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  1. Dauerbesucher
    Avatar von GandalftheGrey
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    [NO][FI] Nordkalottleden von Kautokeino bis Kilpisjärvi

    #1
    Mitreisende: GandalftheGrey
    Warum sich Klebstoff und Träume nicht immer vertragen...

    Reiseziel: Lappland
    Reisezeit: Juli 2011
    Teilnehmer: ich


    Nachdem es heutzutage für Studenten fast schon normal ist, nach dem Studium erst einmal einen groß angelegten Urlaub zu machen, wollte ich da nicht zurückstecken. Nachdem ich schon oft mit dem Rucksack unterwegs war, teils in Deutschland, teils in Lappland, lag es nahe, meinen "Grand Holiday" mit Trekking zu verbringen. Die Frage, wo es hingehen sollte, war dann schon kniffliger. Mir war klar, dass es ein Langstreckenweg sein sollte, und der Appalachian Trail spukte auch mal kurz in meinem Kopf herum, aber ob das finanziell drin war, und ob ich meine Abneigung gegen zu warmes Klima und bescheuerte Einreisebestimmungen überwinden würde, stand auf einem anderen Blatt.
    2008, als ich auf dem Padjelanteleden unterwegs war, fiel dann die Entscheidung, als ich vom Nordkalottleden hörte. Um die Tour noch bis in den Herbst zu ziehen, wollte ich ab Kvikkjokk noch bis Hemavan gehen und so auf eine Urlaubslänge von guten drei Monaten kommen.
    Dank einiger Verzögerungen bei Studium dauerte es aber dann noch glatte drei Jahre, bis meine Traumtour dann endlich stattfinden konnte...

    In drei Jahren kann allerdings viel passieren, was einem die Tourenplanung durchaus vermurksen kann, wenn man nicht aufpasst. Als Berechnungsgrundlage für meine Etappen und den Nahrungsbedarf nahm ich die Padjelanta-Tour von 2008, da diese Tour am ehestem dem entsprach, was ich vorhatte (schließlich ist der Padjelantaleden Teil des NKL). Blöderweise habe ich nicht berücksichtigt, dass ich 2008 noch geraucht habe und obendrein untrainiert auf Tour bin, und deswegen damals mein Stoffwechsel hoch und meine Laufleistung niedrig waren. Und so rutschte ich bei der Lebensmittelplanung in eine Spirale aus geringer Laufleistung, hohem Futterbedarf und daraus resultierendem hohem Rucksackgewicht, welches wieder zu Lasten der Laufleistung geht. Das Endergebnis war die irrige Annahme, dass ich auf der ersten Etappe! für 20 Tage Essen (incl. Notreserve) dabei haben müsste. Bei einem Kilo Futter pro Tag war das natürlich ein gewaltiger Brocken zu schleppen, und da meine Basisausrüstung auch nicht gerade UL war, hatte ich die zweifelhafte Ehre, zu beweisen, dass Deuter wirklich verflixt stabile Rucksäcke baut.
    Naja, genug Vorgeplänkel, Zeit für den wichtigen Teil...

    08. bis 10. Juli

    Die Anreise erfolgte per Bahn, da ich Fliegen aus ideologischen Gründen nicht mag und ich wegen meines Gepäcks horrende Übergepäckgebühren hätte zahlen müssen.
    Drei Tage in Zug, Fähre und Bus mögen einem lang erscheinen, aber bei geplanten 90 Tagen im Fjäll ist das vertretbar. Außerdem wird so die Anreise selbst schon zum Erlebnis und man hat genug Zeit, sich zu lösen. Wobei man vielleicht nicht unbedingt konsequent auf Liegeplätze verzichten sollte. Auf Sitzplätzen schläft es sich halt doch nicht allzu bequem.
    Das einzige wirkliche Problem bei der Reise hatte ich in Stockholm, als ich vom Bahnhof zur Fähre wollte. Dank Bauarbeiten am Stockholm Central fand ich die Haltestelle für das Fährenshuttle nicht und musste letzten Endes mit dem Taxi fahren. Da Taxis in Stockholm unverschämt teuer sind, haben mich die 20 Minuten bis zum Hafen dann gleich mal umgerechnet 40 Euro gekostet. Abgesehen davon lief es aber trotz eines straffen Zeitplanes reibungslos, und so befand ich mich am 10.07. am späteren Nachmittag kurz vor Kautokeino, als plötzlich ein heftiges Gewitter losbrach.


    Böses Vorzeichen oder doch nur ein Gewitter?

    Da ich der einzige Passagier im Bus war und ich nicht unbedingt Lust hatte, meine erste Nacht im Fjäll gleich bei Gewitter zu verbringen, lies ich mich vom Busfahrer beim Hotel absetzen. Das war aber auch nicht gerade billig und da das Gewitter so plötzlich verschwand, wie es gekommen war, bin ich dann doch noch losmarschiert.
    Den Startpunkt zu finden war nicht besonders einfach, da ich für die ersten vier Kilometer keine Karte dabei hatte und der Weg hin zum Nordkalottleden nicht markiert ist. Ein Autofahrer, den ich kurzerhand angehalten habe, hat mir dann netterweise weitergeholfen und so stand ich am frühen Abend dann endlich mal am Ziel meiner (An)Reise.
    Ich ging nur noch außer Sichtweite des Sami-Zentrums am Startpunkt und baute mein Zelt auf. Ich hatte noch eine Menge Schlaf nachzuholen...

    11. Juli

    In der Nacht hat es geregnet, aber viel zu hören war davon nicht gewesen, da die Mücken, die im Außenzelt gefangen sind, ebenfalls ein prasselndes Geräusch erzeugen. Dank beständigem, warmen Wind ist das Zelt aber schön trocken, als ich es verpacke.
    Umsurrt von Moskitos und Knotts beginne ich meinen Marsch durch den Sumpf.


    Hier weisen einem gnädigerweise Spuren den Weg

    Sehr schnell mache ich die Entdeckung, dass mein MYOG-Kopfnetz zwar die Moskitos wunderbar abhält, aber die Maschen zu weit sind, um auch vor den Knotts zu schützen, und so sind meine Ohren und mein Hals bald voller Bisswunden. Korrekt gelesen, Bisswunden. Die Biester stechen einen nicht, sondern beißen die Haut auf und schlabbern dann das Blut. Folglich bluten die Zapfstellen dann noch eine Weile nach, was einem nach einer Zeit ein gewisses brutales Aussehen verschafft.

    Der Rucksack trägt sich entgegen aller Befürchtungen überraschend gut. Zehn Kilo leichter wären natürlich schon deutlich angenehmer, aber dass sich ein Rucksack um so bequemer trägt, je leichter er ist, ist ja nichts neues.

    Am Beahcegeasvarri darf ich dann die Erfahrung machen, dass die Markierung des NKL bisweilen ein Aufmerksamkeit forderndes Miststück ist. Einmal kurz nicht aufgepasst, und schon folge ich einer falschen Fährte auf die Bergkuppe. Dort oben habe ich zwar einen wunderbaren Ausblick über die Gegend und treffe die ersten Exemplare der ansässigen Avifauna, aber leider finde ich außer einer Art Gipfelbuch nichts, was an einen Wanderweg erinnert.
    Ein Blick in die Karte verrät mir, dass ich erst einmal wieder abwärts muss, um wieder auf Kurs zu kommen. So weit die Theorie...
    In der Praxis musste ich dann die ungefähren Koordinaten einer markanten Wegstelle aus der Karte herausmessen und diesen Punkt dann mit dem GPS suchen. Und da das Messen aus einer 1:100:000er Karte nicht sehr exakt ist, war es auch mehr Glück als Können, dass ich den Weg nach einer Stunde Unterholz-Safari wieder gefunden habe.
    Leider hielt das Glück nicht lange an, und bereits im Tal verschwand die Markierung wieder und überließ es meiner Phantasie, mir einen Weg durch das Moor zu suchen.
    Da das Wetter recht warm und die Blutsauger entsprechend aggressiv waren und ich, nachdem ich stellenweise bis zum Knie im Torf versunken bin, in Verbindung mit Restmüdigkeit von der Anreise wirklich miese Laune bekam, beschloss ich, bereits mittags auf einem trocken Flecken mein Lager aufzustellen und erst einmal eine Runde pennen zu gehen.


    Meine Zuflucht

    Am Abend hatte ich dann wirklich ausgeschlafen, und da ich heute zwar nicht mehr weitergehen, aber auch nicht nur untätig rumhocken wollte, schnappte ich mir Karte und GPS und machte mich auf die Jagd nach dem Weg. Ich beschloss, die Sache von hinten aufzurollen und querte das Moor frei Schnauze. Am Nordrand fand ich mittels Karte den Weg wieder und folgte ihm dann nach Süden, bis ich an der Stelle stand, wo ich ihn am Vormittag verloren hatte.
    Mit dem guten Gewissen, dass ich am nächsten Tag in Ruhe weiterziehen kann, drückte ich mir noch schnell was zu essen rein, bevor ich vor den Knotts ins Zelt floh.
    Geändert von GandalftheGrey (07.07.2012 um 03:30 Uhr) Grund: Geotag wiederhergestellt

  2. Anfänger im Forum

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    AW: [NO][FI] Nordkalottleden von Kautokeino bis Kilpisjärvi

    #2
    Guten Abend Gandalf ;)

    sehr schöner Start. Ich bin gespannt auf die Fortsetzung!

    Danke schon im Vorraus

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    Avatar von Mortias
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    AW: [NO][FI] Nordkalottleden von Kautokeino bis Kilpisjärvi

    #3
    Ein sehr schöner Start, macht Lust auf mehr. Hab ich Dich jetzt richtig verstanden, dass Du auch die kompletten 3 Monate unterwegs warst und bis Hemavan gelaufen bist? Dann wäre dieser Bericht ja erst der Anfang Deiner Tour und es würden hoffentlich weitere spannende Reiseberichte von Dir folgen.

  4. Dauerbesucher
    Avatar von GandalftheGrey
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    AW: [NO][FI] Nordkalottleden von Kautokeino bis Kilpisjärvi

    #4
    Spoileralert:
    @ Mortias: schön wär´s gewesen, aber leider sollte dem nicht so sein. In Kilpisjärvi war für mich bereits wieder Schluss, da meine Stiefel einen Materialfehler hatten. Mit ablösender Sohle läuft sich´s schlecht durch´s Fjäll und kurzfristig Ersatz beschaffen ging auch nicht. Mehr dazu steht hier.
    Zurück zum Bericht:

    12. Juli

    Wieder Regen in der Nacht und da ich jetzt auch kein Schlafdefizit mehr habe, konnte ich auch die Helligkeit um Mitternacht genießen. Ob es Mitternachtssonne gegeben hat, kann ich aber nicht sagen, dafür war es zu bewölkt.
    Bereits um sieben Uhr morgens breche ich bei bewölktem Himmel auf, nach einem ausgiebigen Frühstück, und überquere das Moor, diesmal ohne einzusinken. Nach einem kurzen Stückchen durch den Wald kommt aber die erste Überraschung des Tages:



    Zu breit für einen beherzten Schritt und zu tief, um sich mit den Trekkingstöcken anständig abzustützen, also bleibt nur ein Balanceakt, um weiter zu kommen. Nach kurzem Zaudern bin ich aber drüber und kann meinen Weg durch den klatschnassen Wald fortsetzen, immer wieder mit dem Rucksack in den Ästen hängen bleibend. Naja, nach vier Tagen darf man auch mal wieder duschen...
    Als ich den Goaskinvarri erklomm, wechselte das Wetter von kühl, aber windstill zu kalt und windig. Mehr damit beschäftigt, mich windfest zu verpacken als meine Umgebung zu beobachten, ging ich den Hügel wieder herunter, der ATV-Spur folgend, in der ich schon hoch bin... keine gute Idee. Die Detuor kostet mich eine Stunde.
    Auf dem Gipfel biegt der Weg nach links ab, während die Spur geradeaus weiterführt.
    Leider ist der Weg an dieser Stelle nur anhand der spärlichen roten Kleckse auf Steinen und Bäumen zu erkennen, eine ausgetretene Spur sucht man vergebens. Mit geschärfter Aufmerksamkeit marschiere ich talwärts und treffe dort auf den ersten breiteren Fluss, den es zu überqueren gilt. Dank zahlloser Steine und sehr flacher Stellen brauche ich mein Schuhwerk nicht zu wechseln.
    Nach einer Weile erreiche ich die Straße, die von Kauotokeino nach Nordwesten an Conuvouhppi vorbei führt. An diesem markanten Streckenabschnitt beschließe ich, erst einmal eine kleine Pause zu machen und die nächste halbe Stunde dem Nahrungsverzehr zu widmen. So weit so gut, nur war ich das Essen.


    Es geht doch nichts über Gesellschaftsreisen

    Da ich nicht vorhabe, in Madam Bongos Fjällstue zu übernachten, sehe ich auch keinen Grund, dorthin zu laufen, und so folge ich der Teerstraße für zwei Kilometer gen Norden. Die Abkürzung bringt mir meine erste Lemmingsichtung ein, aber leider verhindert der Busch, in dem das Biest sich versteckt, ein scharfes Foto.


    Wenn schon kein Lemming, dann enthalte ich euch wenigstens die Straße nicht vor

    Nachdem ich wieder auf den Trail gestoßen bin, laufe ich noch eine Weile bis unter der Hochspannungsleitung durch und baue dann oberhalb eines kleinen Sees mein Camp auf. Der dritte Tag ist bei mir von je her der Tiefpunkt einer jeden Tour, daher habe ich schon gar keinen Anspruch, heute mehr zu schaffen.

    13. Juli

    Kalter Wind von Norden hat das Thermometer merklich gesenkt. Das ist zwar gut, was die Blutsauger angeht, aber schlecht für meine Erkältung, die ich mir scheinbar am Goaskinvarri geholt habe. Naja, hilft alles nix... heißer Tee und warme Klamotten an den Mann und los geht´s.
    Nach kurzer Zeit merke ich, dass was wichtiges fehlt... die Markierung. Also mal wieder umdrehen und den Weg zurückmarschieren. Glücklicherweise muss ich nicht weit. Den Trail hab ich schon am Tag vorher verlassen, ohne es zu merken, als ich einen Zeltplatz gesucht habe.
    Nachdem sich mein Rücken mittlerweile vollständig an den 90-Liter-Wandschrank gewöhnt hat, fällt es mir jetzt auch bedeutend leichter, die Markierung nicht aus den Augen zu verlieren.

    Die Landschaft verändert sich zwar nur minimal, aber merklich. Mehr Bäume, weniger Sumpf.


    Aussicht vom ersten Hügel des Tages

    Relativ leichten Fußes stemme ich mich dem eiskalten Wind entgegen und geniesse die Landschaft. Trotz Erkältung kommt jetzt erstmalig ein echtes Gefühl von Friluftsliv auf und gut gelaunt erklimme ich den nächsten Hügel, wo ich als Kenner des Films "St. Jacques - Pilgern auf französisch" erst einmal herzhaft lachen muss.

    Hier ist der Grund:



    Kurz darauf mache ich dann Bekanntschaft mit dem Schrecken aller Solowanderer, die sich nach Lappland trauen: dem bösartigen, gemeinen, hinterhältigen...


    GOLDREGENPFEIFER!

    Ernsthaft, diese Biester sind nach einer Weile durch ihr monotones Gepiepse und ihre Angewohnheit, einem zu folgen, derart nervig, dass es fast nicht zum Aushalten ist.

    Vorbei an einer Rentiersammelstelle und den Überresten einer weiteren Rentierzuchteinrichtung geht es weiter und allmählich bergauf, ewig dem Gipfel des Rivkkos entgegen. Den Gipfel selbst lasse ich aber aus, da ich an dem kleinen See westlich des Gipfels mein Lager aufschlagen will.
    Leider ist die Wasserqualität nicht die beste und eine geeignete Stelle findet sich auch nicht, so dass ich noch einen See weitergehe und mein Zelt innerhalb der Grenzen des Reisa-Nationalpark aufstelle. Dabei kommen auch erstmalig meine Rockpins zum Einsatz, da der Boden hier so hart ist, dass meine Y-Heringe nicht einmal mit Gewalt reingehen.
    Kaum habe ich gegessen, beginnt es kurz, aber heftig zu regnen. Danach kommt die Sonne noch einmal hervor und ich werde für die heutigen Mühen mit einem fantastischen Licht belohnt, das die Landschaft verzaubert und alles in ein warmes Glühen hüllt.



    Trotz Erkältung bleibe ich noch eine ganze Weile außen sitzen und geniesse die Szenerie.
    Geändert von GandalftheGrey (03.04.2012 um 19:18 Uhr) Grund: Typos und verlinkte Bilder

  5. Dauerbesucher
    Avatar von Lotta
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    AW: [NO][FI] Nordkalottleden von Kautokeino bis Kilpisjärvi

    #5
    Sehr schön !

    Aber dass du dank der Lundhags deine Tour abbrechen musstest, ist ja wirklich total ärgerlich

  6. winnetoux
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    AW: [NO][FI] Nordkalottleden von Kautokeino bis Kilpisjärvi

    #6
    Es geht doch nichts über Gesellschaftsreisen.
    GOLDREGENPFEIFER!

    Freu mich auf weitere neue klassische Redewendungen für den Wanderwortschatz.

  7. Liebt das Forum
    Avatar von Prachttaucher
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    AW: [NO][FI] Nordkalottleden von Kautokeino bis Kilpisjärvi

    #7
    von mir auch ein Danke, daß Du zu diesem Abschnitt einen Bericht reinstellst. Die anderen Abschnitte sind (gefühlt) populärer und besser beschrieben. Vielleicht gehe ich die Strecke in 2013 ?

  8. Dauerbesucher
    Avatar von Mortias
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    AW: [NO][FI] Nordkalottleden von Kautokeino bis Kilpisjärvi

    #8
    Ja das mit den Lundhags ist wirklich bitter. Aber danke für die Info mit dem Goldregenpfeifer. Ich wusste bisher nicht wie diese nervigen Viecher heissen und hab sie immer nur Piepvögel genannt. Auch ansonsten schön informativ geschrieben. Das Problem mit dem Verlieren des Weges scheint ja auf dem Nordkalottleden nicht gerade selten zu sein. Hab das (weiter südlich) auch recht häufig erlebt.

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    Avatar von GandalftheGrey
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    AW: [NO][FI] Nordkalottleden von Kautokeino bis Kilpisjärvi

    #9
    Mist, und ich hatte schon gehofft, dass das nach Süden hin besser wird.
    Mit etwas Glück bin ich diesen Sommer unverplant und kann einen zweiten Versuch starten, da werd ich deine Warnung dann im Kopf behalten.

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    Avatar von Mortias
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    AW: [NO][FI] Nordkalottleden von Kautokeino bis Kilpisjärvi

    #10
    Zitat Zitat von GandalftheGrey Beitrag anzeigen
    Mist, und ich hatte schon gehofft, dass das nach Süden hin besser wird.
    Mit etwas Glück bin ich diesen Sommer unverplant und kann einen zweiten Versuch starten, da werd ich deine Warnung dann im Kopf behalten.
    Keine Sorge, so schlimm war es bei mir (Abschnitt Vaisaluokta bis Gautelis) auch nicht. Dort musste ich zumindest nie umdrehen und hatte bestenfalls kleinere Umwege in Kauf zu nehmen. Generell gab es meist auch genug andere markante Landschaftspunkte wie größere Seen an denen man sich auch ohne Wegweiser gut orientieren konnte. Nur die Karte musste ich halt entsprechend oft rausholen. Dafür kann ich den Routenverlauf jetzt ziemlich gut ausm Kopf nachzeichnen.

  11. Liebt das Forum
    Avatar von Prachttaucher
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    AW: [NO][FI] Nordkalottleden von Kautokeino bis Kilpisjärvi

    #11
    An manchen Abschnitten, z.B. längs eines Seeufers, ist es auch einfacher sich selbst einen passenden Weg durch das Gelände zu suchen. Eine (nicht unbedingt notwendige) Komfort-Lösung : GPS mit Karte. Gelegentlich habe ich das schon mal kurz angemacht, um zu schauen wie weit ich vom Weg abgewichen bin.

  12. Dauerbesucher
    Avatar von GandalftheGrey
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    AW: [NO][FI] Nordkalottleden von Kautokeino bis Kilpisjärvi

    #12
    14. Juli

    Die Temperatur fällt weiter. Nachts hatte es stellenweise gerade mal 6°C und ich musste/konnte erstmalig auf dieser Tour meinen Schlafsack schließen.
    Begleitet vom Gepiepse der fliegenden Stimmungskiller geht es abwärts Richtung Reisavannhytta. Sobald der Raisjavri in Sichtweite kommt, ist erst einmal wieder Schluss mit Kahlfjäll (und Gefiepse) und die Birken und Mücken kommen wieder, letztere dank des kalten Wetters nur spärlich.


    Kreative Wegmarkierung

    Auch der Weg wird feuchter und kurze Zeit später stehe ich wie schon so oft vor einem Moor. Und wie so oft hat die Markierung Angst vor mir und versteckt sich. Dank der Stromleitung, die auch in der Karte verzeichnet ist, ist es aber diesmal kein Problem, einfach frei Schnauze durchzumarschieren und den Weg auf der anderen Seite wiederzufinden.
    An der Reisavannhytta vorbei, wo mir ein Wegweiser sagt, dass ich bereits 38 km geschafft habe, ist der Weg noch gut markiert, aber sobald der Weg auf eine Schotterstraße stößt, ist mal wieder Eigeninitative gefordert. Die Karte kann mir nicht helfen, da sich die fragliche Stelle genau auf einer Knickfalte befindet und somit unlesbar ist.
    Mit etwas Sucherei stehe ich dann aber bald wieder vor einer brauchbaren Markierung:


    Suchspiel am Traumstrand; in echt ist die Markierung genauso schlecht zu sehen wie auf dem Foto

    (Für die, die zu faul sind, sich das Bild in groß in der Galerie anzusehen: der rote Klecks befindet sich an dem Masten rechts im Bild)

    Für die nächste Zeit folgt der Weg mal wieder einer ATV-Spur, was zumindest bis hinter die kleine Hütte an der Stromweiche noch ganz OK ist. Ab dann wird es erst einmal wieder grenzwertig. Wieder geht es ins Moor, diesmal ist aber dank der Spur ein Verlieren des Trails ausgeschlossen. Die Schneise, die die Räder der Geländevehikel dort in die Vegetation gefräst haben, ist leider nicht nur gut sichtbar, sondern auch extrem schlammig. Bei fast jedem Tritt sinkt man bis über den Knöchel in die braune Tunke ein und nur ein auf die ganze Länge verlegtes Drahtgeflecht verhindert, dass man noch tiefer einsinkt.


    Und das ist noch ein solideres Teilstück

    Eine Furtstelle ist auf dieser Etappe zu bewältigen, was an sich kein Problem ist. So lange man von der ATV-Furt abweicht und sich seinen eigenen Weg über die Steine sucht, kommt man eigentlich trockenen Fußes über den Fluss. Falls man den direkten Weg wählt, muss man halt zweimal Schuhe wechseln.
    Nicht lange nach der Furt geht es kurz vor einem Rentiergatter wieder auf trockenen Boden.
    Nach einem kurzen Anstieg und zwei Kilometern kommt der Raisjavri wieder in Sicht. Der Weg wird auch wieder sumpfiger, aber diesmal hält es sich noch in Grenzen. Am Ufer des Sees tauchen ein paar Hütten auf, aber von Menschen keine Spur.
    Wenig später begegnen mir dann doch mal zwei Wanderer, die ersten Menschen seit ich Fuß auf den Nordkalottleden gesetzt habe. Außer der Standard-Begrüßung unter Wanderern wird aber kein Wort gewechselt.

    Wenig später erwartet mich dann eine weitere größere Furtstelle, die diesmal weniger Steine bereithält, als mir lieb ist.
    Nach kurzem Überlegen beschließe ich dann doch, es mit Stiefeln statt Sandalen zu versuchen und hopse munter von Stein zu Stein. Leider waren die Abstände in der Mitte dann etwas größer, als es vom Ufer her aussah, und da ich nicht wieder umkehren wollte, musste ich dann auch Steine unter der Wasseroberfläche zu Hilfe nehmen. Wäre der Wasserstand nur ein paar Zentimeter höher gewesen, hätte ich nasse Füße gekriegt.


    Sieht doch ganz einfach aus, oder?

    Ich folge dem Weg noch ein paar Stunden und stoße dann auf einen recht schönen Flecken, wo ich erst einmal Pause machen will. Der Platz bietet sich aber derart gut als Lagerplatz an, dass ich beschließe, heute nicht mehr weiter zu gehen.
    Während des Zeltaufbaus entdecke ich die Hinterlassenschaften von anderen Wanderern:


    Ein erneutes Vorzeichen?

    Ich verputze mein Abendessen und lege mich ins Zelt, um noch etwas Kartenstudium zu betreiben, und kaum ist der Reißverschluss zu, beginnt es zu regnen. Das nenne ich perfektes Timing.
    Die Karte sagt mir, dass ich meinen Abstand zu Kautokeino auf nunmehr 60 km vergrößert habe, was in Anbetracht der gewanderten Tage für mich heißt, dass ich schneller unterwegs bin als geplant. Zum ersten Mal kommen mir Zweifel, ob meine Nahrungsmittelkalkulation richtig war oder ob ich nicht etwas viel dabei habe.

    15. Juli

    Beflügelt von den bisherigen Leistungen peile ich heute die Nedrefosshytta als Tagesziel an und da es erst einmal nur leicht bergauf geht und ich kaum mit Wald und Sumpf zu kämpfen habe, komme ich gut voran. Eine kleine Furtstelle ist dabei, die etwas unorthodox angelegt ist, aber auch hier findet man wieder aus dem bachbegleitenden Gestrüpp heraus.
    Die Regenpfeifer sind heute freundlicherweise eher zurückhaltend, dafür werde ich mehr als einmal von Falkenraubmöwen aus der Nähe begutachtet. Wenn man ihren Nestern zu Nahe kommt, fliegen sie auf und umkreisen einen dann mit sehr geringem Abstand, stellenweise weniger als zwei Meter. Dabei bleiben sie auch recht gerne eine Weile außerhalb des Sichtfelds, was zumindest mir dann immer reichlich mulmig wurde. Mich selbst hat zwar nie eine direkt attackiert, aber man weiß ja nie...

    Auf zirka 550 Höhenmetern angekommen, eröffnet sich dann erstmalig der Blick bis zum Reisadalen.


    Nur noch ein halber Tagesmarsch

    Auf der letzten Kuppe vor dem Abstieg mache ich dann erst einmal Mittagspause und lange doppelt zu, da ich auf diese Weise meinen Rucksack etwas schneller leichter kriegen würde, ohne dass ich was wegwerfe.
    Während des Essens darf ich eine Schneehuhnmutter mit ihrem Nachwuchs beobachten, was gar nicht so einfach war, da die Bande sehr gut getarnt ist


    Napi Tali!

    Beim Abstieg ins Tal kommt es mir so vor, als würde ich eine andere Welt betreten. Statt Kahlfjäll plötzlich Kiefernwald, gefühlte zehn Grad wärmer und um mich herum eine völlig andere Atmosphäre, die sich nicht wirklich beschreiben lässt.
    Leider sind dank Wald und Wärme auch prompt die Mücken wieder aktiv und so heißt es erst einmal wieder US622 und Kopfnetz hervorkramen. Dank der nun heruntergekrempelten Ärmel ist die Hitze jetzt noch intensiver.
    Ich beschließe dennoch, den Umweg über den Imofossen zu nehmen, eine Entscheidung, die ich kurz darauf stark anzweifle.
    Der Weg ist extrem anspruchsvoll, wenn man einen Rucksack hinten drauf hat, und stellenweise muss man fast schon klettern, um weiter zu kommen. Fluchend und betend, dass meine Teleskopstöcke nicht brechen, schaffe ich die angeblich 600 m aber dann doch ohne Zwischenfälle und erreiche das Imofossen-Hinweisschild. Erleichtert lehne ich meinen Rucksack an einen Baum und mache mich auf die Suche nach dem Wasserfall.

    Die nächsten eineinhalb Stunden kann ich getrost als "Bestes Erlebnis auf der ganzen Tour" verbuchen. Die Wasserfälle sind atemberaubend schön und dank der umliegenden Felsen kann man sie aus einer Vielzahl von Blickwinkeln bestaunen. Die Atmosphäre hier ist einmalig und ich spüre, wie meine Kräfte wiederkehren, obwohl ich wie ein Bekloppter von Felsen zu Felsen springe, statt mich auszuruhen.


    Reisa von oben


    Links der Reisa und rechts der Spanijohka

    Bester Laune breche ich schließlich doch mal wieder auf und folge der Markierung Richtung Nedrefosshytta. Da ich die Landschaft noch weiter genießen will und ein Verlaufen im Tal praktisch nicht möglich ist, laufe ich die Kante des Canyons entlang und weiche von der Markierung ab, was aber ausnahmsweise mal nicht weiter tragisch ist. Trotzdem gibt es noch Stellen, die einen in Sackgassen schicken können, wenn man nicht aufpasst.


    Der Canyon


    Nein, hier geht es nicht weiter...

    Irgendwann bin ich dann wieder in im Talgrund und mache mich daran, die Nedrefosshytta zu erreichen. Allerdings ist der Hauptweg an einigen Stellen auch nicht viel besser als der Abstecher zum Imofossen, aber immerhin besser befestigt:


    Wehe, wenn jetzt einer entgegenkommt...

    Nachdem ich unter einer umgestürzten Birke durchkriechen musste, weil es weder drüber noch dran vorbei ging, überraschte mich dann das steile und wackelige Blockschuttfeld kurz vor der Hütte auch nicht mehr und nachdem ich die überaus wackelige Hängebrücke überquert habe (bei der Gelegenheit sehe ich dann auch mal wieder Menschen) stehe ich gegen 15:00 Uhr vor der Nedrefosshytta.


    Ding ding... ding ding ding, ding ding. (mal sehen, wer´s rauskriegt)

    Da ich noch reichlich Energie übrig habe, beschließe ich, noch etwas weiterzugehen.
    Irgendwann stehe ich dann vor der nett aussehenden und freien Voumadakkagammen (toller Name) und sehe mich mal drinnen um, um zu entscheiden, ob ich mir die Hütte nicht für die Nacht unter den Nagel reiße.


    Von außen ist sie ja ganz nett

    Leider ist sie innen eher ranzig und obendrein komplett mückenverseucht, so dass ich kurzerhand mein Zelt ein paar Meter weiter weg aufstelle. Innenzelte sind nun mal leichter mückenfrei zu halten als Blockhütten.


    Ist zwar kein Lagerfeuer, prasselt aber auch ganz schön

    Die Restwärme des Tages nutze ich, um mal meine Wäsche zu waschen. Meine Idee, die Wäsche zusammen mit etwas Neutralseife und Wasser in einen Packsack zu stecken und den Sack dann über eine Stunde öfters zu schütteln und zu kneten ist ziemlich erfolgreich, und bis auf die Blutflecken von den Knottbissen geht der gesamte Dreck raus.
    Ein von Anglern gespanntes Seil dient mir kurzerhand als Wäscheleine und bis zum Abend ist der Großteil wieder trocken.

    Den ganzen Abend über düsen immer wieder Motorboote voller Angler vorbei. Nach den letzten Tagen schon ein ganz schöner "Kulturschock". Nachts werde ich dann noch zweimal aus dem Schlaf gerissen: einmal, als eine Truppe Angler die Hütte in Beschlag nimmt und ein zweites Mal, als es eine weitere Gruppe vergeblich versucht.
    Mit dem Vorsatz, am nächsten Tag bis Saraelv zu kommen, schlafe ich wieder ein.
    Geändert von GandalftheGrey (03.04.2012 um 19:30 Uhr) Grund: Typos und verlinkte Bilder

  13. Dauerbesucher
    Avatar von MonaXY
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    AW: [NO][FI] Nordkalottleden von Kautokeino bis Kilpisjärvi

    #13
    Spannender Bericht... freue mich schon auf die Fortsetzung!

    OT: Nachdem du aus Franken kommst, hier die Einladung zum Stammtisch: http://www.outdoorseiten.net/forum/s...400#post991400 (keine Panik - wir sind alle komplett nett... )
    Geändert von MonaXY (27.02.2012 um 21:50 Uhr)
    "Gehe nicht, wohin der Weg führen mag, sondern dorthin, wo kein Weg ist, und hinterlasse eine Spur."
    Jean Paul

  14. Dauerbesucher
    Avatar von GandalftheGrey
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    AW: [NO][FI] Nordkalottleden von Kautokeino bis Kilpisjärvi

    #14
    So, hier jetzt der Rest von dem, was ich bisher aus meinem Reisetagebuch dechiffrieren konnte.

    16. Juli

    Beim Aufstehen merke ich, dass die letzte Nacht wohl windstill gewesen sein muss, zum ersten Mal auf der Tour grinsen mich Kondenswasserperlen am Innenzelt an. Mit Hilfe meines Allzweck-Microfaserlappens mache ich ihnen aber gleich den Gar aus, bevor ich ungewollten Kontakt mit Diwasserstoffoxid machen muss. Mein Schlafsack ist dank EPIC-Hülle nur gefühlt etwas feucht, tatsächliche Feuchtigkeit kann ich nicht feststellen.
    Da ich die Penntüte nicht lange lüften muss, kann ich zügig aufbrechen, was umso besser ist, da die Mücken heute früher aufgestanden sind als ich.
    Der Trail war bisher eh schon nicht breit, aber jetzt wird er richtig schmal. Die Vegetation am Rand ist ziemlich dicht und es geht viel durch Wald, so dass man nur selten einen Blick auf die nördliche Talseite geniessen kann.


    Breiter als der Baumstamm am Anfang und weniger wackelnd als die Brücke über den Reisa... die beste Brücke bisher

    Der Weg führt regelmäßig direkt ans senkrecht abfallende Flussufer, und da diese Stellen wegen der dichten Vegetation recht plötzlich kommen, muss man aufpassen, dass man nicht daneben tritt und ins einen Meter tiefer gelegene Wasser fällt.

    Dank der hohen Temperaturen schwitze ich das Mückenmittel gleich wieder runter, was allerdings nicht von allen Beteiligten mit Unmut gesehen wird.
    Zum Sirren der Mücken gesellt sich fast nonstop das Sirren der Motorboote. Es ist Ferienzeit, und das Wetter ist, gut, dementsprechend hoch ist der Andrang bei den Anglern. Wenn ich mal 300 m gehen kann, ohne einen Menschen zu sehen oder zu hören, ist das schon viel.

    Nach etwas über einer Stunde erreiche ich den Mollisfossen, den zweiten großen Wasserfall im Reisadalen. Leider versperrt mir ein Gebüsch die Aussicht, so dass ich nur wenig sehe und noch weniger Fotos machen kann. Das Reisadalen ist halt leider mal hauptsächlich Angelgebiet und daher sind die Ufer besser gepflegt als die Wege dahinter.


    Mollisfossen

    Nach einer Weile wird der Weg sogar noch schlechter und verschwindet völlig unter der Strauch- und Farnschicht. Wieder einmal leisten mir meine Trekkingstöcke sehr gute Dienste, indem ich sie wie ein V vor mich halte und mir auf diese Weise einen "Farnpflug" schaffe.


    Straußfarn; Kamera befindet sich auf Augenhöhe, also auf über 1,80 m über dem Boden

    Das Dickicht gepaart mit dem feuchtwarmen Wetter lassen mich völlig vergessen, dass ich mich gerade mal 250 km vom Nordkap entfernt befinde und nicht auf einer Tour durch subtropischen Wald.

    An der Sieimahytta mache ich Mittagspause und stelle fest, dass ich mein Tagesziel durchaus erreichen könnte.
    Im weiteren Verlauf des Weges wandelt sich das Tal zusehends. Es wird weiter und der Wald wird höher.
    Wenige Kilometer vor Saraelv stößt der Nordkalottleden dann auf eine Schotterstraße und folgt ihr bis Saraelv. Zwar gibt es flussseitig nach einiger Zeit wieder einen Pfad, der dann parallel zur Straße verläuft, aber dieser ist so schlecht in Schuss, dass ich lieber auf Schotter laufe.

    Am frühen Nachmittag erreiche ich dann mein Tagesziel, nur um feststellen zu müssen, dass es hier keinerlei Zeltmöglichkeit gibt. Mir bleibt also nichts anderes übrig, als dem Weg weiter zu folgen und darauf zu hoffen, dass eine gute Stelle nicht allzu lange auf sich warten lässt.
    In der Theorie klingt das zwar nicht weiter wild, in der Praxis geht der Trail aber ab dem Moment, wo er die Straße verlässt, sehr geradlinig und sehr steil den Berg rauf.
    Glücklicherweise bekam ich auf halbem Weg unerwartete moralische Unterstützung.


    Süß, oder?

    Der kleine Kerl lief vor mir her und wartete auf mich, wenn ich mal etwas langsamer wurde.
    Auf Höhe des Sarafossen begegnen mir dann aber seine Besitzer und schon bin ich meine Reisebegleitung wieder los.
    Nachdem ich noch schnell ein paar Bilder vom Wasserfall gemacht habe, geht es weiter bergauf, immer noch auf der Suche nach einer guten Stelle für das Zelt.


    Sarafossen

    Nachdem ich 200 Höhenmeter überwunden habe, sagt mir ein Hinweisschild, dass sich oberhalb des Wasserfalls ein Rastplatz befindet. Dieser stellt sich als gut geeignet heraus, abgesehen von einer Kleinigkeit...
    Die einzige Ebene Stelle, die groß genug für mein Zelt ist, erweist sich als eine Felsplatte, die nur wenige Zentimeter mit Vegetation bedeckt ist.
    da ich meine Hilti zuhause vergessen habe, muss ich mir demnach was anderes einfallen lassen, um das Zelt aufgespannt zu kriegen. Heringe ganz flach reinstecken klappt schon mal im Ansatz, aber ohne Beschwerung hält das nicht wirklich.
    Also mal eben fix die Begrenzungssteine von der nahegelegenen Feuerstelle zweckentfremdet und damit die Heringe beschwert. Am Ende sah mein Schlafplatz dann so aus:


    Es muss nicht immer Naturstein sein

    Nachdem das Zelt gegen laue Lüftchen gesichert ist, mache ich mich daran, den Sarafossen aus der Nähe anzusehen.


    Fast wie ein Swimming-Pool


    So entstehen Strudellöcher, der Stein hat ca. 50 kg


    Gleich nach dem Pool geht´s abwärts

    Da die Sonne noch etwas scheint, nutze ich heute mal die Gelegenheit, meinen Kamerakku wieder zu laden, was er auch dringend nötig hat.

    17. Juli

    Heute erwartet mich erst einmal ein knackiger Anstieg. 300 m recht zügig hoch und dann noch einmal 200 über eine längere Strecke.
    Das Wetter ist eher bescheiden, diesig und bewölkt und sich sehe recht bald, dass ich mich heute die meiste Zeit knapp unter der Wolkendecke bewegen darf.
    Der Anstieg erweist sich als weniger schlimm als befürchtet, was aber mehr daran liegt, dass meine Botanikerseele heute voll auf ihre Kosten kommt. An allen Ecken und Enden blüht was und ständig ist was neues dabei, einfach herrlich!
    An Herrlichkeit war das aber auch schon alles. Der Himmel zieht sich immer weiter zu und aus unerfindlichen Gründen sind die Mücken hier auch oberhalb der Baumgrenze präsent... und offenbar am verhungern. Jedes mal, wenn ich stehenbleibe, habe ich sie sofort an der Backe.
    Die niedrige Wolkendecke verdeckt die umliegenden Gipfel, so dass ich kaum markante Anhaltspunkte für eine Positionsbestimmung habe. Beim Aufstieg war das nicht weiter wild, aber auf der "Hochfläche" wäre es schon schön, wenn man wüsste, wie weit es bis zur nächsten Wasserstelle ist.
    Wasser gibt es zwar ringsum reichlich, aber mehr in der Form von feuchten Stellen als von Gewässern, aus denen man trinken kann.

    Hier oben habe ich dann auch erstmalig die Gelegenheit, einen Lemming ohne Hindernisse vor die Linse zu kriegen. Der kleine Racker war alles andere als erfreut, dass ich vorbei lief und hat ordentlich Krawall gemacht. Wäre er still geblieben, hätte ich ihn nicht bemerkt, da er gute sechs Meter vom Weg weg war.


    Kampfzwerg

    Je weiter es nach oben geht, desto deutlicher wird es, wie früh im Jahr es eigentlich ist, zumindest für die Vegetation.


    auf ca. 600 m über Null


    und auf knappen 800 m

    Neben Lemmingen und diversen Vögeln treffe ich in Sachen Fauna aber auch noch auf ausgesprochene Exoten, wie hier einem Exemplar des gemeinen Drahtesels.


    Wo kommt es her, wo geht es hin, wer füttert es?

    Nachdem ich meine anfängliche Verwunderung überwunden habe, stellt sich mir dann doch recht bald die Frage, wo denn der Besitzer ist. Ich lausche auf Hilferufe oder ähnliche Lebenszeichen, aber höre nichts. Nach einer Weile gehe ich weiter, nachdem ich sicherheitshalber noch die Umgebung mit dem Fernglas abgesucht habe.

    Ein Wegweiser verpasst mir dann den nächsten Schrecken:



    Sollte ich wirklich schon fast 30 km gelaufen sein? In gerade mal sieben Stunden? Ohne Rucksack und ausgeruht vielleicht, aber unter den aktuellen Bedingungen ist das ausgeschlossen.
    Ein Blick in die Karte verrät mir dann auch, dass das Schild in Richtung Saraelv 10 km zu viel anzeigt.

    Da der Tag schon recht weit fortgeschritten ist und ich jetzt schon zwei Tage hintereinander eine ziemlich lange Strecke bewältigt habe, beginne ich mit der Suche nach einem geeigneten Zeltplatz.
    Gefunden habe ich keinen. Entweder war kein Wasser in der Nähe oder die ebene Fläche war nass.

    Nachdem ich der Somashytta immer näher komme, beschließe ich, einfach bis dorthin weiterzulaufen. Die Hütte wird von der Karte als offen ausgewiesen und nachdem ich außerhalb des Reisadalen kaum Leute gesehen habe, ist die Chance groß, dass ich sie für mich alleine habe.
    Nach Querung eines recht breiten, aber seichten Flusses ist es dann auch nicht mehr allzu weit bis dorthin.




    Nette Insel


    Endlich am Tagesziel!

    Meine Freude über die Ankunft währt aber nicht lange, denn das verdammte Ding ist abgeschlossen. Ich durchsuche eine Weile den Vorraum nach einem versteckten Schlüssel, aber da ist nichts zu finden. Tief enttäuscht trete ich wieder vor die Tür und finde mich in Gegenwart eines Mannes, dessen Schuhe nur den Schluss zulassen, dass er in der Hütte logiert.

    Wie sich herausstellte, ist die Hütte zweigeteilt: der nach Norden weisende Eingang, also der, den ein Wanderer zuerst sieht, ist verschlossen und wohl nur Rentierzüchtern zugänglich. Der offene Teil der Hütte hat seinen Zugang aber auf der Südseite, so dass man erst einmal um die Hütte herum muss, um reinzukommen.

    Der Mann, ein Finne mit dem Namen Sami (richtig, genau wie die Bewohner Lapplands) ist auf Angeltour und hat noch mehr Gepäck dabei als ich. Zum ersten Mal seit einer Woche führe ich ein Gespräch mit einem anderen Menschen. Da ich nicht unhöflich sein will, warne ich ihn gleich vor und sage ihm, dass er mir sagen soll, wenn ich zu viel rede.
    So weit kommt es aber gar nicht, er scheint auch recht froh zu sein, dass er jemanden zum quatschen hat. Von ihm erhalte ich eine Menge Infos über Angelgewässer in der Gegend, das finnische Hüttensystem (ein Teil offen, ein Teil zu) und eine Menge mehr nützlicher Kleinigkeiten.

    Da wir beide recht müde sind, bleiben wir nicht lange auf und schon nach kurzer Zeit werden mir die Schattenseiten an menschlicher Gesellschaft wieder allzu deutlich... lautes Sägen von der anderen Zimmerseite und eine abartig hohe Raumtemperatur lassen mich nur schlecht schlafen.

    18. Juli


    Schöne Aussicht aus der Hütte

    Bei so einer Aussicht brauche ich nicht zweimal überlegen, ob ich heute einen Ruhetag einlegen soll. Die Sichtweite ist unter hundert Meter, was bei den Markierungen des NKL ein absolutes NoGo ist. Ich bin schon froh, dass ich das Klohäuschen noch finde.
    Sami bricht trotzdem auf, da er nur bis zum nächsten Fluss will und so habe ich die Bude für mich allein.
    Erste Amtshandlung: Stiefelpflege. Dabei muss ich die unschöne Feststellung machen, dass sich an beiden Stiefeln vorne die Sohle löst. Mist. Aber naja, als ich mir die Dinger gekauft habe, wusste ich, dass so etwas gelegentlich vorkommen kann. Also ratzfatz den Spezial-Pattex, den ich extra für diese Eventualität eingepackt habe, rausgeholt, die Klebeflächen mit Bürste und Spiritus gereinigt und dann sauber verklebt. Der Esstisch in der Hütte musste dann als Gewicht herhalten, um die Sohlen bis zum Trocknen des Klebers in Position zu halten.
    Während der Kleister trocknet, mache ich eine Futter-Inventur, um zu schauen, was noch da ist und was ich in Kilpisjärvi nachkaufen muss. Antwort: gar nix. Ich hab doch glatt genug Futter eingepackt, um ohne Nachkauf von Kautokeino bis Abisko (sind ja nur 400 km) laufen zu können. Da sieht man mal, was es ausmacht, wenn man sich das Rauchen abgewöhnt.

    Den Rest des Tages durchstöbere ich die Hütte, finde neben einer Menge norwegischer Zeitschriften, die ich durchblättere, und eine Art Vorratsschrank, wo Wanderer ihr überflüssiges Futter zurücklassen. Anscheinend essen die Leute hier überwiegend Salz, denn das findet sich schon fast kiloweise im Schrank. Ich selbst lasse nichts zurück, da ich keinen Sinn darin sehe, jetzt was loszuwerden und den Kram dann in drei Tagen neu zu kaufen.
    Gegen Abend prüfe ich die Klebestellen, Ergebnis: sieht aus wie neu und einen Belastungstest überstehen sie auch ohne Probleme. Tour gerettet.
    Ich packe meinen Rucksack neu, um die Gewichtsverteilung zu optimieren und gehe dann zu Bett.
    Geändert von GandalftheGrey (03.04.2012 um 20:07 Uhr) Grund: Typos und verlinkte Bilder

  15. Alter Hase
    Avatar von Goettergatte
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    AW: [NO][FI] Nordkalottleden von Kautokeino bis Kilpisjärvi

    #15
    Goldregenpfeiffer?
    Ich nenn den immer Feuermelderakkuleer-Vogel

    Danke für den Bericht.
    "Wärme wünscht/ der vom Wege kommt----------------------
    Mit erkaltetem Knie;------------------------------
    Mit Kost und Kleidern/ erquicke den Wandrer,-----------------
    Der über Felsen fuhr."________havamal
    --------

  16. Erfahren
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    AW: [NO][FI] Nordkalottleden von Kautokeino bis Kilpisjärvi

    #16
    Schöner Bericht und tolle Bilder!
    Ich wollte diesen Herbst auch den Nordkalottleden laufen zumindest einen Teil...!
    Würdest Du meinen das man das Stück was Du glaufen bist auch problemlos mit zwei Hunden laufen kann...ich mache mir da so meine Gedanken...wegen der doch manchmal sehr schmalen Pfaden an den Felsen

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    AW: [NO][FI] Nordkalottleden von Kautokeino bis Kilpisjärvi

    #17
    Wenn die Hunde einigermaßen trittsicher sind, sollte der Abschnitt kein Thema sein. Es geht zwar mehr als einmal über Geröll, aber als große Herausforderung für Vierbeiner würde ich das jetzt nicht betrachten.
    Da machen mir die Sümpfe schon mehr Sorgen, da die Wuffer da wahrscheinlich mehr als einmal bis zum Bauch versinken.
    Von der Raisavannhytta bis fast zum Reisadalen hatte ich aber Hundespuren vor der Nase, also scheint es wohl irgendwie zu gehen. Musst die Hunde bei Modder halt hinter dir halten, da du ja auch eher auf den festen Torfbrocken läufst, wo man weniger einsinkt.
    Wenn es mal an Felskanten vorbeigeht, und das sind nur zwei Gelegenheiten, dann ist der Weg grundsätzlich breit genug für Hunde, vor allem, wenn sie hintereinander gehen. Dass da Seile sind hängt mehr mit dem Sicherheitsbedürfnis von Menschen zusammen als mit tatsächlicher Gefahr, da die Fliege zu machen.

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    AW: [NO][FI] Nordkalottleden von Kautokeino bis Kilpisjärvi

    #18
    So, hier ist der Rest:


    19. Juli

    Ausgeschlafen und mit gutem Gefühl geht es schon zeitig am Morgen wieder los. Das Wetter ist zwar nicht mehr ganz so mies wie gestern, aber dolle ist es echt nicht. Kalter Wind und ziemlich feucht. Schon nach wenigen Kilometern lege ich an der Kobmajokihytta einen Stop ein, um meine Regenklamotten anzuziehen, da schon die ersten Tropfen fallen. Im Vorraum steht eine Menge Gepäck, das mir bekannt vorkommt, und tatsächlich treffe ich Sami in der Hütte wieder, dem das Wetter gestern zu bunt wurde. Nach einem kurzen Plausch mache ich mir dann aber auch schon wieder auf den Weg, da ich nach einem Tag rumsitzen endlich wieder unterwegs sein will, egal bei welchem Wetter.

    Kaum ist die Hütte außer Sicht, schon gehen oben die Schleusen auf. Die vor der Tour nochmal aufgefrischte DWR-Schicht hält sich zwar tapfer, aber noch vor der Pihtsusjärvihytta muss sie kapitulieren. Meine Karte, obwohl in einem ZipLoc-Beutel verpackt und vom wasserdichten Reißverschluss der Jackentasche geschützt, ist ebenfalls in kurzer Zeit Opfer der Wassermassen geworden. Nachdem sie acht Tage Misshandlung locker weggesteckt hat, wird nun jedes umklappen zur wortwörtlichen Zerreißprobe. Und falten muss ich viel, denn der heutige Abschnitt liegt ab dem Zusammentreffen von NKL und der Wanderautobahn zum Halti genau in einer Falz.

    Der Weg ist heute auch nicht der beste, sehr viel Geröll... nasses Geröll. Mit Flechten drauf. Die Stiefel, die sonst eigentlich überall guten Grip haben, greifen auf den nassen Flechten fast gar nicht, so dass ich mehr als einmal ins Rutschen komme.
    Heute sehe ich auch zum ersten mal auf dieser Tour Rentiere, aber leider sind die Lichtverhältnisse so schlecht, dass kein anständiges Foto herauskommt.


    Immer wieder schön, wenn man die Viecher sieht

    Die Markierung ist in Finnland nicht der übliche rote Klecks, sondern ein halbmeterhoher Holzstock mit orangener Spitze. Bei diesigem Wetter optimal zu sehen.


    Na wo isse, die Markierung?

    An der Pihtsusjärvihytta mache ich erst einmal eine kurze Pause. Die Hütte ist randvoll mit Finnen, die zum Halti wollen, aber wegen des Wetters festsitzen. Denn wer will schon bei wolkigem Wetter auf einen Berg und die Aussicht geniessen?

    Jaja, die Finnen und der Halti...
    So wie ein jeder Moslem einmal in seinem Leben nach Mekka pilgern soll, so pilgert jeder Finne einmal zum höchsten Berg Finnlands, dem Halti.
    Und irgendwie scheinen die das fast alle gleichzeitig zu machen.
    Trotz des echt miesen Wetters war zwischen Meekonjärvi und Pihtsusjärvi mehr los als im Reisadalen. Dementsprechend eng geht es in den Hütten zu.

    Kurz nach meiner Pause werfe ich mal einen Blick auf die Stiefelspitzen, um zu sehen, ob da alles in Ordnung ist. Nope, nix ist in Ordnung. Die Klebestelle ist komplett wieder aufgegangen.
    Ziemlich schlecht gelaunt und betrübt komme ich an einem Wasserfall südlich des Pihtsusjärvi vorbei. Dort unterhalte ich mich kurz mit einer Finnin, die über meine Schuhprobleme nur lachen kann. Ihre Schuhe sind fast komplett abgewetzt und verschlissen. Gut, wenn sie meint, ich würd mit sowas nicht im Gebirge rumspringen.

    Der Weg wird zunehmend unübersichtlicher, je näher ich der Meekonjärvihytta komme. Es gibt immer mehr Nebentrails, wild ausgetretenen Parallelwegen, die nicht immer dorthin führen, wo der Kalottireitti, wie er in Finnland heißt, entlanggeht.
    An einer Stelle wird mir das zum Verhängnis und ich verpasse eine Furtstelle. Da die Markierungen auf diesem Abschnitt ohnehin nicht die besten sind, bemerke ich erst sehr spät, dass ich auf der falschen Flussseite bin.
    Zurückgehen will ich nicht, da das gut drei Kilometer Umweg bedeuten würde, also wird kurzerhand gefurtet.
    Diesmal verschätze ich mich aber, was die Wassertiefe angeht und hole mir zum ersten Mal auf dieser Tour nasse Füße.
    Ist aber weiter kein Problem, einfach Stiefel ausziehen (dabei feststellen, dass die Sohle sich noch mehr abgelöst hat) und Socken auswringen. Dann alles wieder ran an den Fuß und weiter geht´s.
    Gegen Abend wird das Wetter besser und es kommt sogar die Sonne raus.
    Als ich die Meekonjärvihytta erreiche, die sich übrigens ein ganzes Stück abseits des Weges befindet, sehe ich schon von weitem, dass gerade jemand damit beschäftigt ist, sein Zelt davor aufzustellen.
    Ich mache mir also gar nicht erst die Mühe, bis ganz hinzulaufen, sondern schlage mein Zelt in der Nähe der kostenpflichtigen Hütten in Trailnähe auf.
    Nachdem ich zu Abend gegessen habe, begutachte ich noch einmal die Stiefel und fasse schweren Herzens (oscarreife Untertreibung) den Entschluss, die Tour in Kilpisjärvi abzubrechen.

    20. Juli

    Geschlafen habe ich heute Nacht fast gar nicht, zu aufgewühlt waren meine Gedanken und Emotionen. Jahrelange Vorfreude auf eine mehrmonatige Wandertour, und nach nicht einmal ganz zwei Wochen ist alles schon wieder vorbei. So was kann nur an die Nieren gehen.

    Immerhin ist das Wetter heute gut, sonst würde ich mir vermutlich sofort ein Gewehr schnappen und mich aufhängen, wo das Wasser am tiefsten ist.


    Blick zurück nach Meekonjärvi

    Beim Aufstieg beginnt mein Rucksack auf einmal, fürchterlich zu drücken, so dass ich ihn regelmäßig absetzen muss, um die Schmerzen zu lindern. Sieht wohl so aus, als würde die Enttäuschung mehr als nur seelische Probleme verursachen.
    Irgendwann packt mich doch das grandiose Panorama und ich kann für einige Zeit meine Probleme vergessen.
    Auch die Tierwelt tut ihr Übriges, um mich bei Laune zu halten.


    Entweder ist das ein Antrag oder er will mich vom Nest fernhalten

    In der (leeren) Kuonjarjohkahytta mache ich Rast, aber da es erst Mittag ist, ziehe ich dann doch lieber weiter und erreiche am Nachmittag die Saarijärvihytta.
    Wieder einmal habe ich perfektes Timing und entgehe auf diese Weise einem heftigen Regenguss.


    Noch schlimmer als am Tag zuvor

    In der Hütte sitzt ein finnisches Ehepaar und macht Pause. Als sie sich gerade auf den Weg machen wollen und ich mir schon fast Hoffnungen mache, die Hütte für mich allein zu haben, tritt ein Mann durch die Tür und fragt, ob einer von den drei Anwesenden des Deutschen mächtig sei. War ja irgendwie klar, dass ich früher oder später einen Landsmann treffe.
    Matthias, so heißt der Knabe, ist geschätzte Mitte 60 und läuft von Abisko nach Kautokeino.

    Da ich, bedingt durch die Möglichkeiten der Hütte, einen weiteren Reparaturversuch an den Stiefeln beschlossen habe, nutze ich die Gelegenheit, meinen Landsmann über die Wegverhältnisse Richtung Schweden auszufragen und kann ihm auch einige Tipps zur kommenden Etappe geben.
    Im kostenpflichtigen Teil der Hütte quartiert sich noch ein älteres finnisches Ehepaar ein. Diesem muss ich nach einer Weile zu Hilfe kommen, da die Frau gemeint hat, sie müsse den Wasserkessel ohne Wasser darin auf den Herd stellen.
    Die Verunreinigung darin sind dann verbrannt und der Rauch hat den Feuermelder ausgelöst, welchen die beiden dann nicht mehr ausgeschaltet bekamen. Gegen Abend kamen dann noch zwei Polen in die Hütte, so dass wir zu viert auf den Holzpritschen lagen.

    21. Juli

    Wieder einmal sah der Klebeversuch vielversprechend aus, wobei ich diesmal eher skeptisch bin, dass es so bleibt, und so verabschiedete ich mich zeitig von Matthias und machte mich auf den Weg nach Süden.
    Nach einem kurzen Abstecher nach Norwegen passiere ich zum dritten Mal die finnische Grenze.


    Impaled Nazarene lässt grüßen

    Nach kurzer Zeit ging es erstmalig über einen Bohlenweg, der für schwedische Wanderwege typisch ist. Für die Halti-Pilger mag das ja ganz nett sein, aber nach den bisher bohlenlos durchquerten Sümpfen wirkt die Konstruktion für mich reichlich übertrieben, insbesondere, da der Modder hier nicht mal knöcheltief ist, wie ein Probetritt zeigt. Allerdings wäre bei dem hohen Verkehrsaufkommen hier das Moor schon nach kurzer Zeit restlos zerstört, so dass es wohl sein Gutes hat, wenn die Wanderer gebündelt werden.


    Kurz vor Ende kommt der Luxus

    Meine Stiefel machen bereits nach kurzer Zeit die Grätsche und wieder einmal wird der Spalt größer als am Vortag. Das heißt für mich das endgültige Ende der Tour. Bloß gut, dass ich mir keine großen Hoffnungen gemacht habe, dass der Kleister diesmal hält.

    Ich überwinde die letzte Kuppe auf dieser Etappe und vor mir schält sich der Saana, der heilige Berg der Sami, aus den Wolken.


    Gnädigerweise verdecken Wolken den unheiligen Sendemast auf dem Gipfel

    Je näher ich dem Tal komme, um so sumpfiger wird der Weg. Dank ATVs kann man hier nur schwer laufen, ohne sich restlos einzudrecken. Na prima, 10 Tage relativ sauber durch die teils sumpfige Pampa marschiert, aber kaum soll es später unter Menschen gehen, sehe ich aus wie Sau.

    Kurz vor Kilpisjärvi habe ich aber nochmal Gelegenheit, mich zu säubern. Ich muss einen Rentierzaun passieren, um über eine Brücke zu kommen, aber dummerweise kriege ich den Knoten der Schnur, die das Tor zuhält, nicht auf, und so muss ich dann fünf Meter neben der Brücke furten. Bloß gut, dass mich keiner dabei gesehen hat.

    Am späten Vormittag erreiche ich Kilpisjärvi und suche als erstes das Touri-Zentrum auf.
    Schuster gibt es keinen im Ort, also ist die Reise hier tatsächlich zu Ende.
    Die hilfsbereiten und netten Mitarbeiter suchen für mich fast eine Stunde lang nach geeigneten Busverbindungen, und so besteige ich am frühen Nachmittag den Bus nach Karesuvanto.

    Geändert von GandalftheGrey (19.06.2012 um 19:15 Uhr) Grund: Typos und verlinkte Bilder

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    AW: [NO][FI] Nordkalottleden von Kautokeino bis Kilpisjärvi

    #19
    Hat echt Spass gemacht Deinen Bericht zu lesen. Schade nur, dass er schon zu Ende ist. Selbst beim Lesen hat mich die Tatsache geschmerzt, dass Deine Schuhe Dich im Stich gelassen haben. Möchte gar nicht erst wissen, wie Du Dich dabei gefühlt hast. Aber immerhin hast Du von Deiner gelaufenen Tour einen sehr schönen Bericht geschrieben und auch mal eine Gegend vorgestellt, von der ich bisher noch nicht soviel gelesen habe. Bleibt nur zu hoffen, dass Du den Rest deiner geplanten Tour möglichst bald nachholen kannst.

  20. Erfahren
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    AW: [NO][FI] Nordkalottleden von Kautokeino bis Kilpisjärvi

    #20
    Danke für die Antwort..!
    ..und den Rest des Berichts....da kann man es ja kaum mehr erwarten wieder Richtung Lappland aufzubrechen...

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