Leitfaden für Anfänger: Wandern und Bergsteigen in den Alpen

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„Geht´s raus, spielt´s Fußball“. So haben alle angefangen. So schwer ist die Sache mit dem Ball schließlich nicht. Mit genug Übung und wachsender Erfahrung verbessert sich nicht nur die Ballbeherrschung, auch das Wissen, was möglich ist und was nicht, kommt dazu. Die Parallelen zum Wandern und Bergsteigen? Viele, man muss nur das Wort „Fußball“ austauschen.

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Vorwort

Wandern und Bergsteigen in den Alpen lernt und trainiert man am allerbesten durch Wandern und Bergsteigen in den Alpen!

Das Wetter

Bis weit in den Frühsommer muss der Wanderer damit rechnen, auf Altschneereste und Schneefelder zu treffen. Das ist sogar in Gebieten unter 2000 m möglich, und zwar vor allem an Nordseiten oder in Geländeeinschnitten. An diesen Stellen ist erhöhte Aufmerksamkeit wichtig. Zu leichtes Schuhwerk kann den Abbruch der Wanderung notwendig machen oder zu schweren Unfällen führen.

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Im (Hoch-) Sommer ist das Wetter trügerisch. Hier kommt es im Gebirge im Laufe des Nachmittags regelmäßig zu Wärmegewittern. Daher ist es sehr wichtig, seine Touren so zu planen, dass man entweder schon wieder daheim ist, wenn das Gewitter beginnt oder man sich Nachmittags bereits in tieferen Regionen befindet, um dem Gewitter nicht an exponierter Stelle begegnen zu müssen. Ein Blitzeinschlag im Gipfelnähe kann tödlich enden. Auch mit plötzlichen Wintereinbrüchen oder mit Nebel sollte im Hochsommer gerechnet werden.


Je später im Jahr, desto stabiler ist die Wetterlage normalerweise, allerdings werden die Tage rapide „kürzer“ und die Temperatur fällt deutlich ab, sobald die Sonne sinkt.


Daher ist es unabdingbar, vor jeder Wanderung die aktuellen Wettervorhersagen zu studieren und sich über die Verhältnisse vor Ort zu informieren.

Der Prozess der Vorbereitung

Wer mit dem Bergwandern beginnt, sollte sich nicht gezielt auf „eine Tour“ vorbereiten, sondern klein beginnen und sich langsam steigern. Bergwandern sollte als ein Prozess verstanden werden, der den Übergang vom talnahen Wandern zum Bergsteigen in höherem, felsigem, ausgesetztem Gelände schleichend vollzieht. Je nachdem auf welcher Höhe der Wanderer seinen Wohnsitz hat, kann auch eine einfache Wanderung mit wenigen Höhenmetern beim Saisonstart schon „ordentlich auf die Pumpe gehen“.

Daher ist es empfehlenswert, seine Ansprüche und die daraus resultierenden Anforderungen nur schrittweise zu erhöhen.

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Anforderungen

Generell gibt es bei Bergtouren (im Groben) 3 Schwierigkeiten:

  • Höhenmeter
  • Technische Anforderungen
  • Meereshöhe

Zum Steigern der Anforderungen sollte man jeweils nur eine der genannten Schwierigkeiten von Tour zu Tour erhöhen, damit man sich nicht überfordert. Also entweder die Höhenmeter, die Schwierigkeit oder die generelle Höhe. Hierzu ein Beispiel: Wer im Bereich zwischen 1000 Meter und 2000 Meter Höhe 600 Höhenmeter in der Stunde schafft, wird erstaunt sein, wie langsam er plötzlich zwischen 3000 Meter und 4000 Meter wird, wenn er 600 Höhemeter aufsteigt.

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Training

Sehr sinnvoll ist es – wenn man die Möglichkeit dazu hat – sich eine Art Hausrunde aus zu suchen, bei der man seine Fertigkeiten trainieren, testen und überprüfen kann.

Testbereiche können sein:

a) Bei gleicher Runde und gleicher Ausrüstung die Zeit verbessern.

b) Mehrere kleine Pausen ausprobieren statt seltenere, längere Pausen zu machen.

c) Ein Trinksystem nutzen, das die Flüssigkeitszufuhr während des Wanderns gewährleistet oder Trinkpausen machen, bei denen man den Rucksack absetzt und in Ruhe einen Riegel isst.

d) Stöcke einsetzen oder ohne Stöcke gehen.

e) Wegstellen mit einigen wenigen großen Schritten überwinden oder viele kleinen „Trippelschritte“ machen.

f) Ein kleines Stück links und rechts vom ausgetretenen Pfad seine Füße auf kleinere Absätze zu stellen, um ein Gefühl und ein Vertrauen in die Griffigkeit seiner Schuhe zu bekommen.

g) Verschiedenen Bekleidungen ausprobieren. Zum Beispiel kann die Hose, die im Herbst ideal ist, im Hochsommer wie ein nasser Schwamm am Körper anliegen, wenn kaum Wind geht und die Außentemperatur über 30 Grad liegt.

Planung von einzelnen Touren

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Schwierigkeitsgrad

Hat man sich eine Tour rausgesucht, ist es wichtig, den Schwierigkeitsgrad heraus zu finden. Ist man sich nicht sicher, wie die Anforderungen der Tour einzuschätzen sind, sollte man im Internet oder in gedruckten Führern nachschauen, ob der Autor schon einmal eine Tour beschrieben hat, die man bereits kennt. Damit kann man dessen Einschätzung relativ gut einordnen und erkennt, was er mit „schwindelerregend“, „leicht und locker“ oder „traumhaft“ meint. Leider gehen da die einzelnen Meinungen stark auseinander, so dass man sich nicht allein auf eine Quelle verlassen sollte.

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Wettercheck

Im Vorfeld einer Bergtour ist es das Allerwichtigste, den Wetterbericht zu checken. Dazu gehört sowohl der Gebietsbericht, als auch die Großwetterlage. Wichtig ist auch, zu überprüfen, wie das Wetter in den letzten Tagen VOR der Tour war. Gab es in den Tagen zuvor Schneefälle oder starke Regenfälle, kann so mancher Weg noch Tage später unbegehbar sein oder aus einem normalerweise harmlosen Pfad über einen Grasbuckel eine tückische Rutschbahn werden.

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Karten

Ist der Wetter- und Anreisecheck erfolgt, ist es wichtig, sich Kartenmaterial zu besorgen. Auch weiterführende Infos über das Zielgebiet sind wichtig. Hier können das Internet, der Buchhandel oder die Touristeninformationen weiter helfen.


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Ausrüstung

Je nach Wetterlage, Gelände und Anspruch der Tour muss die passende Bekleidung ausgesucht und die Ausrüstung zusammengestellt werden. Wichtig ist dabei, im Vorfeld die Funktionstüchtigkeit der Ausrüstung zu überprüfen. Besondere Schwachstellen sind: Reissverschlüsse, Schuhbänder, Stockschlaufen und -spitzen und die Dichtungen an den Thermoskannen. Auch die Trinkflaschen oder Trinkblasen sollten auf ihre Funktion oder auf Schäden überprüft werden


Anreise

Wer aus dem Norden in Richtung Alpen anreist, sollte immer im Hinterkopf haben, dass es auf fast allen Reiserouten Richtung Süden am Wochenende zu langen Staus kommen wird. Daher sollte für die Anreise genug Zeit eingeplant werden, damit man nicht in Versuchung gerät, die verlorene Stunde durch „Rennen“ wieder herein zu holen. Daher ist es vernünftig, immer eine Alternativtour zu planen. Ist es absehbar, dass man statt um 7 Uhr erst um 9 Uhr am Startpunkt ist, sollte die kürzere Alternativtour gewählt werden. Immer daran denken: Die Berge laufen nicht weg!!

Richtiges „Berggehen“

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Das richtige Berggehen ist ein weites Feld. Eine Beschreibung ist sehr schwierig. Berggehen ist ein bisschen wie Autofahren. Man bekommt zwar in der Fahrschule gezeigt, wie die Regeln sind und was man nicht machen soll, aber lernen kann man das Autofahren einfach nur durch das TUN. Genauso ist es beim Berggehen auch. Den größten Erfolg und Genuss wird man haben. wenn man sich in den Bergen einfach die Zeit nimmt und geht und geht, geht und geht.

Mit jeder Tour wird man ganz unmerklich weiter kommen und sich weniger Gedanken über eventuelle Schwierigkeiten des Weges machen. Bald wird man ganz automatisch an Stellen, an denen ein Seil läuft, ein Gefühl dafür bekommen, ob es notwendig ist, überhaupt hin zu langen. Oder man wird instinktiv wissen, ob man die Stöcke am Rucksack verstaut oder einfach nur in eine Hand nimmt. Man kann einschätzen, wie lange man noch bis zum Gipfel braucht, wenn man ihn von weiter unten aus sieht. Und man erkennt, was die Zeitangabe: „1,5h bis zur Preissnalm“ in Wahrheit bedeutet.

Auch die Selbsteinschätzung wird mit der Zeit besser. Man weiß, ob die Erschöpfung, die man gerade fühlt, ein kurzes Tief ist, welches nach einer kleinen Pause wieder weg ist, oder ob man wirklich so erschöpft ist, dass man sich langsam aber sicher nach einer Alternativlösung umschauen muss.

Ausrüstung = „Must Haves“

Im Gebirge kann es sehr schnell sehr unangenehm werden. In einem Bergrucksack soll(t)en sich deshalb immer folgende Dinge befinden

  • Mütze
  • Handschuhe (auch sehr sinnvoll bei alten Seilsicherungen, bei denen das Seil gesplisst ist)
  • Erste Hilfe Set mit einem kleinem Biwaksack bzw. einer Rettungsdecke
  • Kartenmaterial
  • Handy mit geladenem Akku
  • Ein, zwei Schokoriegel o.ä., die irgendwo im Rucksack verstaut sind und immer dabei sein sollten. Sie müssen nicht schmecken, sondern liefern satte 300 kcal, wenn es darauf ankommt.
  • Ausreichend Trinkwasser. Auch wenn man es nicht unbedingt trinken muss: Kommt man an einem Bächlein vorbei, ist es auf jeden Fall sinnvoll, eine bereits leere Trinkflasche aufzufüllen, um einfach nochmal einen Liter Wasser dabei zu haben. Lieber kippt man das Wasser am Abend hinter's Auto, als im Falle eines Falles ohne Wasser da zu stehen.

Allgemeine Hinweise

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Zum Thema "Aua"

Es ist vollkommen normal, dass einem auf den ersten Touren im Jahr alles weh tut. Auch nach recht langen, weiten oder schnellen Touren weiß man noch Tage später, was man gemacht hat. So ist die eine oder andere Blase an den Füßen vollkommen normal und bedeutet nicht, dass man sich das fünfte Paar Schuhe kaufen muss. Hat sich der Fuß einmal an den Schuh angepasst, wird man an der Stelle auch so schnell nichts mehr bekommen.


Auch die sogenannten „Knieschwammerl“ nach 4 Stunden Abstieg sind kein Grund zur Sorge und müssen nicht zur Folge haben, dass man bei seiner DAV Sektion den Grundkurs „bergab“ noch einmal neu belegen muss ;-). Denn die beim Bergabgehen beteiligten Muskeln können weder durch Joggen, Radfahren oder andere Sportarten trainiert werden, sondern nur durch das Absteigen. Aus diesem Grund ist es auch sehr wichtig, Touren nicht nur hinsichtlich der Höhenmeter im Aufstieg, sondern auch der Höhenmeter im Abstieg zu bewerten. Ein schönes Stichwort ist in diesem Zusammenhang die Watzmannüberschreitung: Wer die Kilometer durch das Wimmbachgriess schon einmal heimgewackelt ist, weiss ein Lied davon zu singen.


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Netiquette:

Die Ostalpen sind infrastrukturell sehr gut erschlossen. Das bedeutet, dass der Weg zu einer Hütte meist nicht allzu weit ist. Die Karte zeigt die Hütten an und sollte dahingehend studiert werden. Daher ist es weder ratsam, noch sinnvoll, geschweige denn erlaubt, GEPLANT zu biwakieren!! Ein Biwak ist ausschließlich dem Notfall vorbehalten. Hier sollten die Schutzregeln für die Natur über den persönlichen Vorlieben stehen. Die Wege in den Ostalpen sind normalerweise sehr gut markiert und an den entscheidenden Stellen gesichert.

Auf den normalen Routen ist man seltenst alleine und der Bergsteiger als solcher ist ein rücksichtsvoller, hilfsbereiter, höflicher und freundlicher Zeitgenosse. Deshalb wird ab ca. 1 Stunde vom Tal bzw. der Seilbahnstation entfernt freundlich gegrüßt und man ist per Du.


Vorfahrtsregelung

Bezüglich einer Vorfahrtregelung gibt es leider, im Gegensatz zur StVO, keine Vorschrift. Sinnvoll ist diese Herangehensweise: Der Bergsteiger, der von unten kommt, entscheidet:

  • Möchte er stehen bleiben um den Entgegenkommenden vorbei zu lassen
  • Möchte er sein Tempo weitergehen

Für den, der von oben kommt, ist es deutlich einfacher, kurz inne zu halten, um dann wieder Fahrt aufzunehmen, als andersherum!

Familien mit Kindern, und vor allem gerade Väter mit Kleinkindern in Kraxen, haben IMMER Vorfahrt bzw. das Recht der Entscheidung!

Wichtig beim "Entgegenkommen" an engen Stellen:

Man dreht sich zueinender, d.h. Gesicht zu Gesicht.

Dass verhindert zum einen dass sich die Rucksäcke verhackeln , zum anderen benötigt man dann nur "halb" so viel Platz.


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Erfahrungswerte und nützliche Tipps

1.) Abkürzungen bringen NICHTS, aber auch gar nichts! In 95 Prozent aller Fälle sind Abkürzungen Zeitfresser und erhöhen – gerade bergab – das Risiko, sich auf den Hintern zu setzen.

2.) Bergauf ist es erheblich anstrengender, 10 Meter steilst hinauf zu gehen, als den ZickZack auszugehen.

3.) Bei sogenanntem „Kaiserwetter“ am Wochenende muss man oftmals eine sehr großes Zeitpolster einplanen, da man schlichtweg an verschiedenen Stellen des Weges im Stau stehen wird. Deshalb sollte man „Paradetouren“ lieber unter der Woche planen und dafür einen Tag Urlaub nehmen.

4.) Bergwanderungen, die in Führern als einfache Wanderung eingestuft werden, kann man im Frühjahr – natürlich nur bei sicheren Wetter- und Lawinenverhältnissen – sehr gut als Trainingstouren für „höhere“ Aufgaben, also Touren auf großer Höhe, nutzen.

5.) Sehr viele Bergfahrten lassen sich in Verbindung mit dem Fahrrad einfacher, schneller und knieschonender erledigen.

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Schlussbemerkung:

Ansonsten ist es so wie in der ersten Zeile:

Geht’s raus. Geht’s wandern. Der Rest kommt zu 90 % von alleine!!

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