[DE] »I weiß ja net, wie hart Sie sind« – Schauriges und Schönes vom Westweg

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  • Igelstroem
    Fuchs
    • 30.01.2013
    • 1436

    • Meine Reisen

    #41
    AW: [DE] »I weiß ja net, wie hart Sie sind« – Schauriges und Schönes vom Westweg

    Tag 7 (Mittwoch, 18.09.): Pausentag auf dem Brend


    Der Forstsachverständige W. ist beruflich hier und begutachtet den Staatswald, indem er auf bestimmten Flächen Höhe und Stammumfang der Bäume, die Naturverjüngung und diverse andere Parameter bestimmt. So habe ich mir das erklären lassen. Irgendwann sind wir nämlich doch ins Gespräch gekommen, zuerst wohl über meinen, dann über seinen Beruf, genau weiß ich es nicht mehr.







    Als wir morgens vor der Tür stehen und das Wetter begutachten, ist für beide klar, dass wir einen Pausentag haben. W. wird einige Stunden mit Aktenordnern und Laptop hantieren, um Daten einzugeben. Ich hingegen kümmere mich um meine Wäsche, später verbringe ich einige Zeit mit den Wanderkarten und dem eingangs erwähnten Wanderbuch über den Schwarzwald, das ich im Bücherschrank gefunden habe. Da ich heute einen Tag verliere, ist das ursprüngliche Ziel, über Feldberg und Belchen ins Münstertal zu laufen (und von dort nach Freiburg zu meinem Bruder zu fahren), nicht mehr realistisch. Ich suche mir also eine neue Route, die früher vom Westweg abzweigt und über St. Märgen und St. Peter Richtung Freiburg führt. Klöster besichtigen. Rokoko kommt mir jetzt gerade recht, nach all dem Regen.


    Ebenfalls in jenem Wanderbuch stoße ich auf die Geschichte des Königenhofes: größte Lawinenkatastrophe in der Geschichte des Schwarzwaldes. Der Hof lag zwischen Neukirch und Glashütte (nicht allzu weit von der Kalten Herberge) in einem engen Tal. Der Bauer hatte den Wald am Steilhang oberhalb des Hofes gerodet, um das Holz an die Glashütte zu verkaufen. In einer Sturmnacht Ende Februar 1844 wurde der Hof von einer Nassschneelawine getroffen, bei der das Haupthaus um mehr als zehn Meter verschoben und teilweise verschüttet wurde. Von den 24 Bewohnern überlebten nur sieben.

    So erzählt es das Buch, und so ähnlich kann man es auch im Internet nachlesen. Auf der Karte stelle ich fest, dass der Ort eingezeichnet ist, aber es gibt dort jetzt nur noch eine Grillhütte. Den Weg durchs Tal abseits des Westwegs scheue ich wegen der zusätzlichen Höhenmeter. Aber die Geschichte bleibt im Kopf, als Ausgangspunkt für die Überlegung, ob nicht auch eine ganz andere Art des Wanderns, eine Art Arealforschung in einem bestimmten Gebiet möglich wäre, verbunden zum Beispiel mit einer Katalogisierung aller vorhandenen Schutzhütten.

    Dem Westweg folge ich schon aus Bequemlichkeit, weil er, von den Abstiegen bei Forbach, Hausach und Titisee abgesehen, auf der Höhe bleibt. Auf die Dauer ist das aber auch topografisch unbefriedigend: Manchmal würde ich gern unten durchs Tal laufen, und manchmal würde ich gern das Tal, in das ich hinuntersehe, noch einmal von der anderen Seite sehen. Das geht beim Streckenwandern kaum. Der Westweg ist ein Weg, auf dem man unentwegt an Landschaften vorbeiläuft, für die man keine Zeit hat.


    Am Nachmittag, als der Regen etwas nachlässt, mache ich einen Spaziergang zum Goldenen Raben, der ›nächsten Einkehrmöglichkeit in Laufrichtung‹ (wenn man den Berggasthof auf dem Brend mal nicht mitzählt). Nebenbei werfe ich einen Blick auf den Brendturm, einen kleinen Aussichtsturm, aber das Hinaufsteigen wäre heute ziemlich sinnlos.


    Blick vom Brend nach Westen


    Der Weg bis zum Raben ist unspektakulär, eigentlich ein weitgehend ebenes Sträßchen zwischen den Wiesen, und an mancher Ecke könnte man sich im Münsterland wähnen, wären da nicht die im Kraftfahrzeugtempo aus dem Wald hervorbrechenden und über den Kamm hastenden Wolkenfetzen. So eilig habe ich es heute nicht.

    Das Hotel Zum Goldenen Raben liegt an windgeschützter Stelle, und betritt man die Gaststube, bleibt zusätzlich auch noch die Zeit stehen. Außer der Linzertorte wirkt alles irgendwie alt. Zwei mitteljunge Gäste sitzen immerhin da, und natürlich verstricke ich sie sofort in ein Gespräch (so dass die Wirtin mich später fragt, ob sie mir den Cappuccino noch einmal aufwärmen soll). Die beiden kommen aber trotzdem noch zu Wort und erzählen, dass sie den Westweg von Süden nach Norden laufen. Zuhause sind sie in Lenzkirch – deshalb haben sie nach einer der ersten Etappen in der eigenen Wohnung übernachtet.

    Ich erzähle von meinem gestrigen Telefonat mit dem Naturfreundehaus, und die Wirtin amüsiert sich; natürlich seien die Herbergen zu dieser Zeit bei diesem Wetter ziemlich leer. Was den Regen angehe, sei es ja so, dass manche Einheimische nicht so unglücklich darüber seien. Der Sommer war nämlich dieses Jahr so trocken, dass manche Höfe kein Wasser mehr hatten und von ihren Nachbarn mitversorgt werden mussten.


    Auf dem Rückweg schüttet es wieder. In Höhe des Brendturms und der im ODS-Schutzhüttenverzeichnis aufgeführten Grillhütte staken vereinzelte Damen mit giftgrünen Quechua-Raincovers den Westweg entlang. Ich sehe genauer hin, dann erkennt man einander: die französische Alpenvereinsgruppe vom Brandenkopf. Ich wähnte sie ja vor mir, aber in Wirklichkeit sind sie vorgestern vom Brandenkopf nur bis nach Hausach gelaufen und haben dort übernachtet, während ich auf dem Farrenkopf war. Heute sehe ich sie freilich zum letzten Mal.


    Später, beim Abendessen mit W., taucht auch das Paar aus Lenzkirch im Naturfreundehaus auf. Sie wissen noch nicht, wo sie übernachten sollen – hier oder in einer Schutzhütte. Wir geben ihnen keine eindeutige Empfehlung. Als es schon fast dunkel ist, brechen die beiden auf, um die Schutzhütte beim Günterfelsen zu suchen, die ich gestern nicht gesehen habe.


    Den weiteren Abend verbringe ich mit W. im Fernsehraum. SSC Neapel gegen Borussia Dortmund. Nach dem 1:0 tippt W. (der anfangs ununterbrochen kommentiert) auf 1:1, ich halte mit 4:0 dagegen und behalte zumindest insoweit recht, als die Neapolitaner gewinnen und beim 2:1 alle Tore selbst schießen.
    Zuletzt geändert von Igelstroem; 20.10.2013, 15:31. Grund: Blödsinn umformuliert
    Lebe Deine Albträume und irre umher

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    • kaltduscher
      Erfahren
      • 23.11.2009
      • 361

      • Meine Reisen

      #42
      AW: [DE] »I weiß ja net, wie hart Sie sind« – Schauriges und Schönes vom Westweg

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      • Igelstroem
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        • 30.01.2013
        • 1436

        • Meine Reisen

        #43
        AW: [DE] »I weiß ja net, wie hart Sie sind« – Schauriges und Schönes vom Westweg

        Tag 8 (Donnerstag, 19.09.): Brend – Kapfenkapelle


        Nach dem Frühstück wird W. von seinem Mitarbeiter mit dem Auto abgeholt. Der Mitarbeiter, erzählt W., ist ein Bundeswehrveteran mit 37 Jahren Dienstzeit, zuletzt Fernspäher gewesen. Er wartet draußen.

        Bei mir dauert das Frühstück aber eine Viertelstunde länger und ich breche entsprechend später auf. Kurz nach acht. Zögernd scheint die Sonne. Ein bisschen feucht ist es wohl noch, aber die Landschaft beginnt gleichsam ihre Kleider abzuwerfen.


        Blick vom Brend

        Man hat sich ja schon verabschiedet, aber an der Grillhütte treffe ich alle noch einmal: W., seinen Fernspäher – und das Paar aus Lenzkirch. Die beiden haben tatsächlich hier in der halboffenen Hütte übernachtet, nachdem sie die Hütte am Günterfelsen im Dunkeln nicht gefunden haben.

        Der Herr Fernspäher grüßt mittels leichter Verengung der Nüstern und unmerklichen Nickens. Gut, viel anders grüße ich auch nicht, und wer erkannt hat, welche Passage aus welchem Sarek-Reisebericht ich hier von ferne parodiere, darf und muss im Frühjahr mit Igelstroem ein paar Tage durch Mecklenburg wandern.


        Meine heutige Route führt zunächst wieder zum Goldenen Raben, dann an Furtwangen vorbei, das mitsamt seinem Uhrenmuseum links liegengelassen wird. Die Sonne scheint.

        Sie scheint auf ein blumengeschmücktes Haus:




        Sie scheint in den Wald:




        Sie scheint auf dieses Schwein:




        Sie scheint auf die Schwarzwaldhochstraße, um die der Westweg sich hier wieder einmal herumwickelt:




        Sie scheint schließlich auf die Kalte Herberge, und zwar um zwanzig nach elf:



        Angeblich verläuft die Rhein-Donau-Wasserscheide über den Dachfirst.



        Da gehe ich dann hinein, einziger Gast um diese Zeit, und frage nach Kuchen.

        Zwetschge, Käse mit Rosinen und so weiter. Dann also kein Kuchen.

        Während ich weiter die Karte studiere, kommt die Bedienung noch mal: Die Chefin lasse ausrichten, dass in fünf Minuten auch der Bienenstich fertig sei.

        Bienenstich habe ich früher im Westfälischen auch nicht gegessen, aber man muss auch mal etwas Neues wagen. Und tatsächlich ist dann der Bienenstich mit Abstand das Beste, was mir unter diesem Namen bisher begegnet ist.


        Die Kalte Herberge zeichnet sich weiter dadurch aus, dass sie auch Non-Food im Angebot hat, wie man das jetzt wohl nennt, nämlich die einschlägigen Wanderkarten sowie das ein oder andere Buch. Ich blättere in einem Buch, das den schrecklichen Binnenmajuskeltitel DorfLeben trägt und meinen drängenden kulturgeschichtlichen Fragen gerade zupasskommt. Aber der UL-Gedanke siegt. Ohnehin hat das Tragegewicht in den letzten Tagen zugenommen – im Rucksack stauen sich Würste und Wanderkarten.

        Etwa um halb eins breche ich wieder auf und kann bald darauf am Lachenhäusle (der nächsten Ausflugsgaststätte) diesen Blick hier mit den Autofahrern und Autofahrerinnen teilen:



        Irgendwo rechts im nächsten Tal, hinter dem bewaldeten Bergrücken, lag der Königenhof.



        Inzwischen sind aber meine Schritte auf dem Westweg gezählt. Sieben Kilometer hinter der Kalten Herberge, in der Nähe der Türkenlouis-Schanze, biege ich in Richtung St. Märgen ab.





        Abzweig mit Kilometerangaben.


        Ich folge der blauen Raute. Wo keine Raute ist, ist auch kein Schwarzwald.

        Nächstes Zwischenziel ist das auf dem Schilderbaum ganz oben angezeigte Neuhäusle, wo ich den Nachgeschmack des Bienenstichs durch den Nachgeschmack eines Schinkenproduktes zu ersetzen gedenke. Gegen drei Uhr bin ich dort.

        Als ich hineingehen will, kommt mir ein älteres Ehepaar entgegen, sie auf Krücken gestützt. Ach, mir ist gar nicht gut, sagt sie und lehnt sich an einen der draußen stehenden Tische. Und kaum habe ich gefragt, ob ich irgendwie helfen kann, lässt sie auch schon den ersten Stock fallen, dann beinahe sich selbst in ihrer ganzen Leibesfülle, so dass ich ihr in einem Zivildienstreflex von hinten unter die Arme greifen und sie eine Weile halten muss, bis ihr Mann einen Stuhl hingeschoben hat. Aber für die Sicherheit war auch bei diesem Ausflug vorgesorgt: Man hat einen Rollator mit Sitzmöglichkeit dabei, und damit schaffen wir die Dame letztlich heil auf den Beifahrersitz eines Oberklassekraftfahrzeugs. Während die beiden davonrollen, um die Straßen von Bund und Land unsicher zu machen, wende ich mich im Inneren der Herberge einem mehrlagigen Schinkenbrot zu.



        Aber da ich noch keine Ahnung habe, wo ich heute Abend schlafen werde, mache ich mich bald wieder auf den Weg. Der führt diesmal über eine Wiesenhochfläche mit Ausblick in beide Richtungen, bevor man den Pfisterwald durchquert, der schon der Stadtwald von St. Märgen ist.






        Hier im Wald gibt es eine Schutzhütte, die von der Bauweise her ein bisschen an den Harz erinnert. Aber bleiben will ich hier nicht: zu viele Spaziergänger – nach dem Abendessen wahrscheinlich mit Hunden. Und ein bisschen zu früh ist es auch noch. Ich gehe also in den Ort, und da ich den ja nachgerade besichtigen will, erkundige ich mich zunächst nach Indoor-Übernachtungsmöglichkeiten.





        Aber während hier und da meine Preisvorstellungen überboten werden, wird an anderer Stelle gar nicht erst für eine Nacht vermietet. Nicht direkt an mich hattet ihr gedacht, als ihr beschlosset, Gastgeber zu werden. So gibt es denn zwar einen Markt, aber Angebot und Nachfrage wollen und wollen nicht zusammenfinden. Auch an der Informationseffizienz des Marktes mangelt es: Leibhaftige Tourismus-Information gibt es logischerweise nur am Vormittag. Und das Touch-me-Dings vor dem Rathaus, das eigentlich für Unterkünfte rund um die Uhr zuständig ist, möchte zwar laut eigener Auskunft in einer Art Endlosbegrüßungsschleife immer wieder angefasst werden, lässt es aber dabei auch bewenden.

        Viel bin ich hin und her gelaufen, mit vielen Menschen habe ich gesprochen, einen Eindruck habe ich bekommen, jawohl. Nach einer Stunde sind wir quitt. Es ist sechs Uhr. Ich gehe nach Nordosten aus der Stadt hinaus, wo ja in der Karte das »Kapfenhäusle« verzeichnet ist, was auch immer das sein mag. Spaziergänger, mit denen ich rede, berichten von einer Kapelle. Dann eben eine Kapelle.





        Kapfenkapelle (Aufnahme am nächsten Morgen)


        Ausblick von der Kapfenkapelle am Abend


        Ist es eine Schutzhütte? Ist es eine Kapelle? Drinnen gibt es ein Kruzifix mit einem Gitter davor. Einige vertrocknete Blumen. Kerzen sind verboten. Zunächst habe ich vor, ein paar Schritte weiter im Gras unter den Bäumen zu nächtigen – es regnet ja nicht. Aber später, als der Wind immer stärker wird, entschließe ich mich doch, im Inneren der Kapelle zu schlafen. Rücke also die Kniebank zur Seite und lege mich da hin, während es draußen kälter und windiger und noch kälter und noch windiger wird, wenigstens scheint es mir so.

        Und da ich kleingläubig bin (vgl. Mt. 8,26), schlafe ich in dieser Nacht außerordentlich schlecht. Die Kapelle liegt am Waldrand, nach Westen exponiert. Sie ist sehr solide gebaut und knarrt nicht, aber draußen rauschen die großen Fichten wie das Meer, und der Wind faucht um die Hütte. Eine Tür gibt es ja nicht. Wenn man im Liegen hinausschaut, sieht man die unteren Äste einer Fichte im Wind wedeln, dass einem schwindlig wird. Gleich werden alle diese Bäume auf die Kapelle stürzen. Auch Lothar kam ja unvorhergesehen.

        Um zwei Uhr, dann noch einmal um vier, erreicht der vermeintliche Sturm seinen Höhepunkt. Als ich gegen Morgen einmal hinausgehe, stelle ich fest, dass der Wind viel schwächer ist, vielleicht um zwei Stufen schwächer als er sich anhört. Also nicht Windstärke acht, sondern vielleicht sechs. Danach schlafe ich noch eine Weile, bis es hell wird.



        Tageskilometer: 26,6
        Gesamtkilometer: 143,1
        Zuletzt geändert von Igelstroem; 12.11.2013, 00:45. Grund: Ich glaube, ich brauche einen Lektor ...
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        • Igelstroem
          Fuchs
          • 30.01.2013
          • 1436

          • Meine Reisen

          #44
          AW: [DE] »I weiß ja net, wie hart Sie sind« – Schauriges und Schönes vom Westweg

          Tag 9 (Freitag, 20.09.): Kapfenkapelle – Gundelfingen/Breisgau




          Gegen Morgen hat es mal wieder ein bisschen geregnet. Um sieben Uhr messe ich 6,7 °C und 99 % Luftfeuchtigkeit.

          Beim Zusammenpacken klettert eine Spinne auf meinem Rucksack herum, die erste, die mir in neun Tagen zu nahe tritt. Ich vertreibe sie. ›Nein, nicht in die Seitentasche. Du musst hierbleiben. Hier ist es schön.‹

          Um kurz nach halb acht breche ich auf, Richtung St. Peter. Erst geht es oben am Waldrand entlang; schon nach kurzer Zeit erreicht man die Vogesenkapelle, die noch kleiner ist als die Kapfenkapelle, dafür aber eine Tür hat. Daneben eine große Wiese, die wohl gelegentlich als Gruppenzeltplatz verwendet wird. Die Vogesenkapelle wurde, um die Geschichte kurz zu machen, aus Freude darüber errichtet, dass der Erste Weltkrieg den Schwarzwald verschont hat. Und die Kapfenkapelle aus Freude über irgendjemandes Heilung von Rückenschmerzen.





          Bald darauf beginnt der Abstieg nach St. Peter, und wenn man nicht auf das Wanderzeichen achtet, läuft man irgendwann auf Asphaltserpentinen, wo einem rückwärtsfahrende Milchtransporter begegnen. Oder man füttert die hungrigen Ziegen am Wege mit Löwenzahn (wie man es sich in Mecklenburg angewöhnt hat), ohne zu beachten, dass der Zaun mit Strom um sich schlägt. Auch das Wandern in Kulturlandschaften birgt Gefahren.



          Blick auf St. Peter


          Kurz nach neun Uhr bin ich unten. Zuletzt hat es noch etwas genieselt, so dass ich wieder teilweise Regenklamotten trage, aber das ist das letzte Mal auf dieser Tour. Sie endet ja auch heute Abend.



          Straßenunterführung mit spätbarockem Wandgemälde



          In St. Peter, frühere Benediktinerabtei, besuche ich die Kirche und verpasse die Bibliothek, weil ich zu diesem Zeitpunkt nichts von ihr weiß und weil es am Freitag wahrscheinlich eh keine Führungen gibt. Man muss sich den Bibliotheksraum etwa so vorstellen wie die unten abgebildete Kirche – nur mit ein paar Bücherregalen anstelle der Altäre (und natürlich etwas kleiner, denn der Katholik braucht nicht viele Bücher).












          Anschließend lasse ich mich in einem Café nieder und diskutiere mit der Bedienung, wie man jetzt mal nach dieser Nacht die Koffeinzufuhr maximieren könnte. Vormittagskuchen gibt es auch wieder.

          Nebenan in der Touristenversorgungsboutique kaufe ich ein Herz aus Rosenquarz. Dazu muss man natürlich wissen, was wem gefällt, und wahrscheinlich ist das überhaupt schlauer, als unterwegs jene schönen durchzogenen dreifarbigen Granitstücke zu sammeln, die im mittleren Schwarzwald überall auf den Wegen liegen. Während man sie trägt, fühlt man sich von ferne an jene ›unerwarteten quartären Ablagerungen‹ erinnert, die Freiburger Geologiestudenten früher auf dem Schauinsland fanden – weil die französischen Soldaten Steine aus dem Rheintal im Rucksack mit hinauftrugen, die sie dann oben zurückließen.





          Kurz nach elf Uhr breche ich wieder auf und gehe auf dem Kandel-Höhenweg Richtung Freiburg. Der zweite und letzte Kamera-Akku bekennt sich zu seiner Schwäche, so dass ich im Folgenden wenig fotografiere, bis ich merke, dass er sich gleichsam wieder erholt hat.

          Der Weg ist über einige Kilometer ein schöner Pfad am Hang südlich des Kamms zwischen Glottertal und Dreisamtal; fast der schönste Weg der ganzen Tour, denke ich, während ich dort gehe. Einige Mountainbiker denken es sich ähnlich, und so werde ich gelegentlich von einem hochkonzentrierten Helmträger überholt. An Fußwanderer kann ich mich nicht erinnern. Das Wetter ist übrigens schön; zeitweise scheint die Sonne, so dass ich fast die Sonnenmilch hervorholen muss, aber dann tauche ich doch wieder in den Wald ein.


          Später, wenn man sich Freiburg nähert, verliert sich der Charme des Weges allmählich, und beim Abstieg Richtung Gundelfingen bewege ich mich nur noch auf Forststraßen, nachdem ich kurz vorm Martinsfelsen Richtung Zähringer Burg abgebogen bin.


          Ich suche heute mal keinen Schlafplatz, aber die Hütten werden trotzdem noch fotografiert:



          Streckeneck [Edit: Streckereck oder Strecker Eck muss es wohl heißen] (Hütte mit Rindenmulch)






          Nicht so einladend. Wenig östlich vom Martinsfelsen.


          Nördlich vom Martinsfelsen gelegen. Hab den Namen der Hütte vergessen. Sie ist abgeschlossen, wirkt von außen etwas finster und heruntergekommen. Zur Not könnte man auf der Veranda übernachten.


          Carl-von-Rotteck-Hütte. Der Freiburger Staatsrechtsprofessor Carl von Rotteck besaß hier im frühen 19. Jahrhundert wegen seiner Outdoor- und Wildnissehnsucht einen Bauernhof, der nach seinem Tod abgerissen wurde.



          Letztes Landschaftsbild beim Abstieg nach Gundelfingen


          Unter normalen Umständen hätte ich mir die Zähringer Burg wenigstens noch angesehen, aber erstaunlicherweise bin ich heute fußmüde. Müdigkeit wäre noch leicht erklärbar, aber werden durch Schlafmangel auch die Füße weich? Jedenfalls deutet sich Blasenbildung an, und nur deshalb, weil ich die Tour heute ohnehin beende, verzichte ich auf Gegenmaßnahmen.


          In der Gaststätte an der Zähringer Burg kehre ich kurz ein, aber ich bin der einzige Gast und die zu laute Hintergrundmusik nervt. Der Handy-Empfang ist auch hier noch schlecht, so dass ich Mühe habe, mich mit meinem Bruder zu verabreden.

          Der Weg vom Restaurant nach Gundelfingen stellt mich dann noch einmal vor unerwartete Navigationsschwierigkeiten. Das liegt ein bisschen daran, dass es hier nur Zeichen und Wegweiser von lokalen Rundwanderwegen gibt und keinerlei Hinweise auf den nahen Ort. Wer hier unterwegs ist, kennt sich eben aus. Ich brauche sozusagen den Kompass und zwei Anläufe, um an der gewünschten Stelle aus dem Wald herauszukommen.



          Und dann endet die Wanderung auf dem Gundelfinger Marktplatz, wo ich meinen Bruder treffe. Am nächsten Tag, bei der Abreise von Freiburg, zeigt sich die Welt herbstbunt unter blauem Himmel wie in den Wanderbüchern. Als wäre nichts gewesen.





          Tageskilometer: 24,2
          Gesamtkilometer: 167,3



          ***

          Für Prachttaucher eine kurze Liste der verzehrten Regionalspeisen:

          Bibiliskäse: Unterstmatt
          Wurstsalat und Verwandtes: Brandenkopf
          Leberle: Naturfreundehaus Brend
          Schwarzwälder Kirschtorte: nirgends
          Zuletzt geändert von Igelstroem; 11.11.2013, 14:40.
          Lebe Deine Albträume und irre umher

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          • benett
            Erfahren
            • 13.08.2013
            • 174

            • Meine Reisen

            #45
            AW: [DE] »I weiß ja net, wie hart Sie sind« – Schauriges und Schönes vom Westweg

            Danke! Hat Spaß gemacht zu lesen und ein wenig in Gedanken mitzuwandern.

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            • lina
              Freak

              Vorstand
              Liebt das Forum
              • 12.07.2008
              • 37132

              • Meine Reisen

              #46
              AW: [DE] »I weiß ja net, wie hart Sie sind« – Schauriges und Schönes vom Westweg

              Danke gleichfalls und selbiges auch

              ... und ich wundere mich erneut, wie perfekt sich doch "preisen" und "schmeisen" reimen – keinerlei Anlass für ein ß, eigentlich

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              • uli.g.
                Freak

                Liebt das Forum
                • 16.02.2009
                • 13261

                • Meine Reisen

                #47
                AW: [DE] »I weiß ja net, wie hart Sie sind« – Schauriges und Schönes vom Westweg

                Nochmals herzlichen Dank für Deinen Bericht! Es ist schon sehr spannend, von "Neigschmeckte' - also Menschen, die unsere Region von außen hineingerochen - also "neigschäckt hän". - die eigene Region quasi aus Aussensicht erzählt zu bekommen.... Zum Thema Martinskapelle : du weißt schon, dass Du an der Donauquelle vorbeigelaufen bist! Und am Güntherfelsen! Und v.a. an der Wirtschaft Martinskapelle! Einem alten Scharzwaldbauernhofwirtschaftsanwesen, das es in dieser Form nur noch ein Jahr lang geben wird....... Dann wird es ein privater Privatierreichmensch als eigen übernehmen......

                Ich könnte Dir natürlich auch Sonnenbilder vom Brend geben; aber vermutlich wäre das nicht ganz fair!

                Ich hoffe, Du hattest Spass im Schwarzwald
                "... „After twenty years he still grieves“ Jerry Jeff Walkers +23.10.2020"

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                • Igelstroem
                  Fuchs
                  • 30.01.2013
                  • 1436

                  • Meine Reisen

                  #48
                  AW: [DE] »I weiß ja net, wie hart Sie sind« – Schauriges und Schönes vom Westweg

                  Zitat von uli.g. Beitrag anzeigen
                  Nochmals herzlichen Dank für Deinen Bericht! Es ist schon sehr spannend, von "Neigschmeckte' - also Menschen, die unsere Region von außen hineingerochen - also "neigschäckt hän". - die eigene Region quasi aus Aussensicht erzählt zu bekommen.... Zum Thema Martinskapelle : du weißt schon, dass Du an der Donauquelle vorbeigelaufen bist! Und am Güntherfelsen! Und v.a. an der Wirtschaft Martinskapelle! Einem alten Scharzwaldbauernhofwirtschaftsanwesen, das es in dieser Form nur noch ein Jahr lang geben wird....... Dann wird es ein privater Privatierreichmensch als eigen übernehmen......

                  Ich könnte Dir natürlich auch Sonnenbilder vom Brend geben; aber vermutlich wäre das nicht ganz fair!

                  Ich hoffe, Du hattest Spass im Schwarzwald
                  Nicht Donau-, sondern Bregquelle meinst Du, gell? Die Donau entspringt ja in Donaueschingen.
                  Und weil das folkloristisch umstritten ist, steht auch auf der topografischen Karte vorsichtshalber nichts drauf, die benachbarte Elzquelle (auf der anderen Seite der Wasserscheide) ist hingegen namentlich verzeichnet.

                  Am Günterfelsen (der ohne »h« geschrieben wird) bin ich nicht vorbeigelaufen, sondern der Westweg hat mich genau hingeführt. Aber da regnete es ja schon wieder, alles war schön nass, und ein solcher Felsen wäre ja nur dann attraktiv, wenn man draufklettern und runtergucken könnte wie zum Beispiel beim Huberfelsen.

                  An der Wirtschaft Martinskapelle bin ich auch nicht ›vorbeigelaufen‹ (obwohl ich das freilich so hingeschrieben habe), sondern ich habe mir die Speisekarte und die Übernachtungspreise genau angesehen. Daran dachte ich, als ich schrieb, dass es hier zwei Übernachtungsmöglichkeiten gibt, die schöner liegen als das Naturfreundehaus: den Kolmenhof und die Gaststätte Martinskapelle. Aber – ich hatte mich ja im Naturfreundehaus schon quasi angemeldet. Und am folgenden Pausentag hätte ich wohl Anlass gehabt, die Besichtigung dieser ganzen Ecke nachzuholen. Aber das habe ich aus dem einzigen Grund nicht getan, dass ich bei dem Sturm nicht durch den Fichtenwald laufen wollte. Man sieht also: Die Welt ist voll von kontingenten Gründen, wieso man etwas tut oder unterlässt. ›Was man nicht gesehen hat, muss man nicht gesehen haben‹; so oder so ähnlich hat es Torres neulich irgendwo geschrieben.


                  Zu der Frage, ob ich Spaß hatte:

                  Ich war schon oft im Schwarzwald. Es ist nur größtenteils schon viele Jahre her. Als Kind war ich mehrmals wochenlang im Nordschwarzwald nahe der Hornisgrinde. Vor zehn Jahren war ich für mehr als eine Woche im Münstertal, wo man dann vor allem in der Gegend rund um den Belchen gewandert ist (und auch Bibiliskäse gegessen hat). Das war auch im September, allerdings 2003 und daher bei hochsommerlichen Temperaturen. Und weil ich dort also auch schon einmal war, ist es nicht gar so schlimm, dass ich es diesmal nicht bis dorthin geschafft habe.

                  Bei der Planung habe ich mir vorgestellt, dass man vielleicht auch mal die Regenklamotten braucht. Aber die Imagination ging natürlich in eine andere Richtung: bei gutem Wetter auf einer Wiese mit Blick in den Sternenhimmel einschlafen und morgens mit Fernblick und Sonne aufwachen. So war das eigentlich gemeint. Dazu ist es jetzt irgendwie nicht gekommen. Das Glück, abends bei schlechtem Wetter zufällig eine Hütte wie die Nikolashütte zu finden, muss dann an die Stelle treten. Man ist ja jetzt eh da und kann sich nicht nach Hause beamen, also arrangiert man sich mit den Verhältnissen und genießt, was es zu genießen gibt. Wenn es eine Gerechtigkeit im Kosmos gibt, hat man vielleicht später bei einer ähnlichen Tour nur zwei Regentage.

                  Ich hatte also etwas Spaß, ja, hatte ich.

                  Meine Füße waren warm und trocken, obwohl die Volllederschuhe seit dem dritten Tag durchfeuchtet waren, und auch der Regenvollschutz hat ziemlich dichtgehalten. Wäre es anders gewesen, hätte ich – – – irgendeine andere Lösung gefunden und wahrscheinlich einen zusätzlichen Pausentag eingelegt. Was sonst? Ich konnte ja nicht nach Hause fahren, bloß weil es regnet und meine Ausrüstung durch eventuelles Versagen ›neue Erfahrungen ermöglicht‹. Wäre zum Beispiel der Sturm für den Tag 4 statt für den Tag 7 angekündigt gewesen, wäre die Versuchung groß gewesen, den Pausentag tatsächlich in der Nikolashütte zu verbringen. Wenn man dann vielleicht noch einen Krimi dort zu lesen hätte ...

                  In einer Region, die ich schon einmal auf einer geradlinigen Strecke durchlaufen habe, würde ich in Zukunft dazu tendieren, das Streckenwandermodell durch ein anderes zu ersetzen, wenn es möglich ist. In den Gegenden des Schwarzwaldes, wo es viele gute Schutzhütten gibt, drängt sich mir das geradezu auf; man muss nur wissen, wo diese Hütten sind. Kann mir aber gut vorstellen, dass dieses andere Modell, bei dem man zwar den Schlafplatz wechselt, aber ein viel kleineres Areal viel intensiver erwandert, nicht jeden fasziniert.

                  So long (Rest des Beitrags wegen unklaren Gedankens wieder gestrichen).
                  Zuletzt geändert von Igelstroem; 11.11.2013, 14:38.
                  Lebe Deine Albträume und irre umher

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                  • Nordmarka
                    Erfahren
                    • 26.08.2013
                    • 229

                    • Meine Reisen

                    #49
                    AW: [DE] »I weiß ja net, wie hart Sie sind« – Schauriges und Schönes vom Westweg

                    Danke für diesen Bericht! Die letzten zwei Tage kannte ich mich dann auch wieder aus - weiter als das Elztal bin ich trotz zehn Jahren im Dreisamtal nie nach Norden vorgedrungen, muss ich zu meiner Schande gestehen. Der traumhafte Feldbergblick von St. Märgen/St. Peter (Maria Lindenberg) aus hat sich Dir wohl auch verhüllt, schade. Aber Du hast Dich wirklich tapfer geschlagen und vermutlich die regenreichste Woche in 100 Jahren erwischt. Kann mich jedenfalls nicht erinnern, dass ich jemals eine Woche Dauerregen erlebt hätte, habe allerdings ja auch nur 10 Jahre davon miterlebt.

                    Noch etwas ex-einheimische Klugscheißerei zum Schluß: die Hütte heißt Strecker Eck, nicht Streckeneck .

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                    • Pfad-Finder
                      Freak

                      Liebt das Forum
                      • 18.04.2008
                      • 11321

                      • Meine Reisen

                      #50
                      AW: [DE] »I weiß ja net, wie hart Sie sind« – Schauriges und Schönes vom Westweg

                      Zitat von Igelstroem Beitrag anzeigen

                      Straßenunterführung mit spätbarockem Wandgemälde

                      Ohne Kunsthistoriker zu sein: aber mir sieht das eher nach Jugendstil aus.
                      Schutzgemeinschaft Grüne Schrankwand - "Wir nehmen nur das Nötigste mit"

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                      • Prachttaucher
                        Freak

                        Liebt das Forum
                        • 21.01.2008
                        • 11406

                        • Meine Reisen

                        #51
                        AW: [DE] »I weiß ja net, wie hart Sie sind« – Schauriges und Schönes vom Westweg

                        Danke für den sehr unterhaltsamen Bericht. Tröstet ein bißchen über das "ich würde ja auch mal gerne..." hinweg.

                        "Der Westweg ist ein Weg, auf dem man unentwegt an Landschaften vorbeiläuft, für die man keine Zeit hat."

                        Ein interessanter Gedanke, der vielleicht ein generelles Problem beim Wandern anspricht ?


                        Zitat von Igelstroem Beitrag anzeigen
                        .....
                        Leberle: Naturfreundehaus Brend
                        ...
                        Soweit wäre ich jetzt nicht gegangen !

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                        • Igelstroem
                          Fuchs
                          • 30.01.2013
                          • 1436

                          • Meine Reisen

                          #52
                          AW: [DE] »I weiß ja net, wie hart Sie sind« – Schauriges und Schönes vom Westweg

                          Zitat von Prachttaucher Beitrag anzeigen
                          Soweit wäre ich jetzt nicht gegangen !
                          Na ja, das habe ich aber in guter Erinnerung.

                          Das Essen im NFH Brend war überhaupt ganz gut, weshalb das Restaurant abends auch ziemlich gut besucht war. (Hausgäste gab es ja bei diesem Wetter kaum.) Der Chef ist freilich auch ein Neigschmeckter und hat seinen eigenen Stil.


                          Zitat von Prachttaucher Beitrag anzeigen
                          "Der Westweg ist ein Weg, auf dem man unentwegt an Landschaften vorbeiläuft, für die man keine Zeit hat."

                          Ein interessanter Gedanke, der vielleicht ein generelles Problem beim Wandern anspricht ?
                          Der zitierte Satz ist ein bisschen ungeschützt hingeschrieben, denn man könnte ja der Meinung sein, dass das, wenn überhaupt, dann für jeden Regional- und Fernwanderweg und überhaupt fürs Streckenwandern gilt und keine Besonderheit des Westwegs ist. Die positive Kehrseite des Vorbeilaufens ist, dass man eben die Unterschiede zwischen Nord-, Mittel- und Südschwarzwald im Laufe einiger Tage aus der Nähe zu sehen bekommt.

                          Beim Westweg (und womöglich auch beim Rennsteig) ist es nun speziell so, dass er in der Hauptsache dem Kamm folgt und daher bei passendem Wetter immer weite, mehr oder weniger spektakuläre Ausblicke ›liefert‹. Und auch wenn man gerade nicht den Rhein oder die Alpen sieht, guckt man doch vielleicht von oben in ein tief eingeschnittenes Tal, durch das laut Karte ein Weg verläuft und in dem sich eine namenlose Schutzhütte befindet. Das ist dann für mich sozusagen die vage Verheißung einer möglichen anderen Perspektive auf dieselbe Landschaft, einer Perspektive, die man aber nur einnehmen würde, wenn man mal nur noch der Karte und dem Gelände (oder auch irgendeinem historischen Interesse) und nicht mehr dem Wanderzeichen und der Etappenplanung folgen würde. Im Schwarzwald macht sich diese Präsenz anderer Möglichkeiten stärker bemerkbar als in der nordostdeutschen Ebene: weil man das Areal, an dem man vorbeiläuft, eben öfter mal von oben sieht.

                          Es geht, wenn man solche Überlegungen anstellt, schon darum, ›alles mit den Füßen zu machen‹, aber ich persönlich suche weder das Ausgesetztsein (für das man weiter reisen müsste als in den Schwarzwald) noch die sportliche Grenzerfahrung. Wandern ist die Aneignung einer Gegend mit den Füßen; als leibliche Erfahrung zwar, aber der Weg ist dabei kein Instrument des Trainings, sondern das Training dient umgekehrt nur dazu, den Schmerzanteil an der leiblichen Erfahrung in Grenzen zu halten.

                          Das ist natürlich kein ›protestantisches Wanderethos‹.

                          [Edit: Der Begriff ›protestantisches Wanderethos‹ in Anlehnung an ›protestantisches Arbeitsethos‹ stammt eigentlich von Pfad-Finder. Wir haben den Berliner Stammtisch dazu genutzt, die konfessionellen Unterschiede zu klären. Kurze Zusammenfassung: Die Ausübung von Zwang gegenüber dem eigenen Körper, hier insbesondere bei Tagesstrecken von mehr als 45 km, ist aus protestantischer Sicht ›reine Kopfsache‹, aus katholischer Sicht hingegen einfach ›Sünde‹. ]
                          Zuletzt geändert von Igelstroem; 16.11.2013, 21:41.
                          Lebe Deine Albträume und irre umher

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                          • Gast-Avatar

                            #53
                            AW: [DE] »I weiß ja net, wie hart Sie sind« – Schauriges und Schönes vom Westweg

                            Zitat von Prachttaucher Beitrag anzeigen
                            "Der Westweg ist ein Weg, auf dem man unentwegt an Landschaften vorbeiläuft, für die man keine Zeit hat."

                            Ein interessanter Gedanke, der vielleicht ein generelles Problem beim Wandern anspricht ?
                            Natürlich ist es kein alleiniges Problem des Westweges. In der Regel legt man seine Tour in eine interressante Gegend. Da sollte es nicht verwunderlich sein, dass es noch mehr gibt, als den Weg. Das Problem steht ja schon im zitierten Satz, "keine Zeit".

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                            • TrekkerT
                              Erfahren
                              • 30.04.2013
                              • 172

                              • Meine Reisen

                              #54
                              AW: [DE] »I weiß ja net, wie hart Sie sind« – Schauriges und Schönes vom Westweg

                              Auch von mir ein "Dankeschön" für Deine Tourbeschreibung.
                              Du hattest ja wirklich schöne und interesante "überdachte Nachlager" gefunden. Hat mich sehr an meine früheren Touren mit meinen "Jungs" erinnert. Vor 19Jahren hatten wir begonnen einmal im Jahr unsere schöne Natur zu erleben und genießen. In den ersten 10 Jahren haben wir auch nur draußen geschlafen. Teilweise auch komplett ohne Überdachung. Einfach so auf einer Lichtung. Einmal in Thüringen auf dem Hermannsberg "mussten" wir zu 4. auf und unter einer überdachten Tisch-Bank-Garnitur schlafen. Zwei auf dem Tisch (auf Grund des Platzmangels entgegengesetzt. Zum Glück waren die Schlafsäcke so gut isoliert, dass keinerlei Gerüche nach aussen drangen. Ein Kriterium, das , bis zu diesem Zeitpunkt, keinen großen Stellenwert einnahm. In dieser Schlafposition aber einen sehr dominanten Stellenwert bekam. ) Die anderen Beiden schliefen unter dem Tisch. Mit den Regenponchos konnten wir den seitlichen Regen auf Abstand halten. (Übrigens fielen wir nicht vom Tisch. )
                              Nächstes Jahr steht bei uns die Jubiläumstour "20 Jahre" an und es scheint darauf hinauszulaufen, dass es wohl eine Retrotour werden soll. Als "back in the bag".
                              Aber ich muss sagen, der Westweg klingt auch sehr nett, vielleicht erkunden wir auch diesen.
                              Mal schauen.
                              Nochmals vielen Dank.
                              Trekker T
                              Zuletzt geändert von TrekkerT; 14.11.2013, 09:34.
                              Back to the boots ---- the-trekker.de

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                              • November
                                Freak

                                Liebt das Forum
                                • 17.11.2006
                                • 10610

                                • Meine Reisen

                                #55
                                AW: [DE] »I weiß ja net, wie hart Sie sind« – Schauriges und Schönes vom Westweg


                                Post als Moderator
                                Die hier jetzt fehlenden Beiträge habe ich in einen anderen thread verschoben - klick. Dort passen sie besser hin, da sie mit dem aktuellen reisebericht nur noch wenig zu tun haben.

                                Bei Nachfragen bitte eine PN an den Moderator senden.  Dein Team der
                                Wer sich nicht in Gefahr begibt, kommt darin um.

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                                • benett
                                  Erfahren
                                  • 13.08.2013
                                  • 174

                                  • Meine Reisen

                                  #56
                                  AW: [DE] »I weiß ja net, wie hart Sie sind« – Schauriges und Schönes vom Westweg

                                  Kannst du bitte noch ein bisschen was zu deiner Ausrüstung sagen und wie sie sich bei dem Wetter geschlagen hat?
                                  Zuletzt geändert von benett; 17.11.2013, 01:07.

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                                  • Igelstroem
                                    Fuchs
                                    • 30.01.2013
                                    • 1436

                                    • Meine Reisen

                                    #57
                                    AW: [DE] »I weiß ja net, wie hart Sie sind« – Schauriges und Schönes vom Westweg

                                    Kann ich machen.


                                    (1) Transport:

                                    Der verschiedentlich auf den Bildern zu sehende Rucksack ist ein Berghaus Centurio 45 mit Seitentaschen (45+10+10=65). Er hat einen ungepolsterten Hüftgurt, den ich gar nicht verwende. Der Rucksack wird also bei mir wie ein Tornister getragen. Ich empfehle das nicht zur Nachahmung, aber bei mir funktioniert es gut. Die Schultergurte sind anatomisch geformt, der entsprechend kurze Brustgurt wird immer geschlossen.

                                    Eigengewicht des Rucksacks mit Seitentaschen ca. 1900 Gramm, Tragegewicht bei mir ca. 9 kg ohne Proviant und Wasser, also ca. 12 kg incl. Proviant und Wasser.

                                    Schlafsack, Isomatte, Biwaksack und Kleidung sind normalerweise in der Haupttasche verpackt; obendrauf, quasi am Nacken, kommt noch die Nalgene-Oasis-Flasche. Ansonsten sollte nichts Druckempfindliches in der Haupttasche sein, so dass der Rucksack in der Pause bei trockenem Wetter als Sitz verwendet werden kann.

                                    Die übrigen Ausrüstungsgegenstände, der Proviant und eine zweite, kleinere Wasserflasche verteilen sich auf die beiden Seitentaschen und die Deckeltasche. Die Seitentaschen sind nicht voll, sondern nur zu etwa zwei Dritteln gefüllt. Das hat den Vorteil, dass eventuelles Ungleichgewicht durch Umpacken von Einzelteilen leicht ausgeglichen werden kann und das Einpacken ziemlich schnell geht.

                                    Gürteltaschen für Wasser und Proviant, wie früher mal geplant, verwende ich nicht mehr, weil sich das als ergonomisch ungünstig herausgestellt hat.

                                    Allerdings sind die Seitentaschen der Bundeswehr-Flecktarnhose gut gefüllt: Karte, Kompass, Handy, evtl. kleine Menge Proviant (Nüsse), Notizbuch und Bleistift in kleinem Ziploc-Beutel. [Edit: Und die Kompaktkamera, nicht zu vergessen. Die muss in einer der Seitentaschen der Hose mitgeführt werden und entsprechend klein sein; sonst würde ich mir zumal bei schlechtem Wetter nicht die Mühe machen, sie an jeder Ecke herauszuholen.]


                                    (2) Schlafsystem:

                                    Der Schlafsack ist ein Snugpak Softie 9 Hawk: Kunstfaser, 1580 Gramm, relativ weit geschnitten, gut komprimierbar und daher annehmbares Packmaß. Kaum verringerte Wärmeleistung bei etwas Feuchtigkeit – das war die eine Erfahrung. Andererseits entspricht die Wärmeleistung nicht der Herstellerangabe – das war die andere Erfahrung. Der Hersteller gibt –5 °C als Komfortgrenze an. Das gilt aber wohl nur, wenn man zu zweit und mit Klamotten im Zelt schläft. Ansonsten endet bei mir der Komfort ungefähr bei +5 °C. Dabei ist zu bedenken, dass ich ohne Kocher unterwegs bin und daher abends keine warme Mahlzeit und auch sonst nichts Warmes zu mir nehme.

                                    Laminat-Biwaksack der britischen Armee in Tarnmuster, ziemlich großzügig geschnitten, wiegt aber 800 Gramm. Die zusätzliche Wärmeleistung ist gering, nicht mehr als zwei bis drei Grad. Die Isomatte habe ich mit hineingelegt. So war das auch gedacht: als Schutz für Isomatte und Schlafsack beim Schlafen auf Naturböden und in der Hütte, und um das Herunterrollen von der Isomatte zu vermeiden. Ferner als atmungsaktiver Regenschutz bei nachts einsetzendem Regen, falls ich draußen ohne Tarp schlafe oder das Tarp als Regenschutz nicht ausreicht. Dazu ist es aber nicht gekommen (habe ja in Hütten geschlafen), und insofern ist auch die Wasserdichtigkeit nicht getestet worden.

                                    (Ich besitze außerdem einen in früherem Bericht zu sehenden abspannbaren Biwaksack mit Gestängebogen und Moskitonetz. Den habe ich diesmal nicht mitgenommen, weil er 300 g schwerer ist, weil ich mich auf das Vorhandensein von Hütten verlassen habe und weil das Moskitonetz im September nicht gebraucht wird und eher stören würde.)

                                    Nennenswerte Probleme mit Kondens in dem britischen Biwaksack hatte ich nicht.

                                    Ferner hatte ich ein kleines Tarp dabei (BE-X Tarp Pocket II, 145x240 cm, 280 g). Es war für den Fall gedacht, dass ich keine Hütte finde, und entsprechend mit Schnüren zum Abspannen zwischen zwei Bäumen ausgestattet. Habe das aber so nicht verwendet und unklugerweise auch nie ausprobiert.

                                    Isomatte: TAR Trail Lite Regular; selbstaufblasend, 3,8 cm dick, aber auch 780 g schwer. Den Komfort brauche ich als Seitenschläfer schon (2,5 cm reichen mir erfahrungsgemäß nicht), insbesondere wenn ich mir die Bodenbeschaffenheit nicht aussuchen kann. Zweimal habe ich auf Steinplatten geschlafen, einmal auf Schotter, zweimal auf Holzdielen. (Eventuell könnte man in Zukunft mit einer TAR Prolite Plus Short auskommen, wenn man die Seitentaschen vom Rucksack abzippt und die Haupttasche (die dann nur noch Wechselklamotten enthält) unter die Füße legt.)


                                    (3) Regenschutz:

                                    Die Regenjacke war eine Cox Swain Helki Funktionsregenjacke (470 g), also kein Edelprodukt, aber sie war dicht. Auch an den Rucksackgurten ist nichts durchgekommen. Lediglich die Ärmelbündchen saugen sich eventuell irgendwann voll. Die Wasserdampfdurchlässigkeit hält sich in Grenzen (5000 irgendwas), das war aber beim Wandern zumindest bei diesen Temperaturen (5-15 °C) keine auffällige Belastung.

                                    Die Jeantex-Regenhose (320 g) ist 10-15 Jahre alt, zeigt keinerlei Abperl-Effekt mehr, ist aber ebenfalls leidlich dicht. Am dritten Tag ist im Starkregen etwas Wasser irgendwo eingesickert, so dass die Flecktarnhose ein paar feuchte Flecken hatte, aber keineswegs regelrecht durchnässt war.

                                    Als Rucksack-Regenhülle habe ich eine Mülltüte verwendet (30 g), die ihre Funktion erfüllt hat. Sie erschwert freilich den Zugang zum Rucksack erheblich, d.h. sie muss jedes Mal mehr oder weniger weit nach oben abgezogen oder abgerollt werden, wenn man etwas aus dem Rucksack herausholen will. Ein normales Raincover passt nicht besonders gut auf die Rucksackform; im schlimmsten Fall bildet sich am unteren Ende des Raincovers ein Sack, in den Wasser hineinlaufen kann. Andererseits bleibt bei der Verwendung des Baumarkt-Müllsacks der Boden des Rucksacks ungeschützt, wenn man ihn abstellt. Das kann bei nassem Wetter zur Durchfeuchtung des Rucksacks am unteren Ende führen, wie ich es erlebt habe. Der dort positionierte Schlafsack sollte also separat wasserdicht verpackt sein. Zu diesem Zweck habe ich aus der Haaghütte einen kaputten, aber sauberen ›Gelben Sack‹ mitgenommen, in den ich den Schlafsack an den Folgetagen eingeknotet habe.


                                    (4) Kleidung:

                                    Die Flecktarnhose hat sich insoweit bewährt, als sie eben hinreichend robust ist, eventuelle Flecken wenig auffallen und die Seitentaschen etwas größer sind als bei älteren Bundeswehrhosen; deshalb passen die topographischen Karten gut hinein. Ich habe diesmal die Hose im Schlafsack anbehalten, damit ich morgens nicht in eine klamme Hose steigen muss. Natürlich müssen dann abends die Seitentaschen ausgeräumt und muss der Inhalt irgendwie geordnet in der Hütte oder im Rucksack abgelegt werden. Im Freien würde man eventuell zusätzliche Ziploc-Beutel benötigen, um Ordnung zu halten.

                                    Als erste Bekleidungsschicht hatte ich drei verschiedene schwarze Kunstfaser-T-Shirts dabei, alle mit kurzem Arm:
                                    (a) ein Under-Armour-Kompressionsshirt für heiße Tage (allerdings groß genug gewählt, dass es nur gut sitzt und nicht komprimiert); das habe ich letztlich nur in den Innenräumen der Wanderheime sowie auf der Rückfahrt getragen;
                                    (b) ein Micromodal-T-Shirt (Mey), das immerhin schneller trocknet als Baumwolle, aber nicht so schnell wie Polyester. Angenehme Trageeigenschaften, aber dieses T-Shirt habe ich beim Aufstieg zum Farrenkopf unter dem Powerstretch-Hoodie so durchgeschwitzt, dass es bis zum nächsten Morgen in der Hütte nicht getrocknet ist;
                                    (c) ein relativ warmes Odlo-T-Shirt, das sich funktionell bewährt hat, auch wenn es nicht ganz so gut sitzt wie die beiden anderen. Zeitweise habe ich (b) und (c) übereinander getragen. Mit (a) geht das nicht so gut, weil (a) eine kühlende Wirkung hat, die sich auch dann noch bemerkbar macht, wenn man etwas Warmes darüber trägt; (a) ist also als unterste von mehreren Schichten ungeeignet.

                                    Merino-Unterwäsche besitze ich zwar, kann ich aber leider als erste Schicht nicht tragen, weil es bei mir stark kratzt (obwohl ich sonst an Wolle als zweite oder dritte Schicht über Baumwolle gewöhnt bin).

                                    Zweite Bekleidungsschicht ist ein Mountain Equipment Powerstretch-Hoodie, das sich jedenfalls eignet (und ich wüsste im Moment auch keine Alternative); man muss aber wissen, dass es keineswegs winddicht ist. Beim Aufstieg zum Farrenkopf habe ich die T-Shirts (b) und (c) darunter getragen und wollte das Hoodie nicht ausziehen, weil es kalt und windig war. Regenjacke wäre zu schweißtreibend gewesen, T-Shirts allein schienen mir zu kalt. Der Effekt war, dass ich eben das unterste T-Shirt nassgeschwitzt habe, das zweite war noch einigermaßen trocken. Nur T-Shirt in Verbindung mit der Regenjacke (wie manchmal an den anderen Tagen bei Regen) wäre womöglich die bessere Wahl gewesen, aber das lässt sich jetzt nicht mehr nachprüfen.

                                    Dritte Bekleidungsschicht war ein britischer Armeepullover, reine Wolle, sehr gut sitzend, ca. 600 Gramm. Den habe ich dann bei Kälte unterwegs und häufig abends über dem Hoodie getragen. Solange man keine großen Aufstiege zu bewältigen hat, ist die Kombination aus T-Shirt, Hoodie, Pullover und evtl. dünnen Handschuhen ganz angenehm. Die Winddichtigkeit hat bei den gegebenen Temperaturen ausgereicht, solange ich in Bewegung war.

                                    Schuhe: Meindl Badile (Vollleder, zwiegenäht); als Socken Polypropylen-Unterziehsocken (Rohner) und dicke Meindl-Kniestrümpfe. Die Stiefel waren ab dem dritten Tag auch innen etwas feucht, aber nicht so sehr, dass ich es an den Füßen gespürt hätte. Ich habe es erst bemerkt, als ich abends hineingefasst habe. Die Kniestrümpfe waren nicht feuchter als wenn man im Sommer darin normal geschwitzt hätte. Blasen hat es nicht gegeben; allerdings sollte man wohl die Unterziehsocken bei einer mehrtägigen Tour rechtzeitig waschen oder wechseln, sonst hat man nicht mehr den gewünschten Effekt (den Fuß trockenzuhalten und vor Reibung zu schützen).
                                    Wie immer man das findet – ich habe jedenfalls die Socken beim Schlafen im Schlafsack anbehalten, hatte auch keine anderen zu diesem Zweck mitgenommen.
                                    Die Regenhose ist hinreichend lang, dass sie auch bei geschlossenem Reißverschluss nicht über den Schaft der Stiefel hochrutscht. Es ist also auch bei starkem Regen kein Wasser von oben in die Stiefel hineingelaufen; ganz sicher war ich mir da vorher nicht.
                                    Die Stiefel trocknen in der Schutzhütte während der Nacht natürlich nicht. Soweit es in den Hütten Zeitungspapier zum Feuermachen gab, habe ich damit die Schuhe ausgestopft, was immerhin einen gewissen Effekt hat.
                                    Zuletzt geändert von Igelstroem; 21.11.2013, 15:14.
                                    Lebe Deine Albträume und irre umher

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                                    • benett
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                                      • 13.08.2013
                                      • 174

                                      • Meine Reisen

                                      #58
                                      AW: [DE] »I weiß ja net, wie hart Sie sind« – Schauriges und Schönes vom Westweg

                                      Wow, Danke, so ausführlich hatte ich mir das gar nicht erhofft!
                                      Wenn ich nochmal so frech sein darf: Würdest du im nachhinein sagen, der Biwaksack war sinnvoll? Oder hätte irgendein Groundsheet auch gereicht?
                                      Hab ich beim Rucksack richtig verstanden, du hattest keinen Bagliner, sondern nur die Mülltüte als Überzug und dann noch die Tüte für den Schlafsack?
                                      Stell ich mir das bei den Klamotten richtig vor, dass ab dem 2.-3. Tag alles mehr oder weniger dauerfeucht war, oder hast du das Zeug noch trocken bekommen?

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                                      • Igelstroem
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                                        • 30.01.2013
                                        • 1436

                                        • Meine Reisen

                                        #59
                                        AW: [DE] »I weiß ja net, wie hart Sie sind« – Schauriges und Schönes vom Westweg

                                        Na ja, der Biwaksack war nahezu überflüssig. Man wäre bei dem gleichen Übernachtungsverhalten auch ohne ihn ausgekommen. Aber dabei ist vorausgesetzt, dass man Hütten findet, dass es in die Hütten nicht hineinregnet und dass man sich keine anderen Optionen offenhalten will. Das weiß man vielleicht vorher nicht, und die ersten beiden Bedingungen sind jedenfalls auch nicht in allen deutschen Wandergegenden gegeben. Insofern würde ich sagen: Zelt oder Biwaksack und nur unter besonderen Bedingungen keins von beidem. (Natürlich muss ein Biwaksack nicht unbedingt 800 g wiegen.) Falls man sich aber auf die Hütten verlässt und auf den Biwaksack verzichtet, sollte man in der Tat ein Groundsheet mitnehmen.

                                        Zum Rucksack: Nein, ich hatte keinen Bagliner. Die gerollte Isomatte und der Biwaksack stecken ja eh noch in irgendwelchen, wenn auch nicht wasserdichten Packsäcken, und die Gegenstände in den Seitentaschen sind zum Teil in Ziplocs verpackt. Und die Mülltüte als Regenhülle ist nun einmal dicht. Der Rucksack ist also von oben nicht nass geworden. Der worst case wäre, dass die Hülle bald zerreißt, weil man ja bereits Schlitze für die Träger hineingeschnitten hat und dann auch noch die Hülle häufig abzieht. Für diesen Fall, der nicht eingetreten ist, hatte ich auch noch einen zweiten Müllbeutel dabei, den man prinzipiell auch gleich als Liner hätte einsetzen können, aber daran habe ich unterwegs nicht gedacht. Ich würde übrigens bei dem äußeren Überzug das nicht dehnbare Knistermaterial weiterhin vorziehen, weil ich es für reißfester halte. Muss mich mal wieder im Baumarkt umsehen.
                                        Ob es praktischer ist, den Müllsack von vornherein als Liner einzusetzen, weiß ich nicht. Ich hätte Bedenken, dass sich dann bei starkem Regen der Rucksackstoff maximal vollsaugt und dadurch schwerer wird; ferner weiß ich nicht, ob ein quasi wasserdampfdichter Einschluss der Ausrüstung und Kleidung in der Haupttasche wirklich eine gute Idee ist.

                                        Die Kleidung war keineswegs dauerfeucht. Sie würde vielleicht dauerfeucht werden, wenn die Regenkleidung undicht wäre, aber das war ja nicht der Fall. Leicht feuchte Kleidung trocknet ja leidlich am Körper beim Gehen oder auch beim Sitzen im Restaurant. Außerdem habe ich nach den Tagen 4, 6 und 7 in festen Häusern geschlafen; auf dem Brend habe ich auch Wäsche (im Waschbecken) gewaschen und auf dem Zimmer getrocknet.
                                        Wenn man mehrere Nächte im Freien oder in Hütten verbringt und die Luftfeuchtigkeit bei 95 % liegt, ist die Kleidung natürlich nicht mehr schranktrocken, sondern leicht klamm. Aber solange sie nicht wirklich nass wird, ist das ja kein Problem. Nur zweimal sind Kleidungsstücke unterwegs nass geworden: die Hose ein bisschen auf dem Schliffkopf – sie war aber nach zwei Stunden Aufenthalt im Hotel wieder trocken; das eine T-Shirt beim Aufstieg zum Farrenkopf durch Schweiß – das habe ich erst am nächsten Tag auf dem Brend wieder getrocknet.
                                        Was freilich unterwegs kaum mehr richtig trocken wird, ist die Regenkleidung. Sie saugt ja etwas Nässe auf. Wenn der Regen aufhört, lässt man sie meistens noch eine Viertelstunde antrocknen, bevor man sich traut, sie auszuziehen. Dann kommt sie noch ziemlich klamm (aber nicht triefend) in den Rucksack, oft in die Seitentaschen, ohne dort Schäden anzurichten. Wenn man sie nach einer Stunde wieder anziehen muss, ist sie folglich immer noch klamm und fühlt sich beim Anziehen weich und kühl an. In den Hütten habe ich immer beide Teile so gut es ging ausgelegt oder aufgehängt; morgens waren sie dann etwas weniger feucht als abends, aber keineswegs richtig trocken. Das habe ich aber auch nicht anders erwartet. Als Alltagsradfahrer kennt man ja die Materialeigenschaften seiner Regenkleidung.



                                        Habe ich noch etwas vergessen?

                                        Beim Schlafen im Freien oder in einer Schutzhütte brauche ich unterhalb von 10-12 °C unbedingt eine Sturmhaube. Bei den gegebenen Temperaturen genügte aber ein ziemlich dünnes Baumwollteil (vor vielen Jahren beim lokalen Revolutionsbedarf M-99 gekauft).
                                        Zuletzt geändert von Igelstroem; 19.11.2013, 18:21.
                                        Lebe Deine Albträume und irre umher

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                                        • TrekkerT
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                                          • 30.04.2013
                                          • 172

                                          • Meine Reisen

                                          #60
                                          AW: [DE] »I weiß ja net, wie hart Sie sind« – Schauriges und Schönes vom Westweg

                                          Hallo Igelstroem,

                                          es freut mich, dass Du das Thema Regenschutz für den Rucksack ausführlich beschrieben hast.
                                          Ich habe auch immer das Problem mit dem "feuchten Rucksack" wenn es so viel regnet. Meine "Jungs" laufen bei Regen immer mit Poncho, aber ich mag Ponchos irgendwie nicht so gern. Ich habe für mich die Variante Regenjacke und -hose gewählt, da habe ich das angenehmste Gefühl beim Laufen. ABER dadurch habe ich das Problem mit dem feuchten bis nassen Rucksack. Von aussen habe ich den Regenüberzug drüber aber der Regen, der auf meiner Regenjacke ziwschen Rücken und Rucksack herunter läuft, endet dann spätestens am Beckengurt und wird dann gern von meinem Rucksack aufgesogen. Und dadurch werden meine Klamotten im Rucksack nass. Habe jetzt schon mit einem zusätzlichen dünnen Sack im Rucksack gearbeitet. War schon deutlich besser, aber der Rucksack hat auf dauer trotzdem den Regen aufgesogen und damit auch an Gewicht zugenommen.
                                          Deine Variante mit der Tüte über den Sack steigert sicher nicht den Attraktivitätsfakor aber scheint eine gute Variante zu sein, oder? Wie hast Du das mit den Tragegurten gemacht? Hast Du Schlitze in den Sack geschnitten und die Schultergurte aus den Verbindungsschnallen gezogen und dann durch die Schlitze im Sack und wieder zurück in die Verbindungsschnallen???? (Ich hoffe, Du hast verstanden, was ich meine?! ) Da Du ja den Beckengurt nicht benutzt, hast Du den Sack sicher einfach nur über den Beckengrut gezogen, oder? Da sehe ich aber nicht so die Probleme, da würde ich auch einfach Schlitze in den Sack schneiden und den Beckengurt jeweils links und rechts durchziehen.

                                          Habe ich das jetzt bei den Schultergurten so richtig verstanden oder hast Du noch eine andere Variante?

                                          Trekker T
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