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    • 16.08.2008
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    #21
    AW: [DE] O Tannenbaum - Zwischen Goldlauter und Leipzig

    05.12.2018 / 10./11.12.2017 Ilmenau

    Es ist ein klarer Tag. Heute wäre Wandern ein Genuss. Morgen soll das Wetter wieder umschlagen. Regen, Schnee, Schneeregen. Mein Zug fährt ab Ilmenau, und ich nehme meinen Schicksalsbus, die 300, der nach Ilmenau fährt. Schmiedefeld leuchtet in der Sonne. Wie schön es hier sein kann. Leider kann ich nicht richtig fotografieren, die Sitze sind im Weg.

    Und im letzten Jahr? Im letzten Jahr war ich auch mit der 300 nach Ilmenau gefahren. Noch hatte ich die Hoffnung, eine Tour machen zu können. Mein Kalkül war, dass Ilmenau nicht mehr so hoch liegt (der Rennsteig war den Tag zuvor tief verschneit und alle größeren Wege Loipen), und ich mich von dort aus besser orientieren kann. Aber auch hier war das Wetter schlecht, Tauwetter, Blitzeis und Regen waren angekündigt. Meine letzte Hoffnung waren die Radrouten, da könnte man jedenfalls Roller fahren.









    In der Nähe des Rennsteigs. Man sieht, das Tauwetter begann bereits.





    In Ilmenau buchte ich ein Hotelzimmer. Wind setzte ein, es wurde wieder kälter, ein wenig Schnee fiel, und der Wind wirbelte den frischen Schnee auf. Ich schaffte es gerade zur Bäckerei, um eine Kleinigkeit zu kaufen und erfuhr den neusten Klatsch.




    Später traute ich mich noch mal raus, ich suchte eine Pizzeria und kam mir vor wie im finnischen Joenssu, es war kalt und menschenleer, viele Läden hatten geschlossen. Der Wind produzierte nun einen eindrucksvollen Schneesturm, der mich trotz winterlicher Kleidung zur Flucht in einen Häusereingang zwang. Ein Foto machte ich dennoch, der Lohn war ein Sandstrahl aus Schneekristallen im Gesicht. Aua.





    In einer kurzen Windpause spurtete ich zurück zum Hotel und knabberte meine Notnüsschen. Der Wetterbericht kündigte einen Temperatursprung und Blitzeis an.

    Als ich am Morgen erwachte, sah ich vor meinem Fenster im Innenhof noch gute 20 Zentimeter Schnee. Als ich vom Frühstück zurückkam, war der Schnee weg. Es regnete. Und abends sollte es wieder frieren. Ich gab auf. Mit der Bahn-App buchte ich, vor dem Hotel stehend, im strömenden Regen einen Zug nach Leipzig, ein Geldgeschenk an die Bahn, denn ich buchte das falsche Datum, irgendetwas hatte sich verstellt. In der Sekunde, in der ich auf „kostenpflichtig bestellen“ drückte, bemerkte ich den Irrtum. Zu spät. Stornieren kostete ungefähr so viel, wie der Fahrpreis, insgesamt bekam ich 19 cent zurückerstattet. Ich hatte für das Wochenende ein Hostel in Leipzig vorgebucht, und hatte Glück. ja, es ist die nächsten Tage auch ein Bett frei.

    In strömendem Regen rollerte ich zum Bahnhof. Zwei Passanten schauten mich bewundernd an, ich fühlte mich einfach nur schlecht und war frustriert. Ich hatte den preiswertesten Zug genommen, das bedeutete drei Stunden Wartezeit, die ich im Wartesaal mit Lesen zu verbringen gedachte. Eine Gruppe Jugendlicher kam und ließ sich im Wartesaal nieder, sie dürften noch minderjährig gewesen sein. Ein Mädchen und ein paar Jungs, einer davon ist ihr Freund, der zwischen zwei Sprachen hin- und herwechselte, um sich mit einem der Kumpel zu verständigen. Das übliche Gehabe, laut, ein wenig großspurig und betont cool, um den schwachen Kern und die Ängste zu verstecken. Ey Mann, was geht denn. Wortgeplänkel. Zwei jüngere Jugendliche fuhren, ein Neuer kam. Ich wurde ignoriert, obwohl ich wusste, dass ihnen klar ist, dass ich da bin, Show halt. Irgendwann machte ich einen Spruch, sie lachten, etwas erleichtert. Kleinstadt halt, man weiß nie, wie Erwachsene reagieren. Sie wurden ruhiger.
    Der neu gekommene Junge, klein, rundes Gesicht, helle Haare, lief immer hin und her, ey setz Dich, was laberst Du da, Du hast doch gar kein Geld, um wegzufahren. Italien, sagte er, lachte ein wenig irre, lief weiter hin und her und im Kreis herum. Ey, was laberst Du da, Du fährst nicht nach Italien. Er lachte wieder, irgendwas stimmte mit ihm nicht, er war nicht aggressiv, aber irgendwie hinüber, als hätte er Drogen genommen (so wirkte er aber nicht) oder als hätte er eine Aufmerksamkeitsstörung, irgendwas stimmte da nicht. Ja, Italien, ich fahre nach Italien, könnt ihr mir glauben. Ey, erzähl keinen Schxxx, Mann.
    Der Junge griff in die Jacke und drückte einem der jungen Männer einen Packen Papier in die Hand. Lies doch. Und lief weiter. Immer hin und her. Und lachte. Lachte wieder. Lachte. Was ist das für Papier? Der junge Mann gab es an seinen Kumpel weiter. Kannst Du das lesen? Ey, das ist doch viel zu viel. Lies Du mal. Er sah das Mädchen an. Es schüttelte den Kopf. Ey, was soll ich damit? Das ist doch kompliziert. Sie schaute mich an: Können Sie das lesen?

    Ich nickte und griff nach dem Papier. Geahnt hatte ich den Inhalt schon. Ich las quer, die erste Seite, die zweite Seite, Juristendeutsch. Aber eindeutig und klar. Drei Augenpaare starrten mich an, während ich las, und der Junge weiter hin- und herlief und lachte. Er hat Recht, sagte ich. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich einen Abschiebungsbescheid in den Händen hielt. Der Junge hat in Italien Asyl beantragt und ist nach Deutschland weitergereist. Er muss Deutschland innerhalb von 14 Tagen verlassen und sich den italienischen Behörden stellen, damit diese über den Asylantrag entscheiden können. Eine Wiedereinreise ist frühestens in 6 Monaten möglich. Seht ihr, sagte der Junge. Ich fahre nach Italien. Schweigen. Ich reichte die Papiere zurück.
    Das Mädchen fand seine Sprache zuerst. Aber was soll er denn in Italien? Da kennt er sich doch gar nicht aus! Und er kann die Sprache doch gar nicht. Ich muss da hin, sagte der Junge, sagt doch auch das Papier. Ja, aber, das ist doch unfair, sagte das Mädchen. Er ist doch noch ein Kind! Ich bemühe mich, in zwei Sätzen das Dublin-Abkommen zusammenzufassen. Das Mädchen schaute mich mit großen Augen an. Das ist trotzdem unfair, sagte sie. Und ich freute mich, über ihre Offenheit und ihr Mitgefühl. Der junge Mann neben mir zückte seine Aufenthaltsbewilligung und hielt sie mir stolz vor die Augen. Ich darf bleiben, sagte er. Ich freute mich für ihn.
    Mein Zug war angekommen, und ich verabschiedete mich. Sie hatten mich bereits vergessen. Das Leben ging weiter.

    Aus dem Zugfenster sah ich Regen, Regen und überflutete Wege mit Spuren von Resteis. Trist und trostlos. Nur weg hier.
    Zuletzt geändert von Torres; 15.12.2018, 21:53.
    Ach wie flüchtig, ach wie nichtig, ist der Menschen Leben. Wie ein Nebel bald entstehet und auch wieder bald vergehet, so ist unser Leben, sehet. (Franck 1652 / Bach 1724, Leipzig)

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    • Torres
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      #22
      AW: [DE] O Tannenbaum - Zwischen Goldlauter und Leipzig

      13.12.2017 Markkleeberg

      Es ist immer noch das Jahr 2017. Ich bin über Ilmenau in Leipzig im Hostel gelandet. Unerwartet ist das Wetter am dritten Tag kalt, aber schön. Ich beschließe, eine Tagestour in Grobrichtung Thüringen zu starten. Dann habe ich schon mal ein Stück meiner Tour absolviert.


      --------

      Bereits am Tag zuvor war das Wetter nachmittags plötzlich aufgeklart. So hatte ich die Zeit genutzt, mich ein wenig zu orientieren. Viel kleiner als gedacht, kam mir Leipzig vor. Und so glitzernd und modern. Das letzte Mal war ich vor der Wende dort gewesen, trist und grau.

      Als Erstes lief ich zur Thomaskirche. Die Familie meiner Mutter gehörte zu den sogenannten „schönen Familien“ der Stadt, die es zu einem gewissen Wohlstand gebracht hatten, und das musikalische und kulturelle Leben in der Stadt förderten. Die Thomaskantoren und die Thomaner gehörten zum Freundeskreis meiner Mutter, und an Weihnachten war der Beginn der Feiertage mit „Jauchzet frohlocket“ ein Ritual. Nie habe ich so glockenklare Stimmen gehört, wie auf der Aufnahme meiner Mutter, natürlich noch ganz analog auf Schallplatte. Ich erwarb sündhaft teure Karten für das Weihnachtsoratorium 1-3 ein paar Tage später, aber das war es mir wert.





      Dann lief ich über den finnischen Weihnachtsmarkt (sic) in Richtung Grassimuseum. Hier hatte mein Vater einiges zum Archiv beigetragen, die Familie seiner Mutter stammt aus Leipzig, und ich bekam eine kurze Privatführung.





      Am meisten beeindruckten mich die Flachfenster von Josef Albers, die einer Klaviertastatur ähneln und mit viel Herzblut und Einsatz restauriert wurden.


      http://www.grassimuseum.de/architekt...-kapitel1.html


      Der Rehgarten.





      Anschließend lief ich durch die Ausstellungen und nahm im Augenwinkel ein Video wahr, als ich mich erschrak. Der Mann kam mir bekannt vor. Es war mein Urgroßvater, vor gut 75 Jahren verstorben. Unglaublich, dass man sich erkennt, obwohl man sich nie kannte.

      Blick auf die Unversität.





      Die Spuren von Ernst Anschütz suchte ich nicht. Es sind praktisch keine mehr da. Der Neue Friedhof, auf dem er begraben war, wurde 1973 zum Friedenspark umgebaut. Die 1000 teils kunstvoll gestalteten Gräber, die an die ehemalige bürgerliche Eliteschicht der Stadt erinnerten, sollten im Sozialismus ausgelöscht werden. Sie wurden zugeschüttet, planiert und eingeebnet. Die Grabsteine wurden zu einem Hügel aufgeschichtet, der als Rodelhang fungiert.
      Auch die Spuren seiner Nachfahren sind dürftig. Sein zweitältester Sohn Emmerich Fingal, musikalisch, wie der Vater, wurde Justizrat und übernahm die Freimaurerloge Apollo. Dessen Sohn Reinhold (1859-1929) http://museum.zib.de/sgml_internet/s...fld_0=z0107404, Dr. jur, blieb der Freimauerei treu, organisierte die Kammermusikabende am Gewandhaus, und war ein guter Freund von Max Reger, der ihm das Klaviertrio e-moll op. 102 widmete. Ihre Briefe sind teilweise erhalten und befinden sich in der Musikbibliothek Leipzig. Mit Reinholds Sohn Rudolf (1892-1980), Dr. jur., Verwaltungsrichter, und leidenschaftlicher Cellist, in dessen Kontor die Tagebücher Ernst Anschütz´ verbrannten, endete diese Linie der Familie, da es zwar weibliche, aber keine männlichen Nachfolger gab. Und mit der Flucht in den Westen wird 1953 die Verbindung der Familie zu Leipzig gekappt. Der Nachlass der Familie, sofern noch vorhanden, befindet sich im heute im Leipziger Stadtarchiv.



      -------


      Schon nach einigen Metern rollern ist klar, dass es nicht nur kalt, sondern saukalt ist. Immerhin sind die abends von Weihnachtsmarktbesuchern überquellenden Straßen leer.





      Ich rollere an der Thomaskirche vorbei, um einen Orientierungspunkt zu haben, und verstehe dann mein Navi nicht. Da ich aber niemanden fragen kann, entscheide mich auf eine Hauptstraße einzubiegen. Ein markantes Gebäude. Hier war ich schon mal, damals, als die Stadt noch nach Braunkohle roch, und ich kaum Luft bekam: Neues Rathaus Leipzig.





      Die Villa Tillmanns, gebaut von Robert Tillmanns, einem der Begründer der Kinderchirurgie, heute Gästehaus der Universität, und das ehemalige Reichsgericht, heute Bundesverwaltungsgericht. Zu beiden Gebäuden gibt es familiäre Bezüge, auf einem Juristenball lernten sich meine Großeltern kennen.





      Dann bin ich auch schon in einer Parkanlage, erst dem Johannapark, dann dem Clara-Zetkin-Park.











      Ein Gebäude lugt zwischen Büschen hervor, und ich denke, das ist eine Rennbahn, und es ist eine Rennbahn.





      Ein Trailer voller Kanus. Ich bin am Elsterflutbett.








      Ich rollere am Kanal entlang, mein Ziel ist Schleussig. Hier ist meine Mutter aufgewachsen. Ich schaue mich ein bisschen um und rollere durch gepflegte Straßen.








      An Kleingärten vorbei gelange ich wieder an den Flussweg, und ich denke an die Geschichten meiner Mutter, die sie mir in meiner Kindheit erzählt hatte. Ob sie wohl hier, am Fluss, die Ziege grasen ließen, die sich einmal über das Heu in den Matratzen hermachte, aber für die Versorgung der Kinder mit Milch wichtig war? Elsterflutbett und Weiße Elster vereinigen sich bald.








      Kanuverein.





      Nicht so einfach hier?








      Hier verliere ich leider beim Fotografieren meine Handschuhe, die locker in der Tasche steckten, was zur Folge haben wird, dass mir abends die Finger einfrieren werden. Nur einen werde ich auf dem Rückweg wieder finden, natürlich genau den, den ich sowieso schon dreimal als Einzelstück zu Hause habe.








      Ich bin nun bereits in Markkleeberg und quere ein Elsterhochflutbett.










      Dann biege ich in den Landschaftspark Cospuden ab. Das ist mir nicht bewusst, das Gebiet ist auf meiner Karte halt grün und grün ist gut. Der Waldsee Lauer.










      Die schnurgeraden Wege sind mit dem Roller etwas lästig, man hat das Gefühl, nicht voran zu kommen. Ein paar Spaziergänger.










      Und dann bin ich überrascht. Das hätte ich hier nicht erwartet.











      Es ist windig und kalt. Im Sommer wird hier die Hölle los sein. Gegenlichtaufnahme.






      Ein Seekajak mit Besegelung. Prijon.






      Ich rollere nun am Uferweg entlang.






      Upps.






      Besser.








      Like.











      Es wird Zeit, zurückzufahren.











      Eine Bauwagensiedlung beeindruckt mich, dann bin ich wieder an der Weißen Elster.








      Meine Suche nach einer Alternativroute scheitert. Weitere Grünanlagen sind hier nicht. So muss ich zum ursprünglichen Ausgangspunkt an den Bahngleisen wieder zurück. Es ist frisch geworden, man könnte gleich die Handschuhe anziehen, und während ich den Plan schmiede, sehe ich einen Handschuh auf dem Weg. Mir schwant Böses und richtig. Es ist meiner. Ich rollere noch einmal wild hin und her, in der Hoffnung, noch den zweiten Handschuh zu finden. Leider vergeblich. Er kann mir ganz woanders aus der Tasche gerutscht sein.








      Ich schiebe unter einer Brücke durch, um abzukürzen. Scheibenholz ist bereits erleuchtet. Schnell durch den Park.














      Es ist jetzt lausig kalt, meine Hände frieren, und ich ziehe den Handschuh mal auf die eine, mal auf die andere Hand. Im Berufsverkehr rollere ich durch die Stadt, es ist Weihnachtsmarkt und Fußgänger lassen kein Durchkommen durch die Innenstadt. So bleibe ich an den Hauptstraßen, mittlerweile kenne ich mich schon recht gut hier aus.



      17,6 km in 7,5 Stunden.
      Zuletzt geändert von Torres; 16.12.2018, 21:16.
      Ach wie flüchtig, ach wie nichtig, ist der Menschen Leben. Wie ein Nebel bald entstehet und auch wieder bald vergehet, so ist unser Leben, sehet. (Franck 1652 / Bach 1724, Leipzig)

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      • Torres
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        • Meine Reisen

        #23
        AW: [DE] O Tannenbaum - Zwischen Goldlauter und Leipzig

        17.12.2017


        Die nächsten Tage regnet es ununterbrochen, dazu ist es windig. Ungemütlich. Ich verzichte notgedrungen auf weitere Aktivitäten. Als das Wetter am letzten Tag gegen Mittag wider Erwarten noch einmal besser wird, ziehe ich noch einmal los.





        Spontan und auf gut Glück fahre ich Richtung Nordplatz. Bald rollere ich am Zoo vorbei in Richtung Parthe.












        Das Golitzer Schlösschen. Im Hof ist Weihnachtsmarkt, aber kein Weihnachtsmarktwetter, die Zahl der Besucher ist überschaubar.










        Die Wege sind aufgeweicht und rutschig. Ich schiebe.










        Ein Schild „Auensee“ lockt. Der Name gefällt mir, und ein Ziel ist immer gut.










        Hier geht es jetzt zu dem Aussichtsturm auf dem Rosenthalhügel. Man könnte den Weg nehmen. Man könnte aber auch ein Idiot sein. Ich entscheide mich für den Idioten und nehme den Hang auf direktem Weg in Angriff.









        Der erste Teil geht noch. Am zweiten Teil stecke ich kurz vor dem Ziel fest. Sowas Bescheuertes. Hoch komme ich nicht mehr, immerhin wiegt der Roller ja auch eine kleine Kleinigkeit und zieht an meinen Armen. Gäbe es etwas zum Festhalten, wäre es einfach, aber das gibt es hier nicht. Ich könnte jetzt natürlich den Roller loslassen und und anschließend ganz ungalant auf dem Matsch hinterher rutschen. Aber so ganz überzeugt mich diese Lösung nicht. Gott sei Dank kommt in diesem Moment ein Jogger und hilft mir aus der Patsche. Er zieht mich hoch. Peinlich. Danke schön. Im Internet werde ich später lesen, dass der 20 Meter hohe Hügel 1887-1896 aus Hausmüll errichtet wurde, daher „Scherbelberg“ genannt wird, und ich wohl den Rodelhang aufgestiegen bin.






        Todesmutig besteige ich den Turm, obwohl kein schützendes Gemäuer die Treppen umgibt. So etwas mag ich gar nicht. Der Turm ist 15 Meter hoch und man kann über die Stadt gucken.














        Neben mir steht ein junges Paar, sie haben Lauchgemüse gekauft, das aus ihrer Tasche lugt. Es ist windig, und der Turm schwankt. Das Paar stört das überhaupt nicht, aber mich, mir wird flau, und ich steige ab.












        Moin.






        Ich verlasse nun den Auwald und rollere an einer Bahnlinie entlang.










        Ich befinde mich auf der Parthe-Mulde-Radroute. Ich hätte ja Lust, ihr zu folgen, aber das wäre ein wenig weit. So biege ich auf einen Deich ein, der an der Neuen Luppe entlangführt.

















        Und dann bin ich am Auensee. Hätte ich mir romantischer vorgestellt, aber es ist ja auch Winter.





        Ich setze mich auf eine Bank, aber schnell ist es zu kalt.









        An sich möchte ich nicht den gleichen Weg zurück. Also wechsele ich die Seite.














        Eine gute Idee. Ich bin jetzt an der Nahle.






        Dann wird mir aber auch etwas mulmig. Die Tage sind kurz, und es ist schon spät, ich bin ja erst gegen 14.00 Uhr losgerollert. Ich sollte mich sputen. Meistens schiebe ich allerdings, der Boden ist zu uneben oder zu nass, um zu rollern. An einer Brücke ist der Weg zu Ende, und ich balanciere unter der Brücke hindurch, um mir einen großen Umweg zu ersparen. Mein Herz pocht, i´m not dressed for water. Ganz schön rutschig.

















        Und weiter. Ich schiebe. Beinahe rutsche ich auf Glatteis aus, es friert wieder.








        Ich bin wieder an der Bahnlinie. Zurück zum Auenwald zu fahren, wäre schlau, aber ich habe keine Lust, im Dunkeln über die Matschwege zu rollern. Mal sehen, wie weit ich komme. Ich laufe unter den Gleisen hindurch.










        Wie genau es jetzt weitergeht, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur, dass der Weg irgendwann durch den Zaun eines Wasserwerks versperrt ist, und ich querfeldein durch den Wald laufe, um wieder einen Weg zu finden. Inzwischen ist es dunkel geworden, und ich beglückwünsche mich zu dieser schwachsinnigen Idee, im Dunkeln im Wald herumzuirren, um mir die Haxen zu brechen. Ohne Navi wäre das ziemlich heikel geworden, ich hätte die Richtung verloren, denn ich muss ein paar Mal die Richtung korrigieren. Immerhin komme ich an einer vielbefahrenen Straße heraus, der Hans-Driesch-Straße. Die Helligkeit auf dem Bild täuscht, es ist stockdunkel.







        An der Straße irre ich zwischen Randstreifen und Fahrradweg hin und her. Es ist unglaublich viel Verkehr, viele Busse und erst als das Elsterbecken quere, wird mir klar, dass ich in der Nähe des Stadions bin.






        Alles ist voller Polizei, Hertha gegen Leipzig. Als ich ein Foto von der Szenerie mache, warnt mich die Polizei. Fans mögen das nicht.






        Es ist wieder mal Berufsverkehr, ich rollere breite Fußwege entlang, neben mir strömen Fans zum Stadion, auf der Straße dröhnen die Autos oder stehen im Stau. Rollerfahrer gliedern sich in die Fußgänger ein.





        Wieder kommen Erinnerungen an das Leipzig der DDR hoch. Leipziger Buchmesse. Eine unwirkliche Szenerie.





        Ein kleines Wäldchen, es werden Rohre verlegt, der Weg ist schlammig und dunkel. Elegante Bürgerhäuser an einem Fluss. Wie es wohl damals hier gewesen ist, als meine Mutter Kind war? Wo hätten wir gewohnt, wenn die Familie geblieben wäre? Wie hätten sich das Schicksal entwickelt?






        Ich biege in eine Straße ein, die mich in Richtung Hostel führen soll. Eine schöne Straße, ruhig und bürgerlich, die Häuser wirken erhaben. Eines der Viertel, die es in Hamburg so gut wie nicht mehr gibt, weil sie den Bomben zum Opfer fielen. Hier müsste man wohnen. Ein paar Meter weiter sperrt die Polizei eine Seitenstraße ab, ein Autofahrer diskutiert das Warum. Ansonsten sind kaum Menschen unterwegs, die Bürgersteige sind leer. Ich schaue nach oben, und durch Zufall fällt mein Blick auf ein Eckhaus. Ganz oben unter dem Dach brennt Licht, und auf dem Balkon steht ein Tannenbaum.





        Und in dem Moment bricht sich schlagartig Erinnerung Bahn, ohne dass ich etwas dagegen tun kann. Es ist Weihnachten, wir sind bei meinen Großeltern in Hamburg, gerade hat der Tannenbaum gebrannt, meine Tante hat ihn gelöscht. Und nun stehen wir alle im Wohnzimmer, mein Großvater in der Mitte, und seine Töchter und die anderen Verwandten im Halbkreis um ihn herum. Es ist warm, die Stimmung ist feierlich, vor den Fenstern liegt Schnee. Mein Großvater reckt die hohe Stirn nach oben, wie es seine Art ist, die Hand zum Taktstock erhebend. Meine Mutter setzt diesen gerührten, sentimentalen „Wir-singen-jetzt-Weihnachtslieder-Blick“ auf, den ich an ihr nie leiden mochte, während ich, klein, wie ich bin, 6 Jahre vielleicht, lieber nach den Geschenken gucken würde, als Lieder zu singen, Singen ist doof, wenn es Geschenke gibt.

        Nur diesmal bin ich nicht mehr das Kind von damals, sondern ich schwebe über der Szene. Mein Großvater, so jung noch, in den Siebzigern. Meine Tanten, junge Frauen, meine jüngste Tante Anfang zwanzig. Ich selbst, motzig und klein, ein Dickkopf, der immer wieder zur Tür schaut und nur mühsam zu bändigen ist.
        Und mein Großvater hebt den Kopf, meine Mutter und ihre Schwestern fassen sich an den Händen und lächeln, ihre Augen sind feucht, und sie schauen zu ihrem Vater, und in dieser Sekunde begreife ich: Da war ein Band. Ein unsichtbares Band. Ein Band, das ich all die Jahre nicht sehen konnte, weil die Welt, zu der es gehörte, längst untergegangen war. Ein Band zwischen Vater und Töchtern, vereint in ihrer Kindheit in Leipzig, vereint in ihrer Liebe zur Musik und eingebunden in das Leben ihrer Vorfahren.

        Und als mein Großvater die Hand zum Taktstock hebt, und den Anfangston vorgibt, singen wir nicht irgendein Lied. Wir singen unser Lied. Das Lied des Pfarrerssohn aus Goldlauter, der nach Leipzig zog und den Kindern Lieder brachte.





        Und ich weiß, ich werde wieder kommen und von Goldlauter nach Leipzig wandern. Nächstes Jahr. Übernächstes Jahr. Solange es dauert.



        10 km, 4 Stunden
        Ach wie flüchtig, ach wie nichtig, ist der Menschen Leben. Wie ein Nebel bald entstehet und auch wieder bald vergehet, so ist unser Leben, sehet. (Franck 1652 / Bach 1724, Leipzig)

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        • Waldlaeuferin
          Erfahren
          • 11.03.2013
          • 204

          • Meine Reisen

          #24
          AW: [DE] O Tannenbaum - Zwischen Goldlauter und Leipzig

          So eine schöne Geschichte. Danke dafür.
          Es ist immer zu früh, um aufzugeben.

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          • Moselwein
            Neu im Forum
            • 23.10.2022
            • 2

            • Meine Reisen

            #25
            Schöne Bilder und eine noch schönere "Schreibe" - Danke. Die Gegend werde ich mir auch mal näher anschauen - solange der Wald noch ein Wald ist und kein Waldfriedhof....

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