|
|
13.07.2008, 11:51
|
AW: [PT, ES] Drei Caminos und ein Vorspiel im Sand |
|
Mittwoch, 30. April 2008 Lauter Überraschungen
Etappe: Puente la Reina – Los Arcos
Tageskilometer: 42 Gesamtkilometer: 70
Unterkunft: „La Fuente - Casa de Austria” der Österreichischen Jakobusbruderschaft

Cirauqui, Kloster Irache
Nur der Widerhall meiner Schritte ist in der langen Gasse zu hören. Es sind tatsächlich nur meine Schritte, denn alle anderen sind schon weg. Die Gasse führt zur Brücke der Königin, über die Puente la Reina verlassen wird. Obwohl der Zeiger der Uhr die Sieben schon hinter sich gelassen hat, ist um diese Zeit von den Einheimischen noch nichts zu sehen. Die meisten werden noch im Bett liegen, was man von meinen Mitbewohnern in der Unterkunft nicht behaupten kann.
Die ersten waren schon vor 5 Uhr auf den Beinen, um nach geräuschvollem Packen ihres Rucksacks ihrem Tagesziel entgegen zu eilen. Nur, wo mag das liegen? Wenn ich mich gestern Abend nicht verhört habe, wollen die meisten bis Estella. Mein Gott, das kann doch nicht wahr sein, bis zu dem Städtchen am Rio Ega sind es keine 22 Kilometer. Wollen die alle zu den Öffnungszeiten der Geschäfte (meist zwischen 9 und 10 Uhr) schon da sein. Vermutlich habe ich zum ersten Mal den Start zum „Bettenrennen“ erlebt. Davon habe ich einiges gelesen, meist im klagenden, ablehnenden Ton. Die Front der Neinsager soll ja groß sein, aber eine Absage wegen Teilnehmermangel hat es noch nicht gegeben.
Nur, wo sind die Leute jetzt? Die müssten alle vor mir sein. Auf weiter Flur bin ich alleine unterwegs. Einzig ein halbes Dutzend Spargelstecher, die gegen den drohenden Sonnenaufgang um die Wette arbeiten, sind zu sehen, sonst weit und breit keine Menschenseele.
Das frühe Losgehen hat auch seine Vorteile. So früh am Morgen ist es noch schön kühl und die Erde sieht wie frisch gewaschen aus. Doch der Kraft der Sonne werden Tau und die kühle, frische Luft nicht lange widerstehen können. Immerhin ist das hier Spanien.
Trotzdem die Frage bleibt: Wo sind die vielen Pilger, Radfahrer, Wanderer, Urlauber? Immerhin waren die Herbergen in Puente la Reina fast voll, die wenigen Hostals angeblich auch. In Mañeru dann endlich zwei Franzosen im Schneckentempo. Auf dem schönen Weg, der durch die Wiesen und Weinberge nach Cirauqui hinauf führt, bin ich wieder alleine. An der Bäckerei im mittelalterlichen Städtchen werden Tische und Stühle in die wärmende Sonne geschoben; jedoch sitzt keiner meiner Kollegen von gestern Abend hier bei einem Kaffee. Der steile Aufstieg im Zickzack durch den Ort muss für ein kleines Wettrennen mit einer alten Frau herhalten. Beinahe hätte ich verloren, der Duft der warme Brote in ihrer Einkaufstasche hat zu sehr abgelenkt.
Aha, an der Brücke aus dem Mittelalter wieder ein Wanderer, kurz darauf noch jemand. In Lorca sitzen vier auf der Mauer vor der Dorfkirche und drei Holländer wollen schon jetzt in die Herberge (und werden abgewiesen). In Villatuerta überhole ich Maria mit ihrem Begleiter, die beinahe 3 Stunden vor mir gestartet sind. Viel mehr ist nicht. Es tröpfelt nur so vor sich hin, obwohl es Pilger regnen müsste. Sitzen die alle in den Bars bei Cafè con Leche und Bocadillo?
Noch vor Mittag bin ich in Estella. Nach einen kurzen Stadtrundgang bin ich der Meinung, dass das Städtchen so toll nicht ist, um den ganzen Nahmittag hier zu vertrödeln und ändere mein Tagesziel auf Villamayor de Monjardín am Fuß des 900 Meter hohen gleichnamigen Hügels. 
Die Weinquelle, Vor Los Arcos
Sogar am kostenlosen Weinbrunnen, der Brunnen wird vom Weingut des Klosters Irache unterhalten, bin ich alleine. Nun bin ich aber wirklich platt. Hier, wo der Wein in Strömen, in Wahrheit ist es noch nicht mal ein Rinnsal, aus der Wand fließt, an diesem Ort, zu dem alle wollen, von dem jeder erzählt, hier an dieser Wand, die Tag und Nacht von einer Webcam belästigt wird, also wirklich, hier ist niemand. Nur ich. Toll, ein kostenloser Weinbrunnen nur für mich! Klasse, ich trinke seit Jahren keinen Alkohol mehr. Nie, sogar dann nicht, wenn er kostenlos aus der Wand einer spanischen Weinkellerei rinnt. Aber auch an Menschen wie mich wurde gedacht, denn aus dem zweiten Hahn läuft kaltes Trinkwasser.
Kühl ist es auch in der mächtigen romanisch-gotischen Kirche des Klosters. Der Kirchenraum kommt ganz ohne Schmuck und Ornamente aus und beeindruckt deshalb umso mehr. Nur nackter unverputzter Stein, dessen Konturen, die dort, wo das Licht der kräftigen Mittagssonne hinfällt, hell aufleuchten. Doch in den schattigen Ecken ist es bitterkalt, da braucht es schon einen Rundgang durch den Kreuzgang in dessen Innenhof sich die Wärme staut, um die Gänsehaut zu vertreiben. Außer mir ist niemand im Kloster, nur ein junger Mönch der mich durchgewunken hat.
Es ist ein schöner und einsamer Weg bis Villamayor de Monjardín. Weil die Sonne unbedingt zeigen muss, zu welchen Leistungen sie im kommenden spanischen Sommer fähig sein wird, bin ich nach dem steilen Anstieg schweißgebadet und beschließe trotzdem mein heutiges Etappenziel noch mal zu ändern. Es ist erst 2 Uhr und das Höhenprofil in meinem Wanderführer verspricht für die nächsten 12 Kilometer bis Los Arcos einen einfachen Weg.
Hinter Villamayor de Monjardín ändert sich die Landschaft schlagartig. Ein breites, sanft gewelltes Tal nimmt den Camino auf. Durch wogende, um diese Jahreszeit noch saftig grüne Getreidefelder, geht es nach Westen. Es ist schön hier. Das Auge findet Halt an den Hängen der Hügel links und rechts des Weges und kann doch in die Ferne schweifen.
Hier sind dann endlich mehr Mitwanderer unterwegs. Viele sind es immer noch nicht, aber immerhin. Beim Kaffee, den ein geschäftstüchtiger Engländer aus seinem Wohnmobil raus verkauft, natürlich gegen Spende, er wird jedoch sauer, wenn die Spende zu niedrig ausfällt, machen sich einige Holländer Sorgen um den Schlafplatz für die Nacht. Deren Sorgen teile ich nicht. Woher sollen die Leute kommen, die mir das Bett streitig machen sollen?
Donnerwetter! Ich bekomme das letzte Bett in der „Casa de Austria“ in Los Arcos, und das auch nur, weil jemand seine Reservierung nicht wahrgenommen hat. Dann erlebe ich eines der Wunder des Caminos: Obwohl einem die Wege tagsüber oft alleine gehören, platzen am Abend die Refugios aus allen Nähten. Meine Begleiter von vorhin kannten das schon, denn die hatten das schon vor Pamplona erlebt. Nach der österreichischen Herberge ist die belgische dran. Als die wegen Überfüllung ihre Pforten schließt, werden die Pilger an die Hostals und Hotels weitergereicht. Ein Bus mit Touristen, die immer nur ein paar Kilometer des Weges gehen, verschärft die Situation zusätzlich. Wanderer die abends kommen müssen den Bus nach Logroño nehmen. Die Alternative wäre das Schlafen unter freiem Himmel.
Zu denen die den Bus nehmen müssen, gehört ein altes Ehepaar aus Norwegen, das ich vor Villamayor getroffen hatte. Die beiden sind mit ihren Nerven fertig. Morgen werden sie ihren Camino abbrechen. Beide sind schon über 70 und wollen sich das Wettrennen nicht zumuten.
Welch' eine Überraschung! Nun bin ich mittendrin im berühmten Bettenrennen. Oder sollte das hier die große Ausnahme gewesen sein und das Gerede ist nur Panikmache? Irgendwie werde ich den letzten Gedanken nicht los, denn in den Bus nach Logroño steigen noch keine 15 Rucksackträger. Die zehnfache Menge hat im Ort eine Unterkunft gefunden und bevölkert nun die Bars und Restaurants.
Donnerstag, 1. Mai 2008 Die Ellbogengesellschaft gibt sich ein Stelldichein
Etappe: Los Arcos - Logroño
Tageskilometer: 29 Gesamtkilometer: 99
Unterkunft: Albergue de Peregrinos de Logroño (Gemeindeherberge)
Sonnenaufgang hinter Los Arcos
Was für ein schöner Morgen. Wie ein lichter, kaum wahrnehmbarer Schleier liegt dünner Nebel auf dem Land und verhindert, dass die aufgehende Sonne die Landschaft in harten Konturen zeichnet. Noch ist alles ganz weich, unscharf gezeichnet. So könnte jeder Morgen anfangen. Offensichtlich bin nicht nur ich dieser Meinung. Immer wieder bleiben die Menschen stehen und schauen sich um, einige machen schon jetzt ihre erste Pause, um das Unwirkliche dieser frühen Stunde auszukosten. Am gemächlichen Aufstieg ins kleine Dorf Sansol hat die Sonne die Oberhand gewonnen. Klar und grün liegen die Felder vor uns.
Wortfetzen aus der halben Welt schwirren durch die Luft, denn an diesem Morgen sind viele unterwegs. Ein unaufhörlicher Strom zieht Richtung Logroño. Obwohl ich mich zur Nachhut rechne, bin ich von Menschen umgeben. Ohne Unterlass überhole ich Männer und Frauen; gelegentlich Einzelwanderer, dann wieder eine kleine Gruppe, sehr oft Paare. Meist sind es zwei Männer oder zwei Frauen, die sich gefunden haben. Gemischt sind wenige unterwegs, als ob der Camino einer Beziehung nicht gut tut. Vermutlich ist die Zusammensetzung aber nur Zufall. Ein paar Stunden weiter kann das wieder ganz anders aussehen.
An der kleinen achteckigen Kirche Santo Sepulcro in Torres del Rio rennen alle vorbei. Auch hier wieder unverputzter Stein mit wundervoller Steinmetzarbeit an Säulen und Kapitellen. Die Frau mit der Schlüsselgewalt knöpft mir einen Euro ab, drückt mir ein Faltblatt in die Hand, donnert krachend den Stempel in meinen Pilgerausweis und will mir was erzählen. Aus ist es mit der Ruhe und ich weg.
Mittags mache ich in Logroño vorzeitig Schluss. Ursprünglich wolle ich noch 2 bis 3 Stunden gehen, aber zum Einen stecken mir die 40 Kilometer von gestern in den Knochen und zum Anderen reiht sich vor der noch verschlossenen Herberge ein Rucksack neben den anderen. Kurzentschlossen stelle ich meinen ans Ende der Schlange und harre der Dinge die da kommen werden. Es geht locker zu, denn wir alle haben einen sicheren Schlafplatz und den ganzen Nachmittag Zeit für eine, wenn auch wenig aufregende Stadt. Mein Rucksack ist die Nummer 45 in der Reihe. Als die Herberge eine Stunde später öffnet, sind es schon 100. Die Gemeindeherberge hat jedoch nur 96 Betten. Schon sind die ersten hämischen Kommentare zu hören.
Später setzt sich das fort. Das Lockere, Entspannte von heute Mittag ist wie weggeblasen. Beim Wäschewaschen mokieren sich die Spanier über den Riesenandrang der Deutschen. Die wiederum hoffen, dass nach den Feiertagen die Spanier verschwunden sind, damit die „uns“ die Betten nicht wegnehmen. Ununterbrochen geht das so weiter. Meckern, Maulen, Besserwissen. Einigen Frauen für die wegen Überfüllung kein Platz mehr ist, werden sehr unschöne Kommentare nachgeschickt. Immerhin leise, aber ich sitze direkt daneben, und ich bin entgegen der Vermutungen meiner Banknachbarn kein Spanier. 
Sansol, Rucksäcke vor der Herberge in Logroño
Am nächsten Tisch sitzt eine Runde, die sich das Buch von Kerkeling vorgenommen hat. Da wird akribisch nach Fehlern gesucht, und natürlich auch gefunden. Dann wird bezweifelt ob der Komiker überhaupt auf dem Weg war, sogar seine Autorenschaft wird in Frage gestellt. Da sitzen sie, die Besserwisser und die Alleskönner, Männer, es sind tatsächlich nur Männer in meinen Alter, die sich kein X für ein U vormachen lassen und nichts Besseres zu tun haben, als sich endlos über ein Buch auszulassen. Himmel Gott noch mal. Ich bin auch kein Freund von der Schwarte, aber muss man sich wirklich ernsthaft darüber echauffieren? Das Buch beschreibt eine Wanderung, die vor sieben Jahren stattfand. Seitdem hat sich sehr viel geändert; und mit Sicherheit hat der Autor sich hier und da kleine schriftstellerische Freiheiten genommen.
Auf einer Bank im Schatten sitzen zwei junge Mädchen aus Korea und bewachen ihre Wäsche, die in der Sonne brutzelt. Ja, wirklich, aus Angst die könnte geklaut werden, werfen die ein Auge auf die paar Klamotten. Mädels, wer soll sich an Wäsche eurer Größe vergreifen?
Andere hecheln ihr Berufsleben rauf und runter und unweigerlich taucht die Frage nach dem Beruf des Gegenüber auf. Die Folge ist, dass lautstark der meist langweilige Arbeitsalltag erklärt wird. Heldentaten gegen den Chef machen die Runde und selbstverständlich sieht sich jeder als Leistungsträger, der die Firma am Laufen hält. Mann, Frau, könnt ihr nicht ohne die Arbeit?
Der Ölpreis, die Krankenkassen, die Politik, kurz, der ganze Alltag aus der Heimat haben viele unbemerkt mit in den Rucksack gesteckt. Hoffentlich bleibt der ganz Müll, jetzt wo er ausgepackt ist, auch hier zurück.
Das Pflegen der Vorurteile feiert fröhliche Urstände, denn am nächsten Tisch wird mal wieder auf die Spanier eingedroschen, verbal, was sonst. Was haben die denn hier zu suchen? Und überhaupt, wo die auftauchen ist es immer laut. Die feiern bis nach Mitternacht; und viel schlimmer, die halten sich gegenseitig die Betten frei.
Dafür stehen die Deutschen viel zu früh auf, sind zu laut (immerhin eine Gemeinsamkeit), zu diszipliniert und nehmen uns Spaniern die Betten weg, höre ich von der anderen Seite. Auch Spanier können sich endlos über ihre Nachbarn auslassen.
Dass ist das große, alles verbindende Thema, der angebliche Mangel an Betten. Vermutlich ist das auch die Ursache für die schlechte Laune. Der größte anzunehmende Unfall der einem Pilger der Gegenwart zustoßen kann, ist, dass er kein Bett in einer Herberge bekommt. Hotels, Hostals, Pensionen? Nä, auf keinen Fall, da schläft man als Pilger nicht! Warum eigentlich nicht? Und eine Nacht unter freiem Himmel? Bloß nicht drüber nachdenken. Überwiegend sind hier Leute unterwegs, die das kleine Abenteuer suchen. Aber bitte mit Rückversicherung, wie beim Pauschalurlaub. Das geht so weit, dass gar nicht mal so wenige am nächsten Tag den Bus nehmen wollen, um den Weg aus der Stadt raus zu überbrücken; und wenn es warm wird kann man ja auch die halbe Etappe mit dem Bus fahren. Damit wäre dann auch gesichert, schon am Mittag ein Bett zu bekommen.
Einfach aufs Geradewohl loslaufen und sich vom Tag überraschen lassen, dass können die Wenigsten. Der gestrige Abend in Los Arcos, wo die Herbergen schnell überfüllt waren, hat seine Spuren hinterlassen. Niemand gönnt seinem Nächsten ein Bett. Wer früh in der Herberge ist, wird schon mal pauschal als Bus- oder Taxifahrer verdächtigt.
Die Herberge hat einen schönen Innenhof, in dem man entspannen oder neue Menschen kennenlernen könnte. Vermutlich sind viele nette Menschen im Haus untergebracht, nur ich habe das Pech, dass die im Augenblick nicht da sind, wo ich gerade bin. Oder bin ich mal wieder nur auf das Negative fixiert? Will ich unbedingt meine Vorurteile über den Camino francés bestätigt sehen?
Beim Einschlafen in einem mal wieder völlig gegen die frische Nachtluft verriegelten Schlafsaal fällt mir auf, dass ich seitdem ich den Rucksack aufs Bett geworfen habe, mit niemanden geredet habe.
Freitag, 2. Mai 2008 Wer redet kommt auch ans Ziel
Etappe: Logroño - Azofra
Tageskilometer: 38 Gesamtkilometer: 137
Unterkunft: Albergue de Peregrinos de Municipal de Azofra (Gemeindeherberge)
 
Friedhofsportal in Navarrete, Gegensätze, Altstadt Nájera
Mit dem Menschenauflauf werde ich mich abfinden müssen. Weil ich auch heute wieder zu den Letzten gehöre, die sich auf den Weg machen, werde ich vermutlich viele auf dem Weg wiedersehen, denn alle sind vor mir.
Einige Punkte sprechen eindeutig dafür: Mein Wandertempo ist viel höher und ich mache nur eine Pause – wenn’s sein muss auch mal eine zweite. Die große Masse bewegt sich im mehr oder weniger gleichen Tempo, macht auch öfter am Tag Pause beim obligatorische Café con Leche, trifft also überhaupt nicht auf die große Masse und wundert sich nachmittags wo die Leute alle herkommen.
Am Stadtrand höre ich mit dem Zählen auf, das bringt nichts. Dreißig sind es bis hierher schon. Ein Ehepaar aus Norddeutschland schüttelt auch nur den Kopf und wir haben für ein paar Minuten Gesprächsstoff. Später hält ein Österreicher einige Meter mit, abgelöst wird er von einem französischen Ehepaar. Die übliche Frage nach dem Woher, damit ist sowohl das Heimatland, der Startpunkt der Wanderung sowie der heutige Start gemeint. Das scheinen die Standardfragen zu sein. Fragen, von denen man sich einfangen lassen kann, auf die vielleicht ein längeres Gespräch folgt. Anderseits sind diese Fragen so selbstverständlich, dass man nach kurzer Antwort weiterziehen kann ohne den Gegenüber zu verletzen.
Zusammen mit einer Norwegerin wundere ich mich über das Portal, das uns den Zugang zum Friedhof von Navarette versperrt. Viel zu groß und viel zu aufwändig für einen kleinen Friedhof. Eine spanische Mitwanderin klärt uns auf. Das ist das ehemalige Portal des Pilgerhospitals von San Juan de Acre. Wir hätten auch in unsere Bücher schauen können, aber wenn’s einem so nett erklärt wird ... wofür hat man denn Mitpilger.
Auf einigen Strecken treten sich die Menschen fast in die Hacken, auf anderen sieht man weit und breit niemanden. Eine junge Koreanerin wird überholt. Langsam, mürrisch, trotzig schlappt sie dahin. Kein Gruß, nichts. Junge ist die schlecht gelaunt. Die gehört bestimmt zu der koreanischen Schulklasse, die auf dem Weg sein soll. Laut Gerüchteküche gehen die Schüler auf eigene Faust, nur jeweils ein Lehrer und eine Lehrerin halten die lockeren Zügel.
Gerüchte! Was man nicht alles erfährt, wenn man mit den Menschen redet. Jemand erzählt, dass sich der Umweg über Ventosa lohnt. Nun dann, einfach mal nachschauen. Ventosa ist wie alle Dörfer hier: Klein, ein Dorfplatz, ein Brunnen, ein paar Sträßchen, auch die Bar fehlt nicht und eine Herberge. Lohnenswert? Keine Ahnung, jedenfalls eine Abwechslung zur monotonen Staubpiste neben der Nationalstraße.
Als ich wieder auf die Hauptroute stoße, laufe ich Hermann über den Weg. Hermann kommt aus dem Allgäu, ist über dreißig, oder auch nicht, schafft in einem Krankenhaus, ist begeisterter Hobbygärtner, macht „so etwas“ zum ersten Mal und hat sich auf bemerkenswerte Weise auf den Weg vorbereitet. Hermann hat seinen Garten mit der Hand umgegraben, schließlich gibt das Muskeln an Schulter und Rücken.
Hermann passt. Er ist der Typ von denen die Welt mehr braucht. Hermann gehört zu den Menschen, die die Welt völlig locker sehen. Er hat nur ein Problem, Hermann baut Spargel im Allgäu an, und darüber macht er sich einen Kopp. Denn damit gehört er einer Minderheit an. Seine größte Sorge gehört dem Spargel, zur Erntezeit wird er nicht in seinem Garten sein. Andere Sorgen treiben ihn im Augenblick nicht um. 
Vor Azofra, Notunterkunft in Azofra
Das er in Los Arcos seinen Personalausweis verloren und nur dank eines aufmerksamen Einwohners wiederbekommen hat, nimmt er als gottgegeben hin; ebenso, dass er sein Credencial, den Pilgerausweis ohne den er kein Bett in einer Herberge bekommt, weg ist, stört ihn nicht. Irgendwie hat er erfahren, dass sein Ausweis in der Herberge von Logroño sein soll. Das stimmte schon, weil er aber einen Tag zu spät ist, hat die Finderin Hermans Pilgerausweis mitgenommen und will den in Nájera in der dortigen Herberge zurück lassen. Hermann ist also auf dem Weg nach Nájera, genau wie ich.
Immerhin kann das Städtchen am Fluss Najerilla neben einer kleinen Altstadt mit einem sehenswerten Kloster aufwarten. Beides will ich mir ansehen. Für einen Nachmittag wird’s schon reichen.
Auf der Brücke ändere ich mal wieder meine Planung. Es geht weiter nach Azofra, denn die Unterkunft hier öffnet erst um 16 Uhr. Wohin mit dem Rucksack? Vor der Herberge lassen, oder während der Besichtigung mitschleppen? Beides passt mir nicht. Na dann eben weiter. Hermann muss zur Herberge, um dort seinen Pilgerausweis abzuholen. Schade, er ist ein netter Kerl.
In der Altstadt findet ein historischer Markt statt. Klasse, ich dachte schon ich müsste bis Azofra hungern. Das Kloster ist leider verrammelt. Warum überrascht mich das schon nicht mehr? Vermutlich, weil beinahe jede Kirche und Kapelle hier verschlossen ist. Für einen Pilgerweg ist das schon seltsam.
Nicht nur die Landschaft ändert sich nach dem Aufstieg, der aus der Stadt rausführt, plötzlich bin ich alleine unterwegs. Nicht ganz, aber fast. Mal wieder eine Koreanerin, auch die ist in einem eigentümlichen Trott unterwegs. Immerhin grüßt sie zurück, wenn auch mürrisch. Die letzte halbe Stunde bleibe ich bei einem Spanier hängen. Schweigend, sogar träumend, so kommt es ihm vor, ziehen wir durchs hügelige Ackerland. Der Blick über die Weinreben bis zu den mehr als 2.000 Meter hohen schneebedeckten Bergen, die aus der kastilischen Hochebene ragen, ist genug Unterhaltung.
Um 2 Uhr sind wir da. Verwundert stelle ich fest, dass ich 38 Kilometer ohne Pause gegangen bin, ich das letzte freie Bett im Ausweichquartier bekomme und das einige Leute, die gestern in Logroño waren, vor mir eingetroffen sind. Sie sind einen großen Teil der Strecke mit dem Bus gefahren. Immerhin machen sie kein Geheimnis draus. Der moderne Pilger fährt halt gelegentlich Bus. Warum nicht, mir ist’s egal.
Wir sind zu zehn in der ehemaligen Schule, die als Ausweichquartier dient. Wir, das sind ein
paar Deutsche, eine Holländerin, ein Ire und ein Südkoreaner. Zusammen mit meinen Landsleuten sitze ich abends beim Pilgermenu und quatsche über die Arbeit, die Politik, den Ölpreis und den Müll, den man aus der Heimat mitschleppt. Hermann ist auch da und endlich hat er seinen Pilgerausweis wieder. Vermutlich hat er nie daran gezweifelt.
Angekommen? Noch nicht ganz, aber es wird.
Geändert von Werner Hohn (20.05.2010 um 12:43 Uhr).
Grund: So, die letzten (?) Fehler sind raus und 1 Bild neu hochgeladen
|