[GB] Schottland: Knoydart - Glen Affric - Thieves' Road

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  • Borderli
    Fuchs
    • 08.02.2009
    • 1705

    • Meine Reisen

    [GB] Schottland: Knoydart - Glen Affric - Thieves' Road

    Tourentyp
    Lat
    Lon
    Mitreisende
    Land: [GB]
    Reisezeit: Mai 2010
    Region/Kontinent: Mitteleuropa

    Nach drei Wochen Wandern und Zelten in Schottland bin ich wieder daheim. Das Zelt trocknet auf dem Wäschegestell vor sich hin (bei diesem schönen Regen ist das besser so), der erste Arbeitstag liegt auch hinter mir, aber irgendwie bin ich noch nicht so richtig angekommen.
    Ich werde den Reisebericht häppchenweise einstellen, je nachdem wie ich gerade mit dem Sortieren der Fotos vorankomme. Den Entwurf des Berichts habe ich nach Abschluss der Tour (letzten Mittwoch) in verschiedenen Coffeeshops, im Pub und im Zelt geschrieben. Ich habe nach dem ersten Pint Cider immer aufgehört zu schreiben...



    Knoydart, Glen Affric, Thieves’ Road

    Knoydart - vor dieser Tour habe ich einen gewissen Respekt. Ich lese einiges darüber; da kommen immer wieder Begriffe wie „weglos“, „boggy“, „last wilderness“ vor. Das wird sicherlich eine Nummer größer als die beiden Touren letztes Jahr. Dennoch: die Planung läuft. Wie selbstverständlich schließt sich eine Route von Shiel Bridge durchs Glen Affric nach Cannich an. Dann kommt der Vorschlag von Nic, mein Zelt, meinen Rucksack und mich in Cannich einzusammeln und gemeinsam die Gegend um die Culra bothy unsicher zu machen. Logisch, dass danach Loch Ossian und Glen Nevis auf das Programm kommen. Damit wäre der Kreis (fast) geschlossen.

    Doch die Frage bleibt: Schaffe ich das alles? So rein physisch gesehen? Durch die langwierigen Rückenprobleme im Frühjahr konnte ich nicht trainieren, und der Rucksack wird schwer dieses Mal. Wegen der winterlichen Bedingungen nehme ich entsprechende Kleidung mit, dazu die komplette Verpflegung von Glenfinnan bis nach Shiel Bridge.

    Letztlich gehe ich mit „Plan A, B, C und D“ los und sehe mal, wie weit ich komme.

    Jetzt sitze ich hier in der Nevis Bar bei einem wohlverdienten Cider, sichte meine Notizen, und lasse die beiden letzten Wochen noch mal an mir vorbeiziehen. Es war einmalig schön. An fast jedem Tag gab es Situationen, in denen ich mir die altbekannten Fragen stellte: „Was mache ich hier eigentlich?“, „Warum tue ich mir das an?“, und „Wird der ganze Urlaub so?“. Aber am Ende eines jeden Tages war ich zufrieden, entspannt, glücklich. Dieses „tiefenentspannte“, „entschleunigte“ Gefühl wird lange anhalten.


    Sonntag, 09.05.2010 - Anreise -

    Morgens früh geht mein erster Weg an den Computer. Was macht „Die Wolke“? BBC meldet, dass die Airports auf den Western Isles, Orkney und in Inverness geschlossen sind. Die Wolke ziehe nach Südosten. Lufthansa meldet für meinen Flug noch „planmäßig“. Das ungute Gefühl im Bauch bleibt.

    Vor dem Urlaub liegt noch eine andere Hürde; diese ist allerdings berechenbarer als die Aschewolke: Die Konfirmation meiner Nichte. Erwähnte ich schon meine Abneigung gegen größere Verwandtschaftsaufläufe? Pünktlich zum Mittagessen treffen wir im gebuchten Lokal ein. Gegen 14.00 Uhr rufe ich die Service-Nummer von Lufthansa an; der Flug ist nach wie vor „planmäßig“. Eine halbe Stunde später setze ich mich ab. Ich ziehe mich um, tausche den feinen Zwirn gegen das Trekkingoutfit. Schon sehe ich Unverständnis auf den Gesichtern einiger Gäste. Ist die verrückt oder was?

    Mr. Borderli bringt mich zum Flughafen Frankfurt. Einchecken, Rucksack abgeben. 18kg - das wird eine üble Schlepperei werden. Ich sitze dann am Gate und warte. Auf dem Bildschirm erscheint die Meldung, dass der Flughafen München geschlossen ist. Mein Flug wird als verspätet gemeldet. Die Frage des Tages: Fliegen wir los, bevor der Luftraum über Frankfurt oder Edinburgh gesperrt wird? Es bleibt spannend. Dann, endlich, Aufruf zum boarding. Abflug, Landung in Edinburgh. Der Urlaub kann beginnen!

    Ich nehme den Bus vom Airport zur Waverley Bridge und laufe dann zum SYHA-Hostel. Im Schlafsaal angekommen, räume ich den Rucksack komplett aus und wieder ein, dusche, und trinke noch etwas im Coffee-Shop. Das Konfirmations-Mittagessen liegt mir schwer im Magen, ich habe keinen Hunger. Ich bin früh in der Kiste, bin hundemüde. Der Schlafsaal ist nur mit drei Personen belegt, die Nacht ist ruhig.


    Montag, 10.05.2010 - Das Abenteuer beginnt -

    Ich stehe früh auf. Ohne Frühstück laufe ich zum Busbahnhof. Mein Rucksack und ich, wir sind noch keine Freunde. Wie soll das erst in den nächsten Tagen werden?

    Der Bus nach Glasgow geht um 7.30 Uhr. In der Buchanan Bus Station habe ich Zeit für einen Kaffee. Ich setze vorsichtig die Tasse auf einer Wartebank ab, den Rucksack auf dem Boden, und höre ein dezentes „Pling!“. Was ist denn jetzt kaputt? Ah, die Armbanduhr. Kurz vor der Abreise habe ich ein neues Band anbringen lassen; dieses wurde offensichtlich nicht richtig befestigt. Ich sammele die Einzelteile ein; die Uhr selbst hat zum Glück keinen Schaden genommen. Dieses „Pling“ sollte sich als eine der besten Voraussetzungen für einen entspannten Urlaub herausstellen. Trage ich die Uhr in der Jackentasche, ist die Jacke auf dem Rucksack festgeschnallt. Trage ich sie in der Hosentasche, habe ich regelmäßig die Regenhose darüber. Dieses „zeitlose“ Wandern hat was.

    Zurück zum Thema. Um 10.00 Uhr geht der Bus nach Fort William. Rucksack ins Gepäckfach, ich in den Bus. Es ist immer wieder schön, die vertraute Landschaft zu sehen. Die A82 ist mit Baustellen gepflastert, die Fahrt zieht sich. Mit Verspätung erreichen wir Fort William. Noch eine halbe Stunde Zeit, um Gas zu kaufen. Ich eile los zum pedestrian underpass - gesperrt. Baustelle. Also ganz außenrum laufen, am Hospital vorbei, zweimal fast unter die Räder gekommen, dann rein in den Nevisport, zwei Kartuschen kaufen, und wieder zurück. Im Bahnhof hole ich mir noch schnell was zum Futtern; mein Magen grummelt inzwischen lautstark. Um 13.45 weiter mit Busaichean Seile nach Glenfinnan. Mein Rucksack liegt zwischen den Einkaufstüten einiger älterer Damen im Gepäckfach. Der Fahrer fragt mich, wohin ich will und wo ich diese Nacht schlafen werde, zeigt sich einigermaßen beeindruckt von meinen Plänen und wünscht mir viel Glück. Der Bus fährt ohne mich weiter.

    Ich stehe mit dem dicken Rucksack gegenüber der Straße zur Corryhully Bothy und frage mich „Was mache ich hier?“ und „Schaffe ich das?“ Das mulmige Gefühl im Bauch bleibt. Diesmal ist es kein Hunger, eher Respekt, ein wenig Angst, und Vorfreude.

    Also dann: Auf geht’s, das Abenteuer kann beginnen.

    Glenfinnan Viaduct von Borderli auf Flickr

    Gleich zu Beginn stelle ich fest: Tarmac walking ist doof. Vor allem mit einem schweren Rucksack. Dieses verflixte Teil scheint einen Zentner zu wiegen, hängt wie ein Bleisack an mir. Aber die Sonne scheint, es ist angenehm kühl, und ich habe Urlaub.

    An der Corryhully Bothy mache ich eine kurze Pause. Aha, da ist ja wieder ein Wasserkocher. Die bothy ist mir unsympathisch. Das Dach klappert, es ist dunkel, es riecht unangenehm. Nichts wie raus hier, in den sonnigen Nachmittag. Hätte ich gewusst, dass Nic einen Eintrag im bothy-Buch für mich hinterlassen hat, wäre ich ein paar Minuten länger geblieben.

    Corriehully Bothy von Borderli auf Flickr

    Ich laufe weiter. Aus der Asphaltstraße ist ein Landrover-Track geworden, und die Berge scheinen näher zu rücken. Ein kalter Wind kommt auf. Ein Stück hinter der Brücke sehe ich unten am Fluss ein Stück Wiese, das zum Zelten geeignet erscheint. Ich baue das Zelt auf, richte mich häuslich ein, und dann setze ich mich, in die Primaloftjacke gekuschelt, mit einer Tasse Kaffee ans Flussufer.


    Glenfinnan von Borderli auf Flickr

    Glenfinnan von Borderli auf Flickr

    Wildcamp von Borderli auf Flickr

    Langsam, ganz langsam, beginnen der Stress und die Hektik der vergangenen Monate von mir abzufallen. Noch bin ich mit den Gedanken ständig unterwegs, bei der Arbeit, bei der Familie, bei der Planung der nächsten Tage. Einfach nur dasitzen, dem Rauschen des Flusses zuhören, an nichts denken, loslassen - das kann ich heute noch nicht.

    Nach dem Abendessen - ich muss ja schließlich etwas gegen das hohe Rucksackgewicht tun - wird es kalt. Eingemummelt in Socken, Shirt, Fleecepulli und Fleecehose kuschele ich mich in den Schlafsack. Das Kopfkino lässt mich noch eine Weile nicht schlafen, aber irgendwann gehen dann doch die Lichter aus.


    Dienstag, 11.05.2010 - Ein Pass, ein Fluss, und ein weicher Fall -

    Mitten in der Nacht wache ich auf. Es ist lausig kalt. Trotz Fleece und Schlafsack friere ich. Ein Blick vor das Zelt sagt mir, warum: Es schneit. Hallo? Schnee? Mitte Mai? Dabei bin ich noch ziemlich weit unten im Tal. Ich ziehe die Primaloftjacke darüber und schlafe weiter. Um 7.00 Uhr bin ich dann wieder wach, und um halb neun fertig zum Aufbruch. Diese eineinhalb Stunden von Aufwachen bis Aufbrechen werden sich im Laufe der Tour nicht ändern, diese Zeit brauche ich einfach.


    Wildcamp am Morgen von Borderli auf Flickr

    Ich laufe weiter Richtung Pass. Da: ein boghole. Ein einziges boghole auf dem ansonsten recht guten Pfad. Ich trete rein, mache noch einen Schritt, und der bog will meinen Schuh nicht mehr hergeben. Ich mache einen beherzten Schritt rückwärts, und der schwere Rucksack tut sein Übriges: Ich falle nach hinten und lande mit dem Hinterteil im Matsch. Zum Glück sind beide (also der Matsch und mein Hinterteil) gut gepolstert. Da ich die Regenhose noch im Rucksack habe, bin ich jetzt nass bis auf die Haut. Erst mal schimpfe ich drauflos. Wie kann ich nur so dämlich sein? Es ist ja schließlich nicht mein erstes boghole. Ich gehe ein paar Schritte weiter. Nein, so wird das nichts. Bei Temperaturen von gefühlten 5°C und kaltem Wind mit nasser Hose rumlaufen, das ist definitiv nicht gesund. Ich setze den Rucksack ab, krame die Ersatzhose (letzte Zweifel, ob die nötig war, sind jetzt beseitigt) und frische Unterwäsche raus, und mache einen netten Strip auf dem Weg zum Pass. Zum Glück ist da sonst niemand unterwegs…

    Wieder trocken, und zusätzlich eingepackt in die Regenhose, lache ich mich schlapp. Das fängt ja gut an!

    Etwas später setzt leichter Schneefall ein. Zum Glück kommt der Wind von hinten, da können die Flocken und Graupel nicht im Gesicht wehtun. Auf der Passhöhe kommt die Sonne raus. Pause!


    Bealach a' Chaorainn von Borderli auf Flickr

    Danach folgt ein steiler Abstieg auf Trampelspuren, ohne „richtigen“ Weg.

    Abstieg vom Bealach a' Chaorainn ins Gleann Cuìrnean von Borderli auf Flickr

    Ich bin extra vorsichtig: Kurz vor meiner Abreise las ich in einem anderen Forum von Einem der auszog, den Cape Wrath Trail zu bezwingen. Sein Unterfangen endete genau an diesem Abstieg. Er rutschte aus, fiel hin, und brach sich den Knöchel. Damit mir das nicht passiert, setze ich ganz behutsam einen kleinen Schritt vor den anderen. Nasser Untergrund und immer wieder Graupelschauer machen das Gehen nicht einfacher. Aber dann: geschafft. Der steilste Abschnitt liegt hinter mir.

    Bealach a' Chaorainn von Borderli auf Flickr

    Auf Trampelspuren geht es weiter bergab. Entgegen mancher Aussagen gibt es wirklich so eindeutige Trampelspuren, dass man sie schon als „Pfad“ bezeichnen könnte.
    Wolken, kurze Schauer, und Sonnenschein wechseln sich ab.

    Gleann Cuìrnean Panorama von Borderli auf Flickr

    Dann, plötzlich und unerwartet: Der Weg ist weg. Der Hang, und mit ihm meine bevorzugte Trampelspur, ist abgerutscht. Irgendwo in luftiger Höhe scheint zwar eine weitere Spur zu gehen, aber ich ziehe es vor, am Rand des Flussbettes über die Steine zu gehen. Ist fast so wie ein Mini-Boulderfield mit Pfützen drin. Über einen großen Brocken, der ungünstigerweise mitten im Weg liegt (links steiles Ufer, rechts tiefes Wasser) krabbele ich wenig elegant auf Knien hinweg. Hinter dieser Abbruchstelle geht die Spur weiter, mal am Fluss, mal oberhalb. Ich bin so damit beschäftigt, auf den Weg zu achten, dass ich das Gewicht des Rucksacks gar nicht mehr wahrnehme. Es läuft gerade alles so richtig gut, da kommt die nächste Stelle, an der der Weg in den Fluss gestürzt ist.

    Wo ist der Weg? von Borderli auf Flickr

    Ein Blick auf das gegenüber liegende Flussufer sagt mir: Dort drüben ist alles flach und grün! Ich mache nicht lange rum. Schuhe, Gamaschen und Socken aus, Crocs an, und ab durch den Fluss. Der hat so wenig Wasser, dass sich das Schuhewechseln eigentlich gar nicht gelohnt hat. Am sonnigen Ufer mache ich eine Pause. Jetzt ist das Gehen einfach. Deutliche Spuren, kaum bogholes, keine Abbrüche, keine Schlucht ….

    Gleann Cuìrnean von Borderli auf Flickr

    Eher als erwartet komme ich an der Brücke über den Pean an. Für heute reicht es; ich will es nicht gleich am ersten Wandertag übertreiben.

    Ziemlich boggy geht ein Trampelpfad Richtung Strathan. Gegenüber einer Insel finde ich am Ufer ein Plätzchen für mein mobiles Einzimmerapartment.

    Wildcamp am River Pean von Borderli auf Flickr

    Die Sonne scheint, ein leichter Wind weht, und die am Morgen außerplanmäßig durchnässten Sachen trocknen schnell. Als ich nach dem Wasserholen vom Fluss zum Zelt zurückgehe, sehe ich von weitem den einzigen anderen Menschen für heute.

    Ich bin froh, diesen Abschnitt heile hinter mich gebracht zu haben; zu viele Meldungen über gebrochene Knöchel, dramatische Wege durch die Schlucht, wegloses Laufen, steile Abstiege haben mich doch verunsichert.
    Zuletzt geändert von Borderli; 30.01.2014, 16:41.

  • Rainer Duesmann
    Fuchs
    • 31.12.2005
    • 1640

    • Meine Reisen

    #2
    AW: Schottland: Knoydart - Glen Affric - Thieves' Road

    Klasse!

    Sehr persönlich und intensiv geschrieben!

    Freu mich jetzt schon wie Bolle auf die Fortsetzungen.

    Danke.

    Rainer
    radioRAW - Der gesellige Fotopodcast

    Kommentar


    • dooley242

      Fuchs
      • 08.02.2008
      • 2086

      • Meine Reisen

      #3
      AW: Schottland: Knoydart - Glen Affric - Thieves' Road

      Zitat von Rainer Duesmann Beitrag anzeigen
      Klasse!

      Sehr persönlich und intensiv geschrieben!

      Freu mich jetzt schon wie Bolle auf die Fortsetzungen.

      Danke.

      Rainer
      Das kann ich alles unterschreiben. Und die Bilder gefallen natürlich auch.
      Gruß

      Thomas

      Kommentar


      • Borderli
        Fuchs
        • 08.02.2009
        • 1705

        • Meine Reisen

        #4
        AW: Schottland: Knoydart - Glen Affric - Thieves' Road

        Mittwoch, 12.05.2010 - Glen Dessary im Sonnenschein

        Die Nacht ist wieder sehr kalt. Auch dieses Mal wache ich gegen 2.00 Uhr auf und packe mich noch in die Jacke ein. Ich setze sogar noch die Mütze auf. Nach Vollziehen der üblichen Morgenrituale mache ich mich auf den Weg.


        Wildcamp am River Pean von Borderli auf Flickr

        Etwas Matsch bis nach Strathan, dann weiter auf einer vorzüglichen Forest Road. Die Sonne scheint, und ich packe die Jacke auf den Rucksack. Ein Langarmshirt reicht heute aus. Vom Weg aus sehe ich die A’ Chùil Bothy unten am Waldrand.

        A' Chuil Bothy von Borderli auf Flickr

        Der Weg geht weiter durch das Glen Dessary. Nach einer Brücke ist es vorbei mit dem guten Weg. Der Landrover Track ist recht boggy. Zum Glück war es einige Zeit trocken; nach längerem Regenwetter oder während der Schneeschmelze ist das hier bestimmt eine nette Schlammschlacht.

        Glen Dessary von Borderli auf Flickr

        An einem Zaun sind der Matsch, die Steigung, und auch der Weg zu Ende.

        Bealach an Lagain Duibh von Borderli auf Flickr

        Jetzt geht es irgendwie, mal Trampelspuren, mal Wegstücken folgend, weiter leicht bergauf. Vor den Lochan a’ Mhàim verliere ich den Weg (so es denn einen gibt) völlig aus den Augen. Die Richtung ist jedoch klar, und ich laufe unter Umgehung zahlreicher bogholes, die meisten aus der Kategorie „flüssig, bodenlos, hellgrün bedeckt“, weiter.


        Bealach an Lagain Duibh von Borderli auf Flickr

        Kurz vor den Lochan liegt da wieder so ein dämlicher Felsbrocken im Weg herum, den ich dann wenig elegant überwinde.
        Ein Stück weiter sehe ich den Wanderer von gestern Nachmittag wieder. Schottisches Urgestein, eine fantastische Aussprache, schwerhörig, und auf dem CWT unterwegs. Er steht da an einem Felsen im Windschatten, reibt sich den Rücken, und ruft mir zu „Hard work, hard work!“ Nach einem kurzen Chat gehe ich weiter und mache auf der Halbinsel am ersten der beiden Lochan eine ausgiebige Pause. Das Urgestein geht irgendwann an mir vorbei.

        Die Landschaft ist traumhaft. Kurze Zeit ist es windstill, und die Oberfläche des Loch ist wie ein Spiegel. Die Kamera kommt zum Einsatz.


        Lochan a' Mhàim von Borderli auf Flickr

        Lochan a' Mhàim von Borderli auf Flickr

        Weiter geht es auf dem guten Pfad an den Lochain entlang. Kurz nach dem zweiten Loch begegne ich zwei Frauen, die sich mit dem Urgestein unterhalten. McGregor heißt er, und dass er mich vorhin nicht gut verstand lag nicht an meinem Englisch, sondern an seiner Schwerhörigkeit, wie sich im Gespräch mit den beiden Frauen herausstellt. Die beiden zeigen mir, wo der Fluss am besten zu überqueren ist; außerdem raten sie mir davon ab, bei der Sourlies Bothy zu zelten. Dort sei die Wasserversorgung schlecht. Sie empfehlen mir, entweder vorher, bei Finiskaig, oder bei Carnoch zu zelten. Carnoch scheidet aus; bis ich dort bin, ist Flut, und ich habe nicht vor, über das Headland zu gehen.

        Also dann - trockenen Fußes über den Fluss und einem kaum erkennbaren Weg gefolgt. Der dröselt sich bald in viele Trampelspuren auf. Die Spur, der ich folge, führt dicht an die Stelle, wo der Fluss in der Schlucht verschwindet. Das ist definitiv nicht der Weg, den ich suche! Ich setze den Rucksack bei einem Felsen ab und sehe mich erst mal um. Ein Blick in die Schlucht lässt mich an Sinn und Zweck der Trampelspur zweifeln. Ein paar Meter weiter erreiche ich nach Umgehung etlicher bogholes eine deutliche Trampelspur, die bergauf führt. Ich hole den Rucksack und gehe ein Stück in gerader Linie den Berg hoch. Gerade als ich denke „Wird der ganze Urlaub so?“ sehe ich wenige Schritte oberhalb einen Weg. Ein Weg, ein richtiger Weg, der sich in ordentlichen Serpentinen den Hang hinaufwindet. Jetzt ist ein einfach. Nach Sourlies runter ist es zwar etwas steil, aber auf einem guten Weg, sogar mit einer stabilen Brücke.

        Creag an Taghain von Borderli auf Flickr

        Creag Fhithich von Borderli auf Flickr


        Loch Nevis von Borderli auf Flickr

        Bei den Ruinen von Finiskaig finde ich auf einer Insel meinen Zeltplatz. Meine Insel, mein Haus, mein … was eigentlich?

        Finiskaig Wildcamp von Borderli auf Flickr

        Bei Sourlies stehen mehrere Zelte, ich habe hier meine Ruhe. Den ganzen Tag war es sonnig, trocken, und windig. Perfekt eben.

        Das Zelt trocknet schnell, und bei einer Tasse Kaffee lasse ich den Tag an mir vorbeiziehen. So langsam kommt Ruhe in mir auf. Ich fühle mich so ausgeglichen wie schon lange nicht mehr. Probleme und Stress sind schon so weit weg, dass sie mir nicht mehr real erscheinen. Jetzt sind andere Dinge wichtiger, nehmen mehr Raum in meinem Denken ein. Wetter, Versorgung mit Wasser, Zeltplatz, Wege - all das tritt jetzt in den Vordergrund.

        Nach einem Abendessen, das wieder zur Reduzierung des Rucksackgewichts beiträgt, krieche ich in den Schlafsack und bin gleich ganz weg.
        Zuletzt geändert von Borderli; 30.01.2014, 16:49.

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        • schlafsack
          Erfahren
          • 03.07.2006
          • 462

          • Meine Reisen

          #5
          AW: Schottland: Knoydart - Glen Affric - Thieves' Road

          Hey,
          wirklich netter Bericht, die Fotos gefallen mir wirklich gut, besonders das mit dem glatten See ist wirklich wunderschön. Man bekommt große Lust, den Rucksack zu schnappen und rauszugehen. Schade, dass lange Reisen für mich die nächsten zwei Jahre nicht drin sind - blödes Studium

          Danke für den tollen Bericht und schönen Abend,
          hannes
          Wir nehmen den längeren Weg, damit uns länger die Füße weh tun!

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          • WindWanderer
            Erfahren
            • 19.11.2009
            • 227

            • Meine Reisen

            #6
            AW: [GB] Schottland: Knoydart - Glen Affric - Thieves' Road

            Danke, dass du mich mit auf die Reise nimmst! Super Schreibstil.
            Freue mich auf die nächsten Tage.
            Regen, Blitz und Donner - Gewitter, Heavy Metal der Natur

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            • Blueface
              Fuchs
              • 10.06.2007
              • 1086

              • Meine Reisen

              #7
              AW: [GB] Schottland: Knoydart - Glen Affric - Thieves' Road

              Klasse geschrieben - tolle Fotos. Ach...Schottland ist und bleibt ein Traumziel. Nächstes Jahr muss ich wieder hin.

              Schreib bitte weiter
              Iserlohner Impressionen - Blog zu Landschaften, MTB- und Wandertouren im Sauerland

              Kommentar


              • Gast-Avatar

                #8
                AW: [GB] Schottland: Knoydart - Glen Affric - Thieves' Road

                Das sieht im Gegensatz um WHW mal richtig nach Schottland aus ;)
                Klasse Bericht und wirklich super geschrieben. Freue mich auf die Fortsetzung.

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                • Borderli
                  Fuchs
                  • 08.02.2009
                  • 1705

                  • Meine Reisen

                  #9
                  AW: [GB] Schottland: Knoydart - Glen Affric - Thieves' Road

                  Fortsetzung kommt, und es wird auch nicht lange dauern. Nur noch knapp drei Stunden arbeiten, dann kann ich mich wieder um die angenehmen Seiten des Lebens kümmern....
                  Hätte ich weniger Fotos gemacht, müsste ich nicht soviel sortieren. Selber schuld. Andererseits: So hält der Urlaub etwas länger.

                  Kommentar


                  • Gast-Avatar

                    #10
                    AW: [GB] Schottland: Knoydart - Glen Affric - Thieves' Road

                    Lasse dir ruhig Zeit. Das wird schon gut so

                    Kommentar


                    • Borderli
                      Fuchs
                      • 08.02.2009
                      • 1705

                      • Meine Reisen

                      #11
                      AW: [GB] Schottland: Knoydart - Glen Affric - Thieves' Road

                      Donnerstag, 13.05.2010 - Die Sümpfe von Carnoch, und Hagel am Long Beach -

                      Heute ist Ausschlafen angesagt. Bei Flut müsste ich bei Sourlies über das Headland steigen, bei Ebbe kann ich es gemütlich umgehen. Also habe ich die Wahl: früh aufstehen, und nach einem weglosen Auf- und Abstieg durch die Sümpfe, oder lange pennen und gemütlich durchs Watt um das Headland gehen. Laut tidal chart ist Low Water um 11.45 Uhr. Um halb elf breche ich auf, sumpfe mich durch bis Sourlies, und eiere dann auf runden, mit Grünzeug überzogenen Steinen um das Headland rum.


                      Sourlies Bothy von Borderli auf Flickr


                      Sourlies von Borderli auf Flickr

                      Und dann kommt das erste Highlight des Tages: Die Sümpfe von Carnoch.


                      Sumpflandschaft bei Carnoch von Borderli auf Flickr

                      Zuerst folge ich einem richtig guten Weg, mit dem ich hier gar nicht gerechnet habe. Dann weiter auf Trampelspuren. Erst kurz vor der Brücke muss ich einen großen Umweg um ein paar bogholes von der Sorte „flüssig, grundlos, hellgrün bewachsen“ machen. Dann stehe ich vor der Hängebrücke.


                      Brücke bei Carnoch von Borderli auf Flickr

                      Ähm, da soll ich rüber? Nicht wirklich, oder? Die Alternative heißt Waten durch den River Carnach. Auch nicht gerade verlockend. Gut, ich wuchte mich samt blauem Anhängsel rauf auf die Brücke und taste mich todesmutig vorwärts. Links kann ich mich festhalten, rechts biegen sich die verrosteten Drähte durch. Eine Planke ist kaputt. Und die ganze Konstruktion schaukelt! Hilfe! So, noch ein paar Schritte, dann habe ich es geschafft. Nichts wie runter von dieser Brücke.

                      Inzwischen hat der Wind aufgefrischt, immer wieder regnet es. Aber es ist nicht mehr so kalt wie in den letzten Tagen. Die Berichte über den Anstieg zum Màm Meadail haben nicht zuviel versprochen: die Steigung ist knackig. Ich gehe auf einen riesigen Felsen zu und denke: das ist der höchste Punkt. Tatsächlich gibt es hier etwas Platz, um den Rucksack abzusetzen und durchzuschnaufen.


                      Màm Meadail von Borderli auf Flickr

                      Ich sehe an dem Felsen vorbei, und - och nee, das geht ja weiter bergauf. Aber irgendwann bin ich oben. Die ersehnte Pause ist verregnet; inzwischen ist aus den einzelnen Schauern ein richtiger Dauerregen geworden.


                      Màm Meadail von Borderli auf Flickr

                      Abwärts geht es nun sachte, auf einem guten Pfad, der nur teilweise boggy ist. Wäre der Regen nicht, könnte es richtig schön sein. So ist es nur ein Kilometermachen. Der Weg zieht sich endlos.


                      Gleann Meadail von Borderli auf Flickr


                      Gleann Meadail von Borderli auf Flickr

                      Irgendwann hört der Regen auf, endlich. Bei der Druim Bothy (privat, verschlossen, zu vermieten) treffe ich auf zwei Spaziergänger. Wir setzen uns vor die bothy, vespern und genießen die ersten Sonnenstrahlen dieses Tages. Viel später breche ich auf gen Inverie. Unglaublich, wie sich der Weg hinzieht. Der Rucksack scheint schwerer als je zuvor.

                      Endlich, nach einer Ewigkeit, bin ich am Long Beach. Der hat was, ehrlich.


                      Inverie Bay von Borderli auf Flickr

                      Sandstrand, grüne Wiese, tolle Aussicht. Ich baue mein Zelt auf, richte alles für eine späte Rückkehr aus dem Pub, und will losgehen. Ein starker Regen hält mich davon ab. Eine Stunde später, der Magen hängt mir in den Kniekehlen, hört der Platzregen auf. Ich öffne das Zelt, und hole erst mal die Kamera. Das Spiel von Licht und Wolken über der Inverie Bay ist unglaublich.


                      Inverie Bay von Borderli auf Flickr

                      Etliche Bilder später mache ich mich auf den Rückweg zum Zelt. Schon nach wenigen Schritten fängt es an zu hageln, ähnlich stark wie der Platzregen vorhin. Ich packe die Kamera unter die Jacke und renne zum Zelt. Tür zu, wieder abwarten. Das Unwetter dauert eineinhalb Stunden. Danach habe ich eine 5cm dicke Schicht Hagelkörner rund ums Zelt und keine Lust mehr auf Old Forge. Statt frischem Essen und Cider gibt es Cup Noodles und heiße Schokolade. Immerhin weiß ich jetzt, dass mein LaserComp auch bei Hagel nicht schlapp macht. Braves kleines Zelt! Bis ich daran denke, die Schicht Hagelkörner für die Nachwelt festzuhalten, haben diese sich, bis auf ein paar besonders hartnäckige, schon aufgelöst.


                      Hagel von Borderli auf Flickr
                      Zuletzt geändert von Borderli; 30.01.2014, 16:51.

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                      • Aquilon
                        Anfänger im Forum
                        • 16.04.2010
                        • 49

                        • Meine Reisen

                        #12
                        AW: [GB] Schottland: Knoydart - Glen Affric - Thieves' Road

                        Sehr schöne Bilder und ein klasse Bericht! Bitte mehr! Nä. Jahr will ich mir eine 2 monatige Auszeit gönnen und da steht soetwas auch auf dem Programm!
                        Gruß

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                        • Borderli
                          Fuchs
                          • 08.02.2009
                          • 1705

                          • Meine Reisen

                          #13
                          AW: [GB] Schottland: Knoydart - Glen Affric - Thieves' Road

                          Neid! Eine zweimonatige Auszeit hätte ich auch gerne. Ich hätte auch keine Probleme, diese Zeit gut auszufüllen!

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                          • Aquilon
                            Anfänger im Forum
                            • 16.04.2010
                            • 49

                            • Meine Reisen

                            #14
                            AW: [GB] Schottland: Knoydart - Glen Affric - Thieves' Road

                            Ich habs bei meiner Chefin angekündigt... . Sie schaut mal was geht (Bei DER Chefin geht das bestimmt!); muss nur noch der Personaldienst dann genehmigen
                            PS: Bitte weiter mit dem Bericht! Sehr sehr schön geschrieben und wundervolle Bilder!
                            PPS: Das Bild mit dem sich spiegelnden Loch ist genial! (Dein Beitrag von gestern). Könntest Du mir das in voller Auflösung irgendwie zukommen lassen?

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                            • Borderli
                              Fuchs
                              • 08.02.2009
                              • 1705

                              • Meine Reisen

                              #15
                              AW: [GB] Schottland: Knoydart - Glen Affric - Thieves' Road

                              Ich muss erst mal die Festplatte putzen und jede Menge ältere Fotos auslagern. Ich habe ein Platzproblem!! Hätte ich mich doch schon vor dem Urlaub um eine externe Festplatte gekümmert! Heute habe ich keinen Nerv mehr für Datensalat und Großputz im Notebook. Ich setze mich jetzt vor den Kamin (so wie es hier oben riecht, hat Mr Borderli schon ein Feuer angezündet) und trinke einen Whisky. Oder zwei. Oder so was.
                              Slàinte, agus oidhche mhath!

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                              • Borderli
                                Fuchs
                                • 08.02.2009
                                • 1705

                                • Meine Reisen

                                #16
                                AW: [GB] Schottland: Knoydart - Glen Affric - Thieves' Road

                                Freitag, 14.05.2010 - TGO Challenge und Gruß vom Urgestein -

                                Ich wache auf zum Geräusch von Regen, der auf die Zeltplane prasselt. Nur keine Eile. Gemütlich kuschele ich mich noch mal in den Schlafsack. Hilft nichts, irgendwann muss ich ja mal aufstehen. Ich packe den Rucksack im Zelt. Als der Regen aufhört, will ich das Zelt abbauen. Gerade als ich den ersten Hering ziehe, fängt es wieder an zu schütten. Hering zurück in den Boden, Gepäck und ich zurück ins Zelt. Mistwetter. Der Guss dauert zum Glück nicht lange. Ich packe das Zelt ein und laufe los. Kurz hinter Inverie noch ein abschließender Hagelschauer, dann wird das Wetter besser. Viel los, heute. Ständig überholen mich Leute, oder ich passiere sie beim Pause machen. Und alle gehen in Richtung Barrisdale. Klar, heute beginnt die TGO-Challenge, und Inverie ist einer der Startpunkte. Und ich bin mittendrin.



                                So auf halbem Weg kommen mir vier Jungs entgegen, die mich fragen, ob ich das Austrian girl bin, das auf dem Weg nach Barrisdale ist. Nun ja, Austrian nicht, und mit Mitte 40 gehe ich wohl nicht mehr als girl durch; aber nach Barrisdale will ich. Sie haben zusammen mit dem Urgestein McGregor in Barrisdale übernachtet und der hat mich angekündigt. It’s a small world! Der Weg zum Màm Barrisdale zieht sich, ist aber gut ausgebaut und schön zu laufen.


                                Gleann an Dubh - Lochain von Borderli auf Flickr


                                Gleann an Dubh - Lochain von Borderli auf Flickr

                                Die vielen TGO-ler sorgen immer wieder für kurze Gesprächspausen. Auf dem Pass sehe ich eine Frau, deren Hose auf der Rückseite schlammbraun ist. In einem kurzen Gespräch verrät sie mir den Grund: Ein boghole wollte einen Schuh nicht mehr hergeben, sie machte einen Schritt rückwärts … Kenne ich das nicht irgendwoher?


                                Màm Bàrrasdal von Borderli auf Flickr

                                Der gute Weg wird bei gutem Wetter bergab sogar noch besser. TGO-bedingt ist die campsite voll. Aber ich finde einen schönen Platz neben dem Akto einer TGO-Teilnehmerin. Wir vergleichen unsere Zelte, stellen beide fest, dass wir nicht tauschen wollen; jede ist von ihrem Zelt überzeugt. So soll es ja auch sein. Als sie mir sagt, dass sie noch nie ein so gut aufgebautes LaserComp gesehen hat, fühle ich mich geschmeichelt. Vor dem Abendessen gehe ich runter zur Barrisdale Bay und fotografiere. Schön ist es hier, ruhig, friedlich, stimmungsvoll. Idyllisch.


                                Bàrrasdal von Borderli auf Flickr


                                Bàrrasdal von Borderli auf Flickr

                                Zurück auf der Campsite, nehme ich die bothy in Augenschein. Die gefällt mir. Fließendes Wasser, und gleich zwei Toiletten, sogar mit Spülung. Welch Luxus! Auf der Campsite sind auch ein paar Wanderer, die mit dem Boot angereist sind und jede Menge Gepäck dabei haben. Bierdosen, Grill, ein großes „Dining-Tent“ … Die Stimmung ist gut heute Abend. Später gehe ich noch mal runter ans Meer, Ruhe tanken.


                                Abendstimmung in Bàrrasdal von Borderli auf Flickr


                                Abendstimmung in Bàrrasdal von Borderli auf Flickr

                                Auf dem Rückweg fängt es an zu regnen. Bald sind alle in ihren Zelten verschwunden.

                                Ich mache mir Gedanken über den weiteren Weg nach Shiel Bridge. Spätestens in Kinlochhourn muss ich mich entscheiden. Die eigentlich vorgesehene Route (Plan A) über Suardalan Bothy enthält die Durchquerung eines Flusses, die nach starkem Regen etwas tricky sein kann. Plan B enthält dagegen viel tarmac walking. Nach Plan A bin ich am Montag in Shiel Bridge, Plan B bringt mich schon am Sonntag in die Zivilisation. Ich entscheide mich für Plan B. Besser ist das. Lieber nichts riskieren; schließlich bin ich alleine da draußen unterwegs. Die andere Route kann ich ja irgendwann später mal laufen. So beruhigt, schlafe ich bald ein.


                                Samstag, 15.05.2010 - Wo kein Auto, da kein Lift -

                                Ich schlafe schlecht. In Anbetracht der Bauchschmerzen vom Vorabend verzichte ich aufs Frühstück, trinke nur einen Tee, baue in einer Regenpause das Zelt ab, und ziehe los.


                                Bàrrasdal von Borderli auf Flickr

                                Die Strecke am Loch Hourn entlang ist landschaftlich wunderschön, aber anstrengend. Hüfthohes Heidekraut zerrt an der Regenhose, auf steile Anstiege folgen steile Abstiege, immer wieder regnet es - es ist ein Weg, der die Fragen „Was mache ich hier?“, „Warum tue ich mir das an?“ und „Wird der ganz Urlaub so?“ provoziert.


                                Loch Shùirn von Borderli auf Flickr




                                Raonabhal von Borderli auf Flickr

                                Vor Runival geht es steil und boggy bergauf, dann steil und boggy bergab, nur um gleich wieder steil und boggy anzusteigen.


                                Sgiatharaidh von Borderli auf Flickr

                                Hier begegnen mir die ersten beiden Turnschuh-Touristen seit Beginn der Wanderung. Ohne Karte, ohne Ahnung, einfach mal vom Parkplatz aus losgelaufen. „Ist das ein Rundweg?“, fragt er, Hamburger, mit schottischer Damenbegleitung. „Naja, wenn ihr ein paar Tage Zeit habt, dann schon“, antworte ich und betrachte dabei den winzigen Tagesrucksack, die Jeans und die Turnschuhe. Wir plaudern ein wenig, und sie bieten mir einen Lift ab Parkplatz Kinlochhourn an, falls ich so lange warten will. Na, das ist doch mal was.


                                Am Loch Beag von Borderli auf Flickr

                                Kurz vor Kinlochhourn, am Loch Beag, geht der Weg direkt am Abhang entlang, über ein paar Felsplatten, die mir zwei Sekunden „Hilfe-was-mache-ich-jetzt?“-Stimmung verursachen.

                                Dann: Straße. Ein voller Parkplatz. Obwohl - die stehen alle auf dem overnight car park. Auf dem anderen steht nur ein schwarzer Fiesta, der wohl den beiden Turnschuhträgern gehört. Hmm. Mein erster Weg geht in den Tearoom, wo ich mich mit einer Kanne Tee und einem kleinen Snack stärke und einen Regenguss aussitze. Nach einer Stunde ist noch kein Lift in Sicht. Ich beschließe, einfach mal loszulaufen und dann das erstbeste Auto anzuhalten. Meine Güte, ist diese Straße steil! Aber schön ist es hier, so ruhig, ohne Autos…


                                Loch an Doire Duibh von Borderli auf Flickr

                                Bei einer Pause holt mich ein „Transpirator“ ein. Ein recht übergewichtiger TGO-Teilnehmer läuft in T-Shirt, Shorts, einem am Ausschnitt befestigen Handtuch, und einem Riesenrucksack in die gleiche Richtung wie ich. Ich in voller Regenmontur, er eher leicht bekleidet. Eine Zeitlang laufen wir gemeinsam und verplaudern die Zeit, dann lege ich einen Fotostopp ein, und er transpiriert weiter. Meine Füße glühen, und ich fühle mich schlapp. Klar, ohne Frühstück, nur mit einem kleinen Snack im tearoom, wie soll ich mich da fühlen? Und immer noch kein Auto in Sicht.

                                Gefühlte Stunden später erreiche ich den Landrovertrack zur Alltbeithe Jagdhütte.


                                Loch Cuaich von Borderli auf Flickr

                                Gerade als ich die Straße verlassen habe und ein Tor passiere, hupt es unten auf der Straße. Meine beiden Turnschuhträger, da sind sie. Ich winke ihnen kurz zu, und schleppe mich weiter. Lieber Gott, bitte einen Zeltplatz, jetzt und hier! Wenig später: Links plätschert ein schöner Bach bergab, rechts ist ein kleines Stück ebene Wiese, direkt am Track. Meins!! Ich baue das Zelt auf, hole Wasser, koche das Abendessen. Ich habe auf Automatik geschaltet. Bin ich fertig! Geschirr und mich selbst säubern, Zelt zu, Schlafsack zu, Augen zu. Endlich. Die Füße brennen und es pocht in ihnen. Ich öffne den unteren Teil vom Schlafsack und gönne ihnen frische Luft und Kühlung. Noch vor dem Einschlafen phantasiere ich von Essen. Kein Wunder, nach mehreren Tagen Tütenfutter und Porridge. Frisches Brot mit Butter. Käse. Steak & Chips. Salat. Erdbeeren … Ich glaube, ich habe im Schlaf noch gesabbert.
                                Zuletzt geändert von Borderli; 02.12.2010, 18:49.

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                                • Borderli
                                  Fuchs
                                  • 08.02.2009
                                  • 1705

                                  • Meine Reisen

                                  #17
                                  AW: [GB] Schottland: Knoydart - Glen Affric - Thieves' Road

                                  Sonntag, 16.05.2010 - Knoydart: abgehakt -

                                  Mitten in der Nacht wache ich auf. Ich sehe Licht, auf der Seite wo der Landrover-Track ist. Hilfe, wer oder was ist das denn um diese Uhrzeit? Eine Sekunde später, ein wenig wacher: Das Licht ist blau. Aha. Die Gehirnwindungen registrieren: Keine Panik, es ist das Display des MP3-Players. Ich bin wohl beim Umdrehen auf den Einschaltknopf gekommen. Da kann ich ja beruhigt weiterschlafen.

                                  Am frühen Morgen hört der Regen auf, und als ich fertig bin, sieht der Himmel viel versprechend aus.


                                  Gleann Cuaich von Borderli auf Flickr

                                  Der Landrover-Track geht bis zur Alltbeithe-Jagdhütte. Dort haben drei weitere TGO-Teilnehmer gezeltet. Mal gut, dass sie größere Zelte haben, die haben nicht auf meinen Platz gepasst.


                                  Glen Cuaich von Borderli auf Flickr

                                  Der nun etwas rauere Landrover-Track geht weiter durch das Easter Glen Quoich, und wird dort irgendwann zum Pfad. Schön ist es. Die Wolken verziehen sich, die Sonne scheint, die Landschaft ist beeindruckend. Es ist ruhig, einsam, Balsam für die Seele.


                                  Bealach Coire Sgoireadail von Borderli auf Flickr


                                  Bealach Coire Sgoireadail von Borderli auf Flickr


                                  Gleann Cuaich von Borderli auf Flickr


                                  Die Gewissheit, am Abend eine Dusche nehmen zu können, beflügelt mich. Ohne Probleme finde ich den Mini-Cairn, der den Abzweig zum Coire Odhar markiert. Der Pfad schlängelt sich bergauf, überquert ein paar Bäche, verliert sich irgendwo im Bog, taucht wieder auf … Unterwegs leisten mir die drei TGO-ler Gesellschaft. Die Aussicht von hier oben ist grandios.


                                  Gleann Cuaich von Borderli auf Flickr



                                  Coire Odhar von Borderli auf Flickr


                                  Coire Odhar von Borderli auf Flickr

                                  Einer der drei bietet mir an, ein Foto von mir mit den Bergen im Hintergrund zu machen. In Anbetracht meines verwilderten Äußeren lehne ich das Angebot dankend ab. Es gibt Momente, die müssen nicht unbedingt für die Nachwelt festgehalten werden!

                                  Die anderen laufen weiter, sie haben einen Zeitplan einzuhalten; ich suche mir einen großen Stein, setze mich hin, und genieße die Sonne. Der Abstieg zur Cluanie-Lodge-Straße ist zwar steil, aber auf einem guten Pfad.


                                  Loch Cluanie von Borderli auf Flickr


                                  Cluanie Inn von Borderli auf Flickr

                                  Dann ist wieder Tarmac-Walking angesagt. So gegen 14.00 Uhr erreiche ich das Cluanie Inn, und habe noch mehr als eine Stunde Zeit bis zur Abfahrt des Buses. Zeit genug, einen Teil meiner kulinarischen Phantasien Realität werden zu lassen. Eine kalte Cola, eine Suppe, frisches, knuspriges (!) Brot mit Butter - kaum zu glauben, wie man solch einfache Dinge genießen kann.

                                  Im Spiegel über dem Waschbecken habe ich zum ersten Mal seit einer Woche Gelegenheit, mein Gesicht zu sehen. Gut, dass ich das Foto-Angebot abgelehnt habe! Die Haare sehen übel aus, da helfen nur warmes Wasser und viel Shampoo. Sonnenbrand auf der Nase und an den Ohren. Aber irgendwie entspannt…

                                  Nach einem zweiten Glas Cola gehe ich raus und warte auf den Bus. Der kommt im Eiltempo um die Kurve. Hektisch winke ich mit den Trekkingstöcken, und der Fahrer legt eine Vollbremsung hin. Shiel Bridge, single.

                                  Kurze Zeit später komme ich dort an, werfe einen Blick auf die Campsite, stelle fest, dass ich sie nicht mag, und laufe weiter nach Morvich. Auf dem Weg dorthin stolpere ich über die Einkaufstüte von Albert. Albert, ein Schotte unbestimmten Alters, aus East Kilbride, ist auf dem Weg zur Camban Bothy im Fionngleann. Er labert mir beinahe ein Ohr ab. Als Mitglied der MBA erzählt er mir alles über bothies, den bothy code, haunted bothies usw. Irgendwann werden wir sozusagen philosophisch und landen bei der Frage „Warum tun wir uns das an? Schleppen einen schweren Rucksack bei Wind und Wetter durch die Wildnis?“ Bevor wir diese Frage abschließend klären können, sind wir an der Campsite angelangt. Albert zieht seines Weges, ich buche mich für zwei Nächte auf der Campsite ein.

                                  Die erste Frage gilt den Duschen, die zweite den laundry facilities. Die erste heiße Dusche, nein, überhaupt die erste Dusche seit einer Woche, ist ein Genuss. Ich will gar nicht mehr raus. Diese Campsite hat zwar keinen Shop, aber einen Trockenraum. Der ausgeräumte Rucksack und die Stiefel finden dort ihr Nachtlager.

                                  Erst später, bei einer heißen Schokolade, fällt mir ein: Geschafft!! Knoydart liegt hinter mir. Schön war’s. Von der TGO-Invasion abgesehen war es einsam, wild, weitab von Straßen und Zivilisation, wirklich empfehlenswert. Ich weiß jetzt schon, dass ich wiederkomme. Das Old Forge und die Dame im Inverie Megastore warten doch auf meinen Besuch!
                                  Zuletzt geändert von Borderli; 09.03.2011, 07:32.

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                                  • NilsL
                                    Gerne im Forum
                                    • 13.01.2010
                                    • 92

                                    • Meine Reisen

                                    #18
                                    AW: [GB] Schottland: Knoydart - Glen Affric - Thieves' Road

                                    Super geschriebener Bericht
                                    "Wir leben alle unter dem gleichen Himmel, aber wir haben nicht alle den gleichen Horizont!" (Konrad Adenauer)

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                                    • lina
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                                      • 12.07.2008
                                      • 37586

                                      • Meine Reisen

                                      #19
                                      AW: [GB] Schottland: Knoydart - Glen Affric - Thieves' Road

                                      *zustimm*!!

                                      Vielen Dank!

                                      Kommentar


                                      • Borderli
                                        Fuchs
                                        • 08.02.2009
                                        • 1705

                                        • Meine Reisen

                                        #20
                                        AW: [GB] Schottland: Knoydart - Glen Affric - Thieves' Road

                                        Montag, 17.05.2010 - Ruhetag -

                                        Es regnet die ganze Nacht, und macht auch am Morgen keine Anstalten aufzuhören. Der Wunsch nach einem festen Dach über dem Kopf wird größer. Ich rufe im Ràtagan Hostel an und frage nach einem freien Bett. Heute ist es ausgebucht, aber von Dienstagabend bis Donnerstagmorgen kann ich kommen. Nachdem das geklärt ist, laufe ich zurück nach Shiel Bridge und plündere den Shop. Die haben wirklich alles in dem kleinen Laden (außer Schraubkartuschen). Auf dem Rückweg kommt die Sonne raus. Den Rest des Tages verbringe ich mit Wäschewaschen, Rucksack sortieren, Essen (!!) und Faulenzen in der Sonne.


                                        Loch Dubhthaich von Borderli auf Flickr



                                        Dienstag, 18.05.2010 - noch ein Ruhetag -

                                        Strahlender Sonnenschein! Ich packe alles zusammen und schleppe den Rucksack nach Ràtagan. Dort deponiere ich ihn im Hostel.


                                        Sgurr an Airgid von Borderli auf Flickr


                                        Loch Duich von Borderli auf Flickr

                                        Zwei abreisende Gäste, auf dem Weg nach Skye, nehmen mich mit bis Kyle of Lochalsh. Dort verbringe ich einen sonnigen, faulen Tag.


                                        Skye von Borderli auf Flickr


                                        Ginster von Borderli auf Flickr


                                        Drochaid an Eilein Sgitheanaich von Borderli auf Flickr

                                        Ein Spaziergang auf der Skye-Bridge, Sonnenbad am Viewpoint, Eis essen am Meer, und ein Gespräch mit einem Schotten, der zwei Probleme mit mir gemeinsam hat: eine Blase am großen Zeh, und einen Ehepartner der „outdoor“ doof findet.

                                        Am späten Nachmittag fahren mein aufgefrischter Sonnenbrand und ich mit dem Bus zurück nach Shiel Bridge. Im Hostel entere ich die Dusche, setze mich dann mit einer Tasse Kaffee vor das Haus und plaudere mit zwei älteren Damen. Später, im Schlafsaal, ich krame gerade im Rucksack herum, höre ich hinter mir zwei Frauen Deutsch sprechen. Ich drehe mich um, da ruft die eine: „Marion, bist du das??“ Der Zufall will es, dass Anja und Doris, mit denen ich letztes Jahr die Glen Affric Tour machte, auch hier sind. Das muss natürlich gefeiert werden, mit einem lecker Barmeal und Cider im Kintail Lodge Hotel. Zwei andere Gäste (Kunden von Anjas Firma), erzählen von einem chaotischen Typen namens Albert, der ihnen im Glen Affric begegnet ist. It’s a small world.


                                        Mittwoch, 19.05.2010 - Kopfweh und ein Corbett -

                                        Was ist das denn? Es ist windstill, trübe, warm, so richtiges Kreislauf-Wetter. Bäh. Ich setze trotzdem mein Vorhaben, auf den Sgùrr an Airgid zu gehen, in die Tat um. Kurz vor dem Sattel (Màm na Dubharaiche) bekomme ich rasende Kopfschmerzen. Pause, was trinken, weiter. Schon nach kurzer Zeit bin ich in der Wolke, die Sichtweite beträgt höchstens fünf Meter. Ich schleppe mich trotzdem hoch. Oben angekommen, warte ich darauf, dass die Wolke sich verzieht und ich die vielgerühmte gute Aussicht genießen kann. Tut sie aber nicht. Die Kopfschmerzen verziehen sich auch nicht, also mache ich mich auf den Rückweg. Nie wieder auf einen Berg, wenn eine Wolke die Sicht versperrt! Ein irgendwie frustrierender Ausflug.


                                        Kintail von Borderli auf Flickr


                                        Gleann Lichd von Borderli auf Flickr


                                        Loch Dubhthaich von Borderli auf Flickr

                                        Zurück im Hostel, nach einer ausgiebigen Dusche, liege ich mich erst mal aufs Ohr. Abends packe ich dann den Rucksack für den nächsten Tag - die Tour geht weiter.
                                        Zuletzt geändert von Borderli; 31.12.2010, 13:05.

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