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  1. Lebt im Forum
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    [FI] Im Wald-Out: Urho Kekkonnen

    #1
    Mitreisende: Sarekmaniac
    Im Wald-Out
    Land: Finnland
    Reisezeit: März 2015





    Der Waldmann ist schuld, er gab mir beim ODS-Treffen im Harz den guten Tipp, für meine nächste Wintertour preiswert und bequem über Ivalo nach Karasjok zu reisen. Nachdem der erste Teil der Logistikplanung erledigt war, d.h. der Flug nach Ivalo gebucht, wurde Teil zwei kurzerhand gestrichen. Wieso nach Karasjok fahren, wenn in Finnland auch Schnee liegt. Und außerdem hatte ich dieses Jahr sowieso nur knapp zwei Wochen Zeit, Da muss ich nicht noch zwei zusätzliche Tage mit An- und Abreise verbringen.

    Und dann kommt eines zum anderen: ich will kein Zelt mitnehmen, also muss es Wald sein, wegen dem Wind. Im Wald da ist der Schnee so tief, also muss das Gepäck leicht sein. Weil das Gepäck leicht ist, ist die Pulka zu groß, schnell schreibe ich eine Bestellung an Jonas B. ... Und so weiter und so fort.

    Wenn man abends nach Helsinki fliegt, kann man die Nacht mit Schlafsack und Isomatte im Flughafen verbringen, und morgens um sechs frisch und ausgeruht in die Frühmaschine nach Ivalo steigen, um den ersten Kaffee zu trinken. Dort wartet bei Ankunft schon die Busse, um einen zu fahren, wohin man will. Ich will nach Saariselkä, und komme gerade zur rechten Zeit an, um in einem der Hotels zu frühstücken. Dann noch ein paar Einkäufe erledigen, ein kurzer Besuch im Nationalparkzentrum, am großen Holztipi an der Langlaufloipe die Sachen packen, und auf geht’s.

    Urho-Kekkonen. Auch wenn es alternative Deutungen gibt, sie fallen allesamt in die Kategorie Volksetymologie. Der Park ist angeblich so benannt worden, weil Urho Kekkonen bekanntlich gern in Saariselkä Ski lief. Die Fotobeweise hängen im Ort in jedem Hotel. Aber: Wenn es es um eine politische Manifestation ginge, müsste das Zielgebiet ja „Mannerheim-Nationalpark“ heißen, schließlich liegt es an der finnisch-russischen Grenze. Also muss die Namensgebung andere Hintergründe haben. Nach aktuellem Stand der Finno-Ugristik heißt hokekkonen ganz ohne Zweifel: „Großer Wald“. Und Ur, das ist ja einfach. Ergo: „Großer Urwald-Nationalpark“.


    Urwald der Zukunft.

    Nachdem die Etymologie geklärt ist, nun zur Topografie. Als Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer sich in der Wüste „Ende der Welt“ verirren, fährt ihnen bekanntlich der Schreck in die Glieder. Denn eine riesige, dräuende Gestalt erhebt sich am Horizont! Dass es am Ende gut ausgeht, ist bekannt. Herr Tur Tur tut nur so, und ist auch insgesamt sehr nett.

    So wie mit dem Scheinriesen Tur Tur verhält es sich mit den Erhebungen des Urho-Kekkonen-Nationalparks. Nach dem ersten Entfalten der postalisch eingetroffenen 1:50.000er Wanderkarten wird der Expeditionsleitung ganz flau im Magen. Kühne Gipfel, schroffe Steilwände, tiefe Canyons mit schäumenden Wildflüssen, hektargroße, zerklüftete und unwegsame Felsenmeere. Da soll es hindurch gehen? Doch sobald man sich dem Areal nähert, werden die Hügel sanfter, die Bachtäler gangbar, die Kelos winken freundlich. Das liegt daran, dass die Höhenlinien der Karte fünf Meter Äquidistanz haben und alle Felsblöcke oberhalb der Baumgrenze von fünf Generationen finnischer Landvermesser liebevoll durchnummeriert und danach einzeln kartiert wurden.

    Dennoch lauern im Reich der Tur-Tur-Tunturis Gefahren, zum Beispiel: Die Lawinengefahr. „Avalanche risk“ schrieb ein Holländer in der Muorravaarakka-Hütte ins Gästebuch, und am nächsten Tag, als er den Berg Ukselmapää gequert und überlebt hatte, ein weiteres Mal, diesmal im Hüttenbuch der Sarvioja-Hütte und mit drei Ausrufezeichen: „Avalanche risk!!!“. Ha. Ich komme nicht aus Holland, sondern aus Nordrhein-Westfalen, der Langenberg ist 125,2 m höher als der Sokosti, die mit 718 m.ü.M. höchste Erhebung des Urho-Kekkonen-Nationalparks und überhaupt Ostfinnlands. Drum schreckten mich die Gefahren nicht. Ich überschritt den Sokosti, ich durchschritt Pirunportti, die Pforte des Teufels, und kam doch lebend zurück.


    Gefährlicher Tur-Tur-Tunturi.

    Auch wenn die Tur-Tur-Tunturis bei Annäherung schrumpfen, benehmen sie sich manchmal fast wie ihre großen Geschwister in den Skanden. Es weht, mal bilden sich Sastrugis und Wechten, mal sind die Felsen blankgefegt. Im Nebel und Schneefall verschwimmen die Konturen, Whiteout. Der Autorin dieser Zeilen wurde am letzten Expeditionstag an der Ostflanke des Kivipää mehrfach die Pulka umgeweht. Dass es sich um eine UL-Pulka mit einer äußerst voluminösen, aber federleichten Evazotematte obendrauf handelte und das Ganze zum fraglichen Zeitpunkt maximal 12 kg wog, schmälert die Dramatik des Ereignisses in keiner Weise.

    Das alles - Schnee, Sturm, Whiteout - wütet zum Glück nur oberhalb einer magischen Grenze. Unterhalb dieser Grenze kommen erst kleine Birken, dann große Birken, dann kleine Kiefern, dann große Kiefern. Hier weht kein Wind, die Bäume werfen lange Schatten, Geräusche werden verschluckt. Man sieht vielleicht 200, 300 Meter weit. Manchmal ein trippelnder Auerhahn, einmal drei Elche. Für Sekunden im Gesichtsfeld, sofort verschwunden zwischen den dunklen Stämmen.


    Einfach von einem Baum zum nächsten gehen...

    Das Wald-Out stellt ganz eigene Anforderungen an die Navigation. Kurs halten von Baum zu Baum, der Kompass baumelt am Handgelenk.

    Wo kein Wind weht, ist der Schnee ungesetzt und hüfttief. Nach dem ersten Biwak ist klar: Erst das Tarp mit Ski aufstellen und dann Holz sammeln gehen ist eine ganz schlechte Idee. Viel klüger ist es, in umgekehrter Reihenfolge zu verfahren.



    Überhaupt erweist sich das Tarp als überflüssig. Der Wetterschutz eines Rechteck-Tarps im Winter ist so minimal, dass es nur bei kompletter Windstille taugt, Und dann kann man sich auch einfach so in den Schnee legen. Meistens aber nutze ich die spartanischen offenen Hütten: Autiotupa - ein Gaskocher, ein Schuppen mit Feuerholz, Holzpritschen ohne Matratzen.


    Tanzpalast für Zwölf.

    Die Groß-Klein-Anomalie der Tur-Tur-Tunturis findet in den Autiotupa ihre Entsprechung, nur spiegelverkehrt. Denn die Autiotupa ähneln, um eine weitere literarische Analogie zu bemühen, der Handtasche von Hermine Granger: Scheinbar klein, können sie dennoch eine ungeheure Anzahl von Wanderern beherbergen. Acht Schlafplätze, zehn Schlafplätze. So verspricht es zumindest die Legende der Wanderkarte. Nie war das Wort so treffend: Legende... Der Ernstfall fällt zum Glück aus. In Tuiskukuru treffe ich ein tschechisches Paar, in Sarvioja einen Finnen. Ansonsten habe ich die Hütten für mich allein.

    Es gibt nichts Ätzenderes, als einer Skooterspur im Wald zu folgen. Drum lässt man sich am besten im Nationalparkzentrum von Saariselkä die beliebtesten Winterrouten im Urho-Kekkonen-Nationalpark erklären, meidet diese dann nach Möglichkeit und läuft viel querfeldein. Beliebt ist zum Beispiel die Grenzzone zu Russland. Hier fahren die Finnen mit Skootern Patrouille, und auch die Sami nutzen die Strecke gern, um in den Nationalpark hinein zu kommen. Beliebt sind außerdem alle Hütten, die eine Sauna haben. Ich blieb der Grenze und den Saunen fern. Um von Saariselkä wegzukommen, nehme ich aber am ersten Tag die gespurte Loipe, das geht schön flott.


    Diese Packvariante bewährte sich nicht.
    Geändert von Sarekmaniac (24.09.2015 um 13:30 Uhr)
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  2. Lebt im Forum
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    AW: [Fi] Im Wald-Out

    #2
    Tag 1
    Saariselkä-Pessinlampi
    ca 9 km



    Kelo der Erste.

    Es sind sehr viele Langläufer unterwegs, als ich gegen zwei Uhr nachmittags starte. Die will ich mit meiner wenig folgsamen Pulka am Strick nicht stören und muss deshalb immer wieder am Loipenrand anhalten, was ein bisschen nervt und den Rhythmus kaputt macht. Zum Trost komme ich auf dem präparierten Untergrund rasch voran.



    Nach etwa drei Stunden verlasse ich die Loipe und mache mich auf die Suche nach der eingezeichneten Biwakstelle Pessinlampi etwa 400 m abseits des markierten Wegs, an einem kleinen Bacheinschnitt. Kaum habe ich den präparierten Weg verlasse, kehrt Ruhe ein. Und der Schnee ist viel tragfähiger, als ich befürchtet hatte. Auf einer kleinen, mit einem Pfosten markierten Anhöhe baue ich das Tarp auf. Von hier hat man bestimmt auch im Sommer einen tollen Blick. Beim Sammeln von Hoboholz sinke ich bis über die Hüften ein. Dumm gelaufen, leider sind die Ski am Tarp verbaut...


    Pessinlampi.

    Tag 2
    Pessinlampi-Rautulampi
    ca 10 km



    Diese Packvariante hat sich ebenfalls nicht bewährt.

    Ich schlafe lang und erst mittags geht es weiter auf der Loipen-Autobahn. An der Rasthütte Luulampi gibt es sogar ein Cafe, geschätzt 20.000 Paar Langlaufski stehen draußen an der Wand. Einen Kilometer weiter zweigt eine Loipe Richtung Westen nach Kiilopää ab. Auf der Runde Saariselkä- Kiilopää sind etwa 90% der Langläufer unterwegs, d.h. nun wird es endlich ruhiger, und die gespurte Loipe ist nur noch schmal. Und die Landschaft wird offener, juhu.


    An der Baumgrenze.

    Ich gegen weiter Richtung Südost und erreiche gegen 16.00 Uhr die Hütte Rautolampi. Auf meiner Karte als Autiotupa, also Übernachtungshütte gekennzeichnet. Allerdings gibt es keine Pritschen, nur schmale Bänke. Drei andere Skiwanderer sind schon da, die auch übernachten wollen. Also quetsche ich mich für die Nacht auf eine schmale Bank, für das Tarp ist es mir draußen ein bißchen zu windig.


    Rautolampi.
    Geändert von Sarekmaniac (23.09.2015 um 22:56 Uhr)
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    Avatar von derMac
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    AW: [Fi] Im Wald-Out

    #3
    Zitat Zitat von Sarekmaniac Beitrag anzeigen
    Wo kein Wind weht, ist der Schnee ungesetzt und hüfttief.
    Nur hüfttief? Da hattest du aber ein schlechtes Jahr. Ansonsten: Weitererzählen.

    Mac

  4. Lebt im Forum
    Avatar von Sarekmaniac
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    AW: [Fi] Im Wald-Out

    #4
    Tag 3
    Rautulampi-Lankojärvi-Suomujoki
    ca. 16 km



    Offenes Wasser I.

    Heute verlasse ich endlich die gespurte Loipe. Vormittags geht es von Rautulampi in östliche Richtung zur nächsten Hütte, Lankojärvi, sieben flotte km auf einer guten Skiwandererspur, zwischenzeitlich auch mal auf einer Skooterspur. Die Hütte liegt am Suomujoki, einem der großen Flüsse, die den Nationalpark durchfließen. Ich wende mich nach Süden, flussaufwärts, folge den Flusswindungen, mal auf alten Skispuren, mal spure ich selber. Der Fluss hat viel offenes Wasser, ich möchte ans östliche Ufer queren, aber finde keine gute Stelle.


    Offenes Wasser II.


    Offenes Wasser III.

    Einmal stehe ich an einer kollabierten Schneebrücke, über die viele Skispuren führen. Hier war, scheint es, bis vor kurzem ein viel genutzer Übergang. Das Wasser ist nicht tief, aber ich mag nicht waten, ich habe auch keine passenden Schuhe dabei. So bleibe ich ohne Spur am falschen, westlichen Ufer und laufe sogar ein Stück am angepeilten Talausschnitt, dem Tuiskukuru-Tal, vorbei.


    Da geht es durch.

    Es wird sehr warm, etwa plus fünf Grad, ein leichter Nieselregen geht und die Stollenbildung an den Ski wird unerträglich. Nach jedem zweiten Schritt muss ich den Schnee abschlagen. Das macht keinen Spaß und so suche ich mir kurzerhand schon nachmittags eine Stelle für das Tarp. Heute versuche ich mal, mit Spiritus zu kochen, was gut klappt – kein Wunder, bei den Temperaturen. Es kommt Wind auf. Im Wald bin ich zwar ganz gut geschützt, aber trotzdem reißt es abends an einer Stelle eine Leine los, und ich muss nochmal raus aus den Federn.

    Geändert von Sarekmaniac (10.10.2015 um 22:19 Uhr)
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  5. Lebt im Forum
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    AW: [Fi] Im Wald-Out

    #5
    Tag 4
    Suomujoki-Tuiskukuru
    ca. 12 km




    Heute geht es durch das Tuiskukuru-Tal zur gleichnamigen Hütte. Über Nacht ist es zum Glück wieder kälter geworden. Ich gehe erst Mal weiter in die falsche Richtung, flussaufwärts, bis ich endlich eine tragfähige Schneebrücke zum Queren finde. Und dann am anderen Flussufer zurück bis zum Taleinschnitt. Hier ist der Wald auf gut einem halben Quadratkilometer tischeben – der kleine Tuiskujoki hat vor Urzeiten einen gewaltigen Schwemmfächer ausgebildet.


    Tuiskujoki, Schwemmfächer.


    Tuiskujoki, Unterlauf.

    Und auch der regelrechte Canyon, den er im oberen Bereich über mehrere Kilometer eingegraben hat, lässt ahnen, dass dieser Fluss nicht immer so ipschig war. Das unterste Stück laufe ich direkt am Fluss entlang, doch bald wechsle ich ans Nordufer, an dem mehrere Terrassen übereinander verlaufen. Immer wenn eine endet, steige ich zur nächsthöheren Terrasse auf und schraube mich langsam den Hang hoch.


    Von Terrasse...


    zu Terrasse...

    Zwischendurch sind einige tief eingeschnittene kleine Zuläufe zu queren, oder zu umlaufen. Keine Spuren, viel Auf und Ab, es dauert seine Zeit, einen guten Weg zu finden. Für die zwölf km heute brauche ich etwa sechs Stunden.



    Nach dem grauen Nieseltag gestern ist es heute einfach traumhaft, sonnig, der Himmel tiefblau, die Bäume werfen blaue Mikado-Schatten.









    Auf Höhe des Tuiskupäät, meines heutigen Haus-“Berges“ (ich bitte alle Finnen, die Anführungsstriche zu entschuldigen), laufe ich zwei km an und über der Baumgrenze. Fernblick, wie schön. Der Tag war so einsam und der Weg so unbegangen, dass ich die höchst romantische Vorstellung entwickelt habe, die Tuiskukuru-Hütte müsse völlig abgelegen sein. Aber wie schon der finnische Nationaldichter Aleksis Kivi feststellte: „Viele Wege führen nach Tuiskukuru.“ Dort angekommen stelle ich fest, dass zur anderen Seite, Richtung Luirojärvi, eine gut sichtbare und harte, vielgenutzte Spur führt. Ein nettes tschechisches Pärchen hat sich schon eingerichtet und den Ofen geschürt.


    Tuiskupäät I.


    Tuiskupäät II.


    Tuiskupäät III.


    Tuiskukuru Autiotupa.
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  6. Alter Hase
    Avatar von codenascher
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    AW: [Fi] Im Wald-Out

    #6
    Guten morgen
    Eine ausgezeichnete Bahnlektüre Vielen Dank für die ersten Tage deiner toll beschriebenen Tour! So langsam wirds frisch und die Gedanken und Ideen für die kommende Wintertour brauchen Futter und Anregungen.

    Ich bin überrascht, dass du mit solch einem leichten Setting auf Tour bist.

    Bin im Wald, kann sein das ich mich verspäte

    meine Weltkarte

  7. Lebt im Forum
    Avatar von Sarekmaniac
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    AW: [Fi] Im Wald-Out

    #7
    Tag 5
    Tuiskukuru- Luirojärvi/Rajankämppä
    Ca 9 km




    Ein sehr entspannter Tag, nach Luirojärvi ist es nur ein Katzensprung. Nach dem dichten Wald vom Vortag wird die Landschaft heute offener. Es hat nachts etwa 3 cm geschneit, es ist morgens -15 Grad kalt, kein Wind weht und die Sonne scheint. Traumwetter.










    Weil die beiden Tschechen mir erzählt haben, dass sie zwei Tage zuvor wegen ausgiebig saunierender Finnen in Luirojärvi bis nach Mitternacht kein Auge zugekriegt haben, gehe ich an den Hütten vorbei und begebe mich zur etwa 300 m weiter südlich ebenfalls am Ufer des Luirojärvi gelegenen Autiotupa Rajankämppä, die ich die ganze Nacht für mich allein habe. Nicht dass ich grundsätzlich etwas gegen Saunieren hätte, nur ist mir heute nicht danach.





    Eine offene Wasserstelle gibt es nicht, also laufe ich mit den Ski ein Stück auf den See hinaus und sammle sauberen Schnee in meinem VBL. Dann noch 20 Minuten im Holzschuppen sägen und hacken, und der gemütliche Abend kann beginnen. Der Holzschuppen liegt recht weit von der Hütte und mein Versuch, die Holzscheite auf der UL-Pulka zu stapeln und dann zu ziehen, endet kurioserweise damit, die Scheite sich keinen Millimeter rühren, während das UL-Dingsbums aus 0,8 mm starkem HD-PD unter ihnen weggezogen wird. Was mich auf die Idee bringt, dass es besser sein könnte die Zugseile an die Last zu knüpfen anstatt an den Schlitten... Die Hütte ist extrem gut isoliert; eine halbe Stunde nach dem Anheizen hat es 30 Grad.





    Tag 6
    Luirojärvi/Rajankämppä - Muorravaarakka
    Ca 17 km und 380 Höhenmeter

    Es wird kälter, morgens zeigt mein Thermometer vor der Hütte minus 22 Grad an. Der gestrige Tag mit seiner locker baumbestandenen Landschaft hat mir gut gefallen, ich sehne mich nach noch mehr Fernblick. Ich starte bei blendendem Wetter, erst das Ostufer des Luirojärvi entlang und dann dirkt ostwärts Richtung Sokosti. Nach ca. zwei km wird es steil, und ich ziehe zum ersten und letzten Mal auf dieser Tour die Langfelle auf. Die kurzen hätten auch gereicht, der Rucksack, den ich ziehe, wiegt ja quasi nichts. Aber so habe ich die Dinger wenigstens nicht umsonst mitgeschleppt.





    Bald erreiche ich die Baumgrenze und kann endlich mal in die Ferne schauen: Endlose wellige, schwarze Wälder, aus denen die weißen, unbewaldeten Tunturis herausragen wie Walfischrücken. Doch leider trübt es kurz darauf ein und wird recht windig; oben auf dem Grat sehe ich so gut wie nichts, außer dass der Sokosti durch einen Sendemast verschandelt ist, und dass von Norden her eine Skooterspur bis auf den Gipfel führt.









    Über einen der Quellbäche des Muorravaarakanjoki fahre ich auf der anderen Seite des Grates ab, zuerst durch ein enges, steiles, baumloses V-Tal, dann kommen die ersten Krüppelbirken (ich nenne das für mich die „Streuobstwiesen-Zone“), dann größere Birken und einzelne Kiefern, und irgendwann verschluckt mich der Wald. Abfahrt ist eigentlich zuviel gesagt, der Schnee ist tief und ich verliere nur sehr langsam Höhenmeter. Aber die Stimmung ist einfach phantastisch, regelrecht mystisch. Sobald ich den Grat verlassen habe, legt sich der Wind. In absoluter Stille gleite ich durch die vernebelte Landschaft dahin, die ersten sieben km ganz ohne Spur, die letzten vier km bis zur Hütte kann ich dann eine Spur nutzen, die von Süden, aus Hammaskuru kommt.









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  8. AW: [Fi] Im Wald-Out

    #8
    Geniale Bilder!

  9. Erfahren
    Avatar von Nuklid
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    AW: [Fi] Im Wald-Out

    #9
    Da schließe ich mich an, eine Augenweide!

  10. AW: [Fi] Im Wald-Out

    #10
    Sarekmaniac, du bist wirklich die Königin seriösen Spazierens...

  11. Moderator
    Alter Hase
    Avatar von TanteElfriede
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    AW: [Fi] Im Wald-Out

    #11
    ...wow, was für ein toller Bericht.. und so schöne Fotos... vielen, vielen Dank!

  12. Moderator
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    Avatar von November
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    AW: [Fi] Im Wald-Out

    #12
    Deine "Pulka" sieht nach gar nicht so viel Gepäck aus. Aber abgesehen vom Zelt hast du doch sicher das Gleiche dabei gehabt wie sonst?
    Und dann auch noch verschiedene Kocher: Hobo, Spiritus. Und vielleicht sogar noch Benzin?

    Ach ja: Schön, dass das Bärli wieder mit dabei ist.
    Klar ist überhaupt nichts - aber das dafür umso deutlicher.

  13. Lebt im Forum
    Avatar von Sarekmaniac
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    AW: [Fi] Im Wald-Out

    #13
    Vielen Dank für die netten Kommentare.


    Zitat Zitat von codenascher Beitrag anzeigen
    Guten morgen
    Ich bin überrascht, dass du mit solch einem leichten Setting auf Tour bist.

    Zitat Zitat von november Beitrag anzeigen
    Deine "Pulka" sieht nach gar nicht so viel Gepäck aus. Aber abgesehen vom Zelt hast du doch sicher das Gleiche dabei gehabt wie sonst?
    Und dann auch noch verschiedene Kocher: Hobo, Spiritus. Und vielleicht sogar noch Benzin?
    So richtig leicht war es nicht. Habe von meinem Winterkram halt so wenig wie möglich mitgenommen, aber man sieht es an den Bildern, in den ersten fünf, sechs Tagen war das einfach zu voluminös. Als ich ein bißchen was weggefressen hatte und den Spiritus auf einer Hütte zurückgelassen, ging es dann, da passte der Schlafsack endlich in den Rucksack.

    Der Schlafsack ist einfach zu voluminös, die Doublemat (als Boden zum Tarp) war auch sehr sperrig, die dicke Evazote kam noch dazu.

    Ich hatte nur Hobo und Spiritusbrenner mit, keinen Benziner.
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  14. Lebt im Forum
    Avatar von Sarekmaniac
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    AW: [Fi] Im Wald-Out

    #14
    Tag 7
    Muorravaarakka - Sarvioja
    Ca 14 km und 320 Höhenmeter




    Auch heute geht es von der Hütte aus erstmal stramm bergauf. Zwischen Muorravaarakka und Sarvioja liegt Pirunportti, die "Pforte des Teufels", und bis zu ihrem Eingang sind es gut 300 Höhenmeter bergauf. Bald lasse ich den Wald hinter mir, eine letzte, einsame Kiefer winkt warnend. Ich halte Ausschau – nach dem Teufel, nach der niederländischen Lawinengefahr (s.o.) - vergebens. Und ehe ich mich versehe bin ich oben, und habe, schwups, die heikle Schlüsselstelle passiert.


    Pirunportti I.


    Pirunportti II. Avalanche Risk!


    Der Hölle entronnen. Glück gehabt.

    Und schon geht es, ganz ähnlich wie gestern, durch ein V-förmiges Bachtal bergab. Im oberen Bereich des Tals lugen zahllose Steine aus der dürftigen Schneedecke hervor. Dazwischen stehen die Krüppelbirken. Eine verschneite mediterrane Landschaft. Ein Olivenhain. Weiter unten im Wald hat der Neuschnee vom Vortag alle Tierspuren, verwehte Blätter, Zweige und Nadeln etc. abgedeckt, die Landschaft ist weiß und unberührt.




    Finnischer Olivenhain.

    Um so auffallender ist die frische Vielfraßspur, die parallel des Baches entlang führt. So einer Spur folgen macht immer Spaß, da vergesse ich die Zeit, und jede Müdigkeit. Und ich gelange, weil ich immer weiter dem Bach folge, ein bißchen vom idealen Weg ab, der führt nämlich direkt nach Westen, über eine kleine bewaldete Kuppe, hinter der die Hütte liegt. Und so verabschiede ich mich nach einem Extrakilometer vom Vielfraß und biege nach links ab.


    Vielfraßjagd.

    Gegen 17:00 Uhr komme ich in Sarvioja an. Neben dem Eingang lehnen 2,30 m lange finnische Waldski. Ihr Besitzer, ein finnischer Stahlarbeiter, der so Englisch spricht, wie man es schreibt, ist schon ein Weilchen da und hat die Hütte schön aufgeheizt. Mit dem Eisenofen, der luxuriöse offene Kamin bleibt aus. Ich bin müde, der Finne auch, und wir legen uns früh auf die Pritschen. Was für ein aufregender Tag: Teufel, wilde Tiere, mediterrane Steinfrüchte und natürlich: die weiße Gefahr.


    Muorravaarakka.
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  15. Dauerbesucher
    Avatar von chriscross
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    AW: [Fi] Im Wald-Out

    #15
    Super!

    Ja, man sieht auf den Fotos z.T. das die Pulka hoch gepackt sein musste. Wie gut funktioniert das mit dem Spiritus?

  16. Lebt im Forum
    Avatar von Sarekmaniac
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    AW: [Fi] Im Wald-Out

    #16
    Ich habe nur einmal mit Spiritus gekocht, am dritten Tag. Bei fünf Grad plus. Funktionierte gut.

    Aber im Ernst: das würde ich nicht nochmal machen. Besser Benziner und leichter Hobo. Man braucht irre viel Spiritus, wenn man Schnee schmelzt.
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  17. Dauerbesucher
    Avatar von chriscross
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    AW: [Fi] Im Wald-Out

    #17
    Zitat Zitat von Sarekmaniac Beitrag anzeigen
    Ich habe nur einmal mit Spiritus gekocht, am dritten Tag. Bei fünf Grad plus. Funktionierte gut.

    Aber im Ernst: das würde ich nicht nochmal machen. Besser Benziner und leichter Hobo. Man braucht irre viel Spiritus, wenn man Schnee schmelzt.
    Ok, ich dachte vielleicht haste doch noch ein paar Kälte-Versuche gemacht. Hobo in der Gegend ist ja was feines und erste Wahl.

  18. Alter Hase
    Avatar von cane
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    AW: [Fi] Im Wald-Out

    #18
    Klasse Bilder!

    Hoffentlich wird es diesen Winter auch hier zu Hause kalt und es gibt ordentlich Schnee

    mfg
    cane

  19. AW: [Fi] Im Wald-Out

    #19
    Ich kann jetzt deine entsprechenden Kommentare nicht recht einschätzen (Ironie?): Wie hast du da die Lawinengefahr tatsächlich eingeschätzt? Als nicht vorhanden? Anhand von Fotos lässt sich da ja gar nichts beurteilen.

  20. AW: [Fi] Im Wald-Out

    #20
    Das ist definitiv Ironie. Bei den Hügeln braucht es schon kräftig was damit mehr als die Gefahr von kleineren Rutschen besteht.

    Mit fällt dazu nur das hier ein.

    Gruss
    Henning
    Es gibt kein schlechtes Wetter,
    nur unpassende Kleidung.

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