Ergebnis 1 bis 12 von 12
  1. [FR] Loire im April - 680 Kilometer im Luftboot von Roanne bis Nantes

    #1
    Mitreisende: StevePeacewalker
    Flusswandern auf der Loire von Roanne bis Nantes

    Schon wieder dieser Bus. Obwohl ich mir im letzten Jahr geschworen habe nie wieder damit zu fahren, fand ich mich knapp ein halbes Jahr später wieder im vertrauten Ambiente des Euroline Busses Linz - Lyon wieder, der mich innerhalb von 18 Stunden ans erste Ziel bringen sollte. Der polnische Buschauffeur studierte mich eine Weile abschätzend und sagte nach Abschluss seiner Musterung fragend: Fisch?

    Zugegeben ich sah wahrscheinlich wirklich ein wenig wie ein Fischer aus. Was sollte ich denn sonst um diese Jahreszeit in Frankreich wollen? Seufzend nahm ich meinen Platz ein und hoffte dass es schnell vorbei sein möge. Zwei Reihen hinter mir saß ein ziemlich verwirrter Geselle, der alle paar Minuten aufs Klo rannte und ich hoffte jedes Mal er möge es bis zum Ende der Fahrt nicht mehr verlassen.

    Wir passierten die Grenze zu Bayern, die Grenzbeamten sammelten sämtliche Pässe ein und schnappten sich gleich unseren verwirrten Freund, den sie erst wieder laufen ließen, nachdem sein Begleiter einen Geldbetrag als Bürgschaft für ihn hinterlegt hatte. "Jetzt habe ich mich schon so gefreut, dass der endlich eingeschlafen ist und jetzt wecken ihn diese Idioten wieder auf." knurrte mir mein Hintermann ins Ohr. Auch auf meinen Nebenmann, einen netten Afrikaner hatten sie es abgesehen, da dieser keinen Reisepass mit sich führte. "Without passport you are krrrrk!",bellte ihn der bayrische Grenzer an und fuhr sich zur Unterstreichung der Aussage mit der Handkante über den Hals.



    Im Industriegebiet von Linz bevor ich in den Bus stieg.


    Auch in Frankreich wurde es nicht wirklich besser. Eine Polizeistreife fing uns bereits kurz nach der Grenze ab und durchwühlte unser sämtliches Gepäck. Sogar mein Boot, an dem noch der Dreck von der letzten Tour klebte, wurde genau inspiziert. Als sie mein Massageöl fanden welches sich in einem kleinen schwarzen Fläschchen befand, glaubten sie dann auch die gesuchten Drogen gefunden zu haben. Ich weiß nicht wielange sie brauchten bis sie alles durchsucht hatten, aber irgendwann im Laufe des Tages saß ich dann endlich in meinem Zug der mich die letzten Kilometer von Lyon nach Roanne und damit an die Loire brachte.


    Kiesgruben und Industrie

    Als ich das erste Mal in Roanne am Ufer der Loire stand, stockte mir im wahrsten Sinne des Wortes der Atem. Aber nicht weil der Fluss dort besonders schön war, es war vielmehr das Gegenteil der Fall. Die Loire muss sich in Roanne ihren Weg zwischen Kiesgruben, Bauschutt und anderen Hindernissen hindurch suchen. Dicke Schaumbatzen schwammen auf dem Wasser und aus einem breiten Rohr strömte munter eine eigenartig pafürmiert riechende Brühe in den Fluss. Ich versteckte noch meine Wasservorräte hinter einem großen Stein am Ufer, damit ich am nächsten Tag weniger zu tragen hatte. "Ich muss zusehen dass ich das morgen schleunigst hinter mir lasse, sonst kriege ich Depressionen.", dachte ich mir während ich von meiner Erstbesichtigung zum Hotel zurückschlenderte.



    Die Loire in Roanne, gottseidank riechen die Fotos nach nichts.


    Am nächsten Morgen war ich dann mit meinem Boot und dem restlichen Krempel wieder an der Loire. Auf den ersten Blick sah ich dass der Wasserstand über Nacht sicher um einen guten Meter angestiegen war. "Das hätte gerade noch gefehlt, dass mir die Brühe noch meine Wasservorräte davonträgt.", dachte ich mir während ich meinen Trinkbeutel wieder unter dem Stein hervorkramte. Im strömenden Regen baute ich mein Boot auf und dann konnte es endlich losgehen.



    Der Explorer ist aufgebaut und bereit es mit der Loire aufzunehmen.


    Gottseidank konnte ich Roanne bald hinter mir lassen und einige Kilometer später wurde der Fluss trotz des starken Regens bereits richtig schön. Die Loire durchquerte dichte Auwälder und umspülte kleine Inseln. In kahlen Bäumen saßen Kolonien von Rabenvögeln und schauten interessiert auf mich herunter, während Bisamratten neben meinem Boot im Fluss schwammen. Am Abend des ersten Tages schlug ich mein Lager auf einer großen Insel auf. Während ich mein Zelt aufstellte, scheuchte ich dummerweise eine Ente auf, die in einem Gestrüpp auf ihrem Nest gebrütet hatte. Ich ärgerte mich über meine Unbedachtheit und schwor mir, in Zukunft vorsichtiger zu sein.



    Gelege einer Stockente.


    Materialermüdungen

    Es stürmte und regnete die ganze Nacht hindurch und der Wind heulte auch am nächsten Morgen noch um mein Zelt. Ich hatte kaum ein Auge zubekommen und nahm mir vor, in Zukunft für einen ordentlichen Windschutz zu sorgen. Obwohl es die ganze Nacht geregnet hatte, war der Wasserspiegel morgens leicht gefallen. Auf den ersten Kilometern ab Roanne muss man starke Wasserschwankungen einkalkulieren, da sich weiter flussaufwärts große Stauseen befinden, aus denen bei Bedarf Wasser abgelassen wird. Das erklärte auch den plötzlichen Wasseranstieg in Roanne am Vortag. Beim Beladen des Bootes machte ich dann die nächste unerfreuliche Entdeckung. Die Schrauben, welche die Radachse meines Bootswagens in Position hielten, hatten sich gelockert und beim Festzurren des Bootswagens hielt ich gleich einmal die Achse mitsamt den Rädern in der Hand.



    Mein erstes Inselcamp


    "Verdammter Pfusch!", knurrte ich wütend während ich mit meinem Schweizermesser die Schrauben wieder anzog so gut es ging. Die Landschaft entschädigte mich wo sie konnte. Am Ufer nisteten Störche auf Plattformen, die auf hohen Pfählen extra zu diesem Zweck angebracht worden waren. Abends kam auch noch die Sonne heraus und tauchte den Fluss in ein neues Licht. Beim Aufbauen des Zeltes brach mir dann auch noch die Zeltstange mit einem scheußlichen Knirschen in der Mitte entzwei. "Das habe ich jetzt davon. Scheiß Ultralight Zeug", schoss es mir durch den Kopf, während ich den Schaden mit einer Reparaturhülse wieder in Ordnung brachte. "Ich muss zusehen dass mir das nicht nochmal passiert oder die Tour ist zu Ende."



    Die Sonne lässt den Fluss ein wenig freundlicher erscheinen.


    Die Nacht war sternenklar und eiskalt, in der Früh konnte ich sogar eine dünne Eisschicht vom Boot kratzen. Nach wenigen Kilometern Fahrt erreichte ich die Kanalbrücke von Digoin unter der ein meterhohes Steinwurfwehr lauert welches laut DKV Führer: "über eine mit blau-weißen Tafeln und Steinbrocken markierte Durchfahrt verfügt, welche gut fahrbar ist." An der Brücke angekommen war von den blau-weißen Tafeln nichts zu sehen und von den Steinbrocken genau so wenig. Zwar gab es auf der linken Seite eine Art Durchlass in der Wehrkrone, den man aber wirklich exakt hätte treffen müssen und ich hatte wenig Lust bei dem Versuch baden zu gehen.



    Die Kanalbrücke von Digoin


    Ich treidelte mein Boot durch den linken Brückenbogen und versuchte den Zaunpfeilern mit Stacheldraht auszuweichen so gut es ging, die hier überall im Fluss lagen. Die Strömung war enorm und ich hatte alle Hände voll zu tun, das schwerbeladene Gefährt zu bändigen. Am Nachmittag fuhr ich abermals unter bewölktem Himmel und über mir schwebten Störche die sich von der Thermik dahintragen ließen. Am Ufer befand sich ein wildes Gehölz in dem ich über zwanzig nistende Brutpaare zählen konnte. Es fanden sich hier auch weitläufige Viehweiden auf denen große Herden cremefarbener Rinder grasten.



    Auf den oberen Flussabschnitten werden die Ufer häufig als Viehweiden genutzt.


    Am Abend stellten sich mir drei Felsstufen in den Weg, welche die Überreste eines verfallenen Wehres darstellten. Gottseidank lag die linke Seite halbwegs trocken und nachdem ich einige Felsbrocken zur Seite geräumt hatte, konnte ich mein Boot über das Hindernis hinweg ziehen. Nach dieser Schufterei tat mir mein rechter Arm so weh, dass ich nur mehr um die nächste Flussbiegung fuhr und dort mein Lager aufstellte. Die Landschaft wurde nun immer urwüchsiger. Riesige Bäume lagen im Wasser, zwischen deren Ästen die Loire laut rauschend hindurchfloss.
    Sanddünen und Steilböschungen



    Die Steinstufen von Diou


    Sanddünen und Steilböschungen

    Ab hier bekam die Loire erstmals ein neues Gesicht. Die Ufer waren nun sandig, mit riesigen Dünenlanschaften und spektakulären Uferabbrüchen. Ich konnte mich an der Landschaft kaum sattsehen und kam oft aus dem Staunen nicht heraus. Ein Fischadler stieß neben mir ins Wasser, während weit oben am Himmel die Störche dahinzogen. Meine Hände waren das Paddeln nicht mehr gewöhnt und ich bekam offene Stellen an den Daumeninnenseiten, die mich allerdings nicht wirklich störten. Auch das Wetter hatte sich nun eingependelt und es war so warm, dass ich am 7. April um sechs Uhr Abend mit nacktem Oberkörper vor dem Zelt saß.



    Dünenlandschaft an der oberen Loire


    Tags darauf erreichte ich Decize, wo es erneut ein Wehr zu überwinden galt. Nachdem ich das linke Ufer erkundet und als ungeeignet zum Umtragen befunden hatte, querte ich den Fluss und peilte das rechte Ufer an. Dort stand auch bereits ein Spaziergänger der wild in meine Richtung gestikulierte. "Was will denn der jetzt schon wieder von mir?", dachte ich noch verwundert. Verwirrt drehte ich mich um und sah gerade noch wie etwas Weißes über mich hinwegschoss und wenige Meter neben mir auf dem Wasser landete.

    Ein Schwan hatte parallel zu mir Stellung bezogen und plusterte sich nun in seiner ganzen Größe neben mir auf. Der Vogel krümmte seinen Hals S-förmig zurück, strecke die Brust nach vor und fauchte mich aus drei Meter Entfernung böse an. Langsam entfernte ich mich von ihm und ließ das Tier dabei keine Sekunde aus den Augen. "Das fehlt mir gerade noch, dass dieser jähzörnige Vogel sich meiner annimmt. Der ist imstande und wirft mir das Boot um während ich noch drin sitze." Doch der Schwan schien erreicht zu haben was er wollte und zog sich sichtlich zufrieden zurück.



    Das Wehr von Decize nachdem ich dem Schwan entkommen war.


    Am nächsten Tag landete ich am Campingplatz in Nevers an, dort wollte ich einen Tag Pause machen. Die Besitzerin teilte mir mit, der Campingplatz wäre zwar noch geschlossen, aber ich könne gerne bleiben. Es gäbe zwar keine Dusche aber dafür musste ich auch nichts bezahlen. Das fand ich extrem nett, denn so hatte ich hier ein sicheres Basislager für Boot und Zelt. Nevers war eine schönen Stadt aber am nächsten Tag juckte es mich bereits wieder in den Armen.



    Der Palais Duacal in Nevers.


    Im Morgengrauen schleppte ich das Boot über das Wehr hinweg und zurück zum Fluss. Den Bootswagen konnte man hier schlecht verwenden, dazu lag viel zu viel scharfkantiges Glas herum. Am Vormittag passierte ich die Mündung des Allier und dachte lächelnd an die Abenteuer zurück, die Guido und ich dort erlebt hatten. Wenig später befand ich mich wieder an der blauen Brücke in Fourchamboult, wo mir damals beinahe mein Boot gestohlen worden war. Guido hatte diesen Abschnitt der Loire damals bereits befahren.

    Noch gut kann ich mich an seine Worte erinnern. "Als ich seinerzeit auf der Loire unterwegs war kamen mir welche entgegen, die waren bereits oberhalb von Nevers gestartet.", erzählte er. "Sie waren auch in Faltbooten unterwegs und eines davon hatte einen unterarmlangen Riss auf der Unterseite. Ich weiß ja nicht wie dat da oben wirklich aussieht, aber ich habe den starken Verdacht dass sich die Loire da ähnlich gebärdet wie der obere Allier." "Ich muss dem Guido sagen dass er den Abschnitt ruhig fahren kann, nachdem was der sich letztes Jahr auf dem Allier mitgemacht hat schreckt den so schnell nichts mehr",dachte ich schmunzelnd.



    Eine Weinbergschnecke schaute abends bei mir im Lager vorbei.


    Der Kampf mit dem Wind

    Seit der Alliermündung hatte sich die Loire massiv verbreitert. Die Sandbänke an den Ufern waren nun verschwunden und dichte Auwälder wucherten auf beiden Seiten. Riesige Schwärme von Kormoranen saßen auf den Baumleichen die überall im Wasser lagen. Reptilienartig aussehende Fischjäger, die sofort die Flucht ergriffen wenn ich ihnen zu nahe kam. Der Fluss war mittlerweile so breit geworden dass ich oft nicht wusste ob ich mich nun am Ufer oder auf einer Insel befand. Seitdem ich Nevers verlassen hatte war der Wind mein ständiger Begleiter, der mir stets von nordöstlicher Richtung kommend das Leben schwer machte. Mein Luftboot hatte den Böen nichts entgegenzusetzen und wurde oft zum Spielball des Windes.



    Ufer oder Insel? Es handelt sich um eine große Insel.


    Ich startete jeden Tag bei wolkenlosem Himmel und absoluter Flaute. Gegen Mittag setzte dann stets der Wind ein und machte mir den Nachmittag zur Hölle. Hörte ich auf zu paddeln und ließ mich nur treiben, blies er mich gnadenlos ans linke Ufer von wo ich mich anschließend durch Flachzonen und Gestrüpp wieder heraus kämpfen durfte. Gottseidank hatte ich auf meinem Explorer mittlerweile ein Steuer montiert. Ich will gar nicht daran denken wie es mir ohne ihn ergangen wäre. Meine Lager musste ich mittlerweile mit Bedacht wählen, denn ohne vernünftigen Windschutz hätte ich in den Nächten kein Auge zubekommen.



    Mein Lager, gut versteckt in einem dornigen Gehölz.


    Morgens saß ich dann am Flussufer und löffelte mein Müsli, während die Dampfwolke eines Atomkraftwerkes die Sonne über mir verdunkelte. An den vier Kernkraftwerken befanden sich bis auf eine Ausnahme stets Wehre, welche jedoch immer über eine vorbildliche Ausstiegstelle sowie eine oder mehrere Fischtreppen verfügten. Die Ufer waren mittlerweile oft schlammig und wurden von breiten Schilfgürteln begleitet. In den Tümpeln die sich überall gebildet hatten, stimmten in der Nacht tausende von Fröschen ihr Konzert an. Am Abend flüchtete ich mich oft vor dem Wind in mein Zelt und fühlte mich matt und abgeschlagen.



    Die Loire kurz vor Sonnenaufgang.


    Das Blatt wendet sich

    "Das kann so nicht weitergehen. Wenn du hier irgendwann einmal fertig werden willst musst du eben vor dem Wind aufstehen", dachte ich mir. Am nächsten Morgen war ich dann bereits um sieben Uhr auf dem Wasser. Ich hatte die Nacht durchgefroren und irgendwann hatte es mir gereicht. Leider brachte mir mein frühes Aufstehen keinen nennenswerten Vorteil, denn bereits um zehn Uhr Vormittags war ich mit so starkem Wind konfrontiert wie noch nie zu vor. Zum Frühstücken flüchtete ich mich in einen nahen Wald wo ich einigermaßen sicher war. Langsam kämpfte ich mich Meter um Meter durch die Wellen, die mittlerweile eine beachtliche Höhe erreichten. Auch die Vögel hatten keine Chance und wurden gnadenlos weggeblasen wenn sie versuchten gegen den Wind aufzubegehren.




    Gegen Mittag war ich bereits kurz davor das Lager aufzubauen und aufzugeben. Doch just in diesem Moment machte die Loire einen Schlenker und verlagerte Ihre Fließrichtung maßgeblich. Der Fluss wendete sich nach Westen und der Seitenwind wurde plötzlich zum Rückenwind und damit zu meinem Verbündeten. Beigeistert warf ich mich in die Wellen und legte das Paddel quer über die Schultern um dem Wind noch mehr Antriebsfläche zu bieten. Das Paddeln konnte ich mir nun zum Großteil sparen und ich konnte der Landschaft wieder mehr Aufmerksamkeit widmen.



    Morgenstimmung und absolute Windstille


    Die Flusskurven waren nun teilweise mit Betonfundamenten unterbaut, um Abtragungen durch den Fluss zu verhindern. Der Urwald der einst die Böschungen bewachsen hatte, war an vielen Stellen bereits entfernt worden und traurige Grasflächen waren zurückgeblieben. Auch die Tierwelt hatte sich geändert. Störche konnte ich keine mehr entdecken, dafür fanden sich nun zahlreiche Lachmöwen und riesige Kolonien von Flussregenpfeifern. Diese schlanken Vögel waren meine ständigen Begleiter bis zur Mündung und ihre markanten Schreie werde ich noch lange in den Ohren haben. Ab und zu schob sich auch der plumpe Körper eines Bibers durchs Wasser. Diese Tiere sehen äußerst schlecht und wenn ich mich nicht bewegte, konnte ich direkt an ihnen vorbeitreiben. Die Nächte waren oft unruhig. Mal röhrte irgend ein Geweihträger direkt neben meinem Zelt, Frösche quakten in jedem Tümpel und andermals bezog eine Ente hinter meinem Zelt Stellung und schrie die halbe Nacht durch bis ich sie davonjagte.



    Hauptsache windstill.


    Tags darauf lag das Stadtgebiet von Orléans vor mir. Zahlreiche Brücken überspannen hier den Fluss. Im DKV Führer wird eindringlich von den omnipräsenten Eisenstäben gewarnt welche sich hier überall befinden sollen. Die Brücken waren gottseidank alle harmlos bis auf die Steinbogenbrücke "Pont Georges V" unter der mir hohe Wellen entgegenschlugen. In Orléans lag die erste Hälfte der Gesamtstrecke bereits hinter mir. Auf die zweite Hälfte von Orléans bis Nantes war ich besonders neugierig, da darüber nur sehr wenige Fahrtberichte zu finden waren.



    Breakfast at the bridge.


    Halbzeit

    Die Sonne brannte gnadenlos herunter und obwohl ich mich einhüllte wie ein Beduine, ging mir die Haut bald in Fetzen herunter. Endlose Geraden folgten nacheinander und ich war sogar schon froh, wenn ich wieder einmal auf ein Hindernis traf und wenn es nur die Reste einer eingestürzten Brücke waren, zwischen denen es eine Durchfahrt zu finden galt. Hunderte Möwen schwärmten in alle Richtungen und einige segelten krächzend lange Zeit neben mir her als wollten sie mir Mut zurufen. Am Abend suchte ich mir zwischen all dem Treibgut am Strand dann noch einen alten Sessel hervor, setzte mich zufrieden in die Sonne und fühlte mich wie ein König.



    Den Tag in der Abendsonne ausklingen lassen.


    Der Wind blies noch immer zu meinen Gunsten und ich kam nach wie vor gut voran. Mittlerweile befand ich mich bereits kurz vor Blois, wo die Loire von einem Walzenwehr zum sogenannten Lac de la Loire aufgestaut wird. Laut DKV Führer ein Stausee mit regem Segelboot- und Motorbootsverkehr. "Stausee paddeln zwischen Motorbooten, naja, wenigstens ist der See nicht sehr lang", waren meine Gedanken als ich mich dem Wehr weiter annäherte. Doch schon bald merkte ich, dass hier irgendetwas ganz und gar nicht stimmen konnte. Der Fluss war nämlich nach wie vor derartig seicht, dass weder Segel noch Motorboote auf ihm hätten fahren können. Auch die Strömung war immer noch beachtlich und von einem Stausee weit und breit nichts zu entdecken. Als ich beim Walzenwehr von Blois ankam, sah ich sofort dass dieses nicht mehr existierte. Lediglich die traurigen Betonpfeiler und eine leichte Stromschnelle zeugten noch davon, dass sich hier einst ein Wehr befunden hatte.



    Die Überreste des Walzenwehres.


    Wie ich bei meinen späteren Recherchen herausfand, war das Wehr in den 70er Jahren errichtet worden, um ein Naherholungsgebiet mit Hafen und allem möglichen anderen Popanz zu schaffen. Das Produkt wurde jedoch nie zu Ende realisiert und im Jahre 2005 besann man sich schließlich eines besseren. Nach langen und teilweise hitzigen Diskussionen entschied man sich schließlich gegen die Sanierung der Wehranlage und trug das Hindernis ab. Am DKV Führer (Auflage 2013), der das Wehr noch immer auflistet, scheint diese Tatsache vorbeigegangen zu sein. Ich freute mich jedenfalls wahnsinnig und zollte den Entscheidungsträgern meinen Respekt, diesen Schritt durchgesetzt zu haben. In Blois hatte ich dann erneut Glück.



    Blick auf die Loire in Blois


    Vater und Sohn einer französischen Familie passten mir auf mein Boot auf während mich die Mutter in die Stadt eskortierte um mir zu zeigen wo ich einkaufen konnte. Das Einkaufen war gewöhnlich immer eine ziemliche Qual für mich, da ich nie wusste was von meinem Boot bei meiner Rückkehr noch da sein würde. Dementsprechend dankbar war ich für die Hilfe der Franzosen und schenkte Ihnen zum Abschied noch eine große Tafel Schokolade für ihren kleinen Buben.


    Viel Lärm um nichts

    Leider war die Loire ab Blois nicht mehr ganz so erfreulich. An beiden Ufern führten Fernstraßen entlang, welche zwar durch die dichte Vegetation nicht zu sehen, aber sehr wohl zu hören waren. Die Landschaft war weitgehend unspektakulär und auch die Wasserqualität hatte nachgelassen. Ich erreichte das Stadtgebiet von Tours und davor graute mir schon seit langem. Im DKV Führer wird dieses ziemlich dramatisch dargestellt. Sieben Brücken soll es hier geben, für deren Besichtigung und Befahrung man insgesamt drei Stunden einplanen soll.

    "Na das kann ja heiter werden", dachte ich mir. "Wenigstens ist es erst zwei Uhr, da komme ich hoffentlich noch aus der Stadt und finde ein Lager bevor es Abend wird." Die ersten drei Brücken waren allesamt völlig harmlos und wären es nicht einmal wert gewesen erwähnt zu werden. Doch dann folgte die Pont Wilson, eine alte Bogenbrücke. Ich zitiere aus dem DKV Führer (Auflage 2013): " Sehr gefährlich, unbedingt anlanden! Infolge des Brückenneubaus befinden sich überall Moniereisen, vom Boot aus nicht zu sehen, größte Gefahr von Bootsschäden, auch beim Treideln! Diese Brückendurchfahrt ist praktisch unfahrbar."

    Das hörte sich wirklich gefährlich an und ich landete bald genug am linken Ufer an um mir die Sache anzusehen. "Komisch", dachte ich mir kopfschüttelnd "Brückenneubau". Die Brücke sieht nicht wirklich neu aus. Ich beäugte vom Ufer den linken Bogen, welcher problemlos fahrbar aussah. "Aber was ist mit den Eisenstäben? Das Wasser steht im Moment extrem niedrig. Wenn da wirklich welche sind bin ich erledigt." Die Brücke zu umtragen wäre sehr mühsam gewesen, dazu hätte ich bis zu einer Rampe zurück ein Stück flussaufwärts fahren müssen. "Weiß der Henker wie alt diese Infos sind, wahrscheinlich hat sich vor zwanzig Jahren in irgendeinem der vielen Bögen jemand das Boot ruiniert und jetzt schreiben sie zur Sicherheit rein dass überall Eisenstäbe sind. Hätte ich den Führer nicht dabei wäre ich da auch bedenkenlos durchgefahren." Ich beschloss meinem Urteilsvermögen zu trauen, setzte mich ins Boot und fuhr unbeschadet unter dem Brückenbogen hindurch. "Soviel dazu.", nickte ich zufrieden. Zuhause fand ich dann auch heraus wann der Brückenneubau stattgefunden hatte. Im Jahre 1982 fast zehn Jahre vor meiner Geburt.

    Ich will es kurz machen. Auch die drei verbleibenden Brücken waren völlig harmlos und statt der veranschlagten drei Stunden hatte ich nicht einmal eine einzige gebraucht um das Stadtgebiet von Tours hinter mir zu lassen.



    Mein Lager in der blauen Lagune.


    Die Loire wurde immer breiter und mit jedem Tag ging es zäher voran. In mittem des riesigen Gewirrs von Armen wurde es immer schwerer den Hauptarm zu finden und ich schafft es immer wieder mich im seichten Wasser festzufahren. Wenn das passierte war lautes Fluchen an der Tagesordnung. Denn wenn ich aus dem Boot stieg versank ich bis über die Knie im feinen Sand und wenn man dem DKV Führer glauben schenken mag, sollen darin bereits Kinder den Tod gefunden haben. An manchen Stellen war der Fluss derartig breit, dass es aussah als würde er bergauf fließen.

    Eines Abends geriet ich in einen gewaltigen Sturm. Das Wasser verfärbte sich tintenschwarz, was die Navigation in den Untiefen zusätzlich erschwerte. Der Wind peitschte seitlich gegen mein Boot und drückte mich gegen das Ufer. Ich wollte bereits längst mein Zelt aufstellen doch am rechten Ufer verlief eine Schnellstraße und linksufrig befand sich eine Steilböschung mit Viehweiden welche durch Stacheldraht zusätzlich geschützt wurden.



    Mein Lager in der mitte des Flusses auf der Höhe von Saumur.


    Die letzten Etappen

    Die letzten 150 Kilometer waren dann schon eine ziemliche Qual. Der Wind kam von allen Richtungen, und ich kaum noch vorwärts. Oft ging mir durch den Kopf ob es denn nicht vernünftiger gewesen wäre die Tour in Orléans zu beenden. Am Abend beschloss ich in einen 25 Kilometer lange Nebenarm einzufahren, den soganannten Louet. Dieser mündet später wieder in den Hauptstrom, ist allerdings viel kleiner und soll landschaftlich sehr reizvoll sein. So stand es zumindest im DKV Führer. Irgendwann hatte ich die Abzweigung dann auch tatsächlich erreicht. Allerdings war der Lout bei meinem niedrigen Wasserstand nur ein winziges Rinnsal. Ich war schondabei in ihn einzufahren, da riss ich im letzten Moment instinktiv mein Boot zurück in den Hauptstrom. Ich weiß bis heute nicht warum, aber ich hatte ein extrem ungutes Gefühlt und werde wohl niemals erfahren was mir da entgangen, oder vielleicht sogar erspart geblieben ist. Leider hatte ich es versäumt mich mit ausreichend Lebensmitteln einzudecken und am Abend löffelte ich missmutig ein letztes abgelaufenes Joghurt.



    Irgendwo im Nirgendwo.


    Die Loire nahm nun den Charakter eines Flusses an der kurz vor seiner Mündung steht. Die Fahrrinne war mit Bojen markiert und an den Ufer fanden sich Wegweiser welche bei Abzweigungen den Hauptarm markierten. Allerdings ließ die Wasserqualität hier nocheinmal extrem nach und erneut schwammen dicke Schaumkronen auf der Wasseroberfläche. Große Steinbuhnen säumten die Ufer, welche mit Steinschüttungen befestigt waren. Auch das Zelten wurde immer schwieriger denn die Inseln waren mittlerweile so groß dass sie häufig bewohnt waren. Wenn dies nicht der Fall war konnte man sich sicher sein, dass es sich um Weidegründe handelte von denen einem schon die Ziegen entgegenmeckerten, noch bevor man überhaupt einen Fuß an Land setzen konnte.



    Gute Lagerplätze zu finden wurde immer schwieriger.


    Letztendlich war es dann an der Zeit die letzte Etappe nach Nantes zu bestreiten. Es waren noch etwa vierzig Kilometer aber ich wollte nur noch ankommen und war fest entschlossen die Stadt noch an diesem Tag zu erreichen. Die ersten 25 Kilometer gingen noch relativ gut von der Hand, aber dann wurde es noch einmal richtig mühsam. Die Gezeiten waren hier bereits deutlich zu spüren und die Flut hatte soeben ihren Höhepunkt erreicht. Zwar musste ich gegen keine Gegenströmung ankämpfen aber dafür blies mir ein derartig starker Wind entgegen, dass mir Hören und Sehen verging. Ich paddelte mit all meiner Kraft und benötigte dennoch beinahe vier Stunden für die letzten zwölf Kilometer.



    Blick auf die Loire in Nantes.


    Als ich in Nantes aus dem Wasser kletterte hatte ich meine Kräfte derartig überstrapaziert, dass ich mich am Geländer festhielt um nicht umzufallen. Der Gezeitenunterschied betrug hier bereits mehrere Meter und wenn Ebbe herrschte konnte man wegen der schlammigen Ufer fast nirgends anlanden. Ich war so froh dass ich endlich am Ziel war, dass ich auch die fast 300 Euro für den Zug nach Hause gerne hinlegte. Die Strecke von Blois nach Nantes würde ich im Leben nie wieder fahren, zumindest nicht in einem Luftboot. Ich denke dass ich der erste Mensch bin der je die Loire mit einem Grabner Luftboot auf einer derartig langen Strecke befahren hat.





    Flussführer zur Loire

    Für alle die die Loire gerne selber einmal befahren möchten habe ich ein paar Tips zusammengestellt die hier zu finden sind.



    Flussporträt

    Und hier noch ein kleines Flussporträt in Form eines Videos.

    Geändert von StevePeacewalker (27.04.2014 um 17:46 Uhr) Grund: Defekte Wikilinks entfernt

  2. AW: [FR] Loire im April - 680 Kilometer im Luftboot von Roanne bis Nantes

    #2
    Danke Dir für den den anschaulichen Bericht - vor allem aber für die herrlichen Bilder!
    Jetzt weiß ich auch, wie meine Radstrecke m letzten Jahr vom Fluß aus ausgesehen hat.

    Viel Spaß für die nächste Tour
    hosentreger
    Neues Motto: Der Teufel ist ein Eichhörnchen...

  3. Dauerbesucher

    Dabei seit
    09.05.2006
    Ort
    in meinem Zelt
    Beiträge
    785

    AW: [FR] Loire im April - 680 Kilometer im Luftboot von Roanne bis Nantes

    #3
    Steve, ein riesengroßes Dankeschön für diesen spitzenmäßigen Bericht. Ich freue mich immer über Reiseberichte, in denen es nicht nur darum geht, möglichst dramatische und spektakuläre Bilder zu posten, sondern in denen auch die Informationsvermittlung im Vordergrund steht. Dein Video ist in dieser Richtung einfach großartig. Besonders gut gefallen hat mir die Seite mit den Tipps zur Loire auf Deiner Website mit den ausführlichen Beschreibungen der Hindernisse - einfach vorbildlich. Von mir dafür

    Kannst Du vielleicht noch mal ein kurzes Fazit geben, wie Dir die insgesamt Tour gefallen hat und wem Du sie empfehlen kannst?
    The big trip - an outdoor life hiking, cycling and paddling: 32.000 zu Fuß, 30.000 km per Fahrrad, 6.500 km im Boot

  4. Moderator
    Alter Hase
    Avatar von ronaldo
    Dabei seit
    24.01.2011
    Ort
    München
    Beiträge
    3.812

    AW: [FR] Loire im April - 680 Kilometer im Luftboot von Roanne bis Nantes

    #4
    Schön, dass du wieder mal eine Tour einstellst... ja lass uns bitte noch ein Fazit hören.

  5. AW: [FR] Loire im April - 680 Kilometer im Luftboot von Roanne bis Nantes

    #5
    Zitat Zitat von hosentreger Beitrag anzeigen
    Danke Dir für den den anschaulichen Bericht - vor allem aber für die herrlichen Bilder!
    Jetzt weiß ich auch, wie meine Radstrecke m letzten Jahr vom Fluß aus ausgesehen hat.

    Viel Spaß für die nächste Tour
    hosentreger
    Da schließe ich mich an! Ich war 2012 an der Loire bis Nantes unterwegs.
    VG_rockhopper

  6. Fuchs
    Avatar von Philipp
    Dabei seit
    12.04.2002
    Ort
    Strata Montana
    Beiträge
    1.206

    AW: [FR] Loire im April - 680 Kilometer im Luftboot von Roanne bis Nantes

    #6
    Danke, Steve, für Deinen stimmungsvollen Bericht.

    Auch wenn Deine Erfahrungen belegen, daß man nicht allen Angaben im DKV-Führer trauen kann, so scheint es doch zu stimmen, daß die Loire ab Blois nicht mehr so der Bringer ist (obwohl sich Deine Beschreibung des Flußarmgeflechtes doch interessant anhört).

    Viele Grüße, Philipp (nur Loireerfahrung bis Beaugency )
    "Oft vereint sind im Gemüte Dämlichkeit und Herzensgüte." - W. Busch

  7. AW: [FR] Loire im April - 680 Kilometer im Luftboot von Roanne bis Nantes

    #7
    Danke für eure netten Worte Leute, wie ich Christine bereits per PN geschrieben habe, den ersten Abschnitt bis Orléans kann ich uneingeschränkt empfehlen. Der Rest der Strecke bis Nantes kann da nicht mehr mithalten aber wenn man schonmal dort ist und Zeit dafür hat, warum nicht? Geheimtip ist es jedenfalls keiner.

  8. Fuchs
    Avatar von blauloke
    Dabei seit
    22.08.2008
    Ort
    Schnaittenbach
    Beiträge
    1.527

    AW: [FR] Loire im April - 680 Kilometer im Luftboot von Roanne bis Nantes

    #8
    Ich bin zwar selber kein Paddler, freue mich aber jedesmal über deine Flussgeschichten.
    Wie immer ein informatiever und unterhaltsamer Bericht von dir.
    Du kannst reisen so weit du willst, dich selber nimmst du immer mit.

  9. AW: [FR] Loire im April - 680 Kilometer im Luftboot von Roanne bis Nantes

    #9
    Zitat Zitat von blauloke Beitrag anzeigen
    Ich bin zwar selber kein Paddler, freue mich aber jedesmal über deine Flussgeschichten.
    Wie immer ein informatiever und unterhaltsamer Bericht von dir.
    Danke für deine netten Worte, der nächste Bericht kommt bestimmt.

  10. AW: [FR] Loire im April - 680 Kilometer im Luftboot von Roanne bis Nantes

    #10
    Hallo Steve,
    sehr schöner Gesamtbericht prima auch die Zusammenstellung aller Infos zum Streckenverlauf!
    Wie schwer war Deine Ausrüstung insgesamt? Saludo Kai
    Die Natur braucht sich nicht anzustrengen, bedeutend zu sein. Sie ist es. Robert Walser (1878-1956) www.travelkai.de

  11. AW: [FR] Loire im April - 680 Kilometer im Luftboot von Roanne bis Nantes

    #11
    Zitat Zitat von StevePeacewalker Beitrag anzeigen
    ... Ich denke dass ich der erste Mensch bin der je die Loire mit einem Grabner Luftboot auf einer derartig langen Strecke befahren hat. ...


    Danke für den schönen und informativen Reisebericht.

  12. AW: [FR] Loire im April - 680 Kilometer im Luftboot von Roanne bis Nantes

    #12
    Hallo Steve.... danke für deinen Superreport über die Loire. Ich hab den erst jetzt entdeckt im Forum hier. Mir scheint, du hast sehr realistisch mit Worten beschrieben, was einen erwartet. Das finde ich gut!
    Weiters: Ich möchte mich der Frage von Kai anschließen:1. Wie schwer war deine Ausrüstung incl Rucksack mit der du per Zug unterwegs warst. 2. Hat sich alles bewährt, oder was würdest du noch optimieren? Könntest du dazu mal was Genaueres sagen?
    Schöne Grüße aus dem Allgäu und Servus! Helga mit Debbie :-)

Aktive Benutzer

Aktive Benutzer

Aktive Benutzer in diesem Thema: 1 (Registrierte Benutzer: 0, Gäste: 1)