Bin im Archiv auf folgende Zeile / Gedanken einer Wanderung gestoßen. Uuund nach dem wir des öfteren auch auf Reiseberichte hier im Forum stoßen, dachte ich mir ich hänge sie einfach mal hnten ran... *g*


Der Regen prasselt lautstark gegen das Schlafzimmerfenster. Es ist dreiuhrfünfundvierzig, der Wecker klingelt schonungslos an diesem Freitagmorgen. Es ist nicht irgendein Freitagmorgen. Alle Hoffnungen konzentrieren sich auf Sterzing an der Brennersüdseite. Gegen 6:30 kommt die Erlösung, eben kurz vor Sterzing. Auf Höhe der Mautstation hat der Wettergott ein erbarmen. Der Himmel reißt auf und zeigt sich mit seinem herrlichen sommerlichen Blau. Der Berufsverkehr um Bozen ist nicht zu vergleichen mit dem all morgendlichem Drama auf der A8 zwischen Augsburg und München. Kurz danach verlasse ich die Autostrada bei Mezzoccorona und folge den Ortsangaben nach Madonna di Campiglio.

Der Wettergott ist sich allerdings noch nicht so sicher, was er will. Durch die dichten Wolkenfelder luggen immer wieder die schroffen Felswände der Gruppo di Brenta, wenn es nicht gerade in strömen regnet. Am Parkplatz angekommen, ist keine Wetterbesserung in Sicht. In Anbetracht der nächsten Tage und damit verbundenen Höhenmeter, gönne ich mir die ersten Meter mit der Cabinovia Groste. Letztendlich setzt sich mein innerer Schweinehund allerdings nicht durch, so das ich von der Mittelstation aus, die letzten Höhenmeter über die Stazione Groste bis zum Groste auf 2504m zu Fuß zurück lege. Der Regen hat sich mittlerweile verzogen, geblieben ist ein frischer böiger Wind.

Nach dem ersten Quasi-Gipfelsturm an der Stazione Groste angelangt, krame ich meine Jacke aus meinem Rucksack und nehme einen großen Schluck aus meinem Platypus. Ein kurzer Blick auf die Karte, schon geht es weiter auf dem 316’er zum Rifugio Tuckett e Sella. Die vorüberziehenden Wolken eröffnen neue Einblicke in die zerklüfteten Felsstrukturen. Grobe rissige Steinformationen annähernd einem versteinerten Ferner, durchzogen von Dolinen. Kinderstimmen durchdringen die Wolken. Zwei Jungs toben über eine kleine Erhebung. Die ermahnenden Stimmen der Eltern versuchen sie in Sichtkontakt zu halten. Ein erfolgloses Unterfangen, die beiden toben ungebremst weiter. Einige Meter weiter, verstummen die Stimmen der vier wieder. Ich genieße die bizarren Fels- und Gesteinsformationen. Gegen Mittag reißt es auf und das Rifugio Tuckett e Sella ist fast schon zum greifen nah.
Aus der kurzen Rast auf dem Plateau, wird ungewollt eine anderthalbstündige Pause. Fröstelnd gehe ich immer wieder hinaus um mich zu vergewissern, dass an ein weitergehen in der nächsten Zeit nicht zu denken ist. Dichte dunkle Wolken aus dem Westen kommend wollen nichts gutes verheißen. Der Blick über den Vedretta di Brenta inferiore hinauf zur Bocca del Tuckett, sieht gerade zu bedrohlich aus. Aber, der italienische Wettergott hat ein einsehen mit uns Bergpilgern. Die Wolkenfront zieht unverrichteter Dinge weiter. Schnell schultere ich meinen Rucksack und breche in Richtung Rifugio Brentei meinem heutigen Tagesziel auf. Die ersten Meter verlaufen auf dem gemeinsamen Weg. Ganz gleich ob es über die Bocca del Tuckett zum Sent. Orsi, oder zum Sent. Brentei, oder eben zum Sent. SOSAT geht. Ich folge nach gut 50 Höhenmetern der Wegmarkierung 305 Richtung Rifugio Brentei. Kurz nach der Abzweigung, stoße ich auf eine in die Felswand eingelassene Bronzetafel. Sie weißt auf den bevorstehenden Klettersteig hin. Der weitere Wegverlauf zeigt allerdings noch keine Sicherungsmöglichkeiten auf, und so verzichte ich vorerst auf das Anlegen meines Gurtzeug's. Der Sent. SOSAT führt über terrassenähnlichen Fels- und Schutthängen. Haushohe Felsbrocken liegen dicht aneinander gedrängt, teils gestapelt, kreuz und quer. Über mir sehe ich oftmals die glatten Flächen von den sich der eine oder andere Gigant gelöst hat. Ein beeindruckender Anblick, den ich so noch nirgends gesehen habe. Ich bin mutterseelenallein unterwegs. Weder das mir jemand entgegen kommt, noch das mich jemand überholt. Gelegentlich stoße ich auf eine Wegmarkierung, sie verrät mir das ich noch auf der richtigen Spur bin. Die terrassenähnlichen Passagen werden schmäler und ähneln jetzt doch eher den aus dieser Gegend bekannten Felsbändern. Kurz darauf folgen die ersten Leitern mit tiefem Ausblick. Die Ausblicke überzeugen mich und ich hole mein Gurtzeug aus dem Rucksack. Stellenweise sind die Bänder so niedrig, daß ich auf allen Vieren krabble. Anfangs noch in der Hocke, doch die Teleskopestöcke stoßen am Felsdach an. Also runter auf die Knie. Nach dem überdachten Bandabschnitt geht es auf einem Traumpfad zwischen steiler Felswand zur Linken, und dem tiefen Abgrund zur rechten in Richtung Unterkunft weiter. An einer Weggabelung überlege ich noch kurz, mir gut 350 bis 400 Höhenmeter zu ersparen. Ich könnte jetzt gleich zum Rifugio Alimonta gehen. Einfach nur gerade aus, anstatt rechts abbiegen. Das würde aber auch heißen, ich verzichte am nächsten Morgen auf einen der schönsten Wegabschnitte für welche die Brenta so bekannt ist. Also folge ich dem Weg wie geplant zum Rifugio Brentei. Der Wettergott scheint nach wie vor noch zu experimentieren. In Windeseile zieht eine unbeschreibliche Wolkenfront auf. Ich ärgere mich über meine Bequemlichkeit, lediglich die kleine Kompaktkamera anstelle der Spiegelreflexkamera mitgenommen zu haben. Die Dia’s überraschen mich im nachhinein. So falsch war die Entscheidung in Anbetracht des Gewichts gar nicht. Auf den letzten Metern bergab zum Rifugio, stapft mir eine Vierergruppe entgegen. Während mich die drei Herren der Schöpfung mit einem kurzen ausdruckslosen "Hallo" grüßen, strahlt mich ein warmes lächeln aus einer kuschelig warm verpackten Gore-Jacke an. So sind sie halt die Mädl’s. Aber warum bitte gleich mit drei "Begleitern"…? An der Hütte angelangt, packe ich meine Ausrüstung ins mir zugewiesene Quartier. Kurze Wäsche, Abendbrot, ein bißchen lesen. Schließlich treibt mich das nahende Gewitter ins Bett. Aus dem kleinen Fenster beobachte ich das Spektakel. Der Himmel färbt sich orange, kurz darauf regnet es wie aus Kübeln. Blitze zucken durch den mittlerweile nächtlichen Himmel. Der Donner anfangs noch ohrenbetäubend, verhallt langsam während ich mich in tiefe Träume wiege.

Gegen halb sieben zerrt mich das ungemütliche Gepiepse meines Handys aus dem Halbschlaf. Das Frühstück ist umfangreich, immerhin gibt es drei Brötchen pro Portion. Draußen ist es noch recht frisch, starte ich heute doch auf 2182m. Vorbei an der kleinen nach zwei seiten offene Kapelle, arbeite ich mich rasch auf dem Sent. die Brentei zur Bocca d. Brentei hoch. Gerade mal 318 Höhenmeter, ich komme kaum noch mit dem Schnaufen nach. Versuche im Schnee zu fotografieren. Verwackelt – nächster Versuch. Die später entwickelten Dias beweisen es dennoch – wie vermutet sind sie verwackelt. Unterdessen schießen zwei Italiener an mir vorbei. Die Jungs sind richtig flott unterwegs. Bin ich froh das ich gerade fotografiere.

Im Schneefeld ca. 40 Meter unterhalb der Bocca die Brentei zweigt links der 305 zum Hauptweg durch das Brenta-Massiv ab. Bevor es jedoch über die ersten fast senkrechten Höhenmeter auf das Band geht, heißt es Gurtzeug und Helm anlegen. Die Sonne steigt langsam zwischen den senkrecht abfallenden Felswänden durch. Wie schwer sie sich jedoch in diesen teils canyonähnlichen Formationen tut, zeigen die zahlreichen Schneefelder. Die Aussicht ist atemberaubend. Leitern, Felsbänder sowie leichte Kletterei wechseln sich auf den ersten Metern des Klettersteigs ab. Wieder blicke ich auf Motive, die ich nur allzu oft in den Tourenkatalogen der verschiedenen Trekkinganbieter bestaunt habe. Heute darf ich hier meinen Haxen freien lauf lassen. Nach der kommenden Abzweigung stockt mir der Atem. Steil, steinhart, keine vernünftige Spur. Ein Schneefeld, auf der Ostseite der Bocchetta die Sfulmini alta. Zu allem Überdruß hängt das Stahlseil gut einen Meter über meinen Kopf. Ich schaue mich suchend nach einer weiteren Sicherungsmöglichkeit. Finde Sie auch, zu mindest was von ihr übrig geblieben ist. Die Reste der alten Seile schauen aus dem Schnee heraus. Also muß ich auf die luftige Variante zurückgreifen. Konzentriert setzte ich einen Fuß vor den anderen. Zehn – fünfzehn – zwanzig Meter, geschafft. Ich greife nach der Leiter, klinke mich am Sicherungsseil aus und setzte die Karabiner einen nach dem anderen in die Führungsleine der Leiter. Leiter eins, Leiter zwei – Gegenverkehr. Gut fünfzehn Meter über dem Schneefeld mit festem Boden unter den Füßen, betrachte ich noch mal die Passage. Aus meiner Sicht die Schlüsselstelle der gesamten Tour. Weiter geht es tief gebückt damit die Stöcke nicht am Felsdach anstoßen und mich aus dem Gleichgewicht bringen. Mittlerweile geht auf die Mittagszeit zu. Auf den letzten Metern vor dem Abstieg zur Bocca d. Armi kommt mir das nette Lächeln mit Ihren drei Begleitern entgegen. Allerdings haben alle vier heute eine recht ernste Miene auf. Das Band auf welchem wir uns in zwei Wegrichtungen arrangieren müssen ist nicht allzu breit. Unsere Rucksäcke machen es uns mit Sicherheit nicht einfacher.

Vom Wind getrieben sehe ich zu, dass ich aus der Frostzone heraus in die Sonne komme. Auf den Leitern vorbei an der Cima Molveno, bis zur Cima die Massodi die ganze 3004 Meter mißt, gilt es noch gerade mal Fußbreite Bänder zwischen den Leitern zu queren. Mit freiem Blick auf den Vedretta die Brentei gut 200 Höhenmeter unter meinen Füssen. Seit Jahren bin ich jetzt schon draussen unterwegs. Doch erst heute schaffe ich es aus eigener Kraft auf über 3000 Meter Meereshöhe zu kommen. Läßt man mal die Gletscherskigebiete außen vor. Es ist eine erhebendes Gefühl. Auf der Cima die Massodi, gönne ich mir eine ausgiebige Verschnaufpause. Der Blick reicht über den Monte Stivo zum Monte Altissimo dem Monte Baldo bis auf den Lago di Garda. Keine einzige Wolke trübt den tiefblauen Himmel.

Weiter in Richtung Cima Brenta, über einen kleinen Grat. Herrlich mit der Sonne im Rücken. Am Aufstieg zur Cima Brenta treffe ich zwei Engländer. Kurzer small talk. Soll ich oder lieber nicht? Der Aufstieg zum gleichnamigen Gipfel der Gebirgsgruppe hat es in sich. Alle Gruppen die mir entgegenkommen, haben neben dem Seil auch Steigeisen und Eisschrauben auf bzw. an ihren Rucksäcken. Ich entschließe mich, mir ein Ziel für spätere Touren aufzuheben, während sich die beiden Engländer auf den Gipfelweg machen. Nach einer guten halben Stunde sind sie wieder da. "No way" so ihre Meinung zum Kamin kurz nach dem Einstieg. Zu mindest ohne Seil, oder lag es an den völlig "durchnäßten Turnschuhen" des einen Gipfelstürmers…? Von jetzt an geht es für heute, nur noch abwärts. Größtenteils mit leichter Kletterei durch ein Wirrwarr von Felstürmchen und Spalten. Gelegentlich geht es nochmals über eine Leiter, bis ich am oberen Ende der Bocca del Tuckett stehe. Der Abschließende Spaßfaktor geht über 300 Höhenmeter einbeiniges Abrutschen zum Rifugio Tuckett. Kaum habe ich das Rifugio erreicht, stand ich auch schon unter der Dusche. Nach dem Abendbrot, liege ich draußen, genieße die letzten Sonnenstrahlen, bis mich der kalte Wind ins Bett treibt.

Was ich heute morgen im Schlaf nicht ahnen konnte, es sollte nicht nur der heißeste Tag der Tour werden, sondern auch der des ganzen Jahres. Wieder übernahm das Handy den Weckdienst. Gegen 6:30 zwängte ich mich zwischen Leiter und Bettgestell aus dem Lager. Vor dem Rifugio versammelte sich bereits eine Gruppe von Italienern die hingerissen den Sonnenaufgang verfolgten. Besser gesagt wie die aufgehende Sonne sich langsam zwischen den steilen Wänden der Tuckett-Scharte durch schob. Nach einem eher magerem Frühstück im Vergleich zum Vortag auf der Brentei, steige ich der italienischen Gruppe anfangs über den 303 zum Vedretta di Brenta inferione hinten drein. Auf dem Ferner angelangt, ziehe ich meine Grödeln an. Sie erscheinen mir hier durchaus angebracht, um mir in den steilen noch gefrorenen Altschnee den nötigen Halt zu geben. Während sich die Gruppe vor mir abmüht, Tritte in den hart gefrorenen Altschnee zu treten, ziehe ich mit gleichmäßigen Schritten an ihnen vorbei. Am Scheitelpunkt der Tuckett-Scharte angelangt, wappne ich mich vorbeugend mit Jacke, Handschuhen und Stirnband gegen eine mögliche Rutschpartie über das Schneefeld. Die Stöcke wandern in den Rucksack, dafür kommt der Tourenpickel zum Einsatz. Der Abstieg durch den Ostteil der Scharte ist verdammt steil. Laut Karte gilt es auf knapp 400 Meter Luftlinie, gute 200 Höhenmeter abzubauen. Wohlbehalten unten angekommen, schäle ich mich aus meinen schützenden Klamotten. Der Schweiß rinnt aus den Handschuhen. Der Transpirator läßt grüßen. Scheinbar allein auf der Welt, wechsle ich von langärmlig und –hosig auf FKK und genieße die Morgensonne. Nach der Abschwitz- und Trockenpause geht es weiter auf dem Sent. Orsi. Der fällt im Vergleich zu den anderen Wegen der Brenta-Gruppe aus dem Rahmen. Bietet er keine Kletterpartien, überzeugt er doch mit seinen almähnlichen Terrassen. Die Wiesen übersät mit Felsbrocken sämtlicher Größenordnung säumen den Weg. Nicht nur am Wegrand, manchmal auch quer über den ursprünglichen Wegverlauf. Die nächsten drei Stunden genieße ich diese grün-graue Spielwiese der Natur, bevor es anschließend steil zum Rifugio Tosa hinaufgeht.

Am Rifugio angelangt gönne ich mir einen sonntäglichen Frühschuppen bestehend aus einem frischen Apfelkuchen und einer Dose 0,33 Coca Cola. Die Dosen sind typisch für Italien. Sind sie bei uns teils durch 0,5er Pfandflaschen ausgetauscht worden, füllen die Dosen auf den meisten Hütten und Rastplätzen die Mülltonnen. Der Wettergott scheint gefallen an meiner Tour zu haben. Strahlend Blau ist der späte Vormittagshimmel, kein Lüftchen ist zu spüren. So steigt das Thermometer auf fast 2500m weit über die 20ºC im Schatten. Der Haken an der Sache, Schatten gibt es nur in der Sonnen abgewandten Seite des Rifugios. Der weitere Wegverlauf des 304, unterhalb der Cima Tosa zur Bocca d. Tosa verläuft über weite Schneefelder. Und die bieten keinen Schatten. Auf ca. 2800 Meter am Rand des noch verbleibenden Vdretta d Tosa inf. Plätschert ein kleiner Bach über den Fels. Frisches sauberes saukaltes Gletscherwasser. Eine willkommene Erfrischung. Bei der Gelegenheit, fülle ich meinen Platypus gleich mit auf. Wenn ich den Rucksack schon auf habe, kann ich ja eigentlich auch eine kurze Pause einlegen. Allerdings hält sie nicht allzu lang an die Lust auf Pause, da die Sonne einfach nur sticht. Nach wie vor ist es Windstill.

Weiter stampfe ich bergauf durch den Schnee. Die Bocca d. Tosa liegt auf etwas über 2900 Meter. Diese verflixten einhundert Meter, sie wollen nicht enden. Doch mit einmal laufe ich auf einem Grat dem Plateau entgegen. Der Wind frischt angenehm auf. Er frischt sogar so stark auf, das binnen kürzester Zeit meine durchgeschwitzten Klamotten getrocknet sind. Nach diesem Anstieg ist eine kurze Pause angesagt. Mit Blick auf den Gardasee und seine umliegenden Gipfel, gönne ich mir einen Griff in die Futterdose, trinke in großen Zügen an dem Beißventil des Platypus. Und wenn ich gerade nicht mit der Gewinnung von neuem Brennstoff beschäftigt bin, lege ich das Gurtzeug an. Auf den ersten Metern geht es über eine angerostete Hängebrücke. Die Landschaft ist nach wie vor faszinierend. Über Bänder unterbrochen von kleinen Kraxeleien geht es neuen Leitern entgegen. Nach mehreren Stunden, dass ich mal wieder stimmen höre – Gegenverkehr. Zwei Pärchen aus Bozen auf dem Weg zum Rifugio Tosa. Ein kurzes Hallo. Es geht weiter über die letzten Leitern runter in das steile Schneefeld des Vedretta Ambiez. Der Weg führt durch den steilen Ferner, ist mit langen Metallstangen ähnlich wie Minenmarkierungen abgesteckt ist. Teils rutschend, teils mit Riesenschritten baue ich die zuvor hart erkämpften Höhenmeter über den Sent. Brentari wieder ab. Knapp hundert Höhenmeter oberhalb dem Rifugio Val d`Ambiez, zweigt rechts ein Pfad zum Sent. Castigliani ab. Dieser führt über die 2859 Meter hohe Bocca d. Due Denti zum Rifugio XII Apostoli meinem anvisierten Tagesziel. All die lautlosen Flüche helfen nichts. Meine Flüssigkeitsvorräte am und im Rucksack sind bereits aufgebraucht. Meine im Körper gespeicherten Flüssigkeitsreserven sind ebenfalls verdampft. Über den schmalen rutschigen Schotterweg stolpere ich der Hütte auf 2410Meter entgegen. Da es Sonntagnachmittag ist, beschließe ich ein Kaffeepäuschen samt Kuchengenuß einzulegen. Hmm da Kaffee alles andere als zu meinen Lieblingsgetränken gehört, entscheide ich mich erneut für Coca Cola. Ist ja schließlich auch koffeinhaltig. Bevor es jedoch zum Schlemmen geht, werden sämtlich Trinksysteme am Rucksack aufgefüllt.

Gut gestärkt nehme ich die letzten 450 Höhenmeter für heute in Angriff. Sie ziehen sich schweißtreibend dahin. Die Rettung kommt auf ca. 2630 Meter. Schatten, zusätzlich geht es die verbleibenden Höhenmeter fast ausschließlich über Leitern hinauf. Schatten ist nach einer solchen Hitzewanderung im Schnee etwas herrliches. Bloß – in Verbindung mit Wind und kalten Leitern, ist es auch nicht das was ich mir wirklich wünsche. Als ich fröstelnd dahin steige, bricht plötzlich die Sonne durch die Scharte am Übergang. Ein unglaublicher Ausblick ergibt sich über den Vedretta Prato Firito hinweg, über die XII Apostoli zu den gegenüberliegenden Gipfeln der Pressanella-Gruppe. Oben Eis und Schnee, gefolgt von grauem Fels und Schotter. Nach dem Rifugio, fallen die Flanken steil ins Tal ab. Hier wird die Natur durch die verschiedenen Grautöne dominiert. Auf der gegenüber liegenden Talseite, vollzieht sich der Aufbau des Tal’s genau entgegengesetzt. Langsam rutsche ich dem Rifugio entgegen. Ich komme nur langsam voran, da sich meine Blicke nur widerwillig von der grandiosen Szenerie lösen können. Im Rifugio angekommen, folgt die gleiche Prozedur wie an den Vortagen. Quartier beziehen, duschen, essen, lesen, anschließend Tiefschlaf. Tiefschlaf würde aber auch bedeuten, wenn überhaupt erst vom Wecker geweckt zu werden. Die Weckfunktion wird jedoch gegen vier Uhr durch das nicht zu überhörenden Schnarchen eines der fünf Mitschläfer aus dem Lager übernommen. Gegen sechs Uhr, entschließe ich mich, mangels Schlaf dem Rachengetöse zu entziehen. Die Wirtsleute haben ein einsehen mit uns schlafberaubten, so das es bereit gegen 6:15 Frühstück gibt.
Gegen 6:45 breche ich zur vorerst letzten Etappe auf. Über das Rifugio Brentei, geht es wieder nach Madonna di Campiglo. Die ersten Meter geht es über zerklüftete Felsen auf den Sent. Dell Ideale. Der Weg verläuft über die Ausläufer der Randmoräne, hoch zur Bocca d. Comosci. Nach einer kleinen Kletterpartie geht es auf dem Ferner der Vedretta die Camosic. Über den Sent. Martinazzi führt der Weg zum Teil auf Schnee und Schotter runter ins Val Brenta alta. Der Ferner hat sich an einigen Stellen soweit zurückgezogen, dass der Weg durch bzw. über blank geschliffenen Felsen führt. An einer Kuppe glitzert das kalte blaue Eis des Ferners fordernd hervor. Vorsichtig teste ich, wie hilfreich Grödeln auf Gletschereis, Halt finden können. Das Ergebnis ist ernüchternd, überhaupt keinen! Nicht einmal Kratzer sind im Eis auszumachen. Über Schotterfelder quere ich einen kleinen Bach im Val Brenta. Nach dem kurzen Anstieg, laufe ich unterhalb dem Rifugio Brentei über eine Wiese, welche als Campingplatz dient. Die sanitären Anlagen werden vom Rifugio gestellt. Nach dem erreichen des Rifugios ist es vorbei mit der Ruhe. Es ist kurz vor zehn. Massen von Gipfelaspiranten. Ein zweites Frühstück und ich mache mich auf den Weg in Richtung Auto. Durch die Galleria Bogani schlängelt sich der Weg hinunter, vorbei an dem Rifugio Casinei zum Eingangstor des Nationalparks an der Malga Valiesinella die Solto. Die Malga ist gesäumt von Autos. Dicht an dicht drängen sie sich. Kinder toben Steine schmeißend am Bach, während die Eltern sich einen oder vielleicht auch zwei Cappuccino gönnen. Der abschließende Hatscher über die Asphaltstraße in den Ort, scheint nicht enden zu wollen. Entlang dem künstlich angelegten See’s in der Ortsmitte drängen sich Angler, sonnenhungrige Touris auf Badelacken räkelnd. Babinis auf Kinderrädern mit und ohne Stützräder. Ich sehe zu das ich zum Auto auf dem Parkplatz an der Cabinova Groste komme. Geschafft, frische Klamotten und eine Pizza.

Mit welch einfachen Dingen ich doch zufrieden sein kann...


Ein oder auch zwei Bilder gibt es hier...
Im Reich der Klettersteige
Traumwege...
Dem Sonnenstich entronnen


Die Tour: Den Tourenverlauf habe ich aus dem Summit Club–Katalog übernommen. Der Summit Club sieht satte sieben Tage für die Tour vor. Mit regelmäßigem Training läßt sich die Tour allerdings locker in fünf Tagen gehen. Es sollte nach Möglichkeit nicht die erste Klettersteig-Tour sein, die man in Angriff nimmt. Als Planungs- und Orientierungsgrundlage habe ich die DAV-Karte »Gruppo di Brenta, Blatt 52« verwendet. Die Wege im Brenta-Massiv lassen sich noch beliebig weiter kombinieren. Beachten sollte man jedoch das die Hütten um den 10. September schließen.