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  1. [IT] Der Sonne hinterher: Ein paar Tage im Val Grande

    #1
    Mitreisende: Nita
    ... nach einer Anregung aus dem Bericht von feschu

    EDIT: VIDEO (kurz&einfach&unperfekt - aber meins


    Es war ein unverkennbares Zeichen, dass der mit der Auszeit verbundene Ausnahmezustand vorbei ist, als ich auf der Arbeit an den Urlaub erinnert worden bin. Es haben sich bereits genug Tage angesammelt, die zeitnah genommen werden müssten. Nur was macht man im November? Pyrenäen sind für eine Woche zu weit. In den Alpen hat es bereits geschneit. Und dann kamen die schon mehrfach gehörten, begeisterten Erzählungen vom Val Grande ins Gedächtnis...




    Die Anreise
    : ist einfacher, als man denkt. Von Köln aus mit dem Nachtzug nach Basel, dann über Bern und Brig nach Domodossola – um kurz vor Mitternacht losgefahren, war ich am Vormittag vor Ort. Kostenpunkt ohne Bahncard 60€ pro Richtung bei Buchung wenige Tage vorher (46€ mit Bahncard 25). Kleiner Tipp: Um den Sparpreis zu buchen, gibt man Milano als Endstation ein und steigt früher aus – passt aber auf, dass die Bahn nicht über Zürich, sondern über Bern und damit Domodossola fährt. Alternativ bucht man bis Brig und löst ein Extraticket nach Domodossola (stündlich oder öfter, rund 15 Euro). Von Domodossola fuhr ich mir der Schmalspurbahn (Centovalli-Bahn) nach Malesco, immerhin auf fast 700m über Meer gelegen. Das Ticket kostet wenige Euro (4.50€?).

    Kartenmaterial: Finger weg von der Kompass-Karte 1.50 000 – sie ist veraltet und fehlerhaft, laut einem Guide gefährlich. Besser die schweizer („Domodossola“) oder, wenn man eine findet, die vom italienischen Verlag ("Parco nazionale Val Grande").

    Wege: Es werden nur die offiziellen Wege gepflegt und begangen und auch die sind manchmal sportlich. Dazu gibt es ein Netz aus alten Wegen (eher Spuren), die höchstens sehr Erfahrenen mit genug Zeit zum Verlaufen, Umkehren etc. zu empfehlen sind. Der Schluchtweg durchs eigentliche Val Grande kann laut Guides allerhöchstens im August-September versucht werden, weil dann die Felsen trocken und die Flüsspegel am niedrigsten sind. Im November müsste man sie durchschwimmen, vor allem aber sind die Felsen feucht, weil dort nie die Sonnenstrahlen ankommen. Aber auch zur besten Zeit muss man wohl gut wissen, was man tut. Es gibt auch Pläne, die beiden kritischen Flussquerungen durch Brücken zu entschärfen und den Weg offiziell zu öffnen.

    Übernachtungen
    : Es gibt ein Netz am überraschend guten Biwakhütten. Ofen, Holz und Küchengeschirr sind meist vorhanden (keine Decken). Das Zelten ist nur an den Hütten gestattet und groß genommen nicht nötig.

    Wasserversorgung: Muss geplant sein. Man bewegt sich oft in Kammlagen, dort gibt es kein Wasser.

    Route: Ich habe am Morgen im Zug zum ersten Mal eine Karte aufgeschlagen… Die ein paar im Netz gefundene Ideen wurden leider zu Hause vergessen Also alles spontan.
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    Von Malesco aus ging es über schönste Herbstlandschaften auf La Cima und Testa del Mater (1848m). Gute 1200hm im Aufstieg nach einer anstrengenden Woche und einer Nachtfahrt haben gereicht, außerdem sank die Sonne immer tiefer, also nutzte ich die erste geringe Aufweitung des Kamms um das Zelt aufzustellen – mit schlechtem Gewissen wegen des Verbots, aber es absolut genießend. Leuchtend gelbe Lerchen, eine wunderschöne Aussicht auf verschneite Walliser Alpen und das Gefühl, aus dem Arbeitswahnsinn raus und wieder unterwegs zu sein waren unbeschreiblich…







    Der Morgen war noch unbeschreiblicher. Weiche Wolkendecke unter mir auf der einen Kammseite, Hochnebel mit 1000 Schattierungen auf der anderen, Farbeinspiele, die sich jede Minute ändern, erste, rötlich warme Sonnenstrahlen auf dem raureifbedeckten Gras und Zelt… Nur ans Wasser kam ich nicht ran. Seit Malesco habe ich meine 1,5l Flasche nur ein Mal aufgefüllt – am Vortag um 12 Uhr. Für den Morgen blieb nicht viel übrig.





    Es ging weiter auf dem Kamm und trotz unzähliger Fotos war ich etwa 2h später am Bivacco Alpe Cortechiuso. Hier legte ich eine längere Pause ein, trocknete das Zelt, trank endlich etwas und lag einfach faul in der Sonne…

    Der Plan war, über den Sentiero Bove nach Osten zu wandern. Auf der Hangquerung davor traf ich auf den ersten Schnee: Wahrscheinlich schon vor Wochen gefallen, war er zu Eis geworden und extrem unbequem zu gehen - das hat gedauert. Auf dem Kamm angekommen, atmete ich endlich auf und genoss den tollen Ausblick und die absolut trockene Spur – ein wolliges Urlaubsgefühl breitete sich aus. Bald kamen jedoch einige Kletterstellen, wo man gut aufpassen musste, dann mehr… und irgendwann musste ich enttäuscht feststellen, dass ich es mir nicht zutraue, das nächste Türmchen zu überklettern.




    Blick zurück


    das letzte überkletterte Türmchen

    Aber ich kann doch nicht falsch sein?

    Und zurück will ich die Kraxelei doch auch nicht turnen?

    Es war 15 Uhr. Laut Karte war ich richtig, auch mehrere Fußabdrücke und immer wieder eine Spur habe ich gesehen. Aber zum Norden hin brach das Gelände quasi senkrecht ab, geradeaus war die Kletterei zu schwer und zum Süden hin fielen die trockenen, aber trotzdem rutschigen Grashänge auch recht steil ab. Nach einer Überlegung mit Blick auf die Karte war es schon 15:30 Uhr und ich begann mir Gedanken über die Übernachtung zu machen. Ich musste vom Kamm irgendwie runter...

    Kurzum: Nach einer Steilgras- und Felskletterei fand ich einen Absatz, gerade groß genug für mein Zelt, und beschloss, am Morgen weiter zu denken. Und hier würde sich sicher keine beschweren, dass ich zelte. Noch wurde ein Freund (beerlao) angerufen und mein Standort durchgegeben – so ganz sicher mit dem Abstieg war ich mir nicht…


    nicht täuschen lassen - waagerecht ist die Fläche kleiner als der Zeltboden


    Ausblick am Morgen

    Die Auflösung kam übrigens später: Der Pfad geht etwa 150hm unter dem Kamm, ist markiert und hat nichts mit Kletterei zu tun...

    Nachdem die Hänge am Morgen wieder von der Sonne getrocknet wurden, kraxelte ich wieder hinauf auf den Kamm – ein Abstieg übers steile Gras mit Biwakgepäck und ohne Halt im Fall des Ausrutschens war mir am Morgen doch nicht geheuer. Nach ein paar kleinen Abenteuern kam ich am frühen Nachmittag an der Alpe Scaredi an – praktisch dort, wo ich gestern Vormittag schon war… Das Gute: Hier gab es Wasser. Schon wieder hatte ich nur mit Mühe 250ml für den Morgen aufgespart.



    Das Wetter wurde grau. Am frühen Morgen ging es über Cimone de Straoglio (2162m) auf den schmalen Kamm und zum Pizzo die Diosi, dann über die Alpe Straoglio runter nach La Piana. Beim Abstieg in die „Falle“ – La Piana liegt auf 950m und um dort raus zu kommen, steigt man wieder auf 1700m auf – erscheint die tragische Geschichte der hiesigen Partisanen ganz präsent: Man kann sich sehr lebendig vorstellen, wie sich die Resistenza-Kämpfer hierher zurückzogen und dann gejagt wurden oder verhungerten. Generell erwecken die verlassenen Siedlungen zusammen mit der Vergangenheit einen etwas unheimlichen Eindruck.



    An die Einsamkeit schon gewöhnt, hörte ich kurz vor La Piana die Motorsäge. Es freute mich – in den Wäldern fühle ich mich nachts alleine unwohl. Es war überraschend viel los an diesem abgelegenen Ort: Fast zwei Dutzend Wanderer, Guides, Arbeiter verteilten sich auf mehrere Hütten. Mit einem netten Väter-Söhne-Grüppchen aus dem Frankenland machten wir es uns in einem Haus gemütlich und ich bekam sogar eine Gute-Nacht-Gruselgeschichte vorgelesen


    Abstieg nach La Piana



    Es war schön, aber insgesamt hatte ich genug vom Wandern. War inzwischen gut erholt vom Alltag und wollte entweder „richtig“ in die Berge oder nach Hause. Deswegen beschloss ich, von La Piana (950m) über Bivacco della Colma (1728) nach Premosello-Chiavenda (220m) auszusteigen – immerhin noch eine normale Tagesetappe. Es wurde eine stille, meditative Wanderung durch eine wilde, schöne Landschaft – genau, wie ich es mir wünschte. Die letzten Kilometer auf der Straße wurde ich von Einheimischen mitgenommen und obwohl dies die Zauber des letzten Abstiegs zerstörte, wurde es eine gute Fahrt mit interessanten Gesprächen auf einem wilden Gemisch aus Englisch, Spanisch, Italienisch und Deutsch.





    Val Grande passt nicht so richtig auf meine Wunschliste. Hier gibt es keine Ideallinie, keine Gletscher, der Rucksack ist weder leicht noch ist man komplett autark, die Wege sind markiert, der Waldanteil hoch und der Park insgesamt klein – nichts für gestresste Tourenjäger. Aber gerade deswegen ist er einen Besuch wert: Um runter zu kommen, die Uhr im Rucksack zu lassen, von bequemen, aber doch natürlichen Wegen aus die Landschaft zu genießen, abseits der überlaufenen Zentralalpen noch einen Hauch der Wildnis zu spüren und im Herbst die spektakulärsten Farben zu erleben… Eine Wanderung, von der man träumen kann.

    Geändert von Nita (17.12.2015 um 19:23 Uhr)

  2. Fuchs
    Avatar von uli.g.
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    AW: Der Sonne hinterher: Ein paar Tage im Val Grande

    #2
    Danke, danke, danke!

  3. AW: [IT] Der Sonne hinterher: Ein paar Tage im Val Grande

    #3
    Sehr schön!

  4. AW: [IT] Der Sonne hinterher: Ein paar Tage im Val Grande

    #4
    Super, Nita! Absolut super!
    Da kommt Sehnsucht nach dem guten alten Europa auf.
    Wenn nur das Wetter in den Alpen nicht immer so eine Tombola wäre...

  5. Anfänger im Forum
    Avatar von feschu
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    AW: [IT] Der Sonne hinterher: Ein paar Tage im Val Grande

    #5
    Sehr schön! Das Wetter scheint ja echt viel besser gewesen zu sein. Tolle Bilder!!!

  6. AW: [IT] Der Sonne hinterher: Ein paar Tage im Val Grande

    #6
    Danke Euch! Mit etwas Abstand betrachtet, möchte ich da wieder hin

  7. AW: [IT] Der Sonne hinterher: Ein paar Tage im Val Grande

    #7
    Anja, ich überlege nächstes Jahr eine Gemeinschaftstour über die Sektion Bonn anzubieten.
    Der Weg ist das Ziel!

  8. AW: [IT] Der Sonne hinterher: Ein paar Tage im Val Grande

    #8
    Inzwischen war ich zur Erkundung dort. Anhalt für mich war der Sentiero Biove. Das Val Grande bietet keine besonders speaktakuläre Alpenlandschaft, ist aber auf Grund ihrer relativen Abgeschiedenheit nicht überlaufen und bietet für erfahrene Wanderer einen tollen Mix aus sehr gut markierten Steigen bis hin zu kaum erkennbaren Pfaden. Und die Infrastruktur mit den Biwaks ist hervorragend.
    Ausgangspunkt war für mich Cicogna, wo ich über Domodossola und Basel mit dem Zug angereist bin. Leider gibt es keinen Nachtzug mehr und man muss ein bisschen zu Fuß gehen oder trampen.
    Eine absolute Empfehlung für alle, die etwas Kletterei, schwierige Orientierung und gleichzeitig eine gute Infrastruktur mögen. Die Ausblicke auf den Kämmen zu den Walliser Viertausendern sind gigantisch.
    Der Weg ist das Ziel!

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