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  1. AW: [PL] Paddeln auf Czarna Hańcza - K. Augustów - Netta - Biebrza - Narew 2020

    #21
    Mitreisende: Spartaner
    Mi, 29.7.2020, 5km Narew
    Der Regen hat schon in der Nacht wieder aufgehört. In der Früh ist alles nass, der feine feuchte Sand klebt an den Füßen und allem, was man auf den Boden stellt.
    Das Frühstück kochen wir mit dem wenigen jetzt nassen Holz, dass uns gestern abend geblieben ist. Niemand möchte sich jetzt durch die nasse Hochstauden-Vegetation bis zur nächsten Hecke schlagen, um mehr zu sammeln. Aber ich staune, es reicht tatsächlich noch für alles, was wir kochen möchten (Kaffee, Tee, große Mahlzeit für 3 und am Ende Abwaschwasser).

    Kurz bevor wir ablegen, kommt ein Sportler den Narew heruntergeschwommen, ein Langstreckenschwimmer:


    Das fertig gepackte Boot:


    Um ¼12 legen wir ab und paddeln relativ zügig bis Lomscha. Hier legen wir eine knappe Stunde später am städtischen Strand an, dem “Plaża miejska”, wie es in der OSM vermerkt ist.

    Ich baue noch schnell das Boot ab, dann mache ich mich ¾1 auf den Weg, Dörtes Auto herzuholen. Zunächst frage ich die ersten Fußgänger nach einer Bushaltestelle in der Nähe, an der auch die Regionalbusse halten. Theoretisch hätten diese Busse auch über diese Brücke fahren können. Aber sie wissen keine solche Haltestelle und verweisen mich an den zentralen Busbahnhof im Zentrum der Stadt. Den hatte ich im Vorfeld auf der Openandromap auch noch nicht gefunden.

    Nach 3km Fußweg bin ich da (Map). Aber da, wo der Busbahnhof in der Karte eingezeichnet ist (Dworzec autobusowy), ist zZ eine große Baustelle. Der Busbahnhof wird als wahrer Palast neu gebaut und den derzeitigen Abfahrtsplatz der Busse finde ich auf einem provisorischen Busbahnhof 200m hinter der Baustelle, genau hier.



    Nun beginnt das große Rätselraten, mit welchem Bus man wohl in die richtige Richtung kommt. Auf der großen Abfahrtstafel stehen nur die Endstationen der Buslinien drauf und ein paar wichtige Zwischenstationen. Mein Zielort Mścichy ist natürlich nicht zu finden. Aber ich entdecke Radziłów, einen Ort ganz in der Nähe meines Zieles.

    Nach Radziłów kommt man von Łomża aus um 5:40, 8:30, 12:30, 15:20, 15:40 und 19:50 Uhr. Ein junger Pole entziffert mir die Bedeutung all der Zusätze bzw. Einschränkungen und so kommt heraus, das ich nur um 15:40 fahren kann. Zu diesem Zeitpunkt sind 3 Busse gleichzeitig aufgelistet, 2 davon fahren heute. Nun gilt es nur noch herauszufinden, von welchem Peron (“Stanowisko”) die Busse genau fahren. Entgegen den Behauptungen auf der Abfahrtstafel sind das die Platformen 2 und 6. Naja, alles ziemlich kompliziert.

    Die 2h, die ich nun auf die Abfahrt des Busses warten muss, schlendere ich ein Stück durch die nähere Umgebung.

    An einem Einkaufszentrum wird für diese Läden geworben:


    Das meiste kennt man ja oder erschließt sich aus dem Namen. Aber was man im “Fartlandia” so geboten bekommt, das interessiert mich dann doch. In die Nähe traue ich mich nicht, ich bin empfindlich, was unangenehme Gerüche in höherer Intensität angeht.
    Im Netz finde ich, dass es sich um einen Laden für Kinderartikel handelt. Jaja, die kleinen Hosenscheißer. Wie man auf solch einen Namen kommt, bleibt mir weiter rätselhaft. Der Online-Übersetzer DeepL gibt für “Furz” tatsächlich polnisch “Fart” heraus. Auf Russisch ist der Begriff фарт auch bekannt. Und das Wikislowar zeigt da neben dem “Furz” auch “Glück” als weitere mögliche Bedeutung. Das wird wohl gemeint sein bei “Fartlandia”, “Glücksland” oder so.

    Ok, nachdem diese wichtige Frage geklärt ist, geht es wieder zum Busbahnhof. Ich kann mich nicht so richtig entscheiden, ob ich nun den Bus auf Peron 2 oder den auf 6 nehmen soll. Beide klappern unterschiedliche Dörfer ab und fahren zur selben Minute ab. Wann sie ankommen, kann ich nicht erkennen. Am Ende sitze ich in der 6, wahrscheinlich die langsamere Variante.

    Der Bus ist nur spärlich besetzt. Abstände einhalten ist kein Problem, nur in jeder 3. Reihe sitzt überhaupt jemand. Die Jungen tragen alle korrekt ihre Masken während der Fahrt, die ganz Alten sind ohne Maske unterwegs.

    In Jedwabne biegt der Bus dann von der Hauptstraße nach Radziłów ab und tuckert nach Osten über die Dörfer. Von Brzostowo bis Pluty kann ich wieder auf die Biebrza-Aue runterschauen. 10 vor 5 erreichen wir Radziłów.

    Radziłów hat übrigens ein paar Punkte in seiner Geschichte, die das üblicherweise verbreitete Geschichtsbild während und nach dem Angriff auf die Sowjetunion ab 1941 um ein paar Facetten ergänzen. Wikipedia: “The Germans were greeted with a ceremonial gate, erected by Poles who had been formerly imprisoned by the Soviets, bearing a photograph of Hitler and praising the German army.” Anschließend haben sie die zahlreichen Juden (26% der Bevölkerung) enteignet und in einem eigenen Pogrom gejagt und umgebracht. Am 3. Tag nach dem Scheunenbrand (der war am 7. Juli 1941) kehrten die Deutschen nach Radziłów zurück. Das ging in der Gegend noch eine Zeit so weiter. Sogar am 28. Januar 1945, fünf Tage nach der Befreiung des Ortes durch sowjetische Truppen, ermordeten örtliche Polen zwei Juden, die im Versteck überlebt hatten.
    Jedwabne, die Kleinstadt, die der Bus vorher durchquerte, war mir schon lange vor dieser Reise ein Begriff, ebenfalls bekannt für seine Judenverfolgung (“Jedwabne und der Mantel des Vergessens”).

    Jetzt wieder vor Ort in Radziłów: Ich wusste noch so wage, dass es genau dieser Bus war, mit dem man den einzigen täglichen Anschluss zu einem weiteren Bus bis zu meinem Zielort Mścichy hat. Der fährt an einer weiteren, 100m entfernten Haltestelle auf dem zentralen “Platz zur 500-Jahr-Feier” kurz nach 5 ab. So muss ich die letzten 6km nicht noch laufen oder trampen.



    ¼6 bin ich dann endlich in Mścichy und am Auto. Das steht noch so wie abgestellt. Mit dem Auto geht es dann flott zurück zum Strand in Lomscha (44km in 36min).

    Dort packen wir Dörtes RZ85 aufgebaut aufs Dach:




    Das restliche Gepäck inklusive dem Ally und uns Dreien passen auch gerade so rein. Wir wollen heute Abend noch nach Suwalken und weiter zur Marina in Stary Folwark fahren, dahin, wo wir zwei vor 2 Wochen gestartet sind. Dort steht mein Auto, wir wollen diesmal dort übernachten und Dörte möchte von dort aus ebenfalls ihre Tour auf die Czarna Hancza starten (und sich am Endpunkt von der Marina abholen lassen).

    Die Fahrt wird immer wieder etwas behindet durch die vielen Baustellen und provisorischen Landstraßenabschnitte, die eingerichtet sind, solange die neue Schnellstraße von Ostrów Mazowiecka über Lyck und Suwalken bis zur litauischen Grenze gebaut wird.
    Die Polen kleckern nicht, sie klotzen. Die mautfreien Schnellstraßen kann man von den (mautpflichtigen) Autobahnen äußerlich kaum unterscheiden. In wenigen Jahren wird ein nagelneues, sehr großzügig ausgebautes und leistungsfähiges Fernstraßen-Netz das ganze Land durchziehen:


    (Docxent, CC BY-SA 4.0, grün fertiggestellte Autobahnen und Schnellstraßen, rot im Bau, grau in der Planung)

    Noch Jahre nach der Wende gab es in Polen bis auf 2 historische Hitlerautobahnen im (verschlissenen) Originalzustand nur zweispurige Landstraßen mit maroden Belägen.

    Das war schon ein spezielles Abenteuer, dort langzufahren, zwischen LKW-Kolonnen in Höchstgeschwindigkeit und waghalsigen Überholmanövern von PKWs und Fahrzeugen der “Sprinter”-Klasse, die aus beiden Richtungen um die Mittelspur konkurrierten, die die LKWs zeitweise freigaben, indem sie zur Hälfte auf dem Randstreifen fuhren.

    Letztlich sind die Baustellen alle kein großes Problem und wir sind nach 161km um 21 Uhr auf der Marina. Zelten auf Golfrasen, sanitäre Anlagen mit Warmwasser etc. Es ist auch etwas voller als vor 2 Wochen.

  2. AW: [PL] Paddeln auf Czarna Hańcza - K. Augustów - Netta - Biebrza - Narew 2020

    #22
    Do, 30.7.2020, Suwalken, Wigry-Kloster
    Heute möchte Dörte ihre Czarna-Hańcza-Tour vorbereiten, und wir möchten das Kamaldulenser-Kloster besuchen, welches wir bereits am ersten Paddeltag auf dem Wigry-See von der Ferne bewundern konnten.

    ½11 fahren wir los und besuchen erst mal das Muzeum Wigier. Das Wigry-Museum befindet sich im 1928 fertiggestellten, ab 2007 restaurierten Gebäude der ehemaligen Hydrobiologischen Station, die von 1920 bis September 1939 am Wigry-See betrieben wurde. Dörte ersteht hier ihre Eintrittskarten für den Wigry-Nationalpark, und ich habe Informationen zum See und seinem Einzugsgebiet gefunden. Eine älterer Angestellter kannte sich gut aus und konnte mir eine Menge interessanter Details berichten.

    Danach geht es ins Kaufland am Nordrand von Suwalken. Der riesige Laden bietet mir Nachschub an entkoffeiniertem löslichen Kaffee, was in 5 Minuten erledigt ist. Die Damen machen natürlich ein ausgedehntes Shopping-Erlebnis draus, was uns insgesamt 1½h kostet.
    Immerhin gelingt es Andrea ua, ihre polnische SIM-Karte zu reaktivieren. ihr GB-Kontingent war aufgebraucht (Verbrauch war >1GB bisher). Sie hatte zwar beim Kauf derselben extra 30 Tage Guthaben für 30 Tage Netz inkl. 15 GB zusätzlich bezahlt gehabt, aber die wurden ihr offenbar durch die Verkäuferin nicht gutgeschrieben. Sie musste/wollte also noch mal Guthaben nachkaufen für die letzten 2 Tage.

    Anschließend fahren wir zum ehemaligen Kamaldulenser-Kloster auf der Halbinsel im nördlichen Bereich des Wigry-Sees (Luftbild). Kurz vor ½2 sind wir da. Massen von Touristen da, Parken nur auf ausgewiesenen Bezahl-Parkplätzen.

    Das Kloster wurde 1667 gegründet, nach der dritten Teilung Polens beschlagnahmte die preußische Regierung 1796 die Ländereien des Klosters und 1805 wurde es ganz aufgelöst. Im WK II. stark zerstört, wurde die Anlage in den letzten Jahrzehnten umfangreich restauriert. An manchen Stellen sind immer noch Bauarbeiten im Gange.

    Insgesamt eine sehr schöne Anlage:




    Das Apartment. in dem sich Papst Johannes-Paul II. 1999 zwei Tage lang aufhielt, ist unverändert erhalten und jetzt Teil des Museums:




    Blick Richtung Norden, Zeltplatz:


    Um das Kloster herum kann man an Marktständen lokale Erzeugnisse und Spezialitäten kaufen.

    Kirche der Unbefleckten Empfängnis der allerheiligsten Jungfrau Maria:


    Die Basilika ist Barock wie die meisten alten Kirchen in Polen.

    In der Kirche eine Gedenktafel für den Hydrobiologen Zygmunt Koźmiński:


    Er studierte in Warschau, war unter anderem Dozent an der Stefan-Batory-Universität in Wilna/Vilnius, und Assistenzprofessor an der Hydrobiologischen Forschungsstation am Wigry-See. Er starb 1939 beim Kampf um Lemberg, offenbar als die Sowjetunion “ihren” Teil Polens besetzte. “Seine Frau und seine Tochter bitten um Gebete für seine Seele”.

    Danach geht es ins Klosterrestaurant in eine der unteren Etagen. Dörte möchte unbedingt eine der leckeren Maränen aus dem Wigry-See kosten, die sind aber leider gerade ausverkauft. Das Restaurant ist gut besucht. Eigentlich ja so gar nicht meins, besonders jetzt zu Corona-Zeiten. Man sitzt ja hier nicht mal draußen. Aber die Belüftung ist dann doch ganz gut.

    Am Ende besuchen wir noch die Verkaufsstände draußen vor der Klosteranlage. Nach insgesamt 3½h haben wir genug und fahren ab. Aber nicht zurück zum Zeltplatz, sondern wieder nach Suwalken, diesmal, um ein bisschen die Stadt zu besichtigen.

    Suwalken/Suwałki:




    Denkmal für Józef Piłsudski:


    Józef Piłsudski verfolgte während und nach dem 1. Weltkrieg das Ziel der Wiederherstellung der Grenzen aus der Zeit vor den Teilungen Polens, auch weit über die Grenzen des polnischen Siedlungsgebietes hinaus. In seinem Polnisch-Bolschewistischen Krieg 1919-21 brachte er Teile der Ukraine und Litauens sowie große Teile Weißrusslands unter seine Herrschaft. Selbst von Deutschland wollte er sich noch weitere Teile abknapsen (neben dem schon im Ergebnis des 1. Weltkriegs verlorenen “Weichselkorridor”), aber in diesen Gebieten stimmte der allergrößte Teil der Bevölkerung bei Volksentscheiden für den Verbleib in Deutschland.


    (Webcyss, CC BY-SA 4.0)

    Die Aggressivität Polens unter Piłsudski war es wohl auch, die Deutschland bewogen hat, die unendlich aufwändigen Befestigungen Ostwall und Pommernwall zu bauen. Zitat Wikipedia: “Frankreich soll zweimal, im März/April und im Herbst 1933, einen von Piłsudski vorgeschlagenen Präventivkrieg gegen das sich gerade etablierende NS-Regime in Deutschland abgelehnt haben.”

    Ein gutes hatte Piludski aber auch erreicht: die Kommunisten auf ihrem geplanten Marsch nach Westen zu stoppen (Schlacht bei Warschau 1920). Und ich staune gerade, dass solch ein Zitat in der deutschen Wikipedia noch nicht gelöscht wurde:
    Der britische Botschafter in Berlin und Leiter der Mission der Entente in Polen, Lord D’Abernon, fasste seine Wahrnehmung des Konflikts mit folgenden Worten zusammen:
    „Wenn Karl Martell die Invasion der Sarazenen mit seinem Sieg in der Schlacht bei Tours nicht aufgehalten hätte, so würde heute in den Schulen von Oxford der Koran gelehrt, und die Schüler würden einem beschnittenen Volk die Heiligkeit und Wahrheit der Lehren des Mohammeds verkünden. Wenn es Piłsudski und Weygand in der Schlacht bei Warschau nicht gelungen wäre, den triumphalen Vormarsch der Roten Armee zu stoppen, so hätte dies nicht nur eine gefährliche Wende in der Geschichte des Christentums zur Folge, sondern eine fundamentale Bedrohung der gesamten westlichen Zivilisation. Die Schlacht bei Tours rettete unsere Vorfahren vor dem Joch des Korans; es ist wahrscheinlich, dass die Schlacht bei Warschau Mitteleuropa und ebenso einen Teil Westeuropas vor einer sehr viel größeren Gefahr rettete; der fanatischen sowjetischen Tyrannei.“

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    Ok. Wir essen noch ein Eis, es regnet kurz, wir haben richtig Wetter. Am Himmel zeigen die Stare Kunstflugfiguren im Schwarm:






    ½8 gehts dann wieder zurück auf unseren Zeltplatz in Stary Folwark.

    Dort angekommen, haben wir noch mehrere Male richtig schöne Blicke auf den Wigry-See:












    Die schönen warmen Tage sind erst mal vorbei. Uns ist es recht, bei der Heimfahrt ab morgen wird das nicht stören.

    Das letzte Bier genießen wir an der Wärme der Feuerschale. Dann gesellt sich allerdings noch ein bereits stark angetrunkener Mann vom Zelt nebenan zu uns, was wir als Signal zum Aufbruch verstehen. Am nächsten Morgen finden wir dann das Fiskars-Beil, dass vom Zeltplatz bereitgestellt wurde, vom Feuer zerstört in der Feuerschale wieder.

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