremsen auch nicht ab wegen uns oder anderen Paddlern.

    Nach 6km erreichen wir endlich den Durchgang zum Necko-See. Aber auch hier das gleiche Bild: überall rasende Motorboote und Jetskies.

    Am Ufer mehrere Halligalli-Restaurants im Ballermann-Stil. Rechts ginge es hoch zur Mündung der Rospuda, auch ein Paddelfluss. Da wären auch 2 mögliche Biwakplätze für uns, aber Andrea möchte jetzt die Motorbootseen so schnell wie möglich verlassen.

    So steuern wir den Ausgang des Sees nach Augustow an. Die bisherige Rospuda heißt ab hier Netta. Auch hier im Stadtgebiet massenhaft Besucher auf den Uferpromenaden, etliche Restaurants.



    Ein schlossähnlicher Neubau von 2009 ragt besonders heraus:




    Wir steuern zunächst die Schleuse an, die die Weiterfahrt auf dem Augustow-Kanal zur Biebrza ermöglichen würde, aber die hat bereits geschlossen. Es ist 2 Minuten nach 18 Uhr. Umtragen ist hier unmöglich. Man käme zwar noch ganz gut raus, aber es gibt keinen ordentlichen Wiedereinstieg.

    So steuern wir jetzt eine mögliche Alternative an, das Netta-Wehr östlich von hier. Ein älterer Angler und ein Säufer-Paar am Ufer warnen uns, das Wehr sei nicht befahrbar. Das ist mir auch klar, drum erkunde ich den Landweg zum Umtragen. Einen Fahrradfahrer frage ich nach der Befahrbarkeit des anschließenden Abschnittes der Netta, dem Kanal Bystry. Er meint, er sei nicht befahrbar. Das verunsichert mich natürlich. Aber das Satellitenbild zeigt Befahrbarkeit und die im Unterwasser ankernden Boote zeigen dasselbe an, im Prinzip. Es könnte halt nur jetzt zugewachsen sein oder mit Baumsperren verblockt. Wir versuchen es trotzdem.

    Die Umtrage ist 250m lang und führt rechts vom Wehr über eine vielbefahrene Hauptstraße und 3 Fußgängerüberwege. Am Ende gibt es eine Uferpromenade mit einer richtigen Treppe zum Einsetzen in den Kanal Bystry.

    Wir packen das Boot aus, da fragt uns das am Sonntag Abend reichlich angetüterte Paar, ob es uns helfen kann. Wir haben keinen Bootswagen dabei und viele Gepäckstücke, da hätten wir mindestens 3 mal gehen müssen. So nehmen wir die Hilfe dankbar an.
    Nur den großen Ortlieb Extremer und das Kochzeug muss ich bei einem zweiten Gang holen. Zum Schluss wünschen sie uns " Have a nice trip", über Google Translate auf ihrem Smartphone. Eine knappe ¾h hat die ganze Aktion mit “Scouten” und anschließendem Umtragen insgesamt gedauert.

    Auf dem Kanal Bystry geht es erst mal durch reichlich Kraut, aber dann wird er gut fahrbar:




    Der 2½km lange Kanal wurde wenige Jahre nach dem Augustow-Kanal gebaut, vor allem um Hochwässer der Netta aus dem Stadtgebiet von Augustow über den Sajno-See abzuleiten.

    Um ½8 erreichen wir den Sajno-See, froh, dass wir bis hier durchgekommen sind:


    Jetzt bleibt nur noch die Unsicherheit, wie es am Ausfluss des Sajno-Sees aussieht. Immerhin, hier war die Tour doch mal etwas abenteuerlich (ein Mikroabenteuer, klar ).

    Der Sajno-See ist ~7km lang (1½km sind durch einen Eisenbahndamm abgeschnitten worden) und 0.5 bis 1.1km breit, also ein großer, langgesteckter See.

    Der See im Abendlicht:


    Es ist nun schon relativ spät und wir möchten einen Biwakplatz finden. Am Südufer zeigt unsere gedruckte Karte 3 Biwakplätze an. Die OSM zeigt nur einen am Nordufer.

    Der erste Platz am Südufer scheint nicht zu existieren. Es ist keine Lücke im Schilf erkennbar.
    Der zweite ist auch kein richtiger Biwakplatz. Zwar gibt es einen Strand, Steg und überdachte Sitzgruppen, aber es stehen keine Zelte und die Leute dort schicken uns weiter zum letzten Platz am Südufer.
    Der wird es dann. Es ist eigentlich ein sehr schön gelegener Platz, nur die 1½km entfernte Fernstraße 8 im Westen lärmt in der Ferne. Am Sonntag sind es vor allem die Motorradraser, am nächsten Tag die Fernfahrer mit ihren LKW.

    Wir kochen noch einen Tee und eine Brühe und zahlen 23Zł an den Platzwart, der sehr spät abends noch vorbeikommt.

    Am abgesägten Erlenstumpf direkt auf einem Ufervorsprung zeigt sich eine Ringelnatter und verschwindet zwischen den Wurzeln, als ich mich nähere. Kurz darauf ist sie wieder da und ich werde aufmerksamer.

    Abends zeigt sich der Himmel noch in dramatischen Farben:


    Als es ein bisschen anfängt zu regnen, gehen wir ins Bett.



    Mo, 20.7.2020
    Morgens volles Kochprogramm, erst Kaffee, dann Kartoffelbrei mit veganen Würstchen und gebratenen Zwiebeln, am Ende noch viel Tee. Immer wieder sehen wir Schlangen auf unserem Ufervorsprung sonnen und im Wasser schwimmen.



    Bäckerbock-♂️? (Monochamus galloprovincialis var. pistor Germ.):






    Wir haben gerade das Boot gepackt und wollen abfahren, da donnert es am Himmel östlich von uns. Ein einsames kleines Gewitter zur Mittagszeit. Ich messe dem keine große Bedeutung bei, aber Andrea will deswegen heute hierbleiben. Na, gut dann halt ein Ruhetag.

    Das Gewitter zieht natürlich weg und es wird ein schöner sonniger Tag. Die Besucher kommen und gehen.



    Vom Biwakplatz direkt gegenüber am anderen Seeufer kommt ein Ruderboot mit Großvater, Mama und Tochter. Die junge Mama zeigt sich naturinteressiert und fotografiert mit einem richtigen Fotoapparat. Besonders hat es ihr die kleine Ringelnatter angetan, die erst durch das Wasser schwamm und dann auf einen im Wasser liegenden Baumstamm kroch:


    Zuerst sind Mutter und Tochter noch weggesprungen, aber dann haben sie das Tier interessiert beobachtet.

    Während sie die einsame kleine Natter beobachten, zeigt sich bei mir am Baumstumpf bereits die vierte. 3 Ringelnattern lagen schon in der Sonne, die vierte kroch gerade dazu. Wahnsinn, so viele habe ich auch noch nicht zusammen gesehen.







    Ich zeige ihr die Natternversammlung. Sie ist sehr interessiert und macht Fotos, die pubertäre Tochter lässt sich von ihrer Begeisterung aber nicht anstecken.

    Auf meinem Natternstumpf ist ein ständiges Kommen und Gehen. Meistens liegt die größte von ihnen, bestimmt die Mutter, aufgeringelt am Fuße des Stumpfes.

    Auf einmal raschelt es einen halben Meter neben Andrea im Gras. Eine kleine Ringelnatter hat unter Wasser einen Fisch am Schwanz gefangen und möchte ihn nun fressen. Dazu hat sie ihn hoch an Land gebracht, wartet bis er erstickt ist und kann ihn dann drehen und verspeisen.

    Das Foto ist leider unscharf:


    Am Nachmittag kommt noch mal der Chef des Platzes vorbei. Ich grüße von weitem und versuche ihn herbeizuwinken. Er grüßt zurück, aber diskutiert dann längere Zeit mit einem Paar, welches gerade abfahren möchte. Wahrscheinlich ging es ums Bezahlen für den Aufenthalt am Tage.
    Danach ließ sich der Chef nicht mehr bei uns blicken und wir konnten die zweite Nacht nicht bezahlen.





    Am Abend zieht dann tatsächlich noch Regen auf, Unwetter sind angekündigt. Es sieht sehr dramatisch aus, der Wind frischt auch mal richtig auf, aber dann war es nur ein schwacher Regen. Nördlich und südlich von uns gab es Gewitter und hat wirklich fett geregnet.

    Zum Glück hatte ich vor dem Regen genug Feuerholz gesammelt und trocken im Boot verstaut.
    Geändert von Spartaner (10.09.2020 um 11:50 Uhr)

  11. AW: [PL]Paddeln auf Czarna Hańcza - K. Augustów - Netta - Biebrza - Narew 2020

    #11
    Di, 21.7.2020, 25½km Netta
    Heute wird es wieder spannend. Openandromap und Luftbilder zeigen zwar eine durchgängige Befahrbarkeit an, aber so recht will ich das nicht glauben. Im Augustow-Kanal ist hier in der Nähe die Śluza Białobrzegi eingezeichnet, was darauf hindeutet, dass es auch auf unserer Strecke Wehr(e) geben muss. Und solche Wehre können schon mies gebaut sein bezüglich der Umtragemöglichkeiten.

    Auch weiß ich nicht, ob die Netta selbst durchgehend befahrbar ist, ob sie genügend Wasser hat und nicht zugewachsen ist. Ich habe die diesbezüglichen Berichte leider nicht im Vorhinein gelesen. Auf jeden Fall würde ich lieber auf der Netta paddeln als auf dem parallel verlaufenden Augustow-Kanal mit seiner eintönig geraden Strecke und den 2 zusätzlichen Schleusen.

    Und der dritte Punkt ist die Einfahrt in den Biebrza-Nationalpark. Ein Büro können wir nicht aufsuchen, also muss die Online-Variante für die Bezahlung der Nationalpark-Tickets klappen. Da bin ich aber skeptisch, siehe unsere negativen Erfahrungen ein paar Tage vorher bezüglich des Wigry-Nationalparks. Zur Not könnten wir vielleicht einen polnischen Paddler bitten, die Tickets online für uns zu erwerben, er würde das Geld dann bar bekommen. Nur, paddelt hier überhaupt jemand? Keine Ahnung. Und wie würden wir den Nachweis über die Bezahlung auf unser Handy bekommen für eventuelle Kontrollen?

    Abfahrt 10 vor 10. Über den See sind es nur 500m. Starker Gegenwind. Aus dem Sajno-See heraus fließt die Sajownica. Sehr geringe Strömung (das fiel mir auch schon am Kanal Bystry auf), viele Wasserpflanzen, überwiegend Schilfufer. Hydrologisch ist die Sajownica heutzutage ebenfalls Teil der Netta.



    Rechts zweigt ein theoretisch befahrbarer Graben ab, über den wir oberhalb der Schleuse auf den Augustow-Kanal gelangen könnten (Map). Aber erstens ist der zZ weitgehend zugewachsen, und zum zweiten hoffe ich heimlich noch, dass wir auf dem direkten Weg eventuell doch frei durchkommen.

    Nach 1½km auf diesem Fließ erreichen wir die Straßenbrücke der Nationalstraße 8. Und genau unter der Brücke befindet sich das befürchtete Wehr:


    Das konnte man im Luftbild absolut nicht erkennen, und auf der Openstreetmap ist es auch erst seit heute eingezeichnet (ich bin gespannt, ob das Wehr auf der Openandromap dann erkennbar sein wird, oder ob es von der viel wichtigeren Straße überdeckt sein wird).

    Anlegen rechts direkt vor der Brücke, relativ hohes Ufer. Der Umtrageweg ist auch nicht besonders schön. Zwar gibt es direkt an der Brücke eine Treppe zur Straße hoch, aber ein massives Geländer versperrt den Durchgang. Zudem ist die Straße beidseitig mit Leitplanken abgesperrt. 40, 50m weiter gibt es Lücken in den Absperrungen (Streetview), über die wir mit dem Boot auch über die vielbefahrene Fernstraße kommen. Es handelt sich offenbar um eine Hauptverbindung zwischen dem Baltikum und Polen bzw der Slowakei, Ungarn und dem Balkan.



    Insgesamt müssen wir 120m laufen, bis wir wieder am Ufer sind. Der Einstieg ist sehr bequem auf einer Betonkante, die genau auf dem Niveau des derzeitigen Wasserspiegels liegt.



    Während ich das Boot wieder belade, geht Andrea einkaufen (Dorfladen 300m entfernt). Am Ende gehe ich auch noch mal und hole das vergessene Brot und Schnaps.

    Vom Hauptlauf der Netta geht ein Teil des Wassers rechts in den parallel verlaufenden August-Kanal, die Netta strömt links weiter:


    Ein Teil der Sajownica zweigt schon vor unserem Wehr ab und wird durch eine schön restaurierte Wassermühle geleitet:


    Die Mühle ist zur Gaststätte ausgebaut, vor allem für die vielen Radtouristen in der Gegend. Auf einer Infotafel finde ich eine Darstellung der Netta und der “Trasa Rowerowa”, der Fahrradwege:


    Im Netz sind schöne Beschreibungen dieser Fahrradwege zu finden (Beispiel Greenvelo.pl in gutem Deutsch, Karte).
    Man erkennt gut, wie sich die Netta durch die Landschaft windet, während der Augustow-Kanal am Westrand der Aue geradlinig durch die Landschaft geschlagen wurde.

    Wir hoffen nun, dass es bei diesen 2 Umtragen bleibt und keine weiteren Wehre auf der Netta lauern.

    Kurz vor 12 Uhr machen wir uns wieder auf den Weg. Die Netta fließt jetzt richtig gut.







    Das Wasser ist nicht mehr so klar wie das der Czarna Hańcza, aber die Unterwasservegetation ist recht ähnlich. Viele Wasserpflanzenarten, kaum Veralgung:




    Neben hohen Schilfufern finden wir hier viele Wiesen und Weiden mit Kühen, die sie kurz halten:








    Teile der Wiesen stehen unter Wasser, was den recht hohen Durchfluss anzeigt:


    Durch den hohen Wasserstand können wir häufig schön weit und bequem in die Landschaft schauen.

    Am Himmel kreisen Störche, Bussarde, Rohrweihen und Adler:


    Ist das ein Schelladler?:


    An der Schleuse Sosnowo kommen sich Netta und der Augustow-Kanal bis auf 50m sehr nahe (Map). Hier werfe ich mal einen Blick auf den Augustow-Kanal. Vor allem interessiert mich, ob er denn überhaupt befahren wird.

    Eine Infotafel zeigt den gesamten Augustow-Kanal mit allen Schleusen und Wehren, die mit ihm in Verbindung stehen:


    Im Netz kreist noch eine verbesserte Version dieses Schemas, 2.

    Augustow-Kanal, Blick von der Schleuse Sosnowo stromab:


    Die Schleuse Sosnowo, Blick stromauf:




    Vor dem Obertor stauen sich Massen von Wasserlinsen und abgerissene Pflanzenteile:


    Ganz offensichtlich ist hier schon lange niemand runtergefahren, das Schleusenhäuschen ist unbesetzt. Ich bin sehr froh, dass wir für unsere Fahrt die Netta gewählt haben!

    Jungstörche im Nest auf dem Schleusengelände:




    Weiter schlängelt sich die Netta durch die hübsche Natur- und Agrarlandschaft. Ein Paradies für etliche Vogelarten, Kraniche, Grau- und auffällig viele Silberreiher, ....







    21½km unterhalb des Wehres Białobrzegi mündet der Augustow-Kanal in die Netta. Die Netta ist (wahrscheinlich während der Bauzeit des Augustow-Kanal in den Jahren um 1830) von hier bis zur Biebrza an etlichen Stellen begradigt worden. In der OSM ist der alte Lauf noch gut an der stark mäandrierenden Grenze zwischen den Gemeinden Jaziewo/Sztabin und Bargłów Kościelny zu erkennen.

    Nach 25km heutiger Fahrt nähern wir uns langsam der Nationalparkgrenze. Wir schauen schon ein Weilchen, aber ein perfekter Rastplatz für die Nacht hat sich die ganze letzte Stunde noch nicht gezeigt. So müssen wir unsere Ansprüche langsam herunterschrauben, wollen wir nicht schon heute im Nationalpark landen.

    Am Ende paddeln wir sogar 300m zurück stromauf, um an einem Anglerplatz an Land zu gehen. Das Ufer ist relativ schwierig zum Anlanden, es gibt keine schöne Badestelle, sogar Flusswasser schöpfen ist nicht so einfach, der Platz ist ziemlich windexponiert, und Künziholz ist erst in 100m Entfernung an einer Buschgruppe zu finden. Es gibt auch keine Feuerstelle und so verzichten wir hier auf Lagerfeuer. Aber dafür haben wir eine gemähte Wiese fürs Zelt und freie Sicht nach allen Seiten. Die nächste Siedlung ist 3km entfernt (Jaziewo). Endlich mal wieder richtig Wildzelten







    Abends kommt ein kleiner Fiat 500 quer über die Wiese in unsere Richtung gefahren, dreht aber ab und fährt zu einem anderen Anglerplatz.
    Geändert von Spartaner (27.09.2020 um 00:08 Uhr)

  12. AW: [PL] Paddeln auf Czarna Hańcza - K. Augustów - Netta - Biebrza - Narew 2020

    #12
    Mi, 22.7.2020, 14km Netta und 10km Biebrza
    Das Wetter ist kühl, es windet stark wie schon am Vorabend. Meinen Luftsessel muss ich mit einem Hering im Boden sichern, sonst weht es ihn weg. Wir künzeln wieder ausgiebig zum Frühstück.



    Kurz nach 12 sind wir auf dem Wasser:


    Heute erwischen uns ein paar kurze heftige Schauer auf dem Wasser, die wir im Schutz des hohen Schilfes abwettern:


    Abziehender Schauer:


    Zunächst geht es weitere 9½km auf der Netta bis zur Schleuse Dębowo, der allerletzten Schleuse des Augustow-Kanals, die wir passieren müssen.

    Um 2 Uhr erreichen wir die Schleuse:


    Blick von der Schleuse auf die letzten 333 Meter des Augustow-Kanals, bevor er in die Biebrza mündet:


    An der Schleuse befinden wir uns bereits tief im Biebrza-Nationalpark. Ich versuchte schon am Rastplatz, die Nationalpark-Tickets online zu kaufen, aber das Netz war dort zu schwach, da funktionierte nichts.

    Hier hoffe ich auf den Schleusenwärter, vielleicht kann der uns helfen. Bisher gab es ja auch immer mal unerwartete Möglichkeiten, vor Ort die Nationalparktickets zu erwerben.

    Wir haben Glück, der Schleusenmeister turnt gerade draußen am Wehr herum. Er unterbricht sofort seine Arbeit, um den Schlüssel für das Schleuserhäuschen zu holen und uns zu schleusen. Bezüglich Nationalparktickets kann er uns nicht helfen.

    Während er den Schlüssel holt, entdecke ich an einem Baum ein Schild, welches auf die Online-Bezahlmöglichkeit für den Nationalpark hinweist und gleich einen QR-Code auf die Bezahlseite anbietet. Also probiere ich das hier noch einmal. Die Netzstärke ist hier gut. Mit Andreas Smartphone, dem mit der polnischen SIM-Karte, kann ich mich allerdings auf biebrza.eparki.pl nicht mal einloggen. Ich finde einfach nicht das §-Zeichen auf ihrer Tastatur, das ich aber brauche, um das zwanghaft komplizierte Passwort einzugeben.

    Also muss ich auf mein Smartphone umsteigen. Ich habe kein Netz und muss auf Andreas Smartphone einen WLAN-Hotspot einrichten, mich damit verbinden, und dann funktioniert es endlich. Tatsächlich geht nun auch der Bezahlvorgang ohne Probleme durch. Vor ein paar Tagen, im Wigry-Nationalpark, hat das noch nicht funktioniert. Da haben sie wahrscheinlich nach meinem Telefonat mit dem Technikverantwortlichen des Nationalparks noch einen Fehler ausgebügelt.

    Bei der Buchung soll man auch immer die befahrene Strecke angeben. Die folgenden Abschnitte kann man auswählen (Mehrfachauswahl möglich):


    Interessanter Sprachenmix

    Ein Paddeltag im Nationalpark kostet pro Person 8 Złoty, egal wie viele Teilstrecken man ausgewählt hat, plus eine kleine Gebühr des Zahlungsdienstleisters, also Σ ~1.90€.



    Man hat die Wahl, in Euro oder in Złoty zu bezahlen. Mir war klar, dass man in Euro teurer wegkommt, aber bei den geringen Summen wollte ich mal sehen, wieviel das ausmacht, darum habe ich am folgenden Tag mal abwechselnd beide Varianten benutzt. Es waren 3.4%, die ich in € mehr bezahlt habe als hätte ich in Złoty bezahlt.

    Toll, hat das mit den Tickets endlich online geklappt. Das sollte so auch die folgenden Tage funktionieren. Da ich nie weiß, wie weit wir jeweils kommen werden, buche ich immer nur für den aktuellen Tag.

    10 vor 3 fahren wir weiter:


    … und erreichen 5 Minuten später die Biebrza. Sie ist mit 20 - 25m kaum breiter als die Netta und strömt auch nicht schneller. Ich hatte sie mir größer vorgestellt:


    Weiter ziehen diese ganz kurzen, aber teils intensiven Schauer übers Land:




    An der Brücke wird der kommende Rastplatz in Dolistowo Stare angekündigt:


    Die 76.5km sind die offiziellen Flusskilometer mit Kilometer Null an der Mündung in den Narew.

    Der Rastplatz kommt in Sicht:


    Nach bisher 19km auf dem Wasser machen wir eine kurze Rast und erkunden den Platz:






    Der rote Leihcanadier und das einsame grüne Zelt sehen in meinen Augen deutsch aus, und richtig, kurze Zeit später kommt ein Pärchen Ende 30 vom Essen aus dem Dorf, beide aus der südwestlichsten Ecke Deutschlands und das erste mal in Polen unterwegs. Sie haben ihre 2wöchige Tour bei einem deutschen Reisebüro individuell zusammengestellt und organisieren lassen. Gestartet sind sie vor ein paar Tagen in Lipsk, dem obersten Ort an der Biebrza, von dem aus man vernünftig auf dem dort noch kleinen Fluss paddeln kann. Ihr Ziel ist die Mündung der Biebrza in den Narew. Wir werden sie in den Folgetagen noch mehrmals treffen.
    Übrigens, während wir heute 5 kurze Schauer erwischten, haben sie keinen einzigen abbekommen.

    400m entfernt steht ein Vogelbeobachtungsturm:


    ¼5 treffen noch mehrere Gruppen von Radtouristen ein, die alle hier zelten wollen, darunter auch Deutsche, Schweizer und Franzosen, meist auf großer Tour durch halb Mitteleuropa. Der Platz ist mit Sicherheit groß genug

    Uns selber ist es noch ein bisschen früh um hier für heute Schluss zu machen. Außerdem sieht es mit Feuerholz mau aus. So fahren wir noch weiter bis zum nächsten Biwakplatz.

    Typisch Biebrza:


    Auch hier stehen ufernahe Teile der Wiesen unter Wasser:


    Das Wasser ist relativ sauber und natürlich wachsen auch hier viele Wasserpflanzen:


    Immer wieder stoßen wir auf diese Art Flöße:


    Die Flöße mit überdachter Sitzgruppe werden an Touristen verliehen, die auf sehr ruhige Art mit 1 - 2 km/h die Biebrza heruntertreiben wollen. Nur heute haben sie Pech. Der starke Wind treibt sie immer wieder ans Ufer. Die meisten ergeben sich ihrem Schicksal, rasten da, wo sie angetrieben wurden, oder lassen sich von ihrem Verleiher wieder abholen. Ganz selten versucht einer, sich den Naturkräften entgegenzustemmen und das Floß auf Kurs zu halten. Das gelingt aber nie, soweit wir gesehen haben. Meist dreht das Floß wie wild um immer wieder wechselnde Drehachsen. Wir empfinden großes Mitleid mit den armen Laienflößern.

    5½km nach Dolistowo Stare gelangen wir ins nächste Dorf, Wroceń. Auch hier gibt es mehrere Zeltplätze.
    Am auffälligsten landen wir an (biebrza-adventure.pl):


    Zunächst bauen wir das Lager am Nordrand des Platzes auf:


    Dann bemerken wir, woher der strenge Geruch hier kommt: von der gut getarnten Biokläranlage gleich neben uns. Nee, das muss nicht sein, und so verlagern wir Zelt und Gepäck 70m weiter auf die große Campingwiese:





    Wir bleiben gleich unten am Rand der Wiese und haben 3 Sitzgruppen für uns (natürlich bescheiden wir uns mit einer). Wegen dem Hochwasser kann ich mit dem Boot direkt auf die Wiese fahren.

    Hier kann man sich auch in Hütten einmieten:


    Vom campingplatzeigenen Beobachtungsturm hat man schöne Blicke auf den Platz und die Biebrza-Aue:






    Es gibt mehrere Feuerstellen, auf einer wird gerade gegrillt. Ich koche mir noch einen Kaffee, aber ansonsten haben wir keine Ambitionen, jetzt noch groß was zu kochen.

    Auf diesem richtigen Campingplatz mit WCs, Duschen, fließend Warmwasser etc. bezahlen wir zusammen 30 Złoty, ~6.48€.
    Gleich nebenan bezahlt man übrigens das gleiche, hat aber außer einem Trockenklo, einer Sitzbank und gemähter Wiese null Infrastruktur.

    Dort steht einsam ein supadupa Expeditions-Landrover:


    Wir unterhalten uns mit den beiden jungen Deutschen aus Minden, die auch das erste Mal hier im Land sind. Ich finde es schon immer ein bisschen strange, wenn sich abenteuerlustige Wessis so total overequipped aufmachen und sich auf die gefährlichen Pisten im Osten trauen (Polen hat zZ fast genauso gute Straßen wie Deutschland). Ich kann mir solche Gefährte allenfalls für Sahara-Durchquerungen oder Kongo-Expeditionen angemessen eingesetzt vorstellen.
    Aber was solls, umgekehrt geht es ihnen genauso, wenn sie von meinem Cuörchen hören, mit dem wir mal bis an den Ural und an den Euphrat gekommen sind.

    Als die Sonne untergegangen ist, setzen wir uns noch ein bisschen zum Aufwärmen an das Feuer in der Mitte der großen Campingwiese, das gerade von einer polnischen Familie gefüttert wird.

    Mondsichel über dem Biebrza-Tal:
    Geändert von Spartaner (10.09.2020 um 14:11 Uhr)

  13. AW: [PL] Paddeln auf Czarna Hańcza - K. Augustów - Netta - Biebrza - Narew 2020

    #13
    Do, 23.7.2020, 19km Biebrza
    Zum Frühstück scheint die Sonne, aber es ist kühl und windig:


    Der überschwemmte Bereich an unserem Ufer:


    Ein Storch kommt uns besuchen:




    Wir starten ¼ nach 11. Heute ist wieder ein Tag mit “Wetter”:




    Das süddeutsche Paar im roten Canadier war deutlich früher als wir auf dem Wasser, ist an unserem Platz vorbeigefahren und macht bereits ihre erste längere Pause an Land, als wir sie passieren.

    Nach einer Stunde paddeln erwischt uns der erste Schauer. Heute sind die Schauer größer/länger als gestern. Wir kauern mehrfach im Windschatten der hohen Schilfufer, hier beim ersten mal fast eine halbe Stunde lang. Im Gegensatz zu Andrea bin ich nicht so richtig gegen den Regen gewappnet. Eigentlich habe ich eine ordentliche Regenjacke, aber die steckt gerade tief unten im Gepäck. Naja, macht nichts, hier im Windschutz des Schilfes kann ich den Schirm aufspannen.

    Die anderen beiden sind besser angezogen und paddeln trotz fehlender Spritzdecke auch bei Regen. Sie holen uns kurz vor 1 Uhr vor der Kleinstadt Gonionds/Goniądz ein, dem größten Ort entlang der Biebrza. Schöner Anblick der Stadtkulisse vom Fluss aus, ich wundere mich, dass ich keine Fotos gemacht habe. Wahrscheinlich war der Apparat wegen dem Regen zu tief verpackt.

    Wir legen am Beginn der Uferpromenade an und Andrea und die anderen beiden gehen einkaufen. Ich bleibe bei den Booten:


    Während ich so am Ufer sitze, kommen wieder ein paar Paddler vorbei:


    Aber es sind hier auf der Biebrza viel weniger Paddler als auf der Czarna Hańcza.

    Wir essen noch etwas und kochen einen Kaffee am Ufer. Die anderen beiden fahren derweil schon vor:


    Nach insgesamt 2½h paddeln auch wir weiter:






    Silberreiher:


    Kraniche:


    Daneben sehen wir häufig Störche, ab und zu mal wieder Bussarde, Rohrweihen und Adler.

    Gegen 5 Uhr nähern wir uns dem Biwakplatz. Brücke der Dorfverbindungsstraße:


    Gleich hinter der Brücke biegt man links in einen Altarm ein und gelangt zum Biwakplatz “Bóbr” (“Biber”). Es handelt sich um einen großen, gut ausgestatteten Platz mit Duschen und Warmwasser, der direkt vom Nationalpark betrieben wird.



    In der Nähe befindet sich auch der Hauptsitz und das Besucherzentrum des Biebrza-Nationalparks. Einziger Nachteil dieses Platzes ist seine Nähe zur vielbefahrenen Fernverkehrsstraße 65. Natürlich hört man die LKWs und auch die nahe Eisenbahn, aber wegen dem Wind heute nicht allzu laut.

    Hier treffen wir auch die Süddeutschen wieder. Wir campen gleich in der Nähe des Wassers und sind zusammen die einzigen Paddler heute. Jede Partei hat ihre eigene Sitzgruppe. Abends kommt noch eine polnische Familie mit Fahrrädern und zwei Ultraleicht-Zelten auf großer Tour, das Kleinkind im Fahrradanhänger. Vor Kind waren die Eltern auch öfter im Hochgebirge trecken, was man ihrer Ausrüstung ansieht.

    Ansonsten sind noch etliche Radtouristen und Autotouristen auf dem Platz. Elche sehen wir leider keine, wie auf dieser Hinweistafel auf dem Platz angedroht:


    Baden kann man an der Stelle, wo die Boote auf einer flachen Betonrampe geslippt werden können. Die zwei Stellen, wo man ans Wasser kommt, sind aber auch von den Anglern der Umgebung immer gut besucht.


    Mehr zum Nationalpark:
    Der Biebrza-Nationalpark wurde 1993 als 18. polnischer Nationalpark eingerichtet. Derzeit ist er von 23 polnischen Nationalparks der größte Nationalpark und einer der größten in Europa. Ziel des Parks ist es, die riesigen Niederungsmoore des Biebrza-Tals und ein kleines Fragment der Sokólskie-Hügel mit einer Gesamtfläche von 59.223 ha zu schützen.

    Das wertvollste Gut des Parks ist das weite Tal des natürlich mäandrierenden Flusses Biebrza mit dem größten Komplex von Torfmooren in Polen, den Biebrza-Sümpfen. Neben dem einzigartigen Mosaik und der Zonierung von Feuchtgebieten sowie der umfangreichen extensiven Landwirtschaft sind hier seltene und gefährdete Arten von Pflanzen, Vögeln und anderen Tieren erhalten geblieben. Diese Landschaften, Ökosysteme und Lebensräume sind durch Melioration und Entwässerung von Sümpfen und Torfmooren an anderer Stelle unwiederbringlich geschädigt worden.

    Festung Ossowitz/Twierdza Osowiec
    Hier im Gebiet sind auf der OSM Reste von militärischen Befestigungen eingezeichnet. Dabei handelt es sich um eine Festung, die im 19. Jh von der russischen Armee errichtet wurde. Sie lag im Gouvernement Grodno des russischen Zarenreiches. Zu Beginn des WK I war die Festung mit 69 stationären Geschützen versehen.
    Die Festung Ossowitz lag 50km von der Grenze zu Ostpreußen entfernt an einem der wichtigsten Übergänge über den Fluss Biebrza. Durch die Festung lief die Eisenbahnlinie von Odessa über Białystok und Lyck nach Königsberg und wurde an dieser Stelle vollkommen von ihr beherrscht. Ihre Lage zu beiden Seiten des Flusses, umgeben von Sümpfen, machte sie schwer erreichbar und kaum angreifbar. Bei der militärischen Führung Russlands galt sie als uneinnehmbar. Dennoch wurde sie im ersten Jahr des Weltkrieges mehrfach von starken deutschen Kräften angegriffen, aber direkt im Kampf selbst nach einem Chlorgasangriff nicht genommen ("Kampf der toten Männer").

    Die Trümmer der Festung können heute teilweise besichtigt werden, was etwa einen Tag dauert (Museum, nur mit Führung durch Herrn Mirosław Worony, Tel. ++48 600941954).

    Zum einen gibt es hier also die alte Festung, zum anderen aber sind in der Biebrza-Wasserwanderkarte eine ganze Menge einzelner Bunker entlang des gesamten Biebrza-Tales eingezeichnet. Auch da habe ich mich gefragt, wer wohl hier wann so viele Bunker gebaut hat. Nun, in dem Fall war es der Genosse Molotow, der die Molotow-Linie zum Schutz vor einem evtl. möglichen Angriff des befreundeten Hitler-Deutschlands errichten ließ.
    Die Molotow-Linie war ein Verteidigungssystem, das die Sowjetunion im 1939 besetzten Ostpolen sowie im komplett besetzten Litauen entlang der im geheimen Zusatzprotokoll zum Deutsch-Sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrag vom August 1939 festgelegten Grenze zum Deutschen Reich bzw. dem deutschen Generalgouvernement errichtete. Die etwa 1000 km lange Verteidigungslinie von der Ostsee bis zu den Karpaten bzw. der Slowakei war in 13 Sektionen unterteilt. In jeder Sektion waren zu Kriegsbeginn einige Dutzend Bunker fertiggestellt und Hunderte im Bau. Zum Zeitpunkt des Überfalls Deutschlands auf die Sowjetunion war die Verteidigungslinie nicht einsatzbereit.

    --------------------
    Wir selber wussten während der Tour nicht mehr von den Festungsbauten als was uns die OSM gezeigt hat, und haben uns auch nichts davon angeschaut. Aber nun weiß ich wenigsten nachträglich bescheid.
    Geändert von Spartaner (08.09.2020 um 11:53 Uhr)

  14. AW: [PL] Paddeln auf Czarna Hańcza - K. Augustów - Netta - Biebrza - Narew 2020

    #14
    Fr, 24.7.2020, 14km Biebrza
    Wie jeden Morgen wird ausgiebig gekünzelt. In dieser Zeit kommt ein freundlicher Nationalpark-Ranger und kassiert nach und nach die Zeltplatzgebühren von allen Parteien (von uns 28Zł). Andrea ist außerdem immer wieder in Kontakt mit einer Paddelfreundin, welche diesen Sommer vom Pech verfolgt wird. Sie wollte ursprünglich auf dem San in Südost-Polen paddeln, zwei mal sprangen ihre jeweiligen Paddelpartner ab (der erste wegen Krankheit, der zweite dann wegen Autounfall am Starttag). Nun sucht sie “verzweifelt” eine Mitpaddelmöglichkeit, denn der Urlaub läuft und lässt sich nicht einfach verschieben. Einzige Bedingung: außerhalb von Deutschland.

    Sie wusste, wo wir unterwegs sind und will sich uns jetzt anschließen, obwohl wir kaum noch mehr als 5 Tage auf dem Wasser sein werden. Anschließend würde sie alleine noch die Czarna Hańcza befahren.

    Also verabreden wir, uns heute Abend auf dem nächsten Rastplatz zu treffen. Wir senden ihr den Namen des Rastplatzes und einen entsprechenden Kartenausschnitt zu, den wir von der Biebrza-Wasserwanderkarte des Paares aus Süddeutschland abfotografieren können.
    Ihr Auto würden wir dann im nächsten Dorf stehen lassen, und weil ich schon ahne, dass ich das Auto vom Endpunkt der Paddeltour zurückholen werde, erkundige ich mich bei der polnischen Familie nebenan nach Verbindungen der öffentlichen Verkehrsmittel in dieses abgelegene Dorf. Die kennen sich aus und können mir gleich 2 Webseiten zeigen, auf denen Busverbindungen abgerufen werden können, busradar.pl und e-podroznik.pl. Allerdings kann man keine Verbindungen finden, bei denen umgestiegen werden muss, also nur Direktverbindungen.

    Naja, das ist auch nicht so schwer. Wir stellen fest, dass man 5 mal am Tag von Lomscha in das 39km entfernte Dorf Radziłów gelangt. Von da aus sind es nur noch 6km bis Mścichy, dem Dorf, wo wir das Auto stehen lassen wollen. Dahin fährt dann ein einziger erreichbarer Bus (am späten Nachmittag), man könnte aber sicherlich auch trampen oder man läuft einfach. Gut, ich bin es zufrieden, das Dorf ist nicht ganz aus der Welt.
    Google kennt hier übrigens keinerlei Verbindungen, erstaunlich.

    Gegen 10 brechen die beiden Süddeutschen Sabine und Roland auf, und um 12 sind auch wir wieder auf dem Wasser. Wir werden uns spätestens am nächsten Rastplatz „Biały Grąd” sowieso wiedersehen. Dieser Rastplatz ist zwar nur 14 Paddelkilometer entfernt, eigentlich ein bisschen wenig für einen ganzen Tag, aber der nächste wäre erst nach weiteren 23km erreichbar und 37km an einem Tag wäre uns wiederum zu viel.





    Blick auf die Massen von Laichkräutern, die den Fluss manchmal in seiner gesamten Breite einnehmen:








    Der Charakter der Auenlandschaft um die Biebrza hat sich seit heute deutlich geändert. Während oberhalb der Festung Ossowitz oft aktiv bewirtschaftete Wiesen und Weiden vorherrschen, sieht es jetzt mehr nach reiner Natur aus. Die ehemaligen Wiesen und Weiden sind auf den nächsten 30km zumeist aufgelassen, die Spuren der ehemaligen Nutzung nur noch im Satellitenbild erkennbar. An den Ufern dominieren hohe Röhrichte (Schilf, Rohrkolben etc.), auf trockeneren Flächen Hochstaudenfluren und dann folgt die Verbuschung und weiter Verwaldung (Erlenbrüche).

    Damit dieser Vorgang etwas gebremst und vielleicht sogar aufgehalten wird, werden hier Versuche mit Herden halbwilder Rinder und Pferde gemacht, die ähnlich wie in der Urzeit die Flächen von übermäßigem Bewuchs freihalten sollen (Volltext). Ansonsten hätten nämlich auch viele gefährdete Limikolen, die hier mit etlichen Arten noch in großer Zahl brüten, keine Chance im Nationalpark.

    Welsh Black? Dexter bzw. Kerry-Rinder? Schottisches Hochlandrind? an der Biebrza:








    “Die langfristige Perspektiven für New Wilderness sind vielversprechend. Es gibt einen wachsenden internationalen Bedarf und Unterstützung für die Wiederherstellung von Wildnisgebieten in Europa. Der Biebrza Nationalpark als größter Nationalpark Polens umfasst eine vollständige Palette von Habitaten mit einem großen Potenzial, zu einer Wildnis mit einer vollständigen (holozänen) Palette europäischer großer Pflanzen- und Fleischfresser-Community zu werden.
    Die besten Perspektiven werden im mittleren und unteren Einzugsgebiet erwartet. Die Wiederansiedlung des europäischen Wisents und die Verwilderung von Koniks und Rindern als Schlüssel- und Flaggenarten hätte einen enormen Einfluss auf den Naturschutz in Europa und würde den internationalen Ruf des Biebrza Nationalparks stärken.” Soweit der Stand 2002.

    Es sieht aus, als hätten sie ihre Pläne umgesetzt. In welchem Umfang, dazu habe ich jedoch nichts gefunden.

    Rinderbadestelle:


    Diese Badestelle ist jetzt nicht so richtig einladend für uns. Kurz darauf liegen Adam und Eva, die beiden Süddeutschen mit ihrem roten Canadier, auf einer großen, einsamen Sandbank mitten im Sumpf wie im Paradies. Auf das Feigenblatt haben sie verzichtet. Oh, und das als Wessis! (Freikörper-Kultur-Kampf , Die nackte Wahrheit über Ost und West)

    Ein, zwei Sandbänke weiter machen wir es ihnen nach:


    Um uns herum kilometerweit nichts als Natur. Schöner Badestrand. Einziger Nachteil dieses Pausenplatzes ist die fehlende Beschattung.

    Adler kreisen über uns:




    Diesmal ist es ganz sicher ein ausgewachsener Seeadler, mit schönem weißen Schwanz. In polnisch heißt er deswegen Bielik, der Weiße.

    2¼h genießen wir die Ruhe hier, dann paddeln wir weiter. Knapp 5km sind es noch bis zu unserem Biwakplatz. Den erreichen wir kurz vor 5. Er liegt nicht direkt am Ufer der Biebrza, sondern man muss noch 120m in einen Altarm reinfahren:



    Der Biwakplatz kommt in Sicht:


    Der Biwakplatz „Biały Grąd” liegt vollkommen frei auf einer leichten Erhebung inmitten großer Weideflächen. Der Platz ist umzäunt, damit die Rinder nicht die Zelte über den Haufen rennen.

    Auf dem höchsten Punkt steht ein großer hölzener Aussichtsturm:


    Dieses Schild mit Link zum Bezahlen der Nationalparkgebühren findet man an vielen Stellen im Nationalpark:


    Blick vom Aussichtsturm (NNW, NO, SO):






    Sabine und Roland hatten uns an unserem Rastplatz überholt und sind jetzt schon länger hier. Sie haben bereits etwas Feuerholz gesammelt, wofür man hier eine ganze Weile latschen muss, in der Nähe gibt es nichts. Wir kochen Abends noch Kaffee und Brühe mit mitgebrachtem Künziholz. Ich hatte mir schon gedacht, dass es hier nicht so einfach sein wird, Holz zu finden.

    Wir haben gerade unser Lager eingerichtet, da passiert eine große Herde Kühe den Lagerplatz. Nun wird klar, warum er eingezäunt ist. Die Kühe folgen nur ihrer Leitkuh, Hirten sind nicht in der Nähe. Sie sind auf dem 3km-Weg nach Hause in ihren Stall und werden morgen wohl genau so selbständig wieder herkommen. Mich beeindruckt das sehr, mit wie wenig Aufwand Weidewirtschaft betrieben werden kann. Ähnlich kenne ich das aus der Ukraine (Kühe, aber die Hausgänse ganz genauso) und Burjatien.

    1h vor Sonnenuntergang kommen dann noch 6 Männer aus Białystok in 3 Leihkajaks auf unseren Platz:


    Einer von ihnen kann ganz gut deutsch, ein anderer etwas englisch, und so können wir uns am Feuer etwas unterhalten. Einer der 6 Männer musste im Frühjahr wegen Corona seine Hochzeitsfeier absagen. Der Wodka war schon bestellt, und damit diese immensen Vorräte nicht schlecht werden, helfen wir jetzt mit, ihn bestimmungsgemäß zu konsumieren. Es handelt sich um eine für uns neue Sorte aus der Region, den Bocian - Storch. Die Flaschen haben in Anlehnung an das Tier einen besonders langen, schlanken Hals. Schmeckt gut, wir haben später auch selber etwas davon nachgekauft.

    Es ist schon dunkel, da erreicht uns ein Notruf von Dörte. Sie hat es fast geschafft, ist heute den ganzen Tag über 700km vom Schwielochsee über polnische Autobahnen und Landstraßen gedüst, hat nach verschiedenen Anläufen das richtige Dörfchen Mścichy im Navy gefunden (es gibt 2), und hat es auf dem letzten Feldweg bis auf einen Kilometer bis zu unserem Rastplatz geschafft.
    Nun aber habe sie sich festgefahren und benötige Hilfe. Puhh, so kurz vor dem Ziel noch so ein Malheur
    Andrea und ich machen uns auf, die Karre aus dem Dreck zu schieben. Zum Glück begleitet uns auch Roland aus Süddeutschland. Dort angekommen, ist er der erste, der Barfuß in den mehr als knöcheltiefen Schlamm watet. Ich brauche erst mal ein paar Sekunden, bis ich mich überwunden habe, nachzusteigen. Der Schlamm ist eine 1 zu 1 Mischung aus normalem Feldwegedreck und Kuhdung.
    Dörte ist schon dabei, Äste von den umliegenden Büschen abzuschneiden, um sie unterzulegen. Aber ich glaube, das ist in diesem Fall gar nicht nötig. Der Untergrund unter dem 10 - 20cm tiefen lockeren Schlamm ist richtig fest. Allerdings liegt ein Teil des Autos auf dem Schlamm auf, so dass es doch nicht mehr genügend Grip hat, alleine rauszukommen.
    Nachdem wir einen Teil des Schlammes weggegraben haben, fahre ich den Wagen rückwärts mit ein paar Schaukelbewegungen aus dem Dreck, während die anderen 3 schieben. Geht eigentlich ganz einfach. Und neben dem Schlammloch ist eine Pfütze, die leicht durchfahren werden kann.

    Naja, war schon eine deftige Aktion. Danach ist Füße waschen angesagt.
    Nach weiteren 2 Stunden am Lagerfeuer geht es ins Bett.
    Geändert von Spartaner (08.09.2020 um 11:52 Uhr)

  15. Lebt im Forum
    Avatar von Pfad-Finder
    Dabei seit
    18.04.2008
    Ort
    Mitte
    Beiträge
    9.307

    AW: [PL] Paddeln auf Czarna Hańcza - K. Augustów - Netta - Biebrza - Narew 2020

    #15
    Einige Tage später am selben Ort:



    Finde das Rindviech!
    (die Kuh kreuzte nur den Weg, um zum Wasser zu gelangen - es war also keine Verfolgung!)



    Ob es wirklich sinnvoll ist, hier die Autotüren offen zu lassen?
    Schutzgemeinschaft Grüne Schrankwand - "Wir nehmen nur das Nötigste mit"

  16. AW: [PL] Paddeln auf Czarna Hańcza - K. Augustów - Netta - Biebrza - Narew 2020

    #16
    Ja genau, das ist die Herde.

    Eine Stunde vorher grasen sie noch westlich vom Biwakplatz. Glückliche Kühe!

  17. AW: [PL] Paddeln auf Czarna Hańcza - K. Augustów - Netta - Biebrza - Narew 2020

    #17
    Sa, 25.7.2020, 23km Biebrza
    Morgensonne, Blick zur Biebrza und über ihre Aue:


    Die Boote am Strand:


    Sabine und Roland sind immer früh dran und bereits vor ½9 losgepaddelt.

    Dörte baut ihr Boot auf:


    Die Spuren der nächtlichen Schlammschlacht:


    Gegen 10 sind die Kühe wieder da:


    ½11, die polnischen Paddler verabschieden sich:


    Um 11 fahre ich Dörtes Wagen ins nächste Dorf Mścichy, gehe noch kurz Einkaufen und stelle das Auto in der Nähe der Bushaltestelle ab:


    Dann geht es 3km zu Fuß zurück zum Biwakplatz. Die Damen sind fast fertig und kurz vor ½1 sind auch wir wieder auf dem Wasser.



    Typisch Biebrza:


    Ein totes Tier erregt Aufmerksamkeit:




    An den Hufen erkenne ich endlich, es handelt sich um einen Hirsch. Zum Glück steht der Wind so, dass wir den sicherlich bestialischen Gestank überhaupt nicht wahrnehmen.

    Auch heute fließt die Biebrza durch weitgehend naturbelassene Aue:


    Um 3 machen wir eine reichliche Stunde Pause an einem schmalen Badestrand. Nebenan planscht eine polnische Familie, von uns Nackten getrennt durch einen Sichtschutz aus undurchdringlichen Weiden.

    Heute gibt es auch erstmals längere Uferabschnitte mit dichtem Weidenbewuchs, der ein Anlanden dort unmöglich macht.





    ¼ nach 4 überholen wir die Polen:


    Nach 22km heute endet der sehr naturnahe Abschnitt. Ab jetzt fließt die Biebrza bis zur Mündung in den Narew am Westrand der Aue (und des Nationalparks). Wiesen und Weiden sind wieder normal bewirtschaftet.

    1½km weiter erreichen wir das Dorf Brzostowo. Hier endet der Flussabschnitt der Biebrza, der vom Nationalpark besonders geschützt wird. In der Zug- und Brutsaison, vom 1. Januar bis 30. Juni, gilt ein Kontingent von maximal 25 Paddlern, die sich auf dem Abschnitt von der Festung Ossowitz bis Brzostowo aufhalten dürfen. Die 38km lange Strecke muss an einem Tag durchpaddelt werden, denn der schöne Biwakplatz „Biały Grąd”, auf dem wir bis heute früh übernachtet haben, ist in dieser Zeit ganz gesperrt (und noch viel länger wegen dem Herbstzug, der Platz darf nur vom 1.7.-30.9. für Übernachtungen genutzt werden).

    Es ist ½6, als wir Brzostowo erreichen. Hier sind 3 Biwakplätze gleich nebeneinander, jeweils von einem anderen Bauern angeboten. Der südliche Platz ist bereits von mehreren Jugendlichen mit Autos belegt, Musik schallt aus Boxen herüber. Roland und Sabine haben ihr Zelt auf dem mittleren Platz aufgeschlagen, und die Polen haben ihre Vorhut auch hier postiert.
    Besonders attraktiv finde ich keinen dieser Plätze. Es sind alles schmale Wiesenstreifen, hohes Gras, schlammige Ufer, sie enden alle direkt an den Gehöften der Bauern, und Feuerholz gibt es nur vom Bauern direkt. Dazu eine Sitzgruppe und eine Feuerstelle. Der Besitzer unseres Streifens kommt auch bald vorbei und kassiert gleich ab, 40 Złoty für 2 Mann und ein kleines Zelt. Ganz schön viel verglichen zB mit dem voll ausgestatteten Platz in Wroceń.









    Auf dem nördlich angrenzenden Nachbargrundstück ist ebenfalls ein Biwakplatz eingerichtet, heute unbelegt, aber sogar mit neuem Aussichtsturm:


    Leider ist er abgeschlossen. Ich stehe also hier draußen vor der Tür, die die Plattform absperrt.





    Blick auf die Biebrza im Abendlicht:


    Das versprochene Feuerholz bleibt uns der Bauer schuldig. Die Männer teckeln dann selbst zum 200m entfernten Hof und wir klauben uns jeder einen Arm voll schlecht getrocknetem Holz vom Haufen.
    Die Polen haben zum Feueranzünden richtige Gas-Flammenwerfer dabei, und so bekommen wir trotzdem schnell ein Feuer an. Sehr lang wird der Abend heute aber nicht, die Mücken nerven hier ganz schön.
    Geändert von Spartaner (06.09.2020 um 20:43 Uhr)

  18. AW: [PL] Paddeln auf Czarna Hańcza - K. Augustów - Netta - Biebrza - Narew 2020

    #18
    So, 26.7.2020, 15km Biebrza und 3km Narew
    Sonniger Morgen:




    Am Himmel kreist ein Seeadler:








    Ich möchte die beiden 5L- bzw 6L-Wasserbehälter mit Frischwasser auffüllen, jedoch bietet der Bauer nicht mal einen funktionierenden Wasserhahn draußen an. Also muss ich klingeln und die Bäuerin lässt mich in die Milchküche. Dort findet sich ein hoher Wasserhahn, ideal für die beiden großen Behälter.

    Wieder sind wir Mittags um ¼1 die letzten, die den Platz verlassen. Schon vor 3h verließen uns Sabine und Roland. Sie sind heute ihren letzten Tag auf dem Wasser und werden sich, sobald sie den Narew erreicht haben, von ihrem Verleiher abholen lassen.
    Und die 6 Polen gehen heute gar nicht mehr aufs Wasser, sondern machen bereits hier in Brzostowo Schluss. Ihr Vermieter kommt am späten Vormittag und lädt alle zusammen in den Kleinbus. Die 3 Boote kommen hinten auf den Hänger, mehr oder weniger zuverlässig von solch einfachen Gummischnüren festgehalten, wie man sie auf dem Fahrradgepäckträger benutzt.

    Wieder auf der Biebrza:


    Noch in Höhe des Dorfes Brzostowo überholen wir dieses Partyfloß:


    Die Männer wollen uns nur vorbeilassen, wenn wir als Wegezoll kühles Bier rüberreichen. Leider aber sind wir in dieser Hinsicht momentan völlig mittellos - "Nie mamy piwa", und schon gar kein kühles.
    Schnell drücken wir uns vorbei, immer im Angesicht höchster Gefahr, vollgespritzt zu werden.

    Bereits auf Höhe des nächsten Dorfes Mocarze legen wir an einem Fährponton wieder an, dem gerade erlebten Missstand abzuhelfen. Dörte und Andrea gehen zum Einkaufen in das 1km entfernte Dorf, während ich bei den Booten bleibe:


    (Die 6 Polen gestern abend auf unserem Campingplatz haben solchen Mangelsituationen übrigens vorbeugend abgeholfen. Kurz vor 8 kam eine Frau und bot ihnen an, 2 von ihnen zum Einkaufen ins Nachbardorf mitzunehmen, bevor der Dorfladen schließt. Voll bepackt kamen sie zurück).

    Stare am Rastplatz:


    Eine Stunde nach unserer ersten Begegnung treibt das Partyfloß vorbei:


    Alle gucken interessiert zu uns und bemerken nicht, wie das Floß gegen die spitze Stahlecke der Fähre zu prallen drohte. Als ich das kommende Unheil erkenne und laut warne, ist es auch schon zu spät. Sie können nicht mehr reagieren und rasseln ein paar Sekunden später an die Fähre. Ein Stück vom hölzernen Geländer bricht weg.
    Ihre Partylaune lassen sie sich aber nicht davon vermiesen.

    Ich habe natürlich mal nachgemessen, wie schnell sie waren: genau 1.25km/h.

    Als meine beiden Einkäufer zurückkommen, lassen wir uns als erstes noch ein eisgekühltes Bier schmecken, bevor es in der Sommersonne warm wird.

    Nach 1h sind auch wir wieder auf dem Wasser. Der Fluss führt heute den ganzen Tag am Westrand seiner Aue entlang. Schön erheben sich die Hänge im Westen:


    Hier reiht sich ein Dorf an das nächste, aber viel sieht man gewöhnlich nicht davon. Nur die bewirtschafteten Wiesen und Weiden reichen bis ans Ufer. Die Seite östlich des Flusses ist weiterhin Nationalpark, aber teilweise auch als Rinderweide genutzt.

    Die nächste Fähre auf Höhe von Wierciszewo:


    Diese Fähren dienen nur dem landwirtschaftlichen Verkehr, zB um ganz selten mal einen Trecker auf die andere Flussseite zu bekommen. Ob die Kühe auch damit rüberfahren, oder selber durchwaten und -schwimmen, weiß ich nicht.

    Kurz dahinter werden wir Zeuge, wie die hiesige traditionelle Milchwirtschaft funktioniert:




    Zu den Melkzeiten kommt ein Bauer mit einem Motorboot und Milchkannen aufs andere Ufer und melkt die Kühe. Die warten schon und freuen sich, dass der Druck nachlässt. Glücklich, wer so ein Kuhleben hat. Würde mich natürlich interessieren, ob das tatsächlich die dominierende Form der Milchwirtschaft in der ganzen Region darstellt, oder ob ein großer Teil der Kühe wie bei uns den Sommer trotzdem im Stall verbringt.

    ¼ vor 6 erreichen wir den Narew. Hier endet der Biebrza-Nationalpark. Der Fluss ist etwas größer als die Biebrza, und hat an den Prallhängen 2 - 3m hohe Ufer. Auch diesen Fluss hatte ich mir hier schon größer vorgestellt. Wir sind ziemlich genau in der Mitte des Flusslaufes, genau 249km oberhalb seiner Mündung in die Weichsel und 235km unterhalb seines Quellgebietes.

    Das Quellgebiet des Narew befindet sich in Sümpfen inmitten der Wälder der Belowescher Heide in Weißrussland (Map). Der Fluss verläuft in markant wechselnden Richtungen mehrfach durch Urstromtäler und breite Schmelzwasserrinnen, die im Vorfeld des weichselkaltzeitlichen Inlandeises entstanden sind. Nördlich von Warschau mündet der Narew von Osten in die Weichsel, kurz nach der Vereinigung mit dem am Mündungspunkt größeren Westlichen Bug.
    Der stark mäandrierende Fluss wird von zahlreichen Altarmen und Nebenarmen begleitet und ist einer der letzten erhaltenen anastomisierenden Flüsse Europas. Bis vor ein paar Jahren brüteten im Mittellauf 151 Vogelarten in großer Dichte, wie zum Beispiel Tüpfelsumpfhuhn, Kleines Sumpfhuhn, Wasserralle, Rohrdommel, Zwergdommel, Blaukehlchen oder Rohrschwirl.
    Das Tal des Oberen Narew wurde 1985 als Narew-Landschaftspark unter Schutz gestellt. Ein Teil davon gehört seit 1996 zum Nationalpark Narew.

    Die interessantesten Abschnitte des Narew befinden sich oberhalb der Mündung der Biebrza in den Narew. Da, wo wir ihn entern, ist er bereits schiffbar.

    Gleich hinter dem ersten Dorf Ruś unterqueren wir die Brücke der Fernstraße 64, der Hauptverbindung zwischen Łomża und Białystok. Sie ist auch am Sonntag relativ viel befahren. Auch auf dem Wasser kommt uns ab und an ein Motorboot entgegen.

    Für die Nacht möchte ich eigentlich Abstand von den Verkehrsgeräuschen gewinnen. Aber angesichts der seltenen Biwakmöglichkeiten, die sich uns auf den ersten Kilometern auf dem Narew zeigen, landen wir um ½7 gleich hinter Ruś links gegenüber einer großen Sandbank an:




    Hohes Steilufer, vielleicht 6m, steiler Aufstieg. Ich wundere mich, wieso Andrea das mitmacht. Aber im Gegensatz zur Sandbank gegenüber locken hier mehr Feuerholz, grasbestandene Flächen fürs Zelt und die Abgelegenheit.

    Die Stelle wurde bereits von vielen Ausflüglern vor uns genutzt, ist ziemlich vermüllt und mit etlichen Feuerstellen verunstaltet. Im Hintergrund mäht ein Trecker Gras. Aber ansonsten ist das endlich wieder ein normaler Wildcampingplatz, frei in der Natur.

    Einer der vielen Störche hier landet nach Sonnenuntergang gar nicht scheu über uns in einer Kiefer:


    Auch gegenüber stehen Störche am Strand, sowie ein Silberreiher. Lagerfeuer.

  19. AW: [PL] Paddeln auf Czarna Hańcza - K. Augustów - Netta - Biebrza - Narew 2020

    #19
    Mo, 27.7.2020, 11km Narew
    Morgens besuchen uns wieder die Störche zum Frühstück:






    Der Storch, der hier bei uns in der Nähe landet, hat einen kaputten Fuß und humpelt stark. Ansonsten macht er aber einen gesunden Eindruck. Später fliegt er ans andere Ufer und lässt sich auf der Sandbank neben einem Angler nieder. Erst jetzt begreife ich seine Anhänglichkeit: er hofft, einen Fisch vom Angler zu bekommen, und dachte wohl auch, einen Happen von uns abzubekommen.

    Die Wettervorhersage von gestern zeigt heute gegen Mittag die Möglichkeit von Gewitterschauern:


    Heute schaffen wir es bereits kurz nach 10 aufs Wasser. Rekord - So früh sind wir auf dieser Tour noch nie gestartet.

    Narew in Höhe von Wizna:


    Wizna ist ein etwas größeres Dorf, in dem es auch Einkaufsmöglichkeiten gibt. Aber wir sind noch ausreichend versorgt und paddeln vorbei. Auch hier kann man Paddelboote mieten.

    Die Kilometrierung des Schifffahrtsweges ist auf diesem Abschnitt des Narew sehr lückenhaft. Nur alle paar Kilometer findet sich mal ein Schild am Ufer:


    Die Ziffern sind nicht auf das Blech aufgemalt, sondern ausgeschnitten. Inwiefern dieser Wasserweg überhaupt noch von Frachtschiffen befahren wird, weiß ich nicht. Gesehen haben wir kein einziges, auch keine entsprechenden Anlegemöglichkeiten oder gar Häfen. Bei Niedrigwasser dürfte er ohnehin unbefahrbar sein.
    Nur ein paar vereinzelte Motorboote tuckern den Narew stromauf, aber wir haben ja jetzt auch kein ausgeprägtes Niedrigwasser.

    Typische Steilufer am Narew, hier mit Uferschwalben-Kolonie:


    Nach 1h Badepause an einer schönen Sandbank:


    In Google Earth firmiert dieser Strand unter “Plaża Wizna”.

    Wieder Kuhidylle:


    ¼ nach 12 legen wir kurz vor dem Dorf Lisno an für eine längere Mittagspause. Ein schöner Platz mit Schatten unter Weiden, Feuerstelle und Zeltplätzen im Hinterland. Nur der Badeeinstieg ist schlammig.
    Als dann eine Stunde später erstes Donnergrollen zu hören ist, schlagen wir hier endgültig unser Lager auf, nach nur 11km Paddeln. So einen guten Platz hätten wir wohl heute nicht mehr gefunden.
    Ausnahmsweise wird heute auch mal das Tarp gespannt. Blitze krachen, Regen kommt nur wenig.





    Das Radarbild zeigt dagegen überall um uns herum mächtige Gewitterregenfälle. Aber der glückliche Zufall will, dass wir nicht so richtig getroffen werden. Ok, das konnte man nicht vorhersehen. Am Ende bleibt noch dieser Regenbogen, bevor es zu Abend hin wieder sonnig wird:

  20. AW: [PL] Paddeln auf Czarna Hańcza - K. Augustów - Netta - Biebrza - Narew 2020

    #20
    Di, 28.7.2020, 27km Narew
    Wieder ein sonniger Morgen. Am gegenüberliegenden Ufer haben Eisvögel ihren Ansitz.
    Erst einer:


    Dann zwei:




    Ausschnittsvergrößerung:


    ½12 gehts los. Von hier sind es ~31km bis zu unserem Ziel, der Stadt Lomscha/Łomża. Aber spät abends wollen wir natürlich nicht in der Stadt anlanden und zelten. Darum paddeln wir heute bis kurz vor das Ziel, paddeln morgen den Rest und haben dann noch genügend Zeit, nach der Ankunft tagsüber Dörtes Auto zurückzuholen.

    Heute geht es zunächst weiter durch die bereits bekannte Auenlandschaft:




    Hier sieht man schön, dass der Fluss doch etwas eingetieft ist:


    Steilufer auf beiden Seiten, oft schauen fossile Baumleichen aus dem angeschnittenen Moorboden.

    Das eine Motorboot, das uns heute entgegenkommt:


    Sieht auch aus wie ein Wandersmann, der mit großem Hausstand lange unterwegs ist.

    ¼2 legen wir eine ¼h Badepause ein.

    Unterwasservegetation im hier schon trüberen Wasser:


    Aufrahmender Dreck:


    Muscheln gibt es reichlich in den feinen Sanden am Grund des Narews.
    Links Gemeine Teichmuschel (Anodonta anatina)?, rechts Große Flussmuschel (Unio tumidus):


    Oder ist das links etwa eine junge Chinesische Teichmuschel (Sinanodonta woodiana), so rund wie dieses Exemplar ist? Ich würde mich nicht wundern, hier eine zu finden. Die chinesische Teichmuschel lebt normalerweise in der Amur- und Jangtse-Region im Fernen Osten Asiens und wurde mit Silber- und Marmorkarpfen nach Europa eingeschleppt.
    1995 habe ich die erste chinesische Teichmuschel in Polen entdeckt, die aus dem Narew und damit aus einem Gewässer stammte, welches nicht künstlich erwärmt wurde (es gab damals schon einen ersten Fundort in den vom Braunkohlekraftwerk Pątnów mit Kühlwasser beheizten Teichen von Konin, ~320km Luftlinie entfernt).
    Die riesige Schale (Ø ~20cm) lag als Kuriosität in einer naturkundlichen Ausstellung im alten Gutshaus von Kurowo am Rande der Narew-Sümpfe. Der Chef konnte versichern, dass diese Schale hier im Narew gefunden wurde, aber keiner wusste, was das für eine Besonderheit war. Nun ja, heute ist es wohl nichts besonderes mehr, die Art hat sich in Polen weiter verbreitet (zB auch an der unteren Oder).

    In Krzewo versuchen wir einzukaufen. Ich mache den Damen wenig Hoffnung, hier einen Laden zu finden. In der OSM ist nichts verzeichnet. Wir fragen auf dem nächstgelegenen Bauerhof nach und richtig, zum nächsten Laden sind es von hier aus 4½km 3 Dörfer weiter die Straße entlang bis Niewodowo. Aber dahin können wir noch etwas näher heranpaddeln.
    Also fragen wir nur noch nach Trinkwasser und können uns aus dem Wasserhahn an der Wand bedienen. Die nette Bäuerin lässt vor dem Abfüllen noch das warme abgestandene Wasser aus dem Schlauch in einen Eimer laufen, dann kommen unsere 5- und 6L-Behälter drunter.



    Vieh- und Trecker-Fähre und neuer Aussichtsturm in Rakowo-Czachy:


    Bis Niewodowo fahren wir jetzt noch 6½km weiter. An einem schlammigen Steilufer legen wir an (Map) und die Damen gehen für 1h schoppen. Von hier sind es nur noch 650m bis zum Laden zu laufen.

    Nach ihrer Rückkehr ist es ¾5. Eigentlich ist das ja schon die Zeit, zu der sie auf Lagersuche sind. Aber ich möchte noch möglichst weit an Lomscha herankommen, damit es morgen nicht zu lange dauert, bis ich zum Bus komme. Auf dem Satellitenbild habe ich in 7½km Entfernung einen Punkt ausgemacht, an dem ich einen schönen Lagerplatz erhoffe: Map.

    Das ist wieder so eine sehr spitze Kehre, und an denen haben wir bisher öfter mal schöne Sandbänke vorgefunden. Dazu liegt der Platz auf dem rechten Ufer, der “Naturseite”, also erwarte ich nicht so viele von Anglern besetzte Plätze wie auf der linken Seite, wo es ganz nah ist zu den Häusern.
    Ansonsten sieht es recht mau aus mit guten Lagerplätzen hier.

    Hohes Ufer in Richtung Siemień Nadrzeczny:


    Als wir dann 750m vor dem ausgesuchten Ziel hinter einer Kurve genau so eine schöne Sandbank vorfinden, zögern wir einen Moment, nicht doch schon hier anzulegen. Allerdings stört mich die hier nur 100m entfernte Straße auf der gegenüberliegenden Flussseite. Ich hoffe, dort noch einen schöneren Platz zu finden, der dann 220m von der Straße entfernt wäre.

    Also paddeln wir noch eine ¼h weiter bis zum angepeilten Platz. Leider werden wir enttäuscht, der Platz ist zugewachsen.
    Naja, macht nichts, dann paddeln wir eben zurück. Trotzdem wir hochzu gegen den Strom paddeln, sind wir jetzt sogar noch etwas schneller als runterzu.

    Unsere Sandbank in der Abendsonne:


    Der Tag klingt aus mit Żubr-Bier, Bocian (“glutenfreier Wodka”) und einem schönen Lagerfeuer.



    Im Hinterland rattern 3 Trecker und versuchen, in kürzester Zeit noch das Heu einzufahren. Die Wolken türmen sich schon, und bald darauf fängt es an zu regnen. Dazu vereinzelt Donner. Wir verziehen uns in die Zelte.

Seite 1 von 2 12 LetzteLetzte

Aktive Benutzer

Aktive Benutzer

Aktive Benutzer in diesem Thema: 1 (Registrierte Benutzer: 0, Gäste: 1)