[SE/NO] Nordwärts. Grövelsjön, Glaskogen. Traum und Alptraum.

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  • andrea2
    Dauerbesucher
    • 23.09.2010
    • 773

    • Meine Reisen

    #21
    Wie schön, dass es weiter geht. Ich bin gespannt welche Runde es wird.

    Ich hab das Grøtådalen gar nicht so matschig in Erinnerung. Haben wir den Weg suchen müssen? Ich glaube nicht, aber dazu müsste ich meinen eigenen Reisebericht lesen. Ist ja nun schon ein paar Jahre her. Aber welchen Weg ihr nehmt ist letztlich nicht so wichtig, Hauptsache ihr habt eine schöne Wanderung.

    Zitat von agricolina Beitrag anzeigen
    Aus dem schwarzen Hundeknäuel, das warm an meine Beine drückt, kommt ab und zu ein tiefer Schnaufer.


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    • Mika Hautamaeki
      Alter Hase
      • 30.05.2007
      • 3945

      • Meine Reisen

      #22
      Solltest Du nochmal in die Gegend kommen, auf jeden Fall das Grötadalen mitnehmen. Vor allem der Zeltplatz derin Andreas und meinem Bericht erwähnt wird, ist ein Traum.
      So möchtig ist die krankhafte Neigung des Menschen, unbekümmert um das widersprechende Zeugnis wohlbegründeter Thatsachen oder allgemein anerkannter Naturgesetze, ungesehene Räume mit Wundergestalten zu füllen.
      A. v. Humboldt.

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      • Mika Hautamaeki
        Alter Hase
        • 30.05.2007
        • 3945

        • Meine Reisen

        #23
        Zitat von andrea2 Beitrag anzeigen
        Wie schön, dass es weiter geht. Ich bin gespannt welche Runde es wird.

        Ich hab das Grøtådalen gar nicht so matschig in Erinnerung. Haben wir den Weg suchen müssen? Ich glaube nicht, aber dazu müsste ich meinen eigenen Reisebericht lesen. Ist ja nun schon ein paar Jahre her. Aber welchen Weg ihr nehmt ist letztlich nicht so wichtig, Hauptsache ihr habt eine schöne Wanderung.


        Andrea, bei meinen drei Besuchen im Grötadalen war der Bereich in der Nähe des Stor Svuku (Grötadalsaetra) ziemlich sumpfig. Weiter Richtung Grövelsjön (Süden) wurde es sehr schnell deutlich trockener, selbst beim ersten Mal (2001) im Dauerregen war es unproblematisch.
        So möchtig ist die krankhafte Neigung des Menschen, unbekümmert um das widersprechende Zeugnis wohlbegründeter Thatsachen oder allgemein anerkannter Naturgesetze, ungesehene Räume mit Wundergestalten zu füllen.
        A. v. Humboldt.

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        • agricolina
          Erfahren
          • 05.05.2016
          • 146

          • Meine Reisen

          #24
          Zitat von andrea2 Beitrag anzeigen

          Ich hab das Grøtådalen gar nicht so matschig in Erinnerung.
          In deinem Bericht ist es auch nicht matschig gewesen, ich hatte den nochmal nachgelesen. Ich hatte nur Sorge, weil ich einfach nicht wusste, was mich erwartet.

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          • agricolina
            Erfahren
            • 05.05.2016
            • 146

            • Meine Reisen

            #25
            Zitat von Mika Hautamaeki Beitrag anzeigen
            Solltest Du nochmal in die Gegend kommen, auf jeden Fall das Grötadalen mitnehmen. Vor allem der Zeltplatz der in Andreas und meinem Bericht erwähnt wird, ist ein Traum.
            Das mache ich auf jeden Fall, ich habe nach der Rückkehr eure Berichte nochmal nachgelesen und mich so geärgert, dass ich nicht einfach wie geplant durchgelaufen bin...

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            • agricolina
              Erfahren
              • 05.05.2016
              • 146

              • Meine Reisen

              #26
              Zitat von Bergahorn Beitrag anzeigen
              Wunderbar, dass es nun endlich weitergeht!!!
              Ich kann mir gut Cocos Enttäuschung vorstellen, weil sie die Rentiere nicht hüten durfte. Echt gemein!
              Die vielen Steine sind mit Sicherheit versteinerte ehemalig am Rucksack von Steinzeit-Trekkern baumelnde Gepäckstücke, die sie zwecks ul abgeworfen haben. Alles Chairkits... Würde ich ja nie mitschleppen, da mache ich lieber Sitzorigami. Aber wunderbar, wenn es für dich passt!
              Freu' mich auf die Fortsetzung!
              Sitzorigami...

              Ja, das mit den Rentieren... Ich hab sie zwischendrin auch mal von der Leine gelassen, ich konnte gar nicht so schnell schauen, wie die den Hang hinauf geflitzt ist, über Stock und Stein zu einem winzigen Punkt wurde und irgendwo am Horizont nach ein paar Schreckminuten dann wieder aufgetaucht ist. Da waren aber keine Rentiere schuld und in der Nähe, sondern einfach dieser aufgestaute Bewegungsdrang vom ewigen Leinelatschen. Die will halt rennen. Da muss ich mir echt was überlegen zwischendrin.
              Zuletzt geändert von agricolina; 31.01.2021, 17:28.

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              • agricolina
                Erfahren
                • 05.05.2016
                • 146

                • Meine Reisen

                #27
                Zitat von Fjellfex Beitrag anzeigen
                YEAH! Es geht weiter....
                Donnerwetter; 10:45 Aufbruch... voll krass.
                Hihi , ja, im Urlaub stehe ich extra früh auf

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                • agricolina
                  Erfahren
                  • 05.05.2016
                  • 146

                  • Meine Reisen

                  #28
                  Zitat von evernorth Beitrag anzeigen
                  Und so ein schickes Zelt (kommt mir irgendwie bekannt vor )!
                  Ich freue mich.
                  Danke
                  Ja, das Zelt hat sich echt bewährt. Warm und ich fühle mich auch bei Wind echt sicher. Einzig fetter Minuspunkt ist das Ein- und Aussteigen bei Regen, finde ich. Ich werde nass vom Eingang und das Innenzelt auch, wenn ich es nicht vorher aushänge und nach hinten schiebe. Und das Ein- und Aushängen des Innenzeltes ist echt grottig mit den winzigen Schnallen, wenns mal nötig ist. Da breche ich mir fast die Finger, das ist ein böses Gewurschtele. Hattest du das modifiziert bei dir?

                  Kommentar


                  • agricolina
                    Erfahren
                    • 05.05.2016
                    • 146

                    • Meine Reisen

                    #29
                    Dienstag, 27.8. Brücke Grøvelåa - Hävlingen
                    ca. 13 km




                    Weiter geht's...

                    Es geht stetig bergan. Buschwerk, Wäldchen, Steine, auf gutem Weg.
                    Immer mal wieder dieses herrliche grüne Moos, völlig unwirklich.


                    Klicke auf die Grafik für eine vergrößerte Ansicht  Name: IMG_4188.JPG Ansichten: 0 Größe: 191,0 KB ID: 3017375

                    Zeit, mal nachzudenken. Hab ich mir das hier so vorgestellt? Nö. Ich hatte nur die Berichte und Bilder im Kopf. Keine Vorstellung, wie sich das anfühlt. Wie die Luft ist. Tatsächlich glaube ich, hier freier zu atmen. Will ich das hier so machen? Absolut! Aber so der meditative Spirit – ichdenkeübermeinlebennachundkommezuwichtigenerkenntnissen – glänzt durch völlige Abwesenheit. Es ist alles zu neu. Und, ganz ehrlich: Das Jetzt und Hier strengt mich auch ziemlich an.

                    Klicke auf die Grafik für eine vergrößerte Ansicht  Name: DSC00733.JPG Ansichten: 0 Größe: 133,1 KB ID: 3017376
                    Klicke auf die Grafik für eine vergrößerte Ansicht  Name: IMG_4187.JPG Ansichten: 0 Größe: 162,0 KB ID: 3017396

                    Es geht zurück über den Grenzzaun nach Schweden, dann ist irgendwann die Hochebene erreicht. Da rechts ragt der Steinhaufen des Pråatha hoch, an dessen steiler Nordflanke der Weg entlang führt. Hatte ich schon mal was von Steinen erwähnt? Gestern, erkenne ich steinschlagartig, war's nicht steinig. Ganz und gar nicht. Nicht im Vergleich zu jetzt.

                    Jetzt ist es steinig (denke ich da noch, ich doofer Frischling...) Es weht ein strammer Wind aus West, zum Glück von hinten. 6/8tel Bewölkung habe ich notiert, es ist frisch, ideales Laufwetter. Kein Windschutz hier oben weit und breit. ​​​​​Unweit der verlassenen Hütten und der Rentiergehege am Grötvallsjön machen wir Pause in einer kleinen Bodensenke an einem Bach, halbwegs im Lee. Coco frisst ihre 2 Riegel Trockenfleisch und schläft sofort ein. Hmmm, vielleicht doch zu anstrengend mit den Satteltaschen...? Nach einem heißen Süppchen geht es weiter. Wir haben heute noch keinen Menschen getroffen.

                    Hier oben komme ich mir vor wie auf einem anderen Planeten, voller Glück über die Begegnung mit einem Lebewesen meiner Größe fotografiere ich sogar ein einsames Bäumchen.

                    Klicke auf die Grafik für eine vergrößerte Ansicht  Name: IMG_4189.JPG Ansichten: 0 Größe: 158,1 KB ID: 3017379
                    Es lebt!


                    Es kommt mir endlos vor. Dabei sind es nur vier Kilometer, bis Hävlingen in Sicht kommt und der Hang sich neigt.

                    Klicke auf die Grafik für eine vergrößerte Ansicht  Name: DSC00734.JPG Ansichten: 0 Größe: 130,9 KB ID: 3017397


                    Durch Birkenwäldchen geht es dann endlich abwärts über Stock und Stein.

                    Klicke auf die Grafik für eine vergrößerte Ansicht  Name: IMG_4184.jpg Ansichten: 0 Größe: 200,0 KB ID: 3017385
                    Klicke auf die Grafik für eine vergrößerte Ansicht  Name: IMG_4185.jpg Ansichten: 0 Größe: 189,3 KB ID: 3017386

                    Klicke auf die Grafik für eine vergrößerte Ansicht  Name: IMG_4191.jpg Ansichten: 0 Größe: 344,8 KB ID: 3017387
                    Klicke auf die Grafik für eine vergrößerte Ansicht  Name: IMG_4193.jpg Ansichten: 0 Größe: 246,4 KB ID: 3017390
                    Zum ersten Mal in meinem Leben sehe ich wild wachsende Preiselbeeren...


                    Am Abzweig unten nehme ich den Schlenker Richtung Hävlingenstugorna und überlege kurz - aber eigentlich ist mein Ziel ja mindestens die andere Seeseite. Sind ja nur noch drei Kilometer, denke ich, aber die haben es in sich. Es ist kein schöner entspannter Weg am See entlang, sondern ein einziges Auf und Ab – wenn auch mit verheißungsvollen Ausblicken.


                    Klicke auf die Grafik für eine vergrößerte Ansicht  Name: DSC00738.JPG Ansichten: 0 Größe: 201,1 KB ID: 3017382

                    Drei forsche junge Männer mit Rucksäcken begegnen mir, als ich die Brücke auf die andere Seeseite quere. Knapper Gruß, Hej! Hej!, und weiter. Die einzigen Begegnungen heute.
                    Dann endlich, endlich der angepeilte Windschutz.

                    Klicke auf die Grafik für eine vergrößerte Ansicht  Name: DSC00739.JPG Ansichten: 0 Größe: 187,8 KB ID: 3017383
                    Ein verschlossenes Häuschen, ein alter und ein neuer Bootsanlegesteg, weiter oben im Wald ein – offenes – Toilettenhäuschen, eine Mülltonne.

                    So steht's in meinem Aufschrieb von diesem Tag:
                    „Was für eine Quälerei! Aber am Ende finden wir einen Platz, wie er traumhafter nicht sein könnte.“

                    Klicke auf die Grafik für eine vergrößerte Ansicht  Name: DSC00736.JPG Ansichten: 0 Größe: 193,3 KB ID: 3017384
                    Klicke auf die Grafik für eine vergrößerte Ansicht  Name: IMG_4198.JPG Ansichten: 0 Größe: 189,4 KB ID: 3017389

                    Ein wunderbares Plätzchen für mein Zelt mit Seeblick und ein privater Badeplatz ganz für mich alleine. Gut, ein paar Zeltnachbarn habe ich doch...

                    Klicke auf die Grafik für eine vergrößerte Ansicht  Name: IMG_4199.JPG Ansichten: 0 Größe: 232,3 KB ID: 3017394
                    Zeltnachbarn

                    Kaum steht das Zelt, schmeiße ich alles von mir und tauche ins Wasser.

                    Klicke auf die Grafik für eine vergrößerte Ansicht  Name: DSC00737.JPG Ansichten: 0 Größe: 183,9 KB ID: 3017391
                    Badezimmer

                    Es ist kalt, aber nicht eisig - ist auch ganz egal. Endlich sauber! Die Sonne ist noch so warm, dass sie mir das Wasser auf der nackten Haut noch trocknet. Abendessen gibt es auf Bank und Tisch im Windschatten an der Hütte. Mir geht es gut. Ich bin kaputt, aber satt und sauber. Glücklich? Viel fehlt nicht jedenfalls nicht.

                    Klicke auf die Grafik für eine vergrößerte Ansicht  Name: IMG_4194.JPG Ansichten: 0 Größe: 171,1 KB ID: 3017392
                    Sauber!

                    Klicke auf die Grafik für eine vergrößerte Ansicht  Name: IMG_4197.JPG Ansichten: 0 Größe: 174,3 KB ID: 3017393
                    Gleich satt!

                    Coco hat wieder wenig gefressen und sich sofort ins Zelt verzogen. Macht mir ein wenig Sorgen...

                    Klicke auf die Grafik für eine vergrößerte Ansicht  Name: IMG_4200.JPG Ansichten: 0 Größe: 120,1 KB ID: 3017395

                    Und dann dämmert es ganz langsam.
                    Aber allmählich steigt ein ungutes Gefühl in mir hoch. Irgendwas stimmt hier ganz und gar nicht.



                    Angehängte Dateien
                    Zuletzt geändert von agricolina; 31.01.2021, 19:10. Grund: ordografie

                    Kommentar


                    • Blahake

                      Dauerbesucher
                      • 18.06.2014
                      • 855

                      • Meine Reisen

                      #30
                      Oh, so schön! Das grüne Moos, die Weite, der Sonnenuntergang!

                      Dass "
                      der meditative Spirit – ichdenkeübermeinlebennachundkommezuwichtigenerkenntnissen" ausbleibt, finde ich persönlich nicht schlimm. Ich habe den nie vermisst, lenkt doch sonst viel zu sehr vom hierundjetztdaslebengenießen ab!

                      "
                      ... allmählich steigt ein ungutes Gefühl in mir hoch. Irgendwas stimmt hier ganz und gar nicht. "

                      Geht das hier in diesem Forum jetzt überhaupt nicht mehr ohne diese nervenaufreibenden Cliffhanger?? Wie soll eine alte Frau diese Spannung aushalten??

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                      • agricolina
                        Erfahren
                        • 05.05.2016
                        • 146

                        • Meine Reisen

                        #31

                        Frau muss doch das Publikum dabei halten, die Konkurrenz ist gerade riesig...
                        Putorana, Jämtland, Packrafter am Rogen und in Finnland, jede Menge Sarek, und Angsthasen hoppeln da auch immer wieder durch...

                        Ich komme gar nicht hinterher mit Lesen und neuen Wunschzielen, also mal ausgenommen das Putorana...

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                        • evernorth
                          Fuchs
                          • 22.08.2010
                          • 1497

                          • Meine Reisen

                          #32
                          Servus agricolina,

                          in meiner bescheidenen Rückschau meiner Touren stelle ich da auch ein gehöriges Missverhältnis fest, zwischen
                          „ichdenkeübermeinlebennachundkommezuwichtigenerkenntnissen“ und der knallharten Erkenntnis: In 95% meiner Tour - Zeit bin ich einfach im Hier und Jetzt. Am Anfang fand ich das immer sehr schade, ja enttäuschend. Inzwischen sehe ich es als einen riesigen Gewinn. Ist es nicht genau das, was wir? dort (draußen) wirklich suchen? Ich bin damit derweil sehr einverstanden und genieße es sehr, in meinen Gedanken weit weg von meinem Alltag zu sein.

                          Ja, so ein Cliffhanger....der funktioniert doch wieder sehr gut. Da bin ich sehr gespannt.

                          Zitat von agricolina Beitrag anzeigen

                          Danke
                          Ja, das Zelt hat sich echt bewährt. Warm und ich fühle mich auch bei Wind echt sicher. Einzig fetter Minuspunkt ist das Ein- und Aussteigen bei Regen, finde ich. Ich werde nass vom Eingang und das Innenzelt auch, wenn ich es nicht vorher aushänge und nach hinten schiebe. Und das Ein- und Aushängen des Innenzeltes ist echt grottig mit den winzigen Schnallen, wenns mal nötig ist. Da breche ich mir fast die Finger, das ist ein böses Gewurschtele. Hattest du das modifiziert bei dir?
                          Zum Chinook: Beim Ein- und Aussteigen bei Regen versuche ich, mich - mehr oder weniger - „galant“ aus dem nicht ganz geöffneten Eingang „hinaus zu winden“. Das gibt in der B - Note meist Punkt - Abzug.
                          Meistens regnet es ja nicht....
                          Da es ja nur einen Haken hat, habe ich den auch fast immer vorher bereits ausgehängt. Also: Aushängen bringt`s.
                          Ja, die winzigen Steckschnallen sind ein Gräuel. Zum Glück hänge ich das Innenzelt eigentlich nie aus, es trocknet auch so im Nu. Sonst hätte ich mir da sicherlich was einfallen lassen.
                          My mission in life is not merely to survive, but to thrive; and to do so with some passion, some compassion, some humor and some style. Maya Angelou

                          Kommentar


                          • agricolina
                            Erfahren
                            • 05.05.2016
                            • 146

                            • Meine Reisen

                            #33
                            Erkenntnis von Hävlingen

                            Klicke auf die Grafik für eine vergrößerte Ansicht  Name: IMG_4206.jpg Ansichten: 0 Größe: 66,8 KB ID: 3019247

                            Langsam verliert der Himmel seine Farbe. Das orangene Leuchten ermattet. Fahle Kälte steigt hoch, die Steine im spiegelglatten Wasser werfen lange Schatten auf der Oberfläche und verwandeln sich in bewegungslose schwarze Seeungeheuer. Absolut nichts ist zu hören. Kein Windhauch, kein Rascheln in den Blättern der Bäume, kein sanftes Plätschern am Ufer, kein Vogel zwitschert, kein Tier ruft. Es ist totenstill.

                            Ich sitze in einer völligen Traumkulisse, aus der jedes Leben gewichen scheint. Die Stille darin trifft mich mit einem Mal wie ein Fausthieb. Was hab ich mir Ruhe gewünscht. Keinen Zivilisationslärm mehr hören, keine ständige Geräuschkulisse, weg von allem sein - das war einer der Wünsche, den ich an diese Tour hatte. Ich liebe es, allein unterwegs zu sein. Und jetzt habe habe ich den Salat und bin der Situation ganz offensichtlich psychisch nicht gewachsen. Damit hätte ich nie gerechnet.

                            Klicke auf die Grafik für eine vergrößerte Ansicht  Name: IMG_4203.JPG Ansichten: 0 Größe: 76,5 KB ID: 3019267

                            So sehr ich auch die Ohren spitze: Es ist nichts zu hören. Gar nichts. Außer dem Rauschen in meinen Ohren. Als ob jemand den Ton in meinem Leben abgeschaltet hätte. Panik steigt in mir hoch, absurde Gedanken, alle möglichen Horrorszenarien, was, wenn...? Es gibt keinen Netzempfang weit und breit, ich habe keinen Notfallsender dabei, niemand weiß, wo ich bin. Was tue ich hier? Bin ich verrückt? Und fange ich jetzt an, Stimmen zu hören? Was ist das? Kommt da jemand? Was plätschert da? Ich starre ich die Dämmerung und zweifle an meinem Verstand.

                            Bis ich irgendwann verstehe: Es plätschert tatsächlich da auf dem See. Und ab und zu sind entfernte Rufe zu hören zu hören, Und ich sehe zwei kleine hüpfende Lichter, weit links am Ufer. Es müssen Angler sein, die in Ruderbooten da drüben in Ufernähe unterwegs sind. Ihre Rufe und das Eintauchen der Ruder ins Wasser werden durch die Stille zu mir herübergetragen. Noch nie war ich so froh, andere Menschen irgendwo in der Nähe zu wissen.

                            Im Nachhinein denke ich, dass es vielleicht auch die körperliche Anstrengung war, die mir in Kombination mit dieser völlig unerwarteten Stille da für ein paar lange Momente so schwer zu schaffen machte. In den Schlafsack, schwere Gedanken gewälzt. So in der Art: Wenn uns die Götter strafen wollen, erhören sie unsere Gebete.



                            28.8. Hävlingen - Storrödtjärnstugan

                            Am nächsten Morgen ist es immer noch außerirdisch still. Wo sind hier die Vögel, die bei uns die Morgendämmerung begrüßen? Wenigstens hab' ich Coco bei mir. Wir gehen erstmal Blaubeeren und Gedanken sammeln. Beim Frühstück notiere ich: „Ich vermisse Gesellschaft und Geräusche von Menschen. Hätte ich nicht gedacht.“ Meine Stimmung ist so lauwarm. Wenigstens ist das Wetter gut.

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                            Bisher bin ich ganz schön hinter meinen Planungen und Erwartungen an mich zurückgeblieben. Tagesziel sollte eigentlich heute der Rogen sein, der Windschutz am äußersten Südzipfel. Aber es dauert ewig, bis ich loskomme. Das Zelt ist außen patschnass und will nicht recht trocknen. Das Innenzelt abzumachen ist ein Gemurkse, also lasse ich es dran und rolle alles nass ein. Na ja. Hauptsache Aufbruch.

                            Dann geht es aber doch überraschend gut. Das Stimmungstief verfliegt. Der schöne Weg führt durch herrlichen Birkenwald hinauf, ist nur mäßig steinig. Immer wieder kommt die Sonne durch. Und die Querungen über die Bäche sind auch alle begehbar.

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                            Als ich um eine Ecke biege, sitzt eine ältere Frau (also noch älter als ich, muss mich erst noch daran gewöhnen, dass ich das ja auch bin) da. Den Rucksack neben sich und sichtlich erschöpft. Ich mache Trinkpause (ACHTUNG!), wir reden ein bisschen. Sie ist Schwedin (endlich mal eine Einheimische, juhu), warnt mich vor dem Weiterweg. Steine über Steine, sie habe eine halbe Stunde pro Kilometer gebraucht.

                            Hmmmm. Ich werde schon wieder skeptisch. Gut, sie ist ja schon deutlich älter als ich und sieht auch eher zerbrechlich aus. Aber meine Bedenken verfliegen schnell. Ich finde das Gehen in Ordnung, der Weg ist ein markierter Winterweg und macht mir richtig Spaß.

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                            Als die Birken zurückweichen und es Richtung Slagusjön auf endlosem Plankenweg hinauf geht, empfängt mich oben schneidender Wind.

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                            Die Schutzhütte Slagusjön kommt da zum Aufwärmen und Tee kochen gerade recht. Da merke ich, dass mir meine kleine Trinkflasche fehlt. Mist. Das muss bei dem Schwätzchen mit der Schwedin passiert sein.

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                            Die Schaufeln geben mir zu denken...

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                            Endlich mal aus dem Wind raus...


                            Der Himmel wird zusehends grau, die blauen Löcher werden weniger, die Wolken dunkler und dicker. Die drei Kilometer zur Störrodtjärnstugan gehen dann tatsächlich über ein endloses Steinfeld, das kostet mich fast zwei Stunden. Nicht zu fassen. Markierungen sehe ich keine mehr, aber die Richtung ist eh klar. Dann erwischt es mich: Beim Klettern auf eine hüfthohe Steinplatte verliere mit dem schweren Rucksack das Gleichgewicht, es schlägt mich in die Steine. Nichts passiert, der Schreck sitzt trotzdem. Die ersten dicken Tropfen fallen, als ich die Hütten erkennen kann.


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                            Mein Rogen-Plan kommt ins Wanken. Es ist erst früher Nachmittag, aber das Wetter sieht nicht toll aus. Vielleicht doch hier bleiben? So eine Hütte wäre doch auch eine Premiere. Aber mit Hund?

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                            Alles kein Problem. Der Entschluss fällt sofort, nachdem mich die Hüttenwartin Ina begrüßt hat – mitsamt ihrem kläffenden kleinen Hund. Außer mir ist niemand da. Links ist der Raum für die Menschen mit Hund, rechts für die ohne Hund, und in der Mitte das Zimmerchen von Ina. Ich nehme ein 4-er-Schlafabteil großflächig in Beschlag, hänge die nassen Sachen auf, schaue mich um und lasse mir von Ina alles erklären.

                            Klicke auf die Grafik für eine vergrößerte Ansicht  Name: IMG_4222.jpg Ansichten: 0 Größe: 122,6 KB ID: 3019259 Klicke auf die Grafik für eine vergrößerte Ansicht  Name: Schlafabteil.JPG Ansichten: 0 Größe: 195,5 KB ID: 3019263

                            Wasser holen, Holzhäuschen, Toilettenhäuschen, Vorratsschrank. Strom gibt es nicht. Zuerst muss ich aber bezahlen. Und da haut es mich fast aus den Schlappen. Ein Fünfziger für eine Nacht! Hola. Egal. Ich habe Urlaub, draußen regnet es, mein Zelt ist nass. Da gibt es nichts zu Überlegen. Höchstens, ob ich gleich hier noch in den STF eintrete, dann wird's etwas billiger. Aber eigentlich habe ich nicht vor, noch mehr Hütten zu benutzen, also lasse ich es erst einmal. Ich zahle bar, anders geht's hier nicht. Ina holt einen dicken Ordner aus dem Regal und vergleicht einzeln die Geldscheine mit den Abbildungen. Es gibt offenbar neue Scheine und ich habe noch alte - oder andersrum? Jedenfalls werden meine Scheine angenommen.

                            Im Lauf des Nachmittags trudeln noch drei Belgier und zwei ältere schwedische Pärchen ein. Coco bellt pflichtschuldig bei jedem Neuankömmling, das ist mir total peinlich. Aber Ina, die ihren ebenso aufmerksamen wie lautstarken Kläffer in ihr Zimmer sperrt, wenn neue Gäste kommen, sagt nur: No problem. People talk, dogs bow. Ich mag Ina.

                            Mutig springe ich später noch in einer Regenpause in den See hinter der Stugan. Kalt. Aber ich bin sauber! Als ich zurück in die Hütte komme, strahlen mich alle an. Offenbar konnte man meinen Badeplatz doch von der Hütte aus einsehen, wie ich feststelle... naja, wenn's schon kein Fernsehprogramm gibt...

                            Und dann gönne ich mir aus dem Vorratsschrank eine Dose Köttbullar, die es mit KaPü gibt und dem teuersten Preiselbeerpäckchen meines Lebens. Aber Köttbullar muss man mit Preiselbeeren essen, hat mir Ina erklärt. Dann mache ich das auch so.


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                            Am Abend bullert der Ofen, die Kerze flackert, der Hund schläft und sitze noch lange am Tisch und denke über meine Angst vor der ohrenbetäubenden Stille gestern und den Tag heute nach, der sich nach den morgendlichen Zweifeln am ganzen Tourprojekt immer besser entwickelt hat. Ich bin überhaupt nicht weit gekommen, gerade mal zehn Kilometer. Aber ich bin rundum zufrieden mit dem Tag und meiner Entscheidung. Und ich finde es fantastisch hier drin, trocken und warm inmitten der der nassen Steinwüste draußen und dem Nebel, der über allem hängt.

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                            Angehängte Dateien
                            Zuletzt geändert von agricolina; 08.02.2021, 01:04.

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                            • Bergahorn
                              Erfahren
                              • 13.04.2019
                              • 176

                              • Meine Reisen

                              #34
                              Mensch, da hast du ja eine literarische Perle in die Tasten gehauen, schade, dass du im entscheidenden Moment die zauberhafte Stimmung, die du so gekonnt beschreibst, nicht genießen konntest. Wahrscheinlich wirklich noch "Altlasten" des Alltags, die da in deinem Gemüt für Unruhe sorgten, denn eigentlich ist doch dieser Moment der absoluten Ruhe quasi "zwischen zwei Atemzügen" (die Natur atmet etwas langsamer als unsereins ) etwas ganz Wunderbares und es ist ein Geschenk, ihn erleben zu dürfen. Offensichtlich aber wohl nicht immer - sehr ehrlich, dass du das nicht verschweigst! Aber schön, dass der Tag dann besser wurde und du sicher in der Hütte gelandet bist! Freue mich auch ohne (!) Cliffhanger sehr auf die Fortsetzung!!!

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                              • Fjellfex
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                                • 02.09.2016
                                • 552

                                • Meine Reisen

                                #35
                                Das mit dem Stimmungstief war wohl nur schlechte Tagesform. Normalerweise freut man sich doch wie Rumpelstilzchen, wenn man sowas erlebt.
                                Der Spaten beim Rastschutz dient natürlich nicht der Entsorgung allfälliger Leichen! Dem STF ist klar, daß die Übernachtungspreise schon ziemlich gesalzen sind, und deshalb wird durch Positionierung von Spaten den Leuten Gelegenheit zum Goldgraben gegeben, damit sie sich vielleicht sogar mehrere Übernachtungen leisten können.
                                Eine andere Möglichkeit, die Urlaubskasse aufzubessern, ist der Verkauf verfänglicher Bilder... und deshalb haben deine Mitbewohner auch so gestrahlt. Nebenbei ein schönes Kompliment für dich: mit Fotos von mir wären bei denen weitere Zeltnächte angesagt....

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                                • Mortias
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                                  • 10.06.2004
                                  • 1018

                                  • Meine Reisen

                                  #36
                                  Finde es auch ziemlich interessant zu lesen, wie Du diese Beklommenheit in der abendlichen Stille beschreibst. Da hast Du einen traumhaften Sonnenuntergang, asolute Stille und ein super idyllisches Naturerlebnis. Eigentlich ist sowas ja geradezu dafür gemacht um wirklich tiefes Glück und Zufriedenheit zu empfinden. Aber Du schreibst dann, dass Du Dich dabei unwohl gefühlt hast. Letztendlich reagiert jeder anders auf solche Momente und es lässt sich auch schwer vorhersagen und hängt immer von der Gesamtsiutation ab. Von daher finde ich es gut, dass Du da sehr ehrlich Dein Unwohlsein schilderst. Ich kenne auch dieses Gefühl, dass es unterwegs einfach Momente gibt, wo eigentlich die Rahmenbedingungen super passen und sich tortzdem nicht das passende Glücksgefühl einstellen will.

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                                  • Blahake

                                    Dauerbesucher
                                    • 18.06.2014
                                    • 855

                                    • Meine Reisen

                                    #37
                                    Hey, ich kann das schon nachvollziehen, dass Dir da nicht recht wohl war. Stille ist nicht gleich Stille. (Klingt altklug, sorry) Aber mir ging das mal ähnlich. Als ich mich am Ende meiner Tour 2017 noch südlich von Kvikkjokk querfeldein rumgetrieben habe, hatte ich abends am Zelt, nach einem windigen Tag, auf einmal völlige Stille. Kein Wasserglucksen im benachbarten See, kein Vogelpieps, kein Mückensurren, kein Windhauch, gar nichts. Die feinsten Grashälmchen haben sich nicht ein bisschen bewegt. Da habe ich das schon als gespenstisch empfunden. Ich war gerade Wasser holen und meine eigenen Geräusche kamen mir ganz komisch vor. Wie ein Sakrileg, ich habe mich kaum getraut, diese Stille damit zu durchbrechen. Einen so unheimlich stillen Moment hatte ich in den Jahren zuvor beim Wandern im Fjell noch nie erlebt. Irgendwas, sei es Windrauschen, Wasser in Bächen oder Flüssen, Vogelstimmen, war doch immer zu hören. Klar, es war oft gaanz leise, aber wohl nie wirklich lautlos. Und das ist mir eigentlich erst aufgefallen, seit ich diesen komplett stillen Moment erlebt habe.

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