[SE] Mit dem Packraft am Rogen – die Entdeckung der Langsamkeit

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  • evernorth
    Fuchs
    • 22.08.2010
    • 1498

    • Meine Reisen

    #61
    Hallo Andrea,

    das freut mich natürlich sehr, dass dir unser Reisebericht so gut gefällt. Deinen Reisebericht über eure Rogen - Tour habe ich gerade vor mir liegen. So erfahre ich doch noch, welche Ecken uns in der Gegend entgangen sind und wie es dort ausschaut. Sehr schön.

    Zitat von andrea2 Beitrag anzeigen
    Hängt in dem Windschutz eigentlich immer noch der „wunderschöne“ Wandtepppich?
    Auch bei mir klingelt es da, wenn auch nicht allzu laut. Den „wunderschönen“ Wandteppich habe ich
    auch nicht vor Augen.

    My mission in life is not merely to survive, but to thrive; and to do so with some passion, some compassion, some humor and some style. Maya Angelou

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    • andrea2
      Dauerbesucher
      • 23.09.2010
      • 776

      • Meine Reisen

      #62
      Ich hab gerade gesehen, dass ich das Bild gar nicht in meinem Kanubericht habe, sondern nur bei der Wanderung um den Rogen.
      Hier ist er der Wandteppich aus Rödviken

      Klicke auf die Grafik für eine vergrößerte Ansicht  Name: DSC07198.jpg Ansichten: 0 Größe: 353,1 KB ID: 3018998

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      • evernorth
        Fuchs
        • 22.08.2010
        • 1498

        • Meine Reisen

        #63
        05. September: Källsjön, Kråksjön, Südspitze Käringsjön

        Die Nacht war etwas unruhig, denn der heftige Regen verfolgte mich noch bis weit in die Nacht hinein.
        Heute morgen ist die Welt wieder eine andere, denn der Regen hat irgendwann in der Nacht aufgehört. Draußen strahlt alles im hellsten Licht, die Sonne ist bereits in der Frühe warm und gibt ihr Bestes. Die Luft ist klar, im Schatten noch etwas frisch, aber im Zelt schon fast zu warm. Reingewaschen und sauber wirkt die Landschaft, und kleinste Wellen kräuseln die Wasseroberfläche.




        Herrlicher Morgen



        Alles muss trocknen

        Rückblende: Mit den Worten „Egal, ich finde schon was. Das Akto passt fast überall hin“ lässt Bernd sein Alpha stehen und liegen und steigt mit seinem Rucksack rasch den Hang hoch.
        „Kümmere mich später um das Boot“, ruft er noch hinterher.
        Mist, jetzt fallen bereits immer mehr Tropfen. Ich haste mit meinem Gepäck hinterher. Im Gegensatz zu Bernd habe ich das Glück, direkt zu dem Platz aufzusteigen, den ich mir vorher bereits ausgeguckt habe. Oben angekommen, packe ich gleich aus und beginne mit dem Zeltaufbau im jetzt strömenden Regen. Warum geht das nicht schneller? Es dauert wieder viel zu lange, bis es einigermaßen gut steht. Viele Sachen sind richtig nass geworden. Die wichtigen Sachen, wie der gut verpackte Schlafsack, sind immerhin trocken geblieben. Alles, was zu nass ist, landet in der Apsis.
        Frisch ist es geworden und erst, als ich die nassen Klamotten gewechselt habe, kommt langsam die Wärme zurück. Ein heißer Tee, in Verbindung mit einen guten Schluck Whiskey, lässt mich dann vollständig „durchglühen“.
        Noch beim Essen kommt Bernd vorbei, um sein Boot zu sichern.
        Morgen wollen wir wieder getrennt starten, da Bernd möglichst früh in den Tag starten will und ich noch einmal zum Auto nach Käringsjön paddeln will. Hauptsächlich, um das Zelt gegen das Chinook auszutauschen, Müll dort zu lassen, eine Gaskartusche auszutauschen. Letztere, da ich wohl eine mit der reinen Butan - Befüllung erwischt habe. Ich fülle manchmal leere Kartuschen wieder mit reinem Butan - Gas per Adapter auf. Bei den kalten Morgentemperaturen will die aber nicht so richtig loskacheln, bzw. verbraucht viel zu viel Gas.
        Kekse, und saubere Klamotten könnte ich bei der Gelegenheit auch gleich….
        Wir vereinbaren noch einen Treffpunkt an der äußersten Südspitze des Käringsjön. Gute Nacht.
        Mir ist natürlich nicht der leicht gereizte Unterton in unserer nur kurzen Unterhaltung entgangen.
        Ja, natürlich, mit etwas Glück und einem zeitigeren Aufbruch (und einer kürzeren Mittagspause ) hätten wir diese nasse Dusche vermeiden können. Aber eigentlich ist nichts Schlimmes passiert, außer nass werden….
        Das trocknet schon wieder. …..Ende der Rückblende.

        Jetzt verteile ich erst einmal meine nassen Sachen, hänge sie in die Äste der nächsten Kiefer, oder hänge sie anderweitig in die Sonne. Ein herrliches Wetter ist das. Ich könnte ewig nur so herumschauen…und die Sonne genießen.
        Als Bernd - „ready for the boat
        - vorbeikommt, bin ich noch ganz und gar im Trocknung - und Genuss - Modus.
        Dann ist es Zeit und Bernd verlässt unsere Halbinsel. Danach bin ich allein und schaue mal, wie weit die Trocknung vorangeschritten ist. Während einige Kleidungsstücke schon trocken sind, benötigen andere Teile und vor allem das Zelt noch etwas mehr Zeit. Gerade letzteres möchte ich so weit wie möglich trocken bekommen, denn danach liegt es noch tagelang komprimiert im Auto.






        Nach und nach packe ich die trockenen Sachen in den Rucksack, bis ich ganz zum Schluss das noch immer etwas feuchte Zelt abbaue. Ich schaue extra noch einmal ganz genau umher, ob ich nicht etwas vergessen habe, schließlich hing mein halber Hausstand zum Trocknen herum. Eine solch umfassende Trocknungs- Aktion kommt schlußendlich nicht jeden Tag vor.

        Etwa 2 Stunden nach dem Aufbruch von Bernd verlasse ich bei weiterhin strahlendem Sonnenschein die Halbinsel. Zunächst paddel ich in den Källsjön und wähle den für mich logischsten Punkt für die erste, von heute nur zwei Portagen: Treffer! Am Ende einer fast winzigen Bucht steige ich zielsicher aus dem Boot. Hier sind definitiv schon viele vor mir ausgestiegen. Beflügelt von dieser beruhigenden Erkenntnis schultere ich den Rucksack und klemme mir das Boot unter den Arm. Inzwischen klappt das schon sehr routiniert. Diesmal sind es schon ein paar hundert Meter, am Anfang noch auf so etwas wie einem Pfad, der sich jedoch schon bald, nach dem Erklimmen einer Anhöhe, wieder verliert. Von oben ist der Kråksjön bereits zu sehen, und so gehe ich weglos hinunter an das Ufer. Hier mache ich erst einmal eine kleine Snack - Pause, um im Anschluß meinen Weg auf dem Wasser fortzusetzen.




        Kråksjön

        Bei der kurzen Überquerung des Kråksjön sehe ich schon die kleine Bucht, wo am Ende die ganz offensichtliche, zweite Portage des heutigen Tages auf mich wartet. Den daran anschließenden, kleinen See fahre ich aus einem unerfindlichen Grund bis zum Ende, steige aus, und entdecke einen sehr deutlichen Pfad. Es handelt sich um den Wanderweg, der von Käringsjön auf unseren Weg Richtung Bustvålen trifft. Ich folge dem Weg etwa 200 m zurück und erreiche die Stelle, wo ich in den Käringsjön einsetze. Dort befindet sich in der Nähe eine Brücke.
        So komme ich also, etwas unfreiwillig, zu einer kurzen, dritten Portage.
        Über den Käringsjön bin ich schnell hinüber; muss nur noch kurz nach dem sehr schmalen Wasserlauf suchen, der zum Ausstieg führt. Zu Beginn fahre ich mich im beginnenden Schilf regelrecht fest, da es hier super flach ist, und so muss ich ordentlich mit dem Paddel wühlen und abstoßen, um wieder frei zu kommen. Einmal in dem Flusslauf hineingekommen, staune ich doch sehr über die Enge. Maximal 2 Meter ist es hier breit und ich kann mir kaum vorstellen, wie da jemand mit einem sperrigen Kanadier durchkommen soll.
        An der Anlegestelle, ziehe ich nur kurz das Boot aus dem Wasser und gehe den Pfad hinauf zu den Gebäuden und entriegele schon von weitem mein Auto. Das Zelt nehme ich nun doch aus dem Packsack und lege es zum weiteren Trocknen locker auf der Rückbank aus.
        Die fehlenden Sachen sind schnell beieinander, oder ausgetauscht.
        Zurück beim Boot ist alles schnell im Rucksack verstaut und ich fahre den schmalen Flusslauf ein zweites Mal hinunter, was nun schon deutlich flüssiger abgeht.
        Einmal zurück auf dem Käringsjön ist es nun nicht mehr weit bis zum Treffpunkt mit Bernd an seiner Südspitze.
        Als ich dort ankomme, ist Bernd schon beim Kaffee trinken….
        Nicht ganz leicht, hier einen einigermaßen ebenen Platz für das Zelt zu finden…..




        Platzsuche im buckligen Gelände nicht ganz einfach



        Da passt es

        Heute sind wir deutlich zeitiger am Platz und das entspannt die Abläufe schon sehr und zieht sie entsprechend auseinander.
        Herrlich hier, absolut still und selbst in Wurfweite des Wanderweges waren nur einmal in Stunden Stimmen zu hören.
        Gesehen haben wir niemanden.






        Südspitze Käringsjön



        Blick aus dem Zelt


        Langsam senkt sich die Sonne und verschwindet hinter den Baumwipfeln. Der Abend folgt, und ein weiterer, herrlicher Tag endet. Eine tiefe Ruhe kehrt ein und taucht den Wald in sein dunkles Nachtkleid.

        My mission in life is not merely to survive, but to thrive; and to do so with some passion, some compassion, some humor and some style. Maya Angelou

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        • weisseruebe
          Erfahren
          • 20.09.2010
          • 151

          • Meine Reisen

          #64
          Oha, da gibt es was zu lesen, wie schön.
          Ich glaube, ich bin ein paar Minuten hinter Euch hergelaufen, da hat gerade einer von Euch sein Packraft zum Wasser getragen. Das muss irgendwo knapp nördlich von Rogenstugan gewesen sein. Wir haben uns aber nicht unterhalten.

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          • Borgman
            Dauerbesucher
            • 22.05.2016
            • 512

            • Meine Reisen

            #65
            Zitat von weisseruebe Beitrag anzeigen
            Oha, da gibt es was zu lesen, wie schön.
            Ich glaube, ich bin ein paar Minuten hinter Euch hergelaufen, da hat gerade einer von Euch sein Packraft zum Wasser getragen. Das muss irgendwo knapp nördlich von Rogenstugan gewesen sein. Wir haben uns aber nicht unterhalten.
            Schade, wär doch nett gewesen. An der Rogenstuga sind wir nur ein einziges Mal aufs Wasser gegangen, am 31.08., da haben wir aber die Boote am Strand aufgeblasen. Wie warst Du denn da unterwegs, auf welcher Route?



            Und jetzt geht es endlich weiter im Text!


            Zitat von evernorth Beitrag anzeigen
            Das trocknet schon wieder.

            Na, das hätte mir auch mal jemand vorher sagen können, dann wäre ich gestern Abend vielleicht nicht so angespannt gewesen. Am Morgen des 05. September sieht die Welt, Tom hat es gesagt, ganz anders aus. Das Zelt packe ich nass ein, aber dank Sonne und leichtem Wind sind meine Regensachen schon getrocknet, als ich das Boot besteige. Nicht mal besonders kalt ist es – einfach nur ein herrlicher, leuchtender Tag, paar Wolken am Himmel, kaum Wind. Kurz vor der ersten Tragestelle queren zwei Rentiere, ein kleines und ein großes, von einer Mini-Insel zum Festland. Dem Kleinen scheint es nichts auszumachen, dass es bis zum Hals im Wasser ist, hätte nämlich auch eine flachere Stelle wählen können. Ich kann mich wirklich nicht erinnern, schon mal schwimmende Rentiere gesehen zu haben, aber ja, klar, natürlich sind sie nicht wasserscheu.




            Rentier beim Morgenbad, das kleine ist schon durch (rechts)



            Gemächlich paddele ich über den nächsten See, dann folgt eine weitere Tragestelle, und schon stehe ich am Käringsjön. Da haben wir uns ja keine besonders ambitionierte Strecke vorgenommen. Also, was machen mit dem angebrochenen Tag? Für die Pause ist es noch zu früh, und auf Abstecher zu benachbarten Seen habe ich auch keine Lust, sehen eh alle gleich aus, aber ich würde gerne am Nachmittag in der Gegend herumlaufen und vielleicht ein paar Fotos machen, falls es interessante Motive gibt. Also quere ich auch den Käringsjön auf direkter Route zu unserem vereinbarten Treffpunkt am südlichen Zipfel.


            Käringsjön (links die kleine Siedlung, wo unser Auto steht) ...


            ... und dessen südliches Ende

            Hier gibt es einen kleinen Bootssteg. Das Gelände ist, wenig überraschend, ziemlich hubbelig – auf den ersten Blick nicht sehr einladend für einen Lagerplatz. Aber da kann man sich bekanntlich täuschen. Ich gehe davon aus, dass Tom ein paar Stunden braucht, also habe ich genügend Zeit, eine passende Stelle zu finden. Wollte ja sowieso in der Gegend herumlaufen, nach der Pause. Am westlichen Ufer wird es nach Norden hin noch steiniger, da geht gar nix, und nach Südwesten kommt bald ein Moor, auch nicht gut. Östlich liegt der Wanderpfad, den wir schon gegangen sind – auch alles zu uneben. Eine nasse Stelle gegenüber vom Anleger ginge zur Not, wenn man nichts gegen Kondens hat. Wie gut, dass Tom sein Mid gegen ein weniger anspruchsvolles Zelt tauscht. Da kommt er schon.










            06. September: Der Morgen

            Nach einer windstillen Nacht nähert sich der Morgen unserem Zeltplatz auf Zehenspitzen, lässt vorsichtig erste Sonnenstrahlen über das Wasser gleiten und den Raureif auf einer Heidelbeere glitzern, hüllt sich in zarten Nebel. Er lässt sich Zeit, dieser Morgen, zögert kurz hinter den Kiefern, als wollte er die Geister der Nacht sanft verabschieden und die Geister des Tages ebenso sanft dazu einladen, an seinem Zauber teilzuhaben. Langsam wie eine Blüte entfaltet sich der Sonntagmorgen, und ich lasse mich von ihm leiten, wandere hierhin und dorthin, sehe die Landschaft in neuem Licht. Die gestern noch struppig graugrüne Bartflechte glänzt golden wie Elfenhaar ... na ja, fast ... bisschen struppig wirkt sie immer noch ... aber schön ist es trotzdem, wie die Morgensonne den Sinn für Details schärft.

















            Wer braucht da noch eine große Tour, wenn es hier im Kleinen so viel zu entdecken gibt? Tom ist auch schon auf den Beinen und genießt den Morgen auf seine Weise. Wir freuen uns auf die Runde über die Seen östlich von Käringsjön und Rogenstuga, die wir noch vorhaben, aber momentan sind wir beide tiefenentspannt. Es würde völlig reichen, wenn wir heute nur zum Stor-Tandsjön laufen und uns da ein bisschen umsehen.

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            • Fjellfex
              Dauerbesucher
              • 02.09.2016
              • 554

              • Meine Reisen

              #66
              Klasse, es geht weiter!

              Zitat von Borgman Beitrag anzeigen
              Ich kann mich wirklich nicht erinnern, schon mal schwimmende Rentiere gesehen zu haben, aber ja, klar, natürlich sind sie nicht wasserscheu.
              Die sind echt nicht wasserscheu, sondern durchschwimmen sogar schon mal einen Meeressund. Wer Anschauungsmaterial haben will:
              Reinflytting – Minutt for minutt (nrk.no)
              (Etwas runterscrollen zum Video wo drunter steht "Gikk du glipp av reservefinalen"?, und dort ab etwa 1:58)

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              • Borgman
                Dauerbesucher
                • 22.05.2016
                • 512

                • Meine Reisen

                #67

                06. September: Wanderung zum Stor-Tandsjön

                Es wird später Vormittag, bis wir von unserem Platz am Südende des Käringsjön aufbrechen. Tom freut sich, dass wir jetzt doch noch die östliche Runde machen, die er sich schon vor vier Tagen nach der windigen Rogenquerung gewünscht hatte, und ich freue mich tatsächlich besonders auf die Wanderstrecke bis zum Stor-Tandsjön. Von mir aus könnte sie gerne deutlich länger sein. So schön das Paddeln hier auf den kleinen Seen ist, bleibt das Wandern doch meine natürliche Bewegungsart. Jedenfalls sind wir beide äußerst gut aufgelegt an diesem Tag.

                Über den schon bekannten Pfad Richtung Rogenstugan kommen wir flott voran und nehmen dann den Abzweig, der direkt zum breiten, ruhig fließenden Abfluss des Stor-Tandsjön führt. Auf diesem könnte man sehr nett zum Rogen paddeln, denke ich, man käme direkt zu der Bucht mit der idyllischen Insel. Klingt verlockend, liegt aber zu weit abseits unserer geplanten Route. Stattdessen laufen wir noch ein Stück weiter, bis wir den eingezeichneten Windschutz am Stor-Tandsjön erreichen. Ziemlich schnell ist uns klar, dass wir hier nicht zelten werden. Alles zu steinig. Deshalb bleibt es bei einer Pause, während der wir überlegen, in welcher Richtung wir einen Übernachtungsplatz suchen wollen. Weder das Nord- noch das Südufer sieht besonders verheißungsvoll aus. Tatsächlich sieht man nicht mal besonders viel vom See, weil Inseln und Landzungen den Blick versperren.



                Am schlauesten wäre es, jetzt die Boote aufzublasen und vom Wasser aus weiter zu suchen. Warum wir das nicht machen? Keine Ahnung. Wahrscheinlich sind wir einfach zu faul. Stattdessen entscheiden wir uns für das Südufer und laufen eine Weile pfadlos durch unebenes, steiniges, krautiges Gelände. Was unsere gute Laune zwar nicht nachhaltig trübt, aber ein bisschen blöd kommen wir uns dabei doch vor. Schließlich könnten wir einfach entspannt paddeln. Habe ich irgendwann gesagt, ich laufe lieber? Der magere Lohn für unsere Mühe ist eine unebene, steinige, krautige Landzunge, die auf den ersten Blick keinen traumhaften Lagerplatz bietet. Auch nicht auf den zweiten. Das hatten wir uns irgendwie anders vorgestellt. Zu allem Überfluss beginnt es leicht zu regnen. Ja, nee, jetzt blasen wir die Boote auch nicht mehr auf, um woanders zu suchen. Bevor der Regen stärker wird, sucht sich jeder eine halbwegs ebene Stelle und beeilt sich mit dem Zeltaufbau. Okay, so schlecht ist es nicht, man liegt hier ganz passabel und hat einen schönen Blick auf den See. Am späteren Nachmittag hört der Regen auf, und die Sonne kommt durch.


                Lagerplatz am Stor-Tandsjön


                07. September: Über den Stor-Tandsjön zum Öster-Vingarna

                Am Abend und in der Nacht zog noch mehr Regen durch, aber dafür sieht der Morgen äußerst vielversprechend aus. Es ist absolut windstill, und die Wolkendecke lässt an manchen Stellen schon blauen Himmel durchschimmern. Wir haben verabredet, dass ich heute wieder ganz früh alleine aufbrechen darf und Tom seinem eigenen Rhythmus folgt. Treffpunkt ist der Windschutz am Öster-Vingarna. Nach dem obligatorischen Frühkaffee packe ich ein sehr nasses Zelt ein, mache mit klammen Fingern das Boot startklar und bin gegen 07:30 Uhr auf dem Wasser. Ein Traum! Kiefern leuchten in der Morgensonne, spiegeln sich im glatten See. Eine tiefe, glückliche Ruhe breitet sich in mir aus. In diesem Moment möchte ich nichts anderes sein als ein Teil dieser Landschaft, verschmelzen mit dem See, mit dem Morgen, dieser schwebenden Stimmung, die sich selbst genug ist, keinen Anfang und kein Ende hat. So lasse ich mich eine Weile nur treiben, bevor ich mit langsamen Paddelschlägen meine Richtung finde.














                Stor-Tandsjön

                Mit aufkommendem Wind werde ich auch aktiver, suche eine Route zwischen Inseln und Landzungen nach Osten. Die richtige Anlegestelle ist schon von Weitem an ein paar kleinen Hütten zu erkennen. Als ich sie erreicht und das Boot an Land habe, überlege ich nicht lange, sondern laufe gleich auf dem gut erkennbaren Pfad hinüber zum Öster-Vingarna. Genau wie bei den Hütten ist auch hier kein Mensch, obwohl dieser Platz ganz perfekt ist. Es gibt einen Windschutz mit Feuerstelle und Klohäuschen, eine flache Anlegestelle und jede Menge ebene Flächen für Zelte. Keine Frage – hier werden wir bleiben.

                Zuerst stelle ich das Zelt zum Trocknen auf, binde das Boot an einen Baum, man weiß ja nie, und melde mich dann bei meiner Frau, denn hier gibt es wieder ein Mobilnetz. Ja, uns geht’s gut, wir erholen uns prächtig … ich schick mal ein Foto, damit ihr daheim ein bisschen neidisch werdet … hehe, hier kann man’s aushalten, und zu warm isses auch nicht.


                Öster-Vingarna

                Irgendwann kommt auch der Tom angeschlendert, wie gewohnt tiefenentspannt, sein blaues Boot unter dem Arm und voller Begeisterung für diesen herrlichen Platz. Den wir jetzt ganz offiziell in Beschlag nehmen. Also, es wäre natürlich noch genügend frei für weitere Zelte, aber sehr stark frequentiert scheint diese Route nicht zu sein.

                Erst später am Nachmittag legt dann doch noch ein Kanadier an, dem elegant ein junges italienisches Pärchen entsteigt. Sehr nett, die beiden, nur behagt ihnen entweder unsere Gesellschaft nicht so ganz oder sie sehnen sich einfach nach mehr Privatsphäre. Jedenfalls lassen sie sich nicht bei uns nieder, sondern erkunden den Pfad zum Stor-Tandsjön. Unser dezenter Hinweis, dass sich dort lange nicht so gute Zeltstellen finden wie hier, bleibt unbeachtet. Ja, sollen sie mal machen wie sie wollen. Weil wir gerade sowieso nichts besseres zu tun haben (und auch ein bisschen neugierig sind), machen wir einen kleinen Nachmittagsspaziergang in ebendiese Richtung und treffen sie ganz zufällig wieder. Nein, sie haben sich noch nicht entschieden, holen erst mal ihr Boot, das muss ja sowieso zum nächsten See getragen werden. Schließlich dämmert uns, dass sie nicht nur wenig, sondern noch überhaupt keine Erfahrung mit dem Zelten in schwedischer Natur haben, dass sie lieber unbeobachtet zum ersten Mal ihr Lager einrichten möchten und auch keine neunmalklugen Ratschläge von den deutschen Oberexperten. Klar, das verstehen wir natürlich. Wenn sie irgendwas brauchen, wissen sie ja, wo sie uns finden.
                Zuletzt geändert von Borgman; 03.05.2021, 04:39. Grund: Fehlerkorrektur

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                • evernorth
                  Fuchs
                  • 22.08.2010
                  • 1498

                  • Meine Reisen

                  #68
                  Hier geht es jetzt auch endlich mal weiter:

                  6.September: Der Tag

                  Fürwahr - wir müssen uns wirklich nicht sputen, denn die heutige Wegstrecke ist sehr überschaubar.
                  Wir schätzen, dass wir wohl kaum länger als 1,5 Stunden für die wenigen Kilometer bis zum Stor Tandsjön benötigen werden. Dazu gehen wir auf einem deutlichen und markierten Pfad, an dessem Ende sich ein Windschutz befinden soll. Vielleicht finden wir dort gute Camp - Plätze und wir können vor dem Windschutz einmal ein Feuer entzünden?
                  So lassen wir uns, bei bestem Wetter, mit dem Aufbruch noch etwas Zeit. Davon haben wir heute wirklich genügend zur Verfügung.
                  Mittlerweile gibt es so eine stillschweigende Übereinkunft zwischen uns: Tiefenentspanntes Abwarten, schauen, was es zu schauen gibt, dann vielleicht ein paar Fotos machen, also nach dem Schauen, und dann meldet sich vielleicht der Hunger, doch zumindest ist es dann wieder Zeit für……einen Kaffee!
                  Bernds Frühstück, gegen 10 Uhr, haben wir bestimmt noch am südlichen Ende des Käringsjöns verbracht, doch ich vermute mal, dass wir erst am späten Vormittag zum Stor Tandsjön aufgebrochen sind. Die Tageszeiten gehen inzwischen so fließend ineinander über, dass ich nur noch rudimentäre Erinnerungen an die einzelnen Zeitabläufe habe.
                  Ich finde das nicht unangenehm, denn mitunter mag ich diese zeitlosen Tagesabschnitte sehr, drücken sie doch für mich den hohen Grad an tiefer Entspannung aus, ganz nach dem Credo: „After action….satisfaction“.

                  Nun, was soll ich sagen: Kaum sind wir wieder auf dem Weg und haben uns gerade mal ein wenig eingelaufen, stehen wir auch schon vor dem Windschutz am Stor Tandsjön. Etwas enttäuscht müssen wir feststellen, dass wir hier leider keine schönen Camp - Stellen vorfinden.
                  Deshalb entscheiden wir uns spontan, noch etwas weiter weglos bis zum Ende der südlichen Bucht zu marschieren, um auf einer kleinen Landzunge nach geeigneten Plätzen zu suchen. Warum wir uns für die südliche Bucht entschieden haben? Keine Ahnung. Ging es am Nordufer vielleicht „bergauf“?? Wohl kaum.
                  Ja, und warum sind wir nicht einfach zum Erkunden in die Boote „gesprungen“?
                  Könnte mit der „inneren Programmierung“ auf „zu Fuß laufen / wandern“ zusammenhängen.
                  Jedenfalls bleiben die Boote unbenutzt auf dem Rucksack.
                  Krautig soll es gewesen sein? War es das nicht immer, jedenfalls mehr oder weniger?
                  Wie dem auch sei, der Lohn unseres kleinen Ausflugs ist eher ernüchternd, auch wenn ein jeder schon nach kurzer Zeit fündig wird und bereits Augenblicke später die Zelte stehen.
                  Dabei soll es auch noch geregnet haben? War das so? Regen? Hmm….meine Erinnerung lässt doch zu wünschen übrig…..Regen?
                  Nun, mag sein, doch am Ende verbringen wir einen unbeschwerten, späten Nachmittag, bei herrlich - sonnigem Wetter.
                  In unmittelbarer Nähe meines Zeltes befindet sich ein feuchtes und pilziges Micro - Biotop, inmitten eines umgestürzten ,offenen Baumstammes, in dem sich kleine, stielige Pilze offenbar richtig wohl fühlen. Ich schaue fasziniert in meinen natürlichen „Balkon - Kasten“:




                  Feucht - Biotop



                  Camp am Stor Tandsjön

                  Als die Sonne langsam hinter den Baumwipfeln untergeht, teilt mir Bernd noch mit, dass er wieder früh aufbrechen will.
                  Der Weg über den Stor Tandsjön führt durch ein regelrechtes Insel - Gewirr, an dessen nordwestlichen Ende eine? Hütte liegen soll. Von hier geht ein kurzer Weg hinüber zum Öster Vingarna, mit einem weiteren Windschutz. Hier wollen wir uns am Nachmittag des 7. September treffen.
                  Insgeheim denke ich allerdings daran, in aller Frühe und zusammen mit Bernd aufzubrechen.
                  Davon sage ich ihm aber noch nichts, denn diesmal will ich ihn einfach mal „überraschen“.




                  Stor Tandsjön

                  7. September: Über den Stor Tandsjön zum Öster Vingarna

                  Als ich aufwache ist es noch sehr früh am Morgen. Na, fein, das hat ja schon mal prima geklappt und dazu noch ganz ohne Wecker.
                  Es ist ganz still und von Bernds Zelt dringt nicht ein Laut zu mir herüber. Wunderbar, dann kann ich jetzt meine „Aufbruchs-Maschinerie“ in Gang setzen. Noch schnell zum Pieseln, denke ich, und schwinge mich, mehr oder weniger behände, aus dem Zeltausgang.
                  Sogleich umgibt mich ein goldenes Morgenlicht, während meine Füße die wenigen Schritte in Angriff nehmen, die sich mein noch schlafendes Hirn für den nächsten Baum überlegt hat.
                  Da knackt es ein wenig abseits auf dem krautigen Untergrund und ein hellwacher und bestens gelaunter Bernd betritt meine gerade gewählte, sonnenbeleuchtete Piesel - Lichtung.
                  „Ach, du bist schon wach, da hätten wir ja zusammen…., na, hab schon Kaffee getrunken, ich will gleich los, in 30 Minuten bin ich weg,“ spricht mich Bernd an.
                  „A…so, ja, nun, das ist mir dann doch…..äh, etwas zu…äh…früh“, druckse ich herum.

                  So kommt es dann auch und gegen 7.30 Uhr legt Bernd mit seinen leuchtend - gelben Alpha vom Ufer ab und gleitet auf dem spiegelglatten Stor Tandsjön mitten hinein in die phantastische Inselwelt.
                  Etwas „bedröppelt“ schaue ich ihm hinterher.
                  „Bis später,“ höre ich ihn noch rufen, und schon kurz darauf ist er um die nächste Landzunge verschwunden.
                  Also war es doch nicht mehr ganz so früh, wie ich nach dem Aufwachen angenommen hatte.

                  Merke: Wenn du morgens in der Frühe erwachst, hat Bernd schon alles für den Aufbruch gemacht.


                  Vielleicht hält sich deshalb meine Ernüchterung in Grenzen und ich beginne damit, diesen zauberhaften Morgen in Bildern festzuhalten:






                  Morning glory




                  Etwa zwischen 9 Uhr und 9.30 Uhr lege auch ich mit dem Alligator vom Ufer ab. Der große Zauber, wie in den frühen Morgenstunden, ist es nun nicht mehr, aber immer noch phantastisch genug, um mich das eine, oder andere Mal staunen zu lassen.
                  Wind ist heute definitiv kein Problem und so gleite ich still und geschmeidig durch die wundervolle Inselwelt des Stor Tandsjön.
                  Die Orientierung ist anfänglich leicht und erst, als die Inseln wieder größer und teilweise nicht mehr so leicht von Landzungen abzugrenzen sind, muss ich doch öfter mal die Karte zu Rate ziehen.
                  Schließlich dämmert es mir aber doch, dass ich wohl schon zu weit südlich gepaddelt bin und so muss ich wieder in kleines Stück zurück paddeln.
                  Dann bin ich aber richtig und kann ein paar Hütten am Ufer ausmachen.

                  Nach einer kurzen Pause finde ich schnell den Pfad und kaum bin ich so richtig in Bewegung gekommen, da erscheint auch schon das Wasser des Öster Vingarna, ein Windschutz, ein gelbes Alpha und Bernd selbst, der gerade seiner Frau ein Foto geschickt hat.
                  „Hier gibt es Netzempfang“, informiert er mich auf der Stelle.
                  Ein toller Platz ist das, ich bin begeistert.
                  Hier bleiben wir auch allein, nachdem ein ankommendes Kanadier - Boot mit junger, italienischer Besatzung doch einen Platz etwas weiter entfernt und außer Sichtweite bevorzugt.
                  Da solo nel deserto per la prima volta….sagt man das so auf Italienisch?

                  Wie dem auch sei, irgendwann geht auch dieser phantastische Tag dem Ende entgegen.
                  Ein letzter Tag auf dem Wasser liegt vor uns, danach geht es nur noch zu Fuß zurück zu unserem Ausgangspunkt und zurück zum Auto nach Käringsjön.




                  Windschutz am Öster Vingarna









                  Camp am Öster Vingarna



                  My mission in life is not merely to survive, but to thrive; and to do so with some passion, some compassion, some humor and some style. Maya Angelou

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                  • Bergahorn
                    Erfahren
                    • 13.04.2019
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                    • Meine Reisen

                    #69
                    Wie schön, dass ihr Packraft-Poeten wieder in Gang gekommen seid, ich war fast schon versucht, hier eine Abhandlung zum Unterschied von Langsamkeit und Stillstand in die Tasten zu hauen, um ein wenig positiven Druck zu machen...
                    Traumhafte Bilder, ich kann mich an den sonnenbeschienenen regenschwangeren Wolken ähnlich berauschen wie an diesem fantastischen Morgenlicht.
                    Und die nette Kombi von Lerche und Eule auf Tour bringt zusätzliches Lesevergnügen!

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