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  1. Lebt im Forum
    Avatar von Sarekmaniac
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    Schon mal verirrt?

    #1
    Ich habe jetzt nicht so intensiv die Suche bemüht, aber es scheint dazu bei ODS tatsächlich keinen Faden zu geben...

    Ich bin heute auf einen wirklich sehr lesenswerten Artikel in der FAZ gestoßen:

    Verirrte Menschen - Das Labyrinth im Kopf

    Richtig erschüttert hat mich die Geschichte im letzten Absatz, von dem vierjährigen Jungen und den "einäugigen Monstern".

    Ich selbst habe mich - toi toi toi - noch nie so "richtig" verirrt, aber an Gelegenheiten, das man sich versteigt, verläuft, an "Umkürzungen" scheitert etc. erinnere ich mich reichlich. Auch solche, wo man im Nachhinein, auch wenn es gut ausgeht, sieht, wie schnell etwas kippen kann, und die Selbsthilfe/Selbstrettung nicht mehr klappt. So eine Geschichte habe ich vor Jahren mal in anderem Zusammenhang im Winterforum erzählt, ich kopiere das mal hier rein:

    Zitat Zitat von Sarekmaniac Beitrag anzeigen
    Kleine Fallstudie:

    Wenn die Finger eiskalt sind, ist es nicht mehr einfach oder sogar unmöglich, ein GPS zu bedienen. Und um von einem Standort aus einen Kurs zu definieren um (idealerweise in einem annähernd rechten Winkel) auf eine Auffanglinie zu stoßen, z.B. eine markierte Route, die zur Hütte führt, sollte man in der Lage sein, die benötigte Zielkoordinate jenseits der Ziellinie zackzack einzugeben, im Stehen, im Wind, ohne nochmal überlegen zu müssen was jetzt zuerst kam, Hochwert oder Rechtswert. Oder man macht nur eine Standortbestimmung, und nimmt mit einem Kompass den Kurswinkel von der Karte ab. Dann sollte man aber in der Lage sein, mit dem Kompass auch ohne jegliche Sicht Kurs zu halten.

    Auf unserer Sylvestertour dieses Jahr in Rondane/Ringebu (zu zweit) hatten wir Sonnenaufgang 10 Uhr; Sonnenuntergang 14 Uhr, sind also immer im Stockdunkeln aufgebrochen und angekommen und z.T. mehrer Stunden nachmittags/abends im Dunkeln gelaufen.

    Am drittletzten Nachmittag haben wir fast eine dreiviertel Stunde lang im Dunkeln die Jammerdalsbu gesucht -sie war, wie wir später feststellten, 380 m falsch auf der Karte eingezeichnet. Die Hütte liegt mitten auf einer weiten, flach ansteigenden Bergflanke, in ebenmäßigem, unstrukturierten, unmarkantem Gelände, und ich hatte die Koordinaten von der Karte genommen.

    Wir erreichten den markierten Wegpunkt, und wussten nur, dass irgendwo ein Fehler vorliegt, aber nicht, wie groß er ist (die Hütte hätte ja auch 800 m oder mehr weg sein können, oder nur 100. Wir konnten exakt so weit sehen, wie meine Fenix-Lampe reicht - 25 m.

    Es war nur -14 Grad, wenig Wind, wenig Schneefall, ein wenig neblig, wir waren warm, auch nach 18 km recht munter, wir hatten Zelt, dicke Daunenjacken und dicke Schlafsäcke in der Pulka, konnten das also gelassen sehen. Wir waren halt nur sehr genervt, weil wir uns nach der schönen Hütte irgendwo direkt vor unserer Nase sehnten.

    Als erstes war das Nächstliegende auszuschließen - Faktor Mensch, falsche Koordinateneingabe. Also raus aus den dicken Handschuhen, Karte raus. Die hat es selbst bei dem bißchen Wind fast zerstört, denn im gefalteten Bereich waren keine eingedruckten Koordinaten zu sehen, also musste sie raus aus der Kartentasche, das geht nur mit dünnen Linerhandschuhen. Als ich mit der Positionskontrolle, einschließlich Verstauen der Karte fertig war, waren meine Finger erstmal im Eimer, kalt, taten weh und waren für 20 Minuten zu nichts mehr zu gebrauchen.

    Gefunden haben wir die Hütte nur, weil ich zufällig wusste (nicht auf der Karte verzeichnet) dass von einem Hotel (Masaplassen) aus, aus nordwestlicher Richtung Dauermarkierungen zur Hütte gesetzt sind. Wir kamen aus Nordost. Wir haben dann also ca. 400, 500 m den Hang gequert, bis wir die Markierung hatten und dann 500 schräg zurück bis zur Hütte. Ohne die Markierungen, ohne mein zufälliges Wissen (ich war da halt schon mal, 2007) und ohne Sicht hätten wir nur sinnlos rumstapfen können. bzw. wir hätten eben das Zelt aufgestellt, um dann am nächsten Morgen zum Frühstück in die Hütte umzuziehen. Ganz harmlose Geschichte, aber so kann es anfangen.

    Von der Temperatur jetzt 10 Grad abziehen, auf den Wind 15 m/sec draufschlagen. Kein Zelt und nur Hüttenschlafsack im Rucksack; keine Schneeschaufeln.
    Und einmal, da muss ich so etwa 12 oder 13 gewesen sein, bin ich allein ausgeritten und habe ich mich quasi "verritten". Ich weiß noch, dass ich ziemlich panisch geworden bin, aber am Ende ging es gut aus, weil das Pferd irgendwann keinen Bock mehr hatte und den Heimweg kannte Ich kam sogar noch halbwegs pünktlich zum Reitstall zurück, sodass niemand blöde Fragen stellte und ich dass Maleur geflissentlich verschweigen konnte.

    Wer von euch hat sich schon mal verirrt?

    Wie seid ihr aus der Situation herausgekommen, habt ihr euch selbst geholfen, musstet ihr gerettet werden?

    Erzählt mal!
    Geändert von Sarekmaniac (15.09.2020 um 22:43 Uhr)
    Wir sind alle ein wenig beim Leben zu Gast
    Das Leben ist reine Gewohnheit
    (Anna Achmatowa)

  2. Liebt das Forum
    Avatar von Becks
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    AW: Schon mal verirrt?

    #2
    Die spannendsten Bergtouren waren meist die, wo wir eine Abkürzung genommen haben.

    und die Tatsache, dass mich die Bergrettung bislang nur einmal rauszerren musste, spricht dafür, dass man viel anstellen kann, bevor es soweit ist. Das soll aber nicht heissen, dass die Tour zum Zeitpunkt, an der man sie ausreiten musste, so richtig lustig war. Die Freude über die Geschichten von damals kommen erst hinterher, wenn das Adrenalin weg ist.

    Eine - rückblickend verklärt - sehr hübsche Tour war z.B. die Obergabelhornüberschreitung mit Ant (war mal hier im Forum). Eigentlich eine eintägige Tour vom Arbenbiwak zur Rothornhütte, bei uns 29 Stunden mit Notbiwak, 150 Hm Abseilen durch eine Wand ohne Routen, ein paar lose Felsen mit 2-3 Kubikmeter, die nahe am Kopf durchrauschten, einem Ausrutscher im Firn, gebremst nur durch zwei kleinen Felsköpfchen am Rand, bevor es dahinter senkrecht 200m runter ging und noch so ein paar Sächelchen. Kollege Ant hat auf der Route seine komplette Höhenangst verloren, zusammen mit 8% Körpergewicht (6kg).


    So grinsen Becksis, wenn sie etwas mehr als einen Tag später als geplant auf einem Gletscher stehen und noch rund 6 Stunden Fussmarsch bis zum Auto vor sich haben, nachdem sie zuerst die Nacht davor im Biwakssack verbracht haben, nur um...


    ...am Tag danach sich mit GPS Hilfe über einen schmalen Grat zu hangeln und dabei heraus zu finden, ob man endlich die Wellenkupper erreicht hat, oder ob man doch nicht schon wieder nur auf einer Wechte irgendwo im Whiteout steht.
    Geändert von Becks (15.09.2020 um 23:14 Uhr)
    After much research, consideration, and experimentation, I have decided that adulthood is nothing for me. Thank you for the opportunity.


  3. Administrator
    Fuchs
    Avatar von sudobringbeer
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    AW: Schon mal verirrt?

    #3
    Verirrt.. Hmm... Das ist vielleicht ein grosses Wort aber ich habe mich schon häufiger recht "verloren" gefühlt.
    Das wenn ich entweder auf Ski oder Bergtour in anspruchsvollem Gelände im Whiteout (dichter Nebel oder Wolken auf Schnee) unterwegs war. Das fühlt sich so richtig bescheiden an und man muss wirklich komplett neu fokussieren. Habe ich in den Situationen ein GPS gehabt war es einfacher, mit nur Höhenmeser und Karte wird es schon spannend ohne all das bin ich auch schon einfach unseren Spuren wieder zurück gefolgt und hab zwei Stunden an einem sicheren Punkt gewartet bis der Nebel weg war,ansonsten wären wir alles wieder zurück...

    Ist schon ein sehr spezielles Gefühl finde ich im whiteout rumzustapfen und endlich auf einen Felsen zu hoffen den man irgdnwie auf der Karte glaubt wieder zu finden....

  4. Alter Hase

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    AW: Schon mal verirrt?

    #4
    lang den abstieg gesucht ist mir sicher schon öfter passiert, aktuell gerade lange am maningkogel rumgeiirt, bis wir endlich die richtige rinne zum runterkommen gefunden haben. oder in einer harmlosen plaisirtour im inntal den kurzen fußabstieg nicht gefunden , einmal den oben anschließenden bergrücken überschritten und mit dem taxi zurückgemusst.

    oder eine wunderschöne skitour gemacht, allerdings mit dem kleinen peinlichen beigeschmack, beim erreichen des gipfelkreuzes zu bemerken, dass das gar nicht der gipfel war, auf den wir eigentlich wollten....

    kann halt passieren, wenn plastikheinis auf die berge losgelassen werden....

  5. Erfahren

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    AW: Schon mal verirrt?

    #5
    Hab letztes Jahr in der Femundsmarka einmal ziehmlich die Orientierung verloren.

    Hab mein Zelt an einem See aufgestellt und bin von dort aus zum angeln. Aus dem See floss ein ca. 100m langer Fluss mit mehreren Nebenarmen in einen weiteren See. Ich bin also an dem Fluss runter und habe im unteren See weiter gefischt, dabei mit Wathose mehrere dieser Nebenarme gequert.

    Nach einigen Stunden dann am zuletzt überquerten Nebenarm wieder hochgelaufen und locker 20min lang mein Zelt gesucht.

    Irgendwann das Handy aus der Tasche gezogen und festgestellt das ich garnicht an dem See war an dem mein Zelt steht. Von diesem See aus ging ebenfalls ein Bach mit mehreren Armen in den unteren See. Ohne Handy und mit einsetzender Dämmerung hätte das noch ne Weile dauern können bis ich zurückgefunden hätte.

  6. Dauerbesucher
    Avatar von Zz
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    AW: Schon mal verirrt?

    #6
    Also richtig verirrt vermutlich eher nicht, aber sicherlich öfters die Orientierung verloren und mich dann mit Hilfe eine "Fanglinie" (Gewässer, Weg, usw.) wieder neuorientiert. Da war die Situation in finnisch Lappland beim Moltebeeren sammeln drei mal im Kreise gedreht und in welcher Richtung geht es nun zurück zur Hütte?? Da half nur noch der Kompaß und der Bach nahe der Hütte.
    Unübersichtliches Gelände im Övre Dividal zur Havgajokka, da war es ein Zaun der mich abfing und wieder auf den rechten Weg brachte.
    In den Alpen bei Schneefall vom Pfad abgekommen und in steiles Terrain gelangt. Keiner ist von uns ist abgestürzt, wir sind steil nach oben gekrabbelt und haben den Pfad wieder gefunden.
    Schweden im Winter und bei stürmischen Wind mit Schneefall den Weg und somit die Orientierung verloren, doch bevor ich mich entgültig verrannte, verirrte und ich wertvolle Kraft verlor, daß Zelt aufgestellt und alles war gut auch ohne Notraum. Am nächsten Morgen bei prächtigsten Sonnenschein erwacht. Da muß ich gleich an die zwei Brüder aus Finnland auf einer Wintertour denken, welche die Hütte nicht fanden, kein oder zu spät das Biwak errichten und einer trotz Notruf und Suchaktion verstarb einer von Ihnen.
    Nein, richtig verirrt habe ich mich vermutlich noch nicht, wenn ich es recht bedenke. Aber es gab diese und andere Momente, wo ich nicht mehr genau wußte wo ich war.
    Einen sonnigen Spätherbsttag ohne verirren allen,
    Z
    Geändert von Zz (17.09.2020 um 00:57 Uhr)

  7. Erfahren
    Avatar von Voronwe
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    AW: Schon mal verirrt?

    #7
    Zitat Zitat von SvenW Beitrag anzeigen
    Hab mein Zelt an einem See aufgestellt und bin von dort aus zum angeln. Aus dem See floss ein ca. 100m langer Fluss mit mehreren Nebenarmen in einen weiteren See. Ich bin also an dem Fluss runter und habe im unteren See weiter gefischt, dabei mit Wathose mehrere dieser Nebenarme gequert.

    Nach einigen Stunden dann am zuletzt überquerten Nebenarm wieder hochgelaufen und locker 20min lang mein Zelt gesucht.

    Irgendwann das Handy aus der Tasche gezogen und festgestellt das ich garnicht an dem See war an dem mein Zelt steht. Von diesem See aus ging ebenfalls ein Bach mit mehreren Armen in den unteren See. Ohne Handy und mit einsetzender Dämmerung hätte das noch ne Weile dauern können bis ich zurückgefunden hätte.
    Hab mich noch nie verirrt, kann mir aber gut vorstellen, wie schnell das geht. Im Wald (hier zu Hause um die Ecke) war ich schon ein paarmal froh, das GPS dabei zu haben. Und wie schnell man sich mit Richtungen vertuen kann, habe ich mal auf einem Orientierungslehrgang gelernt. Durch den Wald mit Kompass zu einem Ziel gehen - Unglaulich, wie schnell man denkt "Aber da geht es doch geradeaus" - Und der Kompass zeigt in eine ganz andere Richtung.

    Das mit dem Zelt habe ich hier mehrmals gelesen. Darf ich fragen, welche Farbe das Zelt hat? Hab neulich bei einer Zeltausstellung fast nur grüne gesehen und mir gedacht: Toll, im Gelände die perfekte Tarnung, von einem Stein nicht zu unterscheiden.
    "We aren't lost! We only don't know where we are!" - Cartman

  8. Erfahren

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    AW: Schon mal verirrt?

    #8
    Ist ein graues Tarptent Scarp gewesen das ist in Schweden auch recht gut getarnt.
    Wobei das widerfinden als ich dann am richtigen See war kein Problem mehr darstellte.

    Wenn das Zelt irgendwo recht versteckt steht und ich mich weiter entferne mache ich mir eigentlich immer eine Markierung im Handy/GPS. das hielt ich in dem Fall für unnötig weil das Zelt ja direkt am See stand und somit eigentlich problemlos auffindbar

  9. AW: Schon mal verirrt?

    #9
    Wan fängt verirren an? Meine Frau etwa meint sich verirrt zu haben, wenn sie gerade mal nicht weiß, wo auf der Karte sie ist (also eigentlich: immer ). Ich meine, verirren ist erst, wenn die Tour anders als geplant verläuft und Plan B herausgeholt werden muss.

    Das ist mir nur einmal passiert. Das war 1991 im Lemmenjoki. Ich war damals 3 Monate mit dem Rad in der Nordkalotte unterwegs, hatte aus hier zu kompliziert zu erläuternden Gründen 4 Tage kaum etwas gegessen und wollte aber dennoch an dem Plan, den Lemmenjoki entlangzulatschen, festhalten. Also habe ich mit heftigem Hunger, Unterzucker etc bei 0° und Dauerregen das MTB am Lemmenjokizeltplatz abgestellt und den Rucksack gesattelt - der war übrigens leicht (zu kaufen gabs dort nichts, und andere Camper, die gar nicht da waren, hätte ich damals aus Stolz auch nicht um Essen angebettelt), schließlich hatte ich seit 4 Tagen kein Essen mehr dabei. Bzw.: nur eine Tafel Schokolade, meine Notration.

    Irgendwann eine unbekannte Zeit später stand ich am Ende eines ohnehin schon nicht wirklich vorhandenen Pfades und hatte keine Ahnung wo ich war und wie lange ich schon im Tran unbewusst vor mich hingetrottet bin.

    Die Lösung war einfach - den Pfad solange zurückgehen, bis Karte und Landschaft wieder übereinstimmen und ich meinen falschen Abzweig erkannte.
    Das hat dann aber 5h gedauert. Ich bin also 5h "ohne Bewusstsein" gegangen. Diese Tour habe ich dann übrigens nach diesem Abstecher wie geplant zu ende geführt (waren eh nur 1 geplante und nun 1 zusätzliche Übernachtung).

    Damals wie heute habe ich meinen Energievorrat am Bauch fest eingebaut...und mit 25 war ich halt noch etwas leistungs- und leidensfähiger als heute.
    Für eine Welt ohne Pressspan

  10. Moderator
    Lebt im Forum
    Avatar von ronaldo
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    AW: Schon mal verirrt?

    #10
    Also ich verirre mich bei jedem - wie heißt das heutzutage - Mikroabenteuer. Und zwar eigentlich absichtlich, stößt man so doch auf die interessantesten, unerwarteten Stellen.
    Mittels der schon genannten "Fanglinien", Gewässer, Straße, Höhenzug plus Himmelsrichtung gehts aber immer irgendwie zurück.
    Kurz gesagt: mehr Mut zum Verirren!

  11. Liebt das Forum
    Avatar von Torres
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    AW: Schon mal verirrt?

    #11
    In der Vor-Navizeit habe ich mich häufig verirrt. Drei Erlebnisse sind mir besonders prägnant in Erinnerung geblieben:

    1.) Sauerland. Ich hatte mein Fahrrad dabei, bin gemütlich auf Waldwegen geradelt, die Topo-Karte vorne auf dem Lenker. Ich habe dann irgendwo Pause gemacht und bin weitergeradelt und hatte angeblich alles im Griff. Ich bin dann abgebogen, wie ich es geplant hatte, um dann festzustellen, dass der Weg völlig anders verläuft, wie ich das gedacht hatte. Bzw. auf der Karte stand. Also wieder zurück, aber das stimmte auch nicht, denn zurück gab es völlig neue Wege und ich muss wieder falsch abgebogen sein. Irgendwann war alles voller Wege und keiner war auf der Karte verzeichnet, zumindest nicht dort, wo ich dachte, dass ich mich befinde. Ich habe dann einen Moment Panik gekriegt. Ich konnte nicht weit sein, ich wusste auch, wo ich ungefähr bin, aber ich hatte keinerlei Ahnung, wie ich da wieder rauskomme. Ich habe mich dann hingesetzt und es mit Logik versucht. Ich habe überlegt, ob die Abstände auf der Karte vielleicht ganz anders sind, als ich mir das gedacht habe. Ich habe dann rekonstruiert, wo ich eventuell falsch abgebogen hätte sein können. Das hat gute zehn Minuten gedauert, dann habe ich zwei Theorien gehabt. Die eine davon hat sich bestätigt. Als ich dann an einen markanten Punkt kam (Bahngleise), war ich ziemlich erleichtert. Kurz darauf war ich wieder am Pausenplatz. Die Sache hat ca. 2 Stunden gedauert. Danach bin ich nur noch auf Hauptwegen bzw. auf dem Kammweg unterwegs gewesen, da konnte ich sehen, wo ich bin.

    2.) Dithmarschen
    Ich war mit dem Motorrad unterwegs und ähnliche Situation. Ich bin in einen Plattenweg gefahren, weil ich Lust hatte, mal zu schauen, ob ich eine Abkürzung finde. Größe Teile des Gebietes sind flach, in der Ferne konnte ich ein Waldstück sehen. Das Gebiet war also eingrenzbar. Ich bin aber nicht mehr rausgekommen. Die Plattenwege verliefen nicht gerade, sondern machten Kurven und hatten Knicke. Ich bin gefahren und gefahren. Irgendwann war ich an dem Waldstück, aber ich bin auch wieder nur in irgendwelchen Kreisen gefahren und kam nicht heran. Ich kaum aber auch nicht mehr zum Ausgangspunkt zurück. Wieder das Gefühl von Panik, ich hatte zuwenig zu Trinken dabei und hatte Hunger. das machte die Sache nicht einfacher. Ich war kurz davor, die Polizei anzurufen, damit die mich da rausholen - ein Telefonhandy hatte man in den 90igern schon. Ich habe dann wieder eine meditative Pause eingelegt, meine Strategie überdacht und ein Stoßgebet gesprochen und versucht, einen Weg zu finden, der mir unbekannt vorkommt, den ich garantiert noch nicht gefahren bin. Das war dann der Durchbruch. Aus irgendeinem Grund war ich plötzlich in dem Wald und dann an der Landstraße, der Zugang dekoriert mit Schildern, dass das Befahren der Wege mit motorisierten Fahrzeugen strengstens verboten ist und es sich um einen Privatwald handelt. Peinlich. Hätte mich ein Förster angezeigt, der hätte mich ausgelacht, wenn ich die Geschichte erzählt hätte. Ich war gut drei Stunden unterwegs auf Irrfahrt. Das Wetter war gut, die Sicht auch.

    An die Geschichte musste ich denken, als sie in Finnland im Nuuksio Nationalpark ca. 2011 eine Wanderin tot aufgefunden haben. Der Nationalpark ist großstadtnah und nicht besonders groß. Es war eine Osteuropäerin, war sie eine Studentin? Sie wollte nur kurz wandern gehen. Sie hatte ein Handy dabei, vermutlich ein Smartphone, aber irgendwann war der Akku leer. Man hat sie erst nach 14 Tagen tot gefunden.

    3.) St.Peter, Nordsee
    Die Geschichte habe ich hier schon einmal beschrieben. Ich hatte mich nicht verirrt, ich wusste, genau, wo ich war, aber wenn ich zu Fuß unterwegs gewesen wäre, hätte ich mich zu hundert Prozent verirrt und mein Leben gelassen. Ich war Ausreiten mit einem Pony, das dem Vermieter meines Ferienzimmers bei St. Peter Ording gehörte, und weil das Wetter so schön war (September), bin ich das erste Mal am Pferdestrand richtig ins Watt geritten. Es ist dort Sandwatt, ich wusste, dass ich noch viel Zeit habe, bis die Flut kommt und habe ich mich immer wieder umgedreht, damit ich die Küste noch sehe. Ein tolles Gefühl, einfach ins Nichts in die Unendlichkeit zu reiten.
    Nach ca. einer halben Stunde wurde der Himmel plötzlich ganz merkwürdig, so glasig, gelblich, ganz komisch, die Sonne nicht mehr strahlend, sondern diesig verdeckt. Man sah sie, aber sie wirkte wie Endzeit, als wäre ein Sandsturm gekommen, der den Blick verdeckt. Ich habe überlegt, zurückzureiten, aber konnte mich nicht so ganz entschließen. Dann wurde der Himmel richtig endzeitlich und in dem Moment, wo ich überlegte, zu drehen, war alles weg. Der Himmel, die Sonne, die Küste, das Watt. Immerhin wusste ich jetzt, was das war: Seenebel. Gefürchtet von allen Seeleuten, denn man hat keinerlei Orientierung mehr. Man kann nicht mehr sagen, wo hinten und wo vorne ist, keine Chance. Ein Kompass hätte vielleicht helfen können, aber so etwas hatte ich nicht in Besitz. Und die Spuren des Ponies waren vom Nebel verschluckt, die Sichtweite betrug wenige Zentimeter, ich konnte noch nicht mal seinen Hals sehen.
    Auch hier eine aufsteigende Panik, aber ich wusste genau, dass, wenn ich panisch werde, das Pferd auch panisch wird. Und wenn ich jetzt vom Pferd falle, bin ich tot. Selbst wenn ich die richtige Richtung finden würde: Wenn die Flut kommt, laufen erst die Prile voll, selbst wenn sich das Wetter dann aufklart, so dass ich Küste wieder sehen kann, wird mich die Strömung mitreißen, und ich werde ertrinken. Da kann man nicht drüber schwimmen. Handy hatte man da noch nicht, niemand hätte mich gefunden, bis man gemerkt hatte, dass ich nicht zurückgekommen bin, wäre schon die Flut dagewesen, ich habe ja immer lange Ausritte gemacht.
    Ich habe also das einzige gemacht, was man da machen kann. Ich habe mich erinnert, dass Pferde immer nach Hause laufen. Probiert hatte ich das nie. Ich bin also einfach weitergeritten. Und habe dann Schritt für Schritt den Zügel etwas lockerer gelassen, habe das Pferd weiter angetrieben, aber so, als wäre ich mit den Gedanken woanders. Das ging so bestimmt eine halbe Stunde. Und dann kam doch die Panik hoch, und ich fing an zu denken, ich bin zu jung zum Sterben (da war ich 21 Jahre). Und dann sah ich plötzlich schemenhaft etwas im Nebel. Und dann nochmal. Erst dachte ich, mein Unterbewusstsein spielt mir einen Streich. Aber dann wusste ich, was das ist. Der Zaun, der den Reitweg von den Salzwiesen trennt. Und da habe ich für einen kurzen Moment geheult und das Pony am Hals geklopt und gelobt, wie ich konnte. Dann war auch wieder Sicht da, und ich bin heil zum Stall gekommen.
    Geändert von Torres (16.09.2020 um 14:32 Uhr)
    "Oft habe ich die Welt durchwandert, und habe immer gesehen, wie das Grosse am Kleinlichen scheitert, und das Edle von dem ätzenden Gift des Alltäglichen zerfressen wird."... Hg. B. Tauchnitz: E. v. Arnim, The Princess Priscilla´s Fortnight, 1906, archive.org.


  12. Administrator
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    AW: Schon mal verirrt?

    #12
    Zitat Zitat von opa Beitrag anzeigen
    lang den abstieg gesucht ist mir sicher schon öfter passiert, aktuell gerade lange am maningkogel rumgeiirt, bis wir endlich die richtige rinne zum runterkommen gefunden haben. oder in einer harmlosen plaisirtour im inntal den kurzen fußabstieg nicht gefunden , einmal den oben anschließenden bergrücken überschritten und mit dem taxi zurückgemusst.
    Das erinnert mich gerade schmerzhaft, dass wir uns im Tessin nach einem MSL Klassiker (Alhambra) so verlaufen haben, dass es mir ("klar müssen wir da lang!") jetzt noch peinlich ist und vom damaligen Seilpartner auch 10 Jahre später noch vorgehalten wird. Das ganze auch noch bei gefühlt 40° und ohne Wasser... in den ersten Brunnen, den wir nach einer mehr als 3-stündigen Odyssee fanden haben wir uns fast reingelegt. von da war es dann nur noch 1 Stunde bis zurück zum Einstieg... Btw. der Abstieg dauert auf dem richtigen Weg knapp 1.5Std...

  13. Vorstand
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    Avatar von lina
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    AW: Schon mal verirrt?

    #13
    Verirren gehört bei mir auch zum Programm

    Erfahrungen: Mit einem gps-Gerät verirrt es sich angenehmer
    Auch hilfreich für den größeren Überblick: die App Pocket Earth.
    Vorausgesetzt natürlich, dass die Technik funktioniert.

    Dazu eine Taschenlampe mit frisch geladenen Akkus drin, ein analoger Kompass, ein Sitzkissen, eine Daunenweste oder -jacke und ein Müesliriegel, im Winter eine Thermoskanne mit Tee und ein trockener Unter-Pullover.

    Die meisten Leute sind erstaunt, dass ich sowas auf eine normale Tageswanderung mitschleppe, aber wenn man alleine unterwegs ist, und bis später abends, ist das Zeugs beruhigend: Man kann in Ruhe überlegen, wie man aus so einer Situation rauskommt und muss nicht schnellschnell (und ggf. falsch) handeln, um Kälte und Dunkelheit zu entgehen.
    Geändert von lina (16.09.2020 um 14:42 Uhr)

  14. Erfahren
    Avatar von Trekkman
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    AW: Schon mal verirrt?

    #14
    Ich habe mal ein junges Päärchen (aber schon Erwachsen genug) spät abends aus dem dunklen Winterwald geführt. Die Frau war schon sichtlich in Panik. Der Witz war, man brauchte nur in irgendeine Richtung zu gehen und nach mind. 10 min sah man entfernt immer irgendwo Lichter von Wegen und Häusern. Daran haben die überhaupt nicht gedacht - und das hier im winzigem "Wiehengebierge".
    Häringe! Es heißt HÄRINGE

  15. Alter Hase

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    AW: Schon mal verirrt?

    #15
    Zitat Zitat von sudobringbeer Beitrag anzeigen
    Das erinnert mich gerade schmerzhaft, dass wir uns im Tessin nach einem MSL Klassiker (Alhambra) so verlaufen haben, dass es mir ("klar müssen wir da lang!") jetzt noch peinlich ist und vom damaligen Seilpartner auch 10 Jahre später noch vorgehalten wird. Das ganze auch noch bei gefühlt 40° und ohne Wasser... in den ersten Brunnen, den wir nach einer mehr als 3-stündigen Odyssee fanden haben wir uns fast reingelegt. von da war es dann nur noch 1 Stunde bis zurück zum Einstieg... Btw. der Abstieg dauert auf dem richtigen Weg knapp 1.5Std...
    in er waren wir damals an einem ähnlich heißen tag unterwegs und haben den abstieg problemos gefunden. war aber auch dringend notwendig, da kam es auf jede sekunde an, die man schneller bei etwas trinkbarem war....

  16. Liebt das Forum
    Avatar von Becks
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    AW: Schon mal verirrt?

    #16
    Ach ja, ich war mal bei nem Forumstreffen, und ich war am richtigen Ort - nur eine Woche zu früh.

    Das war verwirrend
    After much research, consideration, and experimentation, I have decided that adulthood is nothing for me. Thank you for the opportunity.

  17. Gerne im Forum

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    AW: Schon mal verirrt?

    #17
    Grande Traversta delle Alpi (Fernwanderweg)
    Pialpetta 1069m -> Colle di Trione 2485m -> Balme 1432m in eigener Variante
    (Bätzing 23)
    19,42 km - 8:32 - 1800m aufwärts - 1455m abwärts
    Vor allem beim Abstieg nur im Nebel gestochert. Keine Markierung erkennbar, stattdessen Trampelpfade ohne Ende. Kein GPS. Kurs habe ich danach gemacht nach dem Motto: 'So nie wieder! Völlig fertig im Tal (auch noch zu weit unten) angekommen. Aber die Rettung war das mehrgängige GTA-Menü im Posta Tappa!

  18. Fuchs
    Avatar von Martin1978
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    AW: Schon mal verirrt?

    #18
    Verirren im Sinne von gefährlich noch nie. Auf Tagestouren schon mal falsch abgebogen oder Ähnliches ja. Mit dem Rad in der Regel unangenehmer als zu Fuß, weil es einen da dann gleich ganz schnell sehr weit ab bringen kann.

    Vor einigen Jahren in Schweden (Värmland) mal etwas heftiger. Wir hatten eine Tagestour aus einem Wanderführer gemacht. Irgendwo sind wir dann vermutlich statt auf dem Weg weiter, versehentlich auf einen Wildwechsel abgebogen. Nach einiger Zeit hat sich der Hund auf dem Boden gewälzt und hatte anschließend ein kleines Blatt zwischen Augenlid und Augapfel stecken. Das war ein größerer Akt das da wieder raus zu bekommen. Als ich damit fertig war, hatten wir dann auch den Wildwechsel verloren und wussten nicht mehr wohin. Leicht mulmig war mir da schon. Wir hatte zwar essen, trinken, Licht usw. dabei und im Juni ist es da auch nicht lange dunkel, aber das Gefühl war schon nicht schön. Nach einer Weile haben wir dann zum Glück einen kleinen See gefunden, mit dessen Hilfe wir uns auf der Karte grob orientieren konnten. Es war dann zwar weglos und morastig, aber am Ende sind wir auf einen Rückeweg mit Spuren von Holzfällungen gestoßen und konnten so zurück auf markierte Wege.
    Du gamla, Du fria, Du fjällhöga nord
    Du tysta, Du glädjerika sköna!
    Jag hälsar Dig, vänaste land uppå jord,
    Din sol, Din himmel, Dina ängder gröna.

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    AW: Schon mal verirrt?

    #19
    "Verirrt" nicht, weil bei mir eigentlich seit 1998 immer GPS mitläuft ("'Nicht aufgezeichnet' ist so wie 'nicht gelaufen'"). Falsch abgebogen, weil geträumt/gepennt, gab es und gibt es immer wieder - vor allem morgens.

    Echte Demut habe ich aber mal kurz vor dem Brockengipfel im Winter bei fast White-out-Bedingungen gelernt: Ich wollte eigentlich der Straße Richtung Gipfel folgen, aber der Schnee hatte inzwischen auch die geräumte Fahrbahn erobert, so dass die Konturen nicht mehr zu erkennen waren. Nur: Im verharschten Altschnee an der Seite der Straße ist man permanent durchgebrochen. Da half auch GPS nichts, weil bei einer Positionsgenauigkeit von damals 10-15 Meter die Straße nicht sauber zu treffen war. Für eine Strecke, die ich bei halbwegs ordentlichen Sichtverhältnissen in fünf Minuten geschafft hätte, habe ich damals über 20 Minuten gebraucht.
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    AW: Schon mal verirrt?

    #20
    Ich habe mich ein einziges mal so richtig, verirrt im Sinne von, ich wusste überhaupt nicht mehr wo ich gewesen bin.


    Das ist schon einige Jahre her als ich noch jung und dumm war. (Zum Glück bin ich jetzt nur noch dumm)
    Ich war damals in den Muntii Baiului in den westlichsten Ostkarpaten unterwegs. Das war noch in den Zeiten bevor ich GPS oder Handy hatte.
    Ich hatte mir das Zelt auf einem Sattel kurz unterhalb eines Gipfels aufgebaut.
    Nachts trat unterwartet ein gewaltiges Gewitter auf und es kam so nah heran, dass die Blitze bereits in den Berg hinter mir einschlugen und ich bekam es mit der Angst zu tun, dass da plötzlich ein Blitz angezogen von dem Metall an meinem Zelt ins Zelt einschlagen würde, also nahm ich schnell das allerwichtigste und rannte runter zur Baumgrenze die ein paar hundert Meter runter lag um dort unter einer kleinen Fichte abzuwarten.
    Als das Gewitter vorbei zog -es war immer noch recht stark am regnen - wollte ich wieder hoch zum Zelt, aber ich konnte es beim besten Willen nicht mehr finden. Es musste nur ein paar Meter vom Zelt weg sein, aber durch Dunkelheit, Regen und Nebel konnte ich beim besten Willen nix finden. Ich lief auf dem Kamm hoch und runter aber nach ca. einer halben Stunde entschied ich mich, dass es keinen Sinn mehr machen würde jetzt noch weiterzusuchen. Ich war schon völlig durchnässt und das auf einer baumlosen Hochebene bei fast 2000 m.
    Musste also wieder runter zu den Bäumen um dort irgendwie die Nacht herum zu kriegen.
    Ich hatte zum Glück mein Messer dabei und konnte mir aus einigen grünen Fichtenästen ein ganz notdürftiges Shelter zusammenlegen.
    Das war glaub ich die längste Nacht meines Lebens.
    Sobald es hell genug war, bin ich den Berg geradezu hochgerannt um irgendetwas gegen die Unterkühlung zu unternehmen und ging mein Zelt suchen. Es herrschte noch etwas Nebel vor und ich ging auf der Hochebene auf und ab.
    Da es in den Muntii Baiului überhaupt keine Felsen gibt, sehen die Hochweiden aus wie die asiatische Steppe ohne irgendwelche Orientierungsmerkmale.



    Durch Zufall fand ich dann mein Zelt auf der anderen Seite des Weges als wie ich mich erinnerte. (Ich glaub ich war noch nie so glücklich)
    Jetzt erst konnte ich überhaupt wieder einordnen wo ich war.
    Was war passiert? Bei meinem ersten Absteig bin ich noch den Westhang in Richtung Azuga runter und hab mich dort unter die Bäumchen gehockt.
    Bei meinem erfolglosen Versuch das Zelt zu finden in der Nacht habe ich mich wohl ein zwei mal zu oft umgedreht und komplett die Orientierung verloren, bin also das zweite mal den Osthang runter und hielt es für den Westhang.
    So etwas ist mir vorher und auch nachher nie wieder passiert.
    Das war schon ein gruseliges Erlebniss.



    Bezüglich des verlinkten Artikels von Sarekmaniac.
    Ich glaube dass der Orientierungssinn stark davon abhängt wie und wo man aufwächst und sich dementsprechend unterschiedlich ausprägt.
    Ich bin gewissermaßen in Wäldern aufgewachsen und dementsprechend fällt mir die Orientierung in Waldland eigentlich recht einfach. Da aber in Berg und Hügelwäldern einfacher als in Flachlandwäldern.
    Selbst im Regenwald konnte ich mich eigentlich immer gut zurecht finden. Da ist es dann aber schon richtige Arbeit sich zu orientieren und man muss oft genug inne halten um sich zu vergewissern wo man ist und sich innere Notizen machen.
    Ganz gefährlich empfinde ich den Fall wenn man jemanden der sich auskennt nur hinterherrennt, am besten noch im schnellen Schritt.
    Man hat nicht die Möglichkeiten sich Orientierungspunkte zu machen und wenn man dann plötzlich auf sich selbst gestellt sein sollte hat man überhaupt keine innere Karte vorzuweisen.

    Bevor ich mit Wüstentouren anfing hatte ich hingegen Probleme, mich in großen offenen Weiten zu orientieren und vor allem die Entfernungen richtig einzuschätzen. (Der Vorfall in den Muntii Baiului ist passiert bevor ich zum ersten mal in der Wüste war.)
    Das habe ich dann auf die harte Art und Weise gelernt, als ich völlig falsch eingeschätzt habe, wie riesig die Hammada war durch die ich musste um dann auf der kahlen Ebene zu übernachten.

    Mitlerweile finde ich Wüsten eigentlich ganz angenehm zu navigieren, wenn nicht gerade Sandsturm herrscht. Und da setzt man sich halt hin und sitzt es aus.
    Einzig Draa Dünenfelder, also große Haufendünen wie der Erg Chegaga sind wirklich tückisch, da in ihnen praktisch keine innere Struktur vorherrscht der man folgen kann.

    Schwieriger wird es auch sobald die Landschaft mehr Bewuchs aufweist, also richtung Sahel gehend, wo die Wüste zur Halbwüste wird.

    Aber richtig schlimm sind Städte, ich finde es gräßlich mich da zurecht zu finden. Es ist halt auch eine Landschaftform die man kennen muss.
    Russian Roulette is not the same without a gun. - Lady Gaga

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