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  1. Moderator
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    AW: Schwarzer Sonntag am Pigne d'Arolla (ausgelagert aus "Bergunfälle")

    Das Bild hier stammt von 2004:



    Die Aufnahme entstand nach unserem unfreiwilligen Biwak zwischen Obergabelhorn und Wellenkuppe, weil ich nach 16 Stunden als Seilerster am grossen Gendarm mit den damalig üblichen Funzellampen im Neuschnee den Weiterweg nicht mehr gefunden habe.

    Man beachte die Sichtverhältnisse und was ich da rechts in den Pfoten halte. Das ist ein stupides GPS, ohne Topokarte oder so. Und schon damals haben wir mit solch einem Ding bei Null Sicht unseren Weg über einen frisch verschneiten Grat gesucht und gefunden. Auf dem Bild stehe ich mitten auf der Gratschneide irgendwo vor der Wellenkuppe und links und rechts gehts n paar hundert Meter runter.
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  2. Fuchs

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    AW: Schwarzer Sonntag am Pigne d'Arolla (ausgelagert aus "Bergunfälle")

    Gruppendynamik, die Führung übernehmen, sich absprechen, Schneehöhle bauen, nicht in Panik geraten, weiter gehen ... das alles sind tolle Dinge aber:

    wenn man am Berg in exponierter Lage in einem Schneeorkan ist,

    dann kann man brüllen, wird aber nicht gehört, weil der Orkan mehr Lärm macht als ein startender Düsenjet,
    Zeichen geben, mit den Armen rudern, wird aber nicht gesehen. Mit sehr guter Sicht sieht man vielleicht noch zwei Meter, wer einmal den Fehler macht die Skibrille abzunehmen, in der Hoffnung dann mehr zu sehen ist so gut wie vollständig blind.

    Einen flatternden Biwaksack auspacken und hineinschlüpfen, einen windgeschützten Platz aufsuchen. Ein Whiteout lässt dich nicht mehr wissen wo oben und unten ist, eine Böe, die dich umschmeißt und du robbst nur noch auf dem Bauch.

    Ich habe das erlebt, während des letzten Orkans der Europa überrascht hat (Lothar, am 25.12.1999) mit gemessenen Spitzengeschwindigkeiten von 271 km/h und 110 Todesopfern. Mein Todeskampf war auch nicht auf großer Tour im Hochgebirge, sondern beim weihnächtlichen Suppenkomalüften im winzigen Familienskigebiet mit zwei Schleppliften. Zwischen Bergstation, Parkplatz, Skihütte betrug der Abstand zu Schutz und Zivilisation nie mehr als eine Minute. Als ich beschloss von der Piste in die Hütte zu gehen, musste ich nur 30m zurücklegen. Normalerweise reicht der Schwung um den kleinen Gegenhang zur Hütte wieder hinauf zu fahren. Der Gegenwind und die schlechte Sicht bremste soweit, dass ich mein Snowboard ausziehen musste, weil ich nicht mehr sah, wo die Hütte ist schob ich die Skibrille hoch, weil ich dachte sie sei beschlagen, schlechte Idee, Schneeflocken, die mit mehr als 100 km/h in Deine Augen knallen, lösen einen unbeherrschbaren Augenschließreflex aus, die Schneemengen, die der Wind in der kurzen Zeit des Absetzens in die Brille geweht hat, hat die Sicht auch nicht verbessert. Eine Böe erfasste mich und versetzte mich ein Stück nach rechts. Hier ist der Hang stark nach rechts geneigt, ich rutsche, ich bin im tiefen Pulverschnee, überall ist nur Schnee zu sehen, wo bin ich, wo ist die Hütte, die Hütte war wenige Meter vor und über mir bevor es mich nach rechts verblasen hat, ich muss also nach links oben, links kenne ich, ich glaube nicht, dass es meinen Körper gedreht hat, aber von links bläst der Sturm, nach links muss ich nach oben, der Schnee gibt unter meinen Füßen nach, kein Gegendruck, kein Boden. Ohne Kraft keine Gegenkraft, ich komme nicht hoch, mein Mann wird mich bald suchen, aber er wird mich nicht finden, überall nur Schnee, der mich bald vollständig bedecken wird, ich muss es selbst schaffen, ich schlage die Kante meines Boards in den Schnee, ich ziehe mich robbend 10 cm nach oben, mit diesem Verfahren schaffe ich cm für cm die 1 oder 2 Meter, die der Wind mich nach rechts versetzt hatte, es ist nicht mehr so steil, ich sehe die Umrisse der Hütte, da wo ich kurz vorher noch stand liegt ein großer schwerer Eisenmast, die Böe die mich verblasen hat, hat ganze Arbeit geleistet, wäre ich da wo jetzt der tonnenschwere Mast liegt gestanden, wenn die Böe mich nicht ein bisschen nach rechts verblasen hätte - schluck, äh ja wahrscheinlich. Zwei rotgekleidete Männer (Bergwacht) kommen auf mich zu:"Alles in Ordnung, brauchst du Hilfe, bist du verletzt?" "Alles Bestens!"

    Der Hüttenwirt klingt besorgt als er mich nach meinen Wünschen fragt, das rettende Heißgetränk ist auffallend schnell da.

    Seit damals weiß ich, dass der Satz "Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur schlechte Kleidung" im Gebirge völliger Schwachsinn ist. Es gibt Orte an denen sollte man bei schlechtem Wetter nicht sein, dazu gehören ganz vorne dran windexponierte Stellen bei Sturm.

    Aus einem so schrecklichen Ereignis, kann jeder, der nicht in so einer Situation überlebt hat, die Lehre ziehen:

    Bei schlechtem Wetter am Berg, bist Du Menschlein nicht mehr als ein Strohhalm im Wind. Ob Du überlebst hängt nicht mehr von Deinem überragendem Verstand, Deiner tollen Ausrüstung, Deinen Superskills ab, wenn Du zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort bist, hilft Dir nur noch Glück oder Gott oder Zufall

    Welche Verkettung von Pech und Fehlentscheidungen jetzt genau dazu führte, dass die verunglückten Tourengeher zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort waren, wissen wir nicht, welche Strategien man für sich selbst anwendet, um nicht in diese Situation zu kommen, kann man mit einer Analyse des Unglücks herausfinden.

    Für mich kann ich ganz klar und ehrlich sagen, keine Sensationslust, keine Schulterklopferei, sondern nur der Wunsch selbst für mich Fehlentscheidungen zu vermeiden. Ich bin schon sehr oft umgedreht, ich habe aber immer noch wunderschöne Touren, bei denen nichts passierte, wo ich mir ehrlich eingestehen muss, dass ich Risiken eingegangen bin.

  3. Gesperrt Erfahren

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    AW: Schwarzer Sonntag am Pigne d'Arolla (ausgelagert aus "Bergunfälle")

    Gut. Langweilen will ich niemand. Gelöscht
    Geändert von deralpinkletterer (04.05.2018 um 19:13 Uhr)

  4. Dauerbesucher

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    AW: Schwarzer Sonntag am Pigne d'Arolla (ausgelagert aus "Bergunfälle")

    Oh ja, noch eine Diskussion, die schon zigfach geführt wurde und keinen nachvollziehbaren Bezug zu den Geschehnissen hat. Das hat gerade noch gefehlt

  5. AW: Schwarzer Sonntag am Pigne d'Arolla (ausgelagert aus "Bergunfälle")

    Genau, die Diskussion "macht gute Ausrüstung leichtsinniger" gibt es bei jedem dem Schutz dienenden Ausrüstungsteil, LVS, Helme, Airbags etc.
    Muss mE hier nicht sein.

    Falls es jemanden interessiert: Hier gibt es eine Zusammenfassung der Ereignisse vom Italienischen Bergsteigerbüro.

    Im Text steht sinngemäss, dass dem Bergführer auf derHütte am Vorabend die bevorstehende Wetterentwicklung bekannt gewesen sei. Die Vorhersagen sprachen von einer Wetterverschlechterung, die es aber trotzdem erlaubt hätte die folgende Etappe zu absolvieren, die nur 6h Marschzeit verlangt hätte.

    Bis 9.30h sei es schön gewesen, dann sei aber innert weniger Minuten ein gewaltiger Sturm aufgezogen.

    Die Gruppe sei unter einem Felsrücken im Schatten eines Felsens gefunden worden. Der Bergführer sei weiter unten gefunden worden, er sei das erste Opfer gewesen, man weiss nicht, ob wegen der Kälte oder wegen eines Sturzes oder wegen einer Kombination aus beidem.

    Die Gruppe sei für die Tour perfekt ausgerüstet gewesen, der Führer habe alle Sicherheitsausrüstung dabei gehabt, GPS, Satellitentelefon und Smartphone mit der Schweizer Landeskarte.

    (Ich hoffe, ich habe durch das Übersetzen keine Bedeutungen verschoben. Wenn, dann geschah es unabsichtlich)

  6. Moderator
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    AW: Schwarzer Sonntag am Pigne d'Arolla (ausgelagert aus "Bergunfälle")

    Dann war aus meiner Sicht der Kapitalfehler, nicht um 9,30 umzukehren, sondern zu glauben, dass man weitere (und theoretische) 4 Stunden im Sturm ohne Probleme laufen kann. Aus den 4 Std. sind es viel mehr geworden, logischerweise (sie waren auch bis dahin relativ langsam, wenn man dem Teilnehmer glaubt, dass sie um 10 erst am Serpentine waren).

    Naja, viel mehr kann man nicht mehr diskutieren, eine tragische Sache, die leider eher vermeidbar gewesen wäre.
    "Niemand hört den Ruf des Meeres oder der Berge, nur derjenige, der dem Meer oder den Bergen wesensverwandt ist" (O. Chambers)

  7. Gesperrt Erfahren

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    AW: Schwarzer Sonntag am Pigne d'Arolla (ausgelagert aus "Bergunfälle")

    Zitat Zitat von Vegareve Beitrag anzeigen
    Dann war aus meiner Sicht der Kapitalfehler, nicht um 9,30 umzukehren, sondern zu glauben, dass man weitere (und theoretische) 4 Stunden im Sturm ohne Probleme laufen kann...
    Aha.

  8. Gesperrt Erfahren

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    AW: Schwarzer Sonntag am Pigne d'Arolla (ausgelagert aus "Bergunfälle")

    Zitat Zitat von rumpelstil Beitrag anzeigen
    Genau, die Diskussion "macht gute Ausrüstung leichtsinniger" gibt es bei jedem dem Schutz dienenden Ausrüstungsteil, LVS, Helme, Airbags etc.
    Muss mE hier nicht sein.



    Die Gruppe sei für die Tour perfekt ausgerüstet gewesen, der Führer habe alle Sicherheitsausrüstung dabei gehabt, GPS, Satellitentelefon und Smartphone mit der Schweizer Landeskarte.
    Aha.

  9. Alter Hase
    Avatar von LihofDirk
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    AW: Schwarzer Sonntag am Pigne d'Arolla (ausgelagert aus "Bergunfälle")

    Zitat Zitat von rumpelstil Beitrag anzeigen
    Die Gruppe sei für die Tour perfekt ausgerüstet gewesen, der Führer habe alle Sicherheitsausrüstung dabei gehabt, GPS, Satellitentelefon und Smartphone mit der Schweizer Landeskarte.
    Ein Kardinalfehler: die perfekte Ausrüstung bei einer Person, wenn diese (wie hier auch noch als Erste) ausfällt ist die Ausrüstung weg.
    Also redundant planen, die Person (zumindest e i ne der Personen) mit essentieller Ausrüstung darf nicht die Gruppe verlassen.

    OT: Nicht ohne Grund sind bei Kommandoeinheiten der Sanitäter und der Funker nie als Vor- oder Nachhut eingesetzt.

  10. Moderator
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    Avatar von Becks
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    AW: Schwarzer Sonntag am Pigne d'Arolla (ausgelagert aus "Bergunfälle")

    Na endlich erkennen die Leute hier, dass das, was als Begründung für die Unschuld der Leute herangezogen wird, und auch de Messner als Begründung für die Unschuld des Führers heranzieht, der dicke Fehler war. Es war nicht erst als zum Biwak gerüstet wurde das Wetter schlecht. Die hatten zu dem Zeitpunkt schon mindestens 7 bis 8 Stunden Sturm und keine Sicht.

    Die 3.5h für den ersten Abschnitt hoch aufs Plateau, der normal 1.5h dauert, ist Beweis genug dafür, dass das Wetter mies war.

    Da gibt es keine Ausrede. Wenn sich die Tourdauer aufgrund des Wetters von 6 auf 12h verdoppelt, geht man nicht los/weiter wenn zudem noch eine Kaltfront angesagt ist. Überraschung, Überraschung....
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  11. Anfänger im Forum

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    AW: Schwarzer Sonntag am Pigne d'Arolla (ausgelagert aus "Bergunfälle")

    Zitat Zitat von LihofDirk Beitrag anzeigen
    Ein Kardinalfehler: die perfekte Ausrüstung bei einer Person, wenn diese (wie hier auch noch als Erste) ausfällt ist die Ausrüstung weg.
    Also redundant planen, die Person (zumindest e i ne der Personen) mit essentieller Ausrüstung darf nicht die Gruppe verlassen.

    OT: Nicht ohne Grund sind bei Kommandoeinheiten der Sanitäter und der Funker nie als Vor- oder Nachhut eingesetzt.
    Der Bergführer mit der perfekten Ausrüstung ist ja erst am nächsten Morgen - nachdem er die Nacht mit und bei der Gruppe verbracht hat, abgestürzt! Als keinesfalls als "Erster" ausgefallen.
    Offen bleibt die Frage, wieso er seine Ausrüstung und seine Kenntnisse nicht schon vorher eingesetzt hat (Anruf bei der Hütte, Notruf etc.). Da ist immer noch alles unklar. War er selbst schon vorher handlungsunfähig? Verletzt? Krank?

  12. Vorstand
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    AW: Schwarzer Sonntag am Pigne d'Arolla (ausgelagert aus "Bergunfälle")

    Ach Becks, ist ja alles richtig, aber es klingt sehr selbstgerecht. Der Mensch ist nunmal kein Roboter. Qwertzui hat doch beschrieben, wie schnell sich Umstände ändern können. Wie oft geraten selbst erfahrene Leute in Seenot, da wurde ein Wetter X angesagt und man weiß, das lässt sich machen, bespricht sich in der Gruppe, trifft eine Entscheidung, nachdem man abgewogen hat und dann trifft halt das Schlimmste ein. Ich meine, wer 500 Meter vor einer Hütte strandet, ist weit gekommen und hätte es schaffen können. Aber nicht immer ist das Schicksal gnädig. Dem Alter nach zu urteilen, hatten die Leute Erfahrung, vielleicht waren sie aber mental nicht mehr so fit, wie sie dachten, wir wissen es nicht.

    Dass der Bergführer die Gruppe verlassen hat, wird sicher Gründe gehabt haben. Vielleicht war er der einzige, der sich morgens noch bewegen konnte, wir wissen ja noch nicht, mit wem er zusammen war in der Nacht. Zudem weiß eigentlich jeder, wie schnell man die Steuerungsfähigleit bei Kälte verlieren kann. Die Grenze liegt bei jedem woanders. Aber die Tatsache, dass einige überlebt haben, zeigt ja, dass einige da besser aufgestellt waren.

    Ich finde das „hätte“ immer so müßig, das kann man immer sagen, wieso haben sie nicht umgedreht, wieso musste xy alleine fahren, wieso kann man bei der geringsten Lawinenstufe nicht zu Hause bleiben, wieso fährt man überhaupt Ski: Weil man es sich eben zutraut.
    Interessanter finde ich, dass man wohl eine Notübernachtung bei Minustemps ausrüstungstechnisch nicht erwartet hat (was ich grundsätzlich tue). Andererseits weiß man auch, dass zwischen Unglück/Notfall oft nur ein paar Meter sind. Sonst würden Einheimische in Finnland, nicht auch aus ähnlichen Gründen ihr Leben lassen. Da kommt das öfter vor: Kurz vorm rettenden Ziel aufgrund fehlender Sicht und Orientierung erfroren. Besonders ist hier doch eigentlich nur, dass die Gruppe so groß war.
    Das Tragische an jeder Erfahrung ist, dass man sie erst macht, nachdem man sie gebraucht hätte. F. W. Nietzsche

    Nordlicht bleibt Nordlicht und Tüdelkram is Tüdelkram.

  13. Anfänger im Forum

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    AW: Schwarzer Sonntag am Pigne d'Arolla (ausgelagert aus "Bergunfälle")

    Zitat Zitat von Becks Beitrag anzeigen
    Na endlich erkennen die Leute hier, dass das, was als Begründung für die Unschuld der Leute herangezogen wird, und auch de Messner als Begründung für die Unschuld des Führers heranzieht, der dicke Fehler war. Es war nicht erst als zum Biwak gerüstet wurde das Wetter schlecht. Die hatten zu dem Zeitpunkt schon mindestens 7 bis 8 Stunden Sturm und keine Sicht.

    Die 3.5h für den ersten Abschnitt hoch aufs Plateau, der normal 1.5h dauert, ist Beweis genug dafür, dass das Wetter mies war.

    Da gibt es keine Ausrede. Wenn sich die Tourdauer aufgrund des Wetters von 6 auf 12h verdoppelt, geht man nicht los/weiter wenn zudem noch eine Kaltfront angesagt ist. Überraschung, Überraschung....
    Nein,ich erkenne nur, dass hier immer noch Leute wild herumspekulieren ohne dabei gewesen zu sein, bzw. genauere Informationen zu haben.
    Und was Infos betrifft: Ich war - als Partnerin eines Bergretters - bei vielen Einsätzen (weil freiwilliger Dienst auf der Bergrettungshütte) dabei, - was nachher die Medien über ein Ereignis oder einen Unfall geschrieben haben, war meist haarsträubend und ging total an der Realität vorbei.
    Brauchbar waren einzig die nachträglichen Bulletins und Analysen der Bergrettung oder Lawinenwarndienste selbst.

  14. Moderator
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    Avatar von Becks
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    AW: Schwarzer Sonntag am Pigne d'Arolla (ausgelagert aus "Bergunfälle")

    Dann lass Dich mal aufklären. Dazu benötigt man nur: den Wetterbericht ein paar Tage davor, die Webcambilder von Arolla (mit Blick auf die Berge), die Routenbeschreibung sowie die aus dem Polizeibericht bekannten Eckdaten bezüglich Zeiten.

    Für die Route sind 5-6h bei Kleingruppen veranschlagt. Die Tour lässt sich so (und mit etwas Wissen) in grob drei Abschnitte unterteilen:
    1) Von der Des Dix zum Serpentine (3400)m - 1.5h
    2) Weiter zum Gipfel - 1.5h
    3) Abfahrt und Übergang zur Vignettes - 1.5h

    Da noch 30 Min für Pausen, Umbauen etc drauf und wird sind bei 5h, mit Luft/langsamer 6h Tourdauer. Bei Grossgruppen wird aus den 1.5h eher 2h, die sind langsamer. Somit brauchen solche Gruppen 6-7h für die Route.

    Die Gruppen starten bei guter Sicht, aber sicher schon bei gefallenem Barometerdruck (war bei mir an dem Tag der Fall um die Uhrzeit) in Richtung Vignettes. Unterwegs trübt es ein, die Sicht wird schlecht. Bei Windgeschwindigkeiten um die 60 km/h, ev. noch mehr sowie Null Sicht erreichen de Gruppen um 10 Uhr die Serpentine (Polizeibericht). Der Aufstieg wird hier bereits durch das schlechte Wetter ausgebremst.

    Zu dem Zeitpunkt sind wir in einem Bereich östlich davon, den die aus SW herannahende Front später erreicht und die somit wetterbegünstigt war, bereits bei Null Sicht und Sturmwinden längst auf 3200m umgedreht. Eine Stunde früher, 200m tiefer und in einer Zone mit besserem Wetter wohlgemerkt und auch noch etwas windgeschützter von der Exposition.

    Die Gruppen stellen fest, dass sie für die erste Etappe bereits doppelt so viel Zeit benötigt haben wie veranschlagt und so logisch auch die nachfolgende Etappen länger dauern werden und sie so in Gefahr laufen, in die angekündigte Kaltfront hineinzulaufen. Dennoch gehen sie weiter und garantiert nicht schneller als bisher.

    Um 11 Uhr haben sie so von der nächsten Etappe (regulär in Kleingruppen: 1.5h, in Grossgruppen 2h) nicht wie geplant die Hälfte der Strecke zurückgelegt und befinden sich auf grob 3600m im Aufstieg, sondern befinden sich knapp oberhalb des zweiten Aufschwungs auf 3500m (etwa 1/4 der zweiten Etappe). Auch hier ignorieren sie die Tatsache, doppelt so viel Zeit zu benötigen wie vorhergesehen. Es ist zudem klar, dass das Wetter schlechter und nicht besser wird. Bei uns am Susten war der Wind um 11 Uhr so stark, dass die Regentropfen kilometerweit nach Norden geschoben wurden und es so bei Sonnenschein aus dem blauen Himmel regnete. Die Wolken waren nicht mehr mit Konturen sondern komplett ausgefranst als graue Mauer im Süden - so sieht ein Sturm aus.

    Um 11 Uhr stehen die Leute also auf 3500m herum. Sie haben bis hierhin 600 Hm ab Hütte zurückgelegt und weniger als die Hälfte der Tour geschafft. Hierzu haben sie jedoch 5.5 Stunden benötigt. Es liegen weitere 300Hm Aufstieg im Sturm plus der Abstieg im Nebel vor ihnen und da dies garantiert nicht schneller geht werden sie für die Route etwa 12Stunden, wenn nicht mehr benötigen. Die Ankunftszeit auf der Vignettes beträgt so 18, eher 19 Uhr und liegt voll im Zeitraum wann die Kaltfront einschlägt. Es bleibt keinerlei Sicherheitspuffer bei der Zeit für weitere Probleme

    Dennoch kehrt man nicht um und geht den Weg zurück, wo man etwa 100-150Hm darunter in den Windschatten eines Nordhanges gelangen könnte, sondern steigt weiter auf und geht in unbekanntes Gelände.

    Gegen 14 Uhr, ich tendiere eher noch zu später, erreicht man den höchsten Punkt und sattelt bei mittlerweile brüllendem Sturm zum Abfahren um.

    Wie lange die Tortur dann die 600Hm zu P3270m, dem Biwakplatz, dauert ist unbekannt. Aber niemand schlägt um 15 oder 16 Uhr ein Biwak auf, wenn die Hütte gerade noch 500m Luftlinie entfernt ist.

    Zu dem Zeitpunkt ist es aber eh zu spät, denn eigentlich hätte man spätestens nach einer Stunde im Sturm um 11 Uhr erkennen müssen, dass der einzig sichere Weg der Abstieg ist.

    So etwas nennt sich ein Ablaufschema bzw. eine Tourgrobplanung und gehört zu den Grundinstrumenten am Berg. Deswegen hat man eine uhr mit Höhenmesser dabei, damit man seine reale Geschwindigkeit mit dem Soll vergleichen kann, und umdreht, wenn man zu langsam ist.
    Geändert von Becks (05.05.2018 um 09:14 Uhr)
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  15. Gesperrt Erfahren

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    AW: Schwarzer Sonntag am Pigne d'Arolla (ausgelagert aus "Bergunfälle")

    Mal ein Spruch aus der Pädagogik..ich kann's kaum tippen..uargh..es sind die Fragen, die einen weiterbringen, nicht die Antworten...uargh..triffts aber.

  16. Gerne im Forum

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    AW: Schwarzer Sonntag am Pigne d'Arolla (ausgelagert aus "Bergunfälle")

    Ich habe jetzt nicht alle 10 Seiten komplett durchgelesen, dennoch möchte ich sagen, dass es mich erschüttert, was man hier für wilde Spekulationen zu dem schrecklichen Vorfall liest, ohne in irgend einer Form dabei gewesen zu sein, oder die Wettersituation, bzw. die Situation allgemein am Unglücktag genau gekannt zu haben.

  17. Moderator
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    Avatar von Becks
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    AW: Schwarzer Sonntag am Pigne d'Arolla (ausgelagert aus "Bergunfälle")

    Zitat Zitat von Capricorn Beitrag anzeigen
    Ich habe jetzt nicht alle 10 Seiten komplett durchgelesen, dennoch möchte ich sagen, dass es mich erschüttert, was man hier für wilde Spekulationen zu dem schrecklichen Vorfall liest, ohne in irgend einer Form dabei gewesen zu sein, oder die Wettersituation, bzw. die Situation allgemein am Unglücktag genau gekannt zu haben.
    Dann lies mal die 10 Seiten durch und Du wirst feststellen: ich war an dem Wochenende auch unterwegs und bin auch in genau den gleichen Sturm reingerannt. Ich kann Webcambilder mit den Wolkenformationen analysieren und deuten und den Polizeibericht lesen, in dem ein paar Zeiten genannt wurden.

    Zurück:
    Für die Italiener ist die Grobplanung ein noch grösseres Fiasko. Sie wollen nach Süden zur Nacamuli. Nach Etappenabschnitt 1) und 2) kommt für diese Leute:

    3) Abfahrt auf dem Gletscher nach Süden bis auf 2900m - 1 Stunde in Kleingruppen, 1.5h als Grossgruppe
    4) Aufstieg auf den Col östlich davon 1h bzw. 1.5h
    5) Abfahrt zur Nacamuli - 30 bzw. 45 Minuten

    Macht für die Route Des Dix - Nacamuli bei Kleingruppen grob 6 Stunden, in Grossgruppen 8 Stunden. Wir verdoppeln die Zeit wieder und landen bei 16 Stunden Tourdauer und eine grobe Ankunftzeit von 22 Uhr(!).

    Das lässt sich um 10 Uhr bereits erahnen bzw. ausrechnen und bis 11 Uhr locker validieren. Um 11 Uhr kann man aber noch umdrehen. Sicher nicht bequem aber es geht.
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  18. Anfänger im Forum

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    AW: Schwarzer Sonntag am Pigne d'Arolla (ausgelagert aus "Bergunfälle")

    Zitat Zitat von Becks Beitrag anzeigen

    Die Gruppen stellen fest, dass sie für die erste Etappe bereits doppelt so viel Zeit benötigt haben wie veranschlagt und so logisch auch die nachfolgende Etappen länger dauern werden und sie so in Gefahr laufen, in die angekündigte Kaltfront hineinzulaufen. Dennoch gehen sie weiter und garantiert nicht schneller als bisher.
    Solche Aussagen fallen für mich in den Bereich des Kaffeesud lesens und sind rein fiktive Annahmen.

    Du brauchst mich auch nicht "aufzuklären", ich weiss, wie man Touren plant und auch wie man mit Gruppen und der entsprechenden Dynamik umgeht. Und ich weiss auch aufgrund meiner Jahrzehnte langen Erfahrung und aus persönlichen Erlebnissen, was alles - trotz sorgfältigster Planung - passieren kann. Auch mit erfahrenen Bergführern!

    Auch wenn du anscheinend selbst schon viel persönliche Erfahrung gesammelt hast, sind alle deine "Erklärungen" ziemlich hypothetisch und beantworten keine Fragen. Auch wenn das Wetter absehbar war, erklärt das noch nicht, weshalb hier so vieles schiefgelaufen ist und so tragisch geendet hat. Der Bergführer wird ja auch kein Trottel gewesen sein (so wie du ihn hier scheinbar darstellst) und es muß noch andere Gründe gegeben haben, die wir nicht wissen.

    Und was das "Wissen" betrifft, - du weisst ja zum Beispiel auch nicht, wie viele Berg-, Kletter-, Ski- und Hochtouren ich schon in meinem Leben gemacht habe (inkl. langen Skihochtourüberschreitungen), aber fühlst dich bemüßigt, mir deine Theorien im letzten Post wieder mal als unerschütterliche Tatsachen zu präsentieren, als wärst du der Einzige der das Unglück analysieren und durchschauen kann und wäre ich nicht fähig, selbst eins und eins zusammenzuzählen.

    So lang man nicht selbst dabei war, kann man eben nur mutmaßen. es kann aber auch alles ganz anders gewesen sein.
    Bewertungen und Beschuldigungen sind jedenfalls total fehl am Platz.

  19. Gerne im Forum

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    AW: Schwarzer Sonntag am Pigne d'Arolla (ausgelagert aus "Bergunfälle")

    Zitat Zitat von Becks Beitrag anzeigen
    Dann lies mal die 10 Seiten durch und Du wirst feststellen: ich war an dem Wochenende auch unterwegs und bin auch in genau den gleichen Sturm reingerannt. Ich kann Webcambilder mit den Wolkenformationen analysieren und deuten und den Polizeibericht lesen, in dem ein paar Zeiten genannt wurden.
    Genau mit solchen Aussagen beginnen doch die Spekulationen.
    Klar warst Du sicher an besagtem Tag unterwegs und hast das selbe Tiefdruckgebiet erlebt, dass möchte ich nicht abstreiten. Aber warst Du auch vor Ort, oder woanders unterwegs ?
    Das Wetter anhand von Webcambildern zu analysieren finde ich pers. schon sehr gewagt und die Zeiten im Polizeibericht sind allenfalls nur sehr grobe Anhaltspunkte.

  20. Fuchs
    Avatar von Nita
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    AW: Schwarzer Sonntag am Pigne d'Arolla (ausgelagert aus "Bergunfälle")

    Es wundert mich etwas, dass so viel über die Route, Umkehr usw. diskutiert wird. Die Menschen haben sich bestimmt darüber Gedanken gemacht, die Möglichkeiten abgewogen und auch die Wetterverschlechterung gesehen. Selbst wenn dabei Fehler geschehen sind, wahrscheinlich wie üblich eine ganze Kette von Fehlern, ist es meiner Meinung nach immer noch kein Todesurteil. Jeder von uns ist schon mal ins Schlechtwetter geraten!

    Wie kommt es allerdings dazu, dass 6 Personen eine Nacht bei -5...-10°C nicht überlebt haben? Warum ließen sie sich zwischen den Felsen nieder, anstatt so lange herum zu irren, bis sie genug Schnee zum Eingraben hätten? Warum liefen sie so lange, bis sie erschöpft waren und haben nicht bei noch ausreichender Verfassung ein Biwak eingerichtet?

    In meinen Augen ist es die alpine Mentalität, auf Biegen und Brechen zur Hütte zu kommen, die ihre traurige Rolle gespielt hat. Vor jeder Tour muss einem klar sein, dass, wenn es blöd läuft, eine Nacht draußen verbracht werden muss. Wenn man diese voraussichtlich nicht überlebt, muss so lange an Ausrüstung und Psyche getuned werden, bis sich das ändert. Outdoor-Basics!

    Angenehm ist ein ungeplanter Biwak gewiss nicht. Aber im Gegensatz zur Tragödie an Pigne d´Arolla auch keine russisch Roulette. Was wäre, hätte der Hüttenwirt nicht Alarm geschlagen?

    Und: Was haben die fünf "leicht unterkühlten" Personen anders gemacht als der Rest?

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