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  1. [ES] Von Spaniens tiefstem Süden bis ans Ende der Welt

    #1
    Mitreisende: Wafer
    Über 1.300 Km von Tarifa über Sevilla nach Santiago de Compostela und in Spaniens äußersten Westen - Finisterre

    Prolog
    Eigentlich wollte ich dieses Jahr meinen 'noch offenen' Jakobsweg zu Ende gehen. Meine angeschlagene Gesundheit hat mir aber wesentlich mehr Zeit beschert, als ich für die noch offene Etappe benötige. Eine Alternative musste ich nicht lange suchen. Geistert mir doch schon seit langem die Via de la Plata im Kopf herum. Die Jahrhunderte alte Route aus dem Süden Spaniens nach Santiago. Aus dem Süden? Nun, nicht ganz aus dem Süden! Die Via startet in Sevilla. Warum das so ist hat sich mir noch nicht erschlossen. Pilger aus Afrika – ich denke da hat es auch schon welche gegeben – brauchen doch auch einen Weg ab der Grenze. Daher hatte ich im Sommer diesen Jahres schon begonnen nach einem Weg vom südlichsten Punkt Spaniens – das ist die Insel Isla de Tarifa o de las Palomas – zu suchen. Diese Insel liegt vor der Küste von Tarifa und ist militärisches Gebiet.
    Mit Hilfe von Google-Earth und den digitalen Karten vom spanischen geographischen Amtes sowie diversen hilfreichen Tipps von ODS-Mitgliedern habe ich mir dann eine Reiseroute zurechtgelegt.
    Nachdem ich 4 Monate liegen musste und die Therapie-Ideen der Ärzte nicht wirklich vielversprechend waren begann ich mich selber nach geeigneten Therapiemethoden um zu sehen. Eines hatte ich festgestellt: Wenn ich mich bewegte war ich schmerzfrei. Sobald ich stehe, sitze oder liege gehen die Schmerzen wieder los. Aus dieser Richtung kommen auch die manchmal sehr langen Einzeletappen. Es gibt zwischenzeitlich wirklich ausreichend Herbergen am Weg so dass man die Via auch in kürzeren Etappen gehen kann.
    Mit ersten ‚Bewegungsversuchen‘ um das Dorf war ich erfolgreich. Eine ‚Generalprobe‘ war ein Wochenende im Wilden Kaiser. Die An- und Abreise war eine Quälerei aber der Rest ging sehr gut – auch mit Gepäck. Also habe ich mir noch eine Liste aller Taxiunternehmen und Rettungsmöglichkeiten am Weg zusammengestellt und plante die erste Woche immer in der Gegend von größeren Straßen zu bleiben. Mit Notfalltropfen und einer Rücktransportversicherung fühlte ich mich für einen Ernstfall ausreichend gewappnet.
    Die Via de la Plata ist wesentlich einsamer als der Camino Frances. Führerliteratur gibt es auch genug – ich habe mich für den Rother Wanderführer von Cordula Rabe entschieden. Im Netz sind zwischenzeitlich viele hilfreiche Seiten zu finden. Z.B. gibt es hier eine recht aktuelle Liste der Herbergen und einen sehr gut zu lesenden Reisebericht einer Winterwanderung auf der Via. Einen guten Überblick über die Via verschafft auch diese Seite.

    1. Tag: Anreise nach Tarifa und südlichster Punkt
    Mittwoch, 12. Oktober 2011
    Strecke: 4 Km - Gesamtstrecke: 4 Km
    Höhenunterschiede: ↑ 20 m, ↓ 20 m
    Gehzeit: 1,0 h

    Um 4 Uhr klingelt der Wecker, 4 Uhr 30 kommt das Taxi und bringt mich zum Flughafen. Unterwegs spricht das Radio von Straßensperren und Schneekettenpflicht im Schwarzwald. Zum Glück geht’s in den warmen Süden! Um 6 Uhr bringt mich Air Berlin nach Mallorca um von dort um 9 Uhr 40 weiter nach Sevilla zu fliegen. So bin ich gegen 11 Uhr schon in der Innenstadt.

    Warum muss ich aber auch immer lokale Feiertage erwischen wenn ich mal ungestört in einer Stadt bummeln will? Die Schlangen vor den Bauten und Museen reichen meist um mehrere Ecken rum. Im Hotel Simon gibt es Credencials. Ich besorge mir einen und genieße die 37° C. Kaum vorstellbar, dass im Schwarzwald Schneekettenpflicht herrscht! Sevilla gilt als heißeste Stadt des europäischen Kontinents. In den Straßen ist die Hölle los – eigentlich klar an einem Feiertag. Straßenmusikanten spielen auf, Hochzeitskutschen fahren vorbei, überall wird Eis geschleckt, …

    Es fällt mir nicht schwer die Zeit bis 14 Uhr, bis der Bus in Richtung Tarifa abfährt, rum zu bringen. Und 3 Stunden später stehe ich im südlichsten Ort Spaniens auf dem europäischen Festland.
    Auf der Busfahrt fallen mir die Unmengen an Wind- und Kite-Surfer auf. Durch den permanenten Wind ist diese Region sehr beliebt und auch jetzt in der „Wintersaison“ gut besucht.

    Ich suche mir eine Herberge und ziehe mir für diese Temperatur tauglichere Kleider an – in langen Hosen bin ich hier deutlich fehl am Platze. Ich habe noch reichlich Zeit und erkunde den Ort. Der südlichste Punkt liegt auf der Insel. Die Gebäude sind alle einsturzgefährdet und das Betreten der Insel ist untersagt. Über das Meer hinweg kann man in ca. 14 Km Entfernung die Berge von Nordafrika sehen. Beeindruckend!

    An der Straße zur Insel stehen zwei Schilder, die anzeigen, dass linker Hand das Mittelmeer und rechter Hand der Atlantik ist. Also wird gleich zweimal gebadet: In jedem Meer einmal!

    Die Berge im Hintergrund hinter dem Mittelmeer sind die von Nordafrika, die hinter dem Atlantikschild sind auf dem spanischen Festland.

    Dann gibt es ein Feierabendbier in der südlichsten Kneipe Spaniens mit Blick auf Atlantik und Nordafrika. Bei Sonnenuntergang genieße ich die spätsommerlichen Bedingungen und schaue mir auf der Karte an was morgen anliegt. Die Berge hier um Tarifa sind bis zu 600 Meter hoch und mit einer Vielzahl an Windkraftanlagen bestückt – die modernen Gipfelkreuze unserer technischen Zivilisation.

    Die Nähe zu Afrika macht sich auch in der Kommunikation bemerkbar: Hier sprechen sehr viele Französisch – die in Nordafrika sehr häufig verwendete Sprache. Da meine Spanischkenntnisse nicht so überwältigend sind kommt mir das sehr entgegen.
    So kann ich den Wirt der Strandkneipe befragen wo man hier gut und landestypisch essen kann. Im „La Pescaderia“, das ich daraufhin aufsuche, gibt es einen Fischspieß der ist einfach nur gut! Das Mojito-Sorbet rundet das Abendmahl ab. Und da hier nichts ohne Rotwein geht und dieser immer im Menü enthalten ist kriege ich noch eine Flasche auf den Tisch. Das sorgt dann auch für die nötige Bettschwere.

    2. Tag: Tarifa - Tahivilla
    Donnerstag, 13. Oktober 2011
    Strecke: 35 Km - Gesamtstrecke: 39 Km
    Höhenunterschiede: ↑ 425 m, ↓ 400 m
    Gehzeit: 7,0 h

    Na, da habe ich wohl beim Aussuchen der Pension nicht richtig hingehört. Hier gibt es kein Frühstück sondern nur eine Küche! Mein Spanisch ist wohl doch schlechter als vermutet. Da muss ich was dran tun. Aber die Bar nebenan kann‘s richten.
    So starte ich dann gegen 9 Uhr in meinen ersten vollen Wandertag. Erst geht es an einer Neubausiedlung vorbei, bei der ca. 80 % Leerstand herrscht. Das scheint hier in Spanien aber Normalzustand zu sein. Dafür bauen sie auch schon die nächste Siedlung.
    Ab dem Sportplatz geht es dann zwischen Meer und Wiesen über einen wunderbaren Holzweg in Richtung Norden. An einer Brücke über einen Bach weiß ich dann endlich warum ich als Schwabe gestern die Tüte mit den trockenen Brotstücken eingepackt habe: Hier gibt es Fische, die sich über das Frühstück sehr freuen. Es geht auch an alten Bunkern vorbei. Ob die auf Onkel Adolf oder Onkel Franko zurückgehen kann ich nicht feststellen.

    Die Wiesen sind hier reichlich trocken. Trotzdem stehen da sehr viele Pferde drauf herum. Als Grenze wird hier zwar ein Zaun gesetzt aber zur Verstärkung wachsen daran lauter Kakteen. Da geht sicher weder Mensch noch Tier durch.
    Als der Holzweg einen Bogen in Richtung Nationalstraße schlägt gehe ich nahe der Tankstelle über dieselbe und gehe auf den Feldwegen auf der anderen Seite weiter. Obwohl hier nichts geteert ist sind die Wege bretthart. Hier scheint es schon länger nicht mehr geregnet zu haben.
    Ich halte mich auf Feldwegen und Trampelpfaden parallel zur CA9210 – in der Karte steht sie allerdings noch als CA2210. Überhaupt scheinen die hier in den letzten Jahren sehr viel an den Straßenbezeichnungen und den Kilometersteinen getan zu haben. Bei fast allen Straßen auf die ich treffe stimmt irgendwas nicht mehr zu den Karten. Entweder die sind recht alt oder da betreiben ein paar Bürokraten Selbst Beschäftigung.

    Auch heute ist es wieder sehr heiß - die Apotheke hat 37° C angezeigt. Trotzdem gibt es hier eine Schneckenart, die die Hitze liebt. Alle Zaunpfähle oder Pfosten von Verkehrsschildern egal ob aus Holz oder Metall werden von eine weißen Schnecke besiedelt. Wie halten die das auf Dauer aus? Mir ist das hier schon fast zu warm. Schatten ist kaum zu finden. Wo auf der Karte mit grüner Farbe ein Wald suggeriert wird stehen vereinzelt Büsche, die aber meist nicht über 1 bis 2 Meter hinauskommen. Wo echte Bäume stehen sind Bewässerungssysteme erkennbar.
    Immer wieder schweift der Blick zurück wo auf der anderen Seite von Atlantik und Mittelmeer die Berge Nordafrikas grüßen. Die sind so nah, dass man gar nicht das Gefühl hat, die könnten auf einem anderen Kontinent stehen.
    Ich bin auf Reiterpfaden unterwegs – den Spuren nach sind hier mehr Pferde als irgendwas anderes unterwegs. Gefühlt gibt es hier in Andalusien mehr Pferde als Rinder.

    Bei dem „Santuario de Nuestra Señora de la Luz“ treffe ich wieder auf die Straße.

    Der E4 kommt von links auf meinen Weg. Der startet auch in Tarifa geht weiter westlich über den Höhenzug und biegt dann oben am Sattel in Richtung Nord-Ost ab um über Barcelona und die französischen Seealpen an den Bodensee zu führen.
    Neben der Straße führt ein EU-geförderter Fußweg nach Facinas. Der Ort liegt faul in der Mittagshitze. In einem Supermarkt frische ich meine Vorräte auf und suche mir ein schattiges Plätzchen für eine Pause. Hier hatte ich eigentlich meine erste Übernachtung geplant. Irgendwie habe ich aber noch keine Lust hier für heute auf zu hören. Auf der Herfahrt mit dem Bus habe ich in Tahivilla ein Hotel / Restaurant Apolo XI gesehen. Das dürften nur noch ein paar Kilometer sein.
    Ich beschließe weiter zu ziehen und der Weg führt mich über einen Feldweg von Facinas in Richtung Benalup. Dann biege ich ab nach Tahivilla. Die Landschaft steht voll von Windkraftanlagen. Don Quijote hätte hier seine wahre Freude gehabt – Er wäre aber schlicht der Menge an Windmühlen erlegen.

    Tahivilla ist ein kleines Dorf, aber mit Bar und Kirche – wie sich das hier in Spanien gehört. Leider ist die Kirche abgeschlossen – wie leider fast alle Kirchen Spaniens. Bei dem üppigen Goldschmuck in den Kirchen nicht wirklich verwunderlich.
    Beim Essen im Apolo XI wird mir dann eröffnet, dass der Hotelbetrieb eingestellt wurde. Na prima! Die nächste Übernachtungsmöglichkeit soll 15 Km weiter sein. Das ist dann doch deutlich zu viel für den ersten Tag. 2 Belgier vom Nachbartisch bieten mir an mich nach Tarifa mit zu nehmen. Morgen soll es einen Bus nach Tahivilla geben.
    So komme ich dann wieder nach Tarifa in die gleiche Pension zurück. Ich lasse den Abend bei einem grandiosen Sonnenuntergang in der südlichsten Bar des europäischen Spaniens ausklingen.
    Geändert von Wafer (04.12.2011 um 12:58 Uhr)

  2. Fuchs
    Avatar von Atze1407
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    02.07.2009
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    Da wo die Berge am schönsten sind, in Sachsen.
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    AW: [ES] Von Spaniens tiefstem Süden bis ans Ende der Welt

    #2
    Da wird doch der Hund in der Pfanne verrückt !

    Anfangen, die Leute heiß machen und nicht weiterschreiben, ich hasse es.

    Ist ja mittlerweile wie im privat Fernsehen,- Film anfangen und nach 15 Minuten Werbung.

    Bitte bitte, lieber Wafer, schnell weiterschreiben und uns nicht so lange auf die Folter spannen.

    LG
    Atze1407
    Wenn du den Charakter eines Menschen kennenlernen willst, gib ihm Macht.
    Abraham Lincoln

  3. chrischian
    Gast

    AW: [ES] Von Spaniens tiefstem Süden bis ans Ende der Welt

    #3
    OT:
    Zitat Zitat von Atze1407 Beitrag anzeigen
    Da wird doch der Hund in der Pfanne verrückt !
    Schade. Ich dachte, ich lerne den kleinen Atze noch mal kennen.

  4. [ES] Von Spaniens tiefstem Süden bis ans Ende der Welt

    #4
    3. Tag: Tahivilla - Medina-Sidonia
    Freitag, 14. Oktober 2011
    Strecke: 40 Km - Gesamtstrecke: 79 Km
    Höhenunterschiede: ↑ 350 m, ↓ 250 m
    Gehzeit: 10,0 h

    Wer früh ins Bett geht (für spanische Verhältnisse), der wacht auch früh auf. 7 Uhr 30 und es ist noch stockdunkel – es ist halt doch schon Mitte Oktober! Ich bekomme beim Frühstück in der Bar von gestern einen Wetterbericht mit: Wieder über 35° C. Ob ich mich darüber freuen soll weiß ich noch nicht – es gibt heute wieder so gut wie keinen Schatten.
    Der Bus bringt mich wieder nach Tahivilla und ich starte wieder in Richtung Benalup.

    Feldwege sind in Spanien häufig Privatbesitz. Manchmal darf man durchlaufen, manchmal nicht. Das offene Tor bewegt mich dazu den direkten Weg zu nehmen. Der Feldweg führt mich 20 Km über eine Ebene die durch Bewässerung für Getreide und Baumwolle genutzt wird. Wenn mich ein Traktor auf dem Feldweg überholt staubt es noch minutenlang.

    Nach 2 h kommt dann Benalup-Casas Viejas endlich näher – gesehen habe ich es schon eine Weile. Ein richtig schmucker Ort mit schöner Stadtmitte.


    Zur größten Mittagshitze mache ich Mittagspause in einer Bar. Die Boquerones en Vinagre (Sardellen in Essig mit viel Knoblauch) sind einfach Klasse. Bei solchen Temperaturen sind die kalten Tapas einfach die Besten. Fisch, Fleisch, Gemüsen, … Einfach und Gut – nur mal wieder bei uns nicht zu kriegen.

    Hinter Benalup kann ich mein heutiges Ziel Medina-Sidonia schon am Horizont liegen sehen.

    Auf der Suche nach dem Wanderweg, der die Stadt umgangen hat gehe ich ein Stück auf einem Schotterweg neben der Straße entlang. Ich will wieder auf den „Corredore Verde de Dos Bahias“ – einen Wanderweg der von Algeciras nach Cadiz führt. Den hatte ich vor Benalup schon gefunden aber wegen der Mittagspause wieder verlassen. Der Weg führt generell an allen Orten vorbei. Wie soll man sich da versorgen?

    Der Weg durch Malcocinado und Los Baladejos nehme ich auf Nebenstraßen mit vielen Gelegenheiten den Flüssigkeitsbedarf zu decken. Das Radler mit Lemone ist sehr erfrischend!
    Dann geht es wieder auf den Dos Bahias, der durch leicht gewelltes Land führt. Die Spuren im Sand verraten wieder, dass ich in Andalusien bin – hier sind mehr Pferde als Menschen unterwegs. Ab und an geht es über Brücken und durch Bach Auen – leider knochentrocken – mit gelegentlichem Blick auf das heutige Ziel.

    Am Wegesrand sonnen sich wieder die Schnecken bei mörderischen 37 °C.
    Nach 40 Km bin ich am Ortsrand von Medina-Sidonia – aber der liegt 300 Höhenmeter unter dem Zentrum. Also noch ein knackiger Anstieg zum Schluss.

    Oben werde ich dann mit den Ruinen einer Burg und einer Moschee, die zur Kirche umgebaut wurde belohnt.

    Auch der Blick zurück ist absolut lohnenswert!
    Ein Schild verkündet, dass die EU sich an den Renovierungskosten signifikant beteiligt hat. So viel EU-Unterstützung gibt es bei uns nicht – oder es steht nicht dran wie hier. Der Wanderweg „Corredore Verde de Dos Bahias“ und sogar das kleine Hotel hinter der Burg, in dem ich absteige, sind mit Geldern der EU unterstützt worden.

    Der Blick aus dem Zimmer vermittelt einen Eindruck von der grandiosen Lage von Medina-Sidonia. Beim Duschen merke ich dann das 40 Km für den zweiten Tag doch reichlich ist. Vielleicht wäre Benalup doch besser gewesen?
    Das Essen ist gut aber wie in Spanien üblich mit sehr viel Fett angereichert. Nicht umsonst sieht man hier entweder sportlich durchtrainierte Spanier oder eben welche wie Gott sie geschaffen und McDonalds sie geformt hat. Und das gilt erstaunlicherweise nicht nur für die jüngeren Semester.


    4. Tag: Medina-Sidonia - Arcos de la Frontera
    Samstag, 15. Oktober 2011
    Strecke: 45 Km - Gesamtstrecke: 124 Km
    Höhenunterschiede: ↑ 350 m, ↓ 300 m
    Gehzeit: 10,5 h


    Der Wind pfeift um das Haus – bei dieser exponierten Lage nicht ungewöhnlich. Die vielen Windräder rund um Medina sprechen auch eine deutliche Sprache. Ich drehe eine Runde um den Hügel mit den Ruinen um in Ruhe den Sonnenaufgang zu genießen.

    Die Ruinen mit der Kirche/Moschee liegt im Morgenlicht. Der Sonnenaufgang verspricht einen guten Tag! Es ist ja schließlich auch Wochenende!
    Zum Frühstück wird mit Schweinschmalz, Olivenöl und Tomaten angeboten. Kein Käse, keine Marmelade, keine Butter, … Nach kurzer Diskussion wird mir noch eine Portion Hartkäse gereicht. Für einen Liebhaber eines süßen Frühstücks gewöhnungsbedürftig. Aber was man so liest werde ich mich wohl an so was gewöhnen müssen. Zum Glück war die Gans gestern reichlich!
    Auf Wanderer sind die hier einfach nicht eingestellt. Keine Wasserflaschen, kein Obst, …
    Gegen 8 Uhr 30 komme ich weg, decke mich in einem kleinen Laden am Ortsausgang ein und steuere Paterna de Rivera an. Der Feldweg, den ich gewählt habe, wird durch eine Großbaustelle der kreuzenden Autobahn unzugänglich. So entscheide ich mich wohl oder übel für die Straße. Was da so alles liegt – kaum zu glauben. Zigarettenschachteln, CDs und Getränkedosen sind ja noch irgendwie nachvollziehbar. Bei Schnapsflaschen wird es grenzwertig. Aber ganze Drucker oder Waschbecken? Das grenzt schon an Mutwilligkeit! Ich hätte den Feldweg nicht so kampflos aufgeben sollen! Na, was soll’s – bis Paterna sind es ja nur noch ein paar Kilometer. Aber die Qualität der Straßen hier in der Provinz ist der Hammer. Ich wünschte unsere Hauptstraßen wären alle so gut in Schuss wie hier die kleinen Nebenstraßen.
    Paterna ist ein harmloser Flecken, der mein Herz nicht geraubt hat. In und vor den Bars sitzen Spanier und spielen Karten und Domino als ginge es um ihr Leben. Allerdings sind das meist Männer. Frauen sieht man hier entweder gar nicht oder hinter dem Tresen. Vor dem Ortsausgang halte ich mich rechts. Heute ist hier Markttag. Hier sind also die ganzen Frauen abgeblieben! An der nächsten Bar halte ich mich links und verlasse das Dorf und gehe wieder über Feldwege weiter. In leichtem Auf und Ab geht es durch hügeliges Gelände, ab und an durch einen im Augenblick recht eingetrockneten See angereichert.

    Viel zu schnell endet der Feldweg wieder an einer Straße. Die Südspanier sind entweder sehr freundlich – hupen und grüßen – oder eher ignorant und fahren sehr dicht an einem vorbei. Also bei der nächsten Gelegenheit wieder auf Feldwege ausweichen. Oder zumindest auf kleinere Straßen.

    Bei der Mittagspause fallen mir die vielen Hunde in Anhängern auf. Da in den Autos auch Gewehre liegen hoffe ich für die Hunde, dass sie als Jagdhunde Verwendung finden. Der Umgang mit Haustieren ist in Spanien ja nicht so innig wie bei uns. Hunde dürfen meist nicht ins Haus und werden recht wenig umsorgt.
    Ich beschließe für den weiteren Weg die Straße zu verlassen und über San José del Valle weiter zu gehen. So komme ich von der sehr lebhaften Straße in eine sehr einsame Gegend. Die Spuren von Pferden und Rädern verraten mir, dass dieser Weg vermutlich nicht unerwartet endet. Eine Herde Ziegen kreuzt meinen Weg – nur: Wo ist der Hirte? Ich sehe keinen. Sind die etwas wild unterwegs?

    Es geht deutlich aufwärts und in der Ferne sind ab und zu richtig hohe Berge zu erkennen.

    In San José komme ich gegen 14 Uhr an. Etwas früh für eine Übernachtung wie ich finde. Möglichkeiten gibt es genug aber der Ort spricht mich nicht an. Ich steuere also auf kleinsten Straßen – völlig ohne Verkehr – und Feldwegen auf den Embalse del Guadalcacin II zu.

    Neben der Straße führt ein Ziegenweg entlang mit grandioser Sicht nach Nord-Osten: Weiden, der See und hohe Berge im Hintergrund. Genial!

    Bei der nächsten Vesperpause überholt mich wieder eine Herde Ziegen – diesmal mit Betreuung. Auch gibt es hier reichlich wilde Kaninchen. Die sind nur viel zu schnell für meine Kamera. Bis ich die oben habe sind die Kollegen schon weg.
    In der Ferne höre ich viele Gewehrschüsse. Am Wochenende wird hier viel gejagt. Aber sehr viel mehr als die Kaninchen habe ich an jagdbarem Wild noch nicht gesehen.
    Hinter der Staumauer geht es dann leicht abwärts. Ich halte mich an den Wasserkanälen entlang. Da geht meist ein Feldweg daran entlang. Wer allerdings glaubt damit einen ebenen Weg vor zu finden der irrt!

    Ab und zu verschwindet das Wasser in Rohren und wird so durch ein Tal geführt. Auf der nächsten Anhöhe erscheint das wertvolle Nass dann wieder und wird wieder durch offene Kanäle geleitet. Hier nördlich von dem Stausee gibt es davon reichlich. Neben den Kanälen gibt es fruchtbare Wiesen und Weiden und es sind auch Bäume zu sehen. Aber bereits wenige Meter weiter ist die Erde schon wieder sehr trocken.

    In der Ferne taucht Arcos de la Frontera über den Baumwollfeldern auf.

    Ein toller Anblick! Die Altstadt liegt auf einem Berg, der nach Süden einen jähen Abbruch findet. Die Kirchen und das Kloster heben sich dunkel von den weißen Häusern ab.

    Je näher man der Stadt kommt desto mehr Einzelheiten faszinieren mich. Ich überquere den Bach am Wehr und gehe einen Weg direkt unterhalb der imposanten Wand entlang. Dann zieht der Weg plötzlich nach oben und führt steil hinauf in die Altstadt.

    Wieder so ein schweißtreibender Aufstieg zum Abschluss. Oben angekommen hat man einen grandiosen Rundblick.

    Leider komme ich zu spät um im Kloster zu übernachten. So genieße ich den Luxus eines Hotels und schlendere am Abend durch die Straßen. In dem Lokal in dem die meisten Spanier sitzen esse ich zu Abend und muss meine Wahl nicht bereuen! Sehr gute Küche. Nur komme ich über die Vorspeisen nicht hinaus. Dafür nehme ich davon gleich ein halbes Dutzend.

    So eine Stadt an einem Tag vor einem freien Tag hat einfach was! Die Spanier bleiben lange auf und in den Straßen geht es bis spät in der Nacht hoch her. Wer erst gegen 22 Uhr zum Essen geht kann nicht schon um Mitternacht im Bett liegen. Ich nehme mir vor an Freitagen und Samstagen in Städten keine Herbergen zu nehmen – da muss man meist gegen 22 Uhr schon im Bett liegen. Wie will ein Spanier da abends noch was essen?

    5. Tag: Arcos de la Frontera - Las Cabezas
    Sonntag, 16. Oktober 2011
    Strecke: 40 Km - Gesamtstrecke: 164 Km
    Höhenunterschiede: ↑ 530 m, ↓ 670 m
    Gehzeit: 10,0 h

    Am Morgen ziehe ich nochmal durch die Straßen. Es ist erstaunlich wie viele Läden hier sonntags offen haben! Ich decke mich gut ein denn heute gibt es kaum Zwischenstopps mit Einkaufsmöglichkeit am Weg. Bei diesen Temperaturen brauche ich gut 1 Liter Wasser auf 10 Kilometer.
    Am Ortsrand geht es wieder auf Feldwegen am Sportzentrum vorbei und mal wieder zu einer Autobahn vor den Toren der Stadt. Davon gibt es hier auch reichlich! In der Schrebergartensiedlung stehen sehr viele Pferde und Hunde wo bei uns Blumen stehen.

    Die Landschaft wird wieder flacher.

    Es geht 6 nichtssagende Kilometer an einer Straßen entlang bis ich bei Km-Stein 12 wieder auf Feldwege abbiege. Am Wegesrand sind regelmäßig Viehtränken aufgebaut.

    Als ich an die Grenze zwischen den Provinzen Cadiz und Sevilla komme fühle ich mich zu Asterix versetzt: Ein Graben trennt die Provinzen. Auf der einen Seite trockene Felder auf denen Getreide angebaut wird und in der Provinz Sevilla sind Olivenplantagen angelegt. Wer den Graben überschreitet, wie ich, sollte lange Hosen anhaben. Die klettenartigen Gewächse hängen sich überall fest.

    Ich hatte hier bei der Vorbereitung mit Google-Earth aber auch schon Probleme gehabt einen durchgängigen Feldweg zu finden. Als ich dann endlich wieder auf einem Feldweg bin werde ich dann auch das erste (und zum Glück das einzige) Mal eines Weges verwiesen. Deutlich in Ton, Lautstärke und Gestik. Warum manche spanische Bauern etwas dagegen haben wenn man über ihre Feldwege wandert muss mir mal einer erklären.
    So muss ich leider einige Km Umweg in Kauf nehmen und ein zweites Mal in die Provinz Sevilla einreisen. Es geht leider ein paar mühsame Kilometer an der Straße entlang.
    In einer Venta kurz vor Las Cabezas de San Juan fehlt das erste Mal der Fisch bei den Tapas. Ich entferne mich auch hier spürbar vom Meer.
    Ich komme nach Las Cabezas rein und steuere die auf dem Hügel liegende Kirche an. Normalerweise ist die ja der Mittelpunkt einer Stadt. Hier rührt sich aber gar nichts. Ich streife durch die Stadt auf der Suche nach einer Unterkunft. So entdecke ich dann auch den Platz, an dem hier am meisten los ist. In einer Bar frage ich nach einem Hostal oder einer Pension. Nun, die Bar hätte selber Zimmer. Ob ich die mir mal ansehen wolle? Klar will ich! Sie zeigt mir dann eine Top-Apartment-Wohnung die sie mir zu einem Spotpreis überlässt.

    Am Abend ist auf dem Hauptplatz wieder schwer was los. Erste Wolken am Himmel weisen auf Abkühlung hin.

  5. AW: [ES] Von Spaniens tiefstem Süden bis ans Ende der Welt

    #5
    Spannende Tour - schön zu lesen!

  6. AW: [ES] Von Spaniens tiefstem Süden bis ans Ende der Welt

    #6
    6. Tag: Las Cabezas - Dos Hermanas
    Montag, 17. Oktober 2011
    Strecke: 44 Km - Gesamtstrecke: 208 Km
    Höhenunterschiede: ↑ 175 m, ↓ 175 m
    Gehzeit: 9,0 h

    Da es in der Bar, zu der das Apartment gehört, kein Frühstück gibt, mache ich mich fertig und ziehe los zum Einkauf und zur Frühstückssuche. Obwohl das Thermometer um 8 Uhr 15 schon 18° C zeigt laufen hier alle in Strickjacken rum. Was machen die hier im Winter?
    Beim Frühstück wird mir dann erläutert wie man den spanischen Schinken zum Frühstück isst: Auf die eine Hälfte des Brotes dick den Schinken drauf, auf die andere reines Olivenöl in rauen Mengen, zusammenklappen, essen. Schmeckt gut, ist aber nicht ganz das was ich mir zum Frühstück vorstelle. Das stößt bei dem Kellner auf Unverständnis. Das ich dann auch noch keinen Kaffee trinke sondern Kakao macht es nicht wirklich besser.

    Heute geht es durch die Tiefebene vor Sevilla. Die liegt nur ca. 4 Meter über dem Meer. Hier im Ort nehme ich eine kleine Ausfallstraße an der Schule und der Autobahnraststätte vorbei in Richtung Bahnhof. Da gibt es zwei: einen alten an einer eingleisigen Linie und einen neuen. Der ist komplett fertig bis auf die Gleise. An deren Stelle wuchert Meter hohes Unkraut. Da kam wohl ein Baustopp kurz vor der Vollendung.

    Der Blick schweift weit über das flache Land. Die Felder sind riesig aber knochen- trocken. Wo in der Karte Bäche einge- zeichnet sind befinden sich ausge- trocknete Bachbetten. Die Felder Drumherum sehen übel aus. In Google- Earth sah die Gegend so Grün aus – das muss wohl zu einer anderen Jahreszeit gewesen sein!
    Hinter einer alten Fabrik sehe ich dann wo das ganze Wasser hin ist: Reisfelder soweit das Auge reicht. Und die stehen alle unter Wasser. In den Rand- kanälen plätschert es ständig – aber der Geruch deutet nicht gerade auf Trinkwasser hin. Auf den Reisfeldern hat sich ein Schwarm Störche niedergelassen. Die ersten die ich zu sehen bekomme.
    Dann geht es schnurgerade über einen Feldweg zwischen Reisfeld und Straße nach El Trobal. Die alten Weidewege, die in der Karte eingezeichnet sind, gibt es alle nicht mehr. So halte ich mich auf den Feldwegen und steuere Los Palacios y Villafranca an.
    So langsam sehen die Kanäle auch so aus, wie man sie sich vorstellt: Von Bäumen gesäumte Oasen in der trockenen Gegend. Auch die Straßen zeigen die eher Landwirtschaftlich genutzte Prägung der Region: Kaum Verkehr – und das bisschen was sich bewegt sind Traktoren und andere landwirtschaftliche Gerätschaften.
    Hier gibt es Straßen, die eindeutig nicht ganz so neu sind wie die meisten der bisherigen. In manchen Schlaglöchern verschwinden ganze Warnpylonen.

    Endlich kommt Los Palacios in Sicht. Ich merke, dass ich mich einem städtischen Großraum nähere: Die Ortschaften werden größer, die Autobahnen mehr und die Vororte nicht wirklich schöner. Sevilla ist immerhin die 4-größte Stadt Spaniens nach Madrid, Barcelona und Valencia. Los Palacios gibt entsprechend nicht viel her.
    In einem Restaurant esse ich zu Mittag. Zuerst eine Salmorejo – eine kalte dickflüssige Suppe aus Tomaten, Knoblauch, Brotkrumen und Olivenöl. Lecker! Dann noch ein Fischeintopf vom Feinsten. Die spanische Küche hat schon einige wirklich gute Schmankerl zu bieten!
    Dann mache ich mich auf die Suche nach dem Stadtzentrum. So eindeutig wie ich erwartet habe ist das nicht zu finden. Völlig unerwartet stehe ich wieder am Ortsrand. Irgendwie hat mir bei dem Städtchen der Höhepunkt oder das Zentrum gefehlt. Durch einen Park geht es an einem Industriegebiet vorbei. Hinter den letzten Häusern geht es Zick-Zack um über eine Brücke die obligatorische Autobahn überqueren zu können. Ich komme durch eine eher privat genutzte Schrebergartensiedlung. Überall sind Tiere auf den sehr trockenen Wiesen angebunden: Pferde, Esel, Hunde, … Alle an sehr kurzen Leinen.
    Dann wechseln sich Olivenhaine und Weinfelder ab. Auf Feldwegen geht es zwischen ihnen hindurch.

    Auf manchen Feldern stehen gemauerte Brunnen. Einigen Olivenbäumen sieht man regelrecht an, dass sie schon etliche Jahre auf dem Buckel haben – sich wachsen in den tollsten Formen.

    Die Landgüter werden größer und repräsentativer. Viele Felder sind mit Bewässerungssystemen versehen und in gutem und gepflegtem Zustand.

    Nachdem ich die übliche Autobahn überquert habe komme ich in die ersten Vororte von Dos Hermanas. Viele Neubausiedlungen im einheitlichen Baustil und nicht sehr ansprechend. Bis ins sehr kleine Stadtzentrum dauert es noch eine ganze Weile. Vereinzelt stehen sehr schöne alte Gebäude zwischen den nichtssagenden Straßenzügen.

    Gegen kurz vor 19 Uhr zeigt ein Thermometer noch 25° C. Den Tag über war es auch nicht mehr ganz so heiß wie die letzten Tage. Die Quartiersuche wird nochmal eine Herausforderung aber in der Gegend vom Bahnhof werde ich dann fündig. Dort kriege ich auch ein gutes Abendessen.
    Beim Routesuchen für Morgen stelle ich fest, dass es keine 20 Km mehr bis Sevilla sind. Ab da ist der Weg durch die Via de la Plata vorgegeben und die tägliche Wegsuche fällt weg. Eigentlich schade! Mir hat das tägliche Wegaustüfteln viel Spaß gemacht. Ohne Google-Earth und die digitalen Karten auf dem Smartphone wäre das Orientieren wesentlich schwieriger. Viele Wegentscheidungen habe ich allerdings auch erst kurzfristig getroffen wenn ich die Situation vor Ort gesehen habe.
    Auf dem ganzen Weg bis hier her habe ich keinen einzigen anderen Wanderer gesehen. In manchen Siedlungen wurde ich angestarrt als käme ich von einem anderen Stern. Ich denke auch das wird nach Sevilla aufhören. Reiter habe ich da schon mehr gesehen. Und sehr viele sportliche Radler. Aber kaum einen auf Langstrecke.
    Auf dem Camino Frances war Alleine bleiben kaum möglich. Auf der Via Podiensis hat man täglich andere Pilger getroffen, konnte aber auch allein gehen. Auf der Via Gebennensis war man meist alleine unterwegs, hat aber ab und an einen Pilger getroffen. Auf dem Schweizer Jakobsweg war es ähnlich wobei das weniger Pilger als Wanderer waren. Auf dem Weg von Reutlingen an den Bodensee war es ähnlich wie hier: Keine Menschenseele mit ähnlichen Ambitionen. Ich bin mal gespannt was die Via de la Plata in der Richtung mit sich bringt!

    7. Tag: Dos Hermanas - Italica
    Dienstag, 18. Oktober 2011
    Strecke: 26 Km (16 Km davon bis Sevilla) - Gesamtstrecke: 234 Km
    Höhenunterschiede: ↑ 50 m, ↓ 70 m
    Gehzeit: 9,0 h

    Heute habe ich ausgeschlafen! Es steht ja nur eine kleine Etappe an. Beim Frühstück habe ich viele Touristen getroffen, denen die Preise in Sevilla einfach zu teuer waren und die mit der Bahn in Vororte rausgefahren sind.
    Ich verlasse Dos Hermanas durch eine Rollladensiedlung: Über 60 % aller Häuser stehen leer. Und das über mehrere Blocks hinweg. Die sehr hohen spanischen Immobilienpreise bewirken seltsame Stilblüten!

    Wo ich laut Karte dann einen Park erwartet habe ist eine Großbaustelle. Hier wird die Infrastruktur für einen ganzen Ort gebaut: Metro, Straßen, Laternen, Verkehrsschilder, Parks (mit Bänken, Rasen, Mülleimern, …), Kinderspielplätze (mit Spielgeräten), … und das über mehrere Quadratkilometer - Aber nur 2 Häuser! Bis das mal gebraucht wird ist das doch alles veraltet und renovierungsbedürftig.

    Ich flüchte so schnell es geht aus dieser Umgebung. An einer Schnellstraße spricht mich dann ein Spanier an: Ich habe mich wohl verlaufen! Ich sei doch auf dem Jakobsweg, oder?

    Er bringt mich dann querfeldein über Felder zu einem Wanderweg und zeigt mir einen gelben Pfeil. Siehe da: Das muss die Route aus Cadiz sein. Beim nachträglichen Recherchieren finde ich dann auch die Unter dem Namen Via Augusta geführte Route, die sogar über Las Cabezas und Dos Hermanas führt. Die hatte ich im Vorfeld nicht gefunden.
    Auf diesem Weg werde ich an einer großen 6-spurigen Straße nach Sevilla hineingeführt. An dieser Straße wohnen wohl die Prominenten und die Reichen: Eine Villa steht neben der nächsten. Die Häuser werden immer pompöser – ich nähere mich also dem Zentrum.

    Handy am Steuer ist verboten! Aber Handy am Zügel?
    Dann bin ich in mir bekanntem Gebiet. Und ohne Feiertag ist die Stadt viel leerer. Und mit 28° C auch viel angenehmer als vor einer Woche. Aber trotzdem nicht ohne Leben auf den Straßen!

    Ich besuche heute die Kathedrale – der eigentliche Startpunkt der Via de la Plata.

    Eine Kachel markiert den Beginn der Route in eine Seitenstraße hinein. In dem Viertel, durch das die Via nun führt, pulsiert das Leben: Tolle Läden, Bars und Kneipen, Straßen voller Passanten, Phantasievolle Touristenunterhaltung, …

    Im Stadtteil Triana, dem Keramikerviertel der Stadt, finde ich eine tolle Kneipe. Eine frühere Fabrik wurde mit viel Liebe zum Detail zu einer Stierkampfkneipe umgebaut. Die Wände hängen voll mit teilweise signierten Plakaten, Bildern von Toreros, Sätteln, Zaumzeug und anderen Dingen. Hier esse ich dann einen Rabo de Toro – einen typisch andalusischen Ochsenschwanzeintopf. Total Lecker!

    Man findet hier Läden, Werkstätten und Fabriken, die sich alle mit Keramik befassen. Und überall kann man reinschauen. Ein sehr schönes Viertel.
    Entsprechend groß ist der Unterschied als ich auf der anderen Fluss Seite nach Camas komme! Was auf den ersten Kilometern der Via bis Italica geboten wird ist enttäuschend. Soll das die Zweifler und Unentschlossenen zur Umkehr bewegen? Weder die Orte noch die dazwischen liegenden Industriegebiete sind vieler Worte wert. Eine Ausnahme ist hier das Kloster ‚Monasterio de San Isidoro del Campo‘: Leider ist hier kein Orden ansässig – und heute leider geschlossen.

    In Italica stelle ich dann fest, dass es mir für heute reicht als ich bei einem Radler in der letzten Bar vor Guillena einnicke. Man muss lernen auf seinen Körper zu hören sonst erreicht man das Ziel nicht. Ich komme in einem kleinen Hotel unter und genieße den Rest vom Tag in der Sonne.
    Am Himmel ziehen Zugvögel in einer präzisen V-Formation gen Süden. Überall hängen hier Flaggen rum. Und wo eine spanische Flagge hängt da hängt immer gleich die Andalusische Grün-Weiß-Grüne Flagge daneben.
    Auf den 220 Km bis Sevilla hat mich eigentlich nur der Spanier heute Morgen als Pilger erkannt. Auf den wenigen Km von Sevilla bis hierher waren es dann schon 3. Auf dem ganzen Weg habe ich bisher eigentlich fast nur hilfsbereite Menschen getroffen. Je älter desto hilfsbereiter würde ich mal sagen.
    Die Landschaft hat sich mir auf dem Weg sehr abwechslungsreich dargestellt: Die Küstenregion mit dem Blick nach Afrika und den Bergen im spanischen Küstenbereich, die hügelige Landschaft um Medina, Die Seen mit den hohen Bergen im Hintergrund um Arcos, die Tiefebene vor Sevilla – das Guadalquivir-Becken – und die sehr Urbane Gegend um Sevilla. Ein sehr abwechslungsreicher Abschnitt mit sehr einsamen Weitwanderwegen durch grandiose Landschaft und tolle Städte wie z.B. Aros, Medina oder Sevilla.
    Das Essen war bei vegetarischen Gerichten und Fische immer gut. Die Art der Fleischzubereitung liegt nicht so ganz auf meiner Geschmacksrichtung. Der Service war immer gut und tolerant gegenüber mir und meinen Spanischkenntnissen.

    8. Tag: Italica - Castilblanco de los Arroyos
    Mittwoch, 19. Oktober 2011
    Strecke: 30 Km - Gesamtstrecke: 264 Km
    Höhenunterschiede: ↑ 340 m, ↓ 50 m
    Gehzeit: 6,5 h

    Ich komme heute früh weg und verlasse den Urbanen Bereich von Sevilla. Nach etwas Landstraße geht es auf einen schnurgeraden Feldweg mit einer etwas landwirtschaftlichen Geruchskulisse.

    An der Furt, die in jedem Führer und Bericht auftaucht, befindet sich – vermutlich jahreszeitlich bedingt – nur eine Schlammpfütze von 10 cm Tiefe.

    Da barfuß mit angehenden Blasen durch zu waten würde ich keinem empfehlen – das grenzt dann schon an Fahrlässigkeit. Eine Umgehung ist aber Problemfrei.

    Guillena ist ein recht nettes Dorf.

    Im Tante-Emma-Laden frische ich meine Bestände auf und mache am Fluss Pause. Ein Schwarm Graureiher, oder das was ich dafür halte, nimmt ein Bad.
    Die Via führt etwas an einer Straße entlang um dann hinter einem kleinen Industriegebiet auf einem Feldweg durch Olivenhaine stetig bergauf.

    Irgendwann ist es nur noch ein Wanderweg durch Rinder- und Schweineweiden. Die Rinder lassen sich sehen, die Schweine nicht.

    Der Weg geht mal steinig mal sandig immer auf und ab. Was des Wanderers Freud ist des Radlers leid – der Radler, der mich überholen will flucht ziemlich und schiebt mehr als das er fährt.
    Der Großteil der Vegetation ist fast ausgetrocknet. Es wird dringend Zeit, dass es hier mal regnet. Nur direkt an den Haziendas ist alles Grün. Da wird aber bewässert.

    Gegen 14 Uhr 30 bin ich in Castilblanco de los Arroyos. Die nächste Etappe ist ca. 30 Km, also keine Chance noch etwas weiter zu gehen. Ich beziehe die erste Pilgerherberge. Den Schlüssel dafür gibt es an der Tankstelle. Es gibt zwar eine Heizung aber dafür keine Decken. Na, es ist ja gut warm – auch nachts noch. Von der Terrasse hat man einen tollen Blick über den Ort und seine Umgebung.

    Laut Herbergsbuch bin ich der elfte Pilger in diesem Monat. Das wundert mich dann doch. Oktober ist doch eigentlich ein idealer Monat für die Via: Die heiße Zeit ist normalerweise vorbei und der Winter, der in der Extremadura sehr hart sein kann hat noch nicht begonnen. Ich hoffe doch, dass ich den einen oder anderen noch kennen lernen werde. Bisher war da noch Fehlanzeige!

    Auf der Runde durch das Dorf finde ich dich Kirche mal wieder verschlossen vor. Warum probiere ich es auch immer wieder? Ich lerne es eben nicht! Aber das Dorf ist ganz gut in Schuss. Liegt auf einem leichten Hügel und ist ordentlich. Da habe ich schon andere Orte gesehen!

    9. Tag: Castilblanco de los Arroyos - El Real de la Jara
    Donnerstag, 20. Oktober 2011
    Strecke: 45 Km - Gesamtstrecke: 309 Km
    Höhenunterschiede: ↑ 650 m, ↓ 475 m
    Gehzeit: 10,25 h

    Das Frühstück nach einer unruhigen Nacht in der Bar gegenüber ist nicht der Hit. So komme ich wenigstens recht früh los. Die ersten 16 Kilometer führt die Via an der Straße entlang.

    Nicht sehr schön zu gehen aber Landschaftlich durchaus reizvoll.

    Rechts und Links liegen Dehesas – die hier üblichen Weiden mit einzelnen Korkeichen – mit Rindern. Schweine, die es hier recht viel geben soll, habe ich noch keine gesehen.
    Mancher hat die Einfahrt zu seiner Hazienda etwas aufgepeppt.

    Der dann folgende Naturpark Sierra Norte ist wirklich grandios!

    Ich steige durch geschälte Korkeichen-Dehesas in ein Tal hinab in dem wilde Rhododendronbüsche blühen und auch Ansätze von Kiefernwäldern an den Hängen stehen.

    Von einem echten Wald würde ich bei dem Baumabstand noch nicht sprechen wollen.

    Hier macht das Wandern wirklich Spaß! Kein Auto weit und breit.
    Aber auch hier sind die Spuren der Trockenheit unübersehbar. Was im Führer als breiter Fluss angekündigt wird sind mehrere zusammenhängende Pfützen.
    Die Via, hier zusätzlich durch Granitsteine markiert, zieht sich über die Hügel und durch die Täler bis er schließlich auf einen Bergrücken hinaufzieht.

    Der Blick zurück ist grandios.

    Dann gehe ich den Abstieg nach Almadén de la Plata an. Auf halber Höhe ist an einer Felsformation eine Gedenkstätte eingerichtet worden. Von einem kleinen Kreuz hat man einen herrlichen Blick ins Tal mit dem Almadén.

    In Almadén selbst ist nicht viel los. Das Dorf hat aber 2 sehr verschiedene Türme. Mit Storchennestern natürlich!

    In einer Bar frische ich meine Mineral- und Flüssigkeitsspeicher auf. Eigentlich wollte ich hier bleiben. Aber durch den frühen Start ist es gerade mal 14 Uhr. Gegen 15 Uhr entschließe ich mich dann doch noch bis El Real de la Jara weiter zu gehen. Dann hätte ich die Straßenetappe, von der in meinem Führer die Rede ist, wenigstens hinter mir.
    Was nun folgt ist eine weitere wunderschöne Etappe! Von der Straße fehlt jede Spur! Der Pfeil führt mich erst an einer Stierkampfarena vorbei. Aber von Kampf ist leider weit und breit nichts zu sehen. Ich würde mir so was ja gerne mal ansehen. Tierquälerei hin oder her. Was wir mit unseren Tieren machen ist teilweise nicht besser.
    Weiter geht es durch wunderbare Dehesas mit jeder Menge glücklicher Schweine, Pferde, Ziegen und Rinder.

    Ab und an komme ich an einer Villa vorbei. Den ganzen Nachmittag sind die Tiere nicht zu übersehen. Teilweise kommen sie neugierig recht nahe ran. Wirklich scheu scheinen die hier nicht zu sein. Die Schweine wissen aber auch sehr genau wo die Menschen üblicherweise langlaufen. Erst wenn man z.B. zwecks Foto von diesem Weg abweicht ertönt ein Warnruf von einer Sau und schon gibt es Fersengeld. Aber scheinbar nicht sehr viel. Hinter dem nächsten Baum bleiben sie stehen und beobachten mich um zu schauen ob es ernste Gründe für eine weitere Flucht gibt.

    Das Rotwild ist da schon wilder – sagt ja auch schon der Name. Und die Ziegen sind ganz gemütlich. Die bleiben schon nach dem Aufstehen stehen und hoffen auf Fehlalarm. Die Pferde sind ganz gelassen. Die heben den Kopf und wenn es sein muss ziehen sie halt ein paar Schritte weiter.
    Die Dehesas sind sehr weitläufig und ziehen sich auch die Hügel hinauf.
    An einem Hof werden die Schweine gefüttert. Da ist es dann vorbei mit der Scheuheit! Die drängen sich um meine Beine weil hinter mir am Zaun einer das Futter mischt. Und die Via führt genau durch die Rotte hindurch.

    Kurz vor El Real de la Jara kommt mir auf dem Feldweg ein Auto entgegen. Der Fahrer hält an und fragt nach meiner Nationalität. Dann hält er mir ein großes Plakat auf Deutsch hin auf dem er seine private Herberge anpreist. Die kämpfen hier um jeden Gast und freuen sich wirklich wenn man dann bei ihnen übernachtet.
    Dann erreiche ich El Real de la Jara.

    Preislich ist der auf gleichem Niveau wie die städtische Herberge aber qualitativ deutlich besser. In die städtische komme ich gar nicht rein. Da warten schon 2 Pilger mit Hund auf dem Rückweg von Santiago weil 3 Pilger die Herberge abgeschlossen haben und einkaufen gegangen sind. Um 18 Uhr 30 sitze ich in der Dorfmitte und genieße ein Radler mit den Dorfältesten. Ich verstehe die zwar kaum und die mich auch nicht aber wir erzählen uns die Ereignisse des Tages.
    Beim essen muss ich feststellen, dass die Pilgermenüs hier wesentlich abwechslungsreicher sind als auf dem Camino Frances. Dort gab es ein Menü und fertig. Hier kann man zwischen mehreren Vorspeisen und Hauptgängen wählen. Meist stehen auch alle verfügbaren Deserts zur Wahl. Und dann noch alles inclusive einer Flasche Wein, einer Flasche Wasser und Brot.
    Am Abend treffe ich die drei Pilger, die den Schlüssel mitgenommen haben, dann auch noch. Das waren dann heute gleich 5 Pilger auf einmal. Ein Spanier, ein Franzose aus dem Elsaß und ein Italiener. Der Italiener hat sich bei Spagettikochen disqualifiziert: Er hat sie anbrennen lassen. Morgen will der Spanier kochen: Tortillia de Patatas.
    Geändert von Wafer (30.11.2011 um 19:01 Uhr)

  7. AW: [ES] Von Spaniens tiefstem Süden bis ans Ende der Welt

    #7
    Interessant, warte auf die Fortsetzung! (Und freue mich, dass es trotz Rucksack ging, Respekt!)

    Wo echte Bäume stehen sind Bewässerungssysteme erkennbar.
    So ist es. Alles, was grün ist, ist teuer und aufwendig.

    Ich hatte einmal Probleme mit dem Feldbesitzer, weil in der Gegend gerade gejagt wurde... Da verzog ich mich doch lieber.

  8. AW: [ES] Von Spaniens tiefstem Süden bis ans Ende der Welt

    #8
    Junge, Junge, du legst ja ein Tempo vor. Nicht nur zu Fuß auch an der Tastatur.

    Zitat Zitat von wafer
    ... Die Via startet in Sevilla. Warum das so ist hat sich mir noch nicht erschlossen. Pilger aus Afrika – ich denke da hat es auch schon welche gegeben – brauchen doch auch einen Weg ab der Grenze.
    Das haben wir uns im Frühjahr 2007 auch gefragt. Der Vorstand der Asociación de Amigos del Camino de Santiago Via de la Plata (die markieren die Vía), den wir in Almadén de la Plata getroffen haben, hat uns diesen Zahn gezogen. Aus Afrika kamen so gut wie keine Pilger, aus Afrika sind damals die Mauren gekommen. Außerdem ist Sevilla eine Hafenstadt. Wenn, dann sind Pilger mit den Schiffen bis hoch in die Stadt gesegelt. Außerdem gab es noch die Routen ab Faro und die damals oft begangene ab Valencia. Die damaligen Pilger wollten ja nicht unbedingt eine lange Strecke zu Fuß unterwegs sein. Der wesentliche Punkt dürfte aber sein, dass Andalusien der Teil Spaniens war, der am längsten besetzt war. Pilgern nach Santiago war nicht möglich. Nachdem die Mauren endgültig nach Afrika zurück gedrängt waren, brauchte man auch keine Pilger mehr. Für Jahrhunderte ist die Pilgerei zum Erliegen kommen. Eigentlich, so sagten uns die sehr freundliche Damen vom Vorstand, ist man auf einer alten römischen Fernstraße unterwegs, die wiederum einen uralten Handelsweg als Vorläufer hatte.

    Zitat Zitat von wafer
    ... Über 60 % aller Häuser stehen leer. Und das über mehrere Blocks hinweg. Die sehr hohen spanischen Immobilienpreise bewirken seltsame Stilblüten!
    Das sind Fantasiepreise. Jahrzehnte hat der Staat durch ausufernde Steuergeschenke den Bauboom noch gefördert, weil es außer dem Tourismus sonst keine nennenswerte Wirtschaft gab. Daher auch die sehr guten Straßen. 2008 ist die Immobilienblase geplatzt. Selbst wenn die Preise der Realität angepasst werden, kann sich niemand mehr diese Wohnungen leisten. Bei jetzt 20 % Arbeitslosigkeit sowieso nicht. 2007 hat meine Wanderbekanntschaft von der Via das für 2008 vorhergesagt.

    Ich glaube man merkt, dass ich von den 1.000 km Via de la Plata, 900 mit einem Spanier unterwegs war, der zudem sein Geld mit Wohnungen und Häusern gemacht hat.

    Zitat Zitat von wafer
    ...Ohne Google-Earth und die digitalen Karten auf dem Smartphone wäre das Orientieren wesentlich schwieriger.
    Navi oder die Karten als Foto aufs Telefon geladen?

    Die Furt ist wirklich erbrämlich. 2007 hätten wir bis zum Schritt in der Brühe gestanden. Zum Glück hatten wir eine paar Bäume gefunden, die fast waagerecht über die Brühe gewachsen waren. Ich nehme an, dass du dir am Kreuz mit den Plastikblumen zuerst mal den Schweiß von der Stirn geputzt hast.
    Geändert von Werner Hohn (30.11.2011 um 21:56 Uhr)

  9. Fuchs
    Avatar von anja13
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    AW: [ES] Von Spaniens tiefstem Süden bis ans Ende der Welt

    #9
    Der Bericht hat mir gerade das Frühstück bereichert - ich bin gespannt auf die Fortsetzung!

  10. AW: [ES] Von Spaniens tiefstem Süden bis ans Ende der Welt

    #10
    Zitat Zitat von Werner Hohn
    Navi oder die Karten als Foto aufs Telefon geladen?
    Hallo Werner.
    Ich habe die Karten als Bilder auf's Handy geladen. Wenn man beim Handy standig Satelitenempfang aktiviert hat geht die Baterie zu schnell aus. Außerdem habe ich vom spanischen Geographischen Amt nur Bitmaps geladen.
    Und wenn du mit einem Spanier unterwegs warst kannst du mir vielleicht noch die Fragen beantworten warum die Apanier überall diese Plastikflaschen mit Wasser vor dem Haus und dem Zaun stehen haben? Ich habe einige gefragt aber keiner konnte mir eine sinnvolle Antwort geben.

    Gruß Wafer

    Zitat Zitat von Atze1407
    Da wird doch der Hund in der Pfanne verrückt !
    Anfangen, die Leute heiß machen und nicht weiterschreiben, ich hasse es.
    Ist ja mittlerweile wie im privat Fernsehen,- Film anfangen und nach 15 Minuten Werbung.
    Hallo Atze1407.

    Da ich auch noch eine Familie habe und die jetzt schon viele Wochen auf mich verzichtet haben bin ich aktuell nicht ganz so frei in der Zeitgestalltung wie die letzten Wochen.
    Fortsetzung folgt sobald ich wieder dazukomme. Ich würde ja am liebsten auch den ganzen Tag schreiben aber ...

    Gruß Wafer

  11. AW: [ES] Von Spaniens tiefstem Süden bis ans Ende der Welt

    #11
    Zitat Zitat von Wafer Beitrag anzeigen
    kannst du mir vielleicht noch die Fragen beantworten warum die Apanier überall diese Plastikflaschen mit Wasser vor dem Haus und dem Zaun stehen haben? Ich habe einige gefragt aber keiner konnte mir eine sinnvolle Antwort geben.
    Bin zwar nicht Werner, aber:

    Die Antwort(en) sind auch nicht wirklich sinnvoll. An den Ecken eines Hauses sollen sie verhindern, dass die Hunde die Wände anpinkeln. Am Eingang (oder etwa im Treppenhaus) geht es darum, alles Schlechte, "mala vibra", vom Hause abzuhalten. Worauf es beruht, weiß ich nicht; habe Theorien gehört, dass 1. ein Hund nicht ins Haus machen kann, 2. Wasser im Fall eines Feuers schnell zur Hand ist und 3. Wasser gleich Leben und deswegen sozusagen eine höhere Macht ist.

    Andere Varianten?

    LG,
    Nita

  12. Erfahren
    Avatar von barkas1980
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    AW: [ES] Von Spaniens tiefstem Süden bis ans Ende der Welt

    #12
    Das mit dem Hunde an die Ecke pinkeln kenn ich auch so. Allerdings dachte ich, als mir das erzählt wurde, dass sie einen doofen Touri für blöd verkaufen wollen.
    - nur ab und zu hier -

  13. AW: [ES] Von Spaniens tiefstem Süden bis ans Ende der Welt

    #13
    Hallo ihr zwei.

    Diese Versionen habe ich auch gehört. Dann wurde mir noch die Geschichte angeboten, dass die Mücken durch das Wasser in den Flaschen abgehalten werden oder dess es in Spanien ein Gesetz gäb nach dem man jedem der anfragt Wasser geben müsse (ähnlich wie in Frankreich). Mit dem Wasser vor dem Haus wolle man das Klingeln vermeiden. Beide Varianten halte ich aber für Fragwürdig. So ein Gesetz kenne ich in Spanien nicht. Und das Wasser sah nicht immer so aus als wolle ich es Menschen zum Genuss anbieten.

    Gruß Wafer

    Die nächsten Tage sind fast fertig. Vielleicht stelle ich sie heute noch rein!

  14. Vorstand
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    Avatar von lina
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    AW: [ES] Von Spaniens tiefstem Süden bis ans Ende der Welt

    #14
    Zitat Zitat von Wafer Beitrag anzeigen
    Die nächsten Tage sind fast fertig. Vielleicht stelle ich sie heute noch rein!
    Ja, bitte gerne!
    *schonmalvorfreu*

  15. [ES] Von Spaniens tiefstem Süden bis ans Ende der Welt

    #15
    10. Tag: El Real de la Jara - Monesterio
    Freitag, 21. Oktober 2011
    Strecke: 20 Km - Gesamtstrecke: 329 Km
    Höhenunterschiede: ↑ 550 m, ↓ 275 m
    Gehzeit: 5,0 h

    Am Morgen schlafe ich aus. Ich will heute mal etwas weniger laufen. So starte ich gegen 10 Uhr nach dem Frühstück. Es geht hinter dem Dorf erst mal leicht aufwärts an der Ruine einer alten Burg vorbei. Mit der wurde der Grenzübergang zwischen Extremadura und Andalusien auf der andalusischen Seite überwacht.

    Nach wenigen Metern komme ich an einen Bach, der die Grenze zwischen der Extremadura und Andalusien bildet. Auf der anderen Seite auf dem Hang steht dann auch eine weitere Ruine. Das war der Wachposten auf der Seite der Extremadura. Das muss dann wohl ein frequentierter Übergang gewesen sein.

    Aus der Nähe sieht man wie trocken hier trotz der Nähe zum Bach ist.

    Die Extremadura begrüßt mich von seiner schönsten Seite.

    Der Weg führt durch Dehesas in leichtem Auf und Ab. Immer an endlosen Steinmauern vorbei. Die sind alle von Hand ohne Mörtel aufgeschichtet. Da müssen Generationen dran gearbeitet haben.
    Der Blick reicht bis zu einer Hügelkette am Horizont auf der Monasterio, mein heutiges Ziel, liegt.
    Die Ermita de San Isidro hat sich ja prächtig entwickelt: An ihrem Platz steht heute eine große Autobahnraststätte der A66 – der Autovia Ruta de la Plata. Wie auch auf dem Camino Frances haben die Spanier parallel zur Via de la Plata eine Autobahn (A66) und eine Nationalstraße (N630) gebaut, die mich die nächsten Wochen begleiten werden. Ich könnte auf diese Begleitung ja verzichten aber …
    Hinter der Ermita zieht sich der Weg dann zwischen A66 und N630 den Hang hinauf. Zu Beginn noch eine schöner Wanderpfad, später leider meist geteert. Oben angekommen belohnt eine grandiose Sicht zurück die Mühen des Aufstiegs. Dann kommt man schnell nach Monesterio.
    Die Iberischen Schweine in der Extremadura sind scheuer als ihre Verwandten auf Andalusischer Seite. Hier gilt Zufütterung als Qualitätsmindernd. Daher behalten die Tiere ihre natürliche Scheu. Monasterio ist überhaupt die Hauptstadt des Iberischen Schinkens! Jeder zweite Laden hat mit den Schweinen zu tun. Kein ideales Etappenziel für Vegetarier!
    Hier hat der örtliche Pfarrer eine neue Herberge aufgemacht. Mit voll ausgestatteter Küche und 3 4-Bett-Zimmern. In der Küche sind die Grundlegenden Dinge wie Essig, Öl, Salz, Pfeffer usw. vorhanden. Ideale Voraussetzungen um heute mal zu kochen.
    Ich beziehe ein Bett und drehe die obligatorische Besichtigungsrunde durch den Ort.

    Dann haben auch die Läden wieder offen – zu Zeiten wo die in Deutschland schon wieder schließen. In der Herberge zurück sind die drei von gestern Abend auch da. Na Super! Da kriege ich sogar was von den Tortillas de Patatas ab.

    Wir sind uns schnell einig: Ich mache eine Vorspeise und den Salat, Der Spanier die Tortillas, der Franzose kümmert sich um Käse, Obst und Wein und der Italiener darf abspülen (wer als Italiener Spagetti anbrennen lässt …).
    Das wird ein sehr unterhaltsamer multikultureller Abend. Die Mischung der Nationalitäten macht die Sache erst interessant! Als Kommunikationsmedium einigen wir uns auf Englisch: die einzige Sprache die alle 4 können. Sonst wäre immer mindestens einer dabei, der nix versteht. Und für jeden ist es eine Fremdsprache.





    11. Tag: Monesterio - Zafra
    Samstag, 22. Oktober 2011
    Strecke: 46 Km - Gesamtstrecke: 375 Km
    Höhenunterschiede: ↑ 175 m, ↓ 500 m
    Gehzeit: 10,5 h

    Gestern Abend ist es reichlich spät geworden. Nach dem gemeinsamen Frühstück brechen wir auf. Die Via führt durch Dehesas langsam den Berg hinauf. Oben wird die Vegetation dann niedriger und es wird wieder windiger. Passend dazu sehe ich heute die ersten Wolken seit langem. Im Laufe der Wanderung werden die Bäume immer niedriger und das Land wird immer flacher.
    Auf einer Hügelkuppe kann man Fuente de Cantos schon liegen sehen.

    Bis dahin geht es aber nochmal zu einem Bachlauf hinunter und wieder hinauf.

    Vor Fuente de Cantos steht eine Villa mit dem Namen „Villa de Camino de Santiago“ und der Km-Angabe 889. Da hätte sie aber kurz hinter Calstilblanco stehen müssen.

    Die Kirche von Fuente de Cantos wird von etlichen Storchennestern verziert – wie fast jede Kirche hier. Ich habe auch schon jede Menge Hochspannungsmasten mit diesem Schmuck gesehen. Aber ob das auf Dauer gut geht?

    Ich habe mal wieder genau den Beginn der Mittagszeit erwischt. Das Dorf liegt wie ausgestorben da. In einer Bar treffe ich die Cousine von dem Spanier von gestern Abend. Sie spricht mich an weil sie wissen will ob ich noch andere Pilger gesehen hätte. Klar habe ich! Aber die werden noch brauchen. Die sind heute sehr langsam unterwegs. Blasen und zu viel Wein am Vorabend wirken sich nicht gerade beschleunigend aus.
    Ich beschließe nach Calzadilla de los Barros weiter zu gehen. Die Felder, und damit die ganze Landschaft – macht einen sehr tristen Eindruck. Das liegt einerseits daran, dass zunehmen Wolken aufziehen aber auch daran, dass hier die Felder abgebrannt werden wenn sie abgeerntet sind. Das sieht aus als trüge die ganze Gegend Trauer. Überall liegt Asche rum. Der Wind verteilt die dann noch gleichmäßig auf die ganze Gegend.

    Die Weinfelder werden immer mehr. In Calzadilla de los Barros gibt es auch eine Winzergenossenschaft. Ich probiere ein paar weiße Trauben. Die sehen allerdings eher aus wie Rosinen – es war einfach zu trocken in letzter Zeit. Aber der Geschmack ist sehr kräftig. Die würde ich gerne mal als Wein probieren.
    Auch Calzadilla liegt wie tot vor mir. Keine Bar, kein Laden, keine Herberge, kein Leben! Es soll eine Herberge geben, die liegt aber 3 Kilometer abseits des Weges. Nun, mir geht’s gut – also weiter!
    Beim Verlassen des Dorfes ist es 3 Uhr. Vom Kirchturm schlägt ein elektronischer Big Ben. Die echten Glocken schlagen nicht mehr – da sind ja überall Storchennester drauf!
    Weiter geht es durch Felder, die zunehmend wieder mit Wein und Oliver bebaut werden. Die verbrannte Erde der Getreidewirtschaft geht zurück. Mir begegnet ein Bauer mit einer Hacke über der Schulter, der zu seinem Feld reitet. Hier in der Extremadura ist teilweise die Zeit einfach stehen geblieben.

    Die Via führt durch Hügel mit Wein und Oliven nach Puebla de Sancho Pérez.

    Aber auch hier liegt die Herberge außerhalb. Ca. 3 Kilometer. Und 5 sind es bis Zafra. Also nehme ich die auch noch mit und gehe weiter nach Zafra hinein.

    Zafra soll eine tolle Stadt sein. Hat mir zumindest die Cousine des Spaniers versichert. Und das ist sie auch. Der Empfang am Bahnhof ist zwar etwas rostig aber der Park, durch den ich komme, und die Altstadt haben durchaus was. Ich beziehe in der Herberge Unterkunft nachdem sie mir dort versichert haben, dass man auch nach Mitternacht noch reinkommt.
    Die Herberge liegt in einem alten Kloster. Mein Zimmer, das ich allein bewohne, hat eigenes Bad und Bettwäsche, eine Gewölbedecke und sehr viel Charme.
    Ich erkunde die Altstadt und finde einen Schuster bei offener Tür bei der Arbeit. So einen Beruf gibt es bei uns schon gar nicht mehr. Ich schaue mir den Alcázar de los Duques de Feria an und schlendere durch die Altstadt. Am Plaza Grande ist für spanische Verhältnisse gegen 19 Uhr richtig was los. Ich genieße den lauen Abend in einem Kaffee und beobachte das pulsierende Leben. Gegen halb 10 gehe ich essen – und bin immer noch der erste Gast.
    Nach dem Essen kehre ich auf die Plaza zurück. Der Platz mit seinen Arkaden und den alten Häusern hat es mir einfach angetan! Und jetzt ist hier schwer was los! Das Fußballspiel, das in jeder Kneipe übertragen wird, ist vorbei und die Spanier genießen die laue Nacht – und ich auch!


    12. Tag: Zafra - La Almazara
    Sonntag, 23. Oktober 2011
    Strecke: 13 Km - Gesamtstrecke: 388 Km
    Höhenunterschiede: ↑ 50 m, ↓ 50 m
    Gehzeit: 3,0 h

    Es regnet – also strecke ich mich in meinem Einzelzimmer nochmal aus und schlafe eine Runde weiter. Es ist schließlich Sonntag! Um 9 Uhr werde ich von „Freude schöner Götterfunke“ vom Kirchturm geweckt. Na, war eh Zeit zu frühstücken!
    Als ich die Herberge verlasse hört es auf zu regnen. Das ist doch ein Service!

    Der Weg führt zügig aus der Stadt. Am Stadtrand steht ein alter Kirchturm – mit Nest, ist ja klar, oder?

    Hinter Zafra erstrecken sich ein paar Höhenzüge. Die Via führt über die Sierra de los Olivos.

    Oben hat man eine prächtige Sicht sowohl auf Zafra zurück als auch auf die heutige Etappe, nämlich auf Los Santos de Maimona und die Tierra de Barros.

    Am Hang, über den ich Absteige steht ein kleines Kiefernwäldchen. Nach dem Abstieg durchquere ich Los Santos de Maimona. Ich bleibe an einem Verkaufsstand für Empanada – eine frittierte Hefeteigspezialität – stehen. Selbst am Sonntag – oder gerade am Sonntag? – stehen Frauen in der kleinen Bude und stellen meterweise Empanada her. Mit Zucker oder Schokolade schmeckt das eigentlich ganz gut. Nackt schmeckt es etwas nach gar nix. Die Teile – das Stück für 10 Cent – finden aber reißenden Absatz. Die Damen kommen kaum mit dem backen hinterher.




    Nach dem Ortsausgang führt mich die Via durch die herrliche Tierra de Barros.

    Eine Gegend, die bis vor wenigen Jahren noch vom Getreideanbau lebte hat komplett auf Wein, Oliven und Mandeln umgestellt. Sie haben sogar eine eigene Herkunftsbezeichnung D.O. Ribera del Guadiana eingeführt. Der Wein Schmeckt sehr gut aber ich habe ihn bei uns noch nicht gesehen.

    Zwischen den Weinfeldern und Oliven- und Mandelhainen hindurch geht es leicht auf und ab. Durch die Bäume und Reben strahlt die Gegend trotz der Dürre eine viel grünere lebendigere Atmosphäre aus als die Gegend davor. Ab und zu steht eine Palme zwischen den Feldern. Der Blick reicht weit ins Land bis die Landschaft am Horizont durch Höhenzüge begrenzt wird.
    Heute ich wieder Jagd-Tag. Überall knallt und bellt es. Jagen scheint in Spanien ein beliebtes Wochenendhobby zu sein. Auch Kinder und Jugendlich sind bei den Jägern zu sehen und mindestens 2 Hunde pro Jäger.

    Gegen Mittag komme ich an die alte Ölmühle La Almazara. Am Eingang begrüßt mich ein netter struppiger Hund. Er freut sich riesig als ich ihm ein paar Streicheleinheiten zukommen lasse. Eigentlich wollte ich heute noch nach Villafranca de los Barros. Das löst sich aber schneller in Luft auf je länger ich hier sitze. Nachdem mir der Chef auch noch die Zimmer gezeigt hat ist eh klar, dass ich hierbleibe. Die Herberge ist der absolute Knaller! Der Weg ist morgen auch noch da – ich aber nicht mehr. Also bleibe ich heute hier!

    Im Innenhof wachsen Blumen, Büsche und Rasen. Es gibt eine Sonnenterrasse und einen kleinen Fischteich. Im Laufe des Tages kommen diverse Tagesgäste und Ausflugsgruppen. Scheint ein beliebtes Lokal zu sein.
    Ich beziehe ein Zimmer mit allem Drum und Dran und ziehe dann mit dem Hund und einem Stock durch die Olivenhaine rund ums Haus. Viel Zeit auch für Siesta, waschen, Führer schmökern, Hund spielen, essen, … Ein ruhiger und sehr gemütlicher Tag eben.

    Der Regen von heute Morgen hat kaum Spuren hinterlassen: Die Oberfläche ist schon wieder Staubtrocken. Der Wind treibt Wolken vor sich her. Es sieht immer mal so aus als wolle es regnen – tut es aber nicht. Der Wetterbericht für die nächsten Tage ist indifferent. Na, lassen wir es auf uns zukommen. Heute mache ich mir darüber keine Sorgen mehr und ich genieße den Nachmittag und den Abend bei gutem Essen.

  16. AW: [ES] Von Spaniens tiefstem Süden bis ans Ende der Welt

    #16


    Super Bericht, bitte schnell weiter.

    Kurze Frage: wie war die Wasserversorgung?
    "Act like a horse. Be dumb. Just run."

  17. AW: [ES] Von Spaniens tiefstem Süden bis ans Ende der Welt

    #17
    Zitat Zitat von Flachzange Beitrag anzeigen
    Kurze Frage: wie war die Wasserversorgung?
    Hallo Flachzange.

    Danke!

    Die Wasserversorgung war gar kein Problem. Da ich das gechlorte Wasser nicht mag habe ich mir immer die 1,5 L-Flaschen Minaralwasser besorgt. Ist auch hygienischer und kostet zwischen 30 Cent (im Supermarkt) und 1 € 50 (in einer Bar). Wenn du zum Mittagsmenü Wein und Mineralwasser bestellst kriegst du im Regelfall eine Flasche Wein und genau so eine Flasche Wasser. Aber wirklich Mineralwasser bestellen. Wenn man nur Wasser sagt kommt die Chlorbrühe. Auch Trinkwasser, also gechlortes Leitungswasser, hat es eigentlich überall gegeben. Soll ja unschädlich sein und bei den Bedingungen im Süden unten würde unser System evtl. auch versagen - wer weiß!
    Im Süden unten bei den hohen Temperaturen hatte ich einen Wasserverbrauch von einem Liter auf 10 Km. Das hat sich weiter oben dann etwas gelegt. Aber ohne mindestens eine der Flaschen randvoll bin ich nicht in den Tag gestartet. Meistens hatte ich zwei davon: Eine neue und der Rest von gestern.

    Gruß Wafer

  18. [ES] Von Spaniens tiefstem Süden bis ans Ende der Welt

    #18
    13. Tag: La Almazara - Merida
    Montag, 24. Oktober 2011
    Strecke: 50 Km - Gesamtstrecke: 438 Km
    Höhenunterschiede: ↑ 50 m, ↓ 250 m
    Gehzeit: 10,75 h

    Es regnet wieder. Nur stehen heute über 30 Km an. Also keine Möglichkeit sich nochmal rum zu drehen. Also raus aus den (sehr guten) Federn und ab zum Frühstück. Der Koch ist extra wegen mir aufgestanden. Er serviert mir das Frühstück und geht wieder ins Bett. Der Hund und ich nehmen uns etwas mehr Zeit. Die Butter kommt aus Deutschland – wieder irgendwelche EU-Wirrungen?
    Als ich gehe macht der Hund ganz schön Lärm. Ich glaube kaum, der würde am liebsten mitkommen. Dass da noch irgendjemand schläft als ich gehe glaub ich kaum.
    Da es noch immer regnet wird alles wasserdicht gemacht und los geht’s. Die Staubschicht, die gestern noch auf dem Weg lag, hat den Weg in eine schmierige Rutschbahn verwandelt. Wenn man versucht der Rutschbahn aus zu weichen und am Feldrand geht bleibt die Lehmige Erde cm-dick an den Sohlen kleben. Man läuft dann wie auf Plateauschuhen.

    In Villafranca de Barros frische ich meine Vorräte auf und ziehe weiter – die Stadt ist keine Schönheit. Die Kirche kann man aber anschauen.

    Hinter Villafranca geht es dann auf Feldwegen über die Tierra de Barros. Der Regen hat wieder aufgehört, da wird das Laufen doch gleich wieder angenehmer. Ab und an führt die Via von dem Feldweg weg auf kleinere Wege. Bei diesem Matsch ist es wirklich schwierig auf diesen kleinen Feldwegen zu laufen: Die Lehm stollt untern den Sohlen oder es ist sehr rutschig. Wie ich später feststelle hätte man auch auf dem großen Feldweg mit der Gasleitung bleiben können. Die Via kommt immer wieder auf diesen Weg zurück.

    Die Via führt 17 Km schnurgerade über die Tierra de Barros, an Almendralejo vorbei auf Torremejía zu. Immer an einer Gas- und einer Stromleitung entlang. Endlich kommt eine Kurve in Sicht! Und am Horizont tauchen auch wieder Hügel auf. Torremejía ist ein verschlafenes Nest mit einer super schönen Herberge. Die hat aber gerade geschlossen wegen eines Wanzenproblems. Und viele Ausweichmöglichkeiten hat das Dorf nicht. Also bleibt mir nicht viel übrig als noch die Etappe nach Merida dran zu hängen.

    Die Markierung hinter Torremejía ist etwas optimierungsbedürftig. Durch den Neubau der Autobahn und der Nationalstraße sowie der Reaktivierung der Bahnlinie ist die Wegführung etwas undurchsichtig. So soll man auch eine Bahnlinie überquere obwohl 100 Meter links davon eine Brücke der N630 gebaut wurde. Danach muss man eh auf die N630 um an ihr einige Km entlang zu wandern. Die Landschaft wird durch ein neues Industriegebiet nicht wirklich reizvoller.

    Zum Glück geht es nach einigen Km wieder auf Feldwege. Diese werden gerade von einer großen Ziegenherde belagert. Als ich mich nähere weichen sie nur sehr zögernd in die Weinfelder aus. Dort fressen sie dann die letzten grünen Blätter von den Reben.

    Immer leicht abwärts führt der Weg auf Merida zu. Obwohl Merida schon lange zu sehen ist zieht es sich noch fast eine Stunde bis man den Stadtrand erreicht.

    Dann führt eine wunderbare römische Brücke mit 60 Bögen über den Fluss hinüber in das Zentrum von Merida.

    In der Herberge erwartet mich eine Überraschung: Sie ist voll! Sehr viele Radfahrer und Pilger, die hier beginnen wollen. Ich weiche auf ein Hostal aus, das für Pilger verträgliche Preise anbietet.
    Die Runde durch die Altstadt erfolgt leider schon bei Dunkelheit – ich bin einfach schon sehr spät in Merida eingetroffen. Die Stadt hat aber sehr viele alte Bauwerke, die es sich lohnt an zu sehen.

    14. Tag: Merida - Alcuescar
    Dienstag, 25. Oktober 2011
    Strecke: 36 Km - Gesamtstrecke: 474 Km
    Höhenunterschiede: ↑ 350 m, ↓ 50 m
    Gehzeit: 9,0 h

    In der Markthalle decke ich mich mit Vorräten ein. Das ist immer gefährlich - da sieht alles so gut aus! Hier ein paar Trauben, ein paar Orangen, dann da noch eine Hand von Mandarinen. Äpfel dürfen nicht fehlen, die Bananen sehen gut aus. Und schon habe ich ein paar Kilo mehr im Rucksack. Man sollte so etwas nie mit Hunger einkaufen!
    Dann frühstücke ich in der Altstadt. So komme ich nochmal durch die Altstadt und sehe einen Teil der römischen Relikte auch bei Tageslicht.

    Ich komme am Arco de Trajano vorbei.
    Die Markierung durch die Altstadt, von der mein Führer spricht, gibt es nicht mehr. Aber die Beschreibung ist gut und ich finde dann auch das Aquaduckt.

    Das ist mal wieder reichlich von Störchen besiedelt. Ich habe in meinen Leben noch nicht so viel Störche gesehen wie hier auf der Via.

    Störche haben sie hier überall eingenistet.

    Dann war die Beschreibung nicht mehr so gut – der Autor ging davon aus, dass man die Pfeile wieder gefunden hat, was ich noch nicht hatte – und prompt habe ich einen Schlenker durch einen Vorort im Programm, der so nicht vorgesehen war. Aber der römische Stausee Prosérpina ist nicht zu verfehlen. Von diesem See haben die Römer das Wasser über das Aquaduckt in die Stadt geleitet – Respekt! Vor allem bei der damaligen Bautechnik!

    Der See, heute ein beliebtes Naherholungsgebiet, liegt an diesem Montag Ende Oktober wie ausgestorben da.
    Dahinter folgen ein paar Km geteerte Kleinststraße bis es wieder durch Dehesas geht. Überall liegen Sandsteine in der Gegend rum und es geht auf und ab. Unterwegs treffe ich Anne wieder, eine niederländische Pilgerin, die die Via dieses Jahr zum vierten Mal geht. Sie ist gestern mit einem Spanier in der Herberge angekommen und startet hier in Merida. Sie erzählt mir auch, dass fast alle Pilger, die zu Fuß unterwegs sind, in Merida den Bus genommen haben. In Spanien wird es gerne gesehen wenn im Lebenslauf der Jakobsweg drin steht oder einer Bewerbungsmappe eine Compostela beiliegt. Daher gibt es viele, die sich die begehrte Trophäe eben nicht ganz ehrlich beschaffen. Na, jeder so wie er will!

    Die Kirche von El Carrascalejo ist wirklich sehenswert! Die kleinsten Weiler haben zuweilen die tollsten Bauwerke. Am Ortsausgang ist dann jede Menge Lärm: Eine Motoradstaffel der Guardia Civil mit ca. 50 Motorrädern und einem Krankenwagen pflügt durch die Landschaft.
    Kurz darauf ist Aljucén erreicht. Die kleinste Bar bietet den besten Mittagstisch an!

    Nach Aljucén kommt wieder ein absolutes Schmankerl: das Vogelschutzgebiet Cornalvo. Kilometerlang führt die Via durch eine ursprüngliche Landschaft mit Sandsteinfelsen, hinauf auf einen Höhenzug mit toller Aussicht.

    Teilweise hat man den Eindruck in den Savannen Afrikas zu sein. Dann liegen wieder tolle Boulder-Felsen herum. Ab einem kleinen Sattel ist man dann plötzlich wieder in bewohntem Gebiet und muss aufpassen, dass man die Abzweigung nach Alcuéscar nicht verpasst.

    Dann ist es nicht mehr weit bis Alcuéscar mit seiner Herberge in einem Kloster. Das Kloster betreibt ein Behindertenwohnheim und bietet die Gelegenheit zum Besuch eines Gottesdienstes. Leider auf Spanisch. Ich verstehe nicht wirklich viel.

    In alten Gästebüchern finde ich den von Yeti gemalten Gästebuch-Comic von dem Sie in ihrem Bericht immer geschrieben hat. Respekt Yeti! Eine der wenigen Eintragungen, die sicherlich von allen verstanden werden können.
    Hier im Kloster herrscht noch Zucht und Ordnung: 19 Uhr Messe, 19 Uhr 30 Abendessen (Nudelsuppe, panierter Fisch mit gemischtem Salat, Obst), Abspülen, 21 Uhr Hausruhe.
    Gegen 22 Uhr kommt Anne mit einem Spanier an. Die zwei haben einfach zu viel Pausen gemacht und dann die Abzweigung oben am Sattel verpasst. Der Hospitalero war nicht wirklich begeistert!

    15. Tag: Alcuescar - Caceres
    Mittwoch, 26. Oktober 2011
    Strecke: 38 Km - Gesamtstrecke: 512 Km
    Höhenunterschiede: ↑ 50 m, ↓ 200 m
    Gehzeit: 8,5 h

    Um 7 Uhr 30 ist wecken denn um 8 Uhr muss man das Kloster verlassen. Ende Oktober ist es da aber noch Stockdunkel. In der Bar gegenüber nehmen wir 4 Pilger ein Frühstück zu uns. Die beiden Spanier wollen beide mit dem Bus weiter nach Caceres. Komische Art zu Pilgern!

    So breche ich mit Anne zusammen auf in Richtung Caceres. Sie will heute nur 16 Km weit nach Aldea del Cano. So trennen sich unsere Wege dann leider auch schon wieder. Ich möchte nach Caceres – das soll eine tolle Stadt sein. Sie will aber nicht in Caceres übernachten. Schade!

    Am sehr schönen Embalse de Ayuela (römischer Stausee) geht es entlang nach Casas de Don Atonio – ein kleiner Weiler mit römischer Brücke. In dieser Region haben die Römer sehr viele Spuren hinterlassen. Asterix & Co. hätte sicher seinen Spaß gehabt. Aber hier ist noch fast alles heil – hier waren sie also nicht.

    Am Weg stehen alte Meilensteine mit Briefkästen und hier und da eine alte Brücke.

    In Aldea del Cano versuche ich einen Regenschauer durch eine Mittagspause zu überbrücken. Die einzige Bar, die offen hat, ist die in einer Tankstelle – in Spanien nicht unbedingt ein Wiederspruch. In der Zeit habe ich so manchen gesehen der nach dem Tanken noch schnell ein Cruzcampo gezischt hat. Und was hier in Spanien super ist: Überall gibt es WLANs in die man sich kostenlos einklinken kann.
    Leider muss ich das Regenzeug doch noch rausholen. Kaum ist es angelegt hört es auch schon wieder auf zu regnen. Die Wolken hängen tief und die Dehesas kommen heute Grau in Grau daher. Der Sportflugplatz von Caceres ist auch schon etwas in die Jahre gekommen.
    Über die La Puente Mocha – wiedermal eine römische Brücke – komme ich nach Valdesalor. Der Ort wurde ca. 1950 geplant und vom Reißbrett weg gebaut: Keine Bar, keine Herberge, kein Leben. Ich mache noch eine letzte Pause und dann geht es zu dem Sattel hinauf, von dem aus Caceres zu sehen ist.

    In den Feldern gibt es noch jede Menge andere römische Relikte - wie z.B. einen alten Brunnen.
    Bei dem trüben Wetter ohne viel Aussicht gehen die Gedanken auf Wanderschaft: Warum gibt es bei uns so viele die sich beschweren, sie könnten nichts bewegen? Alles sei so starr und vorgegeben und ein einzelner könne daran nichts verändern. Ich sehe das etwas anders: Jeder kann was bewegen! Beginnen muss er bei sich selber! Wer aus seiner Umgebung nicht herauskommt bekommt auch kaum neue Ideen. Wer sich z.B. auf der Via de la Plata bewegt kommt mit vielen anderen Menschen in Kontakt: Bauern in kleinsten Dörfern, Einwohnern in größeren Städten, anderen Pilgern oder einfach nur mit Leuten in der Kneipe. Wenn man sich mit denen unterhält bekommt man viele neue Eindrücke und Meinungen die man mit seinem eigenen Weltbild vergleicht und einordnet. Man bekommt für eingefahrene Themen neue Impulse. Die kriegt man zuhause auf dem Sofa sicher nicht! Man muss seine eigenen Standpunkte in einer fremden Sprache darlegen. Gar nicht so einfach! Dabei muss man Dinge erläutern, die für uns Selb verständlich sind – aber häufig hat man über diese Themen zu wenig nachgedacht. Wenn man nach so einer Reise nach Hause kommt bringt man neue Ideen und Anregungen mit, die im privaten wie im beruflichen Umfeld neue Impulse geben können. Aber solange man sich nicht bewegt kann man auch nicht sehr viel Neues bewegen.
    Über ein Industriegebiet kommt man nach Caceres rein – nicht gerade eine gute Visitenkarte zu Beginn! Aber wenn man in die Altstadt kommt wird der Ort richtig schick!

    Die Städteplaner haben die Altstadt frei von Kommerz gehalten. So ist eine zweiteilige Altstadt entstanden: Die mit den alten Bauten und die mit den Läden, Bars und Boutiken. Der Übergang ist fließend und sehr gut gemacht.

    Dazu verfügt Caceres über einer hervorragende private Herberge Las Veletas in einem alten liebevoll renovierten Altbau. Nach dem Zimmer beziehen – ich bleibe mal wieder alleine – steht die Runde durch die Stadt an. Der Wirt gibt mir noch einen Regenschirm mit. Die Runde wird recht ausgedehnt weil mir die Stadt wirklich gut gefällt. Je lange die Runde wird desto besser wird der Eindruck der Stadt! Auch arabische Läden und Kneipen sind da. Und alles hat einen gewissen Stil und passt sehr gut ins Ganze. Und nicht so klein, dass man schon nach einer Straße aus der Innenstadt wieder raus ist.

    Ein Einheimischer spricht mich auf Deutsch an. Wie hat er das erkannt? Hängt da irgendwo ein Schild auf dem steht, dass ich Deutscher bin? Er lädt mich ein in seiner Kneipe zu essen. Zum Essen gehe ich aber wieder in die Herberge zurück. Dort kann man - bei Bedarf – Abendessen und/oder Frühstücken – was ich beides sehr empfehlen kann! Als Vorspeise wird mir eine Salatplatte gereicht, die in vielen Bars für mehrere Personen reichen müsste. Der anschließende Fischeintopf ist einfach nur gut! 3 Sorten Fisch, diverse Muschelsorten, Krebse und Langusten. Ich kriege die Menge kaum rein. Aber davon was stehen lassen, das kann ich nicht! Dazu eine Flasche Wein aus der Tierra de Barros. Und gegessen wird im Wohnzimmer der Wirtsleute.
    Gegen 23 Uhr rolle ich die Treppe hinauf ins Bett. So eine Herberge habe ich auf dem Camino Frances leider noch nicht gefunden.

    16. Tag: Caceres - Alcantara
    Donnerstag, 27. Oktober 2011
    Strecke: 33 Km - Gesamtstrecke: 545 Km
    Höhenunterschiede: ↑ 25 m, ↓ 125 m
    Gehzeit: 7,5 h

    Der Morgen begrüßt mich wieder mit Regen. Also alles ein bisschen langsamer! Beim sehr guten Frühstück bügelt die Chefin nebenher im Wohnzimmer. Ich legen die Regenkleidung an und gehe los. Und keine 5 Minuten später hört es auch schon auf zu regnen. Na also, geht doch!

    Es geht an der Stierkampfarena vorbei – wieder ohne Möglichkeit tieferer Einblicke – aus dem Ort hinaus. Dann geht es bei sehr bewölktem Wetter an einer doch recht viel, vor allem schnell, befahrenen Straße entlang. Die Landschaft ist plötzlich sehr flach und sehr weit. Nur lässt das Wetter leider keine wirkliche Weitsicht zu. Nach ein paar Kilometern verlasse ich die Straße und der Weg führt, mal wieder eine Autobahn kreuzend, nach Casar de Cáceres.

    Ich bin Optimist und schäle mich im Ort aus den Regenkleidern. Nach dem Mittagessen an der kleinen Kirche am Ortsausgang führt mich die Via hinter dem Ort auf einen Bergrücken mit bizarrer und abwechslungsreicher Landschaft: verstreute Sandsteine, Ginster, Korkeichen und hier und da Kühe.

    Je weiter ich gehe desto besser wird die Weitsicht nach Osten und Westen.

    Die Pflanzen werden immer kleiner – die Tiere auch.


    Kurz vor dem Abstieg zum Stausee Embalse de Alcantara werde ich mit grandioser Rundumsicht verwöhnt.
    Unterwegs gable ich einen Sachsen auf, der das zweite Mal auf der Via unterwegs ist und immer noch mit 2 Rucksäcken unterwegs ist. Einen vorne und einen hinten!

    Eine Weile bleibt die Via auf einem lokalen Wanderweg. Dann zweigt die Via von diesem ab und führt auf die Straße um auf ihr entlang die beiden Flüsse zu überqueren. Wie ich dann feststelle kommt immer kurz vor den Brücken der Wanderweg auch zur Straße und verlässt sie aber nach der Brücke sofort wieder während die Via weiterhin auf der Straße bleibt. Wer also nicht dringend zur Herberge will und noch Lust, Zeit und etwas Kondition hat dem Empfehle ich den Wanderweg zu nutzen. Der ist viel schöner aber hat auch ein paar Höhenmeter mehr. Er hat sogar einen Wegweiser zur Herberge an der richtigen Stelle. Man kann also beruhigt auf diesem Weg bleiben und die Schönheit der Landschaft abseits der Straße genießen.

    Als der Stausee angelegt wurde versank so manches Dorf in den Fluten. Relikte sind bei niedrigwasser auch noch zu sehen.
    In der Herberge – ein moderner Betonbau, nicht schön aber zweckmäßig – treffe ich zwei Belgier. Da kann ich bei der Gelegenheit mein Französisch etwas auffrischen. Die Lage der Herberge ist wirklich gut gewählt. Direkt über dem See genießen wird den Sonnenuntergang auf der Terrasse.

    Leider wird es dann gegen 19 Uhr doch schnell kühler so dass wir reingehen.
    Die Speisekarte sieht sehr nach Gefrierschrank aus. Bei den Pizzen bietet er mir 4 Sorten an: 3 mal Dr. Oetker und eine spanische Sorte. Der Salat ist OK und die Linsen auch. Die kocht wohl die Mutter von dem Hospitalero. Der Rest ist eben einfache Tiefkühlkost.
    Der Sachse zaubert dann noch einen Schnellkochtopf aus seinen Rucksäcken. Und Geschirrtücher um ihn hinterher wieder trocken zu reiben. Wir verbringen zu viert einen netten Abend mit gutem Wein und gehen dann recht früh zu Bett.

  19. [ES] Von Spaniens tiefstem Süden bis ans Ende der Welt

    #19
    17. Tag: Alcantara - Grimaldo
    Freitag, 28. Oktober 2011
    Strecke: 19 Km - Gesamtstrecke: 564 Km
    Höhenunterschiede: ↑ 400 m, ↓ 100 m
    Gehzeit: 5,0 h

    Der Morgen begrüßt mich mit blauem Himmel und Sonnenschein. Wir frühstücken und ich drehe noch eine Runde um die Hütte. Ich gehe hinab zum See an dem ich ganz alleine bin. Ein morgendliches Bad zeigt dann doch, dass es schon Ende Oktober ist – das Wasser ist saukalt! Also beende ich die Aktion schon nach wenigen Minuten.

    Die Via führt dann zurück zur Straße und zurück auf den lokalen Wanderweg GR113.

    Von hier ist der niedrige Wasserstand sehr gut zu erkennen.
    Dann überfällt mich Spaniens Bauwut: Die Via führt durch die Großbaustelle der Hochgeschwindigkeitstrasse der RENFE. Portugal hat einen Weiterbau bis Lissabon bereits abgesagt. Was aber bringt Spanien ein Bahnprojekt das mit Sicherheit hochdefizitär arbeiten wird? Na, da lasse ich mal andere darüber entscheiden. Die Narben in der Natur sind aber sehr weit zu sehen.

    Der Weg führt an diversen Baustellen entlang und manchmal mitten durch.
    Mittendrin zeigt die Natur, dass sie auch auf solchen Baustellen überleben kann.

    Nach dem Baulärm kann man sich dann entscheiden – entweder auf der Straße durch Canaveral oder über Wanderwege und den Bahnhof von Canaveral zur Ermita San Cristobal. Ich entscheide mich für die zweite Variante und lande damit wieder voll in der Baustelle. Eine mögliche dritte Variante entdecke ich dann kurz hinter er Ermita: Ich treffe wieder auf den lokalen Wanderweg GR113, der um Canaveral herumführt und an einem Rastplatz kurz hinter der Ermita wieder auf die Via trifft. Ich empfehle die dritte Variante!

    Dann geht es aufwärts in Richtung Puerto de los Castanos und ich traue meinen Augen kaum: Ein echter Wald! Lauter Kiefern stehen dicht beieinander und ziehen den ganzen Bergrücken hinauf. So einen richtigen, echten Wald habe ich nun über 550 Km nicht mehr gesehen!

    Auch der Blick zurück ist sensationell: Ich habe eine tolle Fernsicht über das Land im Süden des Passes.

    Dieser Pass in den Ausläufern des Kastilischen Scheidegebirges scheint für die Infrastruktur eine hohe Bedeutung zu haben: Eine Eisenbahnlinie, eine Hochgeschwindigkeitstrasse im Bau, eine Autobahn, eine Nationalstraße, eine Landstraße und diverse Hochspannungsleitungen ziehen alle zu diesem einen Pass hinauf. Und die Via führt durch den Wald ebenfalls zu diesem Pass hinauf. Bei der strahlenden Sonne und der exponierten Südlage des Aufstieges bin ich über den Kiefernwald sehr glücklich – heute ist wieder richtig heiß!
    Und in so einem Wald riecht es auch gleich ganz anders. Leider ist der Pass dann viel zu schnell erreicht. Im Norden reicht der Blick bis zu einer Bergkette am Horizont.

    Bei Abstieg vom Pass schließen sich Korkeichenwälder an, die dann in die etwas lichteren Dehesas übergehen. Die frisch geschälten Korkeichen sind mit ihren braun-roten Stämmen nicht zu übersehen. Die Bäume sind hier generell höher als auf der Südseite des Passes und das Tal macht im Vergleich einen sehr fruchtbaren Eindruck.

    Ich treffe hier auf Pferde und Rinder die einen etwas besser genährten Eindruck bei mir hinterlassen als ihr Artgenossen weiter südlich.


    Die 1.000 Meter, die es laut einem Schild noch bis zur Herberge und Bar in Grimaldo sein sollen würde ich ja eher auf 2,5 Km schätzen aber in dieser Landschaft sehe ich das eher als Zugabe. Überhaupt, wenn ich mal von der RENFE-Baustelle absehe, war das heute eine extrem abwechslungsreiche und landschaftliche äußerst ansprechende Etappe. Wenn nicht sogar eine der schönsten, die ich bisher hatte. Aber solche Vergleiche sind immer schwierig.
    Da ich recht früh an der Herberge bin und es mir hier gefällt genieße ich den Rest vom Nachmittag hinter der Herberge auf einer Wiese.

    Nach und nach treffen auch die drei anderen aus der letzten Herberge ein. Und sogar noch ein Spanier auf dem Rückweg. So sind wir heute Abend sogar 5 Pilger in der kleinen Bar zum Abendessen. Das ist übrigens gar nicht so schlecht. Nach dem ersten Eindruck hatte ich anderes erwartet. Heute ist wohl ein Tag der angenehmen Überraschungen – auch hier nehme ich den Bauwahn wieder aus!
    In der Nacht wache ich mehrfach wegen komischer Geräusche auf. Der Sachse konnte nicht schlafen und ist zwischen 2 und 4 Uhr Nachts auf die Tunnelbaustelle gegangen um diese zu besichtigen. Na, wenn’s ihm hilft!

    18. Tag: Grimaldo - Carcaboso
    Samstag, 29. Oktober 2011
    Strecke: 30 Km - Gesamtstrecke: 594 Km
    Höhenunterschiede: ↑ 185 m, ↓ 300 m
    Gehzeit: 8,25 h

    Auch heute ist mir das Wetter wieder gnädig gestimmt: Blauer Himmel und Sonnenschein. Beim Frühstück gibt es angebratenes Brot mit Speck. Ist nicht so ganz mein Fall. Aber die Tunnelbauarbeiter hauen mächtig rein. Ich bleibe dann doch lieber bei Toastbrot und Marmelade.

    Ich starte an der Straße entlang bis ich hinter der Autobahnunterführung wieder auf die Original-Via-Route stoße. Die führt dann wieder durch grüne Dehesas mit Korkeichen.

    Der erste Raureif liegt noch auf den Wiesen. Das dürfte der erste Nachtfrost sein, den ich auf dieser Tour bewusst wahrnehme. Aber sobald die Sonne da ist wird es wieder angenehm warm – genau richtig zum Wandern. Ab und zu führt die Via auch über einen kleinen Bach.

    Die Weitsicht ist heute phänomenal! Nach Nord-Westen kann man über die ganze Ebene sehen, die am Horizont durch einen Bergzug begrenzt wird.

    Im Süd-Osten erhebt sich eine Hügelkette nach der anderen bis zum Kastilischen Scheidegebirge.

    Die Via geht so abwechslungsreich weiter wie sie gestern aufgehört hat. Es geht auf und ab bis zu einem kleinen Stausee – dem Embalse de Arroyo Boquerón. Hier sorgen falsche Pfeile kurz für Verwirrung. Da will wohl einer der in Riolobo eine Herberge aufgemacht hat künstlich für Besucher sorgen. Nach einem Km Straße geht es wieder auf Feldwege. Und wieder ändert sich die Landschaft. An einem Gehöft führt der Weg vorbei zu einem Kanal. Parallel dazu verläuft ein Feldweg. Diesem gilt es zu folgen. Leider liegt hier wieder ein Bauer im Streit mit der Wegführung hat den Weg kurzerhand zum Privatweg erklärt und den Durchgang untersagt. So hören die Wegzeichen unerwartet auf und ich brauche einige Zeit und Kilometer bis ich den Weg im Tal wieder aufgenommen habe. Nachdem man am Kanal rechts abgebogen ist muss man eigentlich nach dem verfallenen Haus am nächsten Bauernhof links abbiegen. Bei mir war da ein geschlossenes Tor.

    Hier ist alles grün und die Weiden sehen richtig saftig aus. Was so ein bisschen Wassermanagement doch ausmacht!
    Die Via führt etwas auf und ab bis Galisteo in Sicht kommt. Eine der wenigen Dörfer mit komplett erhaltener Stadtmauer. Sieht wirklich imposant aus.

    Hinter Galisteo geht es über eine alte Brücke und mal wieder unter einer neuen Autobahn hindurch. Die kennt weder mein Führer noch meine Karte. Sie sieht auch so aus als wäre sie erst gestern fertig geworden. Der weitere Weg nach Carcaboso zieht sich an einem Bach mit Pappelwäldern auf einer kleinen Landstraße entlang. Die Bäume gekommen langsam eine herbstliche Färbung und die Wiesen und Weiden sind total saftig und grün. Ein völlig ungewohnter Anblick für mich. So etwas in dem Ausmaß habe ich auf der bisherigen Tour noch nicht gesehen.

    So komme ich nach Carcaboso. Der Führer drängt mich geradezu bei Elena zu übernachten. Und er hat recht gehabt. Die alte Dame lebt für die Pilger! Jedem erzählt sie bereitwillig anhand einer kleinen Zeichnung, die sie für jeden Gast neu anfertigt wie der Weg weiter geht, wo man achtgeben muss und wo die nächsten Herbergen sind.
    Hier treffe ich 2 Franzosen, 2 Schweizer und einen Spanier. Schon wieder so viele Pilger auf einem Haufen. Langsam ist mir das schon nicht mehr ganz geheuer. Diesmal treffen wir uns sprachlich bei Französisch. So ziehen wir zusammen los und essen zusammen zu Abend. Sehr unterhaltsam und wir lachen viel!
    Als wir „heim“ kommen schaut Elena nochmal nach „ihren“ Pilgern. Mir legt sie noch eine extra Decke hin. Als sie hört, dass sich der Spanier über den Rotwein in ihrer Bar beschwert, er sei ungenießbar gewesen, ist so völlig aus dem Häuschen. Warum er das nicht gleich gesagt habe? Sie verschwindet im Keller und kommt mit einem edlen Tropfen zurück. Es kann ja nicht sein, dass ein Pilger bei ihr unzufrieden ist. Zu fünft kümmern wir uns noch um den edlen Inhalt.
    Über die morgige Etappe sind sich die verschiedenen Führer völlig uneinig. Die Km-Angaben schwanken zwischen 34 Km (keiner) und 44 Km. Und das bei 5 Führern. Überhaupt sind sich die meisten Führer bei den Entfernungsangaben sehr uneinig. Aber alle außer meinem Behaupten die Strecke Sevilla – Santiago über den Mozarabischen Weg sei über 1.000 Km lang. Ich habe das zuhause dann nachge-Googelt. Google-Earth kommt auf 977 Km – in der Größenordnung liegt eigentlich nur der Rother-Führer. Ich glaube eine Länge über 1.000 Km lässt sich besser vermarkten und so sind die Etappen eben unterschiedlich lang geworden. Wenn man die täglichen Ortsbesichtigungen noch dazuzählt ist man eh weit drüber …

    19. Tag: Carcaboso - Banos de Montemayor
    Sonntag, 30. Oktober 2011
    Strecke: 48 Km - Gesamtstrecke: 642 Km
    Höhenunterschiede: ↑ 650 m, ↓ 125 m
    Gehzeit: 10,5 h

    Heute Nacht war Zeitumstellung. Ich habe eine Stunde mehr Schlaf gekriegt – merke aber nix davon! In der Richtung ist die Umstellung immer sehr schnell verdaut. Oder lag’s doch am Rotwein?
    Am Morgen serviert Elena ein super Frühstück mit Maxtassen und Ei. Sie erkundigt sich nochmal ob jeder wisse wo er hin müsse. Für jeden, der ihr ein Ziel genannt hat, hat sie dort angerufen und den Pilger angekündigt. Auch die Verabschiedung fällt sehr familiär aus. Sie ist schon einzigartig!
    Die Via de la Plata führt wieder an Bewässerungskanälen entlang – entsprechend grün sind die Wiesen und Weiden. Immer leicht ansteigend geht es dann durch Dehesas den Berg hinauf.

    Die ohne Mörtel aufgeschichteten Steinmauern um die Dehesas ziehen sich wieder über Kilometer dahin - da haben sich Generationen das Kreuz kaput gemacht!

    Die Sicht ist heute wieder sensationell! Durch die aufwendigen Bewässerungssysteme ist die ganze Gegend trotz der trockenen letzten Wochen total grün und bietet dem entwöhnten Auge einen lebendigen Anblick. Richtig erholsam!

    Der Weg ist abwechslungsreich und führt durch Jahrhunderte alte Dehesas. Hier weiden Schweine und Rinder zusammen. Manches Schwein flüchtet zwar nicht aber beobachtet mich skeptisch.

    Ab der Casa de Ventaquemada geht es dann schnurgeradeaus. Da meist Korkeichen um mich herumstehen hat man nach vorne keine gute Sicht.

    Plötzlich steht der Arco de Cáparra vor mir! Ein imposanter Bogen inmitten von römischen Ausgrabungen. Durch den Bogen kann ich auf den Bergen am Horizont Schnee liegen sehen. Der Herbst lässt grüßen!

    Leider ist Sonntag und die Ausgrabungsstätte wird von einigen Busunternehmen angefahren. So ist beim Vesper nicht allzu viel Ruhe zu kriegen. Ich werde bestaunt als käme ich von einem anderen Planeten. Irgendwann ist mir das zu blöde und ich ziehe ein paar 100 Meter weiter wo ich tolle Sicht auf die Berge genieße aber eben den Bogen nicht mehr vor mir habe.
    Der weitere Weg führt mich dann wieder über die königlichen Weidewege mit tunnelartiger Beschattung leicht abwärts bis an eine Straße.

    Parallel zu der führt der Weg weiter immer geradeaus auf die Berge zu.
    Dann kommt mal wieder mein Liebling – die A66 – quer. Und da ist es dann leider mit einer guten Markierung vorbei. Es geht unter Brücken durch und über Bäche bis ich mehr oder weniger zufällig auf einen Feldweg treffe an dem ich die Markierung wieder aufnehmen kann. Dann ist der Spuk auch genauso schnell wieder vorbei wie er begonnen hat. Der Weg schlängelt sich an den Bergrücken heran und führt dann stetig aufwärts an ihm entlang.

    Aldeanueva del Camino ist ein Ort der mich nach dieser landschaftlich schönen Etappe nun überhaupt nicht anspricht. Die letzten Tage haben mich da sehr verwöhnt!
    So entschließe ich mich noch bis in den nächsten Ort weiter zu gehen. Da soll es warme Quellen geben und römische Bäder und eine gute Herberge und … Was es leider auch gibt ist ein Weg über etliche Kilometer an der Straße entlang. Diese steigt jetzt richtig an. Ich hoffe markierenden Institutionen kommen mal auf die Ideen den Weg auf der anderen Seite des wunderschönen Stausees entlang zu führen und der Straße aus dem Weg zu gehen. Nur die letzten Meter gehen abseits der Straße. Da sieht man auch die Wirkung des Regens der letzten Tage.

    Banos de Montemayor begrüßt mich mit einer geschlossenen Herberge. Die Tür ist zwar offen aber der Mensch am Tresen sagt mir, der Hospitalero sei nicht gekommen und er würde jetzt abschließen. Na Super! Ich ziehe also wiedermal mit Gepäck durch das Städtchen. Sehr schick! Wirklich! Die Stadt hat was. Ich finde ein Hotel (La Solana), das mir ein Zimmer mit Halbpension für 30 € anbietet. Als ich das Zimmer sehe ist klar: Das nehme ich! Ein neu renovierter Altbau. Mein Zimmer liegt ganz oben unter dem Dach mit riesigem Bad, Badewanne und grandioser Sicht aus dem Fenster. Na, zum Glück war die Herberge zu. Bei 12 € im eigenen Schlafsack, 10 € für eine einfaches Pilgermenü und 5 € für ein Frühstück bin ich hier im Vergleich ja fürstlich untergebracht und das Essen ist auch sehr gut.
    Zum Baden in den warmen Quellen bin ich dann leider nicht

    20. Tag: Banos de Montemayor - Fuenteroble de Salvatierra
    Montag, 31. Oktober 2011
    Strecke: 32 Km - Gesamtstrecke: 674 Km
    Höhenunterschiede: ↑ 500 m, ↓ 475 m
    Gehzeit: 7,0 h

    Ich habe herrlich geschlafen! Das Frühstück fällt spanisch knapp aber gut aus. So starte ich über eine alte Römerstraße hinauf zum Pass. Der Blick zurück ist herrlich.

    Mit dem Pass ist auch mit der Provinz Salamanca die Region Castilla y León erreicht.

    Der Pass selber ist knappe 900 Meter hoch, hat aber auf der Nordseite schon recht alpinen Charakter. Die Autobahn ist liebevoll an den Hang geklebt und die Dörfer sehen aus wie eben nur Bergdörfer aussehen. Die höheren Berge sind beschneit. Yeti hätte seine helle Freude daran.

    Die Via führt recht schnell wieder abwärts in ein Flusstal. Die Vegetation hat sich wieder komplett geändert. Ich komme durch einen Laubmischwald der in den buntesten Herbstfarben erstrahlt. Und das trotz der Höhe! Unten am Fluss treffe ich an der Puente de la Malena einen wild campenden Pilger. Wir nehmen zusammen ein zweites Frühstück und tauschen Erfahrungen aus.

    Es geht dann an dem Bach entlang, das schöne Tal immer weiter hinauf. Die Berge oben haben Felszacken als Abschluss und vermitteln so einen alpinen Charakter. Durch einen Wald komme ich hinauf nach Calzada de Bejar. Ein kleiner Weiler mit sehr schöner Herberge. Ich treffe den Bäckerwagen und besorge mir ein frisches Brot. Die Bergdörfer werden hier von Bäcker, Obsthändler und anderen fahrenden Läden angesteuert um die Bevölkerung den Einkauf zu erleichtern.
    Mit dem Dorfende ist auch wieder ein krasser Landschaftswechsel verbunden. Schlagartig stehe ich wieder auf einer Hochebene wie sie flacher nicht sein kann. Es geht einfach nur schnurgeradeaus. Nach ca. 5 Km mache ich eine Pause – Hier ist ungefähr die Hälfte meiner Tour von Tarifa nach Finisterra erreicht. Unglaublich! Ich habe das Gefühl gerade erst in Tarifa gestartet zu sein. Wo sind nur die ganzen Kilometer und Tage hin?

    Die Dehesas rechts und links des Weges haben ihr Gesicht völlig verändert: Es sind nicht mehr die einzeln stehenden Korkeichen mit den Steinmauern sondern hier stehen die verschiedensten Laubbäume teilweise in Gruppen beieinander und als Begrenzung wird zunehmend ein Zaun bevorzugt. Was bisher die Ausnahme war wird ab hier zum Standard. Die Bäume fallen mir deshalb besonders auf weil sie durch ihre bunte Färbung sich von den grünen Korkeichen auch drastisch abheben. Dadurch haben die Dehesas ein ganz anderes Gesicht bekommen als noch vor dem Pass in der Extremadura. Wo das Wasser nicht reicht gibt es häufig Brunnen.

    Nach einer Bachüberquerung geht es aufwärts nach Valverde de Valdelacasa und nach Valdelacasa. Hier haben Einwohner private Wegmarkierungen angebracht.

    Hinter Valdelacasa geht es wieder auf eine Anhöhe ab der sich die Landschaft schon wieder komplett ändert. Hier fängt die Meseta an: Eine endlose Ebene. Keine Berge am Horizont, die die Ebene begrenzen oder Abschließen. Mir zu Füßen liegt Fuenteroble de Salvatierra – mein heutiges Ziel.

    Die Herberge von Fuenteroble wird vom örtlichen Pfarrer Don Blas betrieben. Sowohl er als auch seine Herberge werden nicht nur von meinem Führer in den höchsten Tönen gelobt. Das will ich mir auf alle Fälle anschauen. Als erstes begrüßt mich Marc, ein Niederländischer Pilger. Der Hospitalero ist wohl auch gerade erst angekommen und richtet sich gerade häuslich ein. Wir drehen eine Runde durch das Dorf. Viel gibt es hier nicht zu sehen. Die Kirche ist wiedermal zu. In der Herberge sehe ich wie der Hospitalero das Abendessen vorbereitet und beschließe noch einen Salat zu machen. Bei den Paprika war wohl auch eine Peperoni dabei – er ist recht scharf geworden. Vor dem Abendessen stößt noch ein Belgier zu uns. Zum Abendessen kommt dann auch Pfarrer Don Blas – ein interessanter Mann. Er ist der erste Pfarrer den ich kenne, der das Tischgebet mit dem Weinglas in der Hand spricht. Wir sitzen gemütlich am Kaminfeuer und plaudern.

    Gegen 22 Uhr lädt uns Pfarrer Don Blas noch in die Kirche ein. Wir gehen rüber und steigen gleich zum Glockenturm hinauf. In einem Raum kurz unterhalb der Glocken brennt ein Kaminfeuer und es ist ein Büfett aufgebaut. Hier feiert eine Gruppe von ca. 20 Personen ein rauschendes Fest.

    Wir werden eingeladen daran teil zu nehmen. Wein und Schnaps wird in Bechern ausgeschenkt und die Leckereien vom Büfett sind hervorragend.

    Wir steigen auch noch bis zu den Glocken hinauf und lassen sie läuten. Es wird ein langer und lustiger Abend. Ich komme erst weit nach Mitternacht ins Bett.

  20. [ES] Von Spaniens tiefstem Süden bis ans Ende der Welt

    #20
    21. Tag: Fuenteroble de Salvatierra - San Pedro de Rozados
    Dienstag, 1. November 2011
    Strecke: 28 Km - Gesamtstrecke: 702 Km
    Höhenunterschiede: ↑ 175 m, ↓ 175 m
    Gehzeit: 5,5 h

    Der Tag der Arbeit ist auch in Spanien ein Feiertag. Trotzdem regnet es als ich aufwache. Also drehe ich mich nochmal rum. Gegen 8 Uhr 30 treffen wir uns alle beim Frühstück. Das ist noch geprägt von dem Büfett gestern Abend: Lauter leckere Sachen! Gegen Viertel vor Zehn kommen Marc und ich weg. Es hat zwar aufgehört zu regnen aber die Luftfeuchtigkeit ist deutlich überhöht.
    Nach einem kurzen Intermezzo an der Straße geht es 12 Km zwischen Dehesas durch. Als ich Schweine fotografieren will stößt die Leitsau sofort einen Warnruf aus. Normalerweise das Zeichen für alle sich im Schweinsgalopp davon zu machen. Nicht so hier! Hier kommen alle sofort auf mich zu gerannt.

    Zum Glück ist noch ein Zaun dazwischen sonst hätten die mich überrannt.


    Eine Herde Schafe stellt sich uns in den Weg als wir kurz Pause machen. Erst als wir sehr entschlossen auf die Schafe zugehen weichen sie uns wiederwillig aus. Passt heute alles nicht wirklich zu „Scheue Tiere unserer Heimat“!

    An dem Weg steht ein Kreuz nach dem anderen. Welches davon das Cruz de Santiago ist kann ich gar nicht sagen. Je höher wir kommen umso schlechter wird die Sicht. Dann sind wir in den Wolken. Da ist dann gar keine Sicht mehr. Wir hören wie sich die Windräder drehen. Ich schätze mal, dass es so ca. 20 Stück sind. Sehen tun wir gerade mal 3 Stück.
    Der Weg über die Sierra de la Duena ist wunderschön – leider sehen wir kaum mehr als 20 Meter weit. Aber die Vegetation am Weg ist wirklich toll und wenn man hier noch eine gute Sicht geliefert bekommt ist das sicher eine Hightlight-Etappe.
    Nach dem Gipfel – oder sagen wir lieber nach dem höchsten Punkt - geht es dann sehr schnell wieder tiefer durch einen Steineichenwald und die Sicht wird wieder etwas besser. Dafür führen mich die Pfeile auf eine Straße auf der es dann 10 Kilometer entlang geht. Kurz vor San Pedro de Rozados geht es wieder auf Feldwegen einen Hügel hinauf hinter dem sich das kleine Dorf San Pedro de Rozados versteckt.

    Mein Führer empfiehlt mir in der Bar El Moreno nach der Herberge zu fragen. Nur: Ich finde keine Bar El Moreno. Ich komme an einer recht dubios wirkenden Bar „VII Careras“ vorbei aber von El Moreno keine Spur. Hinter der Kirche klopft es an einem Fenster. Auf Spanisch werde ich angerufen: „Hallo Sie da, warten Sie einen Augenblick!“. Dann öffnet sich die Tür und eine Frau in Pantoffeln kommt raus. Nach dem ersten Blick auf mich fährt sie dann auf Deutsch fort: „Sie sind doch Deutscher, oder?“. Verflixt, das Schild hängt schon wieder irgendwo! „Suchen Sie die Herberge?“. Die Frau hat viele Jahre in Deutschland zugebracht und ist nun wieder in ihre Heimat zurück. Sie erzählt mir dann, dass es zwei Herbergen gibt und Sie mir diese jetzt zeigen will. Auf dem Weg dahin erkundige ich mich vorsichtig wo man hier etwas vernünftiges Essen könne. Marc hat eine Mittagspause eingelegt, ich wollte bei diesem unsicheren Wetter lieber weiterziehen. Was ich denn unter vernünftig verstünde? „Nun“, sage ich, „regionale Küche, spanische Spezialitäten, gerne auch Fisch oder Meeresfrüchte, kein fettiges Pilgermenü mit Pommes eben.“
    Die erste Herberge, die städtische, die sie mir zeigt ist ein alter Laden dessen Fenster mit großen Papierbögen zugeklebt sind. Im alten Verkaufsraum stehen Stockbetten lieblos im Raum. Die zweite Herberge ist ein süßes kleines Haus das mit viel Liebe zum Detail sehr schön renoviert und eingerichtet wurde. Es gibt zwei Zimmer mit je 4 Betten. Und ist nur 2 Euro teurer als die städtische Herberge.
    Dann führt sie mich zu der Bar „VII Carera“. Die habe früher El Moreno geheißen. Na fein! Dort hätten sie auch Zimmer – aber recht teuer. Von innen sieht die Bar gar nicht mehr so dubios aus. Was mich wohl irritiert hatte, war das die Bar keine Fenster zur Straße hat. Aber die Bar liegt an einem tollen Innenhof. Und daran angeschlossen auch ein sehr schönes Restaurant. Ob ich noch was zu Mittag essen wolle? Klar will ich, am Tag der Arbeit soll doch zumindest der Magen arbeiten. Die Frau verschwindet in der Küche – zu ihrer Freundin wie sie mir sagt.
    Eine Bedienung führt mich zu einem Tisch. Kaum sitze ich, schon wird mir schon die Vorspeise gebracht: Eine Paella mit allem Drum und Dran! Die Chefin erklärt mir, ihre Freundin habe für mich das Mittagsmenü zusammengestellt, ob ich da was dagegen habe? Habe ich nicht. Ich hatte ihr ja schon gesagt was ich mag. Und wenn es mit Paella los geht schon gleich zweimal nicht! Und wie gut die Paella ist! Dass es eine Vorspeise sein soll erkenne ich an der Tellergröße. Die Portion ist aber trotzdem riesig.
    Als Hauptgang kommt ein halber Hase mit Knoblauchkartoffeln. Oder war das ein ganzer? Total lecker! Dazu ein Rotwein der Region. Als Nachtisch Eis und natürlich ein Café. Die Chefin bringt gleich noch einen Cognac. Sie hofft wohl noch, dass ich hier übernachte. Beim Nachlesen im Unterkunftsverzeichnis von Via-de-la-Plata.de stelle ich fest, dass dieses Restaurant als eines der ganz wenigen explizit erwähnt wird.
    Jetzt weiß ich endlich warum die Spanier nicht nur in der heißen Jahreszeit Siesta machen: Mit einem halben Hasen im Bauch und einer Flasche Wein im Kopf bin ich auch nicht mehr zu wilden Taten bereit. Also: Ab in die Herberge und die Füße hochlegen.
    In der schönen privaten Herberge treffe ich Marc wieder. Hier gibt es Hand- und Badetücher, Bettzeug und eine vernünftige Kaffeemaschine. Was braucht der Pilger mehr?
    Gegen Abend kommt ein charmantes Mädel und will 10 €. Kaum zu glauben!
    Begeistert berichte ich Marc von dem Essen. Aber das Abendmenü ist nicht so gut. Bei den Spaniern ist das Mittagessen eben wichtiger als das Abendessen.

    22. Tag: San Pedro de Rozados - Salamanca
    Mittwoch, 2. November 2011
    Strecke: 23 Km - Gesamtstrecke: 725 Km
    Höhenunterschiede: ↑ 0 m, ↓ 175 m
    Gehzeit: 6,0 h

    Nach dem Frühstück starten gegen 8 Uhr 45 bei bewölktem Himmel und viel Wind. Diese Herberge war die beste, die ich auf dieser Tour bisher besucht habe!

    Leider müssen wir kurz hinter dem Ort schon die Regenkleidung montieren. Komisch! Der recht starke Wind bläst uns genau von hinten an. Normalerweise kommt der doch immer von vorne! Überall kommt frische Gras durch. Durch die Feuchtigkeit der letzten Tage erwachen auch die ganz trockenen Weiden mit frischem Grün zum Leben.
    Die Via führt uns durch Morille und durch Hügel leicht auf und ab. Tendenziell aber mehr ab als auf. Salamanca liegt ja auch ca. 200 Meter tiefer als San Pedro. Von den Hügeln können wir Salamanca liegen sehen. Die alles überragende Kathedrale kann man schon sehr früh erkennen. Je näher wir kommen desto mehr Details werden sichtbar.
    Zum Mittag kehren wir in Miranda de Azár ein – kein Ort, der mir das Herz bewegt. Der Wind treibt uns vor sich her in Richtung Innenstadt. Der Weg führt geschickt um die Vororte herum und bis kurz vor der römischen Brücke sind wir auf ungeteerten Wegen unterwegs.

    Die alte römische Brücke führt uns direkt in die Altstadt.


    An der Kathedrale vorbei kommen wir zur Herberge.

    Die hat noch zu. Also drehen wir die erste Runde durch die Stadt mit Gepäck. Die Altstadt ist von der Universität und der Kirche sehr geprägt. Die Kathedrale ist ein toller monumentaler Bau. Die Bibliothek sieht von außen nicht so toll aus hat aber einen grandiosen Innenhof. Das treffe ich hier in Spanien öfter: Außen Pfui und innen Hui!
    Es regnet den ganzen Nachmittag und den Abend. Daher bin ich nicht übermäßig unglücklich, dass die Herberge mal wieder um 22 Uhr schließt. Wir ziehen noch durch die Altstadt zum Plaza Mayor. Der ist aktuell leider durch eine Büchermesse und deren hässliche Stände verschandelt. Aber bei dem Regen eh kein schönes Fotomotiv. Und ob die hohe Luftfeuchtigkeit für die Bücher gut ist wage ich zu bezweifeln.

    Wir kehren in einem irischen Pub auf ein Murphys ein. Viel Zeit für das Abendessen haben wir nicht. Wir finden aber ein Restaurant, dass schon um 20 Uhr öffnet.

    Auf dem Weg in die Herberge hört es auf zu regnen. Vielleicht wird es morgen ja besser?

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