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    Avatar von Igelstroem
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    [DE] ›Seitwärts durch den Wald‹: eine Einwanderung

    #1
    Mitreisende: Igelstroem



    Tourverlauf:

    Tag 1 (Do, 23. Juni 2016): Kaulsdorf/Saale – Schutzhütte Siebentälerblick bei Leutenberg (14,0 km)

    Tag 2 (Fr, 24. Juni): Siebentälerblick – Ludwigsstadt (13,1 km)

    [wird ergänzt]



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    Diese Wanderung beginnt an einem sonnigen, unmäßig heißen Junitag in Kaulsdorf, das sich irgendwie durch seine geografische Lage auf der Nordseite des Wandergebiets und durch seine verkehrstechnische Erreichbarkeit als Startpunkt qualifiziert hat. Von hier geht es nach Süden, über ein von Thüringern bewohntes Gebirge, durch einen von Franken bewohnten Wald, in ein anderes Flusstal, dort wieder auf einen Berg, den schon die Kelten bewohnt haben, als es noch keine Franken gab – und so weiter, gewissermaßen einem Lied folgend, dem das Titelzitat ›Seitwärts durch den Wald‹ entnommen ist.

    Das Land ist ein Gottesgarten, in dem räudige Schäflein mit leichter Hand ihr Zelt auf frisch gemähten Wiesen aufschlagen und sich von Bratwürsten und Bier und Apfelschorle ernähren, sofern nicht der ›Einsiedelmann‹, von dem im Lied die Rede ist, gerade bei der ›schönen Schnitterin‹ steht und sich mit ihr über Motorsensen unterhält. Dann nämlich ist die Schankwirtschaft geschlossen, man winkt ihm vergeblich und muss sich auf den Friedhof schleichen, wo anstelle der schönen Schnitterin der Kirchenvorstand dem durstigen Wanderer entgegentritt, ihn vom Diebstahle aus dem Wasserhahn abzuhalten. »Machen Sie das öfter?« Na klar: ›Die Pforten brech ich ein und trinke, was ich finde. Oh heilge Frau von Großgeschwenda, verzeih mir Durst und Sünde.‹

    Nur dass eben Großgeschwenda noch in Thüringen liegt, wo das besagte Lied gar keine Gültigkeit hat und nichts entschuldigt.


    Versuche, einen geordneten Bericht zu schreiben, Igelstroem, auch wenn der vorige noch nicht fertig ist. Fasse Dich kurz, stilisiere nichts oder nicht alles. Predige subtil oder gar nicht. Schreib ein Protokoll oder lass es wenigstens so klingen. Oder noch besser: Schreib nur das Wichtige auf, statt den Weg Kilometer für Kilometer zu beschreiben. Es genügt doch, wenn Du selbst beim Wandern müde geworden bist.






    <1>
    Sonnig und unmäßig heiß also; mittags suche ich den Weg aus dem Dorf hinaus, an diesem kleinen Fachwerkschloss vorbei, das jetzt ein großes Eigenheim ist. Weiter am letzten Haus ist jemand draußen und ich frage nach Auffüllung der Wasserflaschen, jetzt schon, weil ich auch im Zug schon viel getrunken habe. Ich erkläre beiläufig meinen Plan, so vage er einstweilen ist; das würde ich immer tun, so kommt man eben ins Gespräch. Anfangs- und Endpunkt liegen fest, auch der Abreisetag, aber mit mehr Zeit als nötig für die Strecke, weil ich die Gegend nicht kenne und ein bisschen ungeradlinig gehen will, ohne Etappenplanung. »Ach schön.« Und es folgen ein paar Hinweise zu den historischen Valenzen des ehemaligen Grenzgebiets. Das wird sich in anderen Gesprächen wiederholen. Die Grenze, das Sperrgebiet ist immer noch im Bewusstsein, eine den Menschen nachhängende Beklemmung.
    Irgendwo bei Leutenberg will ich eine der auf der Karte verzeichneten Schutzhütten zum Übernachten in Anspruch nehmen oder daneben mein Zelt aufschlagen. Sage ich. Die Reaktion meines Gesprächspartners kommt mit einem gewissen Nachdruck. »Ja, das funktioniert.«
    Auch diese Affirmation wird sich wiederholen, diesseits und jenseits der Grenze. Dass jemand ›draußen‹ schlafen will, scheint nie rechtfertigungsbedürftig, also wird es immer pragmatisch behandelt: ›Da oben auf dem Kamm finden Sie auf jeden Fall einen geeigneten Platz.‹



    Kaulsdorf an der Saale, von oben betrachtet


    <2>
    Während der ganzen Wanderung bewege ich mich in einer Landschaft, in der es kaum Weidewirtschaft zu geben scheint, folglich auch keine Zäune. Hier und da wird Getreide angebaut, ansonsten trifft man immer wieder auf offene Heuwiesen, manchmal akkurat gemäht wie ein Fußballplatz. Der Boden ist allerdings häufig flachgründig. Unter einer dünnen Humusschicht liegt Schiefer und später (ab Kronach) Kalkstein. Die Äcker sind also steinig, und auf den allgegenwärtigen Wiesen ist man erstaunt, dass die Heringe mitunter nur einige Zentimeter tief eindringen und sich verbiegen, wenn man Gewalt anwendet.
    Alles in allem trotzdem gute Bedingungen für das Zelt. Jagdpächter, Eigentümer und Gesetze bleiben abstrakte Widerstände, zumal man außerhalb der Ortschaften und abseits der Premiumwege (Rennsteig und Frankenweg) kaum einen Menschen antrifft, der etwas erlauben, anzweifeln oder untersagen könnte. Ich wähle also meine Plätze unter dem Aspekt der Umgebungsatmosphäre, der Schonung der Vegetation, des Gewitterschutzes, der Morgensonnevermeidung und dergleichen mehr – nicht selten ganz nah am Wanderweg, ohne besondere Rücksicht auf Sichtbarkeit. Sich zu verstecken, würde sich unangemessen anfühlen. Es kommt eh fast nirgends jemand vorbei, und wenn, wird er wahrscheinlich freundlich grüßen.
    Geändert von Igelstroem (06.07.2016 um 01:25 Uhr)
    Lebe Deine Albträume und irre umher

  2. AW: [DE] ›Seitwärts durch den Wald‹: eine Einwanderung

    #2
    Ah, ein neuer Bericht aus der Feder des Forums-Stilisten. Ja, Thüringen ist eine Wanderreise wert. Selbst auf dem Rennsteig ist im Juni meist noch nicht allzu viel los ...

  3. Erfahren

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    AW: [DE] ›Seitwärts durch den Wald‹: eine Einwanderung

    #3
    Igelstroem on the Road again! Einen kurzen Augenblick dachte ich, du redest wirr - aber stattdessen natürlich im Zitat. Wir sind gespannt, wie es dem Wandersmann ergeht...

  4. AW: [DE] ›Seitwärts durch den Wald‹: eine Einwanderung

    #4
    Man bemerkt schnell: Hier entsteht wieder ein Klassiker!

  5. AW: [DE] ›Seitwärts durch den Wald‹: eine Einwanderung

    #5
    Vierzehnheiligen. Das könnte spannend werden. Leute mit Katholizismus pilgern dort hin. Vierzehnheiligen soll gegen allerlei Zipperlein helfen.
    Editiert vom Moderator
    Schmähkritik entfernt

    Bei Nachfragen bitte eine PN an den Moderator senden. Dein Team der
    Geändert von Pfad-Finder (05.07.2016 um 12:44 Uhr)

  6. AW: [DE] ›Seitwärts durch den Wald‹: eine Einwanderung

    #6
    Macht Spaß

  7. Moderator
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    Avatar von Pfad-Finder
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    AW: [DE] ›Seitwärts durch den Wald‹: eine Einwanderung

    #7
    Erstmal wäre Thüringen zu besingen. Am besten in der unnachahmlichen Version von Rainald Grebe (Text/Video).
    Schutzgemeinschaft Grüne Schrankwand - "Wir nehmen nur das Nötigste mit"

  8. Fuchs
    Avatar von blauloke
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    AW: [DE] ›Seitwärts durch den Wald‹: eine Einwanderung

    #8
    Hallo Igelstroem,
    da wir zur selben Zeit in der Gegend unterwegs waren, bin ich gespannt wie es dir ergangen ist und wie dir Thüringen und Franken gefallen haben.


    OT: Mein Bericht braucht noch etwas Zeit bis er fertig ist. (Ich habe abgebrochen, um gleich mal etwas Spannung auf zu bauen )
    Du kannst reisen so weit du willst, dich selber nimmst du immer mit.

  9. Dauerbesucher
    Avatar von Sternenstaub
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    AW: [DE] ›Seitwärts durch den Wald‹: eine Einwanderung

    #9
    auch wenn es vielleicht nicht willkommen ist, - auch ich muss etwas Lob los werden. Spannendes Projekt.

    wobei ich auch etwas Kritik los werden möchte, ich fand nun die Äußerung von Alf durchaus nicht daneben, sie entspricht eher meiner Wahrnehmung.
    Two roads diverged in a wood, and I—
    I took the one less traveled by,
    And that has made all the difference (Robert Frost)

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    Avatar von Igelstroem
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    AW: [DE] ›Seitwärts durch den Wald‹: eine Einwanderung

    #10
    <3>
    Bereits an der ersten Schutzhütte (am Waldrand, nach dem ersten Anstieg) raste ich, um zu essen. Das Brummen der ein- und ausfliegenden Insekten stört mich dabei kaum, und erst nach dieser Mahlzeit schaue ich mich etwas genauer um, ob es vielleicht eine besondere Ursache hat. Und entdecke dabei ein kleines Wespennest, gerade über meinem Kopf. Das ist ein bisschen unbehaglich, aber es zeigt auch, dass die Wespen zu dieser Jahreszeit noch nicht aufdringlich sind und sich für meine Lebensmittel gar nicht interessieren.

    In den nächsten Tagen treffe ich vereinzelt Hornissen, insgesamt wenig Mücken und noch weniger Zecken. Sozial auffällig sind eher die ungewohnt distanzlosen Schwebfliegen, die sich zum Beispiel auf die Armbanduhr setzen und sich unter Umständen mit dem Finger berühren lassen, ohne wegzufliegen. Den Weg ins Innenzelt finden vereinzelte Ohrenkneifer, die sich dann nur mit Mühe wieder hinaussetzen lassen. Aber insgesamt bleibt die wirbellose Fauna eher unaufdringlich, und der mitgeführte chemische Abwehrzauber gegen Mücken und Zecken kommt nur hin und wieder zum Einsatz.



    St.-Hubertus-Klause auf dem Weg nach Leutenberg. Sie war leider geschlossen, aber es gibt einen Brunnen, an dem man seine Wasserflaschen auffüllen kann.



    Leutenberg, von Norden betrachtet


    <4>
    Auf dem Weg von Kaulsdorf nach Leutenberg verzeichnet die Karte des Landesamtes mehrere Schutzhütten, aber man kann in Wirklichkeit nicht erkennen, wo sie genau liegen. Man erinnert sich: In der Epoche der topografischen Karten gab es da ein winziges Quadrat, neben dem ein ›H‹ stand. Später kam bei touristischen Karten ein plakatives rotes Hüttensymbol hinzu, das irgendwo in der Nähe untergebracht wurde. Inzwischen ist das topografische Symbol der Generalisierung zum Opfer gefallen, das irgendwo untergebrachte touristische Symbol ist aber noch da. Dadurch ändert sich der Informationsgehalt der Karte: Man weiß jetzt, dass es eine Hütte irgendwo gibt, aber wo sie genau liegt, scheint irgendwie für unwichtig gehalten zu werden. Tatsächlich stoße ich auch auf offene Unterstände mit Sitzgelegenheit, aber ob das die in der Karte bezeichneten Hütten sind, bleibt unklar.

    Kurz vor Leutenberg bin ich in Versuchung, mein Zelt neben einem solchen Unterstand aufzuschlagen, aber es ist noch ein bisschen zu früh, daher entschließe ich mich, doch noch in den Ort hinunterzugehen. Dort esse ich dann zu Abend, mit Blick auf das Rathaus und, augenscheinlich als einziger Gast, im Dialog mit dem Wirt. Mein Outfit wirft irgendwelche Fragen auf, die spezifisch beantwortet werden wollen, aber im Laufe einer Stunde wird das Gespräch immer freundlicher und inhaltsreicher, erstreckt sich insbesondere auf politische Geschichte und Familiengeschichte, aber auch auf das Gaststättenwesen, den Bevölkerungsrückgang und manches andere, was damit verbunden ist. Ein Gespräch also, wie man es dem Sinne nach auch in Mecklenburg führen kann, sofern man einen Gesprächspartner findet.

    Der Wirt hätte auch ein Zimmer frei, aber er empfiehlt mir stattdessen, zur Schutzhütte ›Siebentälerblick‹ hinaufzusteigen und dort zu schlafen. »Denken Sie noch mal an mich, wenn Sie oben sind.« Das mache ich dann. Allerdings wird der Aufstieg unerwartet schwer, nachdem ich ein Eier-und-Kartoffeln-Gericht gegessen habe. Das mit den Eiern ist immer ein Fehler, wenn man noch eine Anstrengung vor sich hat; der Weg wird mir unglaublich lang, Beine und Rucksack fühlen sich schwer an.
    Aber irgendwann bin ich oben. Die Hütte ist von der Sonne durcherhitzt, so dass ich mich entschließe, etwas abseits, nicht weit vom Hochspannungsmast, mein Zelt aufzuschlagen, während es allmählich dämmert. Die Nacht ist angenehm, bei aufgerolltem Außenzelt auch kühler als erwartet.



    Rathaus



    Scheunenzeile in Leutenberg. Nach einem Stadtbrand mussten die Scheunen am Ortsrand abseits der Wohnbebauung errichtet werden.



    Siebentälerblick: Blick von Süden auf Leutenberg



    Blick auf das Zelt (für geübte Augen)



    Blick nach oben
    Geändert von Igelstroem (06.07.2016 um 01:28 Uhr)
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  11. Dauerbesucher
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    AW: [DE] ›Seitwärts durch den Wald‹: eine Einwanderung

    #11
    Für einen religiösen Menschen könnte jede Wanderung einen religiösen Sinn annehmen, auch wenn sie keine Pilgerreise ist; und umgekehrt könnte ein areligiöser Mensch auf die Idee kommen, der Wanderung auf einem Pilgerweg einen säkularen spirituellen Sinn zu verleihen. Vor Ersterem habe ich unumwunden mehr Respekt als vor Letzterem, aber das spielt für diesen Bericht gar keine Rolle. Der Staffelberg war ein geografisches Ziel für mich, und nach Vierzehnheiligen kam ich zufällig, weshalb auch das Eingangsbild nur ein folkloristisches Ornament ist.
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  12. Moderator
    Alter Hase
    Avatar von ronaldo
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    AW: [DE] ›Seitwärts durch den Wald‹: eine Einwanderung

    #12
    Danke für den gewohnt guten Bericht, los weiter!

    OT: Und nebenbei: Für den Staffelberg/Vierzehnheiligen als Ziel muss man nicht mal einen religiösen/areligiösen Antagonismus herstellen - es ist dort einfach schön und v.a. kulturhistorisch interessant, das reicht völlig.

  13. Alter Hase
    Avatar von Scrat79
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    AW: [DE] ›Seitwärts durch den Wald‹: eine Einwanderung

    #13
    Wow!
    Super klasse geschrieben!
    Ich freu mich drauf, wenns hier weitergeht!
    Der Mensch wurde nicht zum Denken geschaffen.

  14. Dauerbesucher
    Avatar von Igelstroem
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    AW: [DE] ›Seitwärts durch den Wald‹: eine Einwanderung

    #14
    <5>
    Ungefähr um sechs stehe ich auf, während die Sonne aufs Zelt zu scheinen beginnt. Kurzkochreis kochen und aufessen, dann Kaffee kochen im selben Becher. Zelt abbauen. Zwanzig nach sieben bin ich fertig mit allem.
    Gestern Abend in Leutenberg habe ich vergessen, die Wasserflaschen aufzufüllen, deshalb reicht es jetzt nur noch gerade für die Morgenroutine und eine kleine Reserve für die ersten Kilometer bis zur nächsten Ortschaft. Die heißt Großgeschwenda, und dahinter kann man in ein Bachtal hinablaufen, falls man im Ort wider Erwarten kein Wasser bekommt.



    Ausblick aus dem Zelt am frühen Morgen



    Rucksack in der Morgensonne


    Der Zeltplatz liegt auf einem Sporn; wenn man von hier in Richtung Großgeschwenda läuft, geht es nicht bergab, sondern nochmals etwas bergauf, über eine Hochfläche mit Getreidefeldern, die ein bisschen an Mecklenburg erinnert. Die Morgensonne brennt. Links in Sichtweise liegt Roda: nur eine Häusergruppe, zu klein um wegen des Wassers abzubiegen, denn man weiß nicht, ob man dort überhaupt einen Menschen findet. Penetrant ansteigender Weg, eine sogenannte Durststrecke, und ich bin in solchen Momenten meistens froh, dass ich allein unterwegs bin.









    Um acht Uhr bin ich in Großgeschwenda. Es ist eigentlich eine typische Situation: Man läuft durch ein Dorf und hofft darauf, jemanden am Gartenzaun zu treffen, aber man trifft niemanden. Vielleicht fährt ein Auto vorbei, vielleicht sieht man jemanden weit hinten auf einem Grundstück mit einer Schubkarre hantieren, vielleicht huscht jemand gerade vom Hauseingang in die Garage. Ansonsten ist der Raum zwischen den Häusern menschenleer. Nach einem Dreiviertelrundgang durch den Ort bin ich an der Kirche, am Friedhof, und dort finde ich zu meiner Erleichterung tatsächlich einen Wasserhahn, der jetzt dazu einlädt, erst einmal einen Liter Wasser zu trinken.

    Und dann tritt eine Frau mit einer Gießkanne heran und fragt mich, was ich da mache. »Ich trinke Wasser und fülle meine Flaschen auf.« Einstweilen ja nur eine Ankündigung.
    »Na, das ist aber nicht in Ordnung. Ich bin im Kirchenvorstand, wir bezahlen hier den Wasserpreis, und da kann nicht einfach jeder sich etwas nehmen, wie es ihm gerade passt. Machen Sie das öfter?« Ja, mache ich öfter. Ist ja naheliegend, bin ja als Wanderer unterwegs und muss irgendwo Wasser zum Trinken besorgen. »Das ist nicht in Ordnung. Wenn Sie wandern, müssen Sie eben genug mitnehmen. Das machen wir auch so.«
    Ich bin, da diese Szene jeder bisherigen Lebenserfahrung widerspricht, ein bisschen verunsichert, aber jetzt hier ganz zu verzichten, wäre doch zu blöd. »Also ich werde jetzt trotzdem mal meine Flasche auffüllen, bin ja schon ziemlich ausgetrocknet«, sage ich, »und wenn Sie mir sagen, bei wem ich den Preis für einen halben Liter Wasser bezahlen kann, mache ich das gern.« Aber derweil hat sie sich schon zum Gehen gewandt und nölt noch kopfschüttelnd ein bisschen weiter: »Heutzutage ist ja wohl allerhand möglich.«

    So schicken wir uns denn beide in unsere Empörung. Großgeschwenda, Thüringen. Kirchenvorstand. Ich verlasse das Dorf auf dem kürzesten Weg, zwei Hunde bellen hinter mir her, als gäbe es etwas zu bekräftigen. Nach Südwesten führt ein unmarkierter Weg in das Bachtal hinunter, der Bach entspringt sozusagen am Ortsrand. Weiter unten finde ich eine Stelle, wo ich meinen Wasserfilter heraushole, die eine Flasche austrinke und dann zwei Flaschen aus dem Bach auffülle. In jedem Land der Welt, denke ich derweil, in jedem Land der Welt ist es undenkbar. Auch in Deutschland geschieht so etwas nicht. Eigentlich. Nur eben hier.
    Geändert von Igelstroem (07.07.2016 um 02:53 Uhr)
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  15. Moderator
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    AW: [DE] ›Seitwärts durch den Wald‹: eine Einwanderung

    #15

    Post als Moderator
    Die hier vor kurzem noch zu lesende Diskussion, die mit der Befüllung einer Wasserflasche auf einem Friedhof begann und mit dem Einblick in das Weltverständnis so mancher Forumsmitglieder endete, habe ich ins Lagerfeuer verschoben, jedoch vorerst unsichtbar geschaltet.

    Ich weiß noch nicht, was damit geschieht, denn ich schäme mich dafür, so etwas in unserem Forum lesen zu müssen - und sei es nur im nicht öffentlichen Bereich.


    Bei Nachfragen bitte eine PN an den Moderator senden.  Dein Team der
    Sommer ist die Zeit, in der es zu heiß ist, um das zu tun, wozu es im Winter zu kalt war.
    (Mark Twain)

  16. Moderator
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    AW: [DE] ›Seitwärts durch den Wald‹: eine Einwanderung

    #16
    Zitat Zitat von Scrat79 Beitrag anzeigen
    Wieso fängt die Diskussion hier schon wieder an?

    Post als Moderator
    Exakt, deswegen habe ich hier einen Beitrag haben wir hier mehrere Beiträge unsichtbar gemacht. Das Wasserthema ist beerdigt. Alles, was dazu zu sagen war - und noch viel mehr - ist im Lagerfeuer zu finden.

    Edit: Wenn das Wasserthema noch mal von irgendjemanden aufgegriffen wird, gibts Punkte. Das ist hier Igelströms Reiseberichtsfaden.

    Bei Nachfragen bitte eine PN an den Moderator senden.  Dein Team der
    Geändert von Pfad-Finder (15.07.2016 um 14:14 Uhr)
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  17. Dauerbesucher
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    AW: [DE] ›Seitwärts durch den Wald‹: eine Einwanderung

    #17
    <6>
    Heute ist Freitag (24. Juni). Vorgestern war die Wetterprognose für das kommende Wochenende so grauslich, dass ich kurzerhand noch von Berlin aus ein Pensionszimmer in Ludwigsstadt gebucht habe. Für zwei Nächte: mit dem Hintergedanken, dass ich den Sonnabend bei halbwegs annehmbarem Wetter darauf verwenden könnte, einen Ausflug zur Burg Lauenstein zu machen, die auf den Herbstbildern der fleißigen Landschaftsfotografen immer so schön romantisch ausschaut und Bayerns nördlichste Burg ist, auch wenn sie gar nicht in Bayern liegt.

    Heute also nur Ludwigsstadt. Der Weg führt durch den Wald hinunter zur ehemaligen Staatsgrenze, die mir wohl entgangen wäre, wenn sie nicht auf der Karte sichtbar wäre. In der Wirklichkeit verläuft hier (nahe der sanierten Villa Falkenstein) einfach ein Asphaltsträßchen, auf der jetzt ein vereinzelter Radfahrer vorbeieilt, während ich auf einer Bank sitze und versuche, die Grenzsperranlagen gleichsam in Schwarzweiß in diesen Zwischenraum zwischen diesem Wald hier und jenem Wald dort hineinzuprojizieren. Es will nicht ganz gelingen.
    »Die Flüchtlinge sind damals eher über die bewaldeten Bergkämme zur Grenze, weil man ja wusste, dass die Bevölkerung in der Sperrzone jede unbekannte Person den Behörden melden sollte.« Das hat gestern irgendjemand gesagt.

    An einer Frau mit Kopftuch vorbei, die auf der thüringischen Straßenseite mit einigem Getöse eine Wiese mäht, schleiche ich mich in den Freistaat Bayern. Ein Wegweiser zu einer ›Confiserie‹ (einer Pralinenmanufaktur von mindestens regionaler Bedeutung) weist die Marschrichtung in den luxurierenden Kapitalismus.



    Endlich Bayern


    Wegen der Hitze habe ich mich nach wiederholtem Kartenstudium am Vormittag entschieden, den etwas längeren, aber ebenen und als schattig imaginierten Weg parallel zu Bahnstrecke und Bundesstraße zu gehen. An Lauenstein läuft man dabei zunächst vorbei – der Ort liegt am anderen Hang und irgendwie sieht man die Burg von hier aus gar nicht. Egal, das ist ja auf morgen vertagt. Keine Lust auf Anstiege.

    Ungefähr um 13 Uhr erreiche ich das Restaurant Kupferhammer, das vor Ludwigsstadt an der Bundesstraße liegt, und lasse mich dort zum Essen bzw. eigentlich für Apfelschorle und Kaffee auf der Terrasse nieder. Sechs ältere Männer an Tisch 1 versuchen mit zwei jüngeren Frauen an Tisch 2 ins Gespräch zu kommen, während Igelstroem an Tisch 3 Fischfilet mit weißer Soße isst. Die älteren Männer fahren dann einzeln in ihren Autos weg und werden durch Mitarbeiter einer Dachdeckerfirma ersetzt. So viel einstweilen zur Soziologie. Später in der Stadt werde ich noch vor mich hinrätseln, was die älteren Männer betrifft: ›Hast Du schon am Kupferhammer gesehen oder sieht halt bloß so ähnlich aus, verflucht.‹

    Ich rufe vereinbarungsgemäß bei der Pension an, damit jemand da ist, wenn ich komme; dann gehe ich die letzten zwei Kilometer an der Straße entlang, was in der Mittagssonnenhitze kein Vergnügen ist. Ein schmaler Gehweg und ein Gewerbegebiet, das sich in die Länge zieht. Irgendwann bin ich in der Stadt (sie hat nur 3500 Einwohner) und habe dann noch etwas Mühe, die Pension zu finden, obwohl ich eine geografische Vorstellung davon habe, wo sie liegt.

    Nach Bezug des Zimmers und nach dem Duschen lege ich mich aufs Bett und schlafe erst mal ein. Als ich eine Stunde später aufwache, geschieht das mit einem merkwürdigen Erschrecken und einem Anfall von fast panischem Unbehagen. Eigentlich ist das Erwachen aus dem Nachmittagsschlaf ein Anlass, in die Küche zu gehen und für sich und den geschätzten Mitbewohner Kaffee zu kochen, nur ist das hier ja ein ganz anderes Zimmer – und wie bin ich auf die Idee gekommen, jetzt hier zu sein und nicht dort, das ist doch eigentlich ein Fehler, der einen wirklich in Panik versetzen kann?

    Ich brauche ungefähr eine Minute, bis diese Befindlichkeit abgeklungen ist und ich aufstehe, um zum Chillen in die Stadt zu gehen – unter dem Vorwand, dass man sie ja anschauen muss, aber eigentlich geht es mir eher um die weitere Sanierung des Flüssigkeitshaushalts und meine übliche Streetlife-Schaulust, wenn sich denn auf diesen Straßen überhaupt etwas abspielt.



    Gasse mit Bahnviadukt im Hintergrund


    Wohnhaus einer stillgelegten Brauerei. Das ›Brauereisterben‹ in Franken ist ein Thema, das einem unterwegs wiederholt begegnet.


    Der Rundgang bleibt kurz. Am Markt setze ich mich vor das ›Steakhaus‹, sozusagen die einzige Gaststätte mit Blick auf den Marktplatz, und das Steak, das ich dort esse, ist eine fränkische Currywurst, auf Empfehlung der Wirtin. Um ein Kompliment zu machen (auch wenn es eine Ungerechtigkeit gegenüber dem Wirt in Leutenberg beinhaltet), sage ich, das Essen sei ja ›mit Überschreiten der Grenze zu Bayern‹ gleich besser geworden; ein Fauxpas natürlich, aber man lässt es mich nicht spüren.
    Ich habe mich nicht an den langen Tisch, sondern an den Nebentisch gesetzt und vertiefe mich vorsichtshalber in meine Wanderkarte. Deshalb dauert es länger, bis ich dann doch an den langen Tisch gebeten werde und mich für den Rest des Abends in Gespräche mit einheimischen und nichteinheimischen Handwerkern verstricke. Insgesamt bin ich also mehrere Stunden hier. Gleich nebenan wird ein Karussell aufgebaut, denn morgen ist in Ludwigsstadt Marktfest. Das ist nur alle zwei Jahre, im Wechsel mit dem Mittelalterfest auf der Burg Lauenstein.


    <7> Exkurs
    Beim Wandern in der Sommerhitze dieser Tage erweist es sich als Vorteil, dass ich die Route nicht im Detail festgeschrieben hatte und dass die ersten beiden Etappen wegen der Zimmerbuchung in Ludwigsstadt sehr kurz waren. Dann kann man versuchen, einen möglichst schattigen Weg zu wählen. Im Wald ist die Hitze erträglich, aber man muss natürlich den Kopf permanent gegen die Sonne schützen, diesmal mit einer Rollmütze, die aus einem dünnen Schlauchschal konstruiert worden ist. Ich werde sie jetzt nicht abbilden, denn das Tarnmuster spielt ja keine Rolle.
    Im Übrigen bin ich eher langsam unterwegs gewesen und habe im Schatten lange Pausen gemacht; der Durchschnitt liegt dann unter 3 km/h.
    An den Folgetagen haben sich an den Fersen kleine Blasen entwickelt – überraschenderweise, denn Schuhe und Sockenkombination sind ja eigentlich bewährt, und in Mecklenburg hatte ich zuletzt auch auf langen Etappen keine Fußprobleme. Diesmal entsteht die Blase zuerst an der rechten Ferse, und da ich vermute, dass die nicht immer vollkommen gleichmäßige Gewichtstrimmung des Rucksacks dabei eine Rolle spielt, stelle ich für eine Weile einen leichten ›Zug‹ des Rucksacks nach links her, der den linken Fuß dazu zwingt, sozusagen die Führung zu übernehmen. In der Tat wird die rechte Ferse dadurch entlastet, aber nach einer Weile habe ich dann eben je eine Blase an beiden Fersen und verwende im weiteren Verlauf Blasenpflaster, um das unter Kontrolle zu halten. So kommen nach und nach alle Ausrüstungsgegenstände zu ihrem Recht.

    Furchtbar unter der Hitze gelitten habe ich jedenfalls nicht. Mir war bewusst, dass man schon morgens beim Aufbruch für Sonnenschutz sorgen muss, wenn man den Sonnenbrand vermeiden will. Ich beobachte aber, dass ich nach und nach misslaunig werde, wenn ich gezwungen bin, unerwartet lange durch die Sonne zu laufen. Dann sollte wenigstens die Gaststätte in der nächsten Ortschaft nicht auch noch geschlossen sein. Kann man ja wohl verlangen. Nein, kann man nicht verlangen. Eigentlich ist man ja aus dem Nordosten daran gewöhnt, dass es auch ohne Einkehrmöglichkeit gehen muss.

    Der Urin wird üblicherweise dunkelgelb, auch wenn man genug Wasser dabeihat und nicht regelrecht dehydriert ist. Es scheint so, als würde während des Gehens der Magen ein bisschen zu langsam arbeiten, so dass sich der Flüssigkeitsverlust nicht ohne weiteres dadurch ausgleichen lässt, dass man mehr Wasser trinkt. Irgendwann muss man also eine längere Pause machen. Milch trinken hat sich übrigens früher verschiedentlich bewährt, aber das gilt wohl nicht für jeden.



    <8>
    Am nächsten Morgen (Sonnabend) lasse ich mich von meinem Wirt beraten, wie ich zu Fuß zur Burg Lauenstein komme. Wenn man es vermeiden will, an der Bundesstraße entlangzulaufen, muss man größere Umwege in Kauf nehmen. Immerhin hat man zwei solche Umwege zur Auswahl, und deshalb nehme ich den einen für den Hinweg, den anderen für den Rückweg, jeweils neun Kilometer. Der Hinweg führt über Ebersdorf. Das Wetter ist inzwischen etwas instabil, vielleicht gibt es ein Gewitter, vielleicht auch nicht. Tatsächlich grummelt es ein bisschen, während ich Ebersdorf durchquere, und es fallen ein paar Tropfen. Ich suche mir hinter dem Dorf einen Weg, der am steilen Hang entlang durch den Wald führt: bequem und sicher.



    Ludwigsstadt, vom Wanderweg oberhalb des Bahnhofs aus betrachtet


    Ebersdorf


    Die Fußball-EM hinterlässt Spuren in der dörflichen Ästhetik


    Aber das Gewitter verzieht sich ohnehin wieder, und ich erreiche das ausgestorben wirkende Dorf Lauenstein unbehelligt kurz nach Mittag. Auch der Weg hinauf zur Burg findet sich dann irgendwie. Oben angekommen, treffe ich drei andere Touristen, an einem Tisch sitzend und gleichsam Brotzeit haltend. »Lassen Sie mich dreimal raten: Es gibt hier keine Gaststätte.«
    Das stimmt. Es gibt keine Gaststätte mehr, seitdem der Hotelbetrieb vor ein paar Jahren eingestellt worden ist. Das Schloss gehört dem Freistaat Bayern, und Verhandlungen mit einem Investor über einen Umbau zu einem Luxushotel sind neulich gescheitert. Heute Abend wird mir jemand in Ludwigsstadt auf dem Marktfest noch ein paar Details erzählen. Differenzen gab es vor allem über das Ausmaß der Umbauten; unter anderem wollte der Investor einen Fahrstuhl in den Burgberg hineinbauen.

    Ich gehe hinein und bezahle den Eintritt; nächste Führung ist um 13:30 Uhr. Während der Wartezeit fachsimple ich draußen mit einem der Touristen über Wanderausrüstung und die Bundeswehrausrüstung zu seiner Zeit.

    Da sonst niemand da ist, bekomme ich eine Einzelführung durch die Burg. Interessant ist das für mich vor allem deshalb, weil der frühere Privateigentümer Erhard Messmer unter anderem historische Möbel und Alltagsgerätschaften gesammelt hat, die zwar nicht ursprünglich zur Burg gehören, jetzt aber hier ausgestellt sind. Und historische Möbel sind vielleicht die einzige Klasse von Gegenständen, die mich veranlassen könnte, während einer Wandertour ein Museum aufzusuchen. Messmer hat aber zum Beispiel auch Folterinstrumente gesammelt, und während der Führung werde ich gefragt, ob ich die Funktionsweise der einzelnen Instrumente erklärt haben möchte. Nein, möchte ich nicht. Auch die Waffensammlung interessiert mich nicht speziell; stattdessen erfahre ich dann zum Beispiel etwas über die Wohnbedingungen zu einer Zeit, als es noch keine Glasfenster gab.
    Zurzeit ist das ganze Gebäude übrigens nicht beheizbar. Die Gästezimmer sind im 19. und 20. Jahrhundert mit Kachelöfen beheizt worden; die Züge sind aber inzwischen auf Veranlassung der Schlösserverwaltung wohl aus Brandschutzgründen verschlossen worden, und eine andere Heizung existiert eben nicht.

    Von der Burg laufe ich wieder ins Dorf hinunter und frage zum Glück am Fuße des Burgbergs jemanden nach einer Gaststätte. Die Frau ist gerade im Begriff, mit ihrem Kind nach Ludwigsstadt zum Marktfest zu fahren, und sie würde mich auch dorthin mitnehmen, wenn ich nicht zurücklaufen möchte. Ich könne aber auch zum Café Bauer laufen, das liegt allerdings nicht wirklich im Dorf, sondern eigentlich eher auf halber Höhe am Burgberg – man verpasst es, wenn man den Fußweg statt der Straße nimmt. Also steige ich wieder ein bisschen hinauf – die Wegbeschreibung ist diesmal sehr präzise, was ja bei Einheimischen sonst nicht immer der Fall ist – und lasse mich dann auf der Terrasse dieses Cafés nieder, das seinerseits zu jener bereits erwähnten Confiserie gehört, so dass viele Gäste hier zum Pralinenkaufen herkommen. Ich esse Kuchen, trinke Apfelschorle und Kaffee und unterhalte mich schließlich mit einem Ehepaar aus der Coburger Gegend über die üblichen Themen.

    Dann werfe ich einen prüfenden Blick auf den Himmel – es ist ein bisschen schwül, aber noch immer sieht es nicht unbedingt nach Gewitter aus – und mache mich auf den Rückweg. Diesmal auf der anderen Talseite, so dass ich an der Bundesstraße meine gestrige Route quere, dann auf halber Höhe Richtung Fischbachsmühle und von dort nach Thunahof laufe, was bereits ein Ortsteil von Ludwigsstadt ist. Unterwegs begegnet mir ein Mountainbiker, denn es handelt sich um eine markierte Radstrecke. Ansonsten treffe ich niemanden.



    Burgtor


    Hofansicht


    Hinter einem Schrank im Kaminsaal verbirgt sich eine ›geheime‹ Wendeltreppe


    Türen-Design (ursprünglich jeweils dem Muster der Deckenvertäfelung entsprechend)


    Auf dem Rückweg, kurz vor Ludwigsstadt


    <9>
    Am Abend gebe ich mir das Marktfest. Auf einer Bühne dröhnt die Musik vor sich hin, man kann Pizza oder Würstchen oder, nicht sehr fränkisch, sogar Fischbrötchen essen. Ich finde mich am selben Tisch wie gestern ein und setze sozusagen meine Konversation fort, die hier eigentlich einfach ist, weil die Leute nett und letztlich gesprächig sind. Und da die Gegend mehr oder weniger durch mittelständische Wirtschaftsstrukturen geprägt ist, erfahre ich zum Beispiel etwas über die Produktion von Tütensuppenpulver für Großabnehmer und darüber, wie sich die Ansprüche der Verbraucher an die Transparenz der Lebensmittelproduktion mit den Jahren verändert haben.

    Der Marktplatz ist eigentlich voller Menschen; aber als jetzt zwei Jugendliche in der Nähe herumstehen, wird der eine von einer Frau an unserem Tisch gefragt, wer er denn sei und wo er herkomme. Er gibt auch pflichtschuldigst und ohne irgendwelche Verlegenheit Auskunft. Das kommt mir aus westfälischer Sicht ein bisschen seltsam oder sogar unhöflich vor und ich erkundige mich bei meinem Sitznachbarn, wie diese Szene zu verstehen sei. Aber das ist hier eben so: Jemand ist entweder bekannt oder er wird direkt und ohne Umschweife gefragt, wer er ist, das heißt aus welchem Ort und welcher Familie er kommt.

    Im Hinterkopf – in meinem Hinterkopf – gehört es zur Melancholie solcher Situationen (etwa eines solchen Festes, bei dem ich nur als Gast in Erscheinung trete), dass man sich unter all diesen Menschen seine tatsächlichen Gesprächspartner natürlich nicht völlig frei aussuchen kann. Und so geschieht es hier, dass ich im Laufe zweier Abende jemanden, der mit an diesem langen Tisch sitzt, quasi beobachte und mich sogar über ihn erkundige; aber entgegen meiner sonstigen, mühsam genug erworbenen Indiskretionspraxis gelingt es mir diesmal nicht, ein Gespräch mit ihm ›einfach so‹ anzufangen. Am nächsten Morgen verlasse ich Ludwigsstadt mit dem vagen, ›selbstironisch gebrochenen‹ Gefühl, etwas verpasst zu haben, obwohl es ja nur ein Gespräch unbestimmten Inhalts mit einem bloß irgendwie interessanten Menschen gewesen wäre.
    Geändert von Igelstroem (31.07.2016 um 03:06 Uhr)
    Lebe Deine Albträume und irre umher

  18. Moderator
    Alter Hase
    Avatar von ronaldo
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    AW: [DE] ›Seitwärts durch den Wald‹: eine Einwanderung

    #18
    Sehr schön, dass es weitergeht. Wenn auch zu nachtschlafener Zeit...

  19. Fuchs
    Avatar von blauloke
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    AW: [DE] ›Seitwärts durch den Wald‹: eine Einwanderung

    #19
    Die Fortsetzung ist wieder in dem dir eigenem Stil geschrieben und liest sich sehr gut.


    Du hattest also auch Probleme mit Blasen, nur nicht so schlimm wie ich.
    Dann nehme ich an, dass es doch hauptsächlich an der Hitze lag. Nur habe ich vermutlich zu spät reagiert um meine Blasen klein zu halten.
    Du kannst reisen so weit du willst, dich selber nimmst du immer mit.

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    Avatar von Igelstroem
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    AW: [DE] ›Seitwärts durch den Wald‹: eine Einwanderung

    #20
    <10>
    Die für dieses Wochenende versprochenen Unwetter sind ausgefallen, jedenfalls hier in Ludwigsstadt. Abends beim Marktfest hat es für eine halbe Stunde geregnet, das konnte man beim Schwarzbier mühelos aussitzen. Am nächsten Morgen ist das Wetter schön und ein paar Grad kühler als an den Vortagen.

    Nach dem Frühstück in der Pension inspiziere ich meine geschrumpften Lebensmittelvorräte und frage meine Wirtin, ob ich ihr etwas Butter abkaufen kann. Butter gehört zu den tragenden Säulen meines Proviantkonzeptes – eine Metapher, die insoweit an ihre Grenzen stößt, als sich die Kräuterbutter, die ich mitgenommen hatte, bei entsprechenden Temperaturen in eine Art Dip verwandelt und wahrscheinlich froh ist, sich in einer ziemlich auslaufsicheren Dose zu befinden.
    Ich bekomme die Butter jetzt gratis. Zudem werde ich getadelt, dass ich die Butterdose bei meiner Ankunft nicht zur Aufbewahrung im Kühlschrank abgeliefert habe. »Da haben Sie nicht geschaltet.«

    Um halb zehn breche ich auf, nachdem ich entschieden habe, in welche Richtung es zunächst gehen soll: nach Osten und dann dem Grünen Band (d.h. der Zonengrenze) folgend nach Süden, anschließend ein kurzes Stück auf dem Rennsteig, dann Finsterbach- und Kremnitztal.
    Während ich durch Ludwigsstadt laufe, treffe ich an diesem Sonntagmorgen ungefähr sechs Menschen; zwei davon kenne ich aus der Kneipe.
    Eine halbe Stunde nach dem Aufbruch fällt mir ein, dass ich einen Gegenstand im Bad zurückgelassen habe. Einen Gegenstand, den ich gestern gewaschen habe. Nun ja, nun nein, egal.



    Loquitztal bei Ottendorf


    <11>
    Grünes Band bedeutet zunächst verkehrsfreie Asphaltstraße, dann Kolonnenweg, also Betonplatten (1 x 3 Meter) mit Löchern darin (ca. 6 x 20 cm). Kann man machen, würde mich aber als Fernwanderweg nicht reizen. Ich bin also fast ein bisschen froh, als ich ›oben‹ auf dem Rennsteig ankomme, wo man jetzt tatsächlich ein paar Menschen trifft, nämlich eine kleine Gruppe von Mountainbikern und dann insgesamt sechs Wanderer auf zwei Kilometern, Kleinkind im Schiebefahrzeug mitgerechnet.

    Die Zahlen sind für die Statistik: Sechs Wanderer auf zwei Kilometern Rennsteig; später eine Handvoll weitere auf einigen Kilometern Frankenweg in der Nähe von Kronach; so gut wie niemand (d.h. weniger als sechs) auf allen weiteren außerörtlichen Streckenabschnitten dieser Wanderung. Trotzdem sind die Bereiche abseits der Premiumwege auf den Wanderkarten immer noch dargestellt. Es gibt sie also. Man kann da gehen.

    Am Rennsteig mache ich einen kurzen Abstecher zur Kurfürstensteinhütte. Dort bin ich etwa um ein Uhr und esse sozusagen zu Mittag – Kurzkochreis. Nebenbei bin ich hier ungefähr am höchsten Punkt der gesamten Tour (730 m).



    Loquitztal (Grünes Band)


    Kolonnenweg


    Die Aussparungen in den Betonplatten fungieren als kleine Blumenkästen


    Orangenes im Grünen Band


    Rennsteig


    Kurfürstensteinhütte


    Anschließend folge ich dem Kremnitztal, das gewissermaßen der kürzeste und bequemste Weg Richtung Kronach ist: auch im hydrologischen Sinne, denn die Kremnitz ist eines der beiden Flüsschen, die sich bei Wilhelmsthal zur Kronach vereinigen, und die Kronach fließt dann verabredungsgemäß nach Kronach. Folgt man diesem Tal, das bis auf einzelne Mühlen unbesiedelt ist, so läuft man unbemerkt an Ortschaften wie Reichenbach und Teuschnitz vorbei. Zwischendurch überquert man die Staatsstraße 2198; ansonsten aber herrscht Idylle in Gestalt von Auwiesen, die von bewaldeten Hängen eingefasst sind. Der Fahrweg quert häufig den Bach, wobei die Furt jeweils mittels einer Fußgängerbrücke aus Beton oder Holz umgangen werden kann. Nur an einer Stelle laufe ich selbst durchs Wasser, 10 cm tief und vielleicht sieben Schritte weit; die Füße bleiben trocken.



    Oberes Kremnitztal; rechts im Bild verläuft eine markierte Fahrradstrecke


    Auwiese südlich der Kremnitzmühle


    Eine von vielen Furten


    Schmetterling


    Rast an einer der Betonbrücken


    Es ist übrigens der einzige Tag, an dem ich nirgends einkehre, weil es dazu keine Gelegenheit gab. Gegen Abend stehe ich am Zusammenfluss von Dober und Kremnitz (ein paar Kilometer südlich von Teuschnitz), koche mal wieder Reis mitten auf dem Weg – da ja ohnehin niemand vorbeikommen wird – und grüble anhand der Karte, wie es weitergehen soll.

    Das ist eine für meinen Planungsstil nicht untypische Situation. Wenn ich jetzt im Kremnitztal weiter geradlinig auf Kronach zulaufe, werde ich die Stadt morgen erst am Abend erreichen. Ich muss aber dort einkaufen und anschließend außerhalb einen Zeltplatz suchen. Außerdem verlasse ich dann den Frankenwald früher als erwartet. Also wäre es günstiger, das Kremnitztal ›hier‹, wo ich jetzt in der Abendsonne sitze, zu verlassen und einen zusätzlichen Schlenker nach Osten zu machen, zum Beispiel zur Mauthaustalsperre, um dann zwischen Steinwiesen und Kronach zu übernachten und Kronach erst am Dienstagmittag zu erreichen.

    ›So mache ich das.‹ Nach dem Essen laufe ich also ein Stück ins Dobertal hinein, das dem Kremnitztal landschaftlich sehr ähnelt, und suche mir einen Zeltplatz auf der Wiese, keine fünf Meter vom Weg. Der Weg ist eigentlich nur eine Fahrspur im Gras; gleichwohl verlaufen hier zwei europäische Fernwanderwege (E3 und E6). Man merkt aber nichts davon.

    Die Lage im Tal bringt es mit sich, dass mich schon beim Zeltaufbau die Mücken umschwirren. Ich verschwinde also schon um neun Uhr, während es noch hell ist, im Zelt, genieße sozusagen den freien Ausblick und schlafe früh ein. Nachts geschieht nichts.



    Links das Kremnitztal, aus dem ich komme, rechts das Dobertal


    Abendessen an der Furt


    Zeltplatz; links am Waldrand verlaufen die Fernwanderwege E3 und E6



    <12>
    Am nächsten Morgen baue ich das Zelt in der Morgensonne ab und verlasse den Platz um kurz nach halb acht. Reis und Kaffee gibt es erst an der nächsten Furt, weil man dort auf den Stufen der Betonbrücke sitzen kann. Der weitere Weg führt zur nahen Effelter Mühle (einem Gästehaus für Jugendgruppen), wo ich das Dobertal verlasse. Nun geht es ein paar Kilometer nach Osten, mit dem Ziel, eventuell in der Gaststätte Hubertushöhe einzukehren. Das gelingt auch, obwohl man bei Annäherung auf diesem Weg zunächst den Eindruck hat, die Gaststätte sei geschlossen und im Verfall begriffen. Ich esse also hier am späten Vormittag und unterhalte mich mit einem älteren Herrn über diverse Dinge, unter anderem über die politische Karriere des Freiherrn von Guttenberg.



    Dobertal am Morgen, unweit des Zeltplatzes


    Effelter Mühle im Hintergrund


    Kirche im Dorf (Effelter)


    Söder kommt


    Anschließend laufe ich zum Stausee hinunter und lege dort noch einmal eine kurze Pause ein, da mein Zelt taunass ist und sich hier ein guter Platz zum Trocknen findet.

    Der Weg am See ist eine ebene Asphaltstraße ohne Verkehr, ein bisschen wie der Möhnesee nach dem Ende aller Zivilisation. Immerhin begegne ich auf einigen Kilometern Strecke vier Spaziergängern mit Kinderwagen, ferner einzelnen Radfahrern und sozusagen einer Rollschuhfahrerin. Da der See ja ein Trinkwasserspeicher ist, überholt mich außerdem ein weißes Auto der Wasserversorgungsbetriebe; der Fahrer grüßt freundlich im Vorbeifahren.



    Platz zum Zelttrocknen am Mauthaus-Stausee


    Der See


    Die Straße


    Blick vom Staudamm


    Gegen halb drei erreiche ich die Staumauer, genauer gesagt ›Steinschüttdamm mit Lehmkerninnendichtung‹, esse Kuchen am Fuß desselben, versuche irgendetwas über das künftige Gewitterrisiko in Erfahrung zu bringen und laufe dann am Hang Richtung Steinwiesen. Es ist vier Uhr nachmittags. Steinwiesen ist nicht besonders hübsch, hat aber einen Edeka-Laden, wo ich jetzt Butter, Milch, Kekse und ein nettes Gespräch über meinen Wanderplan bekomme. Der Chef fragt von sich aus, ob ich noch einen Zeltplatz für die Nacht brauche; ein Freund von ihm habe da ein Grundstück, das er manchmal zur Verfügung stellt. Aber das Grundstück liegt leider nördlich von Laitsch, also im Nachbartal und für mich vor allem zu weit in Gegenrichtung. Ich zeige meine Route auf der Karte und bekomme die Auskunft: »Ja, da oben finden Sie mit Sicherheit auch einen freien Platz.«

    Nach einem weiteren Kaffee (am Ortsende von Steinwiesen auf der Hotelterrasse) mache ich mich auf den Weg, den Berg hinauf, mit einem halben Liter Milch als Steighilfe. Oben auf der Höhe ist der Weg dann wieder bequem. Tempenberg ist eher ein Wohnplatz als eine Ortschaft. Dann folgt Finkenflug, das noch weniger ist, nämlich ein ehemaliger Wohnplatz, der in den siebziger Jahren endgültig aufgegeben worden ist. Von Gebäuden sieht man nichts. Man findet dort jetzt eine neumodische Ruhebank, eine Informationstafel und eine ebene, gemähte Fläche, die zum Zelten geradezu einlädt.



    Weg nach Steinwiesen


    Der übliche Wildblumenkram


    Steinwiesen (Auszug)


    Tempenberg, Blick nach Osten


    Landwirtschaft auf der Hochfläche


    Finkenflug (Informationstafel)


    Finkenflug (Ausblick)


    Es ist nur zu früh, nämlich erst halb sieben. Daher laufe ich weiter, an dem Wohnplatz Ludwigsland vorbei – und finde schließlich eine Kapelle auf einem bewaldeten Hügel abseits der Straße. Von der Kapelle, die Kündleskapelle heißt und in der einige Kerzen und Grablichter brennen, hat man einen Ausblick nach Südosten (auf Zeyern). Rückwärtig dehnt sich eine von etwas Wald eingefasste gemähte Wiese, die früher zum Beispiel als Festwiese für das Johannisfeuer verwendet worden ist. Ein reizvoller Platz. Hier bleibe ich jetzt und schlage mein Zelt sozusagen unter einer Fichte am Waldrand auf, wobei ich diesmal das Außenzelt nur auf der Seite zur Wiese hin aufrolle, denn auf der Waldseite ist es dunkel und gruselig.

    Das erweist sich später als relativ gute Entscheidung, denn am späten Abend beginnt es plötzlich stark zu regnen. Da ich mich nicht erst anziehen will, um hinauszugehen, lasse ich das Außenzelt auf der noch offenen Seite von innen herunter, ohne es mit einem Hering abzuspannen. Da das Außenzelt dann auf dem Innenzelt aufliegt (wenn auch nur auf einer Seite), wird es schnell stickig im Inneren – das habe ich früher nie ausprobiert, und es überrascht mich jetzt. Ich verrenke mich also ein bisschen, krieche halb aus dem Eingang und steche den Hering in halb liegender Haltung ›wie einen Dolch‹ in den Boden, um den Zelteingang abzuspannen. So funktioniert es dann halbwegs, ohne dass ich in den Regen hinausmuss.

    Ansonsten geschieht auch in dieser Nacht nichts.



    Zeltplatz mit Kreuz


    Ausblick von der Kündleskapelle nach Südosten (Zeyern)


    Kündleskapelle (am nächsten Morgen)
    Geändert von Igelstroem (14.08.2016 um 16:43 Uhr)
    Lebe Deine Albträume und irre umher

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