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  1. Erfahren

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    [SE] Des Trepassleden anderer Teil (oder auch: "How not to do it")

    #1
    Mitreisende: Taffinaff
    Wie schon hier berichtet, hatte ich es bei meiner ersten Tour im Kebnekaisemassiv schon bis ins Kaskasavagge geschafft, dann aber die Tour über die drei Pässe abgebrochen. Die Landschaft dort hatte es mir aber so sehr angetan, dass ich den Plan weiterverfolgen wollte, und im Sommer 2016 ergab sich dann die Gelegenheit, wenn auch nur für fünf Tage. Ich hatte überlegt, von Nikkaluokta nach Abisko zu gehen, aber schliesslich wurde es dann eine Route Nikkaluokta - Tarfala - Guobirvaggi - Kaskasavagge - Cievrralahku - STF Kebnekaise - Nikkaluokta.

    Wie man noch sehen wird, war auf dieser kurzen Tour alles dabei, von Unwetter bis Sonnenschein und von grandioser Landschaft bis zu Misshelligkeiten im Schlafsaal. Eine neue Erfahrung war es, mich im Hochgebirge bei richtigem Dreckswetter mal ordentlich zu verlaufen. Richtig dramatisch lebensgefährlich ging es zwar nicht zu, aber die Episode hat wohl trotzdem einen Platz in den Annalen menschlicher Dummheit verdient. (So habe ich denn auch eine Weile darüber gegrübelt, ob diese blamable Geschichte eigentlich veröffentlicht gehört. Letztendlich überzeugte mich dann der Umstand, dass die Beiträge aus der Serie "How not to do it" hier immer die unterhaltsamsten wie auch lehrreichsten sind. Mit solchen Klassikern wie "Diabetiker ohne Insulin in der Wildnis ausgesetzt" und "Sicher kann man diesen Canyon paddeln" will ich mich natürlich nicht messen.)


    Erster Tag, (Stockholm - Kiruna- ) Nikkaluokta - Laddjuvaggi
    7 km

    Los ging es erst einmal in aller Gemütlichkeit von Stockholm. Unterwegs zum Flughafen, genauer gesagt im Pendelzug kurz vor Älvsjö, kam dann eine SMS von Norwegian, der Flug sei eingestellt und man möge beim Kundenservice anrufen. Grossartig! Ich hatte nur fünf Tage Zeit und keinerlei Lust, mich auf später vertrösten zu lassen. So buchte ich in grösster Eile einen Alternativflug bei SAS, was sich als kluge Entscheidung erweisen sollte. Bei Norwegian wollte man mir nämlich hinsichtlich eines Ersatzfluges nicht wirklich weiterhelfen, "frühestens morgen" hiess es, höchstens eine Erstattung des Flugpreises könne man erwägen. In Arlanda angekommen, sah ich dann, dass Norwegian mit einer anderen Nummer, aber genau den selben Zeiten, doch einen Ersatzflug aufgestellt hatte. Ich blieb dann aber bei SAS, und das war auch gut so, denn der Norwegianflieger war dann massiv verspätet und wäre beinah nicht in Kiruna angekommen, weil er wegen Unwetter dort erst einmal Warteschleifen flog, dann nach Gällivare umgeleitet werden sollte, um schliesslich doch noch nach Kiruna zu kommen, aber da waren alle Busse schon weg (ich erfuhr all das vom Busfahrer, der eigentlich noch beim Flughafen hätte vorbeifahren sollen).

    In Kiruna angekommen, gab es erst einmal ein enormes Unwetter, so dass Passagiere und Gepäck schon auf dem Weg vom Flieger zum Terminal pitschnass wurden. Das Publikum des Fluges bestand bestimmt zur Hälfte aus Wanderern, wie man am Gepäck unschwer erkennen konnte. Erstaunlich übrigens, welch monströse Rucksäcke da so herumgetragen werden. Bei Planungen für Unternehmungen mit kleinen Kindern ist mir klargeworden, dass es für solche Ungetüme in der 100-120 Liter-Klasse durchaus Anwendungsbereiche diesseits von Extremtouren gibt, aber sonst? Dass jeder dritte oder vierte Wanderer da oben monatelang autark unterwegs sein sollte, wollte ich irgendwie nicht recht glauben. Selbst hatte ich 12 kg dabei und ärgerte mich nachher, wieder zu viel Proviant mitgenommen zu haben.

    An der Busstation nutzte ich die Umsteigezeit, um zum Intersport zu sprinten und Spiritus zu erwerben, wobei ich aufs Neue richtig nassgeregnet wurde, in dieser Hinsicht eine passende Einstimmung auf die kommenden Tage. Dann ging es mit dem Bus nach Nikkaluokta. Dortselbst schien die Sonne und bis auf ein paar Mücken war alles Friede und Freude. Ich trank einen Kaffee, ging dann los ins Ladjuvaggi und brachte die ersten Kilometer bald hinter mich. Eigentlich hatte ich bei der Brücke nach rechts abbiegen und dann über Cievrralahku Richtung Tarfala gehen wollen, aber ich verpasste die Abzweigung, und es fehlte mir an Geduld zum Zurückgehen. Also weiter Richtung Westen. Beim Bootsanleger erstaunte mich der Anblick eines schicken modernen Restaurantgebäudes samt einiger Sommerhäuser, die letztes Jahr dort noch nicht gewesen waren. Dafür war Lap Dånalds anscheinend geschlossen. Nichts gegen die Sarris, ohne die wäre hier gewiss manches schwieriger, aber das mit dem Restaurant finde ich dann doch übertrieben invasiv. Insofern schade, dass es mit dem Kebnekaise Nationalpark noch immer nix geworden ist (allerdings würde für die Familienunternehmen wohl sowieso eine Sami-Ausnahmeregelung gelten).




    Ein beherzigenswertes Motto



    Das Restaurant am Ende der Welt



    Schlafplatz


    Ein paar Kilometer weiter fand sich dann ein Hügelchen, wo der Wind die Mücken etwas vertrieb und ich schlug dort mein Zelt auf. Erst als es stand, fiel mir die Ameisenautobahn vor der Tür auf, aber das war mir dann auch gleich, und ich kroch nach einem schnellen Nachtmahl in den Schlafsack.
    Geändert von Taffinaff (08.01.2017 um 10:38 Uhr) Grund: Geotag

  2. Erfahren

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    AW: [SE] Des Trepassleden anderer Teil (oder auch: "How not to do it")

    #2
    Zweiter Tag, Laddjuvaggi - Tarfala
    15 km, + 750 m

    Nach einer geruhsamen Nacht erwachte ich bei Sonnenschein, sehr erfreulich. Frühstück, Bad in einem Bächlein, Zelt abbauen, und weiter ging es. Der ausgetretene Weg bis zur Brücke über den Tarfalajokka war bald bewältigt und angesichts des schönen Wetters beschloss ich, direkt nach Tarfala weiterzugehen. Den Weg kannte ich von früher. Da die Landschaft noch genauso aussah, verzichtete ich auch weitgehend aufs Fotografieren. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, dieses Mal die Eishöhle in "Pallins halvjökel" zu besichtigen, die ich beim letzten Besuch aus der Ferne hatte bewundern können. (Ich habe noch nie verstanden, was man sich unter einem "Halbgletscher" eigentlich vorstellen soll... Die schwedischen Geographen nehmen es anscheinend mit ihren Definitionen sehr genau, wenn es um Gletscher oder Nichtgletscher geht, hier: http://www.sonoloco.com/lapland2012/2012l.html kann man mehr über die betrüblichen Folgen lesen.) Wie auch immer, vom Weg aus konnte man erkennen, dass der Eingang zu der Eishöhle anscheinend zugeschneit war, und ich sparte mir den Aufstieg. Weiter ging es über den teils steinigen, teils etwas bewachsenen Weg bis in das Hochtal mit seiner dramatischen Gletscherkulisse. Bei der Hütte angekommen, wurde ich von der Hüttenwirtin freundlich begrüsst. Sogar Schokolade konnte ich dort erwerben, denn diese essentielle Droge ist im dortigen (beim STF geheimgehaltenen) Shop zu finden, der aus einem halben Schrank besteht. Das Zelt fand seinen Platz hinter der Hütte, dann wurde aufgeräumt und gegessen, es gab noch ein paar nette Gespräche in der Küche, dann ging es in die Koje.

    (Die Bilder lassen sich anklicken für grössere Ansicht)



    Unterwegs nach Tarfala



    Schlafplatz




    Dritter Tag, Tarfala - Guobirvaggi - Kaskasavagge
    14 km, +320, -290, +270, -460 m

    Morgens war es kühl und feucht, aber das Wetter verhiess schön zu werden, sodass ich mich nicht lange aufhielt und nach dem Früstück direkt aufbrach. Der Weg führt erst einmal um den See herum und ist halbwegs gangbar, es geht über kleine bis grössere Steine und einige Schneefelder. Nach einer Weile kommt man unten bei der riesigen Seitenmoräne des Kebnepaktegletschers an, und ab da geht es immer auf dem Kamm der Moräne hoch. Sehr steil und etwas rutschig, aber eigentlich nicht schwierig. Die Aussicht ist wunderbar. Oben angekommen, geht es dann links neben den Felsen weiter auf den überschneiten Gletscher. Anfangs liegt viel Schutt und eine richtige Grenze zwischen Moräne und Eis ist nicht auszumachen, aber etwas weiter oben ist dann nur noch Eis links und Fels rechts. Der Rand des Gletschers ist schneebedeckt und etwas beängstigend ist es schon, nur ein paar Schritte neben dem wild zerklüfteten Eis zu gehen, da man ausser seinen eigenen Füssen und Wanderstöcken keine Möglichkeit hat, die Stabilität des Schnees zu beurteilen. (Es wäre dem Anschein nach zwar durchaus möglich, über die Felsen zu klettern, aber da ist es doch arg steil und riskant.) Es waren Fussspuren vorhanden, die etwas weiter hinaus führten, aber ich zog es vor, mich ganz am Rand zu halten. Sonst war der Weg steil, aber nicht weiter schwierig.



    Der Weg geht drüben am Ufer entlang, dann auf der Moräne hoch, dann ein Stück auf dem Gletscher weiter



    Blick zurück


    Am Fuss des Kebnepaktegletschers



    Auf der Moräne





    Am Gletscher entlang

    Oben angekommmen, geht es am "svarta sjön" entlang, wo man sich einige beschwerliche Kraxelei ersparen kann, wenn man auf dem Schneefeld am Ufer geht. Jenseits des Sees geht es noch ein Stückchen weiter bergauf zur Passhöhe. Danach dann weiter gen Westen, wobei der Weg beschwerlicher wird, man geht eigentlich immer nur über mal groben, mal noch gröberen Schutt. Es geht vorbei an dem kleinen Gletschersee des Passglaciären und dann auf Schneefeldern hinab ins Guobirvaggi. Schliesslich kommt man am Seeufer des Guobirjavrrit an. In der Karte ist der weitere Weg am östlichen und nördlichen Ufer angegeben, aber ich fand es einfacher, auf einem grossen Schneefeld auf der Südseite weiterzugehen und dann bei der leichten Furt am Ausfluss des Sees auf die andere Seite zu wechseln. Dort traf ich drei jugendliche Helden, die morgens von Unna Räita losgegangen waren und jetzt ihre Mittagspause mit Schwimmübungen verbrachten. Später sollte ich noch ein Paar treffen, das ebenfalls den Trepassleden nach Süden ging, ansonsten war es aber menschenleer. Der Weg auf den nächsten Pass war steil und steinig, aber eigentlich nicht schwer. Wiederum lohnte es sich, auf Schneefeldern zu gehen, wie eigentlich überall in der Gegend. Das Wetter war immer noch allerbest und ich hielt mich nicht lange mit Pausen auf, um möglichst bei Sonnenschein voranzukommen.



    Am "svarta sjön"



    Blick zurück



    Blick ins Guobirvaggi mit Passglaciären und Drakryggen



    Blick übers Guobirvaggi zum nächsten Pass



    Blick zurück übers Guobirvaggi, der Berg in der Mitte ist der Kebnepakte, links davon geht es nach Tarfala



    Blick zurück vom Pass, der Berg rechts ist der Drakryggen, dahinter die beiden Gipfel des Kebnekaise



    Panorama vom Pass. Von links nach rechts Gaskkasbakti, Kebnepakte mit Passglaciären, Drakryggen mit Kebnekaise dahinter, Duolbanjunnecohkka, Kaskasavagge mit Gaskkasnjunni und Knivkammen



    Abstieg ins Kaskasavagge. Links Knivkammen, rechts Pyramiden, dazwischen liegt der dritte Pass des Trepassleden



    Im Kaskasavagge




    Steine, Steine, Steine... in dem weglosen Gelände war es durchaus nicht einfach voranzukommen. Am mühsamsten dann beim See "1167" unterhalb des Niibbas, wo man ein längeres Stück zwischen Wasser und einem steilen Hang über sehr groben Schutt klettert - das wäre nix für schlechtes Wetter. (Warum der Weg nicht auf der anderen Seite des See verläuft, blieb mir rätselhaft, denn da sah es durchaus weniger steil aus). Danach wurde es dann sukzessiv gangbarer. Etwas weiter auf dem Weg kann man einen Abstecher zu einem Gletschersee machen, zwar muss man erst eine hohe Moräne übersteigen, aber die Aussicht ist es wert. Danach war es dann leicht zu gehen und ich ging noch einige Kilometer das Tal hinunter. Schliesslich zog dann auch schlechteres Wetter auf und es verlangte mich nach einem Nachtlager. Etwas westlich der Brücke fand sich ein schöner Platz und es glückte mir, gerade noch vor dem Regen das Zelt aufzustellen.



    Blick zurück ins Kaskasavagge, links die Moräne neben dem Gletschersee





    Gletschersee





    Nachtlager
    Geändert von Taffinaff (08.01.2017 um 10:10 Uhr)

  3. AW: [SE] Des Trepassleden anderer Teil (oder auch: "How not to do it")

    #3
    Uiih, so schön zu lesen!

    Parallel habe ich dann gleich noch Deinen Bericht von 2014 gelesen und mich bei Deinen Ausrüstungstipps schlau gemacht. Nicht nur lehrreich, sondern auch spannend und unterhaltsam geschrieben!
    Verrätst Du noch, wann genau du unterwegs warst?
    Der 17. und 18. August können es in Kiruna/Tarfala nicht gewesen sein, da war das Wetter anders
    Ich träume ja vom Trepassleden, werde mich da aber lieber nicht langtrauen, bin für das Gelände nicht geeignet...

    Freue mich umso mehr über Deinen Bericht!

  4. Lebt im Forum
    Avatar von Fjaellraev
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    AW: [SE] Des Trepassleden anderer Teil (oder auch: "How not to do it")

    #4
    Zitat Zitat von Blahake Beitrag anzeigen
    Verrätst Du noch, wann genau du unterwegs warst?
    Müsste um den Monatswechsel Juli/August gewesen sein. Es sei denn Taffinaff hat ein falsches Datum auf dem Handy.
    Es gibt kein schlechtes Wetter,
    nur unpassende Kleidung.

  5. AW: [SE] Des Trepassleden anderer Teil (oder auch: "How not to do it")

    #5
    Freue mich auch auf die Berichte, schön, das Kaskasavagge ohne Nebel zu sehen

    Solches Unwetter war in Kiruna und Nikkaluokta am 4.8. und wenn ich mich richtig erinnere auch am... 25.7. oder so.

    MfG, Heiko

  6. Erfahren

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    AW: [SE] Des Trepassleden anderer Teil (oder auch: "How not to do it")

    #6
    Zitat Zitat von Fjaellraev Beitrag anzeigen
    Müsste um den Monatswechsel Juli/August gewesen sein.
    Stimmt, 28.7. bis 1.8. genauer gesagt. (Aber woher weisst Du das?)

    Taffi

  7. Lebt im Forum
    Avatar von Fjaellraev
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    AW: [SE] Des Trepassleden anderer Teil (oder auch: "How not to do it")

    #7
    Zitat Zitat von Taffinaff Beitrag anzeigen
    Aber woher weisst Du das?
    Ich habe hier ein Überwachungsprogramm für alle Handys der ODS-User laufen.
    Nein, Spass beiseite, es ist ganz einfach.
    Jede Digitalkamera, so auch die in deinem iPhone, speichert in den Bildern auch Aufnahmezeitpunkt, Blende, Belichtungszeit etc. Wenn man die Bilder nicht weiter bearbeitet, oder sich entscheidet diese Daten unverändert zu lassen, sind sie im Bild auslesbar.
    Stichwort: Exif-Daten

    Gruss
    Henning
    Es gibt kein schlechtes Wetter,
    nur unpassende Kleidung.

  8. Erfahren

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    AW: [SE] Des Trepassleden anderer Teil (oder auch: "How not to do it")

    #8
    Vierter Tag, Kaskasavagge - Cievrralahku - STF Kebnekaise

    15 km, +500, -800 m

    Morgens um vier erwachte ich und las auf dem Inreach den Wetterbericht, in dem von Regen später am Tag die Rede war. Da konnte ich ja auch gleich aufbrechen? Nach einem kurzen Frühstück packte ich meine Sachen und ging gegen fünf Uhr los. Angesichts der regnerischen Aussichten für die folgenden Tage hatte ich den Alternativplan mit Abisko aufgegeben, es wäre zwar gegangen (ein Tag im Vistasvaggi bis Alesjaure, zweiten Tag bis hinter Abiskojaure, dritten Tag morgens zum Bus nach Kiruna), aber bei Regenwetter verspürte ich dazu keinerlei Lust. Also war der Plan, nach Süden loszugehen und dann entweder über den Pass am Darfalcorru nach Tarfala, oder über Cievrralahku nach Nikkaluokta, das wollte ich nach Wetter entscheiden.

    Es ging zuerst stetig bergauf um die Ausläufer des Kaskasatjåkka herum über etwas mühsames Gelände, teils grasig, doch meist steinig, wobei ich aber recht gut vorankam. Die Landschaft ist ähnlich öde wie im Kaskasavagge, aber einförmiger und weitläufiger. Bei dem kleinen See westlich vom Vardu sah ich aus der Ferne ein Zelt. Einsam und allein wie es da stand, verstärkte es nur den Eindruck von Weite und menschenleerer Ödnis, der sich in dieser Landschaft aufdrängte. Es ging weiter nach Süden in weglosem Terrain, bis dass ich dann auf einige Steinmänner als Wegmarkierungen stiess. Das musste der in der Karte angegebene Weg vom Kaskasavagge zum Pass sein. Besonders deutlich waren die Marken nicht, klein und recht weit auseinander, aber immerhin.



    Bisher konnte mir niemand sagen, wer so etwas macht. Braunbär? (Handgriff zum Grössenvergleich)



    Wetterverschlechterung

    Unterdessen verschlechterte sich das Wetter, es wurde trüb und begann zu nieseln, aber das Gelände war gangbar und ich beschloss, erst einmal dem Pfad zu folgen, der sachte weiter bergauf führte. So allmählich wurde es immer mühsamer, den Weg zu finden, die kleinen Steinmännerchen bei schlechter Sicht und vor einem Hintergrund aus genau den gleichen Steinen zu finden war nicht so einfach, und schliesslich verlor ich dann auch ganz richtig den Weg. Die Karte liess immerhin wenig Zweifel daran, dass man mit Kompass und Höhenmesser weitergehen könnte, um unterhalb des Darfalglaciären zu passieren und dann weiter zum Pass voranzukommen. Schade nur, dass von der Landschaft nichts mehr zu sehen war. Nun ging es allerdings steil bergauf und wieder bergab, all das in rutschigem Schutt, was bald wirklich keinen Spass mehr machte. Trotzdem war ich mir immer noch sicher, ich müsste nur weitergehen und langsam aufsteigen, um den Weg alsbald wiederzufinden. Ärgerlich, dass meine gefühlsmässige Orientierung so gar nicht mit dem Kompass übereinstimmen wollte. Auch die Karte half nicht mehr recht weiter.

    Der verständige Leser hat natürlich längst begriffen, was mir erst hier klar wurde: ich hatte mich verlaufen. Zudem regnete es immer mehr und die Sicht war auch nicht mehr gut, vielleicht noch dreissig Meter Sichtweite. Schön blöd. Was tun? Absteigen und immer schön nach Osten laufen wäre wohl das Gescheiteste gewesen, damit wäre ich ja irgendwann aus den Wolken herausgekommen, bzw. hätte dann auf der Hochebene kampieren und auf besseres Wetter warten können. Dumm nur, das da nix mit absteigen war, es ging hier immer nur auf und ab, und einige der Abhänge waren unerfreulich steil, nichts, was man im Regen gerne begehen wollte. Meinen Weg zurückgehen war auch keine Option, dazu sah all der Schutt nun wirklich zu einförmig aus, da wäre ich wohl nur noch im Kreis gelaufen. Also erstmal Pause, Schokolade und Nachdenken (retrospektiv betrachtet gewiss eine der klügeren Handlungen dieses Tages, das hätte ich mal gerne eine halbe Stunde früher tun können, als es noch eine Chance gab, den Weg wiederzufinden...).

    Hier fiel mir nun auf, dass ich schon seit einer Weile neben dem sachten Regengeplätscher auch das Geräusch eines Baches hörte. Ein paar Schritte weiter durch den Nebel und es zeigte sich der merkwürdige Anblick eines kleinen Gletschersees, vielleicht fünfzig Meter breit, auf dessen anderer Seite die niedrige Kante des Gletschers, und ein oder zwei winzige Eisberge umhertreibend. Der dazugehörige Bach floss denn auch gen Osten. Der Karte nach hätte ich ihm nur folgen müssen, um weiter unten den Weg wiederzufinden - dumm nur, dass er nach ein paar Metern unter einer steilen und hohen Moräne verschwand, deren Übersteigung sich gar nicht aufdrängte. Ich beschloss, mit Hilfe des Kompasses weiter nach Süden zu gehen. Da ging es dann wieder steil auf und ab, und nachdem ich die nächste und übernächste Moräne erstiegen hatte, wurde mir das zu heikel, das Gelände war einfach zu steil und rutschig mit all dem nassen Schutt. Was noch halbwegs in die richtige Richtung führte, war auf dem Kamm der Moräne nach aufwärts zu gehen, dort gab es sogar Fussspuren und einen schwach erkennbaren Pfad. Ermüdend war es trotzdem. Schliesslich stand ich weit oben auf einem hohen und steilen Schutthaufen, an dessen Hängen Schneefelder lagen. Also wieder eine Orientierungspause, bloss dass die Karte eigentlich keine Orienterung hergab. Immerhin verriet mir der Höhenmesser, dass ich noch fünzig Meter unterhalb des Passes sei. Das Beste, was mir dazu einfiel, war, weiter nach Süden voranzukommen und jedenfalls nicht mehr aufzusteigen, um nicht versehentlich auf die falsche Seite des Berges zu geraten. Das bedeutete erst einmal einen Abstieg durch ein steiles Schneefeld und dann weiter durch den Schutt. Endlich wurde es gangbarer und ich folgte weiter der Höhenlinie, bis dass ich dann nach einem langen und mühsamen Weg wieder ein Steinmännchen erblickte. Dieses stand am Fusse eines Schneefeldes, auf dem Fussspuren nach oben führten. So hatte ich nach stundenlanger Verwirrung den Weg zum Pass wiedergefunden.

    Es regnete immer noch, und die Sicht war so schlecht wie zuvor. Bei diesem Wetter schien es mir nicht tunlich, nach Tarfala abzusteigen, ich hatte den Weg von einer Beschreibung in Erinnerung und hatte ihn auch zwei Tage zuvor von unten besichtigt: zu steil und zu geröllig für diese Verhältnisse. Also neuer Beschluss: nach Süden und ins Laddjuvaggi absteigen. Der Weg würde zwar lang und mühselig werden, aber dafür weit weniger steil, und brachte die Aussicht auf eine Sauna und andere Annehmlichkeiten mit sich. Dazu ging es immer der Höhenlinie folgend am Osthang des Darfalcorru entlang und schliesslich wieder dem Kompass nach gen Süden. Diese Strecke war dann lang, aber leichter zu gehen und die Eindrücke lassen sich kurz zusammenfassen: Steine, Steine, Steine, Regen, Regen, Regen. Ab und zu mal ein Schneefeld. Dann wieder Steine, Steine, Steine und Regen, Regen und Regen. Nach Stunden wurde es noch einmal etwas steiler und mühsamer mit etwas Kraxelei in richtig grobem Schutt, aber schliesslich geschah es dann, ganz wundersam: ich trat nach unten aus den Wolken heraus und konnte auf einmal wieder die Landschaft sehen. Sieh da, ich stand hoch oben am Hang und konnte die Aussicht übers Laddjuvaggi bewundern. Dort oberhalb des Waldes ist es übrigens eine wunderschöne Heidelandschaft voller Blaubeeren und erfreulich zu wandern. Nach dem mühevollen Tag im Regenwetter war mir allerdings nicht mehr nach Naturerlebnissen zumute und ich trottete bergab und weiter nach Westen, bis ich am frühen Nachmittag bei Kebnekaise Fjällstation ankam.



    Endlich wieder was zu sehen

    Es gab sogar noch ein Bett, welches ich dankbar für die Nacht buchte, dann ging es erst einmal in die Sauna, und hernach zur Fika im Foyer. (Hier muss leider angemerkt werden, dass die Kanelbullen seit dem Vorjahr einen spektakulären Qualitätsverlust erlitten hatten, bestenfalls noch durchschnittliches Caféniveau, schrecklich!) Es war voll mit eingeregneten Wanderern, man musste schliesslich noch Matratzen in die Konferenzlokale legen, um alle unterzubringen. Mein Bett war in einem Schlafsaal im Obergeschoss im ältesten Teil des Gebäudes, wo alles sehr original nach Anfang des 20. Jahrhunderts aussah. Hübsch, aber schrecklich unbequem, da die Schlafstätten anscheinend nur für Kleinwüchsige ausgelegt waren, sodass ich mich genötigt sah, die Matratze auf den Fussboden zu verlagern. Danach war die Nachtruhe lang und überaus erholsam.



    Die Karte hängt beim STF und zeigt ganz hübsch die Verhältnisse von vor hundert Jahren, v.a. die weit grössere Ausdehnung der Gletscher. U.a. kann man sehen, dass es in Tarfala nicht drei Gletscher gibt, wie oft behauptet, sondern drei (zusammenhängende) grosse und drei kleinere. Von den letzteren ist allerdings heute nicht mehr viel übrig.

    Und nun noch ein paar Kommentare zum Thema Navigation. Retrospektiv und in Betrachtung des Satellitenbildes sehen meine Irrwege am Gletscher etwas übersichtlicher aus:
    https://www.google.se/maps/@67.93564.../data=!3m1!1e3
    Das Bild ist anscheinend von 2008, und die Einzelheiten am Fusse des Gletschers können sich verändert haben, aber aus den wenigen Wegepunkten, die das Inreach registriert hatte, geht hervor, dass ich erst von Nordosten kommend in die Moränen nördich des Gletschersees gelaufen war, dann am Gletschersee vorbei und auf die riesige Seiten-/Endmoräne südlich des Gletschers, deren Kamm ich dann fast bis an ihr oberes Ende folgte, um alsdann nach Süden abzusteigen und unterhalb des Passes wieder auf den Weg zu stossen. Für den weiteren Weg hatte ich dann eine ausreichende Orientierung mithilfe der Karte.

    Meine Navigation bestand aus der 1:100 000 Karte vom Calazo Verlag, Kompass und Höhenmesser. Die beiden Instrumente hatte ich auf früheren Touren erprobt und für ausreichend genau befunden. Über die Karte hatte ich mir vorher wenig Gedanken gemacht, insbesondere wusste ich da noch nicht, dass es mittlerweile das Gebiet auch mit 1:50 000 gibt (ob es auf der 1:15 000 von Calazo mit drauf ist, kann ich gerade nicht nachvollziehen, auf der "Högfjällskartan Kebnekaise" 1:20 000 vom Norsteds Verlag sind Teile der Strecke dabei, aber die hatte ich vorsichtshalber daheim gelassen...), jedenfalls ist die Darstellung bei 1:100 000 bei weitem zu ungenau, um sich kleinräumig zu orientieren. Dann hatte ich den Delorme Inreach dabei, der kraft seines GPS im Grunde zum Navigieren taugt, allerdings in der bei mir vorhandenen, einfacheren Version keine navigationstaugliche Kartendarstellung mitbringt. Die bekommt man in der mitgelieferten App auf dem Mobiltelefon (Earthmate), wo es eine topographische Karte in akzeptabler Auflösung gibt, aber die vor der Tour abzuspeichern hatte ich versäumt, in der irrigen Annahme, ich hätte sie schon. Schliesslich hätte ich auf dem Telefon auch noch Google Maps gehabt, aber auch da hätte man erst einmal die topographische Karte laden müssen, und Mobilnetz gibt es da oben keines. Um in weiteren Laufe der Wanderung z.B. festzustellen, ob ich südlich oder nördlich des Darfalcorrugipfels sei, oder mich weiter südlich von dem steilen Abhang zum Tarfaladalen fernzuhalten, blieb mir nur, die ultragrobe Darstellung in den Apps im Mobiltelefon zur behelfsmässigen Orientierung zu nehmen und mich dann im Übrigen mit Kompass und Höhenmesser mühsamst weiter voranzufummeln. GPS Positionsdaten hätte man evtl auch aus dem Inreach oder aus dem Handy bekommen können, aber die wären gewiss in WGS 84 gewesen und die Calazo Karte benutzt ein System namens Sweref 99, von dem ich noch nie gehört hatte, und vor Ort herauszufinden, wie es sich damit verhält, erschien mir dann doch etwas spekulativ (nachher stellte sich übrigens heraus, dass die Unterschiede in der Praxis völlig irrelevant sind).

    Alles in allem hätte ich es mit irgendeinem GPS, selbst auf dem Handy, weit einfacher gehabt, wenn bloss das Kartenmaterial dabeigewesen wäre. Fazit: Kartenmaterial vorher genau durchsehen, beste mögliche Karte mitnehmen und zwecks Redundanz ein GPS mit hochauflösender topographischer Karte dabeihaben.



    Fünfter - sechster Tag, STF Kebnekaise - Nikkaluokta (- Kiruna - Stockholm)
    17 km, -250 m

    Die Wetterprognose war noch unerfreulicher geworden und ich verspürte wenig Lust, bei Dauerregen im Gebirge herumzuhocken. Glücklicherweise liess sich der Rückflug um einen Tag verlegen, sodass ich den heutigen Tag gemütlich mit dem Weg nach Kiruna verbringen konnte. Darüber gibt es eigentlich nicht mehr so viel zu berichten. Der bekannte und ausgetretene Weg nach Nikkaluokta war schnell erwandert, so dass ich mit reichlich Zeit dort ankam und die Gelegenheit zum Kaffetrinken und Lesen nutzen konnte. Dann kam der Nachmittagsbus und spuckte Dutzende von internationalen Wanderern aus. Auch hier konnte man wieder etliche Vertreter der Ultraheavy-Fraktion bestaunen, die sich mit Expeditionsrucksäcken, stählernem Kochgeschirr, Äxten, australischen Lederhüten und fabrikneuen Outdoorklamotten (natürlich der Preisklasse Klättermusen und aufwärts) bewaffnet hatten, um sich den Herausforderungen des Ladjuvaggitrails zu stellen.



    Tschüss, fjäll

    In Kiruna wanderte ich zum Hostel Malmfältens Folkhögskola und bekam dort noch den Tip, zum Abendessen Arctic Thai & Grill zu probieren. Dort gab es keine Touristen, aber ein sehr geniessbares Thaiessen, womit meine Liste der besuchenswerten Lokale in Kiruna um hundert Prozent wuchs. Das andere ist natürlich das Cafe Safari, wo es wirklich sehr leckeren Kaffee gibt, und auch die Backwaren dort sind empfehlenswert. Dortselbst verbrachte ich dann den verregneten Vormittag des nächsten Tages. Später ging es dann mit dem Flieger nach Stockholm zurück, womit dann eine streckenweise aufregende Tour in routinemässiger Ereignislosigkeit endete.

  9. AW: [SE] Des Trepassleden anderer Teil (oder auch: "How not to do it")

    #9
    Nee, oder? Ich war wenige Wochen später in der selben Ecke aus der anderen Richtung unterwegs. (Bericht ist in Arbeit...) Und nach dem Pass von Tarfala kommend, östlich vom Darfalglaciaren in Richtung Vardu, war so eine Nebelsuppe, dass ich mich zum ersten Mal in meinem bisherigen Wanderleben genötigt sah, mein Navi nach dem Weg zu fragen. Sonst wäre es mir genauso ergangen wie Dir!
    Wahrscheinlich waren da dieses Jahr kleine missgünstige Nebeltrolle unterwegs, die Wanderer in die Irre führen wollten...

  10. AW: [SE] Des Trepassleden anderer Teil (oder auch: "How not to do it")

    #10
    Wahrscheinlich... ich habe vom 31.7. bis 2.8. im Kaskasavagge relativ weit oben am Pass im Nebel auf besseres Wetter gewartet - wollte nach der Geröllrennerei wenigstens ein bisschen was sehen. War aber nix :-/

    MfG, Heiko

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    Avatar von Mortias
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    AW: [SE] Des Trepassleden anderer Teil (oder auch: "How not to do it")

    #11
    Interessanter Bericht. Den Trepassleden bin ich auch mal gelaufen und denke gerne an die schöne Hochgebirgslandschaft zurück. Somit schön durch Deinen Bericht hier wieder daran erinnern zu werden. Das mit dem Verirren im Nebel ist ein "Klassiker" der mir auch schon paar Mal wiederfahren ist. Lustig ist sowas allemale nicht. Ich weiß wie ätzend es ist nicht mehr zu wissen wo man auf einmal ist und sich komplett hilflos und orientierungslos zu fühlen. In dem Sinne hast Du sehr vernünftig gehandelt. Und auch die Entscheidung ins Laddjuvaggi abzusteigen erscheint mir sinnvoll. Der Abstieg nach Tarfala wäre sicherlich nicht ganz unkritisch gewesen. Vor allem wenn Du, bedingt durch den Nebel, die eigentliche Route verloren hättest und beispielsweise beim Kekkonen-toppen abgestiegen wärest wo es ja nochmal ne deutliche spur steiler ist. Sowas kann im Nebel leider doch schnell passieren und dann ärgert man sich. In dem Sinne schön zu lesen, dass Du es geschafft hast und wieder wohlbehalten angekommen bist um davon zu berichten.

  12. Erfahren

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    AW: [SE] Des Trepassleden anderer Teil (oder auch: "How not to do it")

    #12
    Zitat Zitat von Mortias Beitrag anzeigen
    Das mit dem Verirren im Nebel ist ein "Klassiker" der mir auch schon paar Mal wiederfahren ist. Lustig ist sowas allemale nicht. Ich weiß wie ätzend es ist nicht mehr zu wissen wo man auf einmal ist und sich komplett hilflos und orientierungslos zu fühlen. In dem Sinne hast Du sehr vernünftig gehandelt. Und auch die Entscheidung ins Laddjuvaggi abzusteigen erscheint mir sinnvoll. Der Abstieg nach Tarfala wäre sicherlich nicht ganz unkritisch gewesen.
    Ich habe übrigens den Bericht wiedergefunden, aus dem ich meine Kenntnis über den Abstieg nach Tarfala hatte, und da finden sich dann auch noch ein paar Bilder von dem Gletscher mit seinen verdammten Moränen. Erstaunlich, wie harmlos das alles bei Sonnenschein aussieht...

    Taffi

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