[NO] Hardangervidda 6.-22. 8. 2019

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  • agricolina
    antwortet
    Ich lese gerade nochmal, ist beim zweiten Mal noch besser. Ich liebe das Bach-Gedicht...

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  • Bergahorn
    antwortet
    Vielen Dank! Ich freue mich auch über spätberufene Leser!

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  • evernorth
    antwortet
    Es hat eine Weile gedauert, bis ich deinen tollen und sehr lebendig geschriebenen Bericht gefunden und gelesen habe.
    Der ist mir irgendwie "durchgerutscht".
    Umso mehr habe ich mich an deinen kreativen und überaus phantasievollen Beschreibungen erfreut, die mich noch einmal in die Hardangervidda zurückgeführt haben. Haukeliseter, Hellevassbu, Sandhaug, Hårteigen, Litlos, Finse und Kinsarvik (um nur einige Namen zu nennen) wecken mein Kaleidoskop der Erinnerungen.
    Sehr schön.

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  • Hapi
    antwortet
    AW: [NO] Hardangervidda 6.-22. 8. 2019

    Huch, diesen schönen Bericht kannte ich noch gar nicht. Tolle Bilder und sehr nett geschrieben Vielen Dank!

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  • Ljungdalen
    antwortet
    AW: [NO] Hardangervidda 6.-22. 8. 2019

    OT:
    Zitat von Bergahorn Beitrag anzeigen
    …viele Tunnel, teilweise inclusive Kreisverkehr! Ich überlege, ob da wieder Schweizer am Werk waren, die haben ja auch in Kanada beim Tunnelbau maßgeblich mitgewirkt…
    Naja, mittlerweile haben das die Norweger wohl nicht mehr nötig: Gesamtlänge der Straßentunnel in Norwegen (>800 km) doppelt so hoch wie in der Schweiz. (OK, bei Bahn ist die Schweiz "vorn", aber da ist das Netz ja auch viel dichter.)


    Und vielen Dank für den schönen Bericht.

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  • Bergahorn
    antwortet
    AW: [NO] Hardangervidda 6.-22. 8. 2019

    Mittwoch, 21.8.

    Nun steht die Heimreise auf dem Programm, die überwiegend aus Extremtrödeln besteht, da dieser Tag sozusagen eiserne Reserve war. So trödele ich erst ausführlich beim Frühstück und dann in Kinsarvik herum, bis der Bus nach Voss fährt. An der Haltestelle treffe ich drei junge Deutsche, die vorgestern auch auf der Hütte waren und den Abstieg genauso anstrengend fanden wie ich. Die Frage des einen, wie ich denn zwei Wochen mit so einem kleinen Rucksack unterwegs sein konnte, nehme ich mal als Kompliment!
    Die Busfahrt bietet Blicke auf den Fjord, dazu neben einer Brücke v.a aber viele Tunnel, teilweise inklusive Kreisverkehr! Ich überlege, ob da wieder Schweizer am Werk waren, die haben ja auch in Kanada beim Tunnelbau maßgeblich mitgewirkt…
    Um 14.25 Uhr komme ich in Voss an und darf nun die Zeit bis 00.19 Uhr vertrödeln. Das gelingt auf und im Kulturhus, mit einem Bummel durch die „Innenstadt“, die ich intensiv besichtige, wobei ich mich auch immer wieder auf Bänken niederlasse. Dabei werde ich einmal von einem vorbeikommenden Obdachlosen genau betrachtet. Ob er wohl angesichts meiner dreckigen Hose überlegt, ob ich eine neue Kollegin bin oder ich einfach unwissentlich einen seiner Stammplätze belege?
    Irgendwann wechsele ich in den Trödel-, Pardon, Warteraum am Bahnhof.

    Donnerstag, 22.8.

    Um 00.19 Uhr fährt der Zug nach Oslo, ab 6.13 Uhr habe ich dann Gelegenheit zum Großstadttrödeln, später in Gardermoen zum Flugplatztrödeln. Dort checke ich ohne Probleme vollautomatisch ein und schaue dabei so staunend und fasziniert meinem Rucksack hinterher, dass eine Frau lachen muss. Ich kann es halt kaum glauben, dass das so einfach auf Anhieb geklappt hat! Der Flug klappt auch, danach trödele ich noch ein bisschen, bis der Zug, der 20 min. Vertrödelung hat, fährt und muss dann deshalb in Mannheim vom Extremtrödeln direkt in einen Superspurt zur Straßenbahn wechseln, auch das Umsteigen klappt nur gerade so eben – ich bin wieder daheim…


    Nachklang

    Physisch bin ich nun wieder zu Hause, die Seele trödelt noch ziemlich hinterher… Bei den üblichen Post-Tour-Arbeiten wie der Reinigung und Trocknung der Ausrüstung darf sie das, eine Zeit lang mag ich sogar die Unordnung aus herumliegender Ausrüstung, die ich dann so nach und nach wieder an ihren Platz räume. Die Fotosichtung und das Berichtschreiben lässt mich im Geiste noch oft in der Hardangervidda verweilen, auch als der Alltag ansonsten schon längst wieder die Oberhand hat und ich mich nur noch ganz selten dabei ertappe, selig lächelnd durch die Gegend zu laufen.
    Trotz des durchwachsenen Wetters war es meiner Ansicht nach eine wunderschöne Tour, ich hatte auch das Glück, dass ich als relativer Zeltneuling erst so nach und nach, als die meisten Handgriffe schon saßen, an die anspruchsvollere Witterung „herangeführt“ wurde.
    Ich habe viel gelernt und kann nun von der Nachbereitungsphase in die Planungsphase für die nächste Tour wechseln. Der ewige Kreislauf, in dem sich wohl alle Outdoorinfizierten befinden...
    Zuletzt geändert von Bergahorn; 27.11.2019, 12:54.

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  • Bergahorn
    antwortet
    AW: [NO] Hardangervidda 6.-22. 8. 2019

    Danke, Fjellfex, für die Sternchen und das wunderbare Goethe-Zitat, das mir nicht präsent war! Der Faust bietet wohl tatsächlich für nahezu jede Lebenslage passende Worte...
    Jetzt muss ich aber noch ganz pingelig sein: Du hast recht, Goethe wurde nicht erwähnt, aber zitiert habe ich ihn:"Vom Eise befreit...", auch Faust, nämlich der Beginn des Osterspaziergangs!

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  • Fjellfex
    antwortet
    AW: [NO] Hardangervidda 6.-22. 8. 2019

    Obwohl ja noch ein Abschlusskapitel in Aussicht gestellt ist, gibt es auch von mir jetzt schon eine "Werkbesprechung", und die lautet ganz knapp: !

    Richtig schöne Bilder, und der Text macht Laune.

    In diesem Faden wurde schon viel Bezug auf musikalische und literarische Hochkultur genommen. Da sollte auch Goethe erwähnt werden...
    Mephisto: Was hast du da in Höhlen, Felsenritzen
    Dich wie ein Schuhu zu versitzen?
    Was schlurfst aus dumpfem Moos und triefendem Gestein
    Wie eine Kröte Nahrung ein? ...
    Faust: Verstehst Du, was für neue Lebenskraft
    Mir dieser Wandel in der Öde schafft?
    Ja, würdest du es ahnen können,
    Du wärest Teufel gnug, mein Glück mir nicht zu gönnen.

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  • Bergahorn
    antwortet
    AW: [NO] Hardangervidda 6.-22. 8. 2019

    Herzlichen Dank für eure so netten Antworten und "Werkbesprechungen", da werde ich ja fast rot!
    Eigentlich soll noch ein Abschlusskapitel dazukommen, ich kann ja nicht bis zum nächsten Bericht bei Laternenbeleuchtung im Zelt liegenbleiben!


    @NF: Ja, der Abstieg nach Kinsarvik ist zwar anstrengend, aber wirklich lohnend. Ich hatte den zunächst aus rein praktischen Überlegungen gewählt und mich dann gefreut, dass er so attraktiv ist.

    @ agricolina: Also wenn sich das so liest wie zwei Wochen Dauerregen, dann habe ich da was falsch gemacht...
    Tja, das Wetter! Ich war mir von vornherein klar darüber, dass es in der Hardangervidda keinerlei Sonnengarantie gibt, ich glaube, das half schon einmal. So richtig fiesen Dauerregen gab es eigentlich nur am vorletzten Tag, ansonsten pustete der Wind einen zwischenzeitlich ja wieder mehr oder weniger trocken.
    Die Markierungen waren eigentlich ausreichend, klar, weitaus sparsamer als man das teilweise aus Deutschland kennt, aber ich hatte nie Bedenken, völlig verloren zu gehen.

    @Borgman: Die Idee, den Geröllschutzrand etwas "anzusägen" werde ich mir merken. Bei mir ging es dann von selbst, wahrscheinlich hat sich das Leder in der Nässe gut gedehnt...

    Ich glaube, das Inszenieren des Rings überlasse ich dir, du hast da viel mehr Ideen! Rumpelwicht und Alberich in Personalunion finde ich z.B. sehr originell! Da fällt dir auch noch etwas für den Rhein und den teutschen Wald ein, fehlt ja beides in der Hardangervidda, die ich persönlich lieber nicht mit den vielen mehr oder minder grobschrötigen Individuen dieser reichlich schrägen Story bevölkern wollte. Falls du mal wieder dort bist, kannst du entgegenkommende Wanderer ja mal testweise mit "Hojotohoooo!" grüßen...

    Naja, irgendwie sucht man sich halt eine Verbindung von der Musik zur Landschaft, ich vermute allerdings, dass das einfach im Hirn herumschwimmende Fetzen sind, die alleine mangels Reizüberflutung dann mal nach oben gespült werden. Auf deinen Brindisi-Nonsensetext wäre ich ja direkt neugierig! Da lässt sich doch eine Erklärung finden...

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  • Borgman
    antwortet
    AW: [NO] Hardangervidda 6.-22. 8. 2019

    Jetzt habe ich es auch endlich geschafft, Deinen herrlichen Bericht zu Ende zu lesen, vielen Dank für diese außerordentlich kurzweilige Stunde! Da hast Du ja in zwei Wochen eine Menge gesehen von der Hardangervidda. Damals, bei der Nord-Süd-Querung mit meiner Frau, hatten wir ähnlich wechselhaftes Wetter, fiese glatte Felsplatten und nette Begegnungen. So gekonnt, wie Du hier Deine Erlebnisse zwischen Matsch und Loriot, nassen Socken und Lyrik in einem vergnüglichen Text erzählst, könnte ich mir gut vorstellen, dass Du auch jenseits von diesem Forum öfter schreibst. Jedenfalls werde ich Deine beiden Schwarzwald-Berichte auch lesen und hoffe auf mehr aus Deiner Feder.

    Zitat von Bergahorn Beitrag anzeigen
    ...diese Bitix-Haferkekse, die einen im normalen Leben wahrscheinlich schnell wie Evelyn nach dem Riegel-Testen in Loriots „Papa ante portas“ aussehen lassen…
    Dem widerspreche ich entschieden! Wenn nach der Tour noch welche übrig sind, verspeise ich diese auch zu Hause noch mit Genuss … oder wecken sie vielleicht nur schöne Erinnerungen ans Draußensein?

    Meine Füße und die Schuhe sind sich allerdings noch nicht so einig, v.a. der rechte kleine Zeh ist mit dem Platzangebot nicht einverstanden. Liegt es an der neuen Besohlung, den anderen Socken oder einfach daran, dass die Schuhe leider ganze zwei Jahre quasi brach liegen mussten?
    War bei mir dieses Jahr auch so. Ich bin der Meinung, dass der Geröllschutzrand aus Gummi mit der Zeit geschrumpft ist. Habe dann mit dem Messer Kerben hineingeschnitten, damit er sich etwas ausdehnt, und alles war gut. Bei Dir scheint das Problem ja nicht mehr aufgetreten zu sein.

    Ich sinne mal wieder darüber nach, warum mich dieses Karge, die Flechten, Moose, Kriechweiden und das fotogene Wollgras immer wieder so begeistern, mich üppige Vegetation eher nicht so berührt. Eine Erklärung finde ich allerdings nicht.
    Das habe ich mich auch schon gefragt, mir geht es genauso. Ein unscheinbarer Gletscherhahnenfuß mitten im Geröll berührt mich mehr, als die üppigste Blumenwiese. Ich denke, das liegt daran, dass es die Pflanzen hier so schwer haben, acht Monate oder mehr von Schnee bedeckt, bis sie endlich wieder Licht bekommen und tapfer ihren Platz in dieser unwirtlichen Umgebung behaupten.

    Schäfchen zählen für Veganer...
    Sehr schön!

    Ich habe diese Nacht mal wieder jede Menge Quatsch geträumt, zuletzt, dass ich nichts Geringeres als Wagners „Ring“ inszeniere. Ein Konzept fehlte mir allerdings, das war dann wohl der realistischste Teil des Traumes…
    Hmm, da drängt sich mir der Gedanke auf, dass Du (beim Blick in das nebelverhangene Simadal?) vielleicht doch ein Konzept gefunden hast, das nur noch nicht ganz ausgereift ist… wäre ja nicht ganz abwegig, sich an Landschaft und Begegnungen in der Vidda zu orientieren… hast Du nicht Alberich schon im Bus getroffen? Und den Wanderer? Und Hagens Sitzbank? OK, die hab ich mir jetzt ausgedacht. Aber bist Du nicht sogar auf Brünnhildes Felsen gestiegen?

    ...geht mir immer wieder die Zauberflöten-Arie „Dies Bildnis ist bezaubernd schön...“ durch den Kopf, die hat ja nun schier gar nichts mit meiner Tour zu tun, außer man würde „Dies Bildnis“ durch „Die Wildnis“ ersetzen. Dazu gesellen sich der letzte Satz aus Brahms 1. Sinfonie…
    Vielleicht das Hornthema? Passt doch! Du kennst bestimmt Brahms‘ Geburtstagsgruß an Clara Schumann auf dieses Thema: „Hoch auf‘m Berg, tief im Tal grüß ich dich viel tausendmal!“ Bestimmt ist es nicht ganz zufällig, welche Musik einem in den Sinn kommt, das Bildnis der Wildnis ist doch ganz einleuchtend. Warum ich seit vielen Jahren beim Wandern an besonders kniffligen Stellen immer den Brindisi aus „La Traviata“ auf einen Nonsenstext singe, ist mir allerdings bis heute schleierhaft…

    ...nicht premiumverdächtig, alles sehr naturbelassen…
    Da musste ich schmunzeln. Geht es den meisten von uns nicht gerade darum, die ausgebauten Wege zu verlassen und die Natur in einem bei uns weitgehend verloren gegangenen „Urzustand“ (ich weiß, in einer von Schafen beweideten Landschaft ist dieser Begriff eigentlich fehl am Platze) zu erleben?

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  • Ljungdalen
    antwortet
    AW: [NO] Hardangervidda 6.-22. 8. 2019

    OT:
    Zitat von agricolina Beitrag anzeigen
    Die Norweger sind ja sehr sparsam mit den Markierungen, dann bei Nebel in nassem Felsgelände...
    Naja, verglichen mit bspw. Schottland (ganz UK?) oder Irland (unlängst genau das erlebt: "Nebel in nassem Felsgelände"), wo es gar keine Markierungen gibt, ist das geradezu perfekt.

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  • Pfiffie
    antwortet
    AW: [NO] Hardangervidda 6.-22. 8. 2019

    Wieso ich den erst jetzt, k.a.. Sehr beeindruckend die Gegend vorallem die Biilder mit dem mythischen Wasser. Vielen Dank dafür. Von der Vidda hab ich schon immer mal was gehört....wer weiß ob man da mal hingeht

    Grüße Maik

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  • NF
    antwortet
    AW: [NO] Hardangervidda 6.-22. 8. 2019

    Toller Bericht!! Vielen Dank. Habe vieles (auch die Emotionen bzgl. des Wetters) von unserer Tour wiedergefunden.
    Wegen des Wetters hatten wir zwischenzeitlich überlegt abzubrechen und von Vivelid nach Kinsarvik abzusteigen. Hätte sich - deinen Bildern nach - wohl auch gelohnt

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  • agricolina
    antwortet
    AW: [NO] Hardangervidda 6.-22. 8. 2019

    Super geschrieben, vielen Dank für diesen Bericht! Tolle Eindrücke, Gedanken und Beschreibungen - die Ohrwürmer im Kopf, die Inszenierungsträume, die Lyrikassoziationen...klug und witzig. Gefällt mir sehr!
    Dabei tropft der Regen durch jede Zeile, kannst du denn die Wetter- und Matschunbillen wirklich so ausblenden oder liest sich das nur am Ende so? Ich glaube, ich wäre fertig mit der Welt bei einer Tour zwei Wochen quasi im Dauerregen...
    Wie ist es mit der Orientierung gegangen? Die Norweger sind ja sehr sparsam mit den Markierungen, dann bei Nebel in nassem Felsgelände...
    VG und Dank ulrike

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  • sarek2007
    antwortet
    AW: [NO] Hardangervidda 6.-22. 8. 2019

    Herrlich geschrieben!
    Hat Spaß gemacht mitzulesen und immer noch vertraute Ecken wieder zu entdecken auch wenn es schon eine Weile her ist, als ich das das letzte mal in der Hardangervidda war.
    Gruß, Tilman

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  • Bergahorn
    antwortet
    AW: [NO] Hardangervidda 6.-22. 8. 2019

    Samstag. 17.8.

    Noch immer weht ein kräftiger Wind inklusive Regen, ein bisschen Nässe findet sich auch im Zelt, sie ist wahrscheinlich durch die „Dachluke“ hereingekommen. Hoffe ich jedenfalls, sonst würde das bedeuten, dass der Boden undicht geworden ist. Ich habe diese Nacht mal wieder jede Menge Quatsch geträumt, zuletzt, dass ich nichts Geringeres als Wagners „Ring“ inszeniere. Ein Konzept fehlte mir allerdings, das war dann wohl der realistischste Teil des Traumes…
    Überhaupt komisch, womit sich das Hirn so beschäftigt. Z.B. geht mir immer wieder die Zauberflöten-Arie „Dies Bildnis ist bezaubernd schön...“ durch den Kopf, die hat ja nun schier gar nichts mit meiner Tour zu tun, außer man würde „Dies Bildnis“ durch „Die Wildnis“ ersetzen. Dazu gesellen sich der letzte Satz aus Brahms 1. Sinfonie und das Finale aus dem „Karneval der Tiere“, letzteres ist ja ein echter Ohrwurm. Dabei wäre Grieg doch viel passender, aber der entschwindet meinem Hirn immer wieder schnell, wenn ich ihn aktiv erinnern will.
    Ich wälze mich noch hin und her, will dem Wetter eine Chance geben, aber der Wind tost weiter wie bisher und der Regen lässt auch nicht nach. Na gut, dann halt einen Start unter erschwerten Bedingungen, mittlerweile flutschen die Abläufe ja ganz gut. Einige Spinnen haben über Nacht mal wieder in der Apsis ein trockenes Asyl gefunden, die werden jetzt gnadenlos ins Wetter befördert. Am meisten „Spaß“ macht es, das nasse Zelt einzupacken, dann geht es los, weiter in Richtung Horizont, der mich auf eine weite Ebene bringt. Einmal gibt es einen Wegweiser zum Store Ishaug, der aber unter den Wolken steckt, wo ich ihn auch ganz ungestört liegen lasse. Dann geht es nicht zu steil hinunter, in der Ferne lässt sich schon Liseth erahnen. In tiefer gelegenen Gefilden gibt es sogar ab und an windgeschützte Stellen, das ist ein wahres Aufatmen! Dieser ununterbrochene Wind raubt ja doch einige Kräfte, ich habe schon überlegt, warum eigentlich, aber bis auf die anspruchsvollere Balance und den Windchill-Effekt fiel mir nichts ein. Ist wohl doch eher psychisch…
    Ich begegne einem jungen Mann, der einen aktuellen Wetterbericht hat: Heute nicht so dolle, morgen schön und dann unbeständig. Das festigt meinen Entschluss, eine Nacht in Liseth zu bleiben. Meine Schuhe und Socken sind schon wieder klatschnass, außerdem müffelt das T-Shirt inzwischen ziemlich laut aus der Jacke. Irgendwie nimmt meine Toleranz in Bezug auf diese Zustände im Laufe der Tour eher ab als zu, ich hätte eigentlich gedacht, dass das andersherum sein würde. So werde ich heute mal einen „Tag der Reinlichkeit“ einlegen.



    Lieblicher, aber trotzdem nass...

    Je tiefer ich komme, desto lieblicher wird die Landschaft, schließlich tauche ich in die Ferienhaussiedlung ein, die eigentlich das ganze Tal überzieht, und komme anstandslos in Liseth pensjonat an. Selbiges besteht aus Holzhäusern, deren Charme, sollten sie jemals welchen gehabt haben, unter unterschiedlichen modernen Kunststoffen sicher verborgen ist.
    Die Dame an der Rezeption kämpft etwas mit dem Englischen und ich gegen das laute Radiogedudel an, aber ich komme doch zu einem Zimmerchen, das ich in Rekordzeit mit dem Rucksackinhalt großzügig „dekoriere“. Ich dusche ausführlich, wasche Klamotten und schmeiße die Heizung im Trockenraum an. Die Schuhe bekommen den Vorzugsplatz direkt über der Heizung, was hoffentlich hilft! Im Haupthaus nutze ich das WLAN für ein wenig Kommunikation und Wetterberichtsforschungen, während draußen Aprilwetter für Unterhaltung sorgt. Im Speiseraum dudelt fleißig das Radio, deshalb verziehe ich mich lieber in eine Art Wohnzimmer, über dessen Ambiente man durchaus geteilter Meinung sein kann…



    Als mal wieder die Sonne scheint, spaziere ich in der Hoffnung zur Hauptstraße, dass es irgendwo einen kleinen Laden gibt, aber Fehlanzeige. Dann koche ich draußen Mittagessen, das ich aber wegen eines neuen Regenschauers im Zimmer verzehren muss.
    Insgesamt fühle ich mich ein wenig erledigt, das liegt wohl daran, dass ich außer gestern und heute eigentlich immer volles Programm hatte. Egal, morgen geht es die letzten drei Tage „på fjellet“, das schaffe ich auch noch! Ich frage mich, wie sich die Tour bei mehr Sonne und höheren Temperaturen anfühlen würde, ob ich da noch fitter wäre. Am Abend unternehme ich dann noch einen Versuch, meine Vorräte aufzustocken, angeblich hat der Laden am Campingplatz Garden bis 21.00 Uhr geöffnet. Ein kleiner entspannter Abendspaziergang schadet ja nicht und die Lichtstimmungen sind auch schön! Leider hängt dann an der Ladentür ein Schild, dass er just ab heute um 18.00Uhr schließt, also werde ich mich morgen von den weniger beliebten Lebensmitteln aus meinem Rucksack ernähren müssen. Zurück in Liseth bezahle ich mein Vergnügen hier und gehe dann recht zeitig ins Bett. Morgen soll das Wetter schön werden, übermorgen ganz nass, da will ich morgen möglichst viel schaffen und ggf. übermorgen eine Hüttennacht einlegen.


    Sonntag, 18.8.

    Ich wache früh auf, der Wetterbericht hat nicht zu viel versprochen: Die Sonne scheint sozusagen aus vollem Hals! Ich gehe um 7.30 Uhr los, erst hinunter zur Hauptstraße, dann über die Leitplanke auf echtem Wanderweg hinunter in den Talgrund im bewaldeten Matsch, unten über eine Brücke, die einen wilden Fluss, wie der Name schon sagt, eben überbrückt, und dann geht es in Matsch und Fels wieder hinauf.



    Das nervt mich bei dem Sonnenschein aber heute nicht besonders. Als ich die Baumgrenze hinter mir habe, gibt es Blicke zurück in dieses Ferienhaustal, aber auch auf den Hardangerjøkulen.





    Mit so langen Beinen müsste ich eigentlich viel flotter unterwegs sein...

    Nach einer Stunde mache ich Frühstück, leider ist der Wind dabei temperaturbestimmender als die Sonne, ich fröstele etwas und bin ganz froh, als ich weitergehen kann. Die Landschaft ist hier etwas lieblicher, ich bewege mich oberhalb eines recht sumpfigen Tals mit einigen Hütten, gegenüber gibt es einen Berg mit Sendemast, das ist wohl der Berakupen. Bei den Hütten Skitsete (nachträgliche Übersetzungsforschungen ergaben nichts Salonfähiges… Dreckalm könnte man euphemistisch vielleicht sagen) verliere ich irgendwie den Weg, kann mich aber orientieren und finde ihn bald wieder.



    Schafe bei Skitsete

    Nun quere ich die Matschgrenze und kann mal so richtig normal auf einem trockenen Pfad quasi auf einer Höhenlinie gehen, nach dem ganzen Herumbalancieren und -patschen eine wahre Wohltat!



    Leider führt der Weg dann in das dank Birken und Erlen(?) zwar hübsch anzusehende Tal, aber eben wieder in den Matsch. Ich überlege kurz, ob diese Bäumchen vielleicht viel älter sind, als man zuerst annehmen mag und suche, wie das Deutschlands Oberförster Peter Wohlleben beschreibt, nach solchen Knubbelringen auf den Zweigen, finde aber keine. Eigentlich klar, es nimmt ihnen ja auch niemand Licht weg. Wahrscheinlich wachsen sie in diesem Klima allerdings trotzdem so langsam, dass sie sich niemals extra „bremsen“ müssen.



    In der Nähe von einigen Hütten wechsele ich auf die andere Flussseite und erwische bei der Hütte Djupsgila leider den falschen Weg, der hinab zu einem Parkplatz führt. Egal, so gibt es halt ein paar Höhenmeter gratis und ich bewege mich nun auf stärker frequentiertem Touripfad erst über einen Buckel und dann durch ein – natürlich auch gerne mal matschiges – Tal Richtung Viveli.



    Blick Richtung Viveli (am Ende des Wassers nicht richtig zu erkennen)

    Unterwegs phantasiere ich von Kakao und Waffeln, die ich mir dort gönnen könnte, aber als der Weg dann auf der anderen Flussseite erst einmal an der Luxushütte - oder eher Gasthaus? - vorbeiführt und man nach Passieren der Brücke direkt am Abzweig zu Stavali wieder zurücklaufen müsste, lasse ich die Phantasien fahren. Wer weiß denn, ob sie überhaupt wahr werden könnten? So schlage ich mich an einem Bach ein Tal hinauf, auf dessen anderen Seite sich Hütten unterschiedlichen Alters und Renovierungszustandes zählen lassen. Ich mache eine Pause und nehme mir nach gründlichem Kartenstudium vor, heute bis ca. 17.00 Uhr weiter zu laufen. Vielleicht schaffe ich es ja sogar zum Reinavatn, da sieht es etwas flacher aus. Als ich weitergehe, staune ich, als der Trampelpfad auf eine völlig überdimensionierte, breite Brücke führt. Ob die im Winter für Schneemobile ist? Aber da müsste es doch ohnehin eine Schneebrücke geben. Überflüssige EU-Mittel können es ja in Norwegen nicht sein, aber vielleicht hatte man ja hier auch Größeres vor, was dann doch nicht verwirklicht wurde.



    Mittlerweile hat es sich ziemlich zugezogen, das war so im Wetterbericht eigentlich nicht vorgesehen! Zu guter Letzt darf ich heute noch die volle Regenmontur anziehen, es wird auch recht kalt und noch windiger und geht einmal steil hinauf, bevor ich in ein Tal mit ein paar verstreuten Hütten absteige. Also wenn da jetzt irgendwo jemand heraus käme und mich einladen würde, würde ich nicht nein sagen! Das passiert natürlich nicht, nur ein paar begossene Schafe teilen mein Regenschicksal. Weiter geht es zum Reinavatn, auf einer Minianhöhe findet sich ein trockener, etwas felsiger Platz für mein Zelt, es ist just 17.00 Uhr und hört auf zu regnen. Wenn das keine Punktlandung ist! Die rückseitigen Abspannleinen sichere ich mit großen Steinen, die hier bereit liegen. Wahrscheinlich bin ich nicht die erste hier oben, der Platz ist wirklich nett! Als ich damit fertig bin, fängt es kräftiger an zu regnen, so dass ich mich in die Apsis klemme und dort mit kleinstmöglichem Radius kichernd die Regensachen ausziehe – Loriot hätte seine Freude gehabt! Später bessert sich das Wetter wieder, ich kann Wasser holen, kochen und werde dann noch mit einer tollen Abendstimmung belohnt. Jetzt muss die Handyknipse alles geben!







    Reinavatn

    Zur schon viel zu bekannten „Regenmusik“ schlafe ich ein...


    Montag, 19.8.

    ...und wache ich auf! Der Wetterbericht hat nicht zu viel versprochen! Ich drehe und wende mich noch, bin in einer Regenpause geschäftlich unterwegs und frühstücke dann. Darauf packe ich soweit alles zusammen, dass ein schneller Start möglich ist, wenn es mal wieder trocken sein sollte, was gegen 9.00 Uhr gelingt. Als ich losgehe, fängt es dann aber richtig an zu regnen und hört so bald auch nicht wieder auf…
    Eigentlich ist die Landschaft ja schön, aber ich bin mit dem Vorankommen auf dem Weg, der sich immer mehr in einen Bach verwandelt, beschäftigt, dann auch mehr und mehr vom Wasserstand in den Schuhen und von den kalten Füßen abgelenkt. An einem See verliere ich mal den Weg, kraxele etwas unbeholfen herum, finde ihn aber zum Glück auf einer Kuppe wieder. Eine ebenso wie ich begossene Familie mit unterschiedlich frohen Gesichtern kommt mir entgegen, eigentlich fast grausam, bei diesem Wetter die Kinder ins Freie zu scheuchen! Zum Glück geht es nun eine ganze Weile eben voran, ich kann direkt in den „Renn-Modus“ schalten. Weiter unten gilt es dann zwei Bäche, deren Trittsteine jetzt mindestens eine Handbreit überspült sind, zu furten. Da meine Schuhe nur noch wenig nasser werden können, verzichte ich auf einen umständlichen Wechsel und balanciere so über bzw. durch das Wasser, das sich erst am anderen Ufer so richtig in den Schuhen ausbreitet. Was freue ich mich, als ich Stavali, eine Oase der Wärme und Trockenheit sehe.



    Rechts der Bildmitte kann man sich Stavali vorstellen. Das etwas verschwommene Bild gibt das Wetter recht gut wieder!

    Vorsichtig manövriere ich mich über die wenig geliebten Felsplatten und den Matsch hinunter und komme um 13.00 Uhr an. Die Hüttenwartin ist total nett und feuert auch gleich den Ofen im Trockenraum an. Ich bekomme ein schnuckeliges kleines Zimmer und koche mir dann ein Trekkingnahrungsrestemenü. Schmeckt ziemlich lecker und danach bin ich gut satt! Beim Tee schreibe ich, versuche mich in der Lektüre eines norwegischen „Von Hütte zu Hütte“-Buches – immerhin kann ich die Bildunterschriften ganz gut verstehen - und lasse es mir gut gehen. So eine gemütliche Hütte mit Selbstbedienung finde ich ja viel netter als so manche bediente Alpenhütten, in denen man manchmal ständig zum Konsum gedrängt wird.
    Im Laufe des Nachmittags füllt sich die Hütte mehr und mehr mit ein paar älteren Paaren, aber auch jüngeren Grüppchen und Paaren, auch deutschen, die sich dann zusammenschließen und dank ein paar Profilneurotiker leider sehr laut die Hütte beschallen.
    Ich komme mit einem netten Paar aus Thüringen und Sachsen ins Gespräch, die in Kinsarvik gestartet sind und schon eine Zeltnacht hinter sich haben. Sie schleppen viele Kilos in ihren Rucksäcken, auch am nächsten Morgen staune ich noch, was sie frühstücken. Geht auch leichter, aber es ist ja gerecht, jeder trägt, was er sich eingepackt hat!
    Als ich später versuche einzuschlafen, klappert meine Zimmertür im Luftzug so, dass ich sie mit einem Handtuch, zwischen Tür und Zarge geklemmt, beruhigen muss. Draußen herrscht weiter Wetter…


    Dienstag, 20.8.

    Ich wache früh auf, mache mal gleich den Ausflug zum Häusle und packe dann meine Sachen zusammen, um noch vor dem großen Ansturm zu frühstücken. In der Küche komme ich mit einem lokalen Schafbauer ins Gespräch, der hier oben nach seinen ungefähr 600 Schafen sieht, die nächste Woche ins Tal getrieben werden sollen. Es handelt sich um norwegische und britische Rassen und er verkauft sowohl Wolle als auch Fleisch, wobei letzteres gewinnbringender ist. Kein Wunder bei dem allgemeinen Merinowollwahn.
    Beim Frühstück setzen sich das nette Paar von gestern wieder zu mir, aber als es heller wird, reiße ich mich dann doch los! Es nieselt nur, der Weg ist aber trotz Nässe recht gut zu gehen. Es geht ein paar Mal auf und ab, zwei unspektakuläre Bachquerungen überlebe ich gut, dann kommt aber der Abstieg ins Husedalen, der es mit ausgedehnten mehr oder weniger steilen und natürlich nassen Felsplatten in sich hat. Man muss wirklich aufpassen und sich eine einigermaßen rutschsichere Route suchen. Entschädigt werde ich durch tolle Ausblicke auf einen beeindruckenden Wasserfall und die aus dem Tal aufsteigenden Wolken. Relativ lange ist ein Regenbogen zu sehen, ich bin direkt gerührt, hatte ich das doch schon öfter am Ende von besonderen Touren – und das hier ist so eine!











    In einem flacheren bezaubernden Idyll mit Kiefern mache ich eine verdiente Pause und werde hier von einem etwas älteren britischen Paar eingeholt, die mit kleinem Gepäck unterwegs sind und sehr behände über Matsch und Stein springen. Respekt!
    Weiter geht es, immer mehr durch „norwegischen Regenwald“, die Bäume sind z.T. mit Flechten überwachsen, es ist nicht nur matschig, sondern der Weg ist gleichzeitig ein Bach.



    Teilweise leider nicht so ganz eindeutig markiert, ich muss ein paar mal suchen, wahrscheinlich hatte ich einen Bach für den Weg gehalten. Immer wieder gibt es Blicke auf gigantische Wasserfälle, die auch akustisch für Hintergrund sorgen.





    Mehr und mehr Tagestouristen kommen mir entgegen, die teilweise unglaublich saubere Sachen anhaben. Wie machen die das nur, hört das Gepatsche gleich auf? Besonders beeindruckt mich ein sehr junges Pärchen, sie im Röckchen und Mäntelchen mit dünnen, weiß bestrumpfhosten Storchenbeinchen. Wie weit die wohl so sauber noch kommen?
    Als ich schließlich am Fahrweg ankomme, bin ich einerseits ziemlich erledigt und eigentlich auch froh, jetzt nur noch tumb vor mich hinstiefeln zu müssen. Andererseits weht mich doch auch etwas Wehmut an, denn jetzt ist es vorbei mit der Wildnis! Aber schließlich macht sich doch ein großes Glücksgefühl breit, ich bin sehr dankbar, dass ich diese Tour machen konnte, es keinen Unfall gab oder ich aus anderen Gründen hätte abbrechen müssen. Ein bisschen stolz bin ich auch, dass es mit der Planung und Durchführung samt der entsprechenden Anpassungen und den nötigen situationsbedingten Entscheidungen so gut geklappt hat. Ich habe viel gelernt auf dieser Tour, nicht nur, wie man warm und gemütlich bei halb geöffneter Apsistür (da haben sich die hauptsächlich als Wäscheklammern mitgenommenen "Wonderclips" sehr bewährt!) kocht und isst, sondern rundherum ums Zelten, Kräfte einteilen etc. Die Dreck-, Stink- und Nässetoleranz wuchs gezwungenermaßen, aber ich weiß, dass ich ab und an auch mal wieder trocken und sauber sein möchte! Das Alleinsein in der Natur habe ich sehr genossen, es wurde für mich nie zu einem Problem.
    In Kinsarvik versuche ich mich in einer Abkürzung durch ein Wohngebiet mit norwegischer Spießigkeit, lande dann doch wieder auf der Hauptstraße. Unten geht es erst einmal ins Spar, wo ich völlig überfordert vom Angebot etwas unsortiert ein paar Sachen einkaufe, dann den Bråvoll-Campingplatz anschaue und beschließe, dass ich mehr Komfort will! Die Paar auf der Stavali-Hütte hatte mir von dem anderen erzählt, auch dass es da eine richtige Küche mit Tischen und Stühlen gebe, so laufe ich einmal mehr die Küstenstraße entlang und hinter dem Spar hinauf.
    Ich kann mein Zelt neben dem einzigen anderen aufstellen und genieße dann erst einmal ausführlich die Dusche.
    Meine Suche nach einem Trockenraum bleibt leider erfolglos, das finde ich angesichts des norwegischen Klimas verwunderlich! Es gibt zwar Waschmaschine und Trockner, aber in letzteren kann ich ja schlecht die Bergstiefel packen. So stelle ich sie in die Küche. Ich überlege noch, ob ich Hose und Patagonia-Jacke waschen soll, entscheide mich dann aber dagegen, da sie beide nicht stinken. Der Dreck an der Hose macht ja nichts. Ich verbringe viel Zeit in der Küche mit Tee trinken, lerne dort meine Zeltnachbarn, ein nettes Paar aus Deutschland und eine ebenso nette deutsche Wohnmobil-Familie kennen. Von ihnen bekomme ich einen Föhn zum Schuhetrocknen ausgeliehen, so beschalle ich jetzt die Küche. Aber es hilft! Meine letzte Nacht im Zelt ist dank Straßenlaternen recht hell, aber ich schlafe dennoch gut.
    Zuletzt geändert von Bergahorn; 25.10.2019, 14:34.

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  • Bergahorn
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    AW: [NO] Hardangervidda 6.-22. 8. 2019

    Donnerstag, 15.8.

    Ich werde von der Sonne geweckt! Die Nacht war ziemlich frisch, es gab eindeutig Frost: Der Regen auf meinem Zelt ist gefroren.



    Bei dem blauen Himmel stehe ich frohgemut auf, lasse mir Zeit mit Frühstück und Packen, dann wird noch das Zelt „vom Eise befreit“ und los geht es! Es hat sich gelohnt, gestern früher Feierabend zu machen, es ist wirklich wunderschön hier oben!



    „Wenn ich groß bin, werde ich ein Matterhorn!“

    Eine Etage tiefer gibt es schon wieder so einen Traum von See, an dem ich in Sonne und Wind das Zelt trocknen kann.



    Der Abstieg zur Rembesdalseter ist gar nicht mal so kurz, die fiesen abgeschliffenen Felsplatten, vor denen mich ein Kollege immer wieder gewarnt hatte, existieren tatsächlich, sind aber glücklicherweise trocken, so dass sie kein Problem darstellen. Ausblicke in abgeschliffenen Felslandschaft mit mehr oder weniger fortgeschrittener Vegetation, aber auch auf den Gletscher bremsen mich immer wieder aus.



    Nach einem steilen Schlussstück durch höheren Bewuchs lande ich an einem See, an dem mir der Hüttenwart von Rembesdalseter begegnet. Er nutzt diesen herrlichen Tag für eine Tagestour. In der gemütlichen Hütte selbst treffe ich auf eine Frau und ein junges Pärchen, die, für mich unerklärlicherweise, bei diesem Wetter in der Hütte sitzen, schnacke mit ihnen und bereichere meinen Proviant um mehr oder weniger süße Kekse. Mit dem Mann gibt es noch ein wenig Erfahrungsaustausch, so weiß ich jetzt, dass es den Weg oben um den Rembesdalvatn herum nicht mehr gibt, d.h. eine entscheidende Brücke fehlt. Im Weiteren empfiehlt er mir den unteren Weg nach Liseth, man habe dort einen schönen Blick über die Fjorde. Ich hatte zwecks Bergwelt den oberen im Sinn, mal sehen! Aber jetzt zieht es mich schnell nach draußen, ich mache an einem kleinen See Pause und wasche meine immer größer werdenden Socken. Sie sind nicht mehr die allerneuesten, ich vermute, dass sich das Elastan nach und nach auflöst und deshalb die Socken "wachsen", so dass ich in ihnen rutsche. Jedenfalls habe ich mir einmal so in einem Vorvorgängersocken zwei fette Blasen geholt, ein Problem, das ich sonst glücklicherweise nahezu nie habe. Schade, ansonsten sind sie super! Hoffentlich hilft die Wäsche ein wenig, trocknen können sie jedenfalls heute sehr gut.
    Es ist erstaunlich warm hier unten, auch der Wind, aber der Himmel kündigt mit Schleierwolken einen Wetterwechsel an. Weiter geht es nach kurzem Anstieg durch eine Landschaft, in der man, soweit ich mir das vorstelle, die Entstehung von Mooren und überhaupt Bewuchs, nachdem die Gletscher fort waren, lernen kann. Muss ich mal zu Hause erforschen, ob ich da richtig liege. Zwischendurch genieße ich immer wieder den Ausblick auf den See und den Gletscher.



    Schließlich stoße ich auf einen Fahrweg, der hinab zur Staumauer führt. Danach wartet ein richtig fieser steiler Anstieg durch Matsch und Gestrüpp auf mich. Meine Güte, es ist ja kaum zu glauben, was man hier geradezu schuften muss! Mir begegnen amerikanischer (?) Vater und Sohn von vorgestern wieder, ich komme mit dem Vater ins Gespräch, sie sind den vierten Tag unterwegs und er findet es sehr anstrengend. Als ich sage, dass heute mein neunter Tag ist, meint er bewundernd: „You're my heroe!!!“ So aufgebaut spaziere ich begeistert immer weiter den Berg hoch, allerdings ist es mit meinem Heldentum dann schnell vorbei, als ich mich frage, wann ich eigentlich das letzte Mal ein rotes T gesehen habe… Ich erklimme noch - wenn ich ohnehin schon hier bin – schnell einen Hügel, aber die Aussicht hilft nicht bei der Wegfindung, so dass ich umkehre. Bald bin ich ich am entsprechenden Abzweig, den ich übersehen habe und laufe durch Wiesen und Wollgrasgelände. An einem Bach kann ich mal wieder die Flasche auffüllen, später komme ich an einem zum Zelten einladenden See vorbei und bald auch an den Abzweig, an dem ich mich für den oberen oder unteren Weg nach Liseth entscheiden kann. Ich wähle den oberen, der wieder in die steinigere Gebirgswelt führt, aber leider, je weiter ich komme, immer schlechter markiert ist. Hier ein Zelt aufzustellen, wäre eine Herausforderung, jedenfalls mit viel Steineschleppen verbunden. Zudem zieht es sich zu und weht immer mehr. Ich habe ja schon seit einigen Stunden die Schleier- und Föhnwolken (heißen die hier auch so?) immer misstrauischer betrachtet, dieser warme Wind ist mir auch irgendwie suspekt. Da ist doch garantiert ein baldiger Wetterumschwung im Anmarsch – fragt sich nur, was für einer!



    Mein Bauchgefühl ist, gelinde gesagt, nicht besonders wohlig. Ich halte inne, denke die Geschichte durch und kehre um. Zumindest mir hat es noch nie geschadet, auf dieses Bauchgefühl zu hören. Weiter unten schweift mein Blick suchend hin und her, aber es dauert noch eine ganze Weile, bis ich einen zum Zelten geeigneten Platz finde. Im Idealfall soll der ja flach, in Wassernähe und nicht zu windig sein, alles zusammen gibt es jedoch so gut wie nie. An dieser Stelle nehme ich den Wind in Kauf und werde von meinem Zelt mal wieder positiv überrascht werden! Das Aufstellen ist allerdings gar nicht so ohne, da es immer heftiger pustet. So beschwere ich die wichtigsten Heringe alle mit Steinen, sicher ist sicher! Nach gemütlichem Abendessen, natürlich schon in der Made, muss ich mich ziemlich überwinden, zum Abwasch die Wärme zu verlassen, was ich aber zum Glück mache, bevor es noch mehr Wetter gibt: Wind und Regen beuteln das Zelt und ich bin sehr froh, nicht noch weiter oben übernachten zu müssen! Beeindruckt bin ich, dass trotz allem die beiden Trekkingstöcke, mit denen das Zelt aufgestellt ist, nur leicht vibrieren. Dann widme ich mich ausführlich der Maniküre, will sagen, verarzte meine beiden Daumen, die wegen Kälte und Beanspruchung an den Kuppen aufgerissen sind. So etwas hatte ich ja schon in anderen Urlauben bei harschem Wetter, aber wenn die Geschichte verheilt war, immer wieder schnell vergessen, so dass ich keine Vorsorge z.B. durch fleißiges Eincremen getroffen habe. Tja, wer nicht lernen will, muss fühlen… Nachdem auch das getan ist, lausche ich nur noch der „Einschlafhilfe“ der Elemente.




    Freitag, 16.8.

    Ich wache um 6.00 Uhr auf und höre als erstes, dass es gar nichts zu hören gibt. Welch Kontrast nach dem gestrigen Abend! Mein Verdacht, dass es neblig ist, bestätigt sich beim ersten Blick aus dem Zelt: Dichte Suppe, ich sollte mich zu geschäftlichen Zwecken mal lieber nicht zu weit vom Zelt entfernen, sonst finde ich es womöglich nicht wieder! Aber wie gut, dass ich jetzt hier unten bin! Intuition ist ja angeblich die Summe der unbewusst gemachten Erfahrungen, vielleicht kam in diesem Fall auch noch etwas Urinstinkt dazu, wer kann das schon mit Sicherheit sagen. Ich denke zwar, dass ich weiter oben auch überlebt hätte, aber hier ist es doch etwas entspannter! Ich mache erst einmal Frühstück, trinke dann richtig viel Tee und beschließe, jetzt einfach mal abzuwarten, so ganz ohne Sicht durch diese schöne Gegend zu wandern, finde ich wenig erstrebenswert!



    „Blick“ aus dem Zelt, als es mal etwas mehr zu sehen gibt

    So verbringe ich den Vormittag mit Dösen, Denken, (zu viele) Kekse essen, eine Runde ums Zelt drehen, Schreiben, meine aufgerissenen Daumenkuppen salben und verpflastern, die Karte genauestens inspizieren und die restlichen Tage planen und schließlich einem frühen Mittagessen. So langsam scheint die Sonne den Nebel aufzulösen, ab und an wird es richtig hell und schließlich gibt es kleine Stücke blauen Himmels. Mittlerweile bin ich so zappelig, dass ich einfach aufbrechen muss! Um 14.30 Uhr geht es los, leider hat sich der blaue Himmel dann doch eher wenig durchgesetzt und ich muss auch erst einmal hinunter, also wieder in den Nebel eintauchen. Zum Glück tun sich dann aber doch ab und an einige Löcher auf und ich kann bis zu einem Fjord schauen.



    Der Abstieg ins Skytjedalen ist mit der sattsam bekannten Mischung aus nassem glatten Fels und Matsch recht haarig, aber der Blick ins Tal wunderschön: Ein mäandernder Fluss mündet schließlich in einen See mit Inselchen.



    Der Talgrund bietet jede Menge Nässe, ich matsche und patsche und springe von mehr oder weniger geeignetem Tritt zum nächsten. Eigentlich bilde ich mir ein, mittlerweile ganz gut abschätzen zu können, wo man hintreten kann und wo besser nicht. Das stimmt auch allermeistens, aber die eine oder andere Ausnahme gibt es dann doch, gefühlt natürlich meist in der Richtung, dass es nasser ist, als erwartet…



    Auch der Aufstieg an der anderen Talseite ist nicht premiumverdächtig, alles sehr naturbelassen, so kommt man auch garantiert nie in einen womöglich langweiligen Trott… Irgendwie bin ich etwas demoralisiert, liegt das am vertrödelten Vormittag, am krassen Wetter- und Temperaturwechsel - mittlerweile ist es so warm, dass ich im T-Shirt gehe - oder einfach daran, dass ich den 10. Tag in Folge unterwegs bin? Wahrscheinlich eine Kombi aus allem. Nach dem Aufstieg wird es aber besser, Matsch und Fels sind hier immerhin viel waagerechter. Leicht ansteigend bewege ich mich in trockenere Gefilde mit viel Rentierflechte.



    „Kurz vor dem Horizont“ finde ich einen schönen Platz mit fließend kalt Wasser in der Nähe und Schafglockengebimmel in der Ferne. Da es komplett windstill ist, baue ich das Zelt „mit Blick“ auf. Irgendwie bin ich ziemlich groggi, so dass auch das Wasser nicht zu einer ausführlicheren Reinigung genutzt wird, koche und lege mich dann hin. Im Laufe des Abends fängt es an zu regnen und Wind kommt auf – natürlich von der „falschen“ Seite. Naja, kann ich mal testen, wie sich das Zelt so schlägt!
    Zuletzt geändert von Bergahorn; 27.11.2019, 12:35.

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  • Bergahorn
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    AW: [NO] Hardangervidda 6.-22. 8. 2019

    Montag, 12.8.

    Beim morgendlichen „Spaziergang“ zeigt sich der Himmel dramatisch, teils blau, aber teils auch dunkelgrau, also nicht sehr beständig. Als ich das Zelt abbauen will, fängt es an zu regnen. Ich warte erst einmal, aber es scheint sich einzuregnen, also beschließe ich trotzdem aufzubrechen, so wird halt das nasse Zelt eingepackt. 9.20 Uhr geht es los. Nach ein paar Metern kann ich von der Kuppe aus schon Dyranut sehen: Häuser, Straße, Zivilisation! Am See vorbei strebe ich im Regen dorthin.



    Unter einem Vordach eines der Gebäude packen zwei Männer ihre Rucksäcke, ein kurzes „Hei“, mehr nicht, obwohl ich offensichtlich am Suchen bin. Ich finde aber auch so das Café und gönne mir in der Wärme einen Kakao. Bald gehe ich im Regen weiter, es herrscht rundherum die reine Waschküche, so patsche ich etwas trübe durch viel Matsch vor mich hin. Um auch mal so ein Wetter zu dokumentieren mache ich das ein oder andere Foto.





    Beim Abstieg ins Langatjørndalen werden mir die abgeschliffenen Felsen zum Verhängnis, ich rutsche aus, dabei zerre oder überdehne ich oder was weiß ich einen Oberschenkelmuskel und lande und rolle so komisch auf der Seite, dass noch einige Rippen gedrückt werden. Nicht so toll! Zum Glück stellt sich aber heraus, dass ich gut weitergehen kann, der Muskel erholt sich recht schnell. Solange ich nicht wieder die Rutschbewegung mache, stört er nicht weiter. Übervorsichtig steige ich nun weiter hinab und bin froh, als ich im Talgrund ankomme. Immerhin hellt es auf, die Sonne zeigt sich ab und an ein wenig, so dass ich nach einiger Zeit, schon mit Blick auf die Kjeldebu das Zelt trocknen kann. An der Hütte mache ich dann so richtig gediegen auf einer Bank am Tisch Mittagspause.
    Weiter bin ich zunächst noch bei richtiger Sonne am rauschenden Bach unterwegs, die Gegend verwandelt sich immer mehr in eine Ronja-Räubertochter-Idylle mit kleinen Birken und Erlen(?).



    Auch der Blick über den Sysenvatnet entzückt mich.



    Kraftstrotzend donnert der Leiro, den ich auf einer Brücke überquere, zum See hin. Eine Weile betrachte ich respektvoll dessen gewaltigen Wassermassen, die sich über die Felsen herunterstürzen.



    Beim kurzen steilen Anstieg danach begegne ich einem jungen Wanderer mit zwei Huskys, die brav ihr Gepäck tragen. Denen geht es hier sicher bestens, ich hoffe nur für sie, dass sie nicht den Rest des Jahres in irgendeiner Großstadt leben müssen!
    Nun wird es immer matschiger, ich fange in der Hoffnung auf festeren Untergrund an, um den eigentlichen Weg herum zu mäandern. Das gelingt mal mehr, mal weniger, entschädigt werde ich aber mit immer wieder schönen Blicken über den Leirvatnet und bald auch in der Ferne auf den Hardangerjøkulen.



    Die Umgebung entschädigt ein wenig für die Matscherei

    Noch einmal geht es über den Leiro, dann weiter im Matsch bzw. als Alternative rutschigem Fels. Meine Regenhose ist bei der ganzen Patscherei mittlerweile zur Matschhose mutiert... Was mir aber eher Sorge bereitet: In dieser Moorlandschaft wird sich nur schwer ein Zeltplatz finden. Ein paar Mal weiche ich suchend vom Weg ab, aber es findet sich rein gar nichts. Nachdem ich gerade wieder einen Bach von Stein zu Stein tänzelnd überquert habe, fällt mir eine kleine trockene Fläche neben dem Weg ins Auge. „Hic Rhodos, hic zelte!“, denke ich, uhrzeitmäßig passt das auch bestens, ich wollte ohnehin gegen 17.00 Uhr den Wandertag beenden. Netterweise wird es jetzt ganz trocken, die Sonne gibt ihr Bestes, um zwischen den Wolken zur Geltung zu kommen, außerdem ist die Gegend rein optisch gigantisch: Seen, Wollgrasflächen, Blick auf Gletscherzungen, ich bin einfach nur platt und beeindruckt von so viel Schönheit! Welch Geschenk, hier sein zu dürfen!





    Ich gönne mir ein Bad im flachen und daher gar nicht so kalten, etwas moorigen See, koche Abendessen und versuche dann, die vorhin großzügig übersehenen Unebenheiten des Zeltplatzes auszugleichen. Gelingt so mittelmäßig, irgendwie rutscht meine Matratze doch immer wieder zur Seite und die Füllungen der „Täler“ im Zeltboden verlassen den ihnen zugedachten Ort. Naja, Prinzessin auf der Krähenbeere oder so… Ich bin aber nach diesem Matschkampftag müde genug, dass das alles wohl den Schlaf nicht sehr beeinträchtigen wird.
    Es beginnt mal wieder zu regnen, aber im Zelt ist mir das gänzlich egal! Ich freue mich darüber, dass ich meine Route geändert habe, denn so laufe ich näher am Hardangerjøkulen und habe womöglich die spektakuläreren Blicke. Vor dem Einschlafen beschäftige ich mich noch mit der existentielle Frage, ob Rødsprit für Mädchen ist und ob es auch Blåsprit gibt...



    Dienstag, 13.8.

    Trotz der „Buckelpiste“ unter dem Zelt habe ich gut geschlafen. Die Wolken hängen tief, die Luftfeuchtigkeit ist hoch und es ist deutlich kälter als gestern. Nach der üblichen Morgenroutine packe ich ein ziemlich nasses Zelt ein. Anfangs bietet der Weg noch viel Matsch, so gesehen macht es gar nichts, dass Socken und Schuhe erwartungsgemäß nicht getrocknet sind. Bald biegt aber der Weg in ein aufsteigendes Tal, das zum Glück mit trockenerem Untergrund punkten kann! Geht doch!





    Am See Skåltjørna mache ich Zelttrockenpause, hoffe vergeblich, das sich die Wolken über dem Gletscher heben und staune bald nicht schlecht, als ich einen recht breiten Bach so ohne Brücke nur auf Steinen überqueren soll. Einen Moment stehe ich da und suche die beste Möglichkeit, dann geht es los und das überraschend gut. Das war jetzt schon für Fortgeschrittene, finde ich.



    Mutterschafe, hier mit zwei schon großen Lämmern, gab es in diesem Tal viele

    Dann nehme ich eine Geländestufe in Angriff. Puh, ist das auf einmal steil, ich komme ganz schön ins Schwitzen und als ich gerade mal wieder mit ein paar Riesentritten ein paar Meter geschafft habe und verschnaufe, schaut mich ein hier liegendes wiederkäuendes Schaf so tiefenentspannt und völlig unbeeindruckt von meinem Zustand an, dass ich erst einmal einen Lachanfall bekomme.
    Mit jedem Höhenmeter wird es deutlich karger, es gibt immer mehr Steine und immer wieder Pseudo-Joche, nach denen man doch noch weiter nach oben darf. Linkerhand genieße ich immer wieder Blicke auf den Gletscher bzw. dessen Zungen. An einem See führt der Weg über Steine im Wasser, das ist auch mal etwas Neues, macht aber keine Probleme.





    Ein allervorletztes Joch...

    Mir begegnen ein Vater mit Sohn samt viel Angelzeug, aber irgendwie kommen sie kaum vom Fleck, dabei geht es für sie ja abwärts. Naja, kann ja auch kniffelig sein! Weiter oben überquere ich ein paar Schneefelder, was aber dank idealer Schneekonsistenz bestens gelingt.



    Nun habe ich den höchsten Punkt dieses Tages erreicht und mache mich nach einer Stärkung an den schier endlosen Abstieg Richtung Finse. Das Wetter ist kalt und ungemütlich, immer wieder bringt der kräftige Wind leichten Regen mit. Ich überlege, ob ich mir eine Hüttennacht gönnen soll, zum einen könnte ich dann v.a. die Schuhe mal richtig trocknen, zum anderen ein paar Klamotten waschen und nicht zuletzt eine Dusche mit Haarwäsche genießen. Zwischen diese Überlegungen schieben sich aber immer wieder Ablenkungen wie Ausblicke auf rötliches Gestein und bläuliche Gletscherzungen, bei Sonne sicher noch viel toller als jetzt, außerdem steht noch eine anspruchsvollere Bachquerung auf dem Programm. Hin und wieder begegne ich Gestalten, die sich wie ich durch das Wetter kämpfen, einmal drei jungen Leuten, von denen die ersten beiden überhaupt nicht auf mein „Hei“ reagieren, der dritte dann allerdings mit einem kernigen „Servus!“ antwortet.



    Irgendwann kann ich Finse erkennen und irgendwie strahlt die Zivilisation eine so unwiderstehliche Anziehungskraft aus, dass ich nach sich lang hinziehendem, weiter unten auch wieder matschigem Weg, in der Hütte lande.



    Am See oberhalb der Bildmitte liegt die „Oase“ Finse

    Die hat einen exquisiten Trockenraum, Dusche und einen recht netten Aufenthaltsbereich mit Ausblick auf den Finsevatn.
    Heute Abend werde ich bekocht, so dass ich in einen Faulenzermodus verfallen kann. Nach der heutigen Tour auch nicht schlecht! Zum Abendessen wird man in den Speisesaal (kann man bei der Größe schon so nennen) dirigiert und platziert und dann bin ich froh, nur den Hauptgang und nicht das volle Menü gewählt zu haben. Meine Trekkingküche ist ja leider meistens nicht stark genug gewürzt, aber hier ist es fast noch schlimmer. Egal, warm und nahrhaft und dazu ein Salat, den ich am allerbesten finde. Da im vollen Saal ein Höllenlärm herrscht, verschwinde ich schnell wieder und komme mit einem deutschen Fahrradfahrer ins Gespräch, der ganz auf dieses Essen verzichtet hat. Es wird ein echt netter Abend mit outdoortypischen Gesprächen u.a. über die amerikanischen Weitwanderwege und den gehegten Traum, mal den PCT zu laufen, aber natürlich auch über die Ausrüstung, die man einsparen kann und die, die man dann doch dabei haben sollte…
    Dann gehe ich auf das 24-er Lager, das zum Glück nicht einmal zur Hälfte belegt ist und schlafe relativ gut – mit einer Nacht im Zelt und der entsprechenden Frischluft ist das aber so gar nicht zu vergleichen!



    Mittwoch, 14.8.

    Gegen 6.00 Uhr steht jemand auf und ich schließe mich dem gerne an. Möglichst leise verschwinde ich mit meinem ganzen Kram und packe im Waschraum den Rucksack. Die Schuhe sind im Trockenraum fast ganz getrocknet, allerdings hat sich auch das Vorfußpolster einer Einlegesohle gelöst. Aber wozu habe ich schließlich dieses fiese silbergraue Panzertape dabei? Hier kommt es endlich mal zu Einsatz!
    Es ist wie angekündigt gutes Wetter, allerdings lausig kalt, mein Handy behauptet, 3°C. Kommt mir nicht so kalt vor, aber wahrscheinlich bin ich inzwischen etwas abgehärtet. Gegen 7.00 Uhr verlasse ich die Hütte, frage noch im Finsehotel für einen Kollegen, der am Sonntag hier ankommen wird, nach Gas und schreibe ihm meine Forschungsergebnisse.



    Finsevatn

    Auf dem Rallarvegen geht es am See entlang an vielen privaten Hütten vorbei.



    Vor der letzten richtigen Hütte mache ich Frühstückspause, bei dem kalten Wind kein so großes Vergnügen, aber mit leerem Magen mag ich auch nicht weitergehen! Dann darf ich noch durch matschige Zonen mäandern, penibel darauf achtend, dass meine Schuhe so trocken wie möglich bleiben, bevor es aufwärts in steinigere und damit trockenere Gebiete geht, näher an den Gletscher heran. Ein Schneefeld, das auch über einen Bach reicht, überquere ich dann doch mal lieber an der Seite, ich weiß ja nicht, wo es wie dick ist…



    Den Bach darf ich dann natürlich auch überqueren, was ich weit oberhalb der roten T's mache. Da geht es viel einfacher! Ich genieße die Sonne und das alpine Ambiente.



    Leider machen sich dann doch wieder Wolken breit, so dass ich in steiniger Mondlandschaft durch den Nebel gehe. Man bekommt ja leicht den Eindruck, dass hier gar nichts mehr wächst, aber wenn man genau hinschaut, ist es doch noch viel mehr als in so manchem modernen deutschen Vorgarten…



    Immer wieder reichen Gletscherzungen mit dazugehörigen Seen aus dem Nebel, hat ja auch irgendwie etwas! In dieser Einöde kommen mir einmal ein paar regenvermummte Gestalten entgegen, wir quatschen aber gar nicht, irgendwie kämpft sich jeder schweigend durch die Suppe. Für eine Pause ist es leider zu kalt, so stapfe ich unermüdlich weiter. Als es etwas hinab geht, wird es auch schon wieder grüner.



    Nach einer richtig schönen Hängebrücke kommt direkt die Billigvariante: Einfach nur ein paar dicke Bohlen übereinander über einen dann doch nicht zu unterschätzenden Bach gelegt. Ich überlege, ob ich hier besser eine Sitzüberquerung machen soll, aber das Holz ist wider Erwarten nicht so rutschig, so dass ich in Minischritten hinübergehe. Schon komisch, hatten sie da nach der schönen Brücke nichts mehr übrig für ein wenig mehr Komfort und Sicherheit?
    Da ich mich aber dank dieser Brücken gut orientieren kann, schaue ich mal auf die Karte. Ab jetzt geht es im Wesentlichen bergab. Ich möchte diese Bergwelt aber eigentlich noch nicht verlassen, außerdem hoffe ich auf noch mehr Sicht. So schaue ich nach einem Zeltplatz und werde auch bald oberhalb eines Sees fündig. Sehr hübsch und netterweise regnet es auch schon nicht mehr, so dass der Aufbau ganz entspannt stattfindet. Allerdings merke ich, wie dünn hier die Vegetationsdecke ist, es ist gar nicht so leicht, die Heringe einigermaßen weit in den Boden zu bekommen. Es ist zwar erst kurz nach 14.00 Uhr, aber so ein gemütlicher Nachmittag in der „Made“ beim Teetrinken ist nicht zu verachten! Immer wieder schauert es, so dass ich mit meiner Entscheidung, hier zu bleiben, sehr zufrieden bin. Da ich zudem recht gut in der Gesamtzeit bin, kann ich gut und gerne auch ein wenig herumbummeln!
    Abends gibt es Zucchini-Soja-Nudel-Suppenpampe "mit ohne" Würze, ansonsten ist der Abend auch nicht interessanter...
    Zuletzt geändert von Bergahorn; 27.11.2019, 12:31.

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  • Bergahorn
    antwortet
    AW: [NO] Hardangervidda 6.-22. 8. 2019

    Dankeschön für die Lorbeeren! Made und Mimose lassen unbekannterweise grüßen!

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  • Blahake
    antwortet
    AW: [NO] Hardangervidda 6.-22. 8. 2019

    Ein seeehr schöner Bericht, ich hab' mich mehrmals kringeln müssen (Made und Mimose ), die Wassertropfen auf dem Zelt hab' ich bildlich vor Augen - großartig, wie Du das beschreibst. Und Du weckst sechs Jahre alte Erinnerungen an meine Hardangerviddatour. Was kommen da schöne Erinnerungen hoch! Bin gespannt, wie es weitergeht.

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