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  1. [PT][ES] Drei Caminos und ein Vorspiel im Sand

    #1
    Mitreisende: Werner Hohn
    Land: Portugal, Spanien
    Reisezeit: April, Mai, Juni 2008
    Region/Kontinent: Südeuropa

    Das Erstellen dieses Reiseberichts wird sich wieder über Wochen hinziehen. Den Versuch einen langen Bericht an einem Stück zu schreiben, um den dann fertig in einem Rutsch hier reinzustellen, habe ich schon lange aufgegeben. Das wird nie was. Dafür bin ich zu faul. Ich brauche die tägliche Mahnung eines Fragments, den Tritt in den Hintern. Etwas Geduld bitte, es wird schon werden.

    Für alle Berichte gilt: Die Namen sind geändert.


    Drei Caminos und ein Vorspiel im Sand

    Camino Francès - Camino a Fisterra - Caminho Português


    Sandkastenspiele I

    Irgendwann im Herbst 2007 bis Dienstag, 15. April 2008

    Fotos tragen oft das Saatgut für eine Reise mit sich. Reiseberichte auch. Hin und wieder sogar Bücher. Bei mir sind es jedoch meist Fotos. Natürlich, denn dafür werden sie schließlich gemacht. Reiseträume, Sehnsüchte, Verlangen, Unruhe sind meist die Folge. Es müssen nicht immer professionelle Bilder sein. Gelegentlich sind es die eigenen Bilder, sogar wenn die grottenschlecht sind.

    Meine Portugalbilder waren 1997 entstanden. Als die Abzüge nach dem Urlaub aus dem Labor kamen, stand sofort fest, da müssen wir noch mal hin. Die Bilder vom Cabo de São Vicente waren extrem unscharf, so war die Küste nur mit viel Phantasie zu erkennen. Der Rest war auch nicht viel besser. Kamerafehler.

    Mit der Qualität der Fotos konnte das Wetter im Mai '97 an der Atlantikküste locker mithalten. Kälte, Wind und Regen vertrieben uns nach wenigen Tagen an die warme spanische Küste. Wiederkommen wollten wir auf alle Fälle. Sicher. Ganz sicher! Portugal hatte uns gefallen. Die unscharfen Fotos verschwanden im Karton, damit ebenfalls der Gedanke ans Wiederkommen. Er lebte zwar immer wieder auf. Irgendwann, bestätigten wir uns oft, fahren wir wieder nach Portugal. Ja, irgendwann! Irgendwann ist nahe dran am nie.

    Ein Franzose hat Portugal wieder Leben eingehaucht. Im März 2007 lief mir auf der Vía de la Plata Bernard über den Weg. Der erzählte von seiner Wanderung, nein, bei ihm war's eine Pilgerung, von Sagres im Süden Portugals nach Santiago de Compostela. Mehr als 1.000 Kilometer Einsamkeit. Sofort waren die unscharfen Fotos wieder da.

    Bei der Planung wurde schnell klar, es wird ein kleines Abenteuer werden - jedenfalls die Strecke im Süden des Landes. Wandern ist in Portugal so populär wie bei uns Synchronschwimmen. Markierte Wanderwege gibt es nicht. Wanderkarten, Wegbeschreibungen, ein Netz preiswerter Unterkünfte? Alles Fehlanzeige. Dafür ist das Netz der portugiesischen Campingplätze dicht gewebt. Bis Lissabon sollte es keine Probleme mit der Unterkunft geben. Von der Hauptstadt weiter über Fatimá und Coimbra nach Porto. In der Hafenstadt am Douro beginnt der markierte Caminho Português, der in Santiago de Compostela in Galicien endet. Ab Porto wollte meine Frau dabei sein. Die Wochen davor sollten mir alleine gehören.

    Meist über kleine Landstraßen, manchmal über Küstenpfade, vielleicht mal quer durch die Pampa, meinetwegen, wenn nicht anders möglich, auch über den Seitenstreifen einer Nationalstraße wollte ich ohne festen Plan nach Norden gehen. Mit den Militärkarten sowie den Satellitenbildern von Google sollte das möglich sein.

    Wie ein Schneekönig habe ich mich gefreut. Endlich mal wieder auf eigene Faust wandern. Kein vorgegebener Weg, keine Markierung, die mich führt, keine Unterkunft, die erreicht werden muss. Jeden Morgen neu entscheiden wie es weitergeht. Treiben lassen und übers Land streichen. Sich nach niemanden richten müssen. Seit langer Zeit auch mal wieder mit Zelt und Kocher. Freiheit also.

    Am 16. April würde ich nachmittags in Faro an der sonnigen Algarveküste landen und dann zu Fuß nach Westen bis zum Cabo de São Vicente gehen und mich dort nach Norden wenden. Soweit die Planung.

    Rot: Camino francés und der "Strandspaziergang"
    Blau: Camino fisterra
    Gelb: Caminho Português

    *Die Karte der Iberischen Halbinsel stammt aus der spanischen Wikipedia, der Wegeverlauf von mir.

    Portugal - Das bequeme Strandleben

    Mittwoch, 16. April 2008 Sonne, Sand und Wind

    Seeluft, der Geruch von Seeluft dringt nach dem Öffnen der Flugzeugtüren in die Kabine. Draußen empfängt mich Sonne, Wind und eben der Geruch frischer Seeluft. Wer in Faro landet, landet fast am Strand. Morgens mal eben einfliegen, nur mit der Badehose unterm Arm, und mit dem letzten Flug am Abend wieder in die Heimat zurück - hier wäre das möglich, schießt es mit durch den Kopf.

    Ich will jedenfalls an den Strand. Allerdings habe ich mehr Gepäck dabei als eine Badehose. Beim Einchecken ist die Waage bei 12 Kilo stehengeblieben. Dazu kommen noch 2 Liter Wasser und etwas zu essen. Die Tankstelle, hinter der ich zum Strand abbiege, hat alles damit ich nicht verhungere..
    Zeit für ein Sonnenbad habe ich keine. Ich will zum Campingplatz bei Quarteira, der um 19 Uhr die Pforten dicht macht. Mir bleiben ziemlich genau 3 Stunden für gut 14 Kilometer, 11 davon leider über den Strand. Es sieht nach Arbeit aus.

    Ding-Ding-Ding-Ding. Schon von weitem ist das ununterbrochene Schlagen der Flaggenleinen an den Alumasten zu hören; ebenso das laute Knattern ausgefranster Werbefahnen im Wind. Starkwindgeräusche! Als ich am Strand der Illha de Faro nach Westen abbiegen will, bleibt mir die Luft weg. Mehr Wind und fliegender Sand als mir lieb ist. Hier komme ich auf keinen Fall schnell genug voran. Es bleibt nur der Weg durch die Feriensiedlung und als dieser endet, weiter über einen schmalen Betonpfad durch die Fischersiedlung.
    Dicht an dicht drängen sich kleine ärmliche Häuschen aneinander als wollten sie sich gegenseitig Halt geben vor dem hier meist wehenden Wind. Zwischen flatternder Wäsche stehen neben rostenden Fahrrädern, verfaulenden Möbeln und allerlei Fischerutensilien meist alte Fischerkähne im Schlick der landwärts gerichteten Lagune.
    Ärmlich gekleidet Frauen, ein Schwarm Kinder und jede Menge streunender Hunde, es sieht aus wie in der Dritten Welt. Nur die in schreienden Farben daherkommenden Motorroller - Autos passen hier nicht hin, was aber eher an der fehlenden Zufahrstraße liegen dürfte - mildern den Eindruck.

    Später muss ich doch runter an den Strand. Der Wind hat sich zum Glück abgeschwächt. Zwar reißt er immer noch Schaumfetzen von den brechenden Wellenkämmen, donnern immer noch die Wellen an den Strand, der Sand bleibt jedoch liegen. Innerhalb kurzer Zeit bin ich von oben bis unten mit einer feinen Salzschicht bedeckt. Besonders schmerzhaft werde ich daran erinnert, wenn ich mir den Schweiß aus den Augen reiben will. Das brennt wie Feuer. Später ist auch der Rücken dran. Irgendwie ist das Salz zwischen Kleidung und Haut gekommen.

    Trotzdem ist der Abend schön, denn der Strand gehört mir. Niemand ist zu sehen. Kilometer um Kilometer sauberer Sandstrand. Nur Muscheln, Steine und Sand, gelegentlich ein Auftriebskörper, der sich von einem Fischernetz losgerissen hat oder ein sonnengebleichtes Stück Holz. Links die donnernde Atlantikdünung, rechts Dünen, die später von einer piniengekrönten Steilküste abgelöst werden. Die untergehende Sonne treibt zur Eile, denn auf dem Campingplatz wird niemand extra für einen späten Wanderer länger bleiben.

    Bevor ich den Campingplatz erreiche, versperrt mir ein mehr als 5 Meter breiter Bach den Weg. Der mündet hier ins Meer. Auf den Satellitenbildern ist der nicht zu sehen (stammen wohl vom Sommer) und in der Wegbeschreibung im Wanderbuch fehlt der auch. Etwas ratlos bleibe ich stehen. Schuhe aus und waten, oder, tief ist der Bach ja nicht, einfach so durch? Rechts reicht ein Golfplatz bis an den Strand. Die werden doch bestimmt eine Brücke über den Bach haben. Ein Sicherheitsmann, wahrscheinlich hat der mich schon länger beobachtet und mit meiner Reaktion gerechnet, verweigert mir mit einer ummissverständlichen Handbewegung den Zutritt. Dann doch einfach durch. Schuhe aus? Schuhe an? Egal, fällt aus, dauert zu lange. Tief ist der Bach wirklich nicht, doch der Sand ist so weich, dass das Wasser bis weit über die Knöchel steigt. Hoffentlich versteht der Sicherheitsmann kein Deutsch.

    Schon an der Rezeption ist die Hose wieder trocken. Kurz vor Feierabend trudel ich auf einem der besseren Campingplätze Portugals ein. Zelt aufbauen, die Dusche kalt laufen lassen, eine Runde übern Platz, danach ein fulminantes Abendessen mit den Tankstellenvorräten und ab in den Schlafsack.
    Morgen geht es weiter. Eigentlich geht es morgen Früh erst richtig los. Vier oder fünf Tage immer nach Westen, fast immer am Strand der Algarve entlang. Ich weiß nur nicht, ob ich mich drüber freuen soll.

    Donnerstag, 17. April 2008 Strandurlaub

    Beim Einschlafen gestern Abend hat es sich schon angedeutet. Zum ersten Mal fange ich eine lange Wanderung mit einem Pausentag an. Das ist wirklich eine Premiere. Bisher war das immer anders. Dem ersten Wandertag wurde entgegengefiebert. Langes Ausschlafen war immer mit dem Makel des Faulenzens behaftet und somit tabu.
    Und heute? Ich will nicht! Nicht aufstehen! Nicht den Kram packen und im Rucksack verstauen! Den will ich überhaupt nicht mehr tragen! Da bin ich mir sicher. Von einem Tag auf den anderen, nur getrennt durch eine Nacht, hängt mir das Wandern zum Hals raus. Oder? Das kann doch nicht sein! Einfach so von jetzt auf direkt? Umgekehrt hat man von solchem Verhalten ja schon mal gehört. Das oft bemühte Beispiel vom Mann, der nur mal Zigaretten holen wollte und erst Jahre später wieder auftauchte. Oder die Aufgabe des Arbeitsplatzes, um am nächsten Morgen mit dem Rad nach Indien aufzubrechen. Vermeintliche Aufbrüche in die Freiheit.

    Das hier aber? Abbrechen und ab nach Hause? Plötzlich nagt der Zweifel. Ganz leise, kaum wahrnehmbar, aber immerhin. Weitwandern mache ich schon seit Jahren. Das soll jetzt vorbei sein? Nie mehr den Rucksack packen. Nie mehr übers Wetter fluchen. Nie mehr voller Vorfreude in die Planung stürzen, die bei mir meist kurz ausfällt. Was kommt nun? Pauschalurlaub, gar Kreuzfahrten?

    Im Augenblick hilft das auch nicht weiter. Fürs Erste verordne ich mir einen Urlaubstag. Wenn mir das Wandern am nächsten Tag immer noch zum Hals raushängt, wird abgebrochen.

    Eine Holländerin rettet den Tag. Vermutlich hat sie mir meine Konfusion angesehen. Vielleicht war sie aber auch nur neugierig auf den Mann, der sich mit seinem Minizelt in der Nachbarschaft ihres Wohnwagens niedergelassen hat. Drei, vier Fragen zum Woher und Wohin und schon sitze ich mit einer Tasse Kaffee in der Hand im Vorzelt ihrer mobilen Unterkunft, die eigentlich ihrem Lebenspartner gehört. Neben ihren "Alterskrankheiten" , so nennt er es, schlagen sich die Beiden hier den Winter um die Ohren. Eigentlich sind sie beim Packen. Morgen geht es wieder für einige Monate nach Holland. Der Wohnwagen steht, wie die meisten anderen hier auch, das ganze Jahr auf dem Platz. Ein alter Kleinwagen macht die Ausstattung komplett. Auch der wird seine Heimat nie wieder sehen. In Zeiten der Billigflieger fährt niemand mehr mit dem Auto. Das Teuerste an der ganzen Reiserei zwischen Holland und der Algarve sei immer das Taxi zum Flughafen.

    Jan und Fred (das ist sie) füllen mich bis zu den Ohren mit Kaffee ab, stopfen noch ein paar Brote hinterher, legen als Nachtisch noch einen Haufen Tipps und Ratschläge für das Urlaubsleben an der Algarve dazu, und schon ist es Mittag. Und ich bin eigentlich wieder guter Dinge, denn heute mache ich Urlaub!

    Fürs Baden, sogar fürs Bad in der Sonne ist es viel zu kalt und zu windig. Also die Strandpromenade rauf. Zwischendurch einen Kaffee, ein Eis, ein Kuchen. Die Strandpromenade wieder runter. Buh, schon eine Stunde rum. So wird das nichts. Dann mal ab durch die Hinterhöfe der potthässlichen Touristenhochburg. Hier spielt sich tatsächlich etwas Alltagsleben ab. Vorne zum Strand raus hat gähnende Leere die Oberhand. Hinten findet ganz normales Leben statt. Immerhin lässt sich so die Zeit totschlagen.

    Morgen werde ich wahrscheinlich den Rückflug buchen, denn den Rucksack und das Wandern habe ich nicht vermisst. Als wolle das Wetter mir zustimmen, öffnet der Himmel abends seine Schleusen und Petrus legt noch ein oder zwei Windstärken drauf. Mich stört das nicht. Ich werde bald wieder weit weg sein, und mit solchen Wetterverhältnissen wird mein Zelt spielend fertig - wenn es richtig aufgebaut wird.

    Freitag, 18. April 2008 Erlebnisurlaub

    Mein Zelt lebt! Wenn ich mich vom Rücken auf die Seite drehe, folgt es mir. Nur sieht es dabei merkwürdig schief aus. Drehe ich mich wieder zurück, steht auch das Zelt wieder gerade. Dass es mir dabei am rechten Arm klebt ist ebenfalls neu. Draußen schüttet es immer noch. Und der Wind hat noch ein Beaufort zugelegt, nach dem Knattern des Außenzelts zu urteilen sogar zwei. Jetzt leuchtet mein gelbes Innenzelt hell auf und mein rechter Arm ist nass. Oh Gott, mein Zelt macht Flugversuche.
    Schnell, schnell! Rein in die Hose, Regenjacke drüber und raus. Tatsächlich: Innen- und Außenzelt werden nur noch von einem Hering gehalten. Wo sind die verdammten Heringe? Jetzt bin ich dankbar für die helle Beleuchtung auf dem Platz. Die Heringe sind nicht weit geflogen. Ich brauche einen Stein, nur woher? Lag unterm Olivenbaum nicht einer? Tatsächlich, da liegt er. Erstaunlich, woran man sich in der Not erinnert.
    Scheiße! Als ich mich bücke, gerät der Wind unter die Regenjacke und schiebt das Stück Plastik über Kopf, so dass ich nichts mehr sehe. Verdammtes Ultralight-Gedöns. Nicht bücken, hinhocken!
    Innerhalb weniger Minuten ist das Zelt sturmsicher vernagelt. Die Heringe stecken nun tief im steinhartem Boden. Die zusätzlichen Abspannleinen werden erstmals nicht als Wäscheleinen missbraucht, sondern strecken sich dem Sturm entgegen.

    Beruhigend und auch schön, so ein Zelt in stürmischer Nacht. Warum nicht direkt so? Faulheit und ein gewisser Hang zum "Et hätt noch immer jot jejange." Warum die leichten Alunägel im harten Boden verbiegen? Es reicht doch, wenn die 2 cm tief im Boden stecken. Abspannleinen? Noch nie gebraucht. Und überhaupt. Der Zeltplatz ist von drei Seiten abgeschirmt. Mauer, Wohnwagen und ein Sanitärgebäude halten den Wind schon ab. Ja und dann fällt in China der berühmte Sack Reis um und in Portugal macht der Sturm eine Drehung. Nennt man, glaube ich Trog.

    Warum habe ich mich überhaupt angezogen? In noch nicht mal einer Minute war ich vollkommen durchnässt. Es ist 2 Uhr nachts. Ich hätte splitternackt rausstürmen sollen. Wer soll mich um diese Uhrzeit beobachten? Und so unansehnlich bin ich nun auch wieder nicht - hoffe ich. Zudem ist bei dem Sauwetter niemand draußen, denn die Camper in ihren Mobilheimen schlafen sicher wie in einer Burg.


    Am Morgen scheint die Sonne von einem strahlend blauen Himmel. Vom Sturm ist nicht mehr als eine steife Brise geblieben. Bestes Wanderwetter. Trotzdem, es steht es nun endgültig fest: Ich habe keine Lust mehr am Wandern. Genauer am Weitwandern und dessen Besonderheiten. Es bleibt dabei. Ich werde nie mehr eine längere Rucksackwanderung machen. Das Rumlatschen mit Last auf dem Rücken, das Suchen und Hoffen auf einen Schlafplatz, die Ungewissheit wie der nächste Tag aussieht, der bange Blick zum Himmel ob sich das Wetter noch hält, das Unterwegssein, kurz alles was mich am Weitwandern so fasziniert hat, ich brauch's nicht mehr. Mit dem Wetter letzte Nacht hat das nichts zu tun, im Nachhinein hat der nächtliche Einsatz sogar Spaß gemacht. Es ist einfach so. Ich hör auf. Fertig, aus, vorbei!

    Als ich meiner Frau ankündige, dass ich nach Hause komme und ihr die Gründe dafür nenne, ist die so überrascht, dass sie mir vorschlägt, ich soll bis Ende Mai Campingurlaub machen. Dann kommt sie ja eh nach Porto. Jetzt bin ich der Überraschte. Nein, kommt nicht in Frage. Innerhalb einer Stunde hat sie mir einen relativ preiswerten Rückflug für den nächsten Tag gebucht. Immerhin.

    Ich brauche jetzt jemand der mich mit Kaffee versorgt. Die Holländer sind weg. Deren Rolle übernimmt Mary. Mary ist Ende 50, kommt aus England und hat sich im letzten Herbst auf den Weg gemacht, um, wie sie es nennt, "das größte Abenteuer meines Lebens" zu bestehen. Ihre erste Reise ohne Mann, dafür aber mit umgebautem Kombi, der als Camper herhalten muss. Ihr Reiseziel: Europa, also das Festland, der Kontinent.

    Mit einem Pott Kaffee in der Hand sitze ich auf der Mauer, die meinem Zelt letzte Nacht den Schutz verweigert hat und höre Mary zu. Mary ist eine Frau, die, wenn sie warm geworden ist, einem ihre ganze Lebensgeschichte erzählt.
    Mehr als 30 Jahre Ehefrau, Hausfrau, Mutter, dann Oma, Mädchen für alle und alles, dann Witwe. Drei Wochen später war sie weg. Der umgebaute Kombi stand beim Gebrauchtwagenhändler zwei Straßen weiter. Die englische Post hat ihren vier Kindern vier identische Postkarten mit identischem Text zugestellt. Inhalt: Bin mit dem Auto nach Europa unterwegs. Bleibe länger weg. Habe kein Telefon mit. Löst eure Probleme allein. Mary, Mutter und Ex-Mädchen für alle und alles.

    Seitdem erlebt und lebt Mary ihr Abenteuer, denn Mary war nie weg. Sie fällt von einem Schock in den nächsten, von einem Staunen zum anderen. So habe sie nie einen Gedanken daran verschwendet, dass "die" in Europa auf der falschen Seite fahren. Jetzt im April, sie ist schon Monate unterwegs, hat sie sich immer noch nicht daran gewöhnt. Zwei kleine Unfälle hat es deshalb schon gegeben. Oder die Sprache. Englisch, Mann, Englisch wird doch auf der ganzen Welt gesprochen. In Belgien, über das sie in Europa eingefallen ist, ging es ja noch. In Frankreich war Schluss mit dem Sprachverständnis. Spanien war auch nicht besser. Was für ein Theater als Mary vergisst, wo sie ihr Auto abgestellt hat. In einem kleinen spanischen Städtchen hat sie nur einkaufen wollen; danach hat Mary ihr Auto nicht mehr gefunden. Die Polizei in Villafranca de los Barros hat sie schließlich in eines ihrer Autos verfrachtet und ist solange durch die Straßen gefahren, bis sie ihre Karre entdeckte.
    Ich staune, nicht nur über die Schusseligkeit und das Beharrungsvermögen dieser Frau, nein, ich kenne das spanische Nest. In Villafranca de los Barros war ich im März 2007, die Vía de la Plata läuft da durch.
    Nun ist Mary an der Reihe mit dem Staunen. Ich bin der Erste, der dieses Nest kennt. Als ich ihr sage, dass ich vermutliche einer der Wenigen bin, der einschätzen kann, wie schusselig man sein muss, um in diesem Nest sein Auto nicht wiederzufinden, muss sie schallend lachen.

    Mary will noch bis zum Sommer an der Algarve bleiben, hier kommt sie mit ihrer Muttersprache ganz schön weit, und dann spontan entscheiden wohin es geht. Genaue Vorstellungen hat sie nicht, bis auf eine: England wird nicht das nächste Ziel. Wenn sie sparsam mit der Witwenrente und den Ersparnissen umgeht, kann die Reise noch sehr lange dauern.

    Um mir die Zeit zu vertreiben, mache ich einen Spaziergang am Strand entlang bis kurz vor Albufeira. Für die fast 20 Kilometer brauche ich nicht mehr an Ausrüstung als eine kleine Wasserflasche und mein Portemonnaie. Es gibt genügend Bars am Strand. So macht das Wandern Spaß. Sonne, Wind und leichtes Gepäck. Hier eine Tasse Kaffee, in der übernächsten Strandbar ein Fruchtsaft oder ein Eis. Mit dem Bus geht es stressfrei wieder zurück.

    Das abendliche Resümee fällt positiv aus: Ein gelungener Urlaubstag.


    Samstag, 19. April 2008 Zurück auf Los

    Heute geht es endlich heim. Vor Tagen hätte ich mich darüber geärgert, jetzt freue ich mich unbändig. Natürlich könnte ich mit Bus oder Taxi zum Flughafen fahren. Jedoch, ich bin zu Fuß hier angekommen, also gehe ich auch zu Fuß wieder zurück. Was soll ich auch sonst mit dem Tag anfangen?

    Mein Flug geht zwar erst nach 16 Uhr, trotzdem will ich früh los. Um halb acht stehe ich vor der verschlossenen Rezeption. Nur ein Wachmann ist da, der gegen die Müdigkeit ankämpft. Noch keine Saison, meint er, und tippt das Schild mit den Winteröffnungzeiten an. Oha, vor 9 Uhr wird das nichts. Gelegenheit für eine ausgiebige Betrachtung des Himmels über Portugal. Sieht aus wie zu Hause: blau mit weißen und hellgrauen Wolken. Vermutlich wird es ein schöner, wenn auch windiger Tag werden.
    Die Frau, die mir den Pass aushändigt, ist gegenteiliger Meinung. Nach ihrer Erfahrung wird der Tag kalt - na ja, für Südländer bestimmt - und regnerisch werden.

    Sie sollte Recht behalten. Am Strand bläst der Wind schon wieder kräftig und reißt Schaumfetzen von den Wellenkämmen. Vom Meer drängen schwarze Regenwolken so schnell an Land, dass ich es nicht schaffe rechtzeitig unter den Poncho zu kommen. Scheiß Wind. Einmal bläst der den Poncho zu einem Ballon auf, um ihn dann wieder zu einem unförmigen Stück Kunststoff zu knüllen. Ich bin mal wieder von Kopf bis Fuß nass. Nicht ganz. Die Füße sind noch trocken, und damit das so bleibt, ziehe ich diesmal beim Furten die Schuhe aus. Geht doch!

    Als ich wieder die Fischersiedlung erreiche, hat die Sonne schon lange die Wolken vertrieben. Es könnt ein perfekter Tag werden. Ich könnte ja noch bleiben, überlege ich bei einem Kaffee, und mache mich dann doch recht zügig an die letzten Kilometer zum Flughafen. Bloß nicht schwach werden.


    Sandkastenspiele II


    Sonntag, 20. April 2008 bis Sonntag, 27. April 2008

    Sonntag: Wieder Einleben muss ich mich diesmal nicht. Kaum weg, schon wieder da. Meine Nachbarn haben überhaupt nicht gemerkt, dass ich weg war. Und das soll was heißen! Da ist aber noch der Flug, der meine Frau Ende Mai nach Porto bringen soll. Jetzt treibt mich zwar nichts mehr nach Porto, aber meiner Frau fehlt noch ein Jakobsweg in ihrer Sammlung. Tuifly hat noch einen preiswerten Platz für den selben Flug frei, den ich dann sofort buche.

    Montag: Bis auf das Auspacken des Rucksacks ist wieder Alltag eingekehrt. Nur aus Neugierde und weil es so einfach ist, schaue ich im Netz nach dem Wetter in Portugal. Angenehme 20 bis 23 Grad und Wind aus Westen in Stärke 3 bis 4. Ich hätte direkt an die Westküste fahren sollen. Na ja, nun ist es zu spät.

    Dienstag: Die Westküste ist immer noch im Kopf. Wenn ich die Algarve streiche und in Lagos anfange, dazu für ein paar Tage aufs Tempo drücke ... Mal sehen ob Tuifly, denn an die bin ich nun wegen der dann fälligen Umbuchung gebunden, einen preiswerten Flug nach Faro hat. Am besten innerhalb der nächsten Woche. Tuifly hat: 169 Euro.

    So bescheuert kann man doch nicht sein, beschließe ich, und verscheuche den Gedanken wieder. Wenn ich meiner Frau damit komme ...

    Mittwoch: Der Gedanke ist wieder da. Eigentlich war der die ganze Nacht da. Tuifly lockt immer noch mit 169 Euro. Ich glaub ich mach's. Seit gestern ist der Frust übers Wandern wie weggeblasen. Kann man so blöd sein? Man kann!
    Bevor ich den Flug buche, muss ich aber mit meiner Frau sprechen. Ein Anruf auf der Arbeit wäre in dem Fall wahrscheinlich äußerst kontraproduktiv. Besser ist es auf den Nachmittag zu warten. Von Angesicht zu Angesicht lassen sich solche Dinge besser erklären. Das war leider ein Irrtum. Ungläubiges Staunen, gepaart mit dem Finger der zur Stirn wandert, gefolgt von einem kategorischen "Nein", sind die Folgen meiner Bemühungen. Zehn Minuten später kommt das Okay.
    So schnell kann das gehen: Vom Vormittag auf den Nachmittag sind alle Flüge nach Faro ausgebucht. Der nächste bezahlbare Flug geht erst am 5. Juni. Das ist viel zu spät. Und nun?

    Der einzig bezahlbare und vom Zeitrahmen passende Flug den Tuifly im Augenblick anbietet führt nach Bilbao. Bilbao? Camino del Norte? Einfach umplanen? Warum nicht? Der Camino del Norte kommt nicht in Frage, wenn dann auf den "richtigen" Camino auf den Jakobsweg. Jubel, Trubel, Heiterkeit auf dem Trampelpfad der Welt. Angeblich, wenn man den Berichten glaubt, ist das da so. Ich war noch nicht da, ich wollte da auch nie hin. Von einer Sekunde auf die andere freue ich mich drauf. Dass viele Pilger angeblich Probleme damit haben ein Bett zu ergattern, stört mich nicht. Immerhin bin ich so gut zu Fuß, dass ich den meisten weglaufen werde. Und vor dem Pennen unterm freien Himmel habe ich keine Angst.

    Donnerstag: Eine Wegbeschreibung für den Camino Francés ist seit heute in meinem Besitz. Vor ein paar Jahren hätte das Büchlein extra bestellt werden müssen, heute fehlen diese Bücher in keinem Buchladen.

    Freitag: Rucksack packen und vor der Katze verstecken. Die wird immer fürchterlich nervös, wenn sie gepackte Rucksäcke sieht. Alleinsein mag Lissy überhaupt nicht. Bei 7,5 Kilo bleibt die Waage stehen. Der 40-Liter Rucksack ist mal grade zu Hälfte gefüllt, der Kram könnte auch ins Daypack passen. Da packe ich doch lieber meine auf 1,40 Meter abgeschnittene und mit Rundecken versehene 5 Millimeter Notfallmatte dazu. Die lässt sich schön falten und wird ganz unten verstaut.

    Samstag: Die endgültige Planung steht nun auch. Am 29. April werde ich in Pamplona starten und alleine bis Santiago gehen. Geschlafen wird nach Möglichkeit nur in Herbergen. Von Santiago werde ich mit dem Bus nach Porto fahren und dort am 28. Mai meine Frau treffen. Am nächsten Tag werden wir gemeinsam über den Caminho Portugûes nach Norden, bis Santiago, gehen. Von da weiter über den Camino Fisterra das Ende der Welt erreichen. Macht zusammen etwas mehr als 1.000 Kilometer. Soweit die Planung.

    Sonntag: Nix besonderes. Ich freu mich mal wieder wie ein Schneekönig.
    Geändert von Werner Hohn (31.03.2013 um 13:08 Uhr) Grund: tote Links entfernt, weil meine Fotos bei Imageshack verschwunden sind

  2. Alter Hase
    Avatar von SwissFlint
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    AW: [PT, ES] Drei Caminos und ein Vorspiel im Sand

    #2
    irgendwie traurig...
    bin aber gespannt wies weitergeht...
    Unterwegs mit der Rosinante: http://ramblingrose.ch/

  3. Meister-Hobonaut Alter Hase
    Avatar von Harry
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    AW: [PT, ES] Drei Caminos und ein Vorspiel im Sand

    #3
    Hallo Werner,
    schön wieder von Dir lesen zu dürfen.

    Schade. Oder vielleicht war es ja auch gut so. Ich weiß es nicht. Wird sich zeigen.
    So kann es gehen wenn einem die Motivation oder Lust flöten geht.

    Du hast an der Portugaldurchquerung lange geplant oder nicht?
    Aber sag niemals nie....
    Den Virus wird man glaube ich nicht wieder los. Hoffe ich doch zumindest


    Zitat:
    Scheiße! Als ich mich bücke, gerät der Wind unter die Regenjacke und schiebt das Stück Plastik über Kopf, so dass ich nichts mehr sehe. Verdammtes ultralight Gedöns. Nicht bücken, hinhocken!


    Hammer, da musste ich ja lachen und konnte es mir gut vorstellen.


    Aber ähnlich war es bei meinem ersten Urlaub diesen Jahres auf Sardinien auch.

    Gruss

    Harry

  4. bergzwerg61
    Gast

    AW: [PT, ES] Drei Caminos und ein Vorspiel im Sand

    #4
    um den dann fertig auf einen Rutsch hier reinzustellen, habe ich schon lange aufgegeben. Das wird nie was. Dafür bin ich zu faul. Ich brauche die tägliche Mahnung eines Fragmentes, den Tritt in den Hintern. Etwas Geduld bitte, es wird schon werden.
    Schon dieser Anfang ist außerordentlich sympathisch, das bisher erzählte auch, bin neugierig auf mehr....

  5. Fuchs
    Avatar von Rainer Duesmann
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    AW: [PT, ES] Drei Caminos und ein Vorspiel im Sand

    #5
    Hallo Werner,
    willkommen im Club. Auch mir machte ein "Motiationstief" hervorgerufen durch schlechte Physis im April einen Strich durch die Wanderechnung.
    Ich brach meine geplante Rest West-Highland-Way/Kintyre-Way Wanderung nach dem WHW ab, buchte den Rückflug eine Woche vor und kehrte heim.
    Es dauerte bei mir eine Woche bis der Entschluß feststand: Ich will wieder hin und zuende bringen was ich angefangen habe!
    Meine Frau grinste nur bei meiner Beichte und sagte: "Da hab ich schon mit gerechnet..."

    Jetzt gehts also im September wieder für eine Woche zum Kintyre-Way und ich bin wieder glücklich am planen (und joggen! Nie wieder ohne ausreichende körperliche Vorbereitung auf Tour!).

    Ich kann Dich also bestens verstehen. Du solltest Dir allerdings überlegen ob Du die ursprünglich geplante Tour doch nicht noch mal machst. Sonst bleibt da immer so ein fieser Gedanke im Hinterkopf: Hätte ich doch...

    Ich freue mich schon auf Deine Vorsetzung.

    Beste Grüße,
    Rainer

  6. AW: [PT, ES] Drei Caminos und ein Vorspiel im Sand

    #6
    Zitat Zitat von Harry Beitrag anzeigen
    ...
    Du hast an der Portugaldurchquerung lange geplant oder nicht?
    Aber sag niemals nie....
    Den Virus wird man glaube ich nicht wieder los. Hoffe ich doch zumindest

    Aber ähnlich war es bei meinem ersten Urlaub diesen Jahres auf Sardinien auch.
    So viel Planung war es nicht. Ich hab zwar früh angefangen, dann aber gemerkt, dass es nicht viele Infos gibt und es dabei bewenden lassen.

    Vor deinem Wetterpech auf Sardinien habe ich gelesen. Trekkingforum oder?

    Zitat Zitat von bergzwerg61 Beitrag anzeigen
    Schon dieser Anfang ist außerordentlich sympathisch, das bisher erzählte auch, bin neugierig auf mehr....
    Bis Ende der Woche werde ich wohl wieder was gebastelt haben.

    Zitat Zitat von Rainer Duesmann Beitrag anzeigen
    ...

    Ich kann Dich also bestens verstehen. Du solltest Dir allerdings überlegen ob Du die ursprünglich geplante Tour doch nicht noch mal machst. Sonst bleibt da immer so ein fieser Gedanke im Hinterkopf: Hätte ich doch...

    Ich freue mich schon auf Deine Vorsetzung.

    Beste Grüße,
    Rainer
    Aha, ich wusste doch, dass noch ein Reisebericht fehlt, besonders einer mit schönen Fotos aus dem Norden der Insel. Mach mal hinne!

    So viel Zeit wie in den letzten beiden Jahren, werde ich in den kommenden vermutlich nicht mehr haben. Wenn es hoch kommt maximal 4 Wochen am Stück. Die große Portugaldurchquerung wird noch etwas warten müssen.

    Aber damit Portugal diesmal nicht wieder in der Versenkung verschwindet, werden meine Frau und ich Anfang Oktober nach Faro fliegen, dort in den Zug nach Lagos steigen, und die Atlantikküste bis Lissabon hochgehen. Soweit unsere Planung. Die Flüge sind jedenfalls schon gebucht.

    Grüße, Werner
    Geändert von Werner Hohn (29.06.2008 um 19:09 Uhr)

  7. Erfahren

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    AW: [PT, ES] Drei Caminos und ein Vorspiel im Sand

    #7
    Schön geschrieben, Werner
    Es grüßt der faule Juno/Reinhard, der immer noch mit der Via de la Plata zugange ist

  8. Fuchs

    Dabei seit
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    AW: [PT, ES] Drei Caminos und ein Vorspiel im Sand

    #8
    Sehr schön geschrieben- macht richtig Spaß.....

    Gruß Folko
    www.mitrucksack.de
    Ganz viel Pyrenäen ( HRP- Haute Randonnée Pyrénéenne - komplett) und ein bisschen La Gomera

  9. Fuchs
    Avatar von KuchenKabel
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    AW: [PT, ES] Drei Caminos und ein Vorspiel im Sand

    #9
    Echt klasse geschrieben! Als bekennender Lesemuffel muss ich doch gestehen, dass mich dieser Bericht sofort gefesselt hat. Deshalb: Weiter machen! Und zwar zügig bitte .
    ,,Man wäre kein guter Anarchist, wenn man auf Grundsätzen beharren würde!'' - Eva Demski

  10. AW: [PT, ES] Drei Caminos und ein Vorspiel im Sand

    #10
    Camino Francés – Der Trampelpfad der Welt

    Montag, 28. April 2008 Rucksäcke zählen
    Etappe: keine
    Tageskilometer: 0 Gesamtkilometer: 0
    Unterkunft: Herberge „Jesús y María”, der Jakobusgesellschaft von Navarra in der ehemaligen Jesuitenkirche aus dem 17.Jh.


    Pamplona - Altstadt und Herberge "Jesús y Maria"

    Ob es der Trampelpfad der Welt ist, steht auf dem Flughafen der nordspanischen Küstenstadt Bilbao noch nicht fest. Erste Anzeichen deuten jedoch darauf hin. Wenn ich die Rucksäcke auf dem Gepäckband als Maßstab nehme, wird es sicherlich darauf hinauslaufen. Während des Fluges habe ich nur vier Wanderer, meinetwegen auch Pilger, gezählt. Völlig überraschend spuckt das Gepäckband jedoch überwiegend Rucksäcke aus. Die Rucksäcke liegen so dicht auf dem Band, da ist Zählen zwecklos. Große und kleine, alte, neue, überwiegend ganz neue. Vermutlich hat der Großteil der Rucksäcke noch keinen Kilometer Frischluft geschnuppert. Es sind so viele, dass ich prompt den falschen Sack vom Band abgreife, was sich aber schnell klärt.

    Im Bus nach Pamplona stellt sich dann raus, dass der Großteil heute noch weiter will. Entweder bis nach Roncesvalles in den Pyrenäen, oder sogar bis Saint-Jean-Pied-de-Port in Frankreich. Das ist der „offizielle“ Startpunkt des Caminos. In Saint-Jean muss man anfangen, wenn man den ganzen Camino machen will, werde ich noch im Bus belehrt. Von mir aus, soll jeder machen wie er will. Ich fange in Pamplona an. Streng genommen fängt eine Pilgerung nach Santiago an der eigenen Haustür an, alles andere ist weder Fisch noch Fleisch. Vermutlich werde ich mir mit dieser Einstellung nicht besonders viele Freunde auf dem Weg machen. Das Gesicht meines Gegenübers spricht jedenfalls Bände.

    Zu viert, der Rest ist uns irgendwie durch die Lappen gegangen, landen wir am späten Nachmittag in der Herberge. Junge, Junge! 140 Betten in einem Raum der sich über zwei Etagen erstreckt. Sauerstofftechnisch und akustisch wird das bestimmt ein Erlebnis.

    Rosi, Anfang 50 und eine "Kerkeling-Pilgerin", will sich aus verständlichen Gründen diese und auch alle anderen Herbergen nicht antun. Ich helfe ihr bei der Suche nach einem Zimmer und wir verabreden uns für den nächsten Morgen. Wir werden gemeinsam losziehen.

    Außerhalb der wilden Fiesta Anfang Juli, wenn mehr oder weniger besoffene Spanier und Touristen sich ein Wettrennen mit Stieren liefern, gibt sich die Großstadt am Fuße der Pyrenäen fast kleinstädtisch. Die Altstadt lässt mich jedenfalls vergessen, dass Pamplona eine der größten spanischen Industriestädte und die Hauptstadt Navarras ist.
    Leider muss ich gegen 22 Uhr 30 wieder in der Herberge sein, denn dann wird die Tür verschlossen. Raus kann man zu jeder Zeit, hinein nur, wenn man jemanden hat, der einem die Tür öffnet. Das kannte ich bisher nicht. Auf der Vía de la Plata hatten wir den Schlüssel, oder das Haus war immer offen.

    Bei Licht betrachtet, war es ein einfacher aber schnöder Anfang, denke ich, als ich dem internationalen Schnarchkonzert lausche und wegen Sauerstoffmangels nicht einschlafen kann. Irgendwas fehlt. Nur was? Vielleicht, das Abenteuerliche oder das Einzigartige.

    Dienstag, 29. April 2008 Aus meiner Haut kann ich nun mal nicht raus
    Etappe: Pamplona – Puente la Reina
    Tageskilometer: 28 Gesamtkilometer: 28
    Unterkunft: Herberge des Priesterseminars


    Ehemaliger Adelspalast bei Guendulán, Puerto del Perdón

    Rosi hole ich wie abgesprochen um halb neun vor ihrem Hostal ab. Um diese Uhrzeit sind wir bei den Letzten, die sich auf den Weg aus der Stadt machen. Völlig überraschend holen wir Christiane und Sebastian noch innerhalb der Stadtgrenzen ein. Ja Leute, es bringt nichts, wenn man früh aufsteht und die gewonnene Zeit in einer Bar wieder hergibt. Die beiden kennen wir aus dem Bus und aus der Herberge. Wir werden wahrscheinlich für heute zusammenbleiben. Abgesprochen haben wir das nicht, aber für den Anfang stimmt die Wellenlänge und zudem freue ich mich über ein bisschen Unterhaltung.

    Wenn hier schon Andrang wie beim Sommerschlussverkauf ist, kann ich mir auch die passende Begleitung raussuchen. Und genau hier beginnt für mich das kleine Abenteuer. Einzigartig ist es eh. Mit vielen anderen Menschen wandern, eventuell über mehrere Tage, das war für mich nicht vorstellbar. Mit einer Person, meist meine Frau, oder wie im letzten Jahr 900 km mit Martín, einer spontanen Bekanntschaft vom Weg, dass macht mir Spaß. Aber das hier wird wirklich eine Premiere: Wir sind zu viert. Altersmäßig reicht das von Ende zwanzig bis Mitte fünfzig. Der gemeinsame Nenner, der uns zusammen gebracht hat, ist die Anreise und das Ziel. Wir wollen alle nach Santiago.

    Christiane war schon im letzten Jahr dort, allerdings auf einer verkürzen Strecke und muss diesmal nicht unbedingt Santiago erreichen. Wenn’s hinhaut ist’s schön, wenn nicht, na ja. Sebastian ist genau wie Rosi blutiger Anfänger und hat mehr Gottvertrauen als Wandererfahrung. Rosi hat überhaupt keine und wird zwischendurch mal den Bus nehmen. Sie ist in dem Punkt ganz realistisch. Alles zu Fuß wird sie niemals schaffen. Es liegt nicht nur an mangelnder Kondition, gesundheitlich ist die Frau auch nicht ganz auf der Höhe. Rosi ist sogar ein ganzes Stück weit davon entfernt, jedenfalls weiter als die meisten auf dem Weg.

    Nach nur drei Stunden beende ich das Gruppenexperiment. Es funktioniert nicht. Ich kann das nicht. Da wird hier ein Umweg gemacht weil jemand noch Wasser oder ein Brot braucht; dann taucht ein Fotomotiv auf, das nach einem Gruppenfoto schreit. Dabei mag ich Fotos mit Menschen vor Landschaften nicht. Entweder Landschaft, Gebäude oder Mensch. Alles kann nicht im Mittelpunkt stehen. Als nächstes wird eine Pause angeregt, meist nach kurzem Aufstieg, oder um auf die unvermeidlichen Nachzügler zu warten. Kurz, wir kommen nicht voran.

    Wie oben schon geschrieben: schon nach drei Stunden habe ich mich aus dem Staub gemacht. Ich will und kann das nicht. Für eine Wanderung von knapp 30 Kilometer brauche ich keine fünf Pausen. Eine reicht vollkommen – wenn überhaupt. Auch muss ich mein Tempo gehen können, und das ist nun mal etwas höher als bei vielen.

    Mit Rosi war das so abgesprochen. Uns war klar, das ich ihr davonlaufen werde. Nur gemeinsam aus der Stadt raus, dann würde sie schon klarkommen. Sebastian und Christiane lasse ich bei einer Pause zurück. Die zwei wollen auf Rosi warten, die am Aufstieg zum Perdón-Kamm weit zurück gefallen ist.

    Und hier, kurz vor dem Nest Zariquigui, beginnt meine Wanderung. Endlich kann ich mein Tempo gehen. Endlich kann ich mir den Frust über die abgebrochene Portugal-Tour von der Seele laufen. Die latent schwebende Wut, die sich über den ganzen Morgen langsam aufgestaut hat, lässt sich jetzt wunderbar in Grund und Boden laufen. Nein, die Wut kommt nicht von den Dreien, die kommt vom Massenandrang.

    Das ist hier wie beim Volkswandertag, die ich meide wie die Pest. Wie Ameisen, mal alleine, mal als Paar, oft als Gruppe ziehen die Pilger, und als solche verstehen sich fast alle hier, übern Camino. Bis auf zwei Spanier, die ohne Gepäck unterwegs sind, überhole ich alle. Spanier, natürlich meine Landsleute, viele Franzosen, Engländer und Asiaten. Man hört es beim Grüßen oder sieht es ihnen an woher die Menschen kommen Es ist unbeschreiblich wer hier alles unterwegs ist. Auf der Passhöhe Puerto del Perdón zähle ich fast dreißig meist erschöpfte Wanderer, die sich hier auf immerhin 800 Meter den kühlen Wind um die Nase wehen lassen.

    Ohne Pause weiter. Gehen, einfach nur gehen. Mit niemanden reden müssen, ein paar kurze Stopps für ein Foto oder den Schluck aus der Wasserflasche. Irgendwann verraucht dann auch meine Wut. Immerhin bin ich ein Teil dieses Herdenauftriebs, was mich erwartet wusste ich ja schon im Voraus.


    Eunate

    Eunate ist das Paradies, denn Eunate liegt nicht am Camino Francés, jedenfalls nicht am Hauptweg. Nur wer den Aragonesischen Weg nimmt und am Somport-Pass startet kommt hier direkt vorbei. Das machen zum Glück nur wenige, die 4 Kilometer Umweg, das Verlassen des Navarrsichen Weges, der Hauptroute, schrecken ab. Die große Masse kommt nun mal über den Navarrischen Weg, somit über Pamplona und lässt folglich Eunate links liegen.

    Eunate, das ist eine kleine romanische Kirche, die einsam und abgelegen inmitten von Feldern und Weinhügeln liegt, deren Ursprung immer noch nicht ganz geklärt ist. Weder sind die Bauherren bekannt, noch der Anlass warum ausgerechnet hier, weitab vom Schuss, dieses Bauwerk errichtet wurde.
    Mir soll es egal sein, denn Eunate gehört nur mir alleine. Nach einer kurzen Besichtigung, groß ist das Kirchlein ja nicht, auch zähle ich nicht zu denen, die andachtsvoll vor jedem romanischem Bogen verweilen, lege ich mich auf die Wiese.

    Es ist ruhig hier. Keine Gerede, keine Stöckeklappern, kein Radfahrer, der mit lautem Ruf auf sich aufmerksam macht. Nichts! Wenn auf der nahen Straße nicht hin und wieder ein Auto vorbeifahren würde, wären das Zirpen der Grillen und gelegentliches Vogelgezwitscher die einzigen Geräusche. Über allem ein blauer Himmel, der von ein paar weißen Wolken aufgelockert wird. Hier könnte man länger bleiben. Ich weiß nicht ob ich eine halbe Stunde oder eine ganze auf der Wiese gelegen habe. Es hat jedenfalls gereicht, um mich mit dem Tag und Weg zu versöhnen – jedenfalls für den Rest des Nachmittags.

    In Obanos treffe ich wieder auf den Hauptweg. Ab jetzt gibt es keinen Aragonesischen Weg oder Navarrischen Weg mehr. Hier beginnt der eigentliche Camino Francés. Von hier sind es nicht ganz 700 Kilometer bis Santiago. Vermutlich werden die nächsten Tage so werden wie der erste: Voll und laut, dafür aber internatonal. Die Bettenbelegung der Herberge in Puente la Reina ist so international wie die Vollversammlung der Vereinten Nationen. Wenn man kein Menschenfeind ist, wird es bestimmt nicht langweilig.

    „He du, ja du!“ ruft eine Frau quer durch den Garten der Herberge. Sie meint tatsächlich mich, denn sonst steht niemand in Rufrichtung. Die Ruferin hört auf den Namen Maria, ist etwas älter als ich und will ebenfalls nach Santiago. Wohin auch sonst.


    Puente la Reina

    Maria und ich haben den Camino gemeinsam gemacht (hier passt das Wort) ohne ihn zusammen zu gehen. Von den vielen hundert Kilometern zwischen Puente la Reina und Santiago de Compostela sind wir noch keine fünf Kilometer Seit’ an Seit’ gewandert. Wir haben oft in unterschiedlichen Herbergen genächtigt; sind immer zu unterschiedlichen Zeiten in den Tag aufgebrochen; aus verschiedenen Töpfen satt geworden und haben fast immer ganz andere Menschen getroffen. Wir sind noch nicht mal gemeinsam angekommen, sie war einen Tag vor mir am Ziel. Na ja, eigentlich nur eine Stunde. Und trotzdem: Wir waren meist zusammen unterwegs.
    Vermutlich hat Maria mir den Camino gerettet. Nicht, dass sie das ahnt oder gar weiß, und erfahren muss die Frau das auch nicht. So, damit verschwindet Maria fürs Erste wieder in der Versenkung. Sie wird wieder auftauchen, wenn es sonst nichts zu erzählen gibt, dann aber „am Stück".
    Geändert von Werner Hohn (31.03.2013 um 13:15 Uhr) Grund: Fotos aus der Galerie neu hochgeladen

  11. Erfahren
    Avatar von schlafsack
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    AW: [PT, ES] Drei Caminos und ein Vorspiel im Sand

    #11
    Auch wenn ich nicht wirklich ein "Südmensch" bin, muss ich sagen, dass dein Bericht an den Prototypen eines optimalen Reisebrichts nah herankommt. Persönlich, witzig, mit Bildern, kurz, einfach gut. Bitte lass die Pause bis zum nächsten teil nicht so lang werden, bittebitte.

    hannes
    Wir nehmen den längeren Weg, damit uns länger die Füße weh tun!

  12. Erfahren
    Avatar von outdoorfeelinggermany
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    AW: [PT, ES] Drei Caminos und ein Vorspiel im Sand

    #12
    Sehr schön Werner der Bericht gefällt mal wieder, der Schreibstil ist super!! Und nochmal vielen Dank für dein Mitbringsel
    Aber der Camino frances scheint ja tatsächlich ne ziemliche "Autobahn" zu sein...

    Liebe Grüße, Tobi
    Leukämie kann jeden betreffen !!! Bitte jetzt helfen unter www.dkms.de !

  13. Fuchs
    Avatar von KuchenKabel
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    AW: [PT, ES] Drei Caminos und ein Vorspiel im Sand

    #13
    Der Beschnitt deiner Fotos gefällt mir immer besser. Passt zum Textfluss und verschönert das Gesamtbild ungemein!
    ,,Man wäre kein guter Anarchist, wenn man auf Grundsätzen beharren würde!'' - Eva Demski

  14. Erfahren
    Avatar von carola_trekking
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    AW: [PT, ES] Drei Caminos und ein Vorspiel im Sand

    #14
    super geschrieben, macht unheimlich Spaß zu lesen!

    Deine Beschreibung der Menschenmassen ist sehr gut. Wir sind damals am Somport- Pass gestartet. Die ersten Tage waren ein wundervolle Wanderung - bis uns in Puenta la Reina der Schock der Massen ereilte!

  15. Gerne im Forum
    Avatar von Alfadis
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    AW: [PT, ES] Drei Caminos und ein Vorspiel im Sand

    #15
    Auch mir gefällt dein Schreibstil sehr gut, es macht richtig Lust auf mehr!

    Ich warte schon gespannt auf die Fortsetzung.

  16. AW: [PT, ES] Drei Caminos und ein Vorspiel im Sand

    #16
    Danke für die Blumen. Es wird trotzdem nur langsam hier voran gehen. Zurzeit habe ich einen 10 bis 12 Stunden Arbeitstag, da fehlt schon mal die Motivation.

    Werner
    Geändert von Werner Hohn (13.07.2008 um 18:25 Uhr)

  17. AW: [PT, ES] Drei Caminos und ein Vorspiel im Sand

    #17
    Mittwoch, 30. April 2008 Lauter Überraschungen
    Etappe: Puente la Reina – Los Arcos
    Tageskilometer: 42 Gesamtkilometer: 70
    Unterkunft: „La Fuente - Casa de Austria” der Österreichischen Jakobusbruderschaft


    Cirauqui, Kloster Irache


    Nur der Widerhall meiner Schritte ist in der langen Gasse zu hören. Es sind tatsächlich nur meine Schritte, denn alle anderen sind schon weg. Die Gasse führt zur Brücke der Königin, über die Puente la Reina verlassen wird. Obwohl der Zeiger der Uhr die Sieben schon hinter sich gelassen hat, ist um diese Zeit von den Einheimischen noch nichts zu sehen. Die meisten werden noch im Bett liegen, was man von meinen Mitbewohnern in der Unterkunft nicht behaupten kann.
    Die ersten waren schon vor 5 Uhr auf den Beinen, um nach geräuschvollem Packen ihres Rucksacks ihrem Tagesziel entgegen zu eilen. Nur, wo mag das liegen? Wenn ich mich gestern Abend nicht verhört habe, wollen die meisten bis Estella. Mein Gott, das kann doch nicht wahr sein, bis zu dem Städtchen am Rio Ega sind es keine 22 Kilometer. Wollen die alle zu den Öffnungszeiten der Geschäfte (meist zwischen 9 und 10 Uhr) schon da sein. Vermutlich habe ich zum ersten Mal den Start zum „Bettenrennen“ erlebt. Davon habe ich einiges gelesen, meist im klagenden, ablehnenden Ton. Die Front der Neinsager soll ja groß sein, aber eine Absage wegen Teilnehmermangel hat es noch nicht gegeben.
    Nur, wo sind die Leute jetzt? Die müssten alle vor mir sein. Auf weiter Flur bin ich alleine unterwegs. Einzig ein halbes Dutzend Spargelstecher, die gegen den drohenden Sonnenaufgang um die Wette arbeiten, sind zu sehen, sonst weit und breit keine Menschenseele.

    Das frühe Losgehen hat auch seine Vorteile. So früh am Morgen ist es noch schön kühl und die Erde sieht wie frisch gewaschen aus. Doch der Kraft der Sonne werden Tau und die kühle, frische Luft nicht lange widerstehen können. Immerhin ist das hier Spanien.

    Trotzdem die Frage bleibt: Wo sind die vielen Pilger, Radfahrer, Wanderer, Urlauber? Immerhin waren die Herbergen in Puente la Reina fast voll, die wenigen Hostals angeblich auch. In Mañeru dann endlich zwei Franzosen im Schneckentempo. Auf dem schönen Weg, der durch die Wiesen und Weinberge nach Cirauqui hinauf führt, bin ich wieder alleine. An der Bäckerei im mittelalterlichen Städtchen werden Tische und Stühle in die wärmende Sonne geschoben; jedoch sitzt keiner meiner Kollegen von gestern Abend hier bei einem Kaffee. Der steile Aufstieg im Zickzack durch den Ort muss für ein kleines Wettrennen mit einer alten Frau herhalten. Beinahe hätte ich verloren, der Duft der warme Brote in ihrer Einkaufstasche hat zu sehr abgelenkt.
    Aha, an der Brücke aus dem Mittelalter wieder ein Wanderer, kurz darauf noch jemand. In Lorca sitzen vier auf der Mauer vor der Dorfkirche und drei Holländer wollen schon jetzt in die Herberge (und werden abgewiesen). In Villatuerta überhole ich Maria mit ihrem Begleiter, die beinahe 3 Stunden vor mir gestartet sind. Viel mehr ist nicht. Es tröpfelt nur so vor sich hin, obwohl es Pilger regnen müsste. Sitzen die alle in den Bars bei Cafè con Leche und Bocadillo?

    Noch vor Mittag bin ich in Estella. Nach einen kurzen Stadtrundgang bin ich der Meinung, dass das Städtchen so toll nicht ist, um den ganzen Nahmittag hier zu vertrödeln und ändere mein Tagesziel auf Villamayor de Monjardín am Fuß des 900 Meter hohen gleichnamigen Hügels.


    Die Weinquelle // Vor Los Arcos

    Sogar am kostenlosen Weinbrunnen, der Brunnen wird vom Weingut des Klosters Irache unterhalten, bin ich alleine. Nun bin ich aber wirklich platt. Hier, wo der Wein in Strömen, in Wahrheit ist es noch nicht mal ein Rinnsal, aus der Wand fließt, an diesem Ort, zu dem alle wollen, von dem jeder erzählt, hier an dieser Wand, die Tag und Nacht von einer Webcam belästigt wird, also wirklich, hier ist niemand. Nur ich. Toll, ein kostenloser Weinbrunnen nur für mich! Klasse, ich trinke seit Jahren keinen Alkohol mehr. Nie, sogar dann nicht, wenn er kostenlos aus der Wand einer spanischen Weinkellerei rinnt. Aber auch an Menschen wie mich wurde gedacht, denn aus dem zweiten Hahn läuft kaltes Trinkwasser.

    Kühl ist es auch in der mächtigen romanisch-gotischen Kirche des Klosters. Der Kirchenraum kommt ganz ohne Schmuck und Ornamente aus und beeindruckt deshalb umso mehr. Nur nackter unverputzter Stein, dessen Konturen, die dort, wo das Licht der kräftigen Mittagssonne hinfällt, hell aufleuchten. Doch in den schattigen Ecken ist es bitterkalt, da braucht es schon einen Rundgang durch den Kreuzgang in dessen Innenhof sich die Wärme staut, um die Gänsehaut zu vertreiben. Außer mir ist niemand im Kloster, nur ein junger Mönch der mich durchgewunken hat.

    Es ist ein schöner und einsamer Weg bis Villamayor de Monjardín. Weil die Sonne unbedingt zeigen muss, zu welchen Leistungen sie im kommenden spanischen Sommer fähig sein wird, bin ich nach dem steilen Anstieg schweißgebadet und beschließe trotzdem mein heutiges Etappenziel noch mal zu ändern. Es ist erst 2 Uhr und das Höhenprofil in meinem Wanderführer verspricht für die nächsten 12 Kilometer bis Los Arcos einen einfachen Weg.

    Hinter Villamayor de Monjardín ändert sich die Landschaft schlagartig. Ein breites, sanft gewelltes Tal nimmt den Camino auf. Durch wogende, um diese Jahreszeit noch saftig grüne Getreidefelder, geht es nach Westen. Es ist schön hier. Das Auge findet Halt an den Hängen der Hügel links und rechts des Weges und kann doch in die Ferne schweifen.

    Hier sind dann endlich mehr Mitwanderer unterwegs. Viele sind es immer noch nicht, aber immerhin. Beim Kaffee, den ein geschäftstüchtiger Engländer aus seinem Wohnmobil raus verkauft, natürlich gegen Spende, er wird jedoch sauer, wenn die Spende zu niedrig ausfällt, machen sich einige Holländer Sorgen um den Schlafplatz für die Nacht. Deren Sorgen teile ich nicht. Woher sollen die Leute kommen, die mir das Bett streitig machen sollen?

    Donnerwetter! Ich bekomme das letzte Bett in der „Casa de Austria“ in Los Arcos, und das auch nur, weil jemand seine Reservierung nicht wahrgenommen hat. Dann erlebe ich eines der Wunder des Caminos: Obwohl einem die Wege tagsüber oft alleine gehören, platzen am Abend die Refugios aus allen Nähten. Meine Begleiter von vorhin kannten das schon, denn die hatten das schon vor Pamplona erlebt. Nach der österreichischen Herberge ist die belgische dran. Als die wegen Überfüllung ihre Pforten schließt, werden die Pilger an die Hostals und Hotels weitergereicht. Ein Bus mit Touristen, die immer nur ein paar Kilometer des Weges gehen, verschärft die Situation zusätzlich. Wanderer die abends kommen müssen den Bus nach Logroño nehmen. Die Alternative wäre das Schlafen unter freiem Himmel.

    Zu denen die den Bus nehmen müssen, gehört ein altes Ehepaar aus Norwegen, das ich vor Villamayor getroffen hatte. Die beiden sind mit ihren Nerven fertig. Morgen werden sie ihren Camino abbrechen. Beide sind schon über 70 und wollen sich das Wettrennen nicht zumuten.

    Welch' eine Überraschung! Nun bin ich mittendrin im berühmten Bettenrennen. Oder sollte das hier die große Ausnahme gewesen sein und das Gerede ist nur Panikmache? Irgendwie werde ich den letzten Gedanken nicht los, denn in den Bus nach Logroño steigen noch keine 15 Rucksackträger. Die zehnfache Menge hat im Ort eine Unterkunft gefunden und bevölkert nun die Bars und Restaurants.


    Donnerstag, 1. Mai 2008 Die Ellbogengesellschaft gibt sich ein Stelldichein
    Etappe: Los Arcos - Logroño
    Tageskilometer: 29 Gesamtkilometer: 99
    Unterkunft: Albergue de Peregrinos de Logroño (Gemeindeherberge)


    Sonnenaufgang hinter Los Arcos

    Was für ein schöner Morgen. Wie ein lichter, kaum wahrnehmbarer Schleier liegt dünner Nebel auf dem Land und verhindert, dass die aufgehende Sonne die Landschaft in harten Konturen zeichnet. Noch ist alles ganz weich, unscharf gezeichnet. So könnte jeder Morgen anfangen. Offensichtlich bin nicht nur ich dieser Meinung. Immer wieder bleiben die Menschen stehen und schauen sich um, einige machen schon jetzt ihre erste Pause, um das Unwirkliche dieser frühen Stunde auszukosten. Am gemächlichen Aufstieg ins kleine Dorf Sansol hat die Sonne die Oberhand gewonnen. Klar und grün liegen die Felder vor uns.

    Wortfetzen aus der halben Welt schwirren durch die Luft, denn an diesem Morgen sind viele unterwegs. Ein unaufhörlicher Strom zieht Richtung Logroño. Obwohl ich mich zur Nachhut rechne, bin ich von Menschen umgeben. Ohne Unterlass überhole ich Männer und Frauen; gelegentlich Einzelwanderer, dann wieder eine kleine Gruppe, sehr oft Paare. Meist sind es zwei Männer oder zwei Frauen, die sich gefunden haben. Gemischt sind wenige unterwegs, als ob der Camino einer Beziehung nicht gut tut. Vermutlich ist die Zusammensetzung aber nur Zufall. Ein paar Stunden weiter kann das wieder ganz anders aussehen.

    An der kleinen achteckigen Kirche Santo Sepulcro in Torres del Rio rennen alle vorbei. Auch hier wieder unverputzter Stein mit wundervoller Steinmetzarbeit an Säulen und Kapitellen. Die Frau mit der Schlüsselgewalt knöpft mir einen Euro ab, drückt mir ein Faltblatt in die Hand, donnert krachend den Stempel in meinen Pilgerausweis und will mir was erzählen. Aus ist es mit der Ruhe und ich weg.

    Mittags mache ich in Logroño vorzeitig Schluss. Ursprünglich wolle ich noch 2 bis 3 Stunden gehen, aber zum Einen stecken mir die 40 Kilometer von gestern in den Knochen und zum Anderen reiht sich vor der noch verschlossenen Herberge ein Rucksack neben den anderen. Kurzentschlossen stelle ich meinen ans Ende der Schlange und harre der Dinge die da kommen werden. Es geht locker zu, denn wir alle haben einen sicheren Schlafplatz und den ganzen Nachmittag Zeit für eine, wenn auch wenig aufregende Stadt. Mein Rucksack ist die Nummer 45 in der Reihe. Als die Herberge eine Stunde später öffnet, sind es schon 100. Die Gemeindeherberge hat jedoch nur 96 Betten. Schon sind die ersten hämischen Kommentare zu hören.

    Später setzt sich das fort. Das Lockere, Entspannte von heute Mittag ist wie weggeblasen. Beim Wäschewaschen mokieren sich die Spanier über den Riesenandrang der Deutschen. Die wiederum hoffen, dass nach den Feiertagen die Spanier verschwunden sind, damit die „uns“ die Betten nicht wegnehmen. Ununterbrochen geht das so weiter. Meckern, Maulen, Besserwissen. Einigen Frauen für die wegen Überfüllung kein Platz mehr ist, werden sehr unschöne Kommentare nachgeschickt. Immerhin leise, aber ich sitze direkt daneben, und ich bin entgegen der Vermutungen meiner Banknachbarn kein Spanier.


    Sansol // Rucksäcke vor der Herberge in Logroño

    Am nächsten Tisch sitzt eine Runde, die sich das Buch von Kerkeling vorgenommen hat. Da wird akribisch nach Fehlern gesucht, und natürlich auch gefunden. Dann wird bezweifelt ob der Komiker überhaupt auf dem Weg war, sogar seine Autorenschaft wird in Frage gestellt. Da sitzen sie, die Besserwisser und die Alleskönner, Männer, es sind tatsächlich nur Männer in meinen Alter, die sich kein X für ein U vormachen lassen und nichts Besseres zu tun haben, als sich endlos über ein Buch auszulassen. Himmel Gott noch mal. Ich bin auch kein Freund von der Schwarte, aber muss man sich wirklich ernsthaft darüber echauffieren? Das Buch beschreibt eine Wanderung, die vor sieben Jahren stattfand. Seitdem hat sich sehr viel geändert; und mit Sicherheit hat der Autor sich hier und da kleine schriftstellerische Freiheiten genommen.

    Auf einer Bank im Schatten sitzen zwei junge Mädchen aus Korea und bewachen ihre Wäsche, die in der Sonne brutzelt. Ja, wirklich, aus Angst die könnte geklaut werden, werfen die ein Auge auf die paar Klamotten. Mädels, wer soll sich an Wäsche eurer Größe vergreifen?

    Andere hecheln ihr Berufsleben rauf und runter und unweigerlich taucht die Frage nach dem Beruf des Gegenüber auf. Die Folge ist, dass lautstark der meist langweilige Arbeitsalltag erklärt wird. Heldentaten gegen den Chef machen die Runde und selbstverständlich sieht sich jeder als Leistungsträger, der die Firma am Laufen hält. Mann, Frau, könnt ihr nicht ohne die Arbeit?

    Der Ölpreis, die Krankenkassen, die Politik, kurz, der ganze Alltag aus der Heimat haben viele unbemerkt mit in den Rucksack gesteckt. Hoffentlich bleibt der ganz Müll, jetzt wo er ausgepackt ist, auch hier zurück.

    Das Pflegen der Vorurteile feiert fröhliche Urstände, denn am nächsten Tisch wird mal wieder auf die Spanier eingedroschen, verbal, was sonst. Was haben die denn hier zu suchen? Und überhaupt, wo die auftauchen ist es immer laut. Die feiern bis nach Mitternacht; und viel schlimmer, die halten sich gegenseitig die Betten frei.
    Dafür stehen die Deutschen viel zu früh auf, sind zu laut (immerhin eine Gemeinsamkeit), zu diszipliniert und nehmen uns Spaniern die Betten weg, höre ich von der anderen Seite. Auch Spanier können sich endlos über ihre Nachbarn auslassen.

    Dass ist das große, alles verbindende Thema, der angebliche Mangel an Betten. Vermutlich ist das auch die Ursache für die schlechte Laune. Der größte anzunehmende Unfall der einem Pilger der Gegenwart zustoßen kann, ist, dass er kein Bett in einer Herberge bekommt. Hotels, Hostals, Pensionen? Nä, auf keinen Fall, da schläft man als Pilger nicht! Warum eigentlich nicht? Und eine Nacht unter freiem Himmel? Bloß nicht drüber nachdenken. Überwiegend sind hier Leute unterwegs, die das kleine Abenteuer suchen. Aber bitte mit Rückversicherung, wie beim Pauschalurlaub. Das geht so weit, dass gar nicht mal so wenige am nächsten Tag den Bus nehmen wollen, um den Weg aus der Stadt raus zu überbrücken; und wenn es warm wird kann man ja auch die halbe Etappe mit dem Bus fahren. Damit wäre dann auch gesichert, schon am Mittag ein Bett zu bekommen.

    Einfach aufs Geradewohl loslaufen und sich vom Tag überraschen lassen, dass können die Wenigsten. Der gestrige Abend in Los Arcos, wo die Herbergen schnell überfüllt waren, hat seine Spuren hinterlassen. Niemand gönnt seinem Nächsten ein Bett. Wer früh in der Herberge ist, wird schon mal pauschal als Bus- oder Taxifahrer verdächtigt.

    Die Herberge hat einen schönen Innenhof, in dem man entspannen oder neue Menschen kennenlernen könnte. Vermutlich sind viele nette Menschen im Haus untergebracht, nur ich habe das Pech, dass die im Augenblick nicht da sind, wo ich gerade bin. Oder bin ich mal wieder nur auf das Negative fixiert? Will ich unbedingt meine Vorurteile über den Camino francés bestätigt sehen?

    Beim Einschlafen in einem mal wieder völlig gegen die frische Nachtluft verriegelten Schlafsaal fällt mir auf, dass ich seitdem ich den Rucksack aufs Bett geworfen habe, mit niemanden geredet habe.


    Freitag, 2. Mai 2008 Wer redet kommt auch ans Ziel
    Etappe: Logroño - Azofra
    Tageskilometer: 38 Gesamtkilometer: 137
    Unterkunft: Albergue de Peregrinos de Municipal de Azofra (Gemeindeherberge)


    Friedhofsportal in Navarrete // Gegensätze // Altstadt Nájera


    Mit dem Menschenauflauf werde ich mich abfinden müssen. Weil ich auch heute wieder zu den Letzten gehöre, die sich auf den Weg machen, werde ich vermutlich viele auf dem Weg wiedersehen, denn alle sind vor mir.
    Einige Punkte sprechen eindeutig dafür: Mein Wandertempo ist viel höher und ich mache nur eine Pause – wenn’s sein muss auch mal eine zweite. Die große Masse bewegt sich im mehr oder weniger gleichen Tempo, macht auch öfter am Tag Pause beim obligatorische Café con Leche, trifft also überhaupt nicht auf die große Masse und wundert sich nachmittags wo die Leute alle herkommen.

    Am Stadtrand höre ich mit dem Zählen auf, das bringt nichts. Dreißig sind es bis hierher schon. Ein Ehepaar aus Norddeutschland schüttelt auch nur den Kopf und wir haben für ein paar Minuten Gesprächsstoff. Später hält ein Österreicher einige Meter mit, abgelöst wird er von einem französischen Ehepaar. Die übliche Frage nach dem Woher, damit ist sowohl das Heimatland, der Startpunkt der Wanderung sowie der heutige Start gemeint. Das scheinen die Standardfragen zu sein. Fragen, von denen man sich einfangen lassen kann, auf die vielleicht ein längeres Gespräch folgt. Anderseits sind diese Fragen so selbstverständlich, dass man nach kurzer Antwort weiterziehen kann ohne den Gegenüber zu verletzen.

    Zusammen mit einer Norwegerin wundere ich mich über das Portal, das uns den Zugang zum Friedhof von Navarette versperrt. Viel zu groß und viel zu aufwändig für einen kleinen Friedhof. Eine spanische Mitwanderin klärt uns auf. Das ist das ehemalige Portal des Pilgerhospitals von San Juan de Acre. Wir hätten auch in unsere Bücher schauen können, aber wenn’s einem so nett erklärt wird ... wofür hat man denn Mitpilger.

    Auf einigen Strecken treten sich die Menschen fast in die Hacken, auf anderen sieht man weit und breit niemanden. Eine junge Koreanerin wird überholt. Langsam, mürrisch, trotzig schlappt sie dahin. Kein Gruß, nichts. Junge ist die schlecht gelaunt. Die gehört bestimmt zu der koreanischen Schulklasse, die auf dem Weg sein soll. Laut Gerüchteküche gehen die Schüler auf eigene Faust, nur jeweils ein Lehrer und eine Lehrerin halten die lockeren Zügel.

    Gerüchte! Was man nicht alles erfährt, wenn man mit den Menschen redet. Jemand erzählt, dass sich der Umweg über Ventosa lohnt. Nun dann, einfach mal nachschauen. Ventosa ist wie alle Dörfer hier: Klein, ein Dorfplatz, ein Brunnen, ein paar Sträßchen, auch die Bar fehlt nicht und eine Herberge. Lohnenswert? Keine Ahnung, jedenfalls eine Abwechslung zur monotonen Staubpiste neben der Nationalstraße.

    Als ich wieder auf die Hauptroute stoße, laufe ich Hermann über den Weg. Hermann kommt aus dem Allgäu, ist über dreißig, oder auch nicht, schafft in einem Krankenhaus, ist begeisterter Hobbygärtner, macht „so etwas“ zum ersten Mal und hat sich auf bemerkenswerte Weise auf den Weg vorbereitet. Hermann hat seinen Garten mit der Hand umgegraben, schließlich gibt das Muskeln an Schulter und Rücken.
    Hermann passt. Er ist der Typ von denen die Welt mehr braucht. Hermann gehört zu den Menschen, die die Welt völlig locker sehen. Er hat nur ein Problem, Hermann baut Spargel im Allgäu an, und darüber macht er sich einen Kopp. Denn damit gehört er einer Minderheit an. Seine größte Sorge gehört dem Spargel, zur Erntezeit wird er nicht in seinem Garten sein. Andere Sorgen treiben ihn im Augenblick nicht um.


    Vor Azofra // Notunterkunft in Azofra


    Das er in Los Arcos seinen Personalausweis verloren und nur dank eines aufmerksamen Einwohners wiederbekommen hat, nimmt er als gottgegeben hin; ebenso, dass er sein Credencial, den Pilgerausweis ohne den er kein Bett in einer Herberge bekommt, weg ist, stört ihn nicht. Irgendwie hat er erfahren, dass sein Ausweis in der Herberge von Logroño sein soll. Das stimmte schon, weil er aber einen Tag zu spät ist, hat die Finderin Hermanns Pilgerausweis mitgenommen und will den in Nájera in der dortigen Herberge zurück lassen. Hermann ist also auf dem Weg nach Nájera, genau wie ich.

    Immerhin kann das Städtchen am Fluss Najerilla neben einer kleinen Altstadt mit einem sehenswerten Kloster aufwarten. Beides will ich mir ansehen. Für einen Nachmittag wird’s schon reichen. Auf der Brücke ändere ich mal wieder meine Planung. Es geht weiter nach Azofra, denn die Unterkunft hier öffnet erst um 16 Uhr. Wohin mit dem Rucksack? Vor der Herberge lassen, oder während der Besichtigung mitschleppen? Beides passt mir nicht. Na dann eben weiter. Hermann muss zur Herberge, um dort seinen Pilgerausweis abzuholen. Schade, er ist ein netter Kerl.

    In der Altstadt findet ein historischer Markt statt. Klasse, ich dachte schon ich müsste bis Azofra hungern. Das Kloster ist leider verrammelt. Warum überrascht mich das schon nicht mehr? Vermutlich, weil beinahe jede Kirche und Kapelle hier verschlossen ist. Für einen Pilgerweg ist das schon seltsam.

    Nicht nur die Landschaft ändert sich nach dem Aufstieg, der aus der Stadt rausführt, plötzlich bin ich alleine unterwegs. Nicht ganz, aber fast. Mal wieder eine Koreanerin, auch die ist in einem eigentümlichen Trott unterwegs. Immerhin grüßt sie zurück, wenn auch mürrisch. Die letzte halbe Stunde bleibe ich bei einem Spanier hängen. Schweigend, sogar träumend, so kommt es ihm vor, ziehen wir durchs hügelige Ackerland. Der Blick über die Weinreben bis zu den mehr als 2.000 Meter hohen schneebedeckten Bergen, die aus der kastilischen Hochebene ragen, ist genug Unterhaltung.

    Um 2 Uhr sind wir da. Verwundert stelle ich fest, dass ich 38 Kilometer ohne Pause gegangen bin, ich das letzte freie Bett im Ausweichquartier bekomme und das einige Leute, die gestern in Logroño waren, vor mir eingetroffen sind. Sie sind einen großen Teil der Strecke mit dem Bus gefahren. Immerhin machen sie kein Geheimnis draus. Der moderne Pilger fährt halt gelegentlich Bus. Warum nicht, mir ist’s egal.

    Wir sind zu zehnt in der ehemaligen Schule, die als Ausweichquartier dient. Wir, das sind ein paar Deutsche, eine Holländerin, ein Ire und ein Südkoreaner. Zusammen mit meinen Landsleuten sitze ich abends beim Pilgermenu und quatsche über die Arbeit, die Politik, den Ölpreis und den Müll, den man aus der Heimat mitschleppt. Hermann ist auch da und endlich hat er seinen Pilgerausweis wieder. Vermutlich hat er nie daran gezweifelt.

    Angekommen? Noch nicht ganz, aber es wird.
    Geändert von Werner Hohn (31.12.2015 um 16:57 Uhr) Grund: Hoffentlich die letzte Korrekturrunde!

  18. Dauerbesucher
    Avatar von Coenig
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    AW: [PT, ES] Drei Caminos und ein Vorspiel im Sand

    #18
    Hast Du eigentlich schon einmal überlegt ein Buch zu schreiben? Genau diese Art der Reiselektüre habe ich mehrfach erfolglos in Buchläden gesucht...

  19. Fuchs
    Avatar von KuchenKabel
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    AW: [PT, ES] Drei Caminos und ein Vorspiel im Sand

    #19
    [...]bin ich nach dem steilen Anstieg scheißgebadet[...]
    Das hoffen wir mal nicht .
    Trotzdem: Weiter so!
    ,,Man wäre kein guter Anarchist, wenn man auf Grundsätzen beharren würde!'' - Eva Demski

  20. AW: [PT, ES] Drei Caminos und ein Vorspiel im Sand

    #20
    Das mit dem "schei....." war nur ein Test. Wollte mal sehen ob es gelesen wird. Nee, danke für den Hinweis. Ich schieb's mal aufs Alter. Irgendwann werden dann auch noch die anderen Fehler verschwinden.

    Ein Buch? Hm, ich weiß nicht. Es sind jede Menge Bücher übern Jakobsweg im Handel, und wer es nicht schafft eine Verlag zu finden, macht es als Book on Demand. Wem das noch zu teuer ist, der bastelt sich eine HP oder bietet ein PDF an.

    Werner

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