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  1. [ES][FR] Camino de Santiago

    #1
    Mitreisende: entenpower
    Land: Frankreich/Spanien
    Reisezeit: Oktober 2009
    Region/Kontinent: Südeuropa

    Hallo zusammen,

    nachdem hier echt wundervolle Reiseberichte zu lesen sind, will ich nun auch mal anfangen etwas zu verfassen. Hier soll es jetzt erstmal um den Jakobsweg gehen. Sicherlich ist diese Tour vom Anspruch her nicht mit den meisten anderen hier zu vergleichen, aber es ist dennoch eine sehr lohnenswerte und spannende Tour gewesen!!!

    Das Interessante ist vielleicht, dass ich bis zu diesem Tag außer eintägige Bergtouren und die typische Pfadfinderjugend überhaupt keine Outdoorerfahrung hatte. Vielmehr war es meine Mutter, die aufgrund ihrer neuen Arbeit bei einem Outdoorhändler sehr viel in Kontakt mit total verrückten Abenteurern kam, wodurch das Interesse bei uns geweckt wurde.

    Aber nun gehts los:

    2 Monate vor der Tour:
    Es ist ein Sonntag am Anfang meiner Klausurphase als mich plötzlich ein klingender Kommunikationsapparat aus meinen thermodynamischen Albträumen reißt, es ist meine Mutter.

    “Hey Philipp, wie gehts, was macht Thermo?”

    “Jo, hmmm, geht so ;)”

    “Ahhh, du hast du Lust im Herbst vielleicht mal wieder Urlaub zu machen?”

    “Ich? Klar!!”


    Ein paar Überlegungen später steht fest: Philipp, du wirst dieses Jahr nochmal ein ordentliches Stück wandern gehen. Die Flüge nach Spanien sind schnell gebucht und ausrüstungstechnisch haben wir uns auch bald mit allen Dingen die kein Mensch braucht eingedeckt. Wir entscheiden uns für die Strecke von Saint-Jean-Pied-de-Port nach Burgos, denn für den kompletten Weg fehlt uns leider die Zeit. Das bedeutet nun 300km in 12 Tagen, oder anders gesagt ziemlich genau 25km am Tag… machbar? Keine Ahnung ;), unsere Erfahrungen mit solchen Touren sind absolut Null komma Null.

    3.Oktober 2009: Es geht los!
    Der Wecker klingelt um 6 Uhr morgens, ich bin todmüde. Naja, nützt ja nix… also schnell raus aus der Pritsche, kurz duschen, dann frühstücken und schließlich meine an den Tagen zuvor vorbereiteten Packsäcke in den Rucksack stopfen. 9:16Uhr sitze ich im Zug nach Düsseldorf.

    Am Düsseldorfer Hauptbahnhof komme ich dann zu der besonderen Ehre einen bahnhofsbodenküssenden Jesus anzutreffen der unbedingt meint mir seine völlig einleuchtende Weltanschauung nahezulegen, natürlich unüberhörbar von Gleis 1 bis 20. Ich denk nur “Neeein, wieso muss der gerade mich anschreien?”. Für ein Gespräch mit Jesus fehlt mir gerade wirklich die Zeit. Die Menschen drumherum schauen uns an, vielleicht erwarten die irgendwas außergewöhnliches, ich wünschte ich könnte im Boden versinken. Ich muss hier weg! Der Jesus hat übrigends keine Schuhe an und läuft mit nur einem Tuch um dem Körper gewickelt durch die Gegend. Er fängt an sich nieder zu knien, beugt sich nach vorne, legt seine Handfläche flach auf den Boden, schreit zu dem Boden “Du bist Gott!” und küsst ihn: meine Chance! Zack, weg bin ich! Ich steige schnell in den Zug ein, will nix mehr von ihm hören. Vielleicht liegt es ja an meiner Ausrüstung, die mich etwas alternativer aussehen lässt. Er dachte bestimmt er würde in mir einen kompetenten Gesprächspartner finden. Vielleicht hätte ich mich sogar mit ihm unterhalten wenn ich noch etwas Zeit gehabt hätte, interessant ist er allemal! Ich hab ja damit gerechnet, dass ich in nächster Zeit solche Menschen antreffen werde, aber irgendwie hat mich das jetzt hier in Düsseldorf doch etwas überrumpelt.

    Der Flug hingegen verläuft unproblematisch, das Flugzeug ist nur ziemlich klein. An aufrecht stehen in diesem Flugzeug ist nicht zu denken, sofern man denn denkt. Die Decke ist speziell über den Sitzen so extrem tiefergelegt, dass ich mir dummerweise beim Aufstehen während des Fluges den Kopf an der Decke stoße. Dieser laute, dumpfe Knall ist auch in den letzten Ecken dieses Flugzeuges unüberhörbar. Doch damit nicht genug, denn beim wieder hinsetzen knalle ich geschickt erneut gegen die Decke… diesmal endet es in einem großem Gelächter. Eine Stewardessin kommt an und weist mich nochmal freundlich darauf hin, dass ich ihr Flugzeug nicht kaputt machen soll, ich versuche mich zu entschuldigen. Für den Rest des Fluges halten mich die Stewardessen übrigends für einen schwerkranken, pflegebedürftigen Mann. Bei denen schein ich wohl echt Eindruck hinterlassen zu haben, am
    Ende wünschen sie mir sogar gute Besserung.



    Nun, nach 2 Stunden Flug landen wir in Bilbao (Spanien), hier siehts etwa genau so aus wie im Allgäu. Mein toller Plan sieht jetzt eigentlich vor erstmal in Bilbao eine Nacht zu schlafen, aber das ist uns dann doch zu langweilig, also soll es sofort Richtung Frankreich losgehen, vorerst bis nach San Sebastian. Die Bustickets sind bald organisiert, bis zur Abfahrt dauert es noch fast eine Stunde. Ich nutze die Zeit um etwas Trinkbares zu suchen, aber nix, weit und breit kein Supermarkt, und das in einer Großstadt?! Ein bißchen verwirrt spreche ich mit meinem Bröckelspanisch irgendwelche Leute an… nunjaaa, wer hätte das gedacht, ich stehe gerade mitten über einem Supermarkt. Anscheinend sind in Bilbao alle Supermärkte unterirdisch. Da nun schon viel Zeit vergangen ist, muss ich etwas Tempo anlegen, aber die Kassieren scannt die Ware mit so einer enormen Gelassenheit ein, dass ich etwas Panik bekomme, noch 15 Minuten bis zur Abfahrt des Busses und ich steh immer noch am anderen Ende von Bilbao. Mit 2 Flaschen Wasser und einem Marmorkuchen in der Hand muss das jetzt ein 10minütiger rekordverdächtiger Sprint werden… Puuuh, geschafft! Bus steht noch.

    Eineinhalb Stunden Autobahn später stehen wir in San Sebastian am Bushof und überlegen kurz, was jetzt passieren soll. Die Entscheidung fällt aber schnell: Es geht weiter! Wir wollen heut noch bis nach Frankreich. Um 18:45 Uhr soll der Zug abfahren, so steht es auf meinem Zettel. Der Bahnhof ist nicht weit vom Bushof entfernt, also lassen wir uns Zeit. San Sebastian ist eigentlich ganz schön, das typische spanische Nachmittagsleben ist wieder zugange. Die Parks sind voll mit jungen und älteren Menschen, es werden Karten gespielt, die Menschen wirken zufrieden.

    Da es sich bei dem Zug nur um eine Straßenbahn handelt, brauchen wir etwas über eine Stunde für die 20km lange Strecke.

    Wir stehen jetzt in einem Ort in Frankreich welcher sich Hendaye nennt, 20 Uhr abends, wir haben kein Bett und ich hab Hunger. Wir machen uns auf die Suche nach einem Hostel, aber alles ist entweder schweineteuer oder einfach nur ausgebucht. Puuuuh, wie schön wäre jetzt ein ordentlich saftiges Steak von Oma! Aber wir brauchen erstmal ein Bett. Voller Verzweifelung haben wir die nächstbesten Franzosen auf spanisch angesprochen, vielleicht haben die ja noch einen Geheimtipp für uns. Aber der Geheimtipp lautet wohl: Zurück nach Spanien! Toll!, denke ich mir. Züge fahren nicht mehr, also gehen wir zu Fuß, es ist aber nicht weit. Bald lächelt uns auch schon “Hotel Aitana” entgegen, ein Stern, direkt an der Hauptverkehrstraße gelegen, Industriegebiet. Das Zimmer soll 76,50Euro kosten, der Preis ist uns aber mittlerweile egal, wir wollen nur ein Bett.

    Jetzt wo wir ein Bett haben steht endlich das Essen ganz oben auf der Prioritätenliste. In dem Industriegebiet wo wir uns gerade befinden ist aber weit und breit nichts Essbares zu finden, also entscheiden wir uns nochmal rüber nach Frankreich zu gehen, die werden bestimmt gut kochen können.

    Direkt am Ortseingang in Frankreich lächelt uns dann die Bar Cidrerie entgegen,ziemlich urig sieht die aus, kann also nur gut sein. Da wir schon etwas spät dran sind, gibt es nicht mehr soviel Auswahl was das Essen betrifft. Eigentlich gibt es nur noch einen Fisch und drei Fleischstücke. Wir nehmen das Fleisch, dazu Brot. Während die einzige Kellnerin dann mit ihrem Kochauftrag in der Küche verschwindet, hat uns französische Propagandamusik aus den 30er Jahren unterhalten. Die Zeit in diesem Restaurant scheint stehen geblieben zu sein, nur die Bedienung ist nicht mehr so jung. Ein Schritt pro Sekunde, mehr sitzt nicht drin. Das Essen was uns die Kellnerin dann bringt, sieht etwas gewöhnungsbedürftig aus: ziemlich rohes Fleisch mit ziemlich wenig Pommes und etwas mehr Brot. Bei diesem Fleisch will ich nicht wissen von welchem Tier es stammt, aber es entspricht doch stark meiner Vorstellung von Krokodilfleisch, es schmeckt leicht gealtert. Die Portion ist uns nur viel zu klein, aber da es jetzt keine Pommes mehr gibt und wir kein Fleisch mehr wollen, gibts Brot, Brot ohne Ende, viermal bestellen wir nach. Dort liegt ein Gästebuch aus, wir tragen uns ein:

    “Ja Hallo! Wir sind gerade angekommen. Schlafen in Spanien und essen hier in dieser niedlichen Bodega. Echt ganz nett hier, mittlerweile werden wir sogar satt. So, morgen gehts los, “camino frances”! Viele Grüße aus Münster”





    Zurück in unserem Hotel wurde ich auf die schlimmste Matratze verwiesen, Mutter hat ja Rücken und so ;). Die Struktur des Lattenrosts hat sich in der Nacht durch die “Matratze” (ich finde sie hat diese Bezeichnung eigentlich nicht verdient) auf meinem Rücken eingedrückt, aber ich will mich mal nicht beschweren, die nächsten Nächte werden bestimmt schlimmer.

    Ausblick aus dem Hotel:
    Geändert von Sandmanfive (06.11.2011 um 16:52 Uhr) Grund: Reisecharakter eingestellt

  2. AW: [ES][FR] Camino de Santiago

    #2
    4.Oktober 2009: Ankunft in Saint-Jean-Pied-de-Port (SJPDP)
    Die Nacht endet bereits um 6 Uhr als über uns ein Päärchen lautstark anfängt ihre große Liebe zu zelebrieren. Da helfen weder Ohrenstöpsel noch ein Kissen über dem Kopf. Wie können die das nur diesem labilem Hotel antun? Zum Glück lieg ich am Rand des Zimmers. Wenn sie also samt Bett durch die Decke krachen treffen die nicht mich.

    Wir habens nun 8Uhr und es ist wieder ruhig geworden, Hotel ist ganz geblieben. Aufstehen und Rucksackeinpacken steht an. Frühstück gibt es heute in der Hotelbar: Croissants, Orangensaft und einen Kaffee, lecker!

    Ich hatte mir gestern am Bahnhof in Hendaye (Frankreich) ein Prospekt mitgenommen, wo die Abfahrtszeiten der Züge vermerkt sind. Eine Direktverbindung gibt es nicht, wir wissen auch nicht von wo aus wir am Besten nach Saint-Jean-Pied-de-Port weiterfahren können, eigentlich wissen wir garnichts. Da in meinem Prospekt nur eine einzige Zugverbindung an diesem Vormittag aufgelistet ist, nämlich um 10:21 Uhr, machen wir uns frühzeitig auf dem Weg in der Hoffnung, der Zug ist der Richtige für uns. Glücklicherweise sitzt aber in Hendaye eine schlaue Frau hinter dem Bahnschalter die uns sofort als Pilger erkennt und weis was zu tun ist: wir nehmen den 10:21Uhr Zug nach Bayonne, bleiben da 4 Stunden und dann gehts mit der Bummelbahn weiter zu unserem Ausgangsort. Scheint also unkompliziert.


    Da ich wieder Hunger habe, kaufen wir uns direkt nach der Ankunft in Bayonne ein original französisches Baguette. Die Stadt scheint auf den ersten Blick sehr schön, sie ist direkt an einem großen Fluss gelegen und wirkt dabei wie eine Mischung aus Rom und Nordsee.




    (man achte auf die Teekanne... Franzosen )
    Bei strahlendem Sonnenschein legen wir uns auf eine Wiese und vertrödeln viel Zeit. Für unsere Verhältnisse außergewöhnlich pünktlich machen wir uns dann auf den Weg zurück zum Bahnhof, genießen nochmal die Zivilisation und das Wetter.
    Von hier geht es jetzt mit einer Bummelbahn weiter die heute nur einmal fährt und die einzige Zugverbindung nach Saint-Jean-Pied-de-Port(SJPDP) ist. Die Leute die mit uns im Abteil sitzen sehen aus wie Pilger, aber man traut sich noch nicht sich anzusprechen. Die Vorfreude auf dem Camino steigt enorm. Wir sitzen da mit unserem Gepäck, quasi abmarschbereit, fahren gerade mitten durch die Pyrenäen und wissen, dass es morgen endlich losgehen wird. 16:19Uhr sollten wir in SJPDP ankommen, aber der Zug hat Verspätung. Ich klebe seit 10Minuten am Fenster und beobachte die Gegend. Vielleicht kann man ja schon einen Blick auf den Cisa-Pass erhaschen, unsere morgige Etappe, aber es sind zuviele Berge die fast alle gleich aussehen. Wir sind jetzt mitten in den Pyrenäen, selten taucht mal ein Bergdorf auf, es ist wunderschön.

    Um Punkt 16:38Uhr hält der Zug an, wir sind jetzt in SJPDP. Wir steigen aus und ich bin von dem Blick einfach nur überwältig. Da liegt dieses verschlafene Dörfchen mitten im Niemandsland, umgeben von einer traumhaften Bergkulisse bei noch traumhafterem Wetter, ich bin total glücklich hier zu sein.
    Zuhause habe ich gelesen, dass es hier ein Pilgerbüro geben soll die einen an die entsprechende Herberge vermittelt. Leider weis von uns keiner wo das genau liegt, es ist auch nichts ausgeschildert. Naja, ich mache erstmal Fotos, haben ja Zeit denke ich. Währenddessen entscheidet sich aber eine überaus intelligente Frau Mama der Menschenmasse hinterherzurennen, natürlich ohne mir davon was zu sagen. Also steh ich da nun dumm herum, kein Mensch ist mehr da und ich hab kein Plan wo ich jetzt hin muss. Ich höre am Besten mal auf meine Intuition, die sagt mir nämlich, dass ich grob Richtung Spanien gehen sollte. Also nehme ich die Richtung und starte einen Versuch meine Mutter mit erhöhtem Tempo (was halt gerade so mit 15kg Gepäck geht) wieder einzuholen, und siehe da, da sitzt sie ja, auf einer Mauer. Puuuh, was bin ich erleichtert. Schließlich muss auch ich einsehen, dass ihr Plan der Menschemasse hinterherzurennen durchaus nicht verkehrt ist, also gehen wir zügig weiter, bevor die Menschenmasse nacher noch vollkommen vor uns verschwindet. Wir werden direkt zum örtlichen Pilgerbüro geführt, hier herscht reger Betrieb, irgendwie scheinen alle Pilger heute exakt zur gleichen Uhrzeit angekommen zu sein. Durch einen Mix aus Englisch, Zeichensprache und Spanisch versuchen wir der Dame klar zu machen, dass wir ein Bett brauchen. Außerdem organisieren wir uns dort jeder eine Jakobsmuschel, dass Erkennungszeichen der Pilger. Eine kurze Einweisung in die erste Etappe gibt es hier auch nocht...was ein Service Die Dame führt uns von hier direkt in die kleine Herberge und zeigt uns unsere Zimmer. Wir teilen es mit drei Italienern, die wir bereits aus unserem Zugabteil kennen.





    Bei einem Spaziergang durch den Ort bleiben wir an einer Menschentraube hängen, sie scheint Teil eines kleinen Dorffestes zu sein. Spirituelle Musik läuft, während wir von Franzosen mit duftenden Fächern bewedelt werden.
    Hier kann man sich wirklich wohl fühlen




    Um 21 Uhr liegen wir mit einer Pizza im Magen im Bett, morgen um 7 Uhr soll es Frühstück geben. Die drei Italiener sind schon ordentlich am Schnarchen, ich habe den Eindruck dass sie sehr erfahren sind was solche Touren betrifft. Bei uns im Zimmer hängt eine Notausgangsleuchte, sie kann nicht ausgeschaltet werden, es ist sehr hell. Ich versuche nun zu schlafen.
    Geändert von entenpower (15.07.2010 um 14:29 Uhr)

  3. AW: [ES][FR] Camino de Santiago

    #3
    Mach hinne , damit du nach Pamplona kommst. Ab da kann ich (hoffentlich) in Erinnerungen schwelgen.

    Grüße
    Werner

  4. gelöschter Nutzer
    Gast

    AW: [ES][FR] Camino de Santiago

    #4
    Genau. In einer Woche bin ich im Urlaub, bis dahin wollen wir am Ziel sein

  5. BubiBohnensack
    Gast

    AW: [ES][FR] Camino de Santiago

    #5
    Coole Kombi mit der Frau Mama muss ich sagen!

  6. AW: [ES][FR] Camino de Santiago

    #6
    Frau Mama macht sowas wenigstens auch mit, was man leider von den meisten Gleichaltrigen die ich kenne nicht so sagen kann Eigentlich voll schade...



    5.Oktober 2009 – Tag 1: Der Cisa Pass


    Die Nacht war katastrophal: Die kleine Notfallleuchte wurde immer heller, das Schnarchen unserer italienischen Mitpilger immer lauter und meine Mutter hat sich diesem Konzert ab 3 Uhr nachts auch noch angeschlossen. Und um 5 Uhr war das Schlafen eh komplett vorbei, die Italiener stehen nämlich auf. Ich hab nicht viel geschlafen. Wir dösen noch bis 6:30Uhr, geduscht wird heut früh nicht, also packen wir unsere Rucksäcke und gehen frühstücken.

    Das Frühstück finde ich grandios, ist nämlich mal was anderes: Getrunken wird aus Müslischälchen, Teller gibt es keine. Wir haben die Wahl zwischen Erbeer- und Aprikosenmarmelade auf unserem Baguette, dazu entweder einen Kakao oder Kaffee. Sonst nichts. Für den Weg zum nächsten Bäcker wird das sicher erstmal reichen.

    Um ziemlich genau 8 Uhr stehen wir vor der Herberge, es ist noch dunkel.Sonnenaufgang Unsere Wanderschuhe haben wir nur bis zum Knöchel zugebunden, schließlich befinden wir uns noch auf befestigten Straßen. Am Brunnen vor der Herberge befüllen wir unsere Trinkflaschen und machen uns nach dem obligatorischem Startfoto auf den Weg. Der Himmel rötet sich, die Sonne geht langsam auf. Die meisten Menschen sind wohl noch am Schlafen, zumindest sind die Klappläden noch zu. Vor uns taucht eine Bäckerei auf, dort kaufen wir zwei Baguettes und Croissants. Beim Verlassen von SJPDP werden wir von Einheimischen gegrüßt, sie wünschen uns einen “Buen Camino!”. Na dann kann es ja losgehen!



    Es befinden sich jetzt 27km Strecke und 1500 Höhenmeter Aufstieg vor uns, das werden wir sicherlich heut Abend merken. Diese Etappe soll vorerst auch die Anspruchsvollste sein. Gestern wurde uns im Pilgerbüro noch eine Ausweichroute für schlechtes Wetter erklärt, aber da diese Frau mal wieder nur französisch gesprochen hat, hat das von uns natürlich keiner verstanden. Unser Plan sieht einfach vor, dass das Wetter heute gut ist.



    Wir gehen recht flott und überholen einige Mitpilger. Unterwegs treffen wir Deutschsprachige die einer größeren Gruppe angehören und eine Eintagespilgertour unternehmen. Anscheinend wird sowas mittlerweile angeboten, inkl. vier Sterne Hotelübernachtungen in Roncesvalles und SJPdP, Gepäcktransport natürlich inklusive. Das ist eindeutig nicht mein Ding.

    Nach gerade mal 5km passiert uns dann ein riesen Dilemma, die Schnürsenkel meiner Mutter verheddern sich miteinander und sie stürzt vorne rüber auf ihre rechte Backe. Abstützen kann sie sich kaum noch, denn das zusätzliche Rucksackgewicht erhöht die Wucht enorm. Auf dem ersten Blick hat sie eine kleine Platzwunde am Auge erlitten, ihre Backe ist sehr rot. Das muss wohl sehr schmerzen. Mein erster Gedanke ist jetzt, dass unsere Pilgerreise vorerst vorbei ist. Wir sollten einen Arzt aufsuchen und die Backe röntgen lassen, aber meine Mutter meint, es sei nichts gebrochen. Sie wird aber wohl ein blaues Auge bekommen. Wir kühlen die Backe mit einem feuchtem Tuch, mehr haben wir nicht. Von nun an schwört sie sich nur noch mit den Wanderstöcken zu gehen um sich in solchen Fällen noch abstützen zu können.

    Die meisten Menschen sind heute sehr euphorisch, schließlich ist es für viele der erste Pilgertag. Das Wetter hält sich, es ist zwar leicht bewölkt, aber kein Regen, wir brauchen also nicht auf die uns eh nicht bekannte Ausweichroute ausweichen. Hier oben auf dem Pass ist es sehr windig, wir haben teilweise Probleme nicht umzukippen, ich packe meine Wanderstöcke nun auch aus.

    Am Hang vor uns befindet sich eine riesige Schafsherde. Hier sehen die weißen Schafsklekse in dem grünen Gras fast aus wie Steine. Links neben uns entdecke ich dann eine Herde Wildpferde, ihre weiße Mähne weht im Wind. Vorsichtig schleiche ich mich an sie ran um Fotos zu machen, aber die haben überhaupt keine Angst. Sie wühlen sich total ungeniert im Gras und putzen sich gegenseitig. Wir haben echt eine prima Aussicht, der perfekte Ort also um die Mittagspause einzuleiten.





    Hier oben fühlt man sich, als sei man ganz alleine auf dieser Welt. Völlig losgelöst von jeglichen Zwängen und altäglichem Stress. Ein schönes Gefühl!

    Die nächsten 6 Stunden werden aber dann zu einer reinen Qual. Es geht schier endlos bergauf, wir haben alle ziemlich zu kämpfen. Meine ganzen Gedanken kreisen jetzt nur noch ums Gehen. Linker Fuß nach vorne, rechter Wanderstock nach vorne, rechter Fuß nach vorne und linker Wanderstock nach vorne. Ich reiß mich zusammen, könnte vor Schmerzen eigentlich fluchen… Das hat man nun davon, wenn man alles Lebensnotwendige diesen Berg hier hochschleppt. Ich frag mich wie Menschen, die von Natur aus bereits 15kg mehr wiegen als ich überhaupt irgendeine Treppe hochkommen, denn mir tut alles weh.

    Als wir den Gipfel erreichen lassen wir uns auf ein kleines Stück Rasen fallen, wir sind erschöpft und haben jetzt schon Muskelkater. Wie soll das dann erst morgen aussehen? Von hier geht es jetzt steil bergab, nur noch 7km Geröll und Waldweg. Wir laufen wie sprachlose Zombies, denn Sprechen ist gerade viel zu anstrengend.


    Im Märchenwald nach Roncesvalles

    Doch als dann schließlich in einer Lichtung die ersten Türme von dem Kloster in Roncevalles auftauchen ist jeder Schmerz vergessen! Wir haben es geschafft, zumindest für heute! Noch bevor wir uns um ein Bett kümmern gönnen wir uns eine kalte(!) Cola, die ich natürlich erstmal aufgrund eines spontanen Schwächeanfalls fallen gelassen habe. Das wars dann also erstmal mit der Cola… Naja egal, das lauwarme Wasser aus irgendeinem Brunnen irgendwo auf dem letzten Berg tut auch noch seinen Dienst, es schmeckt sogar fast neutral.

    Ein paar Kilogramm Schokolade später steh ich dann in einem Weinkeller, nur das dort keine Weinfässer gelagert werden sondern 120 Betten stehen (in Worten: einhundertundzwanzig Betten!!!). Das kann ja eine Nacht werden! Vorne brennen Räucherstäbchen um den ganzen Schweißgeruch zu übertrumpfen und es läuft Mönchmusik. Oben an der Decke hängen riesige Flutlichtstrahler, eine ziemliche urige Stimmung. Aber das Wichtigste ist erstmal, dass es hier eine Dusche gibt! Darauf freu ich mich nämlich schon den ganzen Tag.



    Ein verdammt hunriger Philipp macht sich dann um 19 Uhr auf den Weg zum Abendessen. Heute wird es das Pilgermenü geben, jeder kriegt es, denn es gibt nichts anderes. Wir werden an einen großen runden Tisch gesetzt, zusammen mit Phillipinern, Engländern, Spaniern und Franzosen. Viele von ihnen haben wir heute schon unterwegs getroffen, wir unterhalten uns über alles.

    Um 21:15 Uhr lieg ich im Bett, möchte eigentlich schlafen, aber das geht nicht so gut, da die Flutlichtstrahler noch an sind.
    Geändert von entenpower (21.07.2010 um 18:01 Uhr)

  7. AW: [ES][FR] Camino de Santiago

    #7
    Zitat Zitat von entenpower Beitrag anzeigen
    Frau Mama macht sowas wenigstens auch mit, was man leider von den meisten Gleichaltrigen die ich kenne nicht so sagen kann Eigentlich voll schade...
    Also die Kombination aus Elternteil plus Kind(er) habe ich öfter angetroffen. Zugegeben, nicht täglich aber so ganz ausgefallen ist das nicht. Die waren meist total zufrieden, bis auf ein Paar aus Vater und Tochter. Er hat seine Unlust, eigentlich sein Versagen immer auf die Tochter geschoben. Sie musste für alles herhalten. Angefangen beim Wetter (sie wollte unbedingt zu dieser Jahreszeit) bis hin zur fast täglichen Busfahrt (ihre Knie, ihre Tage (wirklich), ihre Kopfschmerzen). Nach drei Tagen hatte ich die verloren und war dankbar darum.
    Geändert von Werner Hohn (22.07.2010 um 12:56 Uhr)

  8. Erfahren
    Avatar von DeLiebe
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    AW: [ES][FR] Camino de Santiago

    #8
    Ich habe auch öfters Eltern-Kind-Pärchen getroffen, scheint wirklich nicht so ungewöhnlich zu sein. Interessant war häufiger, dass man sich für den Tag getrennt hat und sich abends in der gemeinsamen Herberge getroffen hatte. Eine junge Deutsche war sogar mit beiden Eltern unterwegs und meinte dass es nicht auszuhalten ist, den ganzen Tag mit den Eltern zu laufen..

    Freue mich schon auf die Fortsetzung deines Berichts, so langsam gehts in die Gegend in der ich auch auf den Weg gestoßen bin, bin über den Camino Aragonés gepilgert.
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  9. Erfahren
    Avatar von Flachzange
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    AW: [ES][FR] Camino de Santiago

    #9
    Sehr schön geschrieben, bitte schnell weiter
    "Act like a horse. Be dumb. Just run."

  10. Erfahren

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    AW: [ES][FR] Camino de Santiago

    #10
    Danke für den schönen Bericht, er macht neugierig auf mehr!

    Zum Eltern-Kind-Wandern: Ich wandere gerne mit meiner Tochter (15), wir haben schon mehrere 3-4-Tages-Touren zusammen gemacht. Und mit meinem Sohn bin ich über den Hunsrück gelaufen (dank Werner Hohns Bericht vom Ausoniusweg), der hat leider zur Zeit "pubertäre Wanderpause" - mein Sohn, nicht Werner .

    Für uns hat das etwas sehr Verbindendes, das lange nachwirkt. Das entspannte Nebeneinander-herlaufen und reden oder schweigen ...
    Kann ich nur empfehlen!

  11. Erfahren
    Avatar von Trampvan
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    AW: [ES][FR] Camino de Santiago

    #11
    Sehr schöner Bericht. Super Fotos und wunderbar geschrieben.

    Auch die Kombi mit deiner Mutter finde ich sehr cool, großes Lob an euch beide!

  12. AW: [ES][FR] Camino de Santiago

    #12
    6.Oktober 2009 – Tag 2: Durch den Wald nach Zubiri

    „Grunz Grunz, krrrrchix“... „Gruuuuuunz, schnatter schnatter", hääääääääääää? Wo bin ich?
    Achja, da war ja was. Ich kram meine Uhr raus, kann aber nicht lesen wie spät es ist. „Schnatter Schnatter Grunz“, ich drück auf den Leuchtknopf der Uhr meiner Mutter, ahhh drei Uhr nachts. Jetzt realisiere ich: mein rechter Ohrenstöpsel hat soeben seinen Ohrkanal verlassen, verdammt.

    Hier drinnen scheint voll die Party zu gehen, es wirkt als seien hier gerade grob 80 Leute innerlich am abdancen.

    An schlafen ist ohne meinen rechten Ohrenstöpsel gerade nicht zu denken und eine stark unmotivierte Suchaktion bringt leider auch keinen Erfolg.
    Ich dreh mich um, presse mit aller Kraft mein Kopfkissen auf das rechte Ohr und schlummer doch ganz gut wieder ein.

    6:16 Uhr: WUMMM!!! Flutlichtstrahler an, Klosterpartymusik und Räucherstäbchen brutzeln. Dieser Kaltstart wirkt! Kaum jemand brauch länger als 2 Minuten um aus dem Bett zu kommen.

    Hier gibt’s kein Frühstück, also auch keinen Grund noch länger hier zu bleiben. Um sieben Uhr sind die Sachen gepackt und wir marschieren los.
    Es ist noch dunkel und der Hunger macht sich langsam im Magen breit. Mit Stirnlampe folgen wir den gefühlten anderen 100000000 Pilgern durch einen Wald, 5km noch bis zum nächsten Ort.
    Passend zum Frühstück geht die Sonne auf, es ist ein schöner Tag, warm wird es sicherlich.



    Die heutige Etappe wird im Gegensatz zum Vortag wohl eine ruhige Wanderung über flache Wald- und Wiesenwege werden. Ziel für heute ist Zubiri, also insgesamt 22,6km.

    Nach der Hälfte der Strecke kreuzen wir ein kleines Bergdorf, dessen Hauptanlaufstelle wohl definitiv der kleine Tante-Emma Laden ist. Besonders begehrt ist bei vielen natürlich eines der größten Luxusgüter auf Wanderungen in südlicheren Regionen: das Eis (natürlich neben dem kalten Bier)! Unsere philippinischen Freunde tauchen dort auch bald auf. Sie machen eine kurze Pause zum Auffüllen ihrer Wasserflaschen, bevor sie ziemlich stark humpelnd den Ort verlassen. Zwei Stunden später holen wir sie wieder ein, sie sitzen am Wegesrand, Schuhe ausgezogen. Ein kurzer fragender Blickkontakt von mir und einer antwortet: “My feet are not the best”. Wirklich gesund sehen sie auch nicht aus, aber die beiden nehmens mit Humor.
    An dieser Stelle muss ich auch ganz klar mal die Coolness von denen unterstreichen: Sie kennen sich dort wie vermutlich kaum ein anderer mit Transformers 1-3, Matrix, deutschem Bier und Jazz aus :=) Besonders letztes hat mich voll vom Hocker gehauen, so trifft man hier schließlich kaum jemand der auch auch nur die Namen John Coltrane, Charlie Parker, Oscar Peterson und Co schonmal gehört hat.
    Die beiden sind Priester, der eine kann etwas deutsch, war damals beim Weltjugendtag in Köln. Ich glaub ich mag dieses Volk und sollte dringend mal dorthin reisen Wir gehen die nächsten Kilometer zusammen, erzählen uns Episode 1 von unserem bisherigem Leben. Sie brauchen aber bald wieder eine Pause um ihre Füße nochmal neu zu verarzten, wir gehen weiter.




    Nach gut 7 Stunden überqueren wir einen Fluss, dahinter befindet sich direkt Zubiri. Da die öffentliche Herberge hier sehr heruntergekommen sein soll gönnen wir uns eine private Unterkunft, zumal meine Mutter morgen auch Geburtstag hat. Diesmal also nicht mit 150 Mann auf einem Zimmer, sondern jediglich mit 8.



    Wir packen unsere Rucksäcke aus, bereiten die Schlafplätze vor und können ENDLICH duschen gehen. Als ich fertig mit duschen war musste ich etwas schlucken als das Unwahrscheinlichste doch wahrscheinlich wurde: der absolute Masterschnatterer von letzter Nacht liegt wieder neben mir! Vielleicht sollte ich diese Nacht direkt Beton in meine Ohren gießen, das ist wenigstens auch nachhaltig (soll ja gerade im Trend sein).
    Da ich gerade etwas verwurzelt im Türrahmen stehe und komisch durch die Gegend gucke nutzt er die Gelegenheit und spricht mich an. Freundlich ist er ja und warnt mich sogar direkt mal auf sein Schnarchen vor… nicht das ich das nicht schon längst gewusst hätte, aber ja, ist nett
    Er kommt aus Buxtehude, ist eigentlich nicht so der Sportliche, macht diesen Jakobsweg aber zur Liebe seiner Frau. Find ich total gut! Beide sind Lehrer und mir eigentlich doch sehr sympathisch.

    Wir legen uns noch für ein paar Stunden an den Fluss, das Wasser ist sehr flach, zum Schwimmen also leider eher Pustekuchen. Plantschen ala Plantschbecken sitzt aber natürlich drin, irgendwo zwischen den Flusskrebsen.


    In Zubiri gibt es nicht viele Möglichkeiten Abendzuessen. Am Ende des Ortes soll es ein kleines Hotel inkl. Restaurant geben. Wie auch bereits in Roncesvalles gibt es heute Abend erneut das Pilgermenü. Das kostet immer irgendwas zwischen 9 und 14 Euro und macht überhaupt nicht satt, aber aufgrund mangelnder Alternativen wird es das heute trotzdem geben. Wir lernen dort Herbert kennen, der mittlerweile etwa 20 Blasen am linken Fuß und 15 am Rechten hat. Seine Füße sind großflächig zugetaped, aber noch ist er echt gut drauf. Das Essen was wir dann bekommen ist zu wenig, ekelhaft und dafür eigentlich auch viel zu teuer, aber Luxusreisen gibt’s pauschal im Reisekatalog.

  13. Gerne im Forum
    Avatar von Yaphi
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    12.07.2010
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    Weyhe bei Bremen
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    AW: [ES][FR] Camino de Santiago

    #13
    Weiter, weiter schöner Bericht bis hierher

  14. AW: [ES][FR] Camino de Santiago

    #14
    hey danke
    ja also momentan bin ich leider ziemlich mit uni beschäftigt, deswegen gibts auch nur so kleckernd mal wieder ein neuen teil des berichts.
    ich werd mich aber ranhalten

  15. AW: [ES][FR] Camino de Santiago

    #15
    So sind sie die schreibenden Ex-Pilger: vor lauter neuen Reiseplänen werden die treuen Leser unter den Tisch gekehrt.

  16. AW: [ES][FR] Camino de Santiago

    #16
    jaja, ich weiß ;)
    Der Bericht wird auch noch zuende gebracht, aber als Student kommt jetzt erstmal wieder 2 1/2 Monate gezwungener Stress - und Panik und alles was dazu gehört. Ich hoffe danach endlich wieder weiter an dem Bericht schreiben zu können (zumal ich im Oktober den restlichen Jakobsweg gehen werde - bis dahin muss der hier fertig sein)

  17. AW: [ES][FR] Camino de Santiago

    #17
    Hallo zusammen Es geht weiter! Und jetzt hoffentlich auch zeitnah zuende :=)


    7. Oktober 2009 - Tag 3: In die Stadt der Stiere

    Ich stelle mir die Frage, woran es liegen könnte, dass ich doch tatsächlich letzte Nacht komplett durchgeschlafen habe? Der Masterschnatterer liegt gerade mal 2 Meter von mir entfernt und ich hab nix gehört? Bin ich übernacht taub geworden? Wo gibts Kaffee? Ein kurzes “Good Morning” vom Nachbarbett lässt all die Fragen aber schnell in den Hintergrund springen.

    Heute gehts nach Pamplona! Die erste große Stadt seitdem wir unterwegs sind, ich freu mich.

    Meine Mutter hat heute Geburtstag, Kerzen und krächziges Singen steht also mal wieder an Ich schlag mich wie immer grottig ;) Immerhin spiele ich doch extra ein Instrument um mich beim Musikmachen anderen Aufgaben als das Trällern jahrhunderter alter Volkslieder zu widmen. Ihr Geburtstag ist heute aufjedenfall ein sehr spezieller.

    In der Dämmerung verlassen wir unsere Herberge. Unser Frühstückshunger hält sich noch arg in Grenzen, deswegen beschließen wir zuerst etwas Strecke hinter uns zu bringen um dann im nächsten Ort beim Bäcker zur Feier des Tages ein ordentliches Frühstück zu uns zu nehmen.


    Nach kurzer Zeit fängt es an zu regnen. Voller Panik vor einem gigantischem Sturm legen wir schonmal präventiv die Rucksackregenhülle an. Man kann ja nie wissen … Aber der erwartete Sturm entpuppte sich nur als kleine Pinkelpause von oben. (das war übrigens der einzige Regen den wir während der gesamten Tour hatten).

    Für unser Frühstück verlassen wir nun den eigentlich Jakobsweg und folgen dem nächsten Ortsschild nach Urdaitz. Dieses 100 Personen Dorf lässt zwar zunächst etwas Skepsis nach der Existenz eines Bäckers auftauchen, allerdings finden wir direkt am Ortseingang ein „Cafeteria“-Schild. Wir folgen und irgendwann stehen wir am Ende des Ortes. Von einer Cafeteria, geschweige denn irgendein Bäcker, war natürlich weit und breit nichts zu erahnen. Ich beschließe, dass dieses Schild auf der Stelle zerstört gehört, aber nur meine Faulheit wieder zurücklaufen zu müssen lässt das Schild von seinem entgültigen Exodus verschont.

    Also weiter zum nächsten Ort: Larrasoana. Aber auch hier werden wir bitter enttäuscht. Ich sterbe fast vor Hunger (woher kommen zum Teufel die Gerüchte, dass der Mensch 2 Wochen ohne Essen auskommt???). Unser Heißhunger auf leckere Croissants steigt ins Unermessliche, also weiter nach: Antxoritz. Aber auch da: derbe Enttäuschung! Die nächsten Dörfer Irotz, Zabaldika und Arleta sind ähnlich sparsam mit Geschäften ausgestattet, Essen gibts erst recht nicht. Mittlerweile hatten wir schon den Anspruch runtergeschraubt. Ein Supermarkt mit irgendetwas Popeligem zu Futtern hätte unlängst gereicht.

    Es ist 12 Uhr und wir sind seit fast 5 Stunden auf den Beinen ohne irgendwas gegessen zu haben. Ich mutiere gerade zu einem Zoombie! Jede Synapse meines Gehirns beschäftigt sich momentan mit dem Traum von Essen! Bis…



    Um 12:30 Uhr stehen wir dann endlich am Stadtrand von Pamplona. Genauer gesagt im Vorort Villava. Dieser Ort lässt schon von weitem eine Einwohnerzahl im vierstelligem Bereich erahnen. Unbewusst verdoppelt sich unsere Gehgeschwindigkeit im Bewusstsein, dass dem Körper gleich gigantische Mengen Energie in Form von leckeren Kohlenhydraten zugeführt wird.

    In dem nächstbestem Laden lassen wir all unseren Fressattacken freien Lauf. Bevor wir erneut für die letzten Meter unsere Rucksäcke satteln wird erstmal ausgiebig entspannt, wir sind bisher viel zu schnell unterwegs. Die Realität “garkein Essen -> schnell Gehen” ist paradox.

    Um 14:30 Uhr trudeln wir schließlich in die Herberge ein. Die nächste Nacht wird in der Casa Paderborn verbracht, eine private, von der Jakobusgesellschaft Paderborn betreute, Herberge.

    Diese Herberge ist das Paradies auf Erden! Es gibt schöne kleine Zimmer, die Matratzen haben eine gefühlte Dicke von etwa 50cm, es ist sehr gepflegt und meine Mutter freut sich besonders über den Fön im Badezimmer. Am Ende sind es noch drei weitere deutsche Mädels die bei uns mit auf dem Zimmer schlafen. Sehr nett das Ganze

    Nach einer ausgedehnten Pamplonatour und lecker Abendessen wird geschlafen! Ganz freiwillig, ganz entspannt, ganz toll!

    Geändert von entenpower (05.04.2011 um 19:26 Uhr)

  18. Fuchs
    Avatar von Atze1407
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    AW: [ES][FR] Camino de Santiago

    #18
    ...fein fein, wenn es doch bloß weiter geht und man das Ende erleben darf.

    Gruß
    Jürgen
    Wenn du den Charakter eines Menschen kennenlernen willst, gib ihm Macht.
    Abraham Lincoln

  19. AW: [ES][FR] Camino de Santiago

    #19
    8.Oktober 2009 – Tag 4: Immer der Muschel entlang

    Diese Herberge überrascht uns eigentlich immer wieder aufs neue. Neben dem gestrigen Begrüßungsorangensaft, dem vorinstallierten Fön im Bad, die kostenlose Wäscheschleuder und den gigantischen Betten, gibt es heute morgen ein echt exquisites Frühstück. Toastbrot mit Marmelade! Sowas edles ist uns auf dem gesamten weiteren Jakobsweg nicht mehr begegnet.



    In der Dämmerung verlassen wir die Herberge und somit auch Pamplona. Nachdem die Sonne aufgegangen ist, macht sich leider ein wettertechnisches Elend breit: in nördlicher Richtung sieht es ziemlich nach Gewitter aus. Noch weht bei uns kaum ein Windchen, hoffentlich ändert sich das nicht.



    Die Etappe führt heute zu dem wohl bekanntesten Pilgerdenkmal auf dem Jakobsweg. Es befindet sich auf einem kleinen Berg westlich von Pamplona inmitten von dutzenden Windrädern. Hier oben hat sich sogar ernsthaft jemand mit einem Getränkeverkaufsstand breit gemacht, aber derjenige Pilger der sich hier oben getraut hätte dort etwas zu kaufen hätte bei den Mitpilgern vermutlich ein dauerhaft schlechtes Bild eines Weicheis hinterlassen. ;) Wir trinken hier das Qualitätswasser aus dem Brunnen des letzten Dorfes. Immerhin haben die Spanier es mit einer gehörigen Portion Chlor versetzt - kein eintöniges neutrales Leitungswasser. Mjam mjam.




    Das Unwetter bleibt glücklicherweise konstant auf der rechten Seite, über uns sorgt lediglich die Sonne für brechende Hitze. Wir kommen an einem Schild vorbei „747km a Santiago“. Alles klar!

    Nach über 7h und 25km schweißtreibendem wandern verfallen wir langsam wieder in rein motorisch funktionierende Wesen die in etwa die Intelligenz einer Fledermaus aufweisen.



    Meine Mutter kommt an einem Cola-Automaten vorbei. Der sieht zwar etwas zerfleddert aus aber sie setzt voll aufs Ganze und wirft nen Euro rein. Ach huch, cool, da kommt ja ne kalte Cola raus, ist ja voll verwunderlich



    Diese wohl großartigste Aktion lässt unseren IQ direkt um grob 1000% steigern (und war definitv eines der absoluten Top 5 Highlights).

    Ich bin allerdings trotzdem noch so dumm und versuche aus der Kniebeuge heraus ein paar Fotos zu machen, definitiv ein Fehler. Das wieder Aufstehen bringt solche enormen schmerzen hervor, dass die letzten 2km echt zu einer Qual werden. Humpelnd durchkreuzen wir „Puente la Reina“ und folgen dem in meinem Unterkunftsverzeichnis als super tolle Luxus Herberge mit Schwimmbad angepriesenen Hinweis. Dafür müssen wir allerdings noch 400m bergauf laufen! Ich will gerade nicht mehr gehen, ich will sitzen.



    Die Herberge erweist sich dann leider auch nur als eher mittelmäßig. Draußen gibt es zwar einen Pool, der ist aber viel zu kalt und von innen bietet sie auch nicht mehr als Sporthallenatmosphäre. Allerdings sind wir nach diesem harten 27km langen Tag über jeden Ort froh, wo wir uns ausruhen können.


  20. AW: [ES][FR] Camino de Santiago

    #20
    9.Oktober 2009 – Tag 5: Wer ist der alte Mann?

    In dieser als supertolle “Luxusunterkunft mit Schwimmbad” angepriesenen Herberge gibt es immerhin Frühstück. Zwar kostet das nochmal extra und es ist auch nur abgepacktes Zwieback, aber so schaffen wir es noch vor 8 Uhr mit vollem Magen die Herberge zu verlassen.



    Nach und nach treffen wir altbekannte Gesichter wieder und irgendwann auch Herbert. Herbie sitzt mal wieder und macht Pause, diesmal aber sehr unfreiwillig, er hat sich seinen Fuß umgeknickt. Wir wollten eigentlich ein Taxi für Herbert rufen, aber mangels Spanischkenntnisse haben wir das bis zur Ankunft von Señor Gonzales aus Mexiko verschoben (kleiner Mann mit doppelt so großem Rucksack wie er selbst).

    Nach seiner Ankunft ist das Taxi nach Logroño schnell organisiert.

    Wie wir später erfuhren hat Herbert die Tour abgebrochen. Der umgeknickte Fuß zusammen mit den 30 Blasen aufgrund total ausgelatschter alter Schuhe haben ihm vermutlich den Spaß genommen.

    Am Tag zuvor hatte er uns noch erzählt, wie er überhaupt auf dem Jakobsweg gelandet ist. Bei ihm lief das etwa so ab: Montag Job gekündigt, Mittwoch Flug gebucht und Sonntag losgelaufen. War es vielleicht zu spontan um sich sowohl mental (!) als auch körperlich auf solch eine Tour einzustellen? Ich weiß es nicht.

    Heute ist der Tag, wo unsere Gedanken langsam anfangen etwas durch die Gegend zu schweifen. Wieviel Schritte machen wir wohl pro Tag? Empirisch gemessen und auf 25km hochgerechnet ergibt sich ein Wert von knapp 45000 Schritten täglich. Sollte man also tatsächlich vorhaben die Strecke von Saint-Jean-Pied-de-Port nach Santiago de Compostela zu laufen, so würde man über 1,3 Mio. Schritte zurücklegen. Da müssen unsere Schuhe ganz schön was aushalten.





    Irgendwann am frühen Nachmittag trudeln wir in der Herberge von Estella ein. Für 5,50Euro gibt es in diesem gut duftendem Domizil ein Bett und sogar Frühstück(!!!), klingt also wieder nach absoluten Luxus.

    Einen kleinen Nachteil hat diese Herberge aber dann doch. Es ist hier leider nicht möglich die Duschen abzuschließen. Die ein oder andere versehentliche Überraschung ist somit also vorprogrammiert (und fand statt )



    In dieser Unterkunft treffen wir einen älteren Mann aus England wieder, den wir bereits von unserer ersten Nacht in Saint-Jean-Pied-de-Port kennen.

    Wir teilen uns beim Abendessen einen Tisch. Er ist sehr an unserem Leben interessiert und wir erzählen viel, allerdings ist die Frage nach seinem Leben irgendwann obligatorisch. Was wir dann zu hören bekommen ist bedrückend und erschütternd zugleich.

    Was macht einen Menschen aus? Was ist ein Leben wert? Was folgt ist ein kleiner Ausschnitt aus seinem Leben.

    Geboren wurde er vor etwa 65 Jahren, ging dann zum Militär und wurde Berufssoldat. Wo er genau eingesetzt wurde verschweigt er uns. Der Sohn seines Bruders wurde nach seinem Vorbild ebenfalls Soldat und musste nach Afghanistan. Im Jahre 2003 verlor er jedoch bei einem von Al-Qaida durchgeführten Bombenanschlag beide Beine und wird deswegen sein Leben lang an einen Rollstuhl gefesselt sein.

    Ich glaube, dass der alte Mann sich dafür stark verantwortlich macht. Seine Reaktion auf den Anschlag war eine komplette Lebensumstellung. Er ist von der Stadt weg in ein kleines Dorf gezogen und hat dort einen Bücherladen eröffnet. Sein dortiges Leben würde ihm sehr viel Ausgleich zu seinem damaligen Leben bringen, allerdings scheint er selbst immer noch stark darunter zu leiden.

    Desweiteren hat er einen Sohn, den er für sein sehr einfaches Leben bewundert. Es liegt nicht daran, dass er kein Geld hat (immerhin promovierter Physiker), sondern an seiner Einstellung. Alles was er besitzt passt in einen Kleinwagen, mehr will er nicht haben. Wenn er in einem Restaurant war, dann gibt er überhaupt kein Trinkgeld, sondern spendet das Geld lieber an Bedürftige.

    Nach diesem Essen sind wir direkt schlafen gegangen. Die lückenhafte Darstellung seines Lebens lässt sehr viel Interpretationsspielraum und im Schlafsack kommen mir die abwegigsten Gedanken in den Sinn. Die entscheidende Frage ist doch schlussendlich: Fühlt er sich nur verantwortlich für den Unfall seines Neffen? Oder hat er anderen Menschen ähnliches angetan? Oder beides? Wer war dieser Mann?

    Nach diesem Treffen haben wir ihn den ganzen restlichen Jakobsweg nicht mehr wiedergesehen.


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