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  1. Fuchs
    Avatar von evernorth
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    AW: [IS] Kopfnetz statt Mundschutz: Traumwandeln zwischen Fjallabak und Langsjór

    #21
    Mitreisende: Borgman
    Alles so vertraut, ein schönes Wiedersehen. Storagil und der wunderbare Lava - Garten von Skaerlingar
    faszinieren mich auch immer wieder aufs Neue.
    My mission in life is not merely to survive, but to thrive; and to do so with some passion, some compassion, some humor and some style. Maya Angelou

  2. Erfahren
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    AW: [IS] Kopfnetz statt Mundschutz: Traumwandeln zwischen Fjallabak und Langsjór

    #22
    @evernorth: am nächsten Tag wirst Du auch einiges wiedererkennen, aber vielleicht ist auch was Neues dabei … ?

    Ich fürchte nur, diesmal sind es viel zu viele Bilder. Konnte einfach nicht genügend aussortieren.


    Donnerstag, 09. Juli: Festung der versteinerten Trolle

    Nach einer eher unruhigen Nacht kann ich am frühen Morgen noch mal richtig einschlafen und stehe daher etwas später auf. Na ja, nicht wirklich spät, halb sechs ist immer noch recht früh. Wie an allen Tagen bisher scheint auch heute die Sonne vom wolkenlosen Himmel. Bin ich wirklich in Island? So viel Glück mit dem Wetter kann man ja fast nicht haben. Mit 3°C ist es etwas kühler als gestern, es weht ein frischer Nordwind.

    Heute stellt sich überhaupt nicht die Frage, was der Tag wohl bringen wird. Egal welchen Bericht man liest, von Skælingar geht man zur Hütte Sveinstindur. Punkt. Der Pfad dahin soll zumindest teilweise markiert sein und führt an den Uxatindar durch eine Schlucht, die ich unbedingt besuchen will. Die stand bei der Vorbereitung ganz oben auf der Liste. Ich kann es gar nicht abwarten. Um 6:40 Uhr habe ich gepackt und gehe erst mal ein Stück weiter in der Stóragil. Bald treffe ich auf den ersten Abzweig. Links oder rechts? Von links kommt der größere Bach, das ist dann wohl die Hauptschlucht, aber ich entferne mich auch weiter vom Pfad, der irgendwo rechts auf dem Hügelrücken verläuft. Und es ist zu vermuten, dass sich die Schlucht noch weiter verzweigt.

    Lieber die sichere Variante nach rechts. Hier läuft es sich anfangs sehr bequem neben dem Bach, aber dann kommt eine Steilstufe, die ich nur mit Mühe überwinden kann. Ich glaube, diese Schluchtenkletterei ist nichts für mich. Da man an dieser Stelle ganz gut am Hang aufsteigen kann, nutze ich die Gelegenheit, um hinüber zum Pfad zu wechseln.


    Blick zurück vor der Steilstufe


    Aufstieg zum Pfad



    Von oben sieht man, dass es tatsächlich ein ziemliches Gewirr von Schluchten ist. Hier treffe ich auf die Markierungen, die bald danach in die Piste münden. Über eintönige Schotterhügel geht es ein paar Kilometer immer weiter hoch. Im Norden kann man schon die Uxatindar sehen, und nach Süden reicht der Blick bis zum Mýrdalsjökull. Trotz der schönen Aussicht zieht sich der Weg unnötig in die Länge, oder ich bin einfach nur zu ungeduldig. Außerdem weht hier über das offene Plateau ein kalter Wind, der in der Skaftá-Ebene ziemliche Staubfahnen aufwirbelt.


    Uxatindar in Sicht


    Blick nach Süd-Südwest über die Stóragil zum Mýrdalsjökull

    Hinter dem nächsten Hügel muss ich aufpassen, wo der Wanderpfad abzweigt. Die Karte schlägt zwei mögliche Routen vor, die aber beide nicht stimmen. Nach meinem Gefühl beginnt die logische Route dort, wo die Piste nach Südwesten schwenkt und ein kurzer Stichweg nach Nordosten abzweigt. Genau da finde ich dann auch an einer Art Parkplatz den ersten gelben Markierungspfahl.


    Uxatindar



    Ziemlich genau anderthalb Stunden habe ich von meinem Platz in der Stóragil bis hier gebraucht, hat also doch nicht so lange gedauert, wie es mir vorkam. Auf dem letzten Bild kann man den Pfad schon erkennen. Eine halbe Stunde geht es jetzt noch über graue und schwarze Schutthügel und am Hang des südlichsten Uxatind entlang, dann wird es spannend. Eigentlich soll man in der engen Schlucht problemlos gehen können, aber natürlich hält sich da auch der Schnee länger, es ist ja noch recht früh im Sommer.


    Eingang zur Schlucht Uxatindagljúfur



    Der obere Eingang ist dann tatsächlich von einem Schneefeld ausgefüllt, dahinter kommt ein Abschnitt, wo man bequem neben dem Bach gehen kann. Weiter unten wird es eng. Zu beiden Seiten ragen fantastisch geformte Felsen in den Himmel, die zu dieser frühen Stunde das Sonnenlicht noch abhalten. Wie eine Ahnengalerie versteinerter Trolle. Zum Fotografieren sollte man besser um die Mittagszeit kommen. Markiert ist hier nichts, das wäre in einer Schlucht, die sich durch Steinschlag ständig verändert, auch sinnlos. Man umgeht die Hindernisse auf der einen oder anderen Bachseite, wo es eben geht. An einer Stelle sehe ich keine andere Möglichkeit, als mich mitten im Bach unter einer Schneebrücke hindurchzuquetschen. Hier ist der Bach ein klein bisschen tiefer als meine Stiefel hoch sind.












    Auch am Rand können Schneefelder unterhöhlt sein




    Unter dieser Schneebrücke bekomme ich nasse Füße



    Was für ein tolles Erlebnis! Ich habe einen Heidenspaß in dieser Schlucht. Manchmal sieht es so aus, als ginge es jetzt wirklich nicht weiter, aber dann gibt es doch einen Durchschlupf. Wie man auf den Fotos sieht, ist den Schneefeldern nicht zu trauen. Da bin ich besonders vorsichtig und klettere lieber am Rand einmal mehr über die Steine. Uxatindagljúfur ist wirklich der Hammer! Im unteren Abschnitt werden die Hänge etwas flacher und lassen mehr Sonne ins Tal. Dann weitet es sich und mündet in ein kleines Schwemmland am See 532m, der in der Karte keinen Namen hat.












    Blick zurück zum Ausgang der Schlucht


    Blick nach Norden



    Erst von hier sieht man so richtig, dass der Durchgang zur Schlucht genau so aussieht wie ein Burgtor, eingefasst von mächtigen Mauern. Ja klar, warum bin ich nicht früher darauf gekommen? Die Festung der versteinerten Trolle! Hierher zogen sich in früheren Zeiten die Trolle nach ihren nächtlichen Raubzügen zu den Schafweiden der Menschen zurück. Hier schliefen sie tagsüber in riesigen Höhlen, abgeschirmt vom tödlichen Sonnenlicht. Bis eines Tages um die Mittagszeit, an einem wolkenlosen Sommertag wie diesem, ein gewaltiges Erdbeben das Dach der Festung zum Einsturz brachte und alle Trolle in Minutenschnelle zu Stein wurden wo sie gerade saßen oder standen. Nur die Festungsmauern blieben stehen und erinnern daran, dass dies keine gewöhnliche Schlucht ist. Wer sich traut, kann sie betreten und sich mit wohligem Grusel den versteinerten Trollen nähern, die vor kaum mehr als zweihundert Jahren alle Bauern, alle Schafe im südlichen Island des Abends in Angst und Schrecken versetzten. Ja, so war das. Man kann es doch sehen!

    Der See lässt sich tatsächlich recht einfach westlich umgehen, nur schwinden mir langsam die Kräfte. Drei Stunden bin ich jetzt mit nur zwei Haferkeksen im Bauch gelaufen, es wird Zeit für die Frühstückspause. Weil es immer noch kühl und windig ist, baue ich am Nordende des Sees mein Zelt auf, dann kann ich mich nach dem Müsli eine Stunde ungestört aufs Ohr knallen. Meine Fantasie beschäftigt sich derweil noch in lebhaften Bildern mit dem plötzlichen Ende der Trollplage in Südisland.

    Nach zwei Stunden, gegen Viertel vor zwölf, bin ich ausgeruht und bereit zum Weitergehen. Von anderen Berichten weiß ich schon, dass man nicht an der Skaftá zur nächsten Schlucht, Hvanngil, kommt, sondern gleich hier am steilen Hang aufsteigen sollte. Dass das auch der offizielle Übergang ist, zeigt ein einzelner Markierungspfahl an. Der Hang ist sandig, aber man findet trotzdem recht guten Halt. Von oben noch mal ein prachtvoller Blick zurück.


    Blick auf die Uxatindar…


    … und zur Skaftá...


    … und zur Hvanngil

    Jetzt geht es hier runter, dann durch den Fluss und auf der anderen Seite wieder hoch. Oder? Seltsamerweise verlaufen die Markierungen nach Norden zur Hochebene. Gibt es vielleicht noch einen anderen Übergang? Oder ist das eine ganz andere Route? Das macht mich neugierig, also folge ich ihr. Einen Pfad gibt es allerdings nicht.


    Ebene oberhalb der Hvanngil. Ist der Berg da hinten schon Sveinstindur?

    Die Markierungen schwenken bald nach Osten zur Hvanngil, aber ich habe schon Gefallen an der Idee gefunden, dass es eine andere Route gibt, die vielleicht ganz interessant sein könnte. Ich laufe weiter oberhalb der Schlucht nach Norden, bis es über einen sanften Hang hinunter zum Fluss Hellnaá geht.


    Hvanngil – hier ist noch nicht die richtige Stelle zum Absteigen...


    … sondern hier. Dem Bach in der Mitte folge ich.

    An dieser Stelle lässt sich die Hellnaá problemlos furten. Links oder rechts vom Hellnafjall? Nach Gefühl entscheide ich für rechts, denn links käme ich zu früh auf die F235, die Langsjór-Piste. Eigentlich sollte hier laut Karte auch eine Piste sein, die aber nicht existiert oder schon so lange nicht mehr benutzt wurde, dass ihre Spuren komplett getilgt sind. Umso besser. Ich folge jetzt einem größeren Bach in nordöstlicher und später in nördlicher Richtung, den ich ein paar Mal quere, wenn es auf einer Seite zu unbequem wird.


    Furt Hellnaá


    Blick zurück, eine Viertelstunde später...


    … und in meine Laufrichtung. Der Berg müsste schon Mosahnjúkur sein.

    Ein leuchtend grün gesäumtes Band inmitten graubrauner, fast vegetationsloser Hügel. Ich spekuliere ein bisschen darauf, dass so ein kräftiger Bach in sandiger Landschaft von interessanten Quellen gespeist wird, und so ist es auch. Im Oberlauf treten überall sprudelnde Quellen aus dem Hang, schon von Weitem erkennbar an saftig dicken Moospolstern. Das gefällt mir sehr gut. Ich bin froh, dass ich eine andere als die bekannte Route gegangen bin und noch nicht schon vorher weiß, was mich erwartet.









    Eine einzige kleine Steilstufe lässt sich auf dem Schafpfad überwinden. Dahinter setze ich mich für eine halbe Stunde in den Schatten eines Felsens, umschwirrt von hunderten Fliegen. Während man läuft, sind sie ja noch einigermaßen erträglich, aber sobald man still steht um ein Foto zu machen oder sich gar ein bisschen ausruht, kommen sie von überall her. Sehe ich aus wie ein Dunghaufen, oder was? Haben die keine Schafe, die sie nerven können?


    Doch, haben sie!





    Merke: anbrüllen beeindruckt die Insekten überhaupt nicht, der Mund-Nase-Schutz schützt bekanntlich nur Mund und Nase gegen Fliegenattacken, aber ein Kopfnetz hilft. Zwei Stunden bin ich seit dem Frühstück gelaufen, da stellt sich die Frage, ob ich es für heute gut sein lasse. Nein, wenn ich ein paar Kornmo einwerfe, kann ich noch ein Stück Richtung Langsjór schaffen. Wasserflasche auffüllen nicht vergessen, noch gibt es frisches Quellwasser.





    Oberhalb der Quellen ist der Bach nur ein staubtrübes Rinnsal zwischen aschebedeckten Schneefeldern und Wüstensand. Mühsam stapfe ich durch den Sand, und das wird auch nicht besser, als ich auf die Piste zur Sveinstindur-Hütte stoße. Ich könnte jetzt auch zur Hütte gehen und morgen zum Langsjór, aber das wäre ein deutlicher Umweg. Jetzt beiße ich einfach mal die Zähne zusammen und gehe zum Langsjór. Wobei der Sand natürlich längst zwischen den Zähnen knirscht, denn der Wind hat nicht aufgehört. Sand, Sand, Sand, westlich am Mosahnjúkur vorbei, dann wird es besser.




    Sveinstindur in Sicht



    Staubfahnen wehen über eine Ebene, die ganz und gar unwirtlich aussieht. Selbst wenn es hier Wasser gäbe, wäre das kein Ort zum Übernachten. Kilometer um Kilometer krieche ich am Sveinstindur entlang und komme meinem Ziel scheinbar überhaupt nicht näher. Gibt es hier überhaupt einen See? Ja doch, sei nicht so ungeduldig, es geht nur noch über einen sanften Pass. Tatsächlich, da ist er. Langsjór. Ich atme auf.





    Puh, das wäre geschafft. Der letzte Abschnitt seit dem Tal der Quellen war doch ziemlich eintönig und anstrengend. Jetzt kann ich mir viel Zeit lassen, um einen Platz für die Nacht zu finden, denn es ist erst vier Uhr nachmittags. Kommt mir viel später vor. Also, einen Schattenplatz werde ich hier am Ostufer nicht finden, aber vernünftige ebene Stellen sollte es geben. Bei näherer Betrachtung ist auch das nicht ganz einfach. Ich laufe noch ein Stück am Seeufer entlang, dann etwas höher am flachen Hang, bis ich einen geeigneten Platz finde. Jetzt will ich im See baden und mich komplett im Wind trocknen lassen. Dass das Baden dann nur sehr kurz ausfällt, mindert die Erfrischung und das unbeschreiblich gute Gefühl danach überhaupt nicht. Jetzt noch Sachen waschen, dann kann der gemütliche Teil des Nachmittags beginnen.


    Camp 5 am Langsjór

  3. Gerne im Forum
    Avatar von ChuckNorris
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    AW: [IS] Kopfnetz statt Mundschutz: Traumwandeln zwischen Fjallabak und Langsjór

    #23
    Sehr schön, da werden Erinnerungen wach. Kannst ruhig weiter so viele Bilder posten!

  4. Erfahren
    Avatar von Borgman
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    AW: [IS] Kopfnetz statt Mundschutz: Traumwandeln zwischen Fjallabak und Langsjór

    #24
    @ChuckNorris: ich nehme Dich beim Wort, es geht weiter mit vielen Bildern.


    Freitag, 10. Juli: Das Wunder des Lebens

    Gestern wollte ich noch keinen Plan für die restlichen Tage machen, und irgendwie habe ich heute auch keine rechte Lust dazu. Seltsam. Sonst lege ich mir gerne wenigstens für den Tag eine Route zurecht, die ich dann über den Haufen werfen kann. Aber heute will der Funke nicht zünden. Seit 4:30 Uhr bin ich schon betriebsbereit, das ist auf dieser Tour anscheinend zur Gewohnheit geworden, habe ein Heißgetränk zubereitet und wie üblich die Karte zur Hand genommen.

    Fünf ganze Tage habe ich noch zur Verfügung. Das würde gerade so reichen, um einmal um den Langisjór und zurück nach Landmannalaugar zu laufen. Da wäre allerdings kein Reservetag drin, jedenfalls nicht, wenn ich mir Zeit lasse. Oder ich bleibe heute einen Tag in der Südostecke vom Langisjór, steige auf den Sveinstindur und gehe die Runde um den Fagralón. Na, wie wäre das? Keine Reaktion. Anscheinend kann ich mich für gar nichts so recht begeistern. Oder auf der anderen, also westlichen Seite nach Norden und hoch zum Breiðbakur, von da hat man bestimmt auch einen schönen Blick. Das klingt schon besser. Dann könnte ich morgen vielleicht durchs Langidalur Richtung Tungnaá laufen. So ganz überzeugt bin ich nicht, aber es ist wenigstens ein Plan. Dann mal los.

    Bei unverändert schönem Wetter laufe ich gegen sechs am Seeufer zurück zur Piste und weiter am Rand der Ebene dem südlichsten Zipfel des Langisjór entgegen. Der Wind treibt ein paar Wolken über den Himmel und Staubfahnen über den Wüstenboden. Hier steht eine Art Infohäuschen mit Toiletten, daneben der offizielle Zeltplatz, der sogar bewohnt ist. Steinig und staubig, nee, da hätte ich nicht übernachten wollen.


    Langisjór





    Aus irgendeinem unbewussten Grund scheine ich mit dem großen See nicht recht warm zu werden. Mir ist bis heute Morgen nicht mal aufgefallen, dass er eigentlich Langisjór heißt, mit einem „i“ in der Mitte. Dabei sollte der doch eine der großen Attraktionen der Tour sein. Man muss wohl nicht alles verstehen. Statt wie vor einer Stunde geplant dem westlichen Seeufer zu folgen, zieht es mich sozusagen magisch über den Pass Vikurskarð auf die andere Seite der Bergkette. Das ist ein seltsamer Moment, in dem ich aufhöre darüber nachzudenken, sondern mich einfach treiben lasse. Für eine Weile habe ich sogar das Gefühl, dass Beine und Bewusstsein (um jetzt nicht Körper und Geist zu sagen) nur noch lose zusammenhängen. Gar nicht unangenehm, es fühlt sich fast schwerelos an.





    Bestimmt ist es die Wüstenlandschaft, die diesen meditativen Zustand hervorruft. Einige Kilometer gehe ich nach Norden, teils auf der Fahrspur, dann lieber eine längere Strecke der Nase nach über die grauen Hügel. Gestern noch fand ich die Wüste abweisend und anstrengend, aber heute fühle ich mich mühelos in die klaren Formen dieser ablenkungsfreien Weite hinein. Nach einem fast vegetationslosen Gebiet gibt es in der Nähe des Langidalur wieder mehr Leimkraut und Grasnelken, die sich hier tapfer und wunderschön den widrigen Bedingungen stellen. Und ich entdecke eine vergängliche Miniatur-Landschaft, die nach der Schneeschmelze im nächsten Jahr wahrscheinlich ganz anders aussehen wird.


    Miniatur-Landschaft 1


    Stengelloses Leimkraut




    Arktische Weide

    Nahe des Bachs im Langidalur gibt es sogar überraschenderweise einen mehrere Quadratmeter großen Moosfleck mit einer einzelnen kriechenden Weide, die mir an anderer Stelle sicher nicht weiter bemerkenswert erschienen wäre. Aber nach dem reinigenden Gang durch die Wüste bin ich wieder empfänglich geworden für das Wunder des Lebens. Das waren zweieinhalb unerwartet befriedigende Wanderstunden.

    Jetzt hole ich Wasser vom Bach und mache eine lange Frühstückspause. Anders als am Langisjór ist das hier mein besonderer Platz, an dem ich mich wohlfühle und total entspannen kann. Schon seltsam, wo einen die Beine manchmal hintragen, wenn man nicht aufpasst.






    Blick zurück zum Frühstücksplatz



    Der Bach heißt Lónakvísl. Nach der Frühstückspause lasse ich mich ganz selbstverständlich über die grauen Hügel nach Südwesten treiben. Das war also der Umkehrpunkt, ab jetzt laufe ich wieder auf Landmannalaugar zu. Irgendwann steige ich ins Bachbett ab und gehe mehr oder weniger direkt am Wasser, ich habe ja Zeit. Noch lässt er sich bequem in Stiefeln überqueren, aber dann weitet sich das Tal zu einer wassergesättigten Ebene. Schon an der dunkelgrauen Farbe im Gegensatz zu den helleren Hügeln lässt sich erkennen, dass hier mit festem Boden nicht zu rechnen ist. Überall sprudeln Quellen, nicht nur an den Hängen, sondern auch mitten in der Ebene.




    Miniatur-Landschaft 2



    Durch Versuch und Irrtum finde ich die Stellen, wo man nicht zu tief einsinkt, komme mir aber dabei wie ein Eindringling vor, der die makellosen Kies- und Sandflächen mit hässlichen Fußspuren verschandelt. So ein abgeschiedenes, empfindliches Fleckchen Natur sollte eigentlich nicht betreten werden. Nach der Ebene steige ich dann auch wieder über die Hügel, was den weiteren Vorteil hat, dass ich Lónakvísl nicht mehrmals furten muss, der hier in scharfen Kehren dicht am Hang strömt. Ohne Schuhwechsel ginge das jetzt nicht mehr. Hunderte von Quellen haben dafür gesorgt, dass er auf wenigen Kilometern zu einem stattlichen Wildbach angeschwollen ist.






    Aufgeblasenes Leimkraut und Grasnelke


    Lónakvísl

    Langsam wird es recht warm in der Sonne. Der kalte Nordwind flaut ab und überlässt das Feld den Fliegen, die sich gierig auf mich stürzen. Ist das eigentlich eine besondere Art von Fliegen, die gezielt die Nasenlöcher und Ohren ansteuern, um so weit wie möglich hineinzukrabbeln, und die Augen natürlich, wo sie nicht weit kommen? Gibt es die nur in Island? Die kenne ich von nirgendwo sonst.

    Am Rand der nächsten Ebene furte ich und suche mir auf den nassen Moosflächen östlich vom Lónakvísl einen Platz für die Mittagspause. Na toll, mitten im Fliegenparadies! Von Weitem sah das irgendwie besser aus. Gegen die Sonne stelle ich das Zelt auf und breite den Schlafsack darüber. Und noch alle Klamotten. Jetzt passt es. Kornmo, Käse, Kaffee – die Fliegen lassen mich in der offenen Apsis sitzend sogar weitgehend in Ruhe.


    Furt Lónakvísl



    Als ich gegen drei aufbreche, lasse ich die Sandalen gleich an, denn es müssen mehrere sandige Nebenarme gefurtet werden. Bis zur Hütte Örk am Kvíslarlón sind es jetzt nur noch wenige Kilometer, vorbei an Quellen, über graue Hügel und zuletzt auf einer einfachen Fahrspur. Eigentlich schade, dass jetzt schon wieder Anzeichen der Zivilisation auftauchen. Andererseits ist hier erst ein einziges Auto gefahren, und das war kein normaler Geländewagen.




    Blick nach Westen über die Ebene




    Örk, die Hütte am Kvíslarlón

    Die Hütte ist abgeschlossen, was aber keine Rolle spielt, denn ich hätte hier sowieso nicht übernachtet. Entweder laufe ich noch weiter, oder ich suche mir einen Platz an einem der kleineren Seen in der Nähe. Aber zuerst will ich die Schlucht westlich des Kvíslarlón anschauen, wo der Fluss durch die Bergkette bricht. Der Rucksack bleibt an der Hütte. Seltsam, dass es von der Hütte keinen Pfad oder wenigstens Fußspuren zur Schlucht gibt. Ist wohl nicht so die Touristenattraktion. Es geht ein Stück am Seeufer entlang, dann über einen flachen Sattel, der noch die Sicht versperrt und … wow, das ist ja unglaublich schön hier.


    (Klick auf das Bild für größere Ansicht)

    Ich muss mich erst mal hinsetzen und staunen. Bizarr geformte Felsen, ein Wasserfall und diese perfekte grüne Ebene in der Mitte. Natürlich werde ich heute nicht weitergehen, sondern hier zelten. Wie blöd, dass der Rucksack an der Hütte steht. Eine ganze Weile muss ich da gesessen und gestaunt haben, denn als ich zum zweiten Mal über den Sattel komme, diesmal mit Gepäck, ist schon eine Stunde vergangen.









    Durch die Schlucht scheint es einen Schafpfad zu geben, obwohl der Hang sehr steil ist. Ja doch, den Pfad sieht man ganz deutlich. Allerdings sind isländische Schafe schwindelfrei und können gut klettern. Bin mir nicht sicher, ob ich das morgen wagen soll. Für heute reicht mir der Blick von unten.

    Statt auf der Ebene baue ich das Zelt lieber am Berghang auf, da ist es früher im Schatten. Hätte nie gedacht, dass ich in Island mal so auf der Suche nach Schattenplätzen sein würde. Mobilnetz gibt es hier nicht, und die letzte Wetterprognose ist von Mittwoch, also total veraltet. Nach vollen sieben Tagen Sonnenschein, das bisschen Regen am Dienstag zählt nicht, hätte ich keine Einwände gegen einen gemütlichen Regentag. Mal richtig ausschlafen, in den Schlafsack gekuschelt den Regentropfen lauschen, das klingt auch nicht schlecht. Theoretisch könnte man auch ohne Regen einen Ruhetag einlegen, aber die vielen Sommertouren mit wechselhaftem Nordlandwetter haben mich schon bis in die Knochen darauf konditioniert, jeden Sonnenstrahl zum Wandern zu nutzen.

    Von der Wüste am Vikurskarð über den Frühstücks-Moosfleck, die spärliche, kostbare Vegetation auf den grauen Hügeln und das große Tal der Quellen bis zu diesem besonders schönen Platz an der Schlucht – rückblickend war das heute wie ein Sog, der genau auf dieses Ziel hinführte. So fügt sich manchmal ganz harmonisch, was überhaupt nicht geplant war.


    Camp 6 am Lónakvísl

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    AW: [IS] Kopfnetz statt Mundschutz: Traumwandeln zwischen Fjallabak und Langsjór

    #25
    Einfach großartig, deine Bilder! Vielen Dank dafür.

  6. Fuchs
    Avatar von evernorth
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    #26
    Schöne Bilder, Bernd. Die Überraschung ist dir gelungen.
    Ich hatte ja ( aus bekanntem Grund ) auf eine Umrundung des Langisjór gehofft.
    Was für ein tolles Fleckchen Erde!
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  7. Erfahren
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    AW: [IS] Kopfnetz statt Mundschutz: Traumwandeln zwischen Fjallabak und Langsjór

    #27
    Zitat Zitat von ronaldo Beitrag anzeigen
    Einfach großartig, deine Bilder! Vielen Dank dafür.
    Gern geschehen! Freut mich, dass es Dir gefällt.

    Zitat Zitat von evernorth Beitrag anzeigen
    Schöne Bilder, Bernd. Die Überraschung ist dir gelungen.
    Ich hatte ja ( aus bekanntem Grund ) auf eine Umrundung des Langisjór gehofft.
    Was für ein tolles Fleckchen Erde!
    Ja, nicht wahr? Selbst in einer ziemlich bekannten Gegend kann man noch was entdecken. Dass Du bezüglich des Langisjór ein bisschen enttäuscht sein würdest, dachte ich mir, aber ... soll ich was andeuten? ... soll ich?? Nee, jetzt noch nicht . Erst mal geht es ganz gepflegt mit dem nächsten Tag weiter.

  8. Erfahren
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    AW: [IS] Kopfnetz statt Mundschutz: Traumwandeln zwischen Fjallabak und Langsjór

    #28
    Samstag, 11. Juli: Am großen Fluss

    Beim Aufwachen gegen 5:00 Uhr scheint es, als erfülle sich mein leiser Wunsch von gestern. Es regnet. Die Außentemperatur von 2°C sorgt in Verbindung mit Windstille für ordentlich Kondens am Außen- und sogar ein bisschen am Innenzelt. Ist halt ein Akto, das ist in dem Punkt empfindlich. Ansonsten bin ich sehr glücklich mit meiner Zeltwahl. Die größere Apsis gegenüber dem Soulo empfinde ich immer noch als luxuriös, und dass es stabil im Wind steht, hat sich ja letztes Jahr in Norwegen gezeigt. Das kleine Problem mit der tropfenden Stelle am Lüfter sollte jetzt, mit SilNet beidseitig auf der Naht, auch behoben sein. Ich fühle mich jedenfalls gewappnet für jedes Wetter, das kommen mag.

    Was dann kurz vor acht tatsächlich kommt, ist allerdings nicht das erwartete Wetter, sondern wie immer die Morgensonne. Na gut, dann wird heute eben kein Ruhetag. Weil es schon recht spät ist, frühstücke ich gleich mein Müsli und breche gegen 9:00 Uhr auf. Von hier muss ich natürlich nicht zurück zur „Piste“, also der einzelnen Fahrspur, die im Sand sowieso nichts bringt, sondern halte mich einfach am Hang der Bergkette Richtung Südwesten. Von der vagen Idee, durch die Schlucht zu gehen, halte ich überhaupt nichts mehr. Wo ein trockener steiler Hang vielleicht noch machbar ist, kann ein nasser steiler Hang schnell gefährlich werden. Hier wird es nur mühsam, denn das Gelände ist sandig.





    Warum sind einzelne Schneefelder eigentlich mit schwarzer Asche bedeckt und die meisten nicht? Der erste Abschnitt heute wirkt ziemlich düster. Vor dem nächsten Durchbruch gewinne ich etwas an Höhe, um einen guten Überblick zu bekommen. Viel sehen kann man allerdings nicht. Direkt vor dem spitzkegeligen Faxi ist der Einschnitt, durch den auch die Piste auf die Tungnaá-Seite der Berge wechselt. Beim Abstieg umgehe ich instinktiv ein steiles Schneefeld noch bevor es zu sehen ist. Vielleicht bekomme ich doch langsam ein Gefühl für die Landschaft.


    Faxi


    Das ist die Piste



    Die eigentliche Schlucht ist dann so eng, dass die Fahrspur mitten im Bach verläuft. Als Wanderer kommt man ohne nasse Füße gut rechts am Hang durch. Hinter der schmalsten Stelle empfiehlt es sich allerdings, die Bachseite mehrmals zu wechseln. Bei dem niedrigen Wasserstand geht das heute sogar mit Stiefeln, nach stärkeren Regenfällen sollte man vielleicht besser eine höhere Route suchen.





    Dahinter ist es eigentlich egal wie man geht, so lange man sich zwischen Tungnaá und der Bergkette hält, die den netten Namen Kattarhryggur trägt, Katzengrat. Bis zur Mittagspause kann ich mich also praktisch nicht verlaufen. Auf der Karte ist zwar eine Nebenpiste eingezeichnet, die aber nicht markiert ist und wohl auch nur selten benutzt wird. Es gibt eine einzelne Reifenspur, die ich ignoriere, weil der Sand in der Spur weicher ist als daneben. Bei weitgehend bedecktem Himmel laufe ich jetzt ein paar Kilometer einfach geradeaus. Nur selten kommt die Sonne durch, es bleibt fast windstill. Einzige Abwechslung bieten die seltsam geformten Berge am Katzengrat.


    Grimmiges Alien-Gesicht


    Sieht aus wie beim Bleigießen aus dem Topf gefischt



    Da ist wieder ein Einschnitt. Sollte das schon … nein, das kann nicht sein. Als ich näher komme, sehe ich, dass ein kräftiger Bach durch die Schlucht fließt, der sich in der Ebene vielfach auffächert. Doch, das ist schon Faxasundsgljúfur, das ging aber schnell. Nach einem Blick in die Schlucht steige ich südlich über die Hügel zur Furt ab und wechsele die Schuhe.


    Faxasundsgljúfur


    Der Bach heißt Faxasundslækur

    Die beiden Hauptarme sind gut knietief, eher steinig als sandig und problemlos zu furten.
    Auf der anderen Seite sehen die grünen Flächen so aus, als könnte man da das Zelt für die Mittagspause aufstellen, denn es beginnt leicht zu regnen. Bei näherer Betrachtung sind sie allerdings sehr nass, teilweise sogar sumpfig. Wo soll hier eigentlich die Fahrspur sein? Die hatte ich schon fast vergessen, kann auch nicht erkennen, wo man mit dem Auto die steile Böschung hochkommt. Na ja, das kann mir wirklich egal sein. Schließlich finde ich eine kleine, trockene Erhebung und mache es mir im Zelt gemütlich.

    Ich probiere noch mal mein Glück mit dem Mobiltelefon, und tatsächlich hat es ein Netz. Die Wettervorhersage ist ganz nach meinem Geschmack. Morgen soll es regnen, danach bleibt es wechselhaft. Heute Nachmittag trocken. Dann kann ich noch so weit laufen, bis ich einen richtig guten Platz für den ersehnten Ruhetag finde, sehr schön. Entspannt schlafe ich eine Stunde und dehne die Mittagspause bis 15:00 Uhr aus.

    Die Landschaft wird ab hier grüner und abwechslungsreicher. Bald finde ich auch die Fahrspur wieder, der ich über einen Sattel am Berg 714m bis zur nächsten Ebene folge. Ab jetzt geht es immer mehr oder weniger an der Tungnaá entlang, dem großen Fluss, der hier noch zwischen den Hügeln eingezwängt fließt, sich aber bald auf einer riesigen Fläche ausbreitet. Sehr eindrucksvoll.




    Tungnaá, hier noch schmal...


    … und hier nicht mehr

    Heute strengt mich das Gehen wesentlich mehr an als gestern. Die Beine sind einfach müde. Als die Fahrspur nach Süden abdriftet, bleibe ich nahe der Tungnaá und laufe mitten durch eine sehr nasse Ebene. Die Stiefel sinken bei jedem Schritt mehr ein, als mir lieb ist. Wäre doch besser gewesen sich am Rand zu halten. Zu allem Überfluss gibt es auch noch breite, tiefe Moor- oder wohl eher Quellbäche. Nee, hier muss man nicht durch, da nimmt man lieber den kleinen Umweg in Kauf.

    Nachdem das geschafft ist, halte ich direkt auf den letzten Hügel direkt an der Tungnaá zu. Von hier ist nicht erkennbar, ob es einen sicheren Übergang gibt. Wenn nicht, suche ich mir vorher einen Platz für die Nacht. Erst ganz kurz davor erkenne ich den Schafpfad am Hang. Na prima, dann gehe ich noch bis zum See am Stakihnúkur.


    Nasse Ebene


    Schafpfad an der Tungnaá







    So breit und schlammig wie der Fluss ist auch der Uferstreifen, aber da will ich ja nicht hin. Noch ein kleiner Hügel, dann erreiche ich den See 578m vor dem Stakihnúkur. Sieht nett aus, hier will ich bleiben.

    Wie sich herausstellt ist auch das Seeufer sehr nass, also muss ich mir einen Platz weiter weg vom Wasser suchen. Selbst zum Waschen komme ich an dieser Stelle nicht an den See, ohne tief einzusinken. Zum Glück gibt es in der Nähe ein Schmelzwasserbächlein, das zuverlässig sprudelt. Am südlichen Seeufer steht eine seltsam aussehende Hütte, und es laufen auch Menschen herum, die irgendwas machen. Zu weit weg, um es genau zu erkennen.



    Bis am Abend die Schatten dankenswerterweise länger werden scheint die Sonne auf mein idyllisches Plätzchen. Auf dem See schwimmt ein Singschwanpaar und einige Enten, zwei Goldregenpfeifer rufen sich gegenseitig über die Wiese und bleiben dann doch beide wo sie sind. Ihre klagenden Rufe mischen sich mit anderen Vogelstimmen und schaffen eine Atmosphäre, die so vertraut und anheimelnd ist, dass ich mich sofort wohlfühle. Nichts deutet auf einen Wetterwechsel hin.


    Camp 7 (und 8) am Stakihnúkur


    Sonntag, 12. Juli: Der wohlverdiente Ruhetag

    In der Nacht habe ich ausgezeichnet geschlafen. Wenn nicht Regen angesagt wäre, dann würde ich auch heute Früh um fünf keinen Verdacht schöpfen. Das Wetter sieht gut aus, ein paar Wolken, gelegentlich ein Sonnenstrahl, leichter Westwind. Schon überlege ich, ob ich nicht wenigstens die Furt westlich des Stakihnúkur noch machen kann, bevor der Wasserstand im Regen eventuell ansteigt. Jökuldalakvísl soll an der Stelle angeblich ein ernstzunehmender Fluss sein. In einem Bericht hat mal jemand die Querung nicht geschafft, aber das war wohl auch ein Stück oberhalb der eigentlichen Furt. Da schieben sich schon dichte Wolken vor die zaghafte Morgensonne und es beginnt zu regnen. Dann bleibe ich natürlich.

    Den Vormittag über fällt extrem gemütlicher, einschläfernder Landregen. Genau das richtige Wetter um sich zu entspannen, viel zu schlafen, ein bisschen zu lesen und wieder einzuschlafen. In den kurzen Regenpausen mache ich kleine Gänge nach draußen und hole bei der Gelegenheit noch mal Wasser aus dem Bächlein am Schneefeld, das wegen der kühleren Temperatur nur noch ein Rinnsal ist. Reicht aber trotzdem, um den Platypus zu füllen.

    Am Nachmittag frischt der Wind auf, und auch der Regen wird stärker, aber alles bleibt in der Komfortzone. Ich überlege schon mal, was ich mit den restlichen Tagen anfangen kann. Nach Landmannalaugar laufe ich von hier vielleicht vier Stunden, da bleiben auf jeden Fall zwei volle Tage übrig. Vielleicht weiter an der Tungnaá zum Ljótipollur und von da eine kleine Extrarunde? Hmm, das werden wir dann sehen. Ich will mich noch nicht festlegen, sondern lieber offen sein für spontane Ideen. Das hat auf dieser Tour eigentlich immer sehr gut geklappt. Vielleicht komme ich nach dem Regen auch nicht über den Fluss, dann bräuchte ich sowieso mehr Zeit.

  9. Erfahren
    Avatar von Dieter
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    AW: [IS] Kopfnetz statt Mundschutz: Traumwandeln zwischen Fjallabak und Langsjór

    #29
    Ein wirklich schöner Bericht und die Bilder machen mir wieder Lust unterwegs zu sein!

    Du hast da eine hochinteressante Frage:

    ... denn das Gelände ist sandig.
    ...
    Warum sind einzelne Schneefelder eigentlich mit schwarzer Asche bedeckt und die meisten nicht?
    Hier mal mein Erklärungsversuch als Geograph:

    Die winterliche Schneedecke in Island hat in ihrem Aufbau häufig relativ dicke Eislagen, welche zur Zeit der Schneeschmelze ein Durchsickern des Schmelzwassers behindert. So kann der berüchtigte Schneesumpf (isl: karp) entstehen. Im Frühjahr ist auch noch der Boden gefroren (Permafrost), so dass alles Schmelzwasser oberflächlich abfließen muss. Häufig kann man auch kleine Muren (Schlammströme) beobachten, die von aperen Hangteilen über tiefergelegene Altschneefelder fließen. Oder in Einschnitten mit alten Schneeverwehungen gräbt sich dieser Oberflächenabfluss Rinnen in die Altschneeoberfläche. Feine mitgespülte Sedimente ("Asche") sammelt sich in diesen Rinnen, welche irgendwann trocken fallen. Mit weiterem Abschmelzen im Frühjahr schützt diese Sandablagerung die direkt unter ihm liegende Schneedecke, während der nicht von Sand bedeckte Schnee in unmittelbarer Nachbarschaft stärker abschmilzt.

    Es kommt schließlich zu einer sogenannten Reliefumkehr. Was vorher eine Sandgefüllte Rinne war, ist nun ein sandbedeckter Rücken. Und genau das zeigen Deine Bilder.

    Dieter

  10. Gerne im Forum
    Avatar von Berserkjahraun
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    77

    AW: [IS] Kopfnetz statt Mundschutz: Traumwandeln zwischen Fjallabak und Langsjór

    #30
    Hier weisen die Markierungspfähle tatsächlich eine Route den absurd steilen Hang aus Sand und feinem Schotter hinab. Runter kommt man wohl auf dem Hosenboden, wobei man die Hose danach sicher wegschmeißen kann, aber hoch? Alle Achtung, wer das mit schwerem Gepäck schafft!
    Danke für die Blumen


    Ich bin die Stelle hochgekraxelt. Schon etwas steil - von unten sah es aber erst gar nicht so schlimm aus.
    Tolles Wetter hast du gehabt. Bin ja mal gespannt, ob das so blieb.


    Bernd

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