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  1. [DE] Schweiß, Schmerz, Schwarzwald: Zweitälersteig August 2016

    #1
    Mitreisende: LewisTolleni
    Hallo,

    in den nächsten Tagen wird hier ein Bericht entstehen unserer viertägigen Wanderung im August 2016 auf dem Zweitälersteig im Schwarzwald rund um Waldkirch. Viel Spaß!



    Schweiß, Schmerz, Schwarzwald. Zweitälersteig im August 2016

    Hätte mir jemand Ende Mai an den Stufen des Badischen Bahnhofs nach Beendigung des Westwegs prophezeit, dass ich im Sommer bereits wieder im Schwarzwald zu einer mehrtägigen Wanderung aufbreche, ich hätte darüber sicher nur müde lächeln können. Zu behaupten, man hätte jetzt schon alles gesehen, wäre vermessen, doch für den Moment habe ich mich glückselig gefühlt mit den bisher gesammelten Erfahrungen in diesem Mittelgebirge. Wie es jedoch so oft ist im Leben, es kommt dann doch vieles anders.
    Während des verbleibenden Sommersemesters verbringe ich unter anderem meine Zeit auf den Beachvolleyballfeldern der Stadt. Dort reift gemeinsam mit Gabriel, den ich vom Unisport kenne, die Idee zu einer gemeinsamen Wanderung. Gerade als die Planungen im Begriff sind, konkretere Formen anzunehmen, erhalte ich für Mitte August die Möglichkeit zu einer vierwöchigen Reise nach Armenien, zu der sich Gabriel leider nicht überzeugen lässt, auch mitzukommen. Seine Klausuren und meine Ferienarbeit setzen uns weitere zeitliche Restriktionen, sodass am Ende ein recht enges Zeitfenster von 3-5 Tagen bleibt. Um weiter Zeit zu sparen, sollte es auch in der Nähe und leicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen sein. Also werfe ich nun doch wieder den Schwarzwald in den Raum und Gabriel scheint überraschenderweise gar nicht abgeneigt zu sein. Überraschend, denn wer die Alpen gewohnt ist …

    Die Wahl fällt schlussendlich auf den Zweitälersteig bei Waldkirch, der mit seinen 108 Kilometern genau unseren Ansprüchen zu entsprechen scheint. Das sollte in fünf Tagen mit An- und Abreise aus Oberbayern bzw. Mittelbaden definitiv machbar sein. Die beiden größten Fragen drehen sich dann tatsächlich um die Übernachtungen und die Anreise. Wir verbleiben so, dass wir je nach Wetter entscheiden, ob wir das Zelt mitnehmen, oder nicht. Gabriel wird bereits Sonntagabend zu mir nach Hause anreisen, von wo wir dann am Montag gleich morgens einen Zug nehmen können, sodass wir um 8:00 Uhr in Waldkirch stehen.

    Wettertechnisch wird uns eine einfache Lösung für die Zeltfrage, ja oder nein, nicht ermöglicht. Für Montag bis Mittwoch ist Sonnenschein angekündigt, für Donnerstag und Freitag Regen. Wir entscheiden uns dafür, das Zelt zu Hause zu lassen und uns das zusätzliche Gewicht zu sparen. Stattdessen planen wir, den Weg in vier Tagen zu laufen, um schlechtem Wetter, zumindest in den Nächten, aus dem Weg zu gehen.

    1. Tag, Waldkirch bis Obersimonswald


    Es ist 5:40 Uhr. Ich muss lange zurückdenken, wann ich das letzte Mal so früh aufgestanden bin Schnell den letzten Augendreck wegwischen und schon befinden wir uns pünktlich um 6:30 am Bahnsteig, um den Zug und später den Bus Richtung Waldkirch zu nehmen. Die Fahrt ist kurzweilig und um 8:00 Uhr stehen wir geschniegelt und gestriegelt zuerst vor dem Bahnhof in Waldkirch und dann nach dem Überqueren der Straße vor den Informationstafeln zum Zweitälersteig und weiteren Wandermöglichkeiten in der Umgebung. Je näher unser Vorhaben rückt, desto nervöser und respektvoller werde ich. Wir sollten jeden Tag durchschnittlich 27 Kilometer laufen, um tatsächlich in vier Tagen wieder hier in Waldkirch anzukommen. Um die Wanderung allerdings noch etwas anspruchsvoller zu gestalten, verkleinert sich unser Zeitrahmen weiter, da Gabriels letzter Zug am Donnerstag gegen 15:30 Uhr fährt. Dieser bindet sich derweil in aller Seelenruhe seine Wanderstiefel, sodass wir bereits hier wichtige Minuten für unser Vorhaben verlieren Zu allem Überdruss sorge ich für weitere Verzögerungen, da ich den Käse im heimischen Kühlschrank vergessen habe und wir uns erstmal durch den Markt in der Altstadt Waldkirchs bis zum Supermarkt drängeln. Es wird wohl nie eine Reise vergehen, bei der ich nicht irgendetwas – trotz Liste – vergesse Der kleine Hunger wird schnell mit zwei Bananen gestillt, wir werfen einen letzten Blick auf die über der Stadt thronende Kastelburg und brechen dann – endlich – zur Wanderung auf.


    Hoch über Waldkrich: das Ziel unserer Rundwanderung


    Erste Ausblicke

    Wir verlassen Waldkirch und steigen dann erstmals hinauf nach dem Eingang zum Schwarzwaldzoo auf Wegen, die begleitet werden von Stationen eines Sinnenwegs. Trotz der frühen Uhrzeit knallt die Sonne schon mächtig, und wir sind froh, erstmal im Schutz des Waldes weiter bergauf zu wandern. Die Wegführung durch die grünen Wegzeichen mit stilisiertem rotem Herz wird jedoch bald unterbrochen durch eine ausgeschilderte Umleitung, der wir weiter auf breiten Forstwegen folgen. Nach ungefähr zwanzig Minuten stoßen wir wieder auf den Zweitälersteig, der uns hier erste Ausblicke ins Tal gewährt. Die kurz darauf erreichte Schwarzenberghütte lassen wir links liegen und ziehen nun auf Pfaden, die mal steinig, mal verwurzelt sind, weiter an. In Serpentinen geht es steil bergauf. Die Bewegung und die frische Luft fördert Sauerstoff in ungekannten Mengen in unsere Hirnhälften, sodass wir uns trotz vorlesungsfreier Zeit gegenseitig kurze Lektionen über Photoeffekt, Schrödingers Katze und die Rolle des guten Willens in Kants Ethik geben Zum Glück, möchte man sagen, endet dieser Erguss an geballter Fachkompetenz sobald wir an der Thomashütte angelangen und die wirklich phänomenale Aussicht ins Glottertal und Rheintal genießen bis hin zu den Vogesen und ein erstes Pausenbrot essen.


    Kurz vor der Thomashütte


    Pause an der Thomashütte




    Von zwei passierenden Trailrunnern werden wir nach dem Weg zum Kandel gefragt: aufwärts geht’s natürlich! Die letzten etwa zweihundert Höhenmeter gehen dann aber vergleichsweise leicht von der Hand und schon bald eröffnet sich uns, als wir aus dem Wald treten, abermals ein toller Ausblick in die Ebene. Vorbei an blühenden Wiesen und Kuhgattern gelangen wir zur bereits ohne uns gut besuchten Kandelpyramide. Uns schmeckt allerdings das ‚Gipfelerlebnis’, das wir uns aus Waldkirch ganz unten kommend hart erarbeitet haben, wohl am besten. Im fernen Dunst lässt sich heute sogar der Feldberg ausmachen, der höchste Berg im Schwarzwald.




    Auf dem Kandel


    Gipfelfoto




    Wir folgen dem Weg hin zum dortigen Hotel und biegen nach rechts, wo wir zuerst über Wiesen wandern, dann auf Waldwegen entlang einer Straße. Diese verlassen wir wieder in den Wald und gelangen so recht flott zum Plattenhof, von wo wir immer wieder schöne Blicke in die offene Landschaft haben und immer wieder riesigen Traktoren beim Heu einholen zuschauen können. Der Plattensee (nein, wir haben keinen kurzen Abstecher nach Ungarn gemacht. Der heißt wirklich so ) macht dann bei diesem Wetter Lust auf Wasser, das wir dann bei den Zweribachwasserfällen auch reichlich bekommen. Sehr beeindruckend hier, wobei auch wieder recht voll.


    In Reih und Glied


    Zweribachwasserfälle




    Dies ändert sich nach einer Trinkpause an einem Brunnen am Wegesrand, sobald wir weiter bergab wandern, bis wir in der Teichbachschlucht angelangen, von wo an es wieder bergauf geht – zumindest vom Streckenprofil her gesehen. Körperlich muss zumindest ich – Gabriel, das Konditionswunder, gibt sich gänzlich unbeeindruckt – zugestehen, langsam einen Hauch Erschöpfung zu spüren In der Teichbachschlucht folgen wir einem schönen Weg direkt neben dem Teichbach, der sich den Weg nach unten schlängelt, während wir in entgegengesetzter Richtung schlängeln.




    Wer den 'Schaden' hat...

    Schnell verlassen wir den Teichbach und gehen nun steiler am Hang bergauf und queren eine Straße, folgen einem breiten Forstweg und erreichen schlussendlich erschöpft die Hintereckhütte. Der dortige Brunnen plätschert ziemlich unbeeindruckt ob unserer Leistung gemütlich weiter, was uns nicht davon abhält, ihn erstmal leer zu saufen. An der heute geschlossenen Hütte finden wir einen Selbstbedienungsraum mit Getränken und Bänken, auf denen wir es uns zum Vesper gemütlich machen. Kurze Zeit später stößt ein Ehepaar hinzu, mit denen wir uns über Wander- und Radfahrmöglichkeiten im Schwarzwald und den Vogesen unterhalten und auch über unsere heutigen Übernachtungspläne, da der Himmel überraschender- und frecherweise immer mehr zuzieht. Zur Not finden wir wohl hier einen Platz, der offene Raum ist aber recht muffig und nicht wirklich einladend. Wir spekulieren auf einen in der Karte eingezeichneten Grillplatz in der Hoffnung, dort auch etwas Überdachtes vorzufinden. Wir grübeln hin und her und bis das ganze Überlegen abgeschlossen ist, haben sich die dicken grauen Wolken auch schon wieder verzogen. Besser so, sonst hätte unser zu Rate gezogener Wetterdienst aber mal eine Ansage kassiert


    So war das Wetter nicht abgemacht!

    Schnell sind unsere Rucksäcke gepackt und mit der wiederkehrenden Sonne verfliegt auch die Erschöpfung wieder. Auf kleinen Pfaden geht es erst im Wechsel leicht bergauf und bergab, dann aber über den ‚Spitzen Stein’ mit Aussicht doch auch etwas steiler den Hang hinunter. Bald erreichen wir die ersten Ausläufer Obersimonswalds, wo uns am Wegesrand ein in diesen Breiten eher seltenes Beuteltier zuwinkt. Ein letztes Mal für den heutigen Tag geht es auf einem kleinen Pfad bergauf, nach 10 Minuten aber erreichen wir bereits den eingezeichneten Grillplatz und entscheiden – es ist auch schon recht spät und dämmert – hier zu bleiben. Diese Entscheidung wird uns aber auch durch einen Zugang zur Wilden Gutach leicht gemacht. Gabriel nimmt die Herausforderung an und nimmt ein ausgiebiges Bad, wohingegen ich kneife und lediglich zwei Zehen rein halte. Zu Abend gibt es Griesbrei mit Zimt und Zucker. So gegen 23 Uhr beziehen wir unsere Schlafsäcke und schlafen nach einem anstrengenden Tag den Schlaf der Gerechten.


    Der Spitze Stein


    Zuschauer am Wegesrand
    Geändert von LewisTolleni (07.04.2017 um 10:26 Uhr) Grund: Titel geändert

  2. AW: [DE] Schweiß, Schmerz, Schwarzwald: Zweitälersteig August 2016

    #2
    Tag 2, Obersimonswald – Huberfels

    Wir haben uns am Vorabend keinen Wecker gestellt und so haben die Vögel auch beinahe schon ausgezwitschert, bis wir aufstehen. Gabriel, dem heute Nacht offensichtlich ein Loch in den Bauch gewachsen ist, verdrückt zwei Frühstücksportionen Müsli und sorgt damit uneigennützig für weniger Gewicht auf unseren Schultern. Das ist auch gut so, denn irgendwie zwickt und zwackt heute Morgen alles. Zuerst sitzt mein rechter Schuh nicht richtig und piekst mir fies in meinen Spann. Das ist allerdings mehr nervig denn schmerzhaft und nachdem alles im Schuh an seinen richtigen Ort gebracht wurde auch wieder in Ordnung. Als wir allerdings entlang der Gutach auf Feldwegen laufen sticht es mir immer stärker werdend ins Knie, ich vermute in einer vorsichtigen Selbstdiagnose das Innenband als Übeltäter. Für den Moment nehme ich das ganze aber noch nicht so ernst und notiere die Tatsache, dass bei jeder Tour etwas anderes wehtut als großen Pluspunkt in der Kategorie Abwechslungsreichtum






    Der Wasseramselweg, wo wir leider keine selbige sehen, führt uns durch Felder und Wiesen nach Simonswald. Dort geht es für uns primär darum, unsere Vorräte aufzufüllen, da wir diese so gepackt haben, dass es für unseren ersten Wandertag und das Frühstück reicht.


    Weit und breit keine Wasseramsel

    Wir folgen dem Zweitälersteig, der erstmal weiter an der Wilden Gutach entlang führt und treffen dort ein Rentner-Ehepärchen, das, als es merkt, dass wir sie nach dem Weg fragen wollen, schon im Begriff ist, zu entgegnen, dass es gar nicht von hier ist, als es allerdings das Wort Supermarkt hört, uns doch den richtigen Weg zeigen kann. Glück gehabt. Wir folgen der Beschreibung in den Ort. Jeder Schritt schmerzt. Im Supermarkt besorgen wir uns für das Frühstück Müsli und für das Abendessen Spätzle, Käse und – aufgrund des wohl unschlagbaren Verhältnisses von Geschmack zu Gewicht – Röstzwiebeln. Ambitionierte Hobbyköche ahnen, dass am Abend Käsespätzle zubereitet werden. Schmackofatz! Beim Verlassen entdecken wir eine Kiste mit alten Bananen am Eingang, die verschenkt werden und greifen großzügig zu. Insgesamt zwölf gelb-braune Affenbifi finden den Weg in unseren Rucksack

    Bevor wir Simonswald verlassen schießen wir noch Fotos an der authentic Black Forest cockoo clock. Wir passieren den Friedhof und werden zügig wieder bergauf geführt mit stetigem Blick auf Simonswald.


    Das Aufwärmprogramm vor dem Aufstieg zum Hörnleberg



    Nächste Station: Hörnleberg! Auf dem Weg dorthin stehen am Wegesrand zahlreiche Bildstöcke Spalier. Doch auch sie lenken nicht ausreichend vom sehr steilen Aufstieg ab. Mit jedem Schritt, mit jedem Höhenmeter, mit jedem Schweißtropfen der aus unseren Poren quillt sind wir uns sicher, dass sich hier bei der Namensgebung jemand gewaltig geirrt haben muss. Dies kann kein Hörnleberg sein, es ist definitiv ein Hornberg Trotz aller Anstrengung macht der Aufstieg auch Spaß, die Knieschmerzen sind wie weggeblasen.

    Oben herrscht reges Treiben. Es sind viele TagesausflüglerInnen hier und ein paar Männer schleifen die dortigen Bänke und streichen sie neu. All das kann uns nicht daran hindern, die Aussicht ins Elztal zu genießen, während wir Bananenenergie tanken. Wir wollen gerade aufbrechen, als Gabriel beim Versuch, mich zu treffen, wildfremde Menschen mit Bananenschalen abschmeißt Classic Gabriel, jetzt aber schnell weg hier!


    Auf dem Hörnleberg





    Im stetigen Auf und Ab geht es im Wald und auf kleinen, schönen Pfaden weiter bis zum Braunhörnle. Noch so ein Hörnle Aber alles halb so wild. Wir genießen gerade die Aussicht, als zwei Männer mit riesigen Taschen auf dem Rücken dazustoßen. Wir vermuten darin Gleitschirme, sind uns aber nicht sicher. Sie erkundigen sich nach unserem körperlichen Wohlbefinden. „Ja ganz gut geht’s, anstrengend, aber Spaß macht’s!“ Und danach, ob wir gestern noch den Grillplatz erreicht haben. Häh?! Die nächsten Kilometer dreht sich unsere Unterhaltung ausschließlich darum, wo wir diese Männer vorher getroffen haben könnten und woher sie von unserem Vorhaben, am Grillplatz zu schlafen, wissen. Als wir Heiliggeistloch erreichen sind wir immer noch nicht schlauer; wir kommen einfach nicht drauf, wo wir diese beiden Herren bereits getroffen haben könnten, auch wenn wir den gestrigen Tag vor unseren Augen Revue passieren lassen. Entweder die schöne Natur zieht unsere gesamte Aufmerksamkeit auf sich, oder aber sämtliches Blut wird in unseren Beinen gebraucht, sodass nichts für unsere scharf überlegenden Hirnhälften übrig bleibt. Oder beides.



    Wir machen eine kurze Essenspause mit schönem Ausblick in die Ebene. Gabriel checkt noch einmal die Zugverbindungen für Donnerstag und tastet sich ganz langsam fragend vorwärts, ob es vielleicht auch machbar sei, eine Verbindung früher um 13 Uhr anzustreben. Klaro, ist es – aber nur, wenn sämtlich Pausen ab nun gestrichen werden


    Hach, der Schwarzwald




    Also geht es flugs weiter auf Straßen und breiten Forstwegen im Wald und als Konsequenz unserer unglaublichen Geschwindigkeit stehen wir bald abermals vor einer Wegsperrung durch Forstarbeiten. Dieses Mal ist allerdings keine Umleitung ausgezeichnet. Es ist bereits 17:30 Uhr und wir sind unsicher, ob da schon Feierabend gemacht wird (also in der Uni wäre nun sicher noch nicht Schluss ). Wir lauschen. Nichts zu hören. Wir lauschen weiter. Die Luft scheint rein zu sein. Tatsächlich stehen die schweren Maschinen still und es sieht so aus, als ob alles mit dem Gong stehen und liegen gelassen wurde. Je näher wir uns dem Gschasifelsen nähern, desto schöner und verwurzelter werden wieder die Wege. Wir genießen kurz die Aussicht von dort, ziehen aber recht schnell weiter und gönnen dem gerade angekommenen Mountainbiker die hart erarbeitete Einsamkeit.




    Ein paar Kilometer gehen noch


    Von nun an geht es bergab, zuweilen auch sehr steil bis hin zur Kapfhütte. Auch hier eröffnet sich uns ein toller Weitblick. Dort ist auch ein anderer Wanderer bereits, der die Nacht hier verbringen möchte. Der Platz ist wirklich einladend und es gibt auch die Möglichkeit, ein Feuer zu machen. Dazu fließend Wasser, ein trockenes Dach über dem Kopf. Insgesamt wirklich schön, aber leider nicht für uns heute Abend. Wir wollen noch weiter kommen und müssen uns bei einsetzender Dämmerung beeilen. Am spärlich sprudelnden Brunnen fülle ich zuerst meine kompletten Wasservorräte auf, damit ich schon einmal vorlaufen kann, während Gabriel seine Flaschen auffüllt. Ich weiß nicht, woher der Junge seine ganze Energie nimmt, nach zwanzig Minuten hat er mich wieder kassiert. Mittlerweile nutze ich seine Trekkingstöcke um mein wieder schmerzendes Knie zu entlasten.


    Ausblick von der Kapfhütte

    Wir überqueren im Tal die Elz, laufen ganz kurz entlang einer Straße bevor wir links einbiegen und uns wieder aufwärts wandernd dem Nachtlager entgegen bewegen. Noch 2,5 Kilometer sollen es sein. Von meiner Westweg-Wanderung weiß ich, dass es kurz vor dem Huberfelsen Bänke gibt und die Möglichkeit, sich gemütlich hinzulegen. Unser Blick geht immer wieder zurück, wo gerade die blutrote Sonne hinter den Gipfeln verschwindet. Wir hingegen verschwinden im Wald. Er verschlingt uns geradezu in seiner Dunkelheit und leitet uns ein letztes Mal schweißtreibend auf schönen Pfaden aufwärts. Ich muss beißen, doch irgendwann stoßen wir dann tatsächlich auf den ersehnten Forstweg, der uns in einer Minute zum Huberfelsen bringt. Wir schmeißen unsere Rucksäcke ins Gras und besteigen zum Abschluss des Tages auch noch den Huberfelsen. Nach der ganzen Anstrengung und den immer wieder weiter nach vorne gesetzten Zielen ist es ein ganz schön berauschendes Gefühl, nun hier oben zu stehen. Selbst der Mond scheint heute unsere Leistung zu würdigen. Dank demselbigen haben wir auch ausreichend Licht, um unser wohlverdientes Abendessen zuzubereiten. Käsespätzle à la asketica. Wasser kochen, Spätzle rein, eine Prise Salz hinzufügen und sobald die Spätzle gar sind den Käse hinzugeben. Für den Moment fühlen wir uns wie Gott in Frankreich. Da die erste Portion einfach zu lächerlich ist machen wir uns gleich noch eine zweite. Glücklich und satt fallen wir in unsere Schlafsäcke.

  3. Anfänger im Forum
    Avatar von Schredder
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    AW: [DE] Schweiß, Schmerz, Schwarzwald: Zweitälersteig August 2016

    #3
    Hi,

    schöner Bericht der Lust auf mehr macht außer natürlich die Sache mit dem Knie.Meine Vorfreude auf den Schwarzwald wächst. Im Mai hab ich mir nämlich den Westweg vorgenommen.
    Also bitte weiter schreiben.

    LG
    Frank
    Nur zu Fuß kann ich bewust Perspektiven wechseln

  4. AW: [DE] Schweiß, Schmerz, Schwarzwald: Zweitälersteig August 2016

    #4
    Zitat Zitat von Schredder Beitrag anzeigen
    Hi,

    schöner Bericht der Lust auf mehr macht außer natürlich die Sache mit dem Knie.Meine Vorfreude auf den Schwarzwald wächst. Im Mai hab ich mir nämlich den Westweg vorgenommen.
    Also bitte weiter schreiben.

    LG
    Frank
    Vielen Dank! Das mit den Knieschmerzen war ärgerlich, aber ich konnte mich druchbeißen und sie haben schlussendlich auch nicht die Tour vermiest.

    Auf dem Westweg war ich letztes Jahr auch im Mai unterwegs und es war wirklich spitze. Wünsche dir dort eine gute Zeit! Bis dort sollte ich auch mit diesem Bericht fertig sein, deshalb nun...


    Tag 3, Huberfels bis Tännlebühl

    Heute Morgen sind wir um einiges früher wach als gestern. Es ist noch taufrisch und von der Sonne ist noch nicht viel zu sehen. Wir richten gemütlich unsere Rucksäcke und frühstücken Müsli mit Bananen. Meinem linken Knie geht es wieder besser als am Vorabend, allerdings merke ich es trotzdem noch bei jedem zweiten Schritt. Das sollte sich dann auch die komplette Wanderung über nicht mehr ändern. Die ersten hundert Meter auf Forstweg gestalten sich als gemütlicher Start in den Tag. Uns nähert sich ein Windrad, das ich bereits auf meiner Westwegwanderung im Mai passiert habe, damals aber noch ohne Flügel. Die Spuren, die durch den Bau entstanden sind, sind unübersehbar. Gabriel liest sich die Informationstafeln durch, während ich langsam bergauf weiterlaufe.


    Sozusagen unser Himmelbett


    Drei Fernwanderwege auf einem Weg


    Hier wurde geschafft


    Bevor wir links abbiegen und den Westweg wieder verlassen, schließt Gabriel wieder auf. Wir folgen dem Weg auf einer mit Farnen gesäumten Ebene, was diesem Morgen etwas Mystisches verleiht. Kurz vor dem Pfauenfelsen sehen wir in der Ferne uns einen Wanderer entgegenkommen und zu unserer Verwunderung ist es die Bekanntschaft vom vorigen Abend. Er hat offensichtlich einen anderen Weg eingeschlagen, um sich in Oberprechtal ein Frühstück zu besorgen, wovon für uns leider nichts mehr übrig ist.




    Auf der Jagd nach der schönsten Aussicht


    Beim Pfauenfelsen

    Den restlichen Weg vom Pfauenfelsen, einer kleinen Felsformation, auf Forstwegen zum Landwassereck vertreiben wir uns mit Zahlenspielen à la ‚Ich packe meinen Koffer’ und dem deutschen Städte-Alphabet, wobei wir allein anderthalb Kilometer mit dem Aufzählen von Städten mit ‚B’ verbringen. Wir überqueren eine Straße und machen nach insgesamt neun Kilometern eine erste Pause an einer Weide. Nach unserer Rechnung sind wir gut in der Zeit, haben heute aber auch noch einiges an Wegstrecke vor uns. Wir sollten mindestens bis zu Kreuzmoos kommen, das wären ungefähr 16 Kilometer an unserem letzten Tag und somit machbar bis zur Mittagszeit. Allerdings wäre es auch nicht schlecht, etwas weiter zu kommen. Nach dieser Pause tauschen wir aus einer Laune heraus den Rucksack und die ersten Meter fühlen sich angenehm anders an, wir wollen dann aber recht schnell beide wieder das gewohnte Gefühl am Rücken haben. Es läuft sich heute recht angenehm und schnell, ohne dass es entlang der Wege oder auf diesen selbst irgendwie spektakulär wäre.


    Rasenmähen für Fortgeschritte


    Angenehme und abwechslungsreiche Wege



    Unerwartet passieren wir einen Brunnen und können dort unseren Durst stillen sowie einen Vorrat anlegen mit frischem Quellwasser für den Rest des Tages. Das zusätzliche Gewicht spüren wir, insbesondere, da es jetzt kurz vor unserer geplanten Mittagspause nochmal steil bergauf durch Wald geht. Wir überholen eine Familie, die mit ihrem Auto irgendwo im Wald geparkt hat und wohl das selbe Ziel zu haben scheint, wie wir: das Schwarzwaldstüble, wo die vierte Etappe des Zweitälersteigs offiziell endet. Wir setzen uns auf die sonnengeflutete Terrasse, von der wir unter anderem in der Ferne auch den Hörnleberg mit Wallfahrtskapelle erkennen können und geben eine Bestellung mit zwei Flammkuchen auf. Ein Paar mittleren Alters am Nebentisch ist sehr interessiert an unserem Vorhaben und quetscht uns geradezu aus. Mit unserer Karte als Orientierungshilfe verfolgen sie unseren bisherigen Weg und kommentieren unsere Erzählungen anerkennend mit „Ja leck mich doch am Arsch!“. Mir wird bewusst, was wir mit bisher 83 Kilometern seit unserem Start vor zwei Tagen geleistet haben. Genüsslich knuspern wir unsere Flammkuchen weg und machen uns anschließend an die letzten 23 Kilometer, die die letzte Etappe nach Waldkirch bereithält.






    Wir tangieren den Ortenaukreis, biegen aber in einen Feld- und Waldweg ein, auf dem uns immer wieder andere WanderInnen entgegenkommen. Zwei davon sind ziemlich belustigt an uns und meinen, dass Gabriel von der Ferne so aussehe, als ob er ein Engel sei mit seiner Isomatte auf dem Rucksack gespannt als Flügel. Erzengel, so viel Korrektheit muss sein, entgegnet er trocken. Wir passieren die Schutterquelle. Gabriel schlägt vor, Monopoly zu spielen. Was ich für einen kleinen Scherz halte zuerst stellt sich als ernsthafter Vorschlag heraus und keine zehn Minuten später haben wir alle Preis- und Mietmechanismen geklärt und ich ziehe mit meiner Kanone vorwärts und kaufe die Chausseestraße. Das Spielen aus dem Kopf stellt sich als ziemlich fordernd heraus und nötigt mir sämtliche Konzentration ab. Ich bekomme kaum mit, wie neben uns goldene Felder und Wälder vorbeiziehen und nach einem unangenehmen Teilstück auf Straßen erst erwache ich aus meiner Trance am Schillingerberg. Gerade rechtzeitig habe ich das Spiel verloren, um hier meinen ganzen Fokus auf den Sonnenuntergang auf der Panoramabank mit Blick ins Tal liegend verfolgen zu können. Seit unserer letzten Pause sind einige Kilometer ins Land gezogen und bei Spaß und Spiel haben wir auch die Zeit aus den Augen verloren.










    Es ist langsam an der Zeit, sich über unseren heutigen Schlafplatz Gedanken zu machen. Wir einigen uns, die nächste Möglichkeit beim Schopf zu packen. Was in der Theorie recht simpel klingt, stellt sich dann aber schwerer als gedacht heraus. Es ist zwar nicht super besiedelt hier, allerdings sind wir überall in Sichtweite oder aber es ist zu abschüssig, um sich hinzulegen. Wir müssen also erstmal weiterlaufen. Die untergehende Sonne wird zunehmend blutroter und droht bald hinter den Vogesen zu verschwinden, ohne dass wir einen Platz zum schlafen gefunden hätten. Wir laufen nun auf einem Kammweg, links sehen wir alte Schwarzwälder Bauernhöfe, rechts das Rheintal und Vogesen. Aus der Ferne sehen wir einen BMX-Fahrer der vor diesem Szenario von sich ein paar Fotos schießen lässt. Hier, unter der Eiche und im Schatten eines Windrads, schlagen wir unser letztes Lager auf, ansonsten würden wir, wenn wir noch weiterlaufen würden, heute Abend noch in Waldkirch ankommen. Im Fall der Fälle könnten wir von hier auch schnell einen Unterstand- oder schlupf suchen, doch alle Wolkentürme, die sich in der Ferne aufbauen und die wir aus sicherer Entfernung beobachten können, machen einen großen Bogen um uns. Vielleicht riecht unser Käse nach zwei Tagen im Rucksack einfach zu streng. Oder wir. Im Mondschein kratzen wir die letzten Käsespätzle aus dem Topf und machen uns bettfertig.


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    Avatar von Dogmann
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    AW: [DE] Schweiß, Schmerz, Schwarzwald: Zweitälersteig August 2016

    #5
    Westweg, schöne Tour, schön geschrieben.
    Erinnerungen werden wach , lang ist es her! Ehrlich gesagt, ganz schöne Quälerei, auf und ab
    Aber die Landschaft ist schon sehenswert.
    Richtig wohl fühle ich mich nur draußen !

  6. AW: [DE] Schweiß, Schmerz, Schwarzwald: Zweitälersteig August 2016

    #6
    Tag 4, Tännlebühl – Waldkirch


    Während über dem Rheintal noch Nebel hängt...


    ...geht über dem Schwarzwald die Sonne auf

    Mit der aufgehenden Sonne bewegen wir uns aus der Horizontalen in die Vertikale. Nach ein paar kleinen Happen zum Frühstück machen wir uns auf, um die letzten zehn Kilometer bis zum Ende des Zweitälersteigs zu laufen. Neben ein paar Holzfällern direkt nach der ersten Kurve begegnen uns heute keine Menschen mehr auf dem Weg. Dieser führt uns meist auf Forstwegen und Pfaden in einem sanften auf und ab gen Endstation. Noch ein letztes Mal können wir einen weitschweifenden Blick ins Tal ergattern, bevor uns wieder der Wald verschluckt.


    Ein Bett im Kornfeld wäre auch frei gewesen




    Von nun an geht es nur noch durch Wald

    Nach etwa 5km beschließen wir, bei der nächsten Bank in der Sonne eine kurze Pause einzulegen. Doch eine solche sollen wir auf unserem Weg nicht mehr finden und so erreichen wir gegen 11 Uhr die über Waldkirch thronende Kastelburg. Diese erkunden wir - natürlich ohne Rucksack auf dem Rücken - und besteigen auch den Bergfried, von dem mir dann der holde Burgherr Gabriel herunterwinkt, als ich gerade wieder bei unseren abgelegten Rucksäcken ankomme. Die letzten paar Meter abwärts werden wir begleitet von Rittergeschichten am Wegesrand. Geschafft! :-)


    Die Kastelburg

    Am Bahnhof angelangt wollen wir gleich unsere Fahrkarten kaufen, damit da nachher nichts mehr schiefgeht, doch unsere Suche nach einem Automaten bleibt erfolglos. Im glücklicherweise geöffneten Reisebüro im Bahnhofsgebäude wird auf unsere Frage, ob es denn keine Automaten gebe, leicht dünnhäutig reagiert und erklärt, dass es so was hier nicht gebe Kartenzahlung gebe es zwar, ist aber nicht so gerne gesehen. In Waldkirch ticken die Kuckucksuhren eben noch ein wenig anders.

    Wir besuchen eines der uns empfohlenen Cafés an der Hauptstraße und verputzen als Belohnung unserer Mühen jeweils ein ganzes Stück Schwarzwälder Kirschtorte und füllen damit sämtliche verbrannte Fettreserven auf einen Schlag wieder auf. Pünktlich um 13:00 Uhr fährt unser Zug Richtung Freiburg, den ich aber in Denzlingen schon wieder verlassen muss. Ich warte auf dem Bahnsteig und spüre in dem Moment, als ich in meinen Anschlusszug einsteigen möchte, die ersten Regentropfen, als hätten sie auf das Ende unserer Wanderung gewartet.


    Fazit
    Der Zweitälersteig hat uns in schöne Teile des Schwarzwalds geführt. Insgesamt ist er abwechslungsreich und man läuft viel auf Pfaden. Allerdings würde ich ihn wohl besser gegen den Uhrzeigersinn laufen. Die anstrengendsten und schönsten Etappen kamen gleich zu Beginn, danach war dann doch ein bisschen die Luft raus.

    Vielen Dank für's Lesen!
    Lewis

  7. AW: [DE] Schweiß, Schmerz, Schwarzwald: Zweitälersteig August 2016

    #7
    Schöner Bericht. Vielen Dank dafür. Klingt genau nach meinem Geschmack!

  8. Erfahren
    Avatar von BDK
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    AW: [DE] Schweiß, Schmerz, Schwarzwald: Zweitälersteig August 2016

    #8
    Sehr schöner Bericht. Werde ich vielleicht diesen Sommer "nachlaufen" und bin nur dank des Threads hier drauf gekommen. Vielen Dank!
    How strange it is to be anything at all.

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