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  1. [IT] Höhenweg 2 von Brixen zur Marmolada

    #1
    Mitreisende: Perc
    Land: Italien
    Reisezeit: Sommer
    Region/Kontinent: Südeuropa

    Hallo Forum,

    weiter geht es mit der Verwertung eines weiteren alten Schätzchens von meinem Blog. An dieser Stelle warne ich noch einmal davor, dass der Beitrag sich ursprünglich an meinen weiteren Bekanntenkreis gerichtet hat und keine ausführliche Anleitung zum Nachlaufen darstellen soll.
    Fragen beantworte ich natürlich gerne.

    Dolomiten 2007 – Von Koffeinsucht und Murmeltieren. Heidenei!

    [Gekürzt: Uninteressanter Privatkram]

    Sonntag, 1.7.2007: Brixen – Plosehütte

    Heute Morgen, bzw. Mitten-In-Der-Nacht, haben wir uns dann schlaftrunken zum Münchener Ostbahnhof geschleppt und uns in die S-Bahn zum Hauptbahnhof gesetzt. Unser Zug nach Bozen in Norditalien machte seinen ersten Stop übrigens an einem irgendwie vertrauten Ort – dem Münchener Ostbahnhof. Vroni und ich waren zuerst ein wenig motzig, da diese Fahrt im Kreis uns wichtige Minuten unseres Schönheitsschlafes gekostet hatte. Aber wie könnte man Anne böse sein, die für uns ein ganzes Frühstück nebst frisch gepresstem O-Saft aus ihrer Plastiktüte zauberte? Vielen Dank dafür nochmal.

    Unser Abteil wurde anschließend von einem Trio Pensionäre gekapert, die gerade DAS größte Abenteuer seit dem zweiten Weltkrieg hinter sich gebracht hatten: Ihr Zubringerzug hatte 45 Minuten Verspätung! Wahnsinn!!! Anfänglich klang es noch so, als hätten die Herrschaften sich gerade im letzten Moment mit steifen Gichtkrallen in den gerade abfahrenden Zug einhaken können. Kaum hatte sich der kollektive Adrenalinschub verflüchtigt, relativierte sich die eh nur mäßig spannende Geschichte noch mehr. Angeregt durch das Unterhaltungsprogramm schliefen wir ein. (So konnte ich auch meinem Gegenüber entgehen, der eifrig Blickkontakt suchte, um mich Jungspund mit seinen Lebensweisheiten zu beglücken. Ich sah das Feuer in seinen Augen.)



    Die Fahrt durch die Alpen kann ich für bahnbegeistertes Volk empfehlen. Für so eine Panoramazugfahrt bekommt man andernorts viel Geld abgenommen.

    Ein wenig später:

    Die Dolomiten – das ist das schroffe Gesicht der südlichen Alpen. Mehrere Bergketten, zerküftet aufragende Felsspitzen, endlose Schotterhänge. Hier ist es weniger grün als noch ein paar Kilometer weiter nördlich. Momentan sitzen wir auf der Grenzen zwischen grün und grau, sanft und schroff, auf einer bewirtschafteten Hütte auf 2447m. Fast wäre der Aufstieg von 1,5h auf über 5h verlängert worden, denn eine Seilbahn die wir nehmen wollten, war geschlossen. Nach mehr als 6h Anreise startet man solch ein Vorhaben nicht mehr um ein Uhr Nachmittags. Durch eine unruhige Nacht hing ich eh schon in den Seilen.



    Anne ließ jedoch mit der Routine, die man von ihr gewohnt ist, ihren Charme beim Busfahrer spielen, der uns zu einem anderen Startpunkt mitnahm. Der Weg heraus aus der Zivilisation war dann auch … zivilisiert. Ich habe nicht nachgezählt, bin mir aber ziemlich sicher, dass es hier oben mehr Skilifte als Bäume gibt. Was es auf jeden Fall auch noch gibt, ist ganz ungewohnter Luxus. Eine heiße Dusche statt Kuhtränke im Freien und eine richtige Mahlzeit statt dehydrierter Tütennudeln vom Gaskocher haben schon was für sich. Essen ist für mich heute eh so ein Thema: Ich habe für zwei Dennisse gefressen (das einzig passende Verb für den Vorgang) und habe immer noch ein Gefühl von leerem Magen.



    Wir hoffen auf weiterhin gutes Wetter. Immerhin war die Schneefallgrenze vor einigen Tagen noch exakt auf unserer Höhe. Und das merkt man auch deutlich daran, dass es recht frisch ist.

    Jeden, der mal mit der Anne verreisen sollte, kann ich übrigens nur vor ihrem Umgang mit Geld warnen: Wir hatten kaum für die Reisekasse zusammengelegt, da verteilte sie unsere Geldbündel schon mit nervös zitternden Händen auf dem Bahnhofsvorplatz. Zum Glück war es nicht zu windig. Und die Frau fliegt Verkehrsflugzeuge

    Montag, 2.7.2007: Plosehütte – Schlüterhütte

    Eine weitere Nacht voller höchst eigenartiger Träume liegt hinter mir. Eigentlich sollte man meinen, ich hätte mich langsam mal dran gewöhnt.

    Aus eben Jenen schreckte der Wecker mich jedenfalls um sieben Uhr hoch.Draußen hämmerte, wie schon die ganze Nacht, der Regen aufs Dach. Da die heutige Etappe nicht so lang werden würde und unsere Betten sich durch eine ebenso trockene wie warme Beschaffenheit auszeichneten, schleppten wir uns erst eine Stunde später zum Frühstück. Das ist das Material, aus dem Champions gemacht werden!



    Kurz darauf waren wir mit sichtbar unterschiedlicher Bekleidungsstrategie fix wieder im Tal. Auf dem Weg lernten wir, Annes folgendermaßen eingeleiteten Aussagen keinerlei Glauben zu schenken: “An der nächsten Abzweigung geht es auf JEDEN FALL …”.

    Irgendwann waren wir trotzdem auf auf der anderen Straßenseite und durften postwendend die gerade nach unten getrapperten 600 Höhenmeter (HM) sofort wieder aufbauen. Die landschaftlich schöne Strecke führte uns über einen kargen Dolomitensattel zwischen zwei Gipfeln hindurch.



    Ich werde wohl niemals aufhören, mich über Menschen zu wundern, die einzig und alleine zum Zwecke des Selbstmordes in die Berge gehen. Während von unserer Gruppe jeder gut und gerne 13kg Ausrüstung mit sich schleppte, teilte eine italienische Familie mit Kindern im Vorschulalter sich einen Tagesrucksack; ein ziemlicher kleiner Rucksack zudem. Wir befanden uns zu dem Zeitpunkt schon über der Baumgrenze und das Wetter war bestenfalls mäßig . Ohne vernünftige Kleidung kann man in den Bergen bei einem Wettersturz innerhalb einer Stunde ziemlich tot sein. Versteh einer die Leute …





    In die Hütte konnten wir uns (fast) trocken retten, denn Hagel und Regen holten uns auf den letzten Metern noch ein. Eigentlich erstaunlich, denn den ganzen Tag lang schoben sich recht beeindruckende Wolkenberge über unsere weisen Häupter.

    Dass das Universum einen recht eigensinnigen Humor hat, stellte es in der Hütte unter Beweis. Dort überließ uns ein wie ein Kanarienvogel gekleideter Mann seinen Tisch. Er redete, als sei er Strombergs Vater. Ich mochte ihn schon nach drei Picosekunden nicht. Zum Glück räumte er mit seiner bedauernswerten Frau schnell das Feld.

    Am späten Abend konnten wir dann noch ein paar tolle Fotos machen. Zum Glück ohne Kanarienvogelmänner im Bild.







    Dienstag, 3.7.2007: Schlüterhütte – Puezhütte

    Was habe ich sie vermisst, die Nächte im Schlafsaal. Nie werde ich aufhören, mich über die Geräusche zu wundern, die manche Menschen im Schlaf abzusondern in der Lage sind. Beim Frühstück wunderten wir uns über den strahlend blauen Himmel, konnten wir am Vorabend doch teilweise keine zehn Meter aus den Fenstern schauen. Leider zog es sich eben so schnell wieder zu. Das Wetter hier oben sollte man genießen – es dauert manchmal nur Minuten.







    In den nächsten sechs Stunden kletterten wir durch gröbstes Gelände, das fast nur noch aus lockerem Geröll bestand. Die arme Anne fiel allerdings direkt zu Beginn negativ auf. Völlig sinnloserweise war eine Wieso, die uns einige Umwege erspart hätte, mit einem elektrischen Weidezaun und dem Schild “GESCHLO” gesperrt. Als Anne unter Einsatz ihres Lebens aufgeklärt hatte, dass der Zaun keinen Strom führte, überlegten wir, ob wir den Hinweis ignorieren und die Faulheit über die Rechtschaffenheit siegen lassen sollten. Da es den Begriff “GESCHLO” in meinem Wortschaft nicht gibt, plädierte ich leidenschaftlich für ein Aufbegehren gegen die Obrigkeit und spannte Anne für mein Vorhaben ein. Um nicht zu sagen: Schickte sie vor. Das ist Emanzipation in Aktion.







    Doch wir hatten die ausgefeilte Technologie der Touristenabwehrsperre unterschätzt. Gerade, als Anne einen Fuß in Feindesland gesetzt hatte, stürmte eine junge Frau aus einer nahegelegenen Hütte und wedelte wild mit den Armen. Aufgrund der Vehemenz dieser Geste hätte es auch genau so gut ein Knüppel sein können. Leider mussten wir dann an eben jener Hütte vorbei und bekamen eine – wenn auch sehr freundliche – Standpauke. Obwohl wir erfuhren, dass Anne durch ihr verabscheuungswürdiges Rebellentum fast eine ganze Kolonie armer, unschuldiger, fluffiger kleiner Murmeltiere ausgerottet hätte, und dazu noch einige ergänzende Erläuterungen hörten, floh ich nach einer Minute vom Tatort. Moralpredigten – und seien sie noch so gerechtfertigt – kann ich mir einfach nicht länger als einige Minuten anhören. Das ist eine meiner vielen Charakterschwächen – neben der Anstiftung zum Landfriedensbruch.







    Nach dem Murmeltierskandal veränderte die Landschaft sich ziemlich abrupt und war mehr nach Annes und meinem Geschmack: Die wischiwaschisanften Wiesen mit blöden Kühen, tausend Hütten und noch mehr Wegen und Skiliften wichen richtigen Männerbergen. Grobe Steilwände, Geröll wohin man schaut und die völlige Abwesenheit von Zivilisation verliehen dem neuen Wegabschnitt seinen Charakter. Der Weg dorthin war allerdings hart erkämpft. Mehr als einmal dachten Vroni und meiner einer uns “DA soll ICH hoch?”. Aber Anne sprach uns Mut zu, sie hatte den Weg vor einigen Jahren schon einmal bewältigt. Der härteste Teil bestand aus einem Klettersteig von 70 Metern Höhe, in die die Gruppe unmittelbar vor uns freundlicherweise angeseilt stieg. Das steigerte mein durch Höhenangst und Knieprobleme arg angeknabbertes Selbstvertrauen nicht gerade. Die ersten zehn Meter waren dann auch die schlimmsten, danach wurde es ein wenig leichter. Trotzdem gab es mehr als nur eine Stelle, an der es einen Fuß breit zur Seite dutzende Meter senkrecht per Express Richtung Schwerkraft ging.

    Als wir dann endlich heile oben angekommen waren, bestiegen wir, von Euphorie beflügelt, noch fix den Gipfel des 2909m hohen Piz Duleda. Vroni und ich ließen dazu allerdings unsere Rucksäcke zurück, während Anne uns lieber zeigte, was für eine harte Sau sie ist.









    Der Rest des Weges war ein gemütlicher Abstieg durch Geröllfelder zur nahen Puezhütte. Durch ihre Abgeschiedenheit sind hier angenehmerweise nur andere Höhenwegwanderer unterwegs. Denn einen einfach Weg hier hinauf, um sich mal eben Kaffee und Kuchen zu kredenzen, gibt es zum Glück nicht. Ich freue mich nun auf eine weitere schlaflose Nacht im 12er Schlafsaal.







    Damit hier kein falscher Eindruck entsteht: Die Tour ist wirklich toll, meine Beine haben sich langsam wieder an die Belastung gewöhnt und meine wahrhaft fabelhaften Begleiterinnen und ich sind bisher nicht einmal ernsthaft naß geworden, obwohl der Wetterbericht doch Anderes versprach.









    Mittwoch, 4.7.2007: Puezhütte – Pisciaduhütte

    Unsere wettertechnische Glückssträhne ist heute leider abgerissen und in der ersten Stunde durften wir bei Suppenküchensicht und hartnäckigem Nieselregen über einen Bergrücken tappern. Irgendwann klarte es aber zum Glück leicht auf und wir konnten uns auf den Weg hinunter zum Grödnerjoch, kniemordende 400HM abwärts, wenigstens ein paar Blicke auf die Landschaft gönnen.







    Wild aufragende Zacken und Zinnen gaben der von Nebelschwaden durchzogenen Landschaft ein gespenstisches Antlitz. Da wir nach dieser gruseligen Erfahrung, und damit meine ich neben der Landschaft auch Annes Jodelversuche, noch jede Menge Zeit hatten, kehrten wir in einer Gastwirtschaft ein und ließen es uns gut gehen. Später sollte sich herausstellen, dass es eine böse Entscheidung war, so lange faul herumzuhängen.

    War während der Zeit in Jimmy’s Hütte das Wetter noch so schön, dass uns gelegentlich die Sellagruppe mit ihren bedrohlichen Sägezähnen beeindruckte, so schlug das Wetter um, als wir gerade den nächsten Wegabschnitt auf dem Pass betraten.



    Weg Nummer 666. Nomen est omen.



    Keine fünf Minuten waren wir unterwegs, als ein Gewitter um den nächsten Hang trieb und uns peitschenden Hagel und Windböen ins Gesicht schlug. Nicht sehr angenehm, wie man den Fotos vielleicht entnehmen kann.





    Wir gingen unter ziemlich üblen Konditionen weiter bis zu einer Schlucht, in der wir ein wenig geschützter waren. Knappe einhundert Meter breit und eben so hoch, fast 45° Gefälle und Regen, der langsam zu Schneefall wechselte. Es ist Anfang Juli und wir sind knapp über 2000 Metern Höhe. Das ist einer dieser angedrohten Wetterumschwünge, die schlecht ausgerüstete Familien mit kleinen Kindern fressen.



    Da das Gewitter langsam wieder abzog (VERDAMMT LAUT IN DEN BERGEN), kämpften wir uns langsam über loses Geröll die Schlucht, die in unserem Wanderbuch für ihre “beklemmende Wildheit” gepriesen wurde, hinauf. Am befremdlichsten waren für mich hier oben die Kontraste. Wir standen als Spielball des Wetters in einer lebensfeindlichen Umgebung und konnten doch auf die grünen Wiesen des Passes und die Straße, die ihn gezähmt hatte, zurückschauen. Es waren zwei Welten auf gerade einmal zwei Kilometern.







    Zwar hätten wir gerne besseres Wetter gehabt, aber dennoch waren die heutigen Umstände das Ausrufezeichen hinter dieser unvergesslichen Erinnerung an einen (immer noch kleinen) Ausschnitt der Naturgewalten. Gekrönt wurde Sie auf dem letzten Stück noch durch einen Klettersteig, den wir uns teils auf allen Vieren und teils an ein Stahlseil geklammert, hinaufzogen. Unser Tagesziel, die Pisciaduhütte, begrüßte uns unmittelbar nach dem Klettersteig in einer bizarren Winderlandschaft aus frisch gefallenem Schnee, eingerahmt von abgeflachten Zinnen, die ich hier mal in Ermangelung einer besseren Beschreibung Tafelberge nennen möchte. Zur Belohnung für unsere Mühen klärten sich die Wolken so weit, dass wir einen kurzen Blick auf die umliegenden Bergketten, gepudert mit einer frischen Schneeschicht, geschenkt bekamen.











    Wir waren seelig und können jetzt nur hoffen, dass die Fotos später einen kleinen Ausschnitt des sagenhaften Eindrucks wiedergeben können, den wir heute erhalten haben.









    Donnerstag, 5.7.2007: Pisciaduhütte – Rifugio Viel del Pan

    An einem wunderschönen, klaren Morgen spuckte uns die Pisciaduhütte wieder in die Fänge von Weg 666. Klare Morgende haben in den Bergen leider die Angewohnheit kalt zu sein. Sehr kalt. Zu Beginn unseres Trips hätte ich nicht mit solch harten klimatischen Bedingungen gerechnet. Zwar weiß man, dass es einen in den Bergen jederzeit wettertechnisch erwischen kann, man rechnet jedoch nicht damit. Bevor wir uns warmgelaufen hatten, bibberten wir uns dick bekleidet den Weg auf ein Hochplateau hinauf. Und uiiiiii haben wir uns gefreut, als wir einen echten Eiszapfen gesehen haben. Da wußten wir noch nicht, welche Eislandschaften die nächsten zwei Stunden für uns bereithalten würden.







    Der Morgen jedenfalls war wunderschön. Zum ersten Mal hatten wir ein 360° Panorama auf alle Bergketten der Dolomiten, bis hin zu den Ötztaler Alpen. Die frische Schneeschicht und ein paar einsame Nebelschwaden in den Tälern verliehen der Szenerie eine zusätzliche Portion Drama. Sie waren die Preiselbeeren auf dem Kaiserschmarren dieses Morgens.













    Doch dann fing es an.

    Innerhalb einer halben Stunde zog sich der Himmel zu, beendete sein stahlblaues Gastspiel und tauchte das Bühnenbild in Weiß. Der Schnee für sich genommen war noch harmlos, aber der Frost hatte sich auf der nun folgenden Wegstrecke über Nacht so richtig austoben können. Die Steine waren teils mit einem gut fünf Zentimeter dicken Eispanzer überzogen, auf manchen Pfützen hätte man Schlittschuh laufen können und viele Steilhänge waren zu einem einzigen Eiszapfen kristallisiert. Die bizarr schöne Eislandschaft hatte uns in ihren gefährlichen Fängen. Wer schon einem im Eisstadion war, stelle sich statt der Banden einen 50 Meter tiefen Abgrund vor, während die Bahn selbst nur 50cm breit ist. Ein Heidenspaß. Hätte ich mir doch nur die Steigeisen mitgenommen, die Thorsten fälschlicherweise geliefert bekommen hat. Ich hätte sie brauchen können.







    Leider konnten wir den 3150m hohen Piz Boé nicht besteigen. Zur Spiegelglätte des Weges kamen fünfminütlich wechselnde Wetterbedingungen hinzu und beides zusammen machte den Aufstieg für uns zu riskant. Somit werden wir die Dreitausendmetermarke ganz knapp nicht knacken können. Schade.







    Zwischen der unterhalb des Piz Boé gelegenen Boéhütte und der eine Stunde entfernten Pordoihütte (unser ursprüngliches Tagesziel), trafen wir kurz darauf auf nicht abreißen wollende Menschenströme. Zuvor waren wir mit nicht einmal zehn Leuten gelaufen. Des Rätsels Lösung für diesen Ausbruch von Disneyland: Seit Annes letztem Abstecher in die Gegend ist eben jene Pordoihütte nebst riesiger Seilbahn erreichtet worden, die wahre Massen von Tageswanderern in diese unwirtliche Region hinaufschleppt. Ganz Schulklassen tapperten uns bei eisem Wind und Schneefall mit Pullovern bekleidet auf eisüberzogenen Wegen entgegen. Das Lehrpersonal in Italien muss Nerven wie Stahlseile haben, immerhin reichte hier eine kurze Unaufmerksamkeit, um in die ziemlich kalten, ewigen Jagdgründe einzugehen. Aber das Thema hatten wir ja schon …



    An der Pordiohütte herrschte dann Betrieb wie im Phantasialand während der Schulferien an einem Samstag. Wir sahen uns genötigt die Flucht zu ergreifen. Da unsere mittlerweile arg strapazierten Knie ihr Veto gegen einen extrem steilen und darüber hinaus hässlichen Abstieg durch nicht enden wollende Schotterserpentinen einlegten, namen wir kurzerhand die Seilbahn und standen zehn Minuten später passend für den Nordpol gekleidet in einem von Touristenbussen verseuchten, sommerlich warmen Ort. Wir müssen ausgesehen haben wie Astronauten im Einkaufszentrum.



    Der Ort gefiel uns so gut, dass wir uns sogar das Pinkeln verkniffen und so schnell wie möglich wieder Höhe gewannen. Am Ende des Tages hatten wir dann ein gutes Drittel unserer letzten Etappe zum krönenden Abschluß unserer Tour geschafft: Dem Marmoladagletscher.

    Den Tag lassen wir gerade in einem neu erbauten Rifugio ausklingen, in dem eine kauzige, aber nette Mamma ihr eisernes Regime führt. Ihre Jungs hat sie jedenfalls im Griff.

    Alles in allem war es ein sehr schöner Tag – zwar ohne Bilderbuchwetter, aber dafür mit beeindruckenden Naturgewalten.

    Freitag, 6.7.2007: Rifugio Viel del Pan – Rifugio Pian dei Fiacconi

    Die Hütte von gestern ist nicht all zu weit weg in Sicht unseres letzten Rifugios, in dem wir gerade sitzen. Knappe vier Stunden hat es gedauert, bis wir den unteren Rand des “Ghiacciaio della Marmolada” erreicht haben. Eigentlich hätte das ein Eckchen schneller gehen sollen, aber wir waren alle drei in einem persönlichen Motivationstief angekommen. Denn die eigentlich wunderschöne Landschaft wird wieder durch die Spuren, die der Tourismus hinterlassen hat, verschandelt. Überall sieht man Sessellifte, Souvenirbuden und jede Menge Leute, die sich aus eigener Kraft nicht hier hinaufschleppen könnten. Wenn sie es denn überhaupt wollten. Man möge mir meinen Hochmut verzeihen, aber für mich ist es Belohnung für eine erbrachte Leistung, hier oben zu sein. Eine Wanderung in den Bergen führt mir die eigenen Zerbrechlichkeit vor Augen, eine Erfahrung, die durch Touristenströme völlig entwertet wird. Es tut mir fast körperlich weh, diese eindrucksvolle Landschaft vom Skitourismus so beeinträchtigt zu sehen. Der Boden ist überall erodiert nebst der schon zuvor erwähnten Faktoren. Aber wir sind halt mitten in Europa und nicht in Sibirien, das darf man nicht vergessen. Sonst hätte ich nicht jeden Abend was Warmes auf dem Teller gehabt. Wer die Ambivalenz findet, darf sie behalten.







    Zuvor kletterten wir, in besagtem Motivationstief und den Erinnerungen der letzten zwei Tage schwelgend, einen grünen Hang hinunter, eilten durch einen völlig überlaufenen Ort (es ist ein Schock, den ganzen Tag alleine zu sein und dann in solch ein Gewusel zu geraten) und kletterten auf der anderen Seite des Tales einen grauen Hang wieder hinauf zum Fuß des Gletschers. Hier ist das Ende unseres gemeinsamen Weges durch die Dolomiten. Wir haben etwas mehr als ein Drittel des insgesamt 185km langen Höhenweges 2 hinter uns gebracht. Gemeinsam haben wir geschwitzt und gefroren, gehungert und geschlemmt, gelacht und gelegentlich auch ein wenig gelitten. Es ist sicher nicht all zu weit hergeholt, wenn ich behaupte, dass Sonne und Eis uns einandern ein wenig näher gebracht haben. Für mich ist es immer wieder schön, in unserer übertechnologisierten und entfremdeten Welt etwas so ursprüngliches wie unseren Weg durch die Berge zu erleben. Das Leben reduziert sich plötzlich auf Essen, Schlafen, Laufen und die Gesellschaft eines sehr ausgewählten, kleinen Kreises von Menschen. Ich bin froh, dass ich diese Woche mit Anne und Vroni teilen durfte.







    Die Rückfahrt vom Marmolada Gletscher war eine recht langwierige und kraftraubende Aktion. Früh morgens fuhren wir mit einer Stehgondel – so einer Art Sesselbahn ohne Sessel – hinunter ins noch schlafende Tal und warteten auf den Bus. Das Warten war auch zugleich unsere Hauptbeschäftigung des Tages. Wir warteten hier, wir warteten dort. Der ÖPNV in der Region ist nicht unbedingt so dicht wie in der Kölner Innenstadt. Irgendwann waren wir dann aber doch zurück in München und Anne hat uns am nächsten Tag noch eine Stadtrundfahrt mit auf den Weg gegeben.







    [Gekürzt: Uninteressanter Privatkram]







    Fin!
    Geändert von Perc (29.01.2012 um 23:37 Uhr)

  2. Erfahren

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    AW: [IT] Höhenweg 2 von Brixen zur Marmolada

    #2
    Sehr schöner und informativer Bericht und gute Mischung zwischen Text und Bildpassagen. Danke für die Bemühungen!

  3. Erfahren
    Avatar von schoguen
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    25.02.2005
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    Elversberg / Saarland
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    349

    AW: [IT] Höhenweg 2 von Brixen zur Marmolada

    #3
    Hi,

    Ein schöner Bericht.

    Und das mit den Seilbahnen und der Verschandelung der Berge ist auch Schade. Aber andererseits profitieren wir als Bergwanderer auch davon.

    Grüße
    Günther

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