[NO][SE] Nass in den Herbst - Sulitjelma bis Gjerdalen und eine Runde in Salten

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  • Borgman
    Dauerbesucher
    • 22.05.2016
    • 517

    • Meine Reisen

    [NO][SE] Nass in den Herbst - Sulitjelma bis Gjerdalen und eine Runde in Salten

    Tourentyp
    Lat
    Lon
    Mitreisende
    Reisezeit: 30. August bis 22. September 2019

    Reiseziel: Norwegen, Nordland fylke und Schweden, Norrbottens län





    Freitag, 30. August: Rascher Aufbruch

    Statt einer gemächlichen Einleitung geht es diesmal sofort los. Wir müssen erst mal was schaffen vor dem Regen. Auf alle Besonderheiten dieser Tour kann ich genauso gut später im Text zu sprechen kommen. Der Plan steht, ich starte in Sulitjelma und will es mindestens bis zum Kobbvatn schaffen. Wenn ich noch Zeit übrig haben sollte, auch gerne weiter nach Norden in die Gegend zwischen Hellmofjord und Sagfjord, irgendwo zur E6. Aber auf jeden Fall zum Kobbvatn, da bin ich vor Jahren auf dem Weg vom Beisfjord nach Süden ausgestiegen, weil bis zum Rago die übriggebliebenen Wandertage nicht ausgereicht hätten. Ein älteres Projekt also, das ich dieses Jahr aus der anderen Richtung wieder aufnehme. In einer unwegsamen Gegend, vor der ich großen Respekt habe.

    Ein bisschen aufgeregt bin ich sowieso meistens am Reisetag, hoffentlich klappen alle Verbindungen, hoffentlich bleibt mein Rucksack bei der kurzen Umsteigezeit nicht in Kopenhagen liegen. Heute ist das noch mal anders, denn mir sitzt das Wetter im Nacken. Ab Sonntag Nachmittag soll es regnen, begleitet von starkem Wind. Das möchte ich nicht auf dem Gletscher erleben. Danach ist das Wetter ungewiss, sieht aber nach mehr Regen aus:



    Der letzte Bus nach Sulitjelma fährt 16:00 Uhr ab Fauske. Den sollte ich erreichen, dann kann ich heute schon ein Stück laufen, die zwei trockenen Tage möglichst gut ausnutzen. Mit steigender Anspannung warte ich in Oslo auf den Flieger aus Bodø, der eine halbe Stunde später wieder zurück gehen soll. 10 Minuten Verspätung sind ja nicht viel, aber bis zum Abflug sind es dann schon 20 Minuten. Das reicht auf jeden Fall noch, um in Bodø einzukaufen und den Bus um halb drei zu kriegen. Trotzdem bin ich nervöser als sonst.

    In Bodø liegt mein Rucksack als einer der ersten auf dem Band, puh, Glück gehabt! So erreiche ich noch ganz knapp den Bus 12:45 Uhr nach Fauske und kann aufatmen. Fauske ist sowieso viel besser zum Einkaufen, zwei Tankstellen direkt an der Rutebilstasjon und nur ein paar Schritte bis zum Coop mega. Dahin geht es zuerst, ich brauche Essen für 12 Tage. Zehn Tütenessen, eine Packung Kaffee und genügend Milchpulver habe ich dabei, also muss ich nur noch den Rest kaufen, das Übliche. Müsli, Bixit, Kornmo, ein Klotz Käse, Turmiks, noch mehr Bixit, außerdem ein gutes Brot für die ersten zwei Tage Mittag- und Abendessen, Mayo, Schinken und mehr Käse für drauf, ein paar Rosinenbrötchen, Lefser für morgen früh und ein kleines Bier. Der Einkaufskorb füllt sich rasant.

    Mit dem ganzen Geraffel steuere ich die nächste Picknickbank an und stopfe alles erst mal weitgehend lose in den Rucksack. Platz ist genug, denn das Zelt und das Boot werden außen dran geschnallt. Das Boot, ja, die überhaupt größte Besonderheit dieser Tour. Moment … ich kaufe noch eben kurz eine Flasche Spiritus und einen Kaffee bei der Esso-Tanke, setze mich damit ans Wasser und rauche erst mal eine, bevor das erste Rosinenbrötchen dran glauben muss. Fast eine Stunde Zeit bis der Bus nach Sulitjelma abfährt. Mittlerweile bin ich tiefenentspannt, die Sonne scheint, es ist herrlich.


    Fauske

    Also das Boot. Zum ersten Mal ist ein Packraft dabei, das ich seit zwei Monaten mein Eigen nenne. Bis auf ein paar Übungsfahrten von insgesamt höchstens zwölf Stunden habe ich keinerlei Erfahrung mit dem Ding, ich habe noch nicht mal probeweise den Rucksack drauf geschnallt. Das kann aber nicht so schwierig sein, der Riemen ist lang genug. Bin schon äußerst gespannt, ob das eine tolle Sache ist oder nur nutzloser Ballast. Es ist ein Anfibio Alpha und wiegt mit allem Zubehör nach Angaben des Händlers 2,9 kg. Damit komme ich insgesamt auf ein Rucksackgewicht beim Start von etwa 26 kg. Noch tragbar, aber an meiner persönlichen Bequemlichkeitsgrenze. Dafür hätte ich, wenn alles klappt, die Möglichkeit, den Gletscher über den See Blåmannsisvatn zu erreichen oder bei schlechter Sicht den Gletscher über Skagmadalen und Leirvatnet ganz zu umgehen. Das wäre auf jeden Fall eine neue, spannende Variante durch das Gebiet.

    Um 16:00 Uhr soll der Bus abfahren, aber der Busfahrer ist auch tiefenentspannt, er ist noch nicht ganz fertig mit seiner Pause. „Ikke stress!“ sagt er scherzhaft zu den Damen, die ihre Fahrkarten bezahlen wollen. Wir fahren nach Sulitjelma, da hat es niemand eilig. Die Strecke bin ich zuletzt vor 21 Jahren gefahren, ich kann mich noch an die drei engen Tunnel am Anfang erinnern. Wenn sich zwei größere Fahrzeuge begegnen, muss einer an den Rand fahren und stehen bleiben, sonst passt es nicht. Die Tunnel wurden für die 1956 fertiggestellte Eisenbahnstrecke von der Bergbaustadt Sulitjelma nach Finneid angelegt, davor war für gut 60 Jahre der Erztransport nur über das Wasser des Øvervatn möglich. 1972 wurde die Bahnstrecke stillgelegt und auf ihrer Trasse bis 1975 die heutige Straße gebaut. Die Gruben gingen 1983 in staatliche Hand über, und 1991 wurde die letzte geschlossen. Schon wenige Jahre nach 1900 war die Grubengesellschaft das größte Bergwerk und der zweitgrößte Industriebetrieb Norwegens mit 1750 Beschäftigten um 1913. Wer sich für die menschliche Seite hinter den vielen Zahlen, die unmenschlichen Arbeits- und Lebensumstände der Bergleute und deren langen Kampf für bessere Bedingungen interessiert, dem sei dieser Artikel ans Herz gelegt. Mit Dank an Fjellfex für den Link.

    Der nette Busfahrer ruft mich wieder in die Gegenwart zurück: „Wo willst du aussteigen?“ - „Äh, an der Kirche...“ - „Das ist hier.“ Tatsächlich, wir sind schon da, vielen Dank. Ich richte meinen Rucksack und wanke in den warmen, sonnigen Spätsommernachmittag hinein. Hatte ich was von noch tragbar gesagt? Bestimmt hab ich viel zu viel Essen dabei. So schwer sollte der doch gar nicht sein. Direkt oberhalb der Kirche beginnt der Schotterweg hoch zur Hütte Ny Sulitjelma, dem ich ab jetzt stoisch Schritt für Schritt folge.







    Der Schweiß fließt bald in Strömen, aber ich fühle mich fit und gewöhne mich langsam an den Rucksack. So ein langer, stetiger Anstieg hat was für den Anfang. Man muss nicht viel nachdenken, kann sich ganz auf das Gehen konzentrieren. Und die Aussicht wird immer besser, je höher ich komme. Nach anderthalb Stunden habe ich schon etwas mehr als 400 Höhenmeter geschafft und brauche eine Verschnaufpause. Wasserflasche füllen, ein halbes Rosinenbrötchen essen, das klitschnasse T-Shirt für eine Viertelstunde in die Sonne hängen.





    Bis zur Hütte ist es nicht mehr weit, aber die ist nicht mein Ziel. Ich möchte noch bis zu dem kleinen Parkplatz auf 830m Höhe laufen, also los. Ein kleines rotes Auto kommt mir entgegen und hält an. Die beiden älteren Damen wollen nicht Bestimmtes, nur mal fragen was ich vorhabe und ein paar Takte reden. Nach Norden gehe ich, aber ich weiß selber noch nicht genau welche Route und wo ich herauskommen werde. Es gibt mehrere Varianten, alle recht einsam. Begegnungen mit Menschen werde ich sicher nicht viele haben.


    Ny Sulitjelma





    Die Sonne steht schon ziemlich tief, als ich die Hütte passiere und mich nach einer kurzen ebenen Strecke auf den letzten Anstieg für heute vorbereite. Ab hier gibt es auch einen Pfad, der wäre etwas kürzer, aber ich laufe lieber weiter auf der Straße. Ob meine Kräfte heute noch für steileres Gelände ausreichen, kann ich nicht abschätzen. Es wird jedenfalls schon etwas mühsamer, und der Rucksack drückt und zwickt wieder mehr.

    Endlich, nach ziemlich genau acht Kilometern und 700 Höhenmetern, ein kleines Pumpenhäuschen oder so was, vor dem drei Autos stehen. Die Sonne ist inzwischen hinter dem Berg verschwunden. Wie erwartet gibt es hier gute Zeltmöglichkeiten direkt am Bach. Jetzt muss ich mich nur noch gründlich waschen, verschwitzt wie ich bin, dann kommt der Moment, den ich auf jeder Tour am meisten liebe. Das letzte Bier, die erste Nacht im Zelt, es ist ganz und gar befriedigend. Drei freie Woche liegen vor mir, der ganze Alltag hinter mir, ein kuscheliger Schlafsack und ein noch unsortierter Berg von Nahrungsmitteln neben mir. Was kann es Schöneres geben?


  • vobo

    Erfahren
    • 01.04.2014
    • 479

    • Meine Reisen

    #2
    AW: [NO][SE] Nass in den Herbst - Sulitjelma bis Gjerdalen und eine Runde in Sal

    Kaum bist Du heile wieder zuhause - da fängst Du schon an zu schreiben, toll! Bin total gespannt auf die Erlebnisse und tollen Bilder, egal ob mit Regen oder Herbstsonne. 800m Aufstieg sind schon gewaltig für den ersten Tag.

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    • Blahake

      Dauerbesucher
      • 18.06.2014
      • 881

      • Meine Reisen

      #3
      AW: [NO][SE] Nass in den Herbst - Sulitjelma bis Gjerdalen und eine Runde in Sal

      Zitat von vobo Beitrag anzeigen
      ...Bin total gespannt auf die Erlebnisse und tollen Bilder...
      Ich auch!

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      • Fjellfex
        Dauerbesucher
        • 02.09.2016
        • 564

        • Meine Reisen

        #4
        AW: [NO][SE] Nass in den Herbst - Sulitjelma bis Gjerdalen und eine Runde in Sal

        Klasse, es geht schon los!

        Dein Respekt vor der unwegsamen Gegend dort besteht ja völlig zu Recht, und dann waren die Wetteraussichten auch nicht perfekt. Ich altes Weichei hätte da vielleicht auf einen Plan B zurückgegriffen...

        Werde gespannt am Ball bleiben, insbesondere auch unter packraft-Gesichtspunkten: schön, daß Du hier für uns das Versuchskaninchen gemacht hast.

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        • Borgman
          Dauerbesucher
          • 22.05.2016
          • 517

          • Meine Reisen

          #5
          AW: [NO][SE] Nass in den Herbst - Sulitjelma bis Gjerdalen und eine Runde in Sal

          @vobo, @Blahake: Und Ihr müsst nicht mal lange warten - es geht heute schon weiter. Freut mich, dass Ihr dabei seid!

          Zitat von Fjellfex Beitrag anzeigen
          Werde gespannt am Ball bleiben, insbesondere auch unter packraft-Gesichtspunkten: schön, daß Du hier für uns das Versuchskaninchen gemacht hast.
          Versuch trifft es ganz gut, ich war mir ja bis kurz vor der Abreise noch nicht sicher, ob es überhaupt mitkommt. Das hatte ich Dir ja schon geschrieben. Was Du noch nicht weißt: so ein Luftboot ist gar nicht so einfach zu bändigen ... warte mal ab bis Tag 3 und entscheide dann, ob Du nicht lieber einen soliden Ally-Faltkanadier willst

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          • Fjellfex
            Dauerbesucher
            • 02.09.2016
            • 564

            • Meine Reisen

            #6
            AW: [NO][SE] Nass in den Herbst - Sulitjelma bis Gjerdalen und eine Runde in Sal

            Zitat von Borgman Beitrag anzeigen
            ... warte mal ab bis Tag 3
            Tag 3.... wird sind noch nicht mal bei Tag 2! Immer diese cliffhanger....

            Ran an die Tasten!

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            • Borgman
              Dauerbesucher
              • 22.05.2016
              • 517

              • Meine Reisen

              #7
              AW: [NO][SE] Nass in den Herbst - Sulitjelma bis Gjerdalen und eine Runde in Sal

              Samstag, 31. August: Lust und Frust

              Obwohl ich vom langen Reisetag gestern rechtschaffen müde bin, kann ich in der Nacht kaum schlafen. Einen nachvollziehbaren Grund finde ich nicht. Ich fühle mich sauwohl und sicher im Zelt, die Nacht ist angenehm kühl und dunkel, außerdem bin ich sehr zufrieden mit der geschmeidigen Anreise und darüber, dass ich am Nachmittag noch ein gutes Stück geschafft habe. Und es regnet sogar ein paar Tropfen, für mich sonst immer das einschläferndste Geräusch überhaupt. Aber in dieser Nacht erinnert mich der leichte, harmlose Regen wahrscheinlich unbewusst daran, dass ich nur wenig Zeit habe, um über den Gletscher zu kommen.

              Am frühen Morgen finde ich dann doch noch ein paar Stunden Schlaf und wache gegen halb neun auf. Da wollte ich eigentlich schon längst unterwegs sein. Macht aber nichts, heute soll den ganzen Tag prima Wanderwetter sein. Kaffee und Lefse zum Frühstück, danach brauche ich etwas länger zum Packen, weil die ganzen Nahrungsmittel noch ihren Platz in den entsprechenden Beuteln finden müssen. Um viertel vor zehn bin ich endlich bereit zum Aufbruch, der kräftige Südwind hat das Zelt schon längst getrocknet. Es ist bedeckt, aber nicht kalt, bestimmt 10-12°C.


              Im Hintergrund sieht man das (Pumpen?)Häuschen und ein paar Autos, da ist der kleine Parkplatz

              Ab jetzt folge ich erst mal dem gut markierten Pfad über die Höhe 916m und dann hinunter zur ersten Furt meiner Tour. Der Bach wird vom Stortoppen-Gletscher gespeist, ist aber an dieser Stelle breit und harmlos, noch gut in Stiefeln zu durchwaten. Stortoppen selbst, wie auch alle anderen höheren Berge im Osten, sind noch in Wolken gehüllt. Danach geht es östlich am Storelvvatn entlang und wieder ansteigend auf gut 1000m Höhe. Der Rucksack drückt noch ein bisschen, ansonsten komme ich trotz der schlechten Nacht ziemlich gut voran. Von den Anfangsschwierigkeiten, die ich im vergangenen Jahr bei allen Touren hatte, keine Spur.


              Blick nach NO von der Höhe 916m


              Furtstelle


              Am Storelvvatn kommt sogar zaghaft die Sonne durch…


              … und die Wolken geben allmählich den Blick auf die Berge frei: Stortoppen

              Und schon komme ich in das hügelige, unübersichtliche Gebiet der Småsorjosvatnan, das ging schneller als gedacht. Auch den Mitarbeitern von Statens Kartverk war diese Kette kleiner Seen wohl etwas zu unübersichtlich, jedenfalls entdecke ich auf Anhieb gleich zwei Fehler in der Karte. Der südlichste See kann nicht niedriger als der nächste nördliche sein, und es ist auch wenig wahrscheinlich, dass die Seen sowohl nach Osten als nach Westen entwässern. Tun sie auch nicht, die Wasserscheide ist zwischen dem See 955m und dem östlichen See 920m, der hat keinen Zulauf von Westen.


              Südlicher Småsorjosvatn



              Zum See hinunter geht es über ein unangenehm hartes und glattes Schneefeld, das ich letzten Endes einfach auf dem Hosenboden hinunter rutsche. Ist sicherer so, die nasse Hose wird schon wieder trocknen. Hier gäbe es gute Plätze für eine Pause, aber eigentlich ist es dafür noch zu früh. Den nächsten Anstieg kann ich auch noch schaffen, sind nur 90 Höhenmeter. In meine Laufrichtung lösen sich die Wolken immer schneller auf, es wird doch tatsächlich ein schöner Spätsommertag. Eine Gruppe von vier Wanderern mit Tagesrucksäcken kommt mir entgegen.


              Einer der Berge am Sårjåstjåhkkå. Nur wenige Berge in dieser Gegend wurden mit einem Namen bedacht, bis zum Leirvassfjell 15 km nördlich sogar überhaupt keiner mehr.


              Noch über einen Hügelrücken…


              … dann geht es hinunter zum Bajep Sårjåsjávvre





              Beim Abstieg lauern noch einige tückische Schneefelder, die nicht immer umgangen werden können. Bin aber zu faul, jetzt schon die Schneeketten herauszukramen, es geht auch ohne. Am kleinen See 859, einen Kilometer vor der Sorjushütte, ist es dann aber wirklich Zeit für eine ausgiebige Mittagspause. Hier kommen noch mal zwei Frauen vorbei, ebenfalls mit leichtem Gepäck, die deutlich mehr Interesse an meiner Tour zeigen als die von vorhin. Sie sind ein bisschen besorgt, weil ich alleine ein sehr einsames Gebiet durchwandern will und das Wetter viel schlechter werden soll. Ich kann sie davon überzeugen, dass ich kein Risiko eingehe und ganz bestimmt klarkomme, aber eine leichte Anspannung merke ich doch.

              Wenn ich ganz ehrlich bin, ist es sehr schön, auf einem markierten Pfad zu laufen und ab und zu mal Menschen zu treffen. Andererseits bin ich diesen Weg, der weiter durch Padjelanta zum Akkajaure führt, schon vor 21 Jahren gegangen, das ist keine Option. Nein, die aufkeimenden Zweifel an meinem Vorhaben dürfen nicht zu viel Raum bekommen. Nach der Pause halte ich mich nur noch bis zur Brücke über den Seeabfluss an den Pfad und verlasse ihn kurz danach in nordwestlicher Richtung, wenn auch nicht ohne einen nachdenklichen Blick auf die Sicherheit und Gemütlichkeit versprechenden Hütten auf der anderen Seite der Bucht.


              Ein bisschen verloren und rudimentär sieht die Brücke schon aus, aber sie erfüllt ihren Zweck voll und ganz.


              Sorjushytta, ab hier geht es pfadlos weiter


              See 825m

              Ich folge jetzt für ein paar Kilometer in umgekehrter Richtung der Route, die Bernie damals vom Blåmannsisen herunter gelaufen ist. Er hat den Einschnitt zwischen Blåmannsisvatnet und Bajep Sårjåsjávvre, mit dem kleinen See 1005m ganz oben, nur als „steinig“ bezeichnet, was so ziemlich alles bedeuten kann. Ich bin gespannt, noch ist er nicht einzusehen.



              Blick nach Nordosten. Da hinten am Bach rechts von der Bildmitte wäre die andere mögliche Route, um über die Berge ins Skagmadal und weiter zum Leirvatn zu gelangen, wenn man den Gletscher umgehen will. Nachdem ich mich jetzt schon sozusagen vom vertrauten Pfad abgenabelt habe, verliere ich daran keinen Gedanken mehr. Ich will paddeln und ich will auf den Gletscher, bis dahin soll das Wetter bitteschön stabil bleiben. So, das ist schon der besagte Einschnitt, steinig ist tatsächlich eine treffende Beschreibung, und auch hier noch größere Schneefelder. Sieht nicht schwierig aus, am besten versuche ich es erst mal nördlich vom Bach. Weiter oben wird es flacher, hier gibt es sogar zusammenhängende Vegetation, und ich wechsele auf die südliche Seite. Den kräftigen Wind habe ich jetzt von vorne, weht er also doch eher aus Westen? Jetzt nur noch ein Schneefeld, dann stehe ich auch schon vor dem See. Das war einfacher als erwartet.


              Blick zurück zum Bajep Sårjåsjávvre








              Letzter Blick zurück


              See 1005m

              Der Wind flaut ab und kommt jetzt aus Südost. Perfekt zum Paddeln. Bernie ist damals am steilen nördlichen Ufer um den See herumgegangen, das ist also möglich. Nur brauche ich später oder morgen das Boot sowieso, dann kann ich es auch gleich benutzen und schon mal üben für den größeren See, den man nicht mehr so einfach umgehen kann. Bin ein bisschen aufgeregt, als ich das Packraft ausrolle und aufblase, dann den Sitz und die Weste und schließlich das Paddel zusammenstecke. Alles komplett, nichts vergessen.

              Jetzt bläst der Wind wieder aus West über den See. Nicht gut. Und es beginnt zu regnen. Ich setze mich erst mal und warte ab, was passiert. Gegen den Wind will ich nicht ohne Not zum ersten Mal mit Gepäck paddeln. Was ist das? Nach kurzer Zeit ist das Packraft wieder schlaff, es verliert Luft! Ich blase noch mal nach und überlege fieberhaft. Das kann doch kein Loch haben, zu Hause war es einwandfrei in Ordnung. Das Ventil ist auch ganz geschlossen. Wind und Regen nehmen noch zu, es wird langsam ungemütlich. Panik steigt auf, die muss ich erst mal bändigen, bevor ich eine Entscheidung treffe. Das Zelt aufbauen und morgen gründlich die Ursache suchen? Hier ist alles nur steinig. Ich könnte das Boot wieder einpacken und um den See laufen, vielleicht gibt es da bessere Plätze. Nein, ich bin jetzt zu nervös, ich hätte nicht die nötige Ruhe, um im Regen sicher über steiles Geröll zu gehen. Ich muss für heute hier bleiben. Notfalls weiter unten im Tal.

              Nach einiger Sucherei findet sich doch noch eine halbwegs ebene Stelle mit Moos und nicht zu großen Steinen als Untergrund. Als das Zelt steht, hole ich das Boot nach, es ist wieder schlaff. Das Problem werde ich nur morgen lösen könne, wenn hoffentlich der Regen aufhört. Der Wind hat wieder auf Südost gedreht, steht jetzt genau auf dem Eingang und zerrt mit unangenehmen Böen am Stoff. Egal, das wird jetzt nicht mehr verändert. Die wackeligeren Heringe sollten noch mit Steinen gesichert werden, danach Katzenwäsche und ein Kaffee. Ist sowieso schon sechs Uhr. Trocken und geschützt im Zelt beruhige ich mich allmählich. So schlimm ist das nicht. Das Wetter wird sich bessern, und für das Problem mit dem Boot findet sich eine Lösung. Oder eine Alternativroute. Morgen.

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              • ChuckNorris
                Erfahren
                • 03.08.2018
                • 148

                • Meine Reisen

                #8
                AW: [NO][SE] Nass in den Herbst - Sulitjelma bis Gjerdalen und eine Runde in Sal

                Ah, sehr schön. Ich bin gespannt ob du das Boot wieder hinbekommst und überhaupt wo es dich so hintreibt. Mal sehen was dein Wetterglück so macht.

                Kommentar


                • Borgman
                  Dauerbesucher
                  • 22.05.2016
                  • 517

                  • Meine Reisen

                  #9
                  AW: [NO][SE] Nass in den Herbst - Sulitjelma bis Gjerdalen und eine Runde in Sal

                  Zitat von ChuckNorris Beitrag anzeigen
                  Ah, sehr schön. Ich bin gespannt ob du das Boot wieder hinbekommst und überhaupt wo es dich so hintreibt. Mal sehen was dein Wetterglück so macht.
                  Hi! Fragen über Fragen ... und ich hätte auch ein paar an Dich, wegen Deiner Tour in Lomsdal-Visten ... aber der Reihe nach, gleich geht es hier weiter.

                  Ja, Fjellfex, das wird schon Tag 3, zügle Deine Ungeduld!

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                  • Borgman
                    Dauerbesucher
                    • 22.05.2016
                    • 517

                    • Meine Reisen

                    #10
                    AW: [NO][SE] Nass in den Herbst - Sulitjelma bis Gjerdalen und eine Runde in Sal

                    Sonntag, 01. September: Zu viel für einen Tag!

                    Wieder eine unruhige Nacht. Ab etwa halb eins liege ich lange wach und muss immer wieder an den kommenden Tag denken, der durch den verkorksten Nachmittag gestern ungewisser erscheint denn je. Im Dämmerzustand sehe ich mich schon zurücklaufen und an der Alternativroute ebenfalls scheitern. Hirngespinste. Ich stelle mir den Wecker auf fünf Uhr, damit ich noch vor Sonnenaufgang starten kann.

                    Gegen viertel vor sechs wache ich auf, der Wecker hat versagt. Funktioniert jetzt gar nichts mehr? Was geht als nächstes kaputt? Egal, es ist immer noch früh genug. Ein guter Filterkaffee muss sein, dazu drei Bixit-Kekse, aber danach packe ich schnell zusammen. Das Wetter sieht gut aus, mäßiger Wind aus Osten, gelegentlich kräftige Böen, kein Regen. Also los.




                    Immer noch See 1005m

                    Ich trage alle Sachen zu der winzigen flachen Bucht, blase wieder das Boot auf und untersuche es genau. Es hat keinerlei Beschädigungen. Das Ventil schließt perfekt. Da kann keine Luft raus, also wage ich den Versuch. Die Stiefel kommen in einer Plastiktüte in den Leichtrucksack, mit diesem und der gefüllten Trinkflache beschwere ich das Boot gegen den Wind. Dann mache ich den großen Rucksack fertig, der Blasesack muss noch hinein und die Neoprenhandschuhe in die Jackentasche.

                    Plötzlich greift eine starke Bö das Packraft, Schuhe und Flasche fallen heraus, und schleudert es in die Luft, schneller als ich Scheiße schreien kann. Ich sofort hinterher, bin aber nicht schnell genug. Das Boot klatscht kieloben auf das Wasser, wird noch einmal herumgewirbelt und treibt jetzt richtig herum über den See. Scheiße! Scheiße!! Scheiße!!! Das krieg ich doch nie wieder! Ich überlege kurz, ins Wasser zu springen, renne dann aber so schnell wie die Sandalen auf den Steinen Halt finden zum Südufer, wo es hintreibt. Ohne nachzudenken hechte ich ins Wasser, zum Glück ist es hier nicht tiefer als Mitte Oberschenkel. Mit rasendem Puls fange ich das Boot ein und trage es zurück zur Bucht.

                    Ich muss laut lachen, halb vor Erleichterung, halb über meine Blödheit. Das muss irrsinnig komisch ausgesehen haben. Luftboot im Tiefflug! Das Packraft lasse ich jedenfalls nicht mehr los, schnalle den Rucksack auf den Bug und atme einmal tief durch. Schuhe direkt vor den Sitz, Paddel nicht vergessen und einsteigen. Diesmal hat es immerhin keine Luft verloren, alles noch prall gefüllt.





                    Langsam gewinne ich wieder Zutrauen und paddle drauflos, Wind von hinten, alles gut. Bis zum Abfluss sind es nur 500m, und da finden sich auch gleich gute Steine zum Aussteigen. Soweit hat doch die erste kurze Fahrt mit Gepäck hervorragend geklappt, alles in allem. Der Rucksack liegt vielleicht noch nicht optimal. Jetzt muss ich nur 80 Höhenmeter hinunter zum Blåmannsisvatn, da geht es wieder aufs Wasser. Ich trage zuerst das Boot in den Windschatten am Hang und hole den Rucksack nach. Als ich gerade die Füße getrocknet und die Schuhe gewechselt habe … nein, das kann ich nicht erzählen, so dumm darf man einfach nicht sein.

                    Also, in einem unaufmerksamen Moment sehe ich aus dem Augenwinkel schon wieder was gelbes durch die Luft segeln, über den Bach, dem Abhang entgegen und stürze sofort los. Diesmal bin ich schneller, nach 20 Metern ist das Boot eingefangen. Puh, das muss man erst mal hinkriegen, den selben Fehler zweimal zu machen. Ab jetzt wird immer der Rucksack ins Boot gelegt, wenn ich mit was anderem beschäftigt bin.




                    Panorama Blåmannsisvatnet

                    Für den kurzen, einfachen Abstieg bleibt es aufgepumpt, das geht ganz gut. Nur muss ich aufpassen, dass ich mich nicht reflexhaft auf das Paddel stütze wie auf einen Wanderstock. Der Blick über Blåmannsisvatnet ist wirklich eindrucksvoll, türkisfarbenes Wasser, weiß gefleckte Felshänge, und im Nordwesten kalbt der Gletscher in den See. Dazu ein bisschen Sonne und Wind von hinten, so hatte ich mir das gewünscht. Unten findet sich gleich eine perfekte Stelle zum Einsetzen. Keine fünf Minuten später habe ich wieder die Schuhe gewechselt und sitze im Boot.



                    Der Wind weht mittelstark aus Süd bis Ost. Mit den Wellen komme ich klar, das habe ich geübt. Die Bedingungen sind so gut, wie sie heute nur sein können, und so lässt das leicht mulmige Gefühl auf dem größeren See bald nach. Ich peile eine Stelle direkt im Norden an, einfach links von der ersten Insel und rechts von der zweiten. Dort, wo ein größerer Bach den Hang herunterstürzt, sollte man eigentlich gut anlanden und zum Gletscher aufsteigen können. Anfangs ist das Wasser noch recht ruhig, ich kann in gerader Linie paddeln, was dank der Richtungsfinne, die man im letzten Bild gut erkennen kann, sogar funktioniert. Die gleichmäßige Bewegung macht Spaß, ich fühle mich großartig. Ist das geil hier!





                    Diesmal liegt der Rucksack satt auf dem Bug, nämlich anders herum, und stört überhaupt nicht mehr. Etwa in der Seemitte frischt der Wind spürbar auf und ändert häufiger die Richtung. Dadurch habe ich jetzt mehr und größere Wellen aus Osten, was nicht so günstig ist, aber besser als Gegenwind. Ich steuere das Boot genau gegen die Wellen und gleiche dann wieder nach Nordwesten aus, wenn es ruhiger wird, also mehr ein Zickzack-Kurs. Nur einmal bin ich unaufmerksam, da erwischt mich eine Welle seitlich und schwappt ins Boot. Na ja, Paddeln ist eine nasse Angelegenheit, trotzdem passe ich lieber besser auf, sonst muss ich irgendwann schöpfen. Viele Fotos mache ich allerdings nicht mehr, nur noch in einem ruhigen Moment.


                    Blick Richtung Skagmadalen




                    Fast geschafft, etwas rechts vom Bach lege ich an

                    Nach einer guten Dreiviertelstunde auf dem See erreiche ich das Ufer neben dem Gletscherbach und suche eine gute Anlandestelle. Da liegen viele große Steine im Wasser, aber es geht. Eine Welle von Euphorie durchflutet mich, als ich mit wackeligen Beinen an Land stakse. Geschafft! Ich hab‘s tatsächlich gemacht! Das ist doch der Hammer! Hier können gleich in Wind und Sonne meine Sachen trocknen, während ich frühstücke.





                    Eigentlich würde ich gerne noch ein bisschen länger verweilen, bin aber zu hibbelig. Denn jetzt muss ich über den Gletscher, und ich habe keinen blassen Schimmer, was mich da erwartet. Erst mal packen, das dauert sowieso eine Weile, dann steige ich langsam den Hang aufwärts bis zu einem Schneefeld. Auf dem Schnee geht es weiter hoch, und bald stoße ich auf Wälle aus Moränenschutt, dahinter erstreckt sich schier unendlich der Gletscher. Ich habe Glück, große Bereiche sind ausgeapert, da habe ich eine gute Stelle gefunden, um auf das Eis zu kommen.

                    Trotzdem bin ich ein bisschen aufgeregt, als ich am Übergang zwischen Geröll und Eis die Schneeketten anlege. Auch eine Besonderheit. Um Gewicht zu sparen, habe ich die Snowline Chainsen light angeschafft, die ich jetzt zum allerersten Mal ausprobiere. Vor der Tour konnte ich nur testen, ob sie stramm genug an den Stiefeln sitzen. Bei den ersten Schritten auf Eis muss ich erst mal ein Gefühl dafür bekommen, wo die kleinen Zacken unter der Sohle sitzen, wie man auftreten muss, um guten Halt zu finden. Geht aber ganz einfach, es läuft sich super auf den Dingern.




                    Letzter Blick zurück, genau da bin ich über den See gepaddelt


                    Blåmannsisen voraus!




                    Gletscherrand

                    Am Rand ist das Eis sehr flach, sogar etwas nach oben gewölbt, so dass das Schmelzwasser nicht zum Rand hin, sondern erst mal auf den Gletscher zu und dann in Rinnen und Löcher abfließt. Spannend, so was habe ich auch noch nicht gesehen. Jetzt muss ich entscheiden, wie weit ich auf dem Gletscher laufen will. Also, eigentlich muss ich das noch nicht entscheiden, es geht auf jeden Fall weiter nach Norden. Wind von hinten, sonnig, perfekte Sicht. Heute ist der beste Tag für eine längere Gletscherstrecke. Ich peile den Berg 1462m an, der sich über den Messingmalmvatnan erhebt und erstaunlicherweise von hier schon zu sehen ist.


                    Auf dem Blåmannsis




                    Das ist der Grund, warum man niemals schneegefüllte Spalten überqueren darf. Rechts oben im Bild der Berg 1462m.



                    Weiter oben ist das Eis noch mit Schnee bedeckt. Zwischen dem Blaueis und dem Schnee muss ich allerdings durch einen extrem nassen Bereich mit sulziger Schluze waten, nicht mehr Schnee, noch nicht ganz Wasser, die nicht abfließen kann. Das ist wirklich unangenehm. Die Stiefel sinken bei jedem Schritt mehr oder weniger bis zum Knöchel ein, man sieht aber nicht, was darunter ist. Ich atme auf, als es auf dem Schnee weiter geht.


                    Blick zurück nach Süden



                    Genau 12:00 Uhr. Eine Stunde bin ich jetzt auf dem Gletscher, Schritt für Schritt, Meter für Meter durch die einsame Weite, immer mehr ansteigend. Ich habe nicht das Gefühl, nennenswert voranzukommen und kann auch nur ungefähr abschätzen, wo ich bin. Irgendwo rechts müsste es zum Leirvatn hinuntergehen, das wäre die frühestmögliche Stelle, den Gletscher zu verlassen. Doch die Sicht ist noch gut, nur im Süden ballen sich allmählich die Wolken zusammen. Hoffentlich dauert es noch eine Weile, bis das Wetter mich erreicht. Also weiter.


                    Da wird es wieder nass: ein See von halb geschmolzenem Schnee


                    Blick nach Osten Richtung Leirvatnet


                    Etwas südlich davon regnet es schon. Blick zum See 1058m


                    Berg 1462m, schon zum Greifen nahe, aber noch weit weg

                    Das letzte Bild ist um 13:15 Uhr aufgenommen. Angetrieben vom kalten, kräftigen Wind holt die Regenfront mich langsam ein. Das wird ungemütlich. Ich setze kurz den Rucksack ab, ziehe die Regenhülle darüber und die Regenhose an, krame die Neoprenhandschuhe heraus und esse einen Müsliriegel. Eiskalt bläst mir der Wind um die Ohren. Da muss ich jetzt durch, hätte ja früher aussteigen können. Die Sicht wird schlechter, bald liegen die Wolken fast auf, und es beginnt zu regnen. Mein einziger Orientierungspunkt, der Berg 1462m, ist gerade noch zu erkennen. Wie gut, dass ich schon so weit gekommen bin, eine halbe Stunde später hätte ich nur noch nach Kompass laufen können.


                    13:36 Uhr


                    13:44 Uhr

                    Ein überwältigendes Gefühl von Einsamkeit durchströmt mich und ballt sich zu einem harten Klumpen in der Brust zusammen. Plötzlich werde ich sehr müde, mir tun die Füße weh, ich will nur noch runter vom Gletscher. Aber ich kann mich noch mal zusammenreißen und laufe weiter. Hinter dem Berg 1462m kann ich bestimmt zum mittleren Messingmalmvatn absteigen. Natürlich muss man vorsichtig sein, denn an der westlichen Bergflanke lauert ein 20m hoher Eiskragen auf Wanderer, die im Nebel zu sorglos drauflos laufen. Zum Glück bessert sich die Sicht gerade an dieser Stelle.





                    Hier gibt es wieder mehr Blaueis, aber auch einige Spalten, die im Slalom umgangen werden müssen. Gute Sicht nach Norden, der Regen hat auch aufgehört. Eigentlich bräuchte ich nach drei Stunden dringend eine Pause, andererseits sieht es ziemlich attraktiv aus, alle Messingmalm-Seen westlich zu umgehen und direkt zum Kvitvatn zu laufen. Und es geht ja auch abwärts, da ist die Gefahr von mehr Nebel geringer. Neuer Plan, ich gehe weiter auf dem Gletscher bis zum nördlichen Rand, das ist noch zu schaffen. Nach der kleinen Spaltenzone kommt noch mal Schnee, dahinter ist das Eis unproblematisch. Hier fließt viel Wasser, das in Rinnen über die Oberfläche rauscht und in tiefen Schächten verschwindet.


                    Da noch rüber: der Einschnitt in der rechten Bildhälfte ist meine neuer Peilpunkt


                    Blick nach Westen


                    Nicht viele Spalten, aber auch hier muss man aufpassen


                    An manchen Stellen leuchtet das Eis in einem irren Blau


                    Fast geschafft. Von der Abbruchkante am westlichen Messingmalmvatn halte ich respektvollen Abstand. Dahinter der Berg 1462m.


                    Blick nach Osten: Messingtoppen



                    Endlich auf sicherem Boden. Nach vier Stunden auf dem Gletscher bin ich zu erschöpft zum Jubeln, aber ein gutes Gefühl ist es doch. Der letzte Abschnitt hat noch mal richtig Spaß gemacht. Jetzt muss ich nur noch so weit laufen, bis sich ein Platz für das Zelt findet, dann kann ich weiter überlegen. Vorerst sieht es danach nicht aus, es geht kurz über Fels und Geröll, danach weiter auf Schnee durch ein schmales, unwirtliches Tal. Dabei hat der Wind noch zugelegt, oder vielleicht gibt es an diese Stelle auch einen Blasebalg-Effekt, jedenfalls drückt er so stark, als wolle er mich vom Gletscher weg ins Tal fegen.




                    Da unten werde ich hoffentlich einen Platz finden...


                    … auch wenn es aus der Nähe nicht über die Maßen einladend wirkt

                    Die nächste ebene Dreckstelle ist meine. Ich will nur noch raus aus dem Wind und mich eine Runde hinknallen. Davor muss ich ein paar Steine wegräumen, das Zelt so gut wie möglich abspannen und Wasser holen. Hunger! Ob ich nach der späten Mittagspause noch weitergehe? Eher nicht. Das Wetter wird äußerst ungemütlich, mit starkem Wind und mehr Regen. So ganz sicher fühle ich mich dabei nicht. Die Heringe im Sand sind zwar schon mit Steinen gesichert, aber wer weiß, wie sich das Wetter entwickelt. Könnte noch stürmisch werden. Also gehe ich raus, als der Regen nachlässt, schichte mehr Steine auf die Heringe und eine kleine Mauer um die Luvseite vom Zelt. So viel ich halt schaffen kann, ein Stein nach dem anderen, in fieberhaftem Tempo.

                    Das bringt eine spürbare Verbesserung zum richtigen Zeitpunkt, denn jetzt geht das Unwetter erst richtig los. Ohrenbetäubend lässt der wütende Wind den Regen auf mein armes Zelt prasseln, draußen treibt er ihn waagerecht durch das Tal. Das neue Akto muss jetzt seine erste Bewährungsprobe bestehen. Hätte ich jetzt lieber mein bewährtes Soulo, das über die Jahre so viel ungemütliches Wetter mit einem Achselzucken weggesteckt hat? Nicht unbedingt, ich bin erstaunt, wie stabil das Akto im Wind steht, ich fühle mich sicher in diesem Zelt. Ein paar Stunden später flaut der Wind etwas ab, aber es regnet den ganzen Abend weiter. Wow, was für ein Tag! Die vielen Erlebnisse muss ich erst mal verarbeiten, das hätte eigentlich für eine ganze Woche gereicht.


                    Am nächsten Morgen

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                    • Mika Hautamaeki
                      Alter Hase
                      • 30.05.2007
                      • 3949

                      • Meine Reisen

                      #11
                      AW: [NO][SE] Nass in den Herbst - Sulitjelma bis Gjerdalen und eine Runde in Sal

                      Zitat von Borgman Beitrag anzeigen
                      [B]Reisezeit:

                      Welcher Berg ist das? Ich dachte mir grad, den ahst du schonmal gesehen...hab ihn dan auf dem Cover der aktuellen Borknagar vermeintlich wieder erkannt, aber Unterschiede sieht man irgendwie doch.
                      So möchtig ist die krankhafte Neigung des Menschen, unbekümmert um das widersprechende Zeugnis wohlbegründeter Thatsachen oder allgemein anerkannter Naturgesetze, ungesehene Räume mit Wundergestalten zu füllen.
                      A. v. Humboldt.

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                      • Fjellfex
                        Dauerbesucher
                        • 02.09.2016
                        • 564

                        • Meine Reisen

                        #12
                        AW: [NO][SE] Nass in den Herbst - Sulitjelma bis Gjerdalen und eine Runde in Sal

                        Alter!!

                        In so einer Gletscher-Gegend und bei dem Wetter würde ich mich nicht mehr wohl fühlen...

                        Irgend eine Ahnung, warum das packraft tags zuvor Luft gelassen hat, im entscheidenden Moment aber treue Dienste geleistet hat?

                        Abgesehen davon kennst Du ja schon meine Ungeduld, wenn es um Tourenberichte aus dem geliebten Norge geht. Insbesondere, wenn es auf so spannenden Routen verläuft, und diesmal noch mit dem packraft-Aspekt als Extraschmankerl.

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                        • Borgman
                          Dauerbesucher
                          • 22.05.2016
                          • 517

                          • Meine Reisen

                          #13
                          AW: [NO][SE] Nass in den Herbst - Sulitjelma bis Gjerdalen und eine Runde in Sal

                          Zitat von Mika Hautamaeki Beitrag anzeigen
                          Welcher Berg ist das? Ich dachte mir grad, den ahst du schonmal gesehen...hab ihn dan auf dem Cover der aktuellen Borknagar vermeintlich wieder erkannt, aber Unterschiede sieht man irgendwie doch.
                          Liegt vielleicht an der Perspektive direkt von Westen. Eigentlich hat der Berg zwei Gipfel, der westliche 100m niedriger als der östliche. Von hier sieht man nur den niedrigeren, Vardetoppen, der höhere, Stortoppen, wird von ihm verdeckt. Rechts daneben ist Vagnatjåhkkå.

                          Zitat von Fjellfex Beitrag anzeigen
                          In so einer Gletscher-Gegend und bei dem Wetter würde ich mich nicht mehr wohl fühlen...
                          Gletscher ziehen mich immer wieder an, aber Du hast schon recht, im Nachhinein denke ich auch, dass ich mein Glück ein bisschen zu sehr auf die Probe gestellt habe. Zumal ich ja wusste, dass für den Tag Regen und Wind angesagt war. Und wo toben sich die beiden besonders gerne aus? Genau, auf dem Gletscher.

                          Irgend eine Ahnung, warum das packraft tags zuvor Luft gelassen hat, im entscheidenden Moment aber treue Dienste geleistet hat?
                          Das Packraft ist klasse, zuverlässig und robust. Wahrscheinlich ist mir beim Aufblasen ein Sandkorn oder kleines Steinchen in das Gewinde vom Blasesack geraten, das sich dann unter die Dichtung gesetzt hat. Die ist am Ventil, das erst danach aufgeschraubt wird. Dann nützt auch fest zudrehen nichts. Anders kann ich mir das nicht erklären, das Phänomen ist danach nie mehr aufgetreten.

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                          • ChuckNorris
                            Erfahren
                            • 03.08.2018
                            • 148

                            • Meine Reisen

                            #14
                            AW: [NO][SE] Nass in den Herbst - Sulitjelma bis Gjerdalen und eine Runde in Sal

                            Sehr geil. Bei deinen zwei Bootsmissgeschicken musste ich sehr lachen. Vor allem auch als du schreibst:
                            Ab jetzt wird immer der Rucksack ins Boot gelegt, wenn ich mit was anderem beschäftigt bin.
                            Und zwei Bilder später steht der Rucksack schon wieder am nächsten See neben dem Boot :-)

                            Schaut wahnsinnig toll aus auf dem Gletscher. Ich glaube ich muss das Stück auch noch nachholen.

                            Lomsdal-Visten Bericht ist in Arbeit. Tatsächlich hast du mich gerade vom Schreiben abgehalten. Ein paar Wochen wird's schon noch dauern.

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                            • Meer Berge
                              Fuchs
                              • 10.07.2008
                              • 2330

                              • Meine Reisen

                              #15
                              AW: [NO][SE] Nass in den Herbst - Sulitjelma bis Gjerdalen und eine Runde in Sal

                              Puh, was für ein Tag!
                              Bei deinen Flugboot-Einlagen musste ich an das eine oder andere Malheur denken, das mir auf Touren auch schon passiert ist. Da könnte sicher jeder von uns Stories erzählen, wo man sich immer wieder fragt: Wie konnte ich nur so dumm/ungeschickt/unaufmerksam/... sein!?
                              Klasse, dass du davon so ehrlich berichtest!

                              Geniale Bilder, besonders von dem türkisen See mit dem weiß-blauen Gletscher, der da hinein kalbt!
                              Ich weiß nicht, ob ich mich mit dem Boot über den See gewagt hätte, nachdem es zweimal die Luft verloren hatte.
                              Aber sowas entscheidet man wohl aus dem Bauch heraus in der Situation.

                              Ich bin gespannt auf weitere Abenteuer!

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                              • evernorth
                                Fuchs
                                • 22.08.2010
                                • 1503

                                • Meine Reisen

                                #16
                                AW: [NO][SE] Nass in den Herbst - Sulitjelma bis Gjerdalen und eine Runde in Sal

                                Mensch Bernd - fliegende Boote, das sind ja ganz neue Aussichten!
                                Tja, mit so einem Packraft erlebt man ganz neue Dinge, da kann ich aus diesem Jahr auch ein Lied von singen.
                                Eine spannende und tolle Gegend ist das und die Eindrücke auf dem Blåmannsisen hast du wunderbar in sehr atmosphärisch - dichten Bildern eingefangen.
                                Die Anspannung, von der du sprachst, hatte ich diesmal auch ( und das nicht nur am Anfang, ich sage nur Regen und....Nebel ).
                                Ich bin sehr gespannt, wie es weitergeht.
                                My mission in life is not merely to survive, but to thrive; and to do so with some passion, some compassion, some humor and some style. Maya Angelou

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                                • Ljungdalen
                                  Fuchs
                                  • 28.08.2017
                                  • 1656

                                  • Meine Reisen

                                  #17
                                  AW: [NO][SE] Nass in den Herbst - Sulitjelma bis Gjerdalen und eine Runde in Sal

                                  Zitat von ChuckNorris Beitrag anzeigen
                                  Schaut wahnsinnig toll aus auf dem Gletscher. Ich glaube ich muss das Stück auch noch nachholen.
                                  +1.

                                  (Aber wohl allein. Zuletzt war ich ja mit zwei Töchtern unterwegs, die machen sowas *nie* mit... und wenn ich vordem davon erzähle, lassen sie, wie auch meine Frau, mich nicht gehen...)

                                  Danke für den Bericht bis hierher schon mal. Bin gespannt, wie es weiter geht.

                                  PS...


                                  Bei *diesem* Wetter hätte ich mal vor der Sorjoshytta Richtung Blåmannsisen gehen sollen... war leider schon der letzte Tag - sowohl der Tour, als auch des guten Wetters (September 2017)...

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                                  • vobo

                                    Erfahren
                                    • 01.04.2014
                                    • 479

                                    • Meine Reisen

                                    #18
                                    AW: [NO][SE] Nass in den Herbst - Sulitjelma bis Gjerdalen und eine Runde in Sal

                                    Boah, überschlagen sind das doch rund 11-12 km über den Gletscher, gerade Strecke. Ich weiß schon, warum ich davon die Füße lasse. In der Ecke zwischen Kvitvatnet und Messingmalmvatnan habe ich genauso schlechtes Wetter gehabt wie Du. Auch die Bilder vom Blåmannisvatnet sind super, danke!

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                                    • Borgman
                                      Dauerbesucher
                                      • 22.05.2016
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                                      • Meine Reisen

                                      #19
                                      AW: [NO][SE] Nass in den Herbst - Sulitjelma bis Gjerdalen und eine Runde in Sal

                                      @ChuckNorris: Haha, da hatte ich meine neue Regel ja schon bei der ersten Gelegenheit gebrochen. Zu meiner Verteidingung kann ich nur sagen: es waren nicht mehr als ein paar Sekunden, um das Foto zu machen... Sehr löblich, dass Du schon schreibst, ich freu mich schon drauf, aber warum dauert das ein paar Wochen?

                                      @MeerBerge: Fehler und Missgeschicke sollte man nicht verschweigen, sonst können andere Packraft-Neulinge ja nicht davon profitieren (). Ich hatte eher die Befürchtung, dass mir das niemand glaubt - es las sich einfach zu absurd, als ich es aufgeschrieben hatte. Aber als das Boot nach den Flugeinlagen, der ersten kurzen Paddellstrecke und dem Hinuntertragen immer noch prall aufgeblasen war, hatte ich keine Bedenken mehr, auf den nächsten See zu gehen.

                                      @evernorth: Danke! Ich dachte mir schon, dass Dir der Tag auf dem Gletscher gefällt, die Ecke könnte auch was für Dich sein. Und ich bin schon sehr gespannt auf Dein Lied vom Packraft. Und das andere, aus dem Sarek. Weiter östlich war das Wetter also nicht besser in dieser Zeit? Na, davon wirst Du ja dann hoffentlich berichten.

                                      @Ljungdalen: Ja, meine Frau macht sich auch immer Sorgen, wenn ich alleine losziehe. Ich muss ihr versprechen, dass ich niemals ein Risiko eingehe, das ich nicht einschätzen kann. Meistens halte ich mich daran...
                                      Nettes Wetter hattest Du an der Sorjushytta, von wo bist Du da gekommen?

                                      @vobo: Das mit den Kilometern kommt hin, nach den Daten der Fotos war ich knapp 4 Stunden auf dem Eis. Ist auf jeden Fall die kürzeste Route. Du wirst uns dann ja berichten, auf welches Hindernis man stößt, wenn man den Gletscher umgehen will

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                                        • 28.08.2017
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                                        #20
                                        AW: [NO][SE] Nass in den Herbst - Sulitjelma bis Gjerdalen und eine Runde in Sal

                                        Zitat von Borgman Beitrag anzeigen
                                        @Ljungdalen: ...Nettes Wetter hattest Du an der Sorjushytta, von wo bist Du da gekommen?
                                        Das war auf der Etappe Sårjåsjaurestugan (aka Konsul Perssons stuga) - Ny Sulitjelma. Die Tour war Ny Sulitjelma (da stand das Auto) - Såmmarlappa - Stáloluokta - Ny Sulitjelma (in 7 Tagen).

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