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  1. AW: [PL] Paddeln auf Czarna Hańcza - K. Augustów - Netta - Biebrza - Narew 2020

    #21
    Mitreisende: Spartaner
    Mi, 29.7.2020, 5km Narew
    Der Regen hat schon in der Nacht wieder aufgehört. In der Früh ist alles nass, der feine feuchte Sand klebt an den Füßen und allem, was man auf den Boden stellt.
    Das Frühstück kochen wir mit dem wenigen jetzt nassen Holz, dass uns gestern abend geblieben ist. Niemand möchte sich jetzt durch die nasse Hochstauden-Vegetation bis zur nächsten Hecke schlagen, um mehr zu sammeln. Aber ich staune, es reicht tatsächlich noch für alles, was wir kochen möchten (Kaffee, Tee, große Mahlzeit für 3 und am Ende Abwaschwasser).

    Kurz bevor wir ablegen, kommt ein Sportler den Narew heruntergeschwommen, ein Langstreckenschwimmer:


    Das fertig gepackte Boot:


    Um ¼12 legen wir ab und paddeln relativ zügig bis Lomscha. Hier legen wir eine knappe Stunde später am städtischen Strand an, dem “Plaża miejska”, wie es in der OSM vermerkt ist.

    Ich baue noch schnell das Boot ab, dann mache ich mich ¾1 auf den Weg, Dörtes Auto herzuholen. Zunächst frage ich die ersten Fußgänger nach einer Bushaltestelle in der Nähe, an der auch die Regionalbusse halten. Theoretisch hätten diese Busse auch über diese Brücke fahren können. Aber sie wissen keine solche Haltestelle und verweisen mich an den zentralen Busbahnhof im Zentrum der Stadt. Den hatte ich im Vorfeld auf der Openandromap auch noch nicht gefunden.

    Nach 3km Fußweg bin ich da (Map). Aber da, wo der Busbahnhof in der Karte eingezeichnet ist (Dworzec autobusowy), ist zZ eine große Baustelle. Der Busbahnhof wird als wahrer Palast neu gebaut und den derzeitigen Abfahrtsplatz der Busse finde ich auf einem provisorischen Busbahnhof 200m hinter der Baustelle, genau hier.



    Nun beginnt das große Rätselraten, mit welchem Bus man wohl in die richtige Richtung kommt. Auf der großen Abfahrtstafel stehen nur die Endstationen der Buslinien drauf und ein paar wichtige Zwischenstationen. Mein Zielort Mścichy ist natürlich nicht zu finden. Aber ich entdecke Radziłów, einen Ort ganz in der Nähe meines Zieles.

    Nach Radziłów kommt man von Łomża aus um 5:40, 8:30, 12:30, 15:20, 15:40 und 19:50 Uhr. Ein junger Pole entziffert mir die Bedeutung all der Zusätze bzw. Einschränkungen und so kommt heraus, das ich nur um 15:40 fahren kann. Zu diesem Zeitpunkt sind 3 Busse gleichzeitig aufgelistet, 2 davon fahren heute. Nun gilt es nur noch herauszufinden, von welchem Peron (“Stanowisko”) die Busse genau fahren. Entgegen den Behauptungen auf der Abfahrtstafel sind das die Platformen 2 und 6. Naja, alles ziemlich kompliziert.

    Die 2h, die ich nun auf die Abfahrt des Busses warten muss, schlendere ich ein Stück durch die nähere Umgebung.

    An einem Einkaufszentrum wird für diese Läden geworben:


    Das meiste kennt man ja oder erschließt sich aus dem Namen. Aber was man im “Fartlandia” so geboten bekommt, das interessiert mich dann doch. In die Nähe traue ich mich nicht, ich bin empfindlich, was unangenehme Gerüche in höherer Intensität angeht.
    Im Netz finde ich, dass es sich um einen Laden für Kinderartikel handelt. Jaja, die kleinen Hosenscheißer. Wie man auf solch einen Namen kommt, bleibt mir weiter rätselhaft. Der Online-Übersetzer DeepL gibt für “Furz” tatsächlich polnisch “Fart” heraus. Auf Russisch ist der Begriff фарт auch bekannt. Und das Wikislowar zeigt da neben dem “Furz” auch “Glück” als weitere mögliche Bedeutung. Das wird wohl gemeint sein bei “Fartlandia”, “Glücksland” oder so.

    Ok, nachdem diese wichtige Frage geklärt ist, geht es wieder zum Busbahnhof. Ich kann mich nicht so richtig entscheiden, ob ich nun den Bus auf Peron 2 oder den auf 6 nehmen soll. Beide klappern unterschiedliche Dörfer ab und fahren zur selben Minute ab. Wann sie ankommen, kann ich nicht erkennen. Am Ende sitze ich in der 6, wahrscheinlich die langsamere Variante.

    Der Bus ist nur spärlich besetzt. Abstände einhalten ist kein Problem, nur in jeder 3. Reihe sitzt überhaupt jemand. Die Jungen tragen alle korrekt ihre Masken während der Fahrt, die ganz Alten sind ohne Maske unterwegs.

    In Jedwabne biegt der Bus dann von der Hauptstraße nach Radziłów ab und tuckert nach Osten über die Dörfer. Von Brzostowo bis Pluty kann ich wieder auf die Biebrza-Aue runterschauen. 10 vor 5 erreichen wir Radziłów.

    Radziłów hat übrigens ein paar Punkte in seiner Geschichte, die das üblicherweise verbreitete Geschichtsbild während und nach dem Angriff auf die Sowjetunion ab 1941 um ein paar Facetten ergänzen. Wikipedia: “The Germans were greeted with a ceremonial gate, erected by Poles who had been formerly imprisoned by the Soviets, bearing a photograph of Hitler and praising the German army.” Anschließend haben sie die zahlreichen Juden (26% der Bevölkerung) enteignet und in einem eigenen Pogrom gejagt und umgebracht. Am 3. Tag nach dem Scheunenbrand (der war am 7. Juli 1941) kehrten die Deutschen nach Radziłów zurück. Das ging in der Gegend noch eine Zeit so weiter. Sogar am 28. Januar 1945, fünf Tage nach der Befreiung des Ortes durch sowjetische Truppen, ermordeten örtliche Polen zwei Juden, die im Versteck überlebt hatten.
    Jedwabne, die Kleinstadt, die der Bus vorher durchquerte, war mir schon lange vor dieser Reise ein Begriff, ebenfalls bekannt für seine Judenverfolgung (“Jedwabne und der Mantel des Vergessens”).

    Jetzt wieder vor Ort in Radziłów: Ich wusste noch so wage, dass es genau dieser Bus war, mit dem man den einzigen täglichen Anschluss zu einem weiteren Bus bis zu meinem Zielort Mścichy hat. Der fährt an einer weiteren, 100m entfernten Haltestelle auf dem zentralen “Platz zur 500-Jahr-Feier” kurz nach 5 ab. So muss ich die letzten 6km nicht noch laufen oder trampen.



    ¼6 bin ich dann endlich in Mścichy und am Auto. Das steht noch so wie abgestellt. Mit dem Auto geht es dann flott zurück zum Strand in Lomscha (44km in 36min).

    Dort packen wir Dörtes RZ85 aufgebaut aufs Dach:




    Das restliche Gepäck inklusive dem Ally und uns Dreien passen auch gerade so rein. Wir wollen heute Abend noch nach Suwalken und weiter zur Marina in Stary Folwark fahren, dahin, wo wir zwei vor 2 Wochen gestartet sind. Dort steht mein Auto, wir wollen diesmal dort übernachten und Dörte möchte von dort aus ebenfalls ihre Tour auf die Czarna Hancza starten (und sich am Endpunkt von der Marina abholen lassen).

    Die Fahrt wird immer wieder etwas behindet durch die vielen Baustellen und provisorischen Landstraßenabschnitte, die eingerichtet sind, solange die neue Schnellstraße von Ostrów Mazowiecka über Lyck und Suwalken bis zur litauischen Grenze gebaut wird.
    Die Polen kleckern nicht, sie klotzen. Die mautfreien Schnellstraßen kann man von den (mautpflichtigen) Autobahnen äußerlich kaum unterscheiden. In wenigen Jahren wird ein nagelneues, sehr großzügig ausgebautes und leistungsfähiges Fernstraßen-Netz das ganze Land durchziehen:


    (Docxent, CC BY-SA 4.0, grün fertiggestellte Autobahnen und Schnellstraßen, rot im Bau, grau in der Planung)

    Noch Jahre nach der Wende gab es in Polen bis auf 2 historische Hitlerautobahnen im (verschlissenen) Originalzustand nur zweispurige Landstraßen mit maroden Belägen.

    Das war schon ein spezielles Abenteuer, dort langzufahren, zwischen LKW-Kolonnen in Höchstgeschwindigkeit und waghalsigen Überholmanövern von PKWs und Fahrzeugen der “Sprinter”-Klasse, die aus beiden Richtungen um die Mittelspur konkurrierten, die die LKWs zeitweise freigaben, indem sie zur Hälfte auf dem Randstreifen fuhren.

    Letztlich sind die Baustellen alle kein großes Problem und wir sind nach 161km um 21 Uhr auf der Marina. Zelten auf Golfrasen, sanitäre Anlagen mit Warmwasser etc. Es ist auch etwas voller als vor 2 Wochen.

  2. AW: [PL] Paddeln auf Czarna Hańcza - K. Augustów - Netta - Biebrza - Narew 2020

    #22
    Do, 30.7.2020, Suwalken, Wigry-Kloster
    Heute möchte Dörte ihre Czarna-Hańcza-Tour vorbereiten, und wir möchten das Kamaldulenser-Kloster besuchen, welches wir bereits am ersten Paddeltag auf dem Wigry-See von der Ferne bewundern konnten.

    ½11 fahren wir los und besuchen erst mal das Muzeum Wigier. Das Wigry-Museum befindet sich im 1928 fertiggestellten, ab 2007 restaurierten Gebäude der ehemaligen Hydrobiologischen Station, die von 1920 bis September 1939 am Wigry-See betrieben wurde. Dörte ersteht hier ihre Eintrittskarten für den Wigry-Nationalpark, und ich habe Informationen zum See und seinem Einzugsgebiet gefunden. Eine älterer Angestellter kannte sich gut aus und konnte mir eine Menge interessanter Details berichten.

    Danach geht es ins Kaufland am Nordrand von Suwalken. Der riesige Laden bietet mir Nachschub an entkoffeiniertem löslichen Kaffee, was in 5 Minuten erledigt ist. Die Damen machen natürlich ein ausgedehntes Shopping-Erlebnis draus, was uns insgesamt 1½h kostet.
    Immerhin gelingt es Andrea ua, ihre polnische SIM-Karte zu reaktivieren. ihr GB-Kontingent war aufgebraucht (Verbrauch war >1GB bisher). Sie hatte zwar beim Kauf derselben extra 30 Tage Guthaben für 30 Tage Netz inkl. 15 GB zusätzlich bezahlt gehabt, aber die wurden ihr offenbar durch die Verkäuferin nicht gutgeschrieben. Sie musste/wollte also noch mal Guthaben nachkaufen für die letzten 2 Tage.

    Anschließend fahren wir zum ehemaligen Kamaldulenser-Kloster auf der Halbinsel im nördlichen Bereich des Wigry-Sees (Luftbild). Kurz vor ½2 sind wir da. Massen von Touristen da, Parken nur auf ausgewiesenen Bezahl-Parkplätzen.

    Das Kloster wurde 1667 gegründet, nach der dritten Teilung Polens beschlagnahmte die preußische Regierung 1796 die Ländereien des Klosters und 1805 wurde es ganz aufgelöst. Im WK II. stark zerstört, wurde die Anlage in den letzten Jahrzehnten umfangreich restauriert. An manchen Stellen sind immer noch Bauarbeiten im Gange.

    Insgesamt eine sehr schöne Anlage:




    Das Apartment. in dem sich Papst Johannes-Paul II. 1999 zwei Tage lang aufhielt, ist unverändert erhalten und jetzt Teil des Museums:




    Blick Richtung Norden, Zeltplatz:


    Um das Kloster herum kann man an Marktständen lokale Erzeugnisse und Spezialitäten kaufen.

    Kirche der Unbefleckten Empfängnis der allerheiligsten Jungfrau Maria:


    Die Basilika ist Barock wie die meisten alten Kirchen in Polen.

    In der Kirche eine Gedenktafel für den Hydrobiologen Zygmunt Koźmiński:


    Er studierte in Warschau, war unter anderem Dozent an der Stefan-Batory-Universität in Wilna/Vilnius, und Assistenzprofessor an der Hydrobiologischen Forschungsstation am Wigry-See. Er starb 1939 beim Kampf um Lemberg, offenbar als die Sowjetunion “ihren” Teil Polens besetzte. “Seine Frau und seine Tochter bitten um Gebete für seine Seele”.

    Danach geht es ins Klosterrestaurant in eine der unteren Etagen. Dörte möchte unbedingt eine der leckeren Maränen aus dem Wigry-See kosten, die sind aber leider gerade ausverkauft. Das Restaurant ist gut besucht. Eigentlich ja so gar nicht meins, besonders jetzt zu Corona-Zeiten. Man sitzt ja hier nicht mal draußen. Aber die Belüftung ist dann doch ganz gut.

    Am Ende besuchen wir noch die Verkaufsstände draußen vor der Klosteranlage. Nach insgesamt 3½h haben wir genug und fahren ab. Aber nicht zurück zum Zeltplatz, sondern wieder nach Suwalken, diesmal, um ein bisschen die Stadt zu besichtigen.

    Suwalken/Suwałki:




    Denkmal für Józef Piłsudski:


    Józef Piłsudski verfolgte während und nach dem 1. Weltkrieg das Ziel der Wiederherstellung der Grenzen aus der Zeit vor den Teilungen Polens, auch weit über die Grenzen des polnischen Siedlungsgebietes hinaus. In seinem Polnisch-Bolschewistischen Krieg 1919-21 brachte er Teile der Ukraine und Litauens sowie große Teile Weißrusslands unter seine Herrschaft. Selbst von Deutschland wollte er sich noch weitere Teile abknapsen (neben dem schon im Ergebnis des 1. Weltkriegs verlorenen “Weichselkorridor”), aber in diesen Gebieten stimmte der allergrößte Teil der Bevölkerung bei Volksentscheiden für den Verbleib in Deutschland.


    (Webcyss, CC BY-SA 4.0)

    Die Aggressivität Polens unter Piłsudski war es wohl auch, die Deutschland bewogen hat, die unendlich aufwändigen Befestigungen Ostwall und Pommernwall zu bauen. Zitat Wikipedia: “Frankreich soll zweimal, im März/April und im Herbst 1933, einen von Piłsudski vorgeschlagenen Präventivkrieg gegen das sich gerade etablierende NS-Regime in Deutschland abgelehnt haben.”

    Ein gutes hatte Piludski aber auch erreicht: die Kommunisten auf ihrem geplanten Marsch nach Westen zu stoppen (Schlacht bei Warschau 1920). Und ich staune gerade, dass solch ein Zitat in der deutschen Wikipedia noch nicht gelöscht wurde:
    Der britische Botschafter in Berlin und Leiter der Mission der Entente in Polen, Lord D’Abernon, fasste seine Wahrnehmung des Konflikts mit folgenden Worten zusammen:
    „Wenn Karl Martell die Invasion der Sarazenen mit seinem Sieg in der Schlacht bei Tours nicht aufgehalten hätte, so würde heute in den Schulen von Oxford der Koran gelehrt, und die Schüler würden einem beschnittenen Volk die Heiligkeit und Wahrheit der Lehren des Mohammeds verkünden. Wenn es Piłsudski und Weygand in der Schlacht bei Warschau nicht gelungen wäre, den triumphalen Vormarsch der Roten Armee zu stoppen, so hätte dies nicht nur eine gefährliche Wende in der Geschichte des Christentums zur Folge, sondern eine fundamentale Bedrohung der gesamten westlichen Zivilisation. Die Schlacht bei Tours rettete unsere Vorfahren vor dem Joch des Korans; es ist wahrscheinlich, dass die Schlacht bei Warschau Mitteleuropa und ebenso einen Teil Westeuropas vor einer sehr viel größeren Gefahr rettete; der fanatischen sowjetischen Tyrannei.“

    ---------------------------


    Ok. Wir essen noch ein Eis, es regnet kurz, wir haben richtig Wetter. Am Himmel zeigen die Stare Kunstflugfiguren im Schwarm:






    ½8 gehts dann wieder zurück auf unseren Zeltplatz in Stary Folwark.

    Dort angekommen, haben wir noch mehrere Male richtig schöne Blicke auf den Wigry-See:












    Die schönen warmen Tage sind erst mal vorbei. Uns ist es recht, bei der Heimfahrt ab morgen wird das nicht stören.

    Das letzte Bier genießen wir an der Wärme der Feuerschale. Dann gesellt sich allerdings noch ein bereits stark angetrunkener Mann vom Zelt nebenan zu uns, was wir als Signal zum Aufbruch verstehen. Am nächsten Morgen finden wir dann das Fiskars-Beil, dass vom Zeltplatz bereitgestellt wurde, vom Feuer zerstört in der Feuerschale wieder.

  3. AW: [PL] Paddeln auf Czarna Hańcza - K. Augustów - Netta - Biebrza - Narew 2020

    #23
    Fr, 31.7.2020, Thorn/Toruń, 411km
    Heute morgen verabschieden wir Dörte auf ihre Tour auf die Czarna Hańcza und tuckern ½11 los in Richtung Heimat. Nach einer ¾h verlassen wir Podlachien und wir sind wieder auf dem Gebiet des ehemaligen Ostpreußens. Diesmal führt unsere Route halbwegs parallel, aber 20 - 40 km weiter südlich durchs Land als bei der Hinfahrt.



    Auf dieser Südroute passieren wir etliche Orte mit klangvollen Namen: Lyck/Ełk, den riesigen Spirding-See/Śniardwy, Nikolaiken/Mikołajki mit Stau wegen Touristen-Massen, Sensburg/Mrągowo, ebenfalls mit Stau wegen Touristen, Sorquitten/Sorkwity, viele Touristen (und unter Paddlern bekannter Startort für eine Tour auf der Kruttinna/Krutynia), Bischofsburg/Biskupiec, Wartenburg i. Ostpr./Barczewo an der Pissa/Pisa Warmińska (von den 50km Flusslänge sind mindestens 24km paddelbar), und Allenstein/Olsztyn (ua Wirkungsstätte von Domherr Nikolaus Kopernikus, wir kenne die schöne Stadt schon von 2013, als wir unsere 2. Ostseerunde schlossen).
    In Osterode i. Ostpr./Ostróda machen wir einen Schlenker durch die Stadt zum McDonalds. Osterode ist bekannt für den Startpunkt des Oberländischen Kanals, über den man eine große 500km-Runde paddeln kann (1, 2).
    Anschließend folgt die Straße im wesentlichen dem Flusstal der Drewenz/Drwęca (schöne Kanu-Route), ehem. Westpreußen.

    Nach 400km erreichen wir Thorn und zuckeln ½h durch die zugestaute Innenstadt ans Weichsel-Ufer. Beim neugebauten Przystań (Hafen) finden wir einen kostenlosen Parkplatz.

    Wir wollen uns die Stadt anschauen, irgendwo draußen am Weichsel-Ufer übernachten und morgen vormittag noch einmal in die Stadt. Aber als Andrea gleich gegenüber unserem Parkplatz das neue ibis budget Hotel Toruń entdeckt, übermannt es sie und will unbedingt im Hotel einchecken. Die 39 Złoty (8.82€), die auf der Außenwerbung für ein Doppelzimmer gepriesen werden, bekommen wir an der Rezeption zwar nicht geboten, aber es ist für die gute Lage doch noch relativ günstig. Innen einfachst, aber gut ausgestattet, gehen wir kurz duschen und ziehen dann ¼8 los zu einer abendliche Runde durch die Stadt.



    Vom Hotel aus läuft man im Grunde nur 500m bis zur historischen Altstadt. Wir machen aber erst mal einen Schlenker ans Weichsel-Ufer, heute eine gutbesuchte Flanier-Meile.

    Die Józef-Piłsudski-Brücke über die Weichsel:




    Die Entscheidung, an dieser Stelle eine Brücke zu bauen, wurde 1913 getroffen, als Toruń noch Teil des Königreichs Preußen war. Nachdem in Folge des Versailler Diktats der Weichselkorridor zu Polen kam, wurde eine seit 1909 bestehende Eisenbahnbrücke über die Weichsel bei Marienwerder/Kwidzyn abgebaut (sie war aus damaliger polnischer Sicht dort nutzlos) und bis 1934 in Thorn wiederaufgebaut.

    Dann wenden wir uns der Altstadt zu:


    In der Wikipedia funktionieren gleich noch ein paar Erläuterungen zu den wichtigsten Bauwerken, wenn man mit der Maus drüberfährt.



    Wir sind überrascht, mit so einer schicken, gut erhaltenen Altstadt, geprägt durch die norddeutsche Backstein-Gotik, haben wir nicht gerechnet. Bis auf einen Straßenzug aus dem späten 19.Jhd soll fast die gesamte Bebauung mittelalterlich sein. Der historische Bereich besteht aus der Altstadt (Stadtrecht 1231/1233) und der als eine Handwerkersiedlung entstandenen Neustadt (Stadtrecht 1246). Zwischen beiden liegt die Schlossruine der Ordensburg des Deutschen Ordens.

    Aufgrund seiner mittelalterlichen Bausubstanz gehört das Thorner Stadtzentrum zu Polens bedeutendem Kulturerbe, seit 1997 auch Weltkulturerbe. Dazu zählen die Johannes-Kirche (v.a. 13. und 14.Jhd, seit 1992 Kathedrale des neu entstandenen Bistums Thorn), die Pfarrkirche St. Jakob (begonnen 1309), die Marienkirche, das Altstädtische Rathaus, das im Laufe des 13. und 14.Jhds gebaut und 1703 während der Belagerung der Stadt durch die Schweden zerstört wurde (1722–1737 wieder aufgebaut). Bedeutend sind auch die mittelalterliche Stadtmauer mit den Stadttoren und Basteien (ua der Schiefe Turm), die Ruinen des Ordensschlosses, die gotische Brücke in der Most-Pauliński-Straße, die Kornspeicher aus dem 14.–18.Jhd, der Komplex der gotischen Häuser (ua das Kopernikus-Haus aus dem 15. und das Eskens-Haus aus dem 14.Jhd), das Haus "Zum Stern" mit seiner spätbarocken Fassade und die barocken Bürgerhäuser (Dąmbski-Palast, Fenger-Palast und Meissner-Palast).

    Erwähnenswert sind zudem der Sitz der Wissenschaftlichen Gesellschaft (1881), der im Neorenaissancestil erbaute Artushof (Ende 19.Jhd), die neogotische Kirche der Hl. Katharina (1894–1897) sowie das Jugendstiltheater (1903/04).

    Wir selber besuchen heute nur die Altstadt. Zunächst geht man am Flussufer außerhalb der Stadtmauern.


    Die meisten Häuser sind in den letzten 20 Jahren saniert worden und man hat mit der deutschen Vergangenheit auch keine großartigen Probleme.

    Das war tatsächlich mal anders, speziell in der Zeit zwischen 1945 bis in die 90er Jahre hinein (siehe zB „deutsches Syndrom“ in “Menschen im Wandel”: “Dieser Begriff umfasst nicht nur die Erinnerung an das von den Deutschen in der Vergangenheit verübte Unrecht und die Qualen, sondern auch den Respekt gegenüber der ökonomischen Macht und den kulturellen Errungenschaften Deutschlands. Ein Respekt, der sehr oft in einen polnischen Minderwertigkeitskomplex übergeht”).
    Ich denke aber, diese Zeit ist weitgehend vorbei, spätestens seit dem rasanten wirtschaftlichen Aufschwung in den letzten 2 Jahrzehnten. Heute interessieren sich viele erfolgreiche Polen auch sehr für die deutsche Vergangenheit ihrer Orte und versuchen, Spuren zu bewahren. Und während bei uns die Politüberkorrekten Herzattacken bekommen, wenn man die deutschen Ortsbezeichnungen verwendet, haben Polen damit längst kein Problem mehr (auch das war in den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg anders).
    Am meisten amüsiert mich bei unseren Politkorrekten, dass die allerwenigsten überhaupt in der Lage sind, die polnischen Ortsbezeichnungen so auszusprechen, dass sie ein Pole verstehen könnte. Vor allem natürlich die mit den 12 verschiedenen Zischlauten, den Nasalvokalen und dem „j-Laut“. Aber es gibt noch ein paar mehr Aussprache-Fallen. Selbst bei so etwas simplen wie einem “Wódka” würden sie erst mal scheitern.


    Heute jedenfalls ist fast das gesamte Stadtbild frisch und saniert, Kriegslücken sind geschlossen (wobei speziell Thorn fast unbeschadet aus dem 2. Weltkrieg kam), und vom Gesamteindruck unterscheidet es sich kaum von westlichen Städten. Zum einen ist das natürlich schön, zum andern für mich manchmal auch ein wenig schade, wenn alles so geschniegelt aussieht. Vor 30 Jahren, vor den ganzen Sanierungen, hatte man noch wirklich ein Gefühl von uralten Gemäuern in diesen Städten. Mir ist vor allem noch Schäßburg vor der Wende in diesem Sinne in positiver Erinnerung.

    Zugang zur Altstadt finden wir heute durch das Seglertor/Brama Żeglarska:


    In der Anfangszeit war es das wichtigste aller Stadttore. Vor dem Seglertor begrüßten Bürgermeister und Stadtrat Könige und die angesehensten Gäste.
    Vom Segler-Tor führt die Segler-Straße/Żeglarska in Richtung Markt.

    Turm der Johannis-Kirche:


    Diese Kirche aus dem 13. Jh. ist eines der ältesten Sakralgebäude im Kulmerland.

    Breite Straße/Szeroka, Blick vom Markt:




    Die Turmuhr am Rathaus geht genau:


    Neugotische Hauptpost am Markt, erbaut 1881-1884:


    Originale Kassettendecke sowie gusseiserne Säulen in der Schalterhalle der Hauptpost:


    Messe in der spätbarocken Heilig-Geist-Kirche am Markt:


    Das imposante Hauptschiff der Marienkirche passt nicht aufs Foto:


    Die Türme der Marienkirche:


    Turmfalke über der Marienkirche:


    Die Marienkirche ist ein ganz besonderer Bau. Dass unglaublich riesige Hauptschiff wurde wohl erst später gebaut und harmoniert irgendwie nicht so richtig mit dem vorderen Teil mit den Türmen (Bild).

    Stadtmauer mit dem Schiefen Turm von Thorn:


    Der Turm ist ein Element der mittelalterlichen Befestigungsanlagen von Thorn. Er ist um 5°13'15'' oder 1.46m vom Lot geneigt.
    Der Turm wurde in der zweiten Hälfte der 13.Jhd als eine quadratische, 15m hohe Bastei errichtet. Infolge eines Grundbruches begann sich der Turm stadtwärts zu neigen.
    Die Schieflage des "Schiefen Turm von Pisa" beträgt dagegen nur 3,97° (Mittags in Thorn).

    Nach 5½km Stadtspaziergang sind wir, gut geschafft, ½10 wieder zurück am Hotel. Gegenüber, im Eingangsbereich des neuen Gebäudes der Hafenverwaltung, entdecke ich das Gerüst eine Kajaks:


    Zum Falten ist es nicht geeignet, aber auf jeden Fall sehr historisch, vielleicht aus den 20er Jahren.

    Uns hat diese tolle deutsche Altstadt sehr gefallen, und so wollen wir auch morgen noch einmal einen Rundgang machen, bevor es endgültig nach Hause geht.


    Sa, 1.8.2020, Thorn - Berlin, 425km
    Frühstücken möchten wir in der Stadt, und so starten wir Punkt 10 Uhr.

    Eingangsbereich Przystań:


    Das Bootsgerüst bei Tage:


    Eine ¼h später gelangen wir durch das Klostertor in die Stadt:


    Im zentralen Punkt des Platzes vor dem Klostertor befindet sich eine mächtige Kontakt-Seemine wz. 08/39 (ohne Karren), die ein Geschenk der ORP-Segler "Toruń" ist. Der Platz ist nicht nur ein Ort, der an die Geschichte erinnert, er ist auch ein großartiger Ort zum Ausruhen und Entspannen auf dem Philadelphia Boulevard mit Blick auf die Weichsel.

    Unterhalb des Tores befindet sich ein deutscher Luftschutzbunker für 100 Personen (wahrscheinlich 1943 für Hafenarbeiter oder Gaswerker gebaut), der heute für die Öffentlichkeit zugänglich ist. Interaktive Vorführungen (Simulation des Bombenangriffs) finden etwa alle 20 Minuten statt. Wir selber waren allerdings nicht drin.

    Stadtplan der historischen Altstadt von Thorn mit Bezeichnung der Sehenswürdigkeiten:


    Noch ein paar Eindrücke aus der Stadt:

    Gotisches Wohnhaus aus dem 14.Jhd, das im 1. Viertel des 18.Jhd im Barockstil modernisiert wurde:


    Das Erdgeschoss des Wohnhauses wurde 1915 durchbrochen, um eine bequeme Verbindung zwischen dem Altstadtplatz und den westlichen Stadtvierteln herzustellen. Bei den beiden Nachbarhäusern passierte dasselbe 1936.



    Hotel Thorner Hof, erbaut 1890:


    Links die Hauptpost, Mitte die Türme der Marienkirche, vom Rathaus aus gesehen:


    Rathaus von Thorn mit Kopernikus-Denkmal:


    Der große Bau auf dem Altstadtmarkt in der Backsteingotik wurde im 13.Jhd errichtet und im Laufe der Jahre bis ins 18.Jhd im Barockstil umgebaut. Im 19.Jhd wurde das Rathaus um eine Etage aufgestockt, so einfühlsam, dass dies nur Eingeweihten auffällt. Früher war es ein Verwaltungs- und Handelszentrum, gegenwärtig befindet sich dort das Heimatmuseum. Zum Rathaus gehört ein 40 Meter hoher Turm, der zur Stadtbesichtigung zugänglich ist. Das Gebäude ist das architektonische Vorbild für das Berliner Rathaus.



    Das Kopernikus-Denkmal wurde 1853 eingeweiht. Die Statue hält eine Armillarsphäre in der Hand, ein astronomisches Gerät zur Darstellung der Himmelskörperbewegungen. Die Inschrift am Sockel lautet: "Nicolaus Copernicus Thorunensis Terrae motor, Solis Celique stator" (Nikolaus Kopernikus aus Thorn ließ die Erde sich bewegen und den Himmel still stehen).

    Das Kopernikus-Haus von 1370:




    Es gehörte in der zweiten Hälfte des 15.Jhd der Familie Kopernikus und wird von vielen Historikern als Geburtsort von Niklas Koppernigk angesehen. Seit 1973 beherbergt das Gebäude das Nikolaus-Kopernikus-Museum.

    Nikolaus Kopernikus war Domherr des Fürstbistums Ermland in Preußen sowie Astronom und Arzt, der sich auch der Mathematik und Kartographie widmete.

    Kopernikus wird bis heute von deutscher und polnischer Seite jeweils für die eigene Nation beansprucht, wobei die Vereinnahmung in Polen heute Bestandteil staatlicher Politik ist: Am 12. Juni 2003 verabschiedete der Polnische Senat, die zweite Kammer des polnischen Parlaments, eine Erklärung zur Erinnerung an den großen Polen Mikołaj Kopernik.

    1807 wurde eine der ersten Kopernikus-Büsten angefertigt, die in der 1842 eröffneten Walhalla ausgestellt ist, was schon damals zu polnischem Protest führte. Den 400. bzw. 450. Geburtstag des größten Sohnes der Stadt beging man in den Jahren 1873 und 1923 in Thorn jeweils separat bei den deutschen und polnischen Stadtbewohnern. Damals waren ~16% der Bevölkerung Polen.

    Hier mal eine private Meinung zu diesem Dauerstreit, die es mMn ziemlich gut trifft:
    Der Wert von Kopernikus wissenschaftlicher Arbeit ist ziemlich unstrittig, dafür gibt es seit Jahrhunderten einen Streit um seine Nationalität zwischen Polen und Deutschland. In meinen Augen hat die deutsche Nation die besseren Argumente. Immerhin war der kleine Nikolaus in eine deutschsprachige Kaufmannsfamilie in einer deutschsprachigen Hansestadt hineingeboren. Er selbst verwendete auch nur Deutsch und Latein als Umgangs- bzw. Arbeitssprache. Polnischkenntnisse werden wahrscheinlich rudimentär vorhanden gewesen sein, sind aber nicht überliefert. Da den Menschen damals Nationalitäten im modernen Sinne noch fremd waren, sind Sprache, Religion oder die Hautfarbe gängige Unterscheidungsmerkmale gewesen. Die Polen führen ins Felde, dass Kopernikus loyaler Untertan des polnischen Königs war und neben deutschsprachigen, auch polnischsprachige Vorfahren im Stammbaum hat. Von polnischer Seite wird die Diskussion auch erbitterter geführt, habe ich das Gefühl.
    Na ja, man muss versuchen sich in die polnische Seele zu versetzen. Frau Curie oder Herrn Chopin – von dem übrigens überliefert ist, dass er gerne Thorner Lebkuchenspezialitäten naschte – hat man den Polen schließlich auch mehr oder weniger genommen, ihren Mikołaj Kopernik wollen sie jedoch nicht kampflos aufgeben. Während Kopernikus in den letzten Jahrhunderten bei seinen runden Geburtstagen von Deutschen wie Polen nationalistisch vereinnahmt wurde und sich die Bundesregierung noch 1954 über „Die Umvolkung des Nikolaus Kopernikus durch die Polen“ echauffierte, hatte sich eigentlich in jüngerer Vergangenheit der Konsens verbreitet, dass man Kopernikus doch einfach als guten Europäer und Brückenbauer zwischen Deutschen und Polen sehen sollte. Als die ESA und die EU allerdings das satellitengestützte Umweltüberwachungsprogramm „Global Monitoring for Environment and Security“ (GMES) um 2010 herum „Kopernikus“ taufen wollten, intervenierte das EU-Mitglied Polen. Man einigte sich schließlich auf die lateinische Namenstranskription Nicolaus Copernicus.


    Ok, weiter mit unserem Stadtbummel. Andrea ist natürlich auch immer eifrig beim Shoppen. Besonders haben es ihr die berühmten Thorner Lebkuchen (Toruńskie pierniki) angetan, die an allen Ecken und Enden der Stadt angeboten werden.

    ½12 setzen wir uns draußen zum Mittagessen in eine Pierogarnia:


    Andrea nimmt hier die Pierogi, mir liegen eher die Kartoffelpuffer. Kurz nach 1 sind wir wieder unterwegs, schlendern noch ein bisschen durch die Stadt und bewegen uns langsam Richtung Auto. Um 2 geht es dann los, heimwärts. Wir tuckern die Landstraßen grob entlang der Netze/Noteć, durchqueren Landsberg a.d. Warthe/Gorzów Wielkopolski, und gehen in Küstrin/Kostrzyn natürlich noch auf polnischer Seite Tanken und Einkaufen fürs Wochenende. Kurz nach ½11 abends sind wir dann wieder daheim in Berlin.

    Fazit:
    Interessante Tour auf Flüsschen, die ich ohne Corona wohl nicht mehr befahren hätte. Leider konnte man nur selten wild zelten, da die gesamte Gegend touristisch sehr erschlossen ist und gut besucht wird. Uns hat es trotzdem gut gefallen. Die Biwak- bzw. Zeltplätze sind nicht ganz so teuer wie bei uns, und die Leute waren durchweg sehr freundlich. Für Leute, die es eher nicht so wild mögen, ideal. Ein bisschen abenteuerlich wurde es für uns nur zwischen Augustów und der Biebrza, weil da nicht alles klar war.

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    AW: [PL] Paddeln auf Czarna Hańcza - K. Augustów - Netta - Biebrza - Narew 2020

    #24
    Vielen Dank für den Bericht. Auch die vielen Hintergrundinfos sehr interessant, hast dir ja viel Arbeit gemacht!

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