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  1. Fuchs
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    AW: [DE][CH][FR][ES] Von Reutlingen nach Santiago de Compostela

    #21
    Mitreisende: Wafer
    Hallo India, hallo Blaulocke.

    Das mit der Packliste ist nicht ganz so einfach. Je nach Jahreszeit, Strecke und Wetteraussichten nehme ich unterschiedliche Dinge mit. Im Februar auf der ersten Etappe hatte ich Dinge dabei die mit Sicherheit in Spanien etwas zu warm, schwer oder auf jeden Fall fehl am Platze wären.
    Was immer dabei ist: ausreichend Socken um doppelte Lagen realisieren zu können, Notfalltasche (Medikamente, elastische Binde, Desinfektion (gegen Fußpilz nach dem duschen), ...), Reiseunterlagen (Führer, Karte, Tourenbuch, ...). Mit der Kleidung bin ich flexibel. So habe ich z.B. eine gefütterte Regenhosen. Die nutze ich dann auch als wärmende Hose über der normalen Wanderhose. Die Wanderhose ist so eine wo man die Hosenbeine mit Reißverschluss abmachen kann. Mehr Hosen ist dann aber nicht. Ähnlich verfahre ich mit der Regenjacke. Wichtig und meist gebraucht waren aber Mütze und Handschuhe. Liegt aber an der Jahreszeit.
    Dann natürlich Gewicht sparen wo es geht: Im Kulturbeutel ist ein ganz kleines Handtuch, Zahnbürste und -Pasta ganz klein und leicht, Klappkamm, Sonnencreme in kleinen Tuben. Was reinhaut beim Gewicht sind die Ladegeräte und die Technik. Als Schlafsack habe ich immer nur einen Leinenschlafsack dabei. Decken gibt es eigentlich überall. Neben den Wanderschuhen ein paar Turnschuhe als Ersatz sowie als 'Hüttenschuhe'.
    Das war es im Groben dann auch schon.
    Ich habe unterwegs Leute getroffen, die haben jeden Abend in ihrem Führer die Seiten rausgerissen, die sie hinter sich hatten. Das ist etwas übertrieben zumal die bei mir auch als Erinnerungsstücke fungieren.

    Die nächste - und bis Santiago letzte - Etappe wird dieses Jahr im Oktober folgen - hoffe ich! Danach wird es vorraussichtlich die Via de la Plata werden. Allerdings eher von Gibraltar bzw. Tarifa aus. Bis Sevilla dann eher 'frei Schnauze'. Aber wenn ich schon mal in Spanien unterwegs bin dann muss es schon der südlichste Zipfel sein. Mal sehen was die Zeit so bringt!

    Gruß Wafer
    Geändert von Wafer (05.12.2011 um 10:03 Uhr)

  2. Fuchs
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    #22
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    Für mehr Informationen, fahre mit der Maus über das Höhenprofil.
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    Hallo.

    Hier nun auch die Route.
    Die Fortsetzung wird hoffentlich im Oktober stattfinden. Dann will ich von Sahagun bis Santiago gehen - und weiter nach Finistere. Wir werden sehen!

    Gruß Wafer
    Geändert von Wafer (12.08.2014 um 19:26 Uhr)

  3. Fuchs
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    #23
    6. Etappe

    Es sind fast 1,5 Jahre ins Land gegangen bis ich meinen Jakobsweg wieder aufnehmen kann. Ich war zwar in der Zwischenzeit nicht untätig und bin die Via de la Plata von Tarifa bis Finisterra gelaufen aber meinen Jakobsweg will ich auf alle Fälle in Santiago beenden.

    59. Tag: Anreise nach Sahagun - El Burgo Ranero
    Montag, 19. März 2012
    Strecke: 18 Km - Gesamtstrecke: 2.055 Km
    Höhenunterschiede: ↑ 75 m, ↓ 25 m
    Gehzeit: 3 h 45

    Der Wecker klingelt um kurz vor 4 Uhr - welch unchristliche Zeit! Und das nachdem ich gestern Abend erst gegen 23 Uhr von einer Familienskiausfahrt in den Oetztaler Alpen zurückgekehrt bin. Pünktlich holt mich das Taxi um 4 Uhr 15 ab und bringt mich auf den Flughafen nach Stuttgart. So sitze ich im ersten Flieger, der heute Stuttgart verlässt. Die Contact Air bringt mich nach Zürich. Eine Stunde später starte ich mit der Swiss nach Madrid.
    Über den Pyrenäen hört die geschlossene Wolkendecke auf und gibt den Blick auf Spanien frei. Ich kann die Schnellbahntrasse Madrid - Barcelona und Zaragossa erkennen. Die Stauseen kurz vor Madrid sind noch völlig leer. Wenn es nicht bald regnet wird das ein hartes Jahr für die Spanier! Aber bitte erst wenn ich in Santiago angekommen bin - so viel Egoismus muss sein.
    Kurz nach 9 Uhr lande ich in Madrid und fahre mit der U-Bahn zum Bahnhof Charmartin. Ich brauche noch ein Ticket für die Weiterreise nach Sahagun. Ich ziehe ein Nummernticket und warte bis ich an den Schalter gerufen werde. Hier wird mir mitgeteilt, dass ich am falschen Schalter stehe: Karten für die Schnellbahn AVE würden einen Schalter weiter verkauft. Also neues Ticket ziehen und warten. Da ich für die Anreise wiedermal einen Feiertag erwischt habe sind das nicht nur 5 Minuten. Am Schalter wird mir mitgeteilt, den Zug, für den ich eine Fahrkarte haben wolle gäbe es nicht. Hat mir die Bahn falsche Daten auf die App geschickt? Oder den Feiertag nicht einkalkuliert? Ich gehe zum Infoschalter und diskutiere mit dem Bahnbeamten mein Problem. Erst als ich ihm die Zugnummer aus der App nenne bestätigt er mir dessen Existenz. Leider sei der Zug aber für die 2. Klasse ausgebucht. Da gäbe es nur noch 1. Klasse-Tickets. Nun, da muss ich den Zuschlag wohl unter schlechter Reisevorbereitung verbuchen. Also Ticket ziehen und wieder am Schalter für die Fernverbindungen warten. Wieder wird die Existenz der Verbindung bestritten. Nach kurzer Diskussion kriege ich ein 1. Klasse-Ticket für die Fahrt bis Palencia. Für den Anschlusszug gibt es aber keine 1. Klasse - deshalb hatte er mir den Zug wieder nicht angeboten. Für den kaufe ich ein normale 2.-Klasse-Ticket und begebe mich schleunigst zum Gleis. Diese Aktion hat mich fast 1,5 Stunden gekostet – in Spanien mit der Bahn zu reisen ist schon schwierig!
    Im Zug lasse ich mich erleichtert in der Nobelklasse nieder. Das Ticket hat mich jetzt mehr gekostet als der Flug von Stuttgart nach Madrid! Aber es kommt noch dicker! Ein Franzose steht vor meinem Sitz und hat für den gleichen Sitz eine Reservierung. Na Klasse! Ich gehe durch den Zug und finde einen ganzen Wagon mit freien Plätzen. Der Schaffner teilt mir mit, dass eine französische Reisegruppe nicht erschienen ist. So reise ich dann mit meinem 1.-Klasse-Ticket mit viel Platz in der 2. Klasse nach Palencia. Na Bravo!

    In Palencia steige ist aus und warte auf den Anschlusszug. Hier regt sich schon der Frühling und die Bäume blühen.

    Kurz nach 13 Uhr 30 stehe ich dann glücklich wieder am Bahnhof von Sahagun.

    Auf dem Weg durch die Stadt, Sahagun hat immerhin knapp 3.000 Einwohner, bunkere ich Vorräte und Wasser. Und schon begegne ich den ersten Pilgern. So ungewöhnlich scheint meine Reisezeit im März für den Camino Frances wohl doch nicht zu sein. Auf dem Weg durch Sahagun komme ich am Monestario de las Madres Benedictinas vorbei.

    Und kein Turm ohne Storch!

    Durch den Arco de Benito hat man früher die Stadt verlassen.

    Heute kommt man da nur in einen Vorort.

    Hinter diesem geht dann aber ein schöner Weg gesäumt mit alten Bäumen an einer kleinen Landstraße entlang. Auf der Landstraße fahren kaum Autos, daher stört sie kaum.

    Auch hier ist der Frühling schon eingekehrt: Es blüht überall!

    Eine alte Römerbrücke führt über den Fluss.
    Ein paar Meter weiter kreuzt die im Bau befindliche Schnellbahntrasse den Camino Frances. Wie stark sich doch die Architektur im Brückenbau über die Jahrhunderte verändert hat!

    Der Camino führt mich meist als Feldweg oder Schotterpiste an Calzada del Coto und Bercianos del Real Camino vorbei.

    Kurz vor El Burgo Ranero wird noch etwas Kunst am Weg geboten.

    Gegen 17 Uhr komme ich dann in El Burgo Ranero an. Das Dorf hat keine 1.000 Einwohner aber mehrere Herbergen und 2 Restaurants. Die einzige geöffnete Herberge ist die Städtische in einem Adobehaus: Die Wände sind aus einer Mischung aus Lehm, Stroh und Steinen. Im Aufenthaltsraum brennt ein Ofen und es sind schon reichlich Pilger versammelt. Ich habe heute schon mehr als 35 gezählt – also mehr als ich in den 6 Wochen auf dem Weg von Tarifa nach Santiago gesehen habe. Und das im März!

    Die Schlafräume im Obergeschoß haben keine Zimmerdecke. Die Wände hören auf und geben den Blick auf den Dachstuhl frei. Keine Spur von einer Isolierung – das wird kalt heute Nacht! Ich besorge mich gleich noch zwei Decken.
    Den Nachmittag verbringe ich mit einem Polen und einer Tschechin und dann frische ich noch mein Französisch etwas beim Abendessen mit einer französischen Pilgergruppe auf.
    Geändert von Wafer (30.03.2012 um 19:55 Uhr)

  4. Fuchs
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    #24
    60. Tag: El Burgo Ranero - León
    Dienstag, 20. März 2012
    Strecke: 38 Km - Gesamtstrecke: 2.093 Km
    Höhenunterschiede: ↑ 100 m, ↓ 140 m
    Gehzeit: 8 h 30

    4 Uhr 30 stehen die ersten beiden Pilger auf und packen laut raschelnd ihre Rucksäcke im Zimmer. Da die Zimmer aber nach oben offen sind und die Wände auch nicht bis unter das Dach gehen kommen alle Schlafsäle in den Genuss deren Packaktion. Um 5 Uhr 30 folgen die nächsten ihrem Beispiel. Was wollen die alle so früh auf dem Weg? Die Herberge ist nicht voll und Nachtschichtpilgern ist nicht notwendig!
    Ich stehe kurz vor 7 Uhr auf und langsam erhellen die ersten Sonnenstrahlen den Horizont.

    Als ich gegen 7 Uhr beim Frühstück sitze treffe ich wieder auf die Franzosen. Eine „beichtet“ mir ihr Problem: Sie hat im Dunkeln die Zeiger ihrer Uhr verwechselt und hatte gemeint es sei schon 6 Uhr. Sie habe sich noch gewundert, dass alle anderen liegengeblieben seien. Als sie dann im Aufenthaltsraum saß und ihren Fehler bemerkt hat, hat sie sich aber nicht mehr in den Schlafraum getraut.
    Die Störche auf dem Kirchturm sind auch schon wach.

    Heute Morgen ist es richtig kalt. Als ich gegen 7 Uhr 30 starte und an den kleinen Tümpel vor dem Dorf komme ist der zugefroren.

    Der Himmel ist tiefblau und es verspricht ein schöner Tag zu werden. Aus El Burgo Ranero geht es hinaus und an einem baumbestandenen Weg entlang der Landstraße viele Kilometer entlang. In der trockenen Gegend hier werden die Bäume künstlich bewässert – sonst würden die hier nicht lange überleben.

    Die Meseta zeigt sich nochmal von ihrer endlosen Seite – am Horizont sind aber abschließende Gebirgszüge erkennbar!

    Die Meseta – unendliche Weiten! Wir schreiben das Jahr 2012. Dies ist das Logbuch …
    Die Berge am Horizont tragen stolz ihre Haube aus Neuschnee zur Schau. Aber näher kommen sie nicht. Nach 13 Kilometern komme ich endlich nach Reliegos. Kein Ort der mein Herz bewegt. Nach einer Erfrischung geht es weiter nach Mansilla de las Mulas.

    Der Ort zeichnet sich durch eine Kirche ohne Störche aus!

    In der Altstadt ist Wochenmarkt. Neben der Möglichkeit etwas ein zu kaufen für die einheimische Bevölkerung – vorwiegend älteren Datums – auch ein sozialer Event.

    Bei solchen Gelegenheiten nehme ich immer viel zu viel mit. Auch dieses Mal ist der Rucksack nach dem Besuch des Marktes deutlich schwerer als vorher. Am Ortsausgang führt der Camino dann neben einer Nationalstraße auf León zu.

    Zunehmend tauchen Bewässerungssysteme auf, die neben ihrer Hauptaufgabe noch richtungsweisende Verwendung finden.

    Einer der Grundstücke am Weg wird durch Bäume mit besonderen Stammformen ‚verziert‘.
    In Puente de Villarente mache ich Mittagspause. Leider kriegt man hier erst ab 13 Uhr Mittagstisch. Der Wirt hält mich bis dahin mit Tapas bei Laune. Die Paelia ist sehr gut und wird in schwäbischen Portionen gereicht. So habe ich dann beim Hauptgang schon Schwierigkeiten.
    Nachdem ich am Morgen alles anhatte, was ich dabei hatte um der Kälte zu trotzen ziehe ich nach dem Essen kurzärmelig weiter. Die Vororte lassen die Nähe zu León schon erkennen: Industriegebiete und weniger schöne Orte.

    Eine Römerbrücke markiert den Übergang zur Altstadt.

    Durch schöne Gassen geht es zu den historischen Bauten von León.

    Ein paar Meter weiter befindet sich die Kathedrale.

    Ich beziehe Quartier im Hostal San Marcos. Ich will mal wieder ausschlafen. Nach dem Ski-Wochenende und der Weckaktion der Franzosen bin ich etwas gerädert. Hier der Innenhof des Hostals.

    Nach einem Bad und Waschtag ziehe ich zum Abendessen nochmal durch die Altstadt. León ist schon eine Stadt, die es sich lohnt an zu schauen!

  5. Anfänger im Forum
    Avatar von Leroi
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    AW: [DE][CH][FR][ES] Von Reutlingen nach Santiago de Compostela

    #25
    Wahnsinn! Ich bin beim Lesen gerade erst in Südfrankreich angelangt, aber ich freu mich schon drauf, den Rest zu lesen.

    Du schreibst sehr schön, sodaß die Berichte sich sehr flüssig lesen lassen. Mit "kleinem" Gepäck zu wandern (so nenn ich das jetzt mal, ohne Kocher, Schlafsack, Zelt, ...) hat auf jedenfall auch seine guten Seiten. Man schafft deutlich mehr KM am Tag.

    Aber jeden Abend zu hoffen, dass irgendwo eine Gaststätte ein Zimmer frei hat, und dann notfalls nochmal 10km ins nächste Dorf weiterzuwandern, stelle ich mir langfristig sehr anstrengend vor. Außerdem geht das doch gut ins Geld, wenn man teilweise sogar auf Hotels ausweichen muss.

  6. Fuchs
    Avatar von PWD
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    AW: [DE][CH][FR][ES] Von Reutlingen nach Santiago de Compostela

    #26
    Zitat Zitat von Leroi Beitrag anzeigen
    Mit "kleinem" Gepäck zu wandern (so nenn ich das jetzt mal, ohne Kocher, Schlafsack, Zelt, ...) hat auf jedenfall auch seine guten Seiten. Man schafft deutlich mehr KM am Tag.

    Aber jeden Abend zu hoffen, dass irgendwo eine Gaststätte ein Zimmer frei hat, und dann notfalls nochmal 10km ins nächste Dorf weiterzuwandern, stelle ich mir langfristig sehr anstrengend vor. Außerdem geht das doch gut ins Geld, wenn man teilweise sogar auf Hotels ausweichen muss.
    OT: Genau das sind auch meine Gedanken bei der Vorbereitung meiner Langstrecke u. meine Auswahl liegt zw. leicht & teuer oder schwer & günstig - Übernachtungen in Hotels/Pensionen, Restaurantessen gegen im Zelt schlafen u. selber kochen und mein ganz persönliches Ergebnis wird sein mit meinem extra dafür gebauten leichten Anhänger; so kann ich leicht (ich muss nichts tragen - kann aber notfalls) und günstig unter einen Hut bringen.

    Toller Bericht Wafer - Danke!
    Joachim

  7. Fuchs
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    AW: [DE][CH][FR][ES] Von Reutlingen nach Santiago de Compostela

    #27
    Hallo Leroi, hallo PWD.

    Vielen Dank für die Blumen. Werden immer wieder gerne genommen!

    Auf so einem Weg kommt es ja nicht darauf an an einem bestimmten Tag eine geplante Strecke zu gehen sondern ohne an viel zu denken zu wandern. Wo es einem gefällt bleibt man kleben, wo es weniger schön ist zieht man eben weiter. Sich im Vorfeld Gedanken über die Unterkunft am Abend zu machen habe ich mir komplett abgewöhnt: man findet immer etwas! Gerade auf den bekannteren Routen gibt es genug Möglichkeiten am Weg. Durch Frankreich durch gab es z.b. auf der Via Gebenensis, wo es weniger Herbergen gab, viele private Unterkünfte mit dem Muschelaufkleber auf dem Briefkasten.
    Als ich allerdings mal etwas abseits unterwegs war, da war das schon wesentlich schlechter um Unterkünfte bestellt. Generell würde ich aber sagen: Auf den Jakobswegen in Spanien und Frankreich muss man sich, zumindest wenn man abseits der Hauptsaison unterwegs ist, wenig Gedanken um die Unterkunft machen. Und letztendlich ist es ja auch eines der Ziele von unserem durchgeplanten Alltag weg zu kommen hin zu einer unbeschwerten und eher durch Lust getriebenen Tagesgestalltung. Das es dann auch mal eine Panne gibt, ich kann mich konkret an eine erinnern, den 24. Tag nach Chanas, das muss man dann eben so hinnehmen.
    Ein anderer Vorteil ist eben dass dann mögliche leichte Marschgepäck. Ich hatte auf dem Hinflug nach Sahagun gerade mal 7,1 Kg im Rucksack. Und da waren die Wanderstöcke enthalten. Für Kreuzgeschädigte ein Traum! Wobei, wenn ich ehrlich bin war das Gewicht des Rucksacks eher ein sekundäres Thema. Sobald bzw. solange ich unterwegs war hatte ich nie ein Thema mit dem Kreuz.
    Zu den Kosten: In Spanien sind bis 10 Euro für eine Herberge nicht unüblich. Wenn man dann abends noch was isst (10 €) und morgends frühstückt (3 bis 5 €) dann kann man in Frankreich für eine Halbpension á 25 bis 30 € eigentlich gar nicht so viel sagen. Und dann hatte ich dort meist ein Zimmer für mich mit Bad. HP gab es aber leider nicht überall.

    Ich habe zwar recht viele gesehen, die Kocher, Pfanne, Zelt und co dabei hatten aber ich habe nicht viele gesehen, die das regelmäßig genutzt haben. Aber auch das kann durchaus an den Saisonrandzeiten gelegen haben, in denen ich unterwegs war.

    So, jetzt sehe ich mal zu, dass ich die letzten Tage noch geschrieben kriege. Danke euch für die Anregungen und meldet euch wenn es Fragen gibt!

    Gruß Wafer

  8. Fuchs
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    [DE][CH][FR][ES] Von Reutlingen nach Santiago de Compostela

    #28
    61. Tag: León – Hospital de Orbigo
    Mittwoch, 21. März 2012
    Strecke: 38 Km - Gesamtstrecke: 2.131 Km
    Höhenunterschiede: ↑ 150 m, ↓ 170 m
    Gehzeit: 7 h 30

    Ich habe herrlich geschlafen. Entsprechend spät wird es. Nach einem ausgiebigen Frühstück breche ich gegen halb 9 auf. Das Wetter verspricht wieder sehr gut zu werden. Es geht durch einige Vororte von León auf gut markiertem Weg.

    In einem Viertel sind die Häuser teilweise in den Hang gegraben. Sah mir aber mehr nach Wochenendbeschäftigung aus. Ich habe leider keine bewohnten Häuser dieser Art gefunden.
    Durch einige Vororte und Industriegebiete, die ihre Blütezeit wohl deutlich hinter sich haben, geht es bis La Virgen del Camino. Ein trostloser Vorort: Eine Vierspurige Straße trennt den Ort. Einzig fällt mir der Airoclub auf.

    Der hat eine prachtvolle Villa und einen grandiosen Park. Hier blüht und duftet es als müsse es für den ganzen Ort reichen. So schön die Altstadt von León ist, so hässlich sind die Wege hinein und hinaus.
    Hinter dem Ort wird die Straße verlassen und es geht wieder über Feldwege. Nicht lange und ich überquere noch ein letztes Mal die Autobahn.

    Nur wofür wurde diese Autobahn gebaut? Es ist Mittwochvormittag gegen 10 Uhr und ich sehe weit und breit kein Auto.

    Am Feldrand sind unübersehbare Wegweiser mit Muschel und Pfeilen aufgestellt.

    Für die orientierungsschwachen Pilger sind hier auch sehr eindeutige Wegweiser angebracht.

    Und diese sind dann wohl für die des Lesens unkundigen Pilger.

    Fresno del Camino hat einen schönen Dorfweier – leider mit einem weniger schönen Hintergrund.
    Nun komme ich endlich aus der urbanen Umgebung von León heraus. Auch mein Führer spricht davon, dass ich es jetzt „überstanden“ hätte. Am Horizont tauchen ab und zu die schneebedeckten Berge auf und winken verheißungsvoll. Die Sonne scheint, ich bin wieder kurzärmelig unterwegs, blauer Himmel, … was will man mehr?
    In Oncina de la Valdoncina mache ich Pause. Ich muss nochmal eine Schicht ausziehen. Wer hätte gedacht, dass es im März hier so heiß wird? Ich nicht!

    Es wird ländlicher, hügeliger und die Vegetation wird wieder abwechslungsreicher.
    Es gibt wieder vereinzelt Bäume und Büsche. Auf den Feldern haben sich Störche niedergelassen.

    Der Weg führt auf und ab durch das Gelände. Es gibt erste Birken am Weg. Und wieder die obligatorischen Schilder, die auf privates Jagdgebiet hinweisen.

    Dann ist Chozas de Abajo erreicht. Hinter dem Ort geht es auf einer Landstraße weiter. Ich treffe die ersten deutschen Pilger: Ein Paar aus Berlin und Heiner aus dem Ruhrpott. Zusammen ziehen wir in Villar de Mazarife ein und essen zu Mittag.

    Langsam bilden die Korkeichen Gruppen. Wie stark sich doch auf den letzten Kilometern die Landschaft auch dadurch verändert hat!
    Die Schneebedeckten Berge kommen immer näher. Morgen soll es ja auch schon aufwärts gehen. Die Meseta neigt sich ihrem Ende zu.

    Ein Bauer brennt am Wegesrand das Gras aus dem Vorjahr ab. Übermannshohe Flammen schlagen aus dem Graben. In Deutschland stünde längst die Feuerwehr da, hier stört das keinen.

    Wieder ist der Weg sehr eindeutig markiert. Wer sich auf dieser Etappe verläuft, dem ist nicht mehr zu helfen. Aber hier in der Gegend soll sich ja Hape verlaufen haben…

    Eine alte Römerbrücke führt nicht nur über den Fluss sondern auch gleich über den Dorfanger hinein nach Hospital de Orbigo. Ein richtig schmucker Ort!

    Auch die Herberge ist wirklich charmant! Ein toller Innenhof!
    Heiner und ich beschließen heute mal zu kochen. Er hat Hähnchenbrustfilet und Reis. Im Supermarkt besorgen wir den Rest. Ich mache noch eine große Schüssel Salat dazu. Ich leide hier in Spanien immer unter Vitaminmangel. Wir machen Geschnetzeltes mit Zwiebeln, Paprika und Champignons. Die koreanische Hospitalera ist ganz begeistert. Wir machen mit ihr einen Deal: Sie darf mitessen und dafür räumt sie morgen für uns die Küche auf. So hat doch jeder was davon. Sie steuert noch ihre asiatischen Gewürze bei und wir erleben einen lustigen Abend mit gutem Essen und Wein.
    Nachts merkt man dann, dass die Herberge nicht beheizbar ist: Es wird wieder richtig kalt.

  9. Fuchs
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    #29
    62. Tag: Hospital de Orbigo – Rabanal del Camino
    Donnerstag, 22. März 2012
    Strecke: 39 Km - Gesamtstrecke: 2.170 Km
    Höhenunterschiede: ↑ 400 m, ↓ 50 m
    Gehzeit: 9 h 30

    Mühsam schäle ich mich aus dem warmen Bett – Mann, ist das kalt hier! So direkt neben dem offenen Fenster nicht zu ungewöhnlich. Schnell bin ich angezogen. Gegen 8 Uhr breche ich auf um in einer Bar zu frühstücken. Die einzige Bar in Hospital de Orbigo hat natürlich zu. Also muss ich das Frühstück auf das nächste Dorf verschieben.
    Über Felder geht es nach Villares de Orbigo. Aber wie das immer so ist: Auch hier ist die einzige Bar zu. So geschlossen sind mir die Spanier auf der Via de la Plata nicht begegnet! Also hänge ich noch ein Dorf dran. Das sollen ja nur ein paar Kilometer sein.

    Der Weg führt abseits der Straße auf wunderbaren Wanderwegen den Hügel hinauf und in das nächste Dorf: Sanitibánez de Valdeiglesias. Und die einzige Bar ist? – Richtig: Offen! Also nix wie rein und Frühstück bestellt. Das Frühstück ist hier aber von der mageren Sorte: Kaffee, Kakao und eingeschweißte Madeleines. Da bin ich freilich schnell fertig! Gerade als ich gehen will trifft Heiner ein. Wir trinken noch einen Kaffee zusammen und brechen auf. Auch er hat Hunger!

    Am Weg stehen eine Steinfigur und eine Figur aus Stahl.

    Eigentlich recht einfach gemacht aber doch sehr ansprechend.

    Ein paar Meter weiter steht ein Kreuz. Leider kann ich die Inschrift nicht übersetzen. Soweit reicht mein Spanisch leider nicht.
    Seit dem letzten Dorf geht der Weg stetig auf und ab durch Felder und zwischenzeitlich auch Wälder. Da freut sich das Auge so viele Bäume auf einmal zu sehen!
    Kurz bevor der Weg mit der Alternativroute, die entlang der Straße verläuft, wieder zusammentrifft steht am Wegrand ein Verkaufsstand.

    Aber nicht irgendwas – nein, alles Bio und vom Feinsten! Säfte, Müsli, Milch, Riegel, Kekse, Kaffee, Tee, Kakao, … Was das Herz begehrt. Eine kleine Kasse steht daneben und ein Zettel bittet um Spende.

    Der Spanier, der das hier betreibt, ist als Pilger hier vorbei gekommen und ist nach der Rückkehr aus Santiago hier hängen geblieben. Er wohnt hier seit über 2 Jahren und will dem Kommerzrummel unserer Gesellschaft auf diese Weise entkommen.

    Im Sommer übernachtet er hier draußen. Wenn es zu kalt wird hat er noch eine Matratze in einem notdürftig hergerichteten Raum in der Scheune dahinter. Er ist ganz begeistert, als er hört, dass Heiner im Ruhrpott gestartet ist und ich – zwar vor ein paar Jahren aber – in Reutlingen.
    Ein komischer Kauz – aber echt ganz nett! Und Grütze hat er auch im Kopf. Man kann sich auf vielen Sprachen mit ihm unterhalten. Auch sind seine Einstellungen gar nicht so durchgeknallt wie der erste Eindruck vermittelt.

    Ein paar hundert Meter weiter kommen wir an das Wegkreuz Santo Toribio.

    Dann geht es hinab nach San Justo de la Vega – immer mit Blick auf Astorga. Die Wegführung kurz vor Astorga war nicht so ganz nach unserem Geschmack. Wir haben die Haken, die der neue Weg macht etwas gekürzt und sind recht schnell in der Altstadt.
    Dort begrüßt uns eine offene Kirche. Was ist das? Nix wie rein! Sehr schön – aber schon kommt einer gesprungen um uns wieder raus zu werfen. Wirklich schade! Spanien hat so viele schöne Gotteshäuser, aber für die Öffentlichkeit sind sie nur zum Gottesdienst zugänglich.

    Auf der anderen Straßenseite steht ein Denkmal eines Pilgers vor der Herberge. Das soll ein Pilger sin? Mit einem Koffer? Da ist dem Künstler aber schwer die Phantasie durch gegangen!
    Dann ziehen wir durch die Altstadt. Was San Justo de la Vega gefehlt hat ist hier reichlich vorhanden: Charme!
    In der Altstadt essen wir etwas zu Mittag. Und wiedermal haben wir Glück: Der Wirt empfängt und sehr herzlich und die Küche ist Hitverdächtig. Ja, das El Capricio kann man weiterempfehlen. Diese Freude über einen Gast vermisse ich hier auf dem Camino ein wenig. Auf der Via war das noch etwas öfters der Fall.

    Mit vollem Bauch haben wir es zum Glück nicht mehr weit zum Bischofspalast. Ein überragender Bau!

    Der damalige Bischof hatte Antonio Gaudi mit dem Bau beauftragt. Dieser verspielte Zuckerbäckerbau ist dabei herausgekommen.

    Und er steht direkt neben der imposanten Kathedrale von Astorga.

    Auch die Frontseite ist sehr beeindruckend.
    Leider habe ich dieses Mal einen harten Anschlag für die Ankunft in Santiago. Das soll man ja nicht machen aber das ließ sich diesmal nicht anders machen. Nun bereue ich es! Heiner bleibt hier. Er will unbedingt die beiden Bauten von innen sehen. Das will ich zwar auch aber ich sollte heute noch ein paar Meter gehen. Und die Besichtigung ist erst wieder ab 17 Uhr wieder möglich. Da hat unser Zeitmanagement nix getaugt! Hätten wir zuerst die Bauten besichtigt und dann gegessen hätte ich das Problem nicht! Ärger!

    Wofür die dann ein paar Meter hinter der Kathedrale schon wieder eine Kirche brauche, und noch dazu in diesem architektonischen Kontrast, hat sich mir nicht erschlossen.

    Nach dem Ort steht eine kleine Kapelle am Wegesrand. Sehr schön – und sehr geschlossen.

    Hinter der Kapelle blühen die Bäume. Einfach schön!
    Und ab hier geht es dann langsam und stetig aufwärts.

    Im nächsten Ort, in Murias de Rechivaldo, gibt es eine sehr schöne Herberge. Aber leider scheint gerade niemand da zu sein. Also ziehe ich weiter.

    Fast schnurgerade zieht sich der Weg ganz langsam bergauf. In Santa Catalina de Somoza mache ich Radlerpause. Heute Morgen so kalt und jetzt wieder Hitze! Wir haben 29° C – und das im März! Was machen die Leute hier im Hochsommer?

    Am Weg nach El Ganso begrüßt mich ein neugieriger Naseweis. Ein ganz ein lieber!
    In El Ganso hat dann alles zu. Also geht es noch weiter nach Rabanal del Camino.

    Der Blick zurück, der mich seit Murias begleitet ist einfach genial! Welch Erholung für das Auge nach der endlosen Meseta! Aber jeder Winkel hat seinen Charme.

    Hier gibt es wesentlich mehr Feuchtigkeit als in der Meseta. Solche Eindrücke kenne ich von der Via her aber auf dem Camino habe ich so etwas bisher nicht gesehen.

    Reichlich müde komme ich am Abend in Rabanal del Camino an. Gerade beginnt die Abendmesse des Klosters. Dieser Orden wird von einem Bayrischen Kloster aus betreut. Das muss man sich mal ansehen – oder zumindest ich! Die Predigt ist zwar Großteils auf Spanisch aber ein paar Einstreuer auf Deutsch gibt es schon. Ich unterhalte mich dann noch lange mit den Mönchen. Leider gewähren sie Pilgern im Augenblick keine Unterkunft. Das soll aber demnächst möglich sein.
    In der Herberge treffe ich auf mehrere Schulklassen. 65 Schüler sollen morgen hinauf zum Cruz de Ferro wandern. Ein Mädchen kommt schon angehumpelt. Sie hat sich in ihren Sandalen den Fuß um getreten. So hat es doch wenigstens Sinn gemacht, dass ich Sportsalben und elastische Binden durch Spanien geschleppt habe.
    Beim Abendessen im Restaurant treffe ich zum dritten Mal einen Brasilianer und einen Portugiesen. Wir haben noch viel an diesem Abend!
    Ich bin in einem Schlafraum mit 34 Betten untergebracht - und die sind fast alle voll! Mit Pilgern! Wo kommen die jetzt alle her? So viele habe ich heute nicht gesehen. Aber, und daran merke ich, dass ich über 1.000 Höhenmeter bin, der Raum ist beheizt.
    Müde falle ich gegen 23 Uhr ins Bett!

  10. Fuchs
    Avatar von Nita
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    AW: [DE][CH][FR][ES] Von Reutlingen nach Santiago de Compostela

    #30
    Weiter, weiter Wafer

    Große Reise, was Du da machst.

    In 2,5 Wochen bin ich (hoffentlich) bei Pamplona. Und los gehts

  11. Fuchs
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    #31
    Hallo Nita.

    Bis dahin ist die Reise vollständig drin. Es fehlen eigentlich nicht mehr viele Tage. Aber ist schon aufwendig das zu schreiben.
    Pamplona war für mich ganz groß! Ich hatte aber auch Glück und war ein einem Abend dort als die Spanier am nächsten Tag frei hatten und - ganz wichtig - ich war nicht in einer Herberge.
    Ich wünsche dir für deinen Weg viel Glück und ganz viel Spaß! Mit 730 Km hast du dir da einen ganz schönen Brocken vorgenommen. Aber wenn ich mir deine Reiseberichte so ansehe, dann machst du das ja in 7 Tagen !

    Buen Camino!

    Wafer

  12. Fuchs
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    AW: [DE][CH][FR][ES] Von Reutlingen nach Santiago de Compostela

    #32
    Danke für die Wünsche, Wafer! Hoffe Du kriegst es hin mit dem Schreiben, bevor wir weg sind

    Wir wollen von Roncesvalles bis nach Finisterre, also ca. 840(?)km. Zeitraum - 3 bis max. 3,5 Wochen, danach sind die Klausuren. Mal schauen, ob es klappt, freue mich aber schon sehr.

    Für böse Distanzen sorgst hier übrigens gerade Du ;) Wobei es natürlich ein Glück ist, dass Du es für Dich entdeckt hast und damit keine Probleme hast.

  13. Fuchs
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    #33
    Hallo Nita.

    Laut meinem Führer (Rother) wären das 861 Km. Ich habe aber manchmal das Gefühl, dass es in der Realität hinterher weniger sind. Wenn ich dann mal Anreise-, Abreise- und Ruhetage von den maximal 3,5 Wochen abziehe bleiben 3 Wochen zum Wandern. Das wären dann bei 21 Tagen etwas mehr als 40 Km pro Tag. Im Durchschnitt! Respekt! Wenn die 3,5 Wochen voll zum Wandern zur Verfügung stehen sind es etwa 35 Km/Tag. Das ist eine Größenordnung, die ich kenne. Aber sicher auch nicht jedermanns Sache!
    Ich habe meine Rückreisen immer erst ein paar Tage vor Ankunft geplant bzw. gebucht. Dann nimmt etwas den Druck aus den Tagen raus.

    Ich wünsch euch gutes Wetter und dass euch die Motivation nicht verlässt.

    Gruß Wafer

  14. Fuchs
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    #34
    63. Tag: Rabanal del Camino - Ponferrada
    Freitag, 23. März 2012
    Strecke: 36 Km - Gesamtstrecke: 2.206 Km
    Höhenunterschiede: ↑ 500 m, ↓ 1.120 m
    Gehzeit: 8 h

    Wieder stehen der Brasilianer und der Portugiese gegen 5 Uhr 30 auf und lösen damit das allgemeine Aufstehen aus. Bei 34 Betten ist da viel Potential für Lärm. Und bei 2 Waschbecken dauert der auch sehr lange. So bin ich schon um 7 Uhr 30 beim Frühstück und komme gegen ¼ nach 8 weg.

    Durch die Ortsmitte führt der Weg aus dem Dorf.

    Rechts und links vom Weg blüht es – hier ist genug Wasser für die Pflanzen vorhanden.

    Mannshohes Heidekraut – oder etwas sehr ähnliches – blüht und taucht die Landschaft um mich herum in ein zartes Lila.

    Und dann ist plötzlich alles voll mit Farnen. Die Pflanzen sind noch vom letzten Jahr aber sie treiben unten schon wieder neu aus. Der Farn begrenzt sich hier auf eine Region von maximal 50 Höhenmetern. Ich vermute, dass hier häufig die Wolken aufliegen und so für eine permanent hohe Luftfeuchtigkeit sorgen. Ich nähere mich also dem wasserreichen Galicien.
    Dann komme ich durch Foncebadón. Mein Führer spricht von 5 Einwohnern. Die arbeiten hier wohl recht rationell denn ist zähle 3 Herbergen. Nur eine hat offen. Und die ist – sagen wir mal sehr spirituell!
    Weiter führt der Weg immer leicht bergan.

    Der Blick zurück über Foncebadón und die weite Ebene dahinter.

    Und dann merke ich deutlich, dass ich über 1.500 Meter bin: Hier liegen Reste von dem Schnee, der letzte Woche gefallen sein soll.

    Am Cruz de Ferro ist der erste Pass für heute erreicht. Das Kreuz steht auf einem Holzpfahl in einem riesigen Steinhaufen. Das Kreuz ist eher unscheinbar, der Rundblick dafür umso gewaltiger. Hier werfen viele Pilger symbolisch ein Last ab, was in der Realität ein Stein von Zuhause sein sollte. Wenn man sich das so anschaut trägt die Menschheit ganz schön was mit sich rum.

    Die Berge rund um den Pass sind recht unterschiedlich. Im Westen sieht man einen Höhenzug hinter dem anderen. Im Süden ragen schneebedeckte Gipfel in die Höhe. Sie machen schon einen recht alpinen Eindruck. Hier oben ist es nicht gerade warm und es geht ein leichter Wind.

    Leicht bergab führt mich der Camino nach Manjarin. Den Wegweisern nach könnte man meinen, man wäre am Nabel der Welt! Hier gibt es aber nur zwei Häuser. Vor dem einen steht ein Auto, scheint aber sonst unbewohnt zu sein. Und das andere wird von einem eigenwilligen Einsiedler bewohnt. Hier soll man auch übernachten können. Aber ich weiß nicht ob es mich hier herziehen würde wenn ich ein Nachtlager brauche.
    Dann geht es nochmal etwas aufwärts – leider ab und an auch mal an der Straße entlang. Dann ist der höchste Punkt meiner Etappe erreicht: 1.532 Meter. Tolle Aussicht!

    Auf abwechslungsreichen Wegen geht es wieder abwärts. Im Tal vor mir kann ich schon recht bald Ponferrada erkennen, mein heutiges Ziel. Ein großer Talkessel, der im Westen und Norden wieder von schneebedeckten Bergen umgeben ist. Das ist also die Region El Bierzo. Sieht von hier schon wirklich verlockend aus!

    Der Abstieg nach Acebo ist etwas steinig und vor allem zunehmend wärmer. Der Schnee der letzten Woche ich hier schon wieder getaut. Ich hatte auf dem frühen Aufstieg und oben an den Pässen wieder alles an, was ich dabei hatte. Nun muss ich alle paar hundert Höhenmeter eine Schicht ausziehen.
    Das erste Bergdorf begrüßt mich mit einem tollen Kaffee direkt am Weg. Klar, dass ich hier eine Kaffeepause mache. Hier treffe ich dann Silvia wieder, die vor mir in Rabanal gestartet ist und die ich unterwegs schon getroffen hatte.

    Der Weg abwärts wird immer schöner: Am Anfang ein noch recht steiniger Weg entwickelt sich der Camino immer mehr zu einem tollen Wanderweg mit alpiner Note.

    Das nächste Bergdorf kommt sehr verschlafen daher. Riego de Ambrós liegt wohl noch im Winterschlaf. Je weiter es aber runter geht desto deutlicher nähere ich mich dem Frühling. Der Weg windet sich den Hang hinunter, anfangs noch in kahlerem Gelände – hier herrschen Steine vor – und später dann immer grüner. Der Blick schweift häufig über die umliegenden Berge. Hier ist es richtig schön!

    Hier fühlen sich auch die Ziegen schon recht wohl!

    Der Weg führt hier, wie die ganze Umgebung, zunehmend eine mediterrane Note. Hier lässt es sich traumhaft wandern durch ein Tal in grandioser Kulisse hinab nach Molinaseca.

    Hier herrschen dann schon hochsommerliche Temperaturen. Im Restaurant Casa Ramon habe ich in Sachen Gastfreundschaft, Küchenqualität und unterhaltsame Gäste wieder extremes Glück: die beiden Schweizerinnen, der Chefkoch und der Ober sind sehr angenehme Gesprächspartner. Meist wird französisch oder spanisch gesprochen. Warum viele Deutsche immer an ihren Landsleuten als Gesprächspartner festhalten ist mir ein Rätsel.

    Rund um die Kirche herrscht schon deutlich mediterraner Charakter vor.
    Nachdem es ein paar Meter an der Straße entlang ging nehme ich die Variante durch die Weinberge um den Vorort Campo.

    Hier strahlt der Frühling dann mit seiner ganzen Kraft. Was für ein Kontrast heute: Im Morgen kalter Aufstieg und Schneereste und hier der schon fast hochsommerliche Frühling!

    Über eine alte Brücke betrete ich Ponferrada.

    Die alte Templerburg markiert den Eingang zur Altstadt. Ein beeindruckender Bau! Das Tourismusbüro ist offen und ich werde in hervorragendem Französisch über die Stadt und deren Herbergen informiert. Ich beziehe Quartier in einem Hostal direkt gegenüber. Als ich meine Wäsche in die letzten Sonnenstrahlen auf dem Balkon vor meinem Zimmer hänge tut Silvia das gleiche im Nachbarzimmer. Sie kam ca. eine halbe Stunde vor mir an und ihr hat das Hostal auch gleich sehr gut gefallen. So trinken wir noch ein Radler auf der sonnigen Terrasse zusammen. Die Damen vom Tourismusbüro kommen auch noch dazu. So kriege noch einen guten Tipp für das Abendessen.
    Gegen 22 Uhr ziehe ich dann los um diesem Tipp nach zu gehen.

    Auf dem Weg zum Plaza del Ayuntamiento komme ich noch an der Kirche vorbei. Die Spanier wissen schon wie sie ihre historischen Bauwerke beleuchten müssen! Ich finde den unauffälligen Eingang zum „La Fonda“ und steige in die erste Etage hinauf. Hier wurde eine Wohnung zu einem Restaurant umgebaut. Er bedient und sie kocht.

    Die erste Vorspeise sind Feuerbohnen mit Tintenfischen und Spinat. Grandios!

    Das wird aber noch durch die Gambas con Bacon getoppt! Absolut hervorragend!

    Den Nachtisch bildet eine Blätterteigtorte mit Eis. Zu dem ganzen einen sehr guten Wein aus der Region El Bierzo und der Kaffee mit Cognac runden die Sache ab. Gegen Mitternacht rolle ich heim.
    Vielleicht sollte ich mich mal auf’s Gourmet-Wandern verlegen. Ich glaube da wäre ich sicher nicht falsch! Vielleicht hat da einer einen guten Tipp?

  15. Fuchs
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    #35
    63. Tag: Ponferrada - La Portela de Valcarce
    Samstag, 24. März 2012
    Strecke: 41 Km - Gesamtstrecke: 2.247 Km
    Höhenunterschiede: ↑ 600 m, ↓ 550 m
    Gehzeit: 9 h 30

    Das ich heute nicht besonders früh raus komme war mir gestern Abend schon beim Essen klar. So schlafe ich gleich aus und frühstücke in aller Ruhe. So ist es auch schon ¼ vor 9 als ich endlich los komme. Es geht nochmal durch die Altstadt von Ponferrada.

    Die Kirche sieht bei Tag und mit der Baustelle nicht halb so gut aus wie in der Nacht.

    Der Uhrenturm bildet den Eingang zum Plaza del Ayuntamiento. Viel zu schnell geht es schon wieder aus der Altstadt heraus.

    In den Straßen von Ponferrada ist der Frühling schon fast Dauergast: Es blüht an jeder Ecke. Der Camino führt durch ein paar Vororte von Ponferrada. Trotzdem ist das Gehen heute recht kurzweilig.

    Eine Kapelle am Weg zeigt sich in der Vormittagssonne von seiner besten Seite.

    An vielen Ecken ist das El Bierzo sehr mediterran. Und die hochsommerlichen Temperaturen verstärken diesen Eindruck nachdrücklich.

    Auch die omnipräsenten Störche genießen diesen Umstand.

    Am Horizont grüßen die schneebedeckten Berge im Süden und Süd-Osten.

    Der Kirchturm von Fuentes Nuevas ist mal wieder typisch spanisch: Die Glocken wurden durch Lautsprecher ersetzt und auf dem Dach nisten Störche.
    Dann geht es durch das El Bierzo durch die Weinfelder und –berge.

    Rund herum wird das El Bierzo durch hohe Berge begrenzt. Ein absoluter Hochgennuss für Bergfreunde!
    Auf Feldwegen geht es durch die Weinfelder.

    Überall blühen die Kirschbäume. Dann geht es durch Cacabelos hindurch.

    Da gibt es eine Raststation mit wirklich viel Charme.

    Auch innen zeigt es ein sehr stilvolles Ambiente.
    Hinter Cacabelos wird es wieder hügeliger. Kreuz und quer geht es durch die Weinberge auf Valville de Arriba zu.

    Der Frühling ist hier überall zu sehen. Ich bin schon wieder kurzärmelig unterwegs weil es schon wieder sehr heiß ist. Ein Thermometer in Cacabelos hat 26°C angezeigt – und das noch deutlich vor 13 Uhr.

    Langsam tauchen auch die Strohgedeckten Häuser auf. Davon soll es ja in Galizien noch recht viele geben.

    Mitten in den Weinbergen von Villafanca del Bierzo hat sich einer ein sehr ansprechendes „Reihenhäuschen“ hingestellt. Wenn das nicht mediterran ist: Was dann?

    Am Ortseingang von Villafranca del Bierzo liegt das Castillo Palacio de Los Marqueses. Die Altstadt ist überraschend ruhig.

    Auch in Villafranca blüht es an jeder Ecke. Ich kriege kaum den Finger vom Auslöser des Fotoapparates. Da es noch nicht so spät ist tanke ich nochmal Wasser nach und mache mich dann an den Aufstieg zum Camino Duro. Es gibt auch eine Variante im Tal, die soll aber immer entlang der Straße und der Autobahn gehen. Da zieht es mich schon eher hinauf in die Berge.

    Zuerst geht es steil bergauf.

    Bei den Temperaturen ist der Aufstieg eine schweißtreibende Sache. Aber er lohnt sich auf alle Fälle. Der Blick zurück ändert sich minütlich und selbst hier oben steht alles in voller Blüte.

    Der Camino Duro ist eine wunderbare Zugabe. Bei gefühlten 30°C und strahlendem Sonnenschein ein absoluter Genuss! Dann wird der Weg aber auch wieder flacher und es geht knapp unter den Bergrücken immer leicht bergan.
    In einem kleinen Wäldchen treffe ich Silvia mal wieder. Sie macht Pause. Sie hat kein Wasser mehr und freut sich als ich meine Reste mit ihr teile.

    Es geht noch über eine Stunde auf den Hügeln nach Nord-West bis die Markierungen etwas zweideutig werden. Ein Hinweisschild macht auf eine Bar in Pradela aufmerksam. Wenn da gestanden hätte, dass man bei einem Barbesuch kaum 500 Meter Umweg macht wären wir da sicher noch vorbei gegangen.
    Als wir auf das Asphaltsträßchen treffen, das in den Führern erwähnt wird, passt aber alles nicht so recht zusammen. Ich glaube wir sind schon zu tief. Ich entschließe mich querfeldein zu dem beschriebenen Feldweg durch zu schlagen während Silvia die Straße bevorzugt. Eine alte Verletzung macht sie da vorsichtig. So komme ich dann recht schnell nach Trabadelo.
    Zwischenzeitlich ist jetzt auch mein Wasser alle. Und die erste Bar im Ort hat zu. Ich suche die Herberge auf, daneben soll es auch noch eine geben. Aber auch die ist geschlossen – wie die Herberge auch. Zum Glück macht der Supermarkt gegen 17 Uhr wieder auf – auch samstags. Kaum habe ich den Betreiber rausgeklingelt taucht auch Silvia auf. Zusammen legen wir gefühlt die Wasservorräte des Supermarktes trocken.
    Der Duro hat mich schon geschafft! Ich bin heute fix und fertig. Vielleicht war es gestern doch etwas spät und zu viel Wein? Da die Herberge aber hartnäckig geschlossen bleibt entschließen wir uns noch bis zur nächsten Herberge das Tal hinter zu wandern.
    Silvia nimmt die alte Straße – ich die neue, weil die kürzer ist und ich für heute eigentlich genug habe. Zum Glück lässt die nächste Herberge nicht lange auf sich warten. In La Portela de Valcarce ist es so weit!
    Eine Herberge mit Hostal hat offen und es sitzen bereits ein paar Pilger davor und genießen die Abendsonne.
    Aber wie das so ist: Wenn den einen Tag etwas überragend ist, dann ist es am nächsten Tag eher nix! Das Essen war eher unter dem Durchschnitt. So komme ich wenigstens früh ins Bett.

  16. Fuchs
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    #36
    64. Tag: La Portela de Valcarce - Triacastela
    Sonntag, 25. März 2012
    Strecke: 39 Km - Gesamtstrecke: 2.286 Km
    Höhenunterschiede: ↑ 1.000 m, ↓ 910 m
    Gehzeit: 9 h 30

    Heute Nacht haben die mir bei der Zeitumstellung eine Stunde geklaut. Aber ich war ja zum Glück gestern Abend früh im Bett. Irgendwie hat mich der Camino Duro gestern doch etwas geschlaucht. ¼ nach 8 stehe ich unten und bin überrascht: Es gibt kein Frühstück. Und das obwohl die Herberge auch ein Hostal ist. Dann gehe ich eben mal wieder ohne los. Gleich am Ortseingang von Ambasmstas gibt es eine nette Bar mit gutem Frühstück.
    So starte ich dann frisch gestärkt um die vielen Höhenmeter, die heute anstehen zu bewältigen.
    Der Weg führt mich zunächst an der alten Landstraße entlang nach Vega de Valcarce und nach Ruitelan.

    Die Wiesen im Tal sind saftig, auf einem Hügel thront eine alte Burgruine.

    Vor dem Weiler Las Herrerias weiden Kühe auf saftig grünen Weiden.

    Damit die Wiesen auch so saftig bleiben wird der Bach einfach über die Wiesen geleitet. Ab Hospital geht es dann langsam aufwärts.

    Kurz hinter Hospital geht es von der Straße weg und auf einem tollen Waldweg steil aufwärts.

    Kurz vor La Faba verlässt der Weg den Wald und man sieht wieder mehr von den umliegenden Bergen. Schweißgebadet mache ich in La Faba eine Radlerpause und treffe 2 Mädels aus Bayern mit gigantischen Rucksäcken. Die eine hat fast 20 Kg drin. Und damit sind die schon eine Weile unterwegs. Respekt!
    Die Sonne scheint und der Blick ins Tal entlohnt mich für den Anstieg.

    Hinter La Faba kommt dann nochmal ein Waldstück.

    Und dann führt der Camino durch Felder.

    Auf ca. 1.000 Metern blüht das Heidekraut und am Horizont ist O Cebreira erkennbar. Da muss ich heute noch rauf! Aber nicht ohne vorher noch eine Radlerpause in La Laguna zu machen. Dort sitzen schon etliche Pilger vor der Bar in der Sonne und genießen den tollen Vormittag. Nach und nach kommen auch die anderen Pilger aus der Bar von La Faba hier durch.
    Hier gibt es immer mehr diese Ovalen Häuser – Palloza genannt – mit Strohdächern.
    Ich mache mich an die letzten Höhenmeter nach O Cebreira – wie ich glaube. Der Weg ist grandios, der Blick noch besser und zu all dem lacht die Sonne. Wenn es im März hier schon so heiß und voll ist – was machen die dann im Hochsommer wenn hier 40.000 und mehr Pilger im Monat durchkommen? Im August 2010, dem letzten heiligen Jahr, waren es sogar über 60.000! (Quelle: Spanisches Pilgerbüro)

    Der Blick zurück auf La Laguna und die Berge am Horizont Ist einfach toll. Eine Hügelkette erhebt sich hinter der anderen.

    Ein Grenzstein markiert die Grenze zwischen Galizien und Castilla y León.

    Am Ortseingang von O Cebreira genieße ich noch ein letztes Mal den Blick zurück. Dann habe ich den Ortskern erreicht und stehe mitten in Horden von Touristen, die an diesem Sonntag das schöne Wetter nutzen und mit dem Auto oder Bus hier heraufgefahren sind. Ein Andenkenladen am anderen und einige Bars.

    Einige alte galizische Häuser sind toll herausgeputzt. Aber mir ist das hier irgendwie zu touristisch. Nur eine ¾ Stunde weiter soll man auch was essen können. Das ist mir dann doch lieber. So drehe ich eine Runde durch das Dorf und starte in Richtung Linares. Dort gibt es aber nur einen Laden mit Brötchen. Aber im nächsten Dorf soll es ein Restaurant geben.

    Stetig auf und ab geht es weiter zum Alto San Roque auf 1.270 Höhenmetern mit einem bronzenem Pilger, der sich gegen den Wind stemmt. Ich habe in O Cebreira Postkarten von dem Pass im Winter gesehen – da sah man richtig wie das hier drüberziehen kann. Aber heute ist tollstes Wetter.
    Hätte ich gestern etwas mehr den Führer gelesen und etwas weniger mit den anderen Pilgern gequatscht, wäre mir sicher aufgefallen, dass hier oben noch etliche Höhenmeter lauern.
    Dann komme ich nach Hospital de Condesa. Das Restaurant dort ist schnell gefunden. Die Betreiber sitzen gerade beim Mittagessen und an der Bar stehen noch ein paar alte Bauern. Keine Spur von Pilgern! Na also, sieht doch gleich viel gemütlicher aus als in O Cebreira!
    Bis die Küchenbesatzung fertig gegessen hat unterhalte ich mich mit den Bauern. Plötzlich ist einer von denen ganz aus dem Häuschen. Wie er meinen Führer in der Tasche identifiziert hat ist mir zwar schleierhaft aber er behauptet da drin sein ein Bild von ihm. Ich gebe ihm den Führer und er schlägt zielsicher die Seite 150 auf. Da ist ein Artikel über die Region Galizien mit einem Bild eines Bauern mit einer Kuh. Tatsächlich kann er das gut sein.
    Stolz wie Oscar zeigt er „seinen“ Führer mit „seinem“ Bild im ganzen Lokal herum.

    Mein Bauer aus dem Führer.
    Das Essen dort ist eines der besten Pilgermenüs, die ich bisher auf dem Weg gegessen habe.

    Erst ein Bohneneintopf und dann ein Hähnchen mit Gemüse und Knoblauchkartoffeln. Der Bauer lässt mich die ganze Zeit während ich esse nicht aus den Augen und strahlt wenn ich zu ihm hinsehe.
    Dann nehme ich den Aufstieg zum letzten und höchsten Pass heute, den Alto do Poio mit 1.335 Höhenmetern, in Angriff. Am Pass gibt es wieder eine Radlerpause.

    Stolz führ ein Hahn seine Hennen auf der Terrasse spazieren.
    Der weitere Weg führt erst auf dem Hügelrücken entlang und fällt dann langsam ab. In Fonfria ruft mir eine Bäuerin aus dem Fenster zu, ich solle doch warten. Dann kommt sie mit einem Teller voller Pfannkuchen aus dem Haus und bietet mir einen an. Den nehme ich gerne an. Lecker! Brüderlich teile ich meinen Pfannkuchen mit Hund, Katze und einer Henne. Als ich Anstalten mache zu gehen bittet sie recht nachdrücklich um eine Spende. Dachte ich mir’s doch, das die Sache eine Hacken hat! Aber Sie ist wirklich nett – und ihre Rechnung geht auf!

    Der Blick über die Hügel um Fontria ist einfach toll!
    Auf dem Abstieg treffe ich 4 bayrische Mädels. Bayern ist wohl gerade leer – die sind alle hier!

    Dann geht es nach Ramil hinein.

    Am Ortseingang von Ramil treiben 2 Bauern ihre Kühe an einer weit über 100 Jahre alten Kastanie vorbei.
    Dann komme ich nach 39 Km nach Triakastela. Ein netter Ort! Ich steige in der Casa David sehr gut ab und auch das Abendessen in einem Restaurant im Dorf ist recht anständig. Hier treffe ich auch Silvia wieder. Den ganzen Tag haben wir uns nur einmal kurz am Alto do Poio gesehen und dann wieder hier. Selten, dass jemand permanent die gleichen Strecken läuft wie ich!
    Am Nachbartisch sitzt eine Gruppe von französischen Pilgerinnen. Irgendwie habe ich das Gefühl, hier sind wesentlich mehr Frauen unterwegs als Männer. Ich hätte eigentlich das Gegenteil erwartet. Die Statistiken des spanischen Pilgerbüros behaupten auch etwas anderes.

  17. Fuchs
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    #37
    65. Tag: Triacastela - Portomarin
    Montag, 26. März 2012
    Strecke: 46 Km - Gesamtstrecke: 2.332 Km
    Höhenunterschiede: ↑ 300 m, ↓ 550 m
    Gehzeit: 8 h 45

    Komisch: Immer wenn ich ein eigenes Zimmer habe komme erst etwas später weg! So ist es heute Morgen schon ¼ vor 9 als ich nach einem reichlichen Frühstück los komme.

    Hinter Triacastela geht es gleich zügig bergan. Wer glaubt in Galizien sei es eben der irrt! Hier geht es immer auf und ab.

    Vereinzelt liegen Höfe am Weg. Alle mit Hunden, Pferden, Hühnern und anderem Getier ausgestattet.

    Einige haben sogar eine eigene Kapelle. Leider sind diese meist in sehr desolatem Zustand.

    Kurz vor dem kleinen Weiler San Xil geht es nochmal richtig steil bergauf.

    Oben kann ich dafür den weiten Blick über die Berge Galiziens schweifen lassen. Bei diesem Wetter einfach ein Genuss!
    San Xil selber ist unbedeutend – aber da sitzt schon wieder eine Gruppe Pilger und macht Pause. Diesmal sind es Spanier. Die häufen sich hier langsam. In Spanien gehört es wohl zum guten Ton den Bewerbungsunterlagen eine Compostela bei zu legen. Daher häufen sich die Spanier auf den letzten Kilometern deutlich.
    Auf kleinsten Straßen und Waldwegen geht es durch die Wälder – immer auf und ab.

    Am Waldrand, wo die Sonne schon viel hin scheint, blüht es überall.

    Und wo der Weg einen Bach kreuzt wird mit viel Aufwand ein schöner Weg angelegt. Bei schönstem Sommerwetter geht es an Montan vorbei und kurz vor Calvor lädt eine Herberge zur Rast ein.

    Hier haben die Hunde einiges zu tun: Sie betteln die essenden Pilger an. Und aktuell haben sich hier ca. 20 Pilger zur Rast niedergelassen. Wo kommen die alle her? Die armen Tiere wissen kaum bei wem sie anfangen sollen. Diese Pilgerin scheint sehr vielversprechend aus zu sehen.
    Calvor selber gibt nicht viel her – ein kleines Bauerndorf eben.

    Die Wege über die der Camino führt sind aber sehr schön und abwechslungsreich. Kaum zu glauben, dass vor ein paar Tagen noch alles schnurgerade und topfeben war.
    Dann geht es nach Sarria hinein. Ohne viele Vororte stehe ich im Zentrum des Städtchens. Es geht eine Treppe hinauf zur Kirche. Hier hat man einen tollen Blick über die Häuser. Zum Mittagessen ist es aber noch zu früh. Ich beschließe noch weiter zu ziehen.

    Am Ortsausgang steht eine alte Burg. Dahinter geht es dann die eben über die Treppe erklommenen Höhenmeter wieder runter.

    Über eine schicke alte Brücke wird ein Bach überquert und es geht durch Felder und kleine Wälder erst ein Tal hinter und dann – wie kann es anders sein – auch wieder bergauf.

    Auf dem Weg trifft man hier allerlei Getier: Echsen, Schlangen, Raupen, …

    Immer wieder wird ein Bach gekreuzt. In Galizien nichts Besonderes mehr. Gut, dass es hier ab und zu durch Wälder geht: Es ist schon wieder sehr heiß geworden.

    An der schmucken Herberge von Barbadelo wollte ich eigentlich Mittagessen. Die bieten aber nur abends etwas zu essen an. Einen Mittagstisch haben die gar nicht. Na, macht ja nix: Seit 2 Kilometern wird ständig für das Restaurant „Casa de Carmen“ geworben. Das soll nicht mehr weit sein. Als ich dort, etwas abseits des Caminos, ankomme hat das nur leider auch zu. März ist halt doch Nebensaison.
    Ich muss wohl ein sehr enttäuschtes Gesicht gemacht haben denn Carmen räumt ihr Putzzeug weg und begibt sich in die Küche. Im Gastraum des alten Steinhauses ist es nach den hochsommerlichen Temperaturen draußen richtig kalt. Ich bekomme eine Salatplatte als Vorspeise und ein aufgewärmtes Hähnchen mit den hier üblichen Pommes. Das war zwar fast zu erwarte aber die nächste Essgelegenheit ist erst in 10 Km. Dafür ist der Käsekuchen – oder das was die Spanier dafür halten – sehr gut.
    Nach dem Essen stoße ich hinter dem Dorf wieder auf den Camino – dass mir da Silvia über den Weg läuft muss ich wohl nicht mehr erwähnen.

    Durch schöne Landschaft geht es durch einige Weiler tendenziell leicht abwärts.

    Bei Morgade brechen die letzten 100 Km nach Santiago an. Daher auch die starke Zunahme an Pilgern. Wer die letzten 100 Km zu Fuß oder die letzten 200 Km mit dem Fahrrad oder dem Pferd bewältigt hat, der bekommt die begehrte Compostela.
    In Ferreiros mach ich nochmal eine Radlerpause. Es ist einfach zu heiß und der Flüssigkeitsbedarf ist enorm. Ich frage mich immer wieder wie das erst im Hochsommer werden soll!

    Die Wegzeichen mutieren hier teilweise zu sehr wegweisender Kunst.

    Eines der vielen am Weg stehenden Kreuze hat jemand eher auf „spanische Art“ repariert.
    Durch Wälder und Felder geht es hinab an den Embalse de Belesar, den Stausee vor Portomarin. Von Stausee aber keine Spur. Im Tal fließt der Rio Mino an dessen Ufern man die Ruinen vom alten Portomarin sehen kann.

    Als der See angelegt wurde hat man das Dorf auf den Hang hinauf verlegt. Dass der See in diesen Jahren kaum noch gefüllt ist macht es für die umgesiedelten Einwohner sicher nicht einfacher.

    Auf halber Höhe liegt ein Bootshaus am Hang. Daran kann man erkennen wie hoch der Wasserspiegel wohl mal sein sollte. Heute sieht das Bootshaus ohne See schon etwas komisch aus!
    Auch die alte Brücke unterhalb der neuen wird den Spuren nach von den Einheimischen durchaus stark frequentiert.
    Über die viel zu hohe neue Brücke und eine Treppe geht es in den Ort hinauf. Dem Ort fehlt irgendwie ein altes, gewachsenes Zentrum. In der Pension am Hauptplatz wollen die 35 € für ein Zimmer mit Dusche und WC auf dem Gang. Na super! Ich nehme in der Bar auf den Schock erst mal ein Radler zu mir. Da kommt Markus aus Berlin um die Ecke und macht die gleiche Erfahrung.
    Wir ziehen dann zusammen los und suchen uns was Passenderes. Wir gehen dann auch zusammen was Essen. Am Nachbartisch lässt sich ein paar Minuten nach uns Silvia mit 2 Kanadiern nieder. Die Welt ist halt doch recht klein.

  18. Neu im Forum

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    AW: [DE][CH][FR][ES] Von Reutlingen nach Santiago de Compostela

    #38
    Einfach ein toller Bericht.

    Bin eben am Ende angelangt und bin gespannt auf den Schluss.

    Man kriegt richtig Fernweh...

    Aber die Tageskilometer. Mein lieber Schwan.

  19. Fuchs
    Avatar von Wafer
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    AW: [DE][CH][FR][ES] Von Reutlingen nach Santiago de Compostela

    #39
    66. Tag: Portomarin - Arzua
    Dienstag, 27. März 2012
    Strecke: 55 Km - Gesamtstrecke: 2.387 Km
    Höhenunterschiede: ↑ 520 m, ↓ 550 m
    Gehzeit: 11 h

    Beim Frühstück treffe ich wieder auf Markus. Wir essen ausgiebig und ziehen gegen ¾ 9 los. Scheint sich langsam ein zu pendeln.

    Und wieder zeigt der Frühling was er kann: Es blüht an jeder Ecke! Der Duft liegt schwer in den Straßen. Wir verlassen Portomarin und sehen schon Heerscharen von Pilgern vor uns – und das bei nur 3.257 Ankommern im März in Santiago! Wie ist das hier bei 60.000? Die bilden dann eine Menschkette.
    Nach einer der unnötig hohen Brücken geht es durch den Wald aufwärts. Die Mehrzahl der Pilger, die wir überholen sind Spanier. Wie sich das Bild doch wandelt!

    Hier in der Gegend stehen etliche von diesen Getreidespeichern am Weg. Die meisten werden allerdings nicht mehr als solche genutzt.
    Der Weg führt meist nicht sehr weit weg von einer Straße tendenziell aufwärts. Erst durch Wälder und dann über Felder.

    Ständig taucht vor uns ein Pilger auf. Das wir beim ersten Boxenstopp in Gonzar auf Silvia treffen ist klar.

    Bei Hospital da Cruz haben wir dann den Höhenzug erklommen. Der Blick schweift weit über Galizien – wiedermal bei tollstem Wetter. Macht irgendwie einen recht flachen und unschuldigen Eindruck. Ist aber nicht ganz so!

    Auf dem Weg nach Portos begegnet uns ein Bauer auf dem Weg zum Feld. Er hat seine Sichel über dem Arm und strahlt uns an.

    In Portos hat eine neue Herberge mit Bar aufgemacht. Sieht toll aus, mit den Ameisen davor! Wir nutzen die Gelegenheit für eine Radlerpause. Die beiden Mädels am Nachbartisch sind völlig verzweifelt. Sie haben riesige Blasen an den Füßen und sind seit Pamplona in Sandalen unterwegs weil sie sich nicht mehr in die Wanderschuhe trauen. Und sie machen jeden Tag nur ca. 10 Km. Weiter kommen sie mit den Blasen nicht. Hätten die 3 Tage Pause in Pamplona gemacht und wären dann mit ausgeheilten Blasen weiter gelaufen wären sie jetzt schon in Santiago. Aber gut – jeder so wie er will.

    Auf dem weiteren Weg will eine Raupenkolonne die Straße überqueren. Die ganze Prozession ist ins Stocken geraten, weil der vordere Teil der Kolonne von einem Auto überfahren wurde.

    Dann sind wir aber auch schon in Palas de Rei. Ein tolles kleines Städtchen. Wir suchen uns ein Restaurant mit Mittagstisch. In einer Bar werden wir fündig. Wir werden in den Keller gebeten. Da das Haus am Hang steht und wir hier am Fenster sitzen können wir in eine Schrebergartensiedlung blicken. Und mit den zunehmenden Spanischkenntnissen gelingt es mir auch die Pommes ab zu bestellen.

    Heute ist ja schwer was los auf dem Camino – kaum sind wir in Palas de Rei gestartet kreuzt eine Schlange unseren Weg. Sie ist aber sehr scheu und verzieht sich schleunigst ins Gebüsch.

    Bei Pontecampana haben die Römer mal wieder ihre Spuren hinterlassen. Und weiter geht es nach Casanova. Das kann man(n) ja nicht auslassen! Vielleicht kann man(n) ja noch was lernen? Leider ist hier aber alles zu. Casanova will also seine Geheimnisse für sich behalten.

    Diese Schlange auf dem Weg hinter Casanova ist nicht ganz so scheu wie die letzte. Sie schlängelt sich zielstrebig auf mich zu. Diesmal bin ich es, der sich ins Gebüsch verzieht!
    In O Coto bzw. Leboreiro betreten wir dann die Provinz A Coruna deren Hauptstadt Santiago de Compostela unser Ziel ist. Dort machen wir auch unsere letzte geplante Radlerpause. In einer Herberge die sich „Die zwei Deutschen“ nennt. Bei genauem recherchieren stellen wir fest, dass das gar nicht zwei Deutsche sind, die diese Herberge betreiben. Das sind 2 Spanier, die einige Jahre in Deutschland zugebracht haben.

    Bald wandern wir wieder weiter durch die blühende Landschaft von Galizien. Immer wieder muss ich an den Kontrast zu der Meseta vor ein paar Tagen denken.
    Dann kommen wir nach Melide. Die Stadt spricht mich so gar nicht an. Markus will auf jeden Fall hier bleiben. Die Herberge haben wir schnell gefunden. Eine riesige Herberge mit dem Charme einer Bahnhofshalle. Und große Schlafsäle ist nicht das, was wir heute brauchen. Daraufhin suchen wir nach einer Pension. Plötzlich stehen wir am Ortsausgang. Irgendwie haben wir bisher nix passendes gefunden. Markus will aber auf jeden Fall hier bleiben. Ich beschließe noch ein paar Kilometer zu gehen.

    Die letzten Häuser von Melide sind wirklich ganz schmucke Häuschen.

    Hier steht auch wieder eines der vielen Kreuze, die den Weg säumen.
    Der Weg führt wieder etwas auf und ab und führt auch über einen kleinen Bach.

    Die Galizier geben sich wirklich viel Mühe bei der Gestaltung der Wege an den Bächen!
    In Boente steht eine sehr schöne Kapelle am Weg, die ausnahmsweise auch mal geöffnet ist. Und einen Stempel hat sie auch. Na fein! Ich habe eh noch Platz im Creanciale. Den habe ich in Le Puy gekommen und war sparsam mit dem Platz. Jetzt wird klar, dass ich den restlichen Platz nicht mehr brauche. Also mache ich ihn voll.
    Die Nähe zur Straße lässt sich jetzt nicht mehr leugnen: mal geht es direkt daran entlang, mal etwas weiter entfernt – aber verlassen wird sie nie.

    Bei abendlicher Stimmung komme ich in Ribadiso da Baixo an. Die erste Herberge hat zu. Die zweite ist sehr voll. So nehme ich in der Gartenwirtschaft nur ein Radler und mache mich wieder auf den Weg. Wenn ich es bis Arzúa schaffe, dann sind es bis Santiago nur noch ca. 42 Km. Das könnte ich an einem Tag schaffen.
    Langsam wird es dunkel. Dank der Karten auf dem Smartphone kann ich einige Schlenker des Weges abschneiden und komme bei völliger Dunkelheit in Arzúa an.
    Das erste Hotel sieht sehr neu und Business-mäßig aus. Nicht ganz dass was ich für die letzte Nacht auf dem Weg suche! Entlang der Straße komme ich in die Innenstadt. Von den Herbergen haben fast alle zu. Ich entscheide mich schlussendlich für ein Restaurant mit Zimmern weil ich dann nicht mehr zum Essen laufen muss. 55 Kilometer sind es bis hierher geworden. Auf den letzten Metern habe ich das dann deutlich gespürt.
    Zur Erholung lege ich mich erst mal in die Badewanne. So komme ich dann gegen 22 Uhr zum Essen und bin tatsächlich der letzte Gast. Jetzt macht man es einmal für die Spanier passend – schon war’s nix!
    Aber das Essen ist sehr gut: Spagetti mit Venusmuscheln als Vorspeise, eine Große Salatplatte als Hauptgang und eine hausgemacht Mouse.
    Ich hätte zwar noch bis Sonntag Zeit aber ich würde gerne noch ein paar Tage mit der Familie verbringen bevor ich am Montag nach 9 Monaten wieder anfange zu arbeiten. Also buche ich über das in Spanien omnipräsente WLAN meinen Heimflug. Den Weg bis Muxia könnte ich zwar mit Gewalt noch reinquetschen aber wenigstens scheine ich etwas auf dem Weg gelernt zu haben: Man muss nicht jedes Ziel mit Gewalt erreichen. Etwas Ruhe und Gelassenheit an den Tag legen und auch mal mit weniger zufrieden sein ist auch gut!

  20. Fuchs
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    AW: [DE][CH][FR][ES] Von Reutlingen nach Santiago de Compostela

    #40
    67. Tag: Arzua - Santiago de Compostela
    Mittwoch, 28. März 2012
    Strecke: 43 Km - Gesamtstrecke: 2.430 Km
    Höhenunterschiede: ↑ 300 m, ↓ 420 m
    Gehzeit: 8 h

    Laut den Kilometersteinen am Weg sollen es heute noch 38 Km sein. Laut Führer 43 Km. Da ich beizeiten in Santiago sein will stelle ich ausnahmsweise den Wecker. So passiert es, dass ich um kurz nach 7 in einem Kaffee zum Frühstücken sitze. Kaum zu glauben: ausgerechnet in einer Bäckerei mit angeschlossenem Kaffee gibt es das schlechteste Brot.
    So bin ich dann schnell schon wieder raus und auf dem Weg. In der Stadt brennt um die Zeit ja noch die Straßenbeleuchtung. So habe ich keine Probleme den Weg zu finden. Außerhalb der Stadt wird das dann nicht mehr so einfach! Im stockdunklen Wald ist das Auffinden von gelben Pfeilen nicht trivial! So kurz nach der Zeitumstellung und so weit im Westen der Zeitzone dauert es dann bis es dämmert. Der Hinweis meiner Frau, zuhause sei die Sonne schon lange da, erleichtert die Pfeilsuche nicht wirklich.

    Dann dämmert es endlich am Horizont. Arzua ist anhand der Beleuchtung gut aus zu machen. Ein Indiz hat man auf diesem Teil des Weges aber immer: Wenn man die Straße nicht mehr hört ist man falsch.
    So bekloppt wie ich ist sicher sonst keiner, So früh ohne Vollmond zu starten!

    Langsam geht die Sonne auf und ich kann die Zeichen leidlich erkennen. So wandere ich von einem Weiler zum nächsten.

    In meinem Führer war an dieser Stelle noch ein Getreidespeicher quer über dem Weg.

    In leichtem Auf und Ab führt der Camino über Felder und durch Eukalyptuswälder. Was mit aber fehlt ist ein Dorf mit einer offenen Bar für ein zweites Frühstück. Das finde ich erste kurz vor Santa Irene. Da habe ich aber schon fast die Hälfte der heutigen Kilometer hinter mir. Ich schlage in meinem Führer die letzte Etappe auf und freue mich auf die letzten 24 Kilometer. Zwischenzeitlich wieder kurzärmelig, heute Morgen hatte ich wieder alles an was ich dabei hatte, gehe ich durch Pedrouzo. Der Verkehr auf der Nationalstraße nimmt stetig zu – ich nähere mich wohl der urbanen Zone Santiagos.

    Schafe weiden am Wegesrand und lassen sich durch den zunehmenden Strom an Pilgern nicht aus der Ruhe bringen.

    Es geht nochmal in ein Tal hinab bevor es zur Start- und Landebahn des Flughafens von Santiago hinaufgeht. Es ist schon wieder brütend heiß als ich mich in der Sonne die Höhenmeter zur Landebahn hinaufmühe.
    Oben darf man dann erst mal die historische Route verlassen und die Landebahn umgehen, die heute die historische Route kreuzt.

    Da steht dann auch der erste Hinweis auf den Großraum Santiago de Compostela.

    Vom Flughafen geht es dann nach Lavacolla hinein. Immer in Erwartung einen ersten Blick auf die Kathedrale zu erhaschen steige ich den Weg nach Villamaior hinauf. Aber man sieht noch immer nichts.
    So beschließe ich in Villamaior etwas zu essen. Schließlich wurde die Kilometerzahl nach Santiago soeben einstellig! Hier treffe ich Angelika aus Bayern – hat Bayern keine Mädels mehr zuhause? Sie ist heute Morgen auch in Arzua gestartet. Aber schon um kurz nach 6! Und war dabei nicht die erste. Nein! Einer ist schon um ¼ vor 6 in Arzua aufgebrochen. Es gibt also noch mehr bekloppte wie mich!
    Zusammen wollen wir die letzten Kilometer hinter uns bringen. Voll motiviert ersteigen wir den Monte do Gozo. Laut Führer sollen auf diesem Berg Millionen von Freudenseufzern ausgestoßen worden sein. Verstehe ich gar nicht: Man kann zwar einige Vororte erkennen aber von der Kathedrale fehlt jede Spur! Dafür ein Papstdenkmal über dessen Schönheit man durchaus geteilter Meinung sein kann.
    Ein paar Meter weiter überredet mich Angelika nochmal auf einen anderen Hügel zu steigen – die Kathedrale müsse doch irgendwo zu sehen sein!

    Aber mehr als die Feriensiedlung des Monte do Gozo ist auch von hier aus nicht zu erkennen. Durch die Vororte von Santiago kommen wir dann endlich in die Stadt.

    Keine Kathedrale in Sicht – aber immerhin ein Ortsschild!
    Als wir durch die Straßen von Santiago wandern schaue ich immer ob nicht doch endlich die Türme der großen Kirche zu sehen sind.

    Endlich ist es soweit: Das Ziel der Reise taucht über den Gassen der Altstadt auf! Nach fast 2.500 Kilometern kommen die Türme des imposanten Baus in Sicht.
    Dann verschwinden sie wieder. Vor der Universität am Nordportal der Kathedrale steht ein Student als Mahatma Gandi verkleidet und bittet um eine kleine Spende.

    Die kriegt er. Als „Belohnung“ kriege ich einen Zettel mit einem Spruch von Gandi. Leider auf Spanisch. Ich reklamiere sofort. Und siehe da: Er hat auch deutsche Zettel. Schließlich ist er ja ein deutscher Student, der hier ein Austauschsemester verbringt.

    Ein paar Meter weiter bin ich dann kein Pilger mehr: Ich habe den Hauptplatz vor der Kathedrale betreten und bin am Ziel meiner Reise. Über 4 Jahre (oder genauer 1.504 Tage) und fast 2.500 Km (oder genau 2.430 Km) nach meinem Start in Reutlingen stehe ich in Santiago de Compostela vor dem großartigen historischen Bau!
    Hier treffen wir auch Angelika – die Freundin von Angelika. Sie war von Arzua aus mit dem Bus gefahren weil sie eine große Blase auf der Lauffläche eines Fußes bekommen hat. Zum Glück ist mir das nicht passiert!
    Ich niste mich wieder im bewährten Hostal de los Reyes Catolicos ein. Dann geht es ins Pilgerbüro um die Compostela zu empfangen. In einem Kaffee treffe ich die beiden bayrischen Mädel wieder. Gemeinsam drehen wir eine Runde durch die Altstadt.

    Ich mache so wichtige Fotos wie dieses auf dem Wappen von Santiago. Das machen heute hier alle Pilger. Das habe ich wohl im November nicht mitbekommen.

    Auch das Motiv der eigenen Füße auf der Jakobsmuschel auf dem Hauptplatz ist sehr beliebt.

    In der Altstadt finden wir einen super Schokoladenladen! Der hat echt was. Hier werde ich morgen nochmal herkommen und Reisemitbringsel für die Verwandtschaft und die Familie bunkern. Das gleiche gilt für den Laden, der die Tarte de Santiago – eine Art Marzipankuchen – verkauft.

    Diesen Platz erkenne ich kaum wieder. Der sah im November noch ganz anders aus. Mit blühenden Tulpen ändert sich die Optik von so einem Platz enorm.

    Auch der Innenhof der Universitätsbibliothek sieht in blühendem Zustand völlig anders aus.

    Nach der Pilgermesse ziehen wir von Tapabar zu Tapabar und genießen die Spezialitäten Spaniens. Warum auch immer, die beiden haben während ihrer ganzen Wanderung nie mehr zum Wein gegessen als Oliven.

    Von Tapas und Rotwein kann man – in ausreichender Menge – auch satt werden!
    Durch die letzten Tage reichlich müde bin ich dieses Mal deutlich vor Mitternacht im Bett.

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